Beim Abendessen aß man wieder sehr reichlich. Als Tschitschikow das ihm zum Schlafen angewiesene Zimmer betrat und sich zu Bett legte, da befühlte er seinen Bauch und sagte: „Die reinste Trommel! Da geht kein Polizeimeister mehr hinein!“ Die Umstände fügten es so merkwürdig, daß sich dicht neben dem Schlafzimmer die Stube des Hausherrn befand. Die Zwischenwand war sehr dünn, und daher konnte man alles hören, was nebenan gesprochen wurde. Der Hausherr bestellte gerade beim Koch unter dem Namen eines frühen Dejeuners ein regelrechtes Mittagsessen für den morgigen Tag. Und wie gründlich er das besorgte! Bei einem Toten wäre noch der Appetit erwacht!

„Dann backst du mir eine viereckige Fischpastete,“ sagte er, indem er mit der Zunge schnalzte und die Luft heftig einsog. „Ein Viertel füllst du mit den Bocken des Störs und mit Mark, das andere mit Buchweizenbrei, Schwämmen, Zwiebeln, süßer Fischmilch, Hirn und noch so was Ähnlichem, na du weißt schon ... Auf der einen Seite mußt du sie recht braun backen, auf der anderen braucht sie nicht so durchgebacken zu sein. Vor allem achte auf die Füllung — die muß gründlich geschmort werden, daß sie sich auch ordentlich verbindet, weißt du, und ja nicht auseinanderfällt, sondern einem im Munde zergeht, wie Schnee; man darf es selbst kaum merken.“ Während er dies sagte, schnalzte Petuch wieder mit der Zunge und gab einen schmatzenden Laut von sich.

„Hol’s der Teufel! Der läßt einen nicht schlafen,“ dachte Tschitschikow und zog sich die Decke über den Kopf, um nur nichts mehr zu hören. Aber das half ihm nichts, auch unter der Decke hörte er Petuch noch.

„Und garniere mir den Stör auch recht fein mit Sternchen aus roten Rüben, mit Stinten und Pfifferlingen; nimm auch noch Rüben, Möhren, Bohnen und noch dies und jenes dazu, du weißt schon; also recht viel Garnitur, hörst du! Den Schweinemagen mußt du mit Eis füllen, damit er auch ordentlich aufgeht!“

Noch mancherlei andere Leckerbissen bestellte Petuch. Immer wieder hörte man ihn sagen: „Brat ihn mir, und back ihn mir auch recht durch, und dämpfe sie mir gründlich!“ Als er endlich bei einem Truthahn angelangt war, schlief Tschitschikow ein.

Am nächsten Tage aßen sich die Gäste derartig voll, daß Platonow nicht mehr auf seinem Pferde sitzen konnte. Petuch’s Reitknecht mußte den Hengst nach Hause bringen. Dann bestieg man die Equipage. Der großschnauzige Hund lief träge hinter dem Wagen her: er hatte sich gleichfalls vollgefressen.

„Nein, das geht zu weit!“ sagte Tschitschikow, als sie den Hof verlassen hatten.

„Der Mensch ist immer guter Laune! Das ist das ärgerlichste.“

„Wenn ich deine siebzigtausend Rubel Rente hätte, dann dürfte mir der Trübsinn nicht einmal zur Türe herein!“ dachte Tschitschikow. „Da ist der Branntweinpächter Murasow — der hat zehn Millionen. Leicht gesagt, zehn Millionen — das nenne ich ein Sümmchen!“

„Haben Sie nichts dagegen, wenn wir unterwegs einen kleinen Abstecher machen? Ich möchte mich gern noch von meiner Schwester und von meinem Schwager verabschieden.“

„Aber mit dem größten Vergnügen!“ sagte Tschitschikow.

„Er ist ein ganz hervorragender Landwirt. Der erste hier in der Gegend. Er bezieht Einkünfte im Werte von zweimal hunderttausend Rubel von einem Gut, das vor acht Jahren noch keine zwanzigtausend abwarf.“

„Aber das muß ja ein äußerst interessanter und hochachtbarer Mensch sein! Ich bin sehr begierig, einen solchen Mann kennen zu lernen. Ich bitte Sie ... Denken Sie doch nur ... Und wie heißt er?“

„Kostanshoglo.“

„Und sein Vor- und Vatername, wenn ich bitten darf?“

„Konstantin Fjodorowitsch.“

„Konstantin Fjodorowitsch Kostanshoglo. Ich bin wirklich begierig auf seine Bekanntschaft! Von einem solchen Mann kann man viel lernen.“

Platonow übernahm die schwere Aufgabe, Seliphan zu instruieren, was sehr notwendig war, da dieser sich kaum auf dem Bocke zu halten vermochte. Petruschka war bereits zweimal kopfüber aus dem Wagen gefallen, und es war daher nötig, ihn mit einem Strick an dem Kutschbock festzubinden.

„So ein Schwein!“ Das war alles, was Tschitschikow sagen konnte.

„Sehen Sie! da fangen seine Güter an!“ sagte Platonow. „Das sieht doch gleich ganz anders aus!“

Und in der Tat: vor ihnen lag eine mit jungem Walde bewachsene Schonung, — jedes Bäumchen war schlank und gerade wie ein Pfeil, dahinter sah man ein zweites gleichfalls noch junges Wäldchen, und hinter diesem erhob sich ein alter Forst voll prächtiger Tannen, eine immer höher als die andre. Dazwischen kam wieder eine Schonung, ein Streifen junger und dahinter ein Streifen alter Wald. Dreimal nacheinander fuhren sie durch den Wald, wie durch ein Tor in einer Mauer: „Dieser ganze Wald ist kaum acht bis zehn Jahre alt, ein andrer kann zwanzig Jahre warten, und selbst dann ist er noch nicht so hoch.“

„Wie hat er es aber nur gemacht!“

„Fragen Sie ihn selbst. Das ist ein so vortrefflicher Kenner des Grund und Bodens — bei dem geht nichts verloren. Er kennt nicht nur den Boden ganz genau, er weiß auch, in welcher Nachbarschaft jedes Bäumchen und jede Pflanze am besten gedeiht, was für Bäume er neben dem Getreide pflanzen muß usw. Jedes Ding erfüllt bei ihm immer gleichzeitig drei bis vier Funktionen. Der Wald ist nicht nur des Holzes wegen da, sondern auch deswegen, weil die Felder an der und der Stelle so und so viel Feuchtigkeit brauchen und so und so viel Schatten spenden, und die trockenen Blätter benutzt er zum Düngen des Bodens ... Wenn überall rings umher Dürre herrscht, so ist bei ihm alles in schönster Ordnung; alle Nachbarn klagen über Mißernte, er allein braucht sich nicht zu beklagen. Schade, daß ich selbst so wenig von diesen Dingen verstehe und nicht zu erzählen weiß ... Wer kennt bloß all seine Kniffe und Kunststücke! ... Man nennt ihn hier allgemein einen Zauberer. Was der nicht alles hat! ... Und doch! Trotzalledem ist es langweilig!“

„Das muß in der Tat ein erstaunlicher Mensch sein!“ dachte Tschitschikow. „Es ist sehr bedauerlich, daß der junge Mann so oberflächlich ist und einem nichts erzählen kann.“

Endlich tauchte auch das Gut auf. Die zahlreichen auf drei Anhöhen gelegenen Hütten nahmen sich von Ferne wie eine Stadt aus. Jeder der drei Hügel war von einer Kirche gekrönt, überall sah man mächtige Getreide- und Heuschober stehen. „Hm!“ dachte Tschitschikow, „man merkt gleich, daß hier ein königlicher Gutsbesitzer wohnt!“ Die Hütten waren alle fest und dauerhaft gebaut; hie und da sah man einen Bauernwagen stehn — und auch der Wagen war stark und neu; die Bauern, denen man begegnete, hatten alle kluge und gescheidte Gesichter; auch das Hornvieh war von der besten Sorte, und selbst die Schweine der Bauern sahen aus wie Aristokraten. Man hatte den Eindruck, dies sei der Ort, wo die Bauern wohnen, welche das Silber, wie es im Liede heißt: mit Schaufeln nach Hause tragen. Hier gab es keine englischen Parks, noch Rasenplätze, noch andre kunstvolle Anlagen, statt dessen zog sich nach alter Sitte eine lange Reihe von Kornspeichern und Arbeiterhäusern bis dicht ans Herrenhaus, damit der Gutsherr auch alles kontrollieren könne, was rund um ihn her vor sich geht; auf dem hohen Dache des Herrenhauses erhob sich eine Art Leuchtturm; das war kein architektonischer Schmuck; er war nicht dazu da, damit der Hausherr und seine Gäste sich an der schönen Aussicht ergötzen könnten, sondern um die Arbeiter auch auf den entferntesten Feldern ständig zu beaufsichtigen. Die Reisenden wurden an der Haustreppe von flinken Dienern empfangen, die gar keine Ähnlichkeit mit dem ewig betrunkenen Petruschka hatten; auch hatten sie keine Fräcke, sondern Jacken aus gewöhnlichen selbstgewebtem blauen Tuch an, wie sie die Kosacken zu tragen pflegen.

Die Frau des Hauses kam auf die Treppe hinausgelaufen. Sie hatte eine frische Gesichtsfarbe wie Milch und Blut, und war schön wie Gottes heller Tag, sie glich Platonow wie ein Ei dem andern, nur mit dem Unterschiede, daß sie nicht so matt und schlaff, wie er, sondern immer heiter und gesprächig war.

„Guten Tag, Bruder! Bin ich aber froh, daß du gekommen bist. Konstantin ist leider nicht zuhause, aber er muß bald kommen.“

„Wo ist er denn?“

„Er hat mit ein paar Händlern im Dorfe zu tun,“ sagte sie, während sie die Gäste ins Zimmer geleitete.

Tschitschikow sah sich neugierig in der Wohnung dieses merkwürdigen Menschen um, der ein Einkommen von zweimal hunderttausend Rubeln hatte, denn er glaubte, er werde aus dieser den Charakter und das Wesen des Besitzers erkennen können, wie man etwa von einer Muschel auf die Auster oder von dem leeren Schneckengehäuse auf die Schnecke schließt, die es einstmals bewohnte und ihren Abdruck darin hinterlassen hat. Aber das Wohnhaus erlaubte es nicht, irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Die Zimmer waren alle schlicht und einfach ausgestattet und beinahe leer; da gab es weder Fresken, noch Bronzen, noch Blumen, noch Etageren mit kostbarem Porzellan, ja nicht einmal Bücher. Mit einem Wort, alles deutete darauf hin, daß das Wesen, das hier hauste, sich den größten Teil seines Lebens garnicht innerhalb der vier Zimmerwände, sondern draußen im Felde aufhielt und daß es seine Pläne nicht vorsorglich und sybaritisch im weichen Lehnstuhl am Kaminfeuer überlegte und dort seinen Gedanken nachhing, sondern daß sie ihm an Ort und Stelle, mitten in der Tätigkeit einfielen und auch dort ins Werk gesetzt wurden. In den Zimmern konnte Tschitschikow nur die Spuren eines echt weiblichen häuslichen Sinnes entdecken: auf den Tischen und Stühlen lagen Bretter von Lindenholz, auf denen offenbar zum Trocknen bestimmte Blumenblätter ausgeschüttet waren.

„Was ist das für ein Plunder, der hier herumliegt, Schwester?“ sagte Platonow.

„Das ist doch kein Plunder!“ versetzte die Hausfrau. „Das ist das beste Mittel gegen Fieber. Voriges Jahr haben wir alle unsere Bauern damit kuriert. Hieraus machen wir Likör, und jenes dort soll eingemacht werden. Ihr lacht uns immer mit unseren Marmeladen und unserem eingelegten Gemüse aus; nachher aber lobt Ihr es selbst, wenn Ihr es eßt.“

Platonow ging ans Klavier und betrachtete die aufgeschlagenen Noten.

„Herrgott, das alte Zeug!“ sagte er, „Schämst du dich gar nicht, Schwester?“

„Nimm mir’s nicht übel, Bruder, ich habe nicht Zeit, mich auch noch mit Musik abzugeben. Ich habe nicht Zeit, mich auch noch mit Musik abzugeben. Ich habe eine achtjährige Tochter, die ich unterrichten muß. Soll ich sie etwa einer ausländischen Gouvernante überlassen, bloß damit ich genug freie Zeit habe, um mich mit Musik zu beschäftigen? — Nein entschuldige, das tue ich denn doch nicht!“

„Bist du langweilig geworden, Schwester!“ sagte der Bruder und trat ans Fenster: „Ah, da ist er ja schon, er kommt, eben kommt er!“ rief Platonow.

Tschitschikow lief gleichfalls ans Fenster. Ein Mann von etwa vierzig Jahren, mit braunem lebhaftem Gesicht, in einer Jacke von Kamelhaaren kam auf das Haus zugeschritten. Auf sein Kostüm pflegte er nicht zu achten. Er trug eine Sammtmütze. Ihm zur Seite gingen zwei Männer niederen Standes, mit respektvoll entblößtem Haupte, in einer lebhaften Unterhaltung begriffen; der eine war ein einfacher Bauer, der andre ein durchreisender Händler, ein durchtriebener Kerl in einem Rock mit langen Schößen. Da sie alle drei an der Treppe stehen blieben, konnte man ihr Gespräch deutlich im Zimmer hören.

„Das beste was ihr tun könnt, ist folgendes: kauft euch bei eurem Herrn los. Ich will euch die Summe meinetwegen vorschießen; ihr könnt sie ja allmählich bei mir abarbeiten!“

„Nein, Konstantin Fjodorowitsch, wozu sollen wir uns loskaufen? Nehmen Sie uns lieber ganz zu sich. Bei Ihnen können wir nur Gutes lernen. Einen so klugen Mann wie Sie, gibt es nicht wieder auf der ganzen Welt. Heutzutage hat man seine Not, man kann sich nicht genug in acht nehmen. Die Kneipwirte haben euch solche Schnäpse erfunden, das brennt einem im Magen, daß man danach gleich einen ganzen Eimer Wasser austrinken möchte: eh man sich’s versieht, ist die letzte Kopeke ausgegeben. Die Versuchung ist auch allzugroß. Ich glaube der Böse regiert die Welt, bei Gott! Was erfinden sie nicht alles, um den Bauern ganz toll zu machen! Tabak und all diese Finessen. Was soll man anfangen, Konstantin Fjodorowitsch? Man ist auch nur ein Mensch — man läßt sich halt leicht verführen.“

„Hör mal: hier handelt es sich doch um folgendes. Wenn ihr zu mir kommt, dann seid ihr doch auch nicht frei. Es ist wahr, ihr bekommt alles, was ihr braucht: eine Kuh und ein Pferd; aber ich verlange auch was von meinen Bauern, wie kein anderer Gutsbesitzer. Bei mir müssen sie vor allem arbeiten — das ist das erste; ob nun für mich oder für sich selbst, das ist ganz gleich, gefaulenzt wird bei mir nicht. Ich arbeite ja auch wie ein Stier, ebensoviel wie meine Bauern, weil ich es an mir selbst erfahren habe: all diese Schrullen kommen einem bloß in den Kopf, weil man nicht arbeitet. Also denkt mal über die Sache nach und überlegt sie euch ordentlich, wenn ihr zusammenkommt.“

„Wir haben ja schon so viel überlegt, Konstantin Fjodorowitsch. Selbst die alten Leute bei uns sagen schon: ‚bei Ihnen sind die Bauern alle reich, das ist doch kein Zufall; auch Ihre Priester sind so mitleidig und so gütig. Die unsrigen hat man uns doch weggenommen, und jetzt haben wir niemanden, der einen rechtschaffen beerdigen könnte.‘“

„Es ist doch besser, du sprichst noch einmal darüber mit der Gemeinde.“

„Wie Sie befehlen!“

„Nicht wahr, Konstantin Fjodorowitsch, Sie sind schon so gut und gehen etwas mit dem Preise herunter,“ sagte der durchreisende Kaufmann im langen blauen Rock, der an der andern Seite von Kostanshoglo schritt.

„Ich habe dir’s schon gesagt, ich lasse nicht mit mir handeln. Ich bin nicht so wie andre Gutsbesitzer, bei denen du immer gerade dann erscheinst, wenn sie ihre fälligen Schulden bezahlen müssen. Ich kenne euch viel zu gut; ihr führt eine Liste über alle, welche Zahlungen zu machen haben. Das ist doch sehr einfach. So ein Mann ist in einer verzweifelten Lage, da gibt er euch natürlich alles um den halben Preis her. Bei mir ist das anders. Was soll ich mit deinem Gelde anfangen? Bei mir können die Sachen ruhig drei Jahre lang liegen bleiben; ich habe keine Hypothekengelder zu bezahlen!“

„Sie haben ganz recht, Konstantin Fjodorowitsch. Ich sage das ja auch nur, um auch ferner mit Ihnen in Verbindung zu bleiben, und nicht aus Habsucht und Eigennutz. Bitte, hier sind dreitausend Rubel Handgeld!“ Bei diesen Worten zog der Kaufmann ein Päckchen schmutziger Banknoten aus der Brusttasche. Kostanshoglo nahm sie sehr kaltblütig, ohne sie nachzuzählen in Empfang, und steckte sie in die Rocktasche.

„Hm,“ dachte Tschitschikow, „wie wenn das sein Taschentuch wäre!“ Doch jetzt erschien Kostanshoglo in der Türe des Salons. Er machte einen tiefen Eindruck auf Tschitschikow durch sein verbranntes Gesicht, die struppigen schwarzen Haare, welche stellenweise schon einen leichten Anflug von Grau erkennen ließen, den lebhaften Ausdruck der Augen und seine etwas gallige Art, die auf seine südliche Herkunft hindeutete. Er war kein echter Russe. Wußte er doch selbst nicht genau, woher seine Vorfahren stammten. Er kümmerte sich jedoch nicht um seinen Stammbaum; das paßte nicht in sein System, und er fand, daß sich in der Wirtschaft damit nicht viel anfangen ließe. Er selbst hielt sich für einen Russen, und kannte auch keine andere Sprache außer der russischen.

Platonow stellte Tschitschikow vor. Beide küßten sich.

„Weißt du Konstantin, ich habe mich entschlossen, eine kleine Reise zu machen, und mir einige unserer Gouvernements anzusehen. Ich will meine Langeweile los werden,“ sagte Platonow, „Pawel Iwanowitsch hat mir vorgeschlagen, mit ihm zu reisen.“

„Das ist ja vortrefflich!“ sagte Konstanshoglo. „Und welche Gegend gedenken Sie zu besuchen?“ fuhr er fort, indem er sich liebenswürdig an Tschitschikow wandte.

„Ich muß gestehen,“ sagte Tschitschikow, indem er den Kopf höflich auf die Seite neigte und mit der Hand über die Stullehne strich, „ich muß gestehen, daß ich eigentlich nicht in meinem eigenen, sondern im Interesse eines andern reise: ein naher Freund von mir, ich darf wohl sagen mein Wohltäter, General Betrischtschew hat mich gebeten, einige von seinen Verwandten aufzusuchen. Das mit den Verwandten ist natürlich sehr wichtig, aber andererseits reise ich doch auch sozusagen zu meinem eigenen Vergnügen, denn ganz abgesehen von dem Nutzen den das Reisen für die Hämorrhoiden hat; die Welt kennen zu lernen, sich in den Wirbel und Strudel des Menschenvolkes zu stürzen — das ist sozusagen ein lebendes Buch und auch eine Art Wissenschaft.“

„Sehr richtig! Es ist ganz gut, wenn man sich in der Welt umsieht.“

„Sehr fein bemerkt! Das ist tatsächlich wahr, es ist wirklich gut. Man sieht allerhand Dinge, die man sonst nie gesehen hätte, und trifft mit Menschen zusammen, denen man vielleicht niemals begegnet wäre. Manche Unterhaltung ist Goldes wert, wie zum Beispiel gleich hier, wo sich mir eine so glückliche Gelegenheit bietet ... Ich wende mich an Sie, verehrtester Konstantin Fjodorowitsch. Helfen Sie mir, belehren Sie mich, stillen Sie meinen Durst und weisen Sie mir den Weg zur Wahrheit. Ich lechze nach Ihren Worten, wie nach himmlischem Manna.“

„Ja, was denn nur? ... Was soll ich Sie denn lehren?“ sprach Kostanshoglo verlegen. „Ich habe doch selbst nur ein paar Groschen Lehrgeld bezahlt.“

„Die Weisheit, verehrter Mann, lehren Sie mir die Weisheit und die Kunst, das schwere Steuer der Landwirtschaft zu regieren, einen sicheren Gewinn zu erzielen, Reichtum und Wohlstand zu erwerben und zwar keinen eingebildeten, sondern einen wirklichen Wohlstand, denn das ist doch die Pflicht eines jeden Bürgers und damit verdient man sich die Achtung seiner Mitmenschen.“

„Wissen Sie was?“ sagte Kostanshoglo und sah ihn nachdenklich an, „bleiben Sie einen Tag bei mir. Ich will Ihnen die ganze Einrichtung zeigen und Ihnen alles erzählen. Eine große Weisheit werden Sie hier nicht finden.“

„Aber natürlich! Bleiben Sie doch!“ fiel die Hausfrau ein; dann wandte sie sich an ihren Bruder und fuhr fort: „Bleib doch, Bruder, du hast doch keine Eile.“

„Mir ist es einerlei. Wenn Pawel Iwanowitsch nichts dagegen hat?“

„Nicht das Geringste, mit dem größten Vergnügen ... Da ist nur noch ein Umstand: ein Verwandter des General Betrischtschew, der Oberst Koschkarow ...“

„Der ist aber doch verrückt!“

„Natürlich ist er verrückt! Ich hätte ihn ja auch gar nicht besucht, aber General Betrischtschew, wissen Sie, ein guter Freund von mir, und sozusagen mein Wohltäter ...“

„Wissen Sie was? Dann machen Sie es doch so,“ sagte Kostanshoglo: „fahren Sie doch gleich zu ihm, er wohnt keine zehn Werst von hier. Mein Wagen ist angespannt — setzen Sie sich hinein und fahren Sie hin. Zum Tee können Sie schon wieder zurück sein.“

„Eine großartige Idee!“ rief Tschitschikow aus und griff nach dem Hut.

Der Wagen fuhr vor, und brachte ihn in einer halben Stunde zum Obersten. Im Dorfe ging es drunter und drüber: hier wurde gebaut, dort eine Reparatur vorgenommen, überall lagen Haufen von Kalk, Ziegelsteinen und Balken herum. Daneben sah man ein paar Häuser, die wie Gerichtsgebäude aussahen. Auf dem einen befand sich eine Inschrift in goldenen Lettern: „Depot für landwirtschaftliche Werkzeuge“, auf einem andern las man: „Hauptrechnungskammer“, „Komitee für Gemeindeangelegenheiten“, „Normalschule für Landleute“. Mit einem Wort, weiß der Teufel, was es da nicht alles gab!

Er traf den Obersten vor einem Stehpult mit der Feder in den Zähnen. Der Oberst empfing Tschitschikow außerordentlich freundlich. Er machte den Eindruck eines äußerst gutmütigen und höflichen Menschen; sofort fing er an davon zu erzählen, wieviel Mühe es ihn gekostet habe, sein Gut auf die Höhe zu bringen, auf der es sich jetzt befindet; er beklagte sich schmerzlich darüber, wie schwer es sei, den Bauern begreiflich zu machen, was die „höheren Antriebe“ sind, die der Mensch nur aus einem vernunftgemäßen Luxus, aus der Beschäftigung mit Wissenschaften und Künsten gewinnt; daß es ihm noch immer nicht gelungen sei, die Bäuerinnen zu veranlassen, doch ein Korsett anzulegen, während er in Deutschland, wo er 1814 mit seinem Regiment gestanden, die Tochter eines einfachen Bauern kennen gelernt habe, die Klavier spielen konnte; dennoch aber werde er den Trotz der Unwissenheit und Unbildung brechen, und es bestimmt erreichen, daß seine Bauern Bücher lesen, während sie hinter dem Pfluge hergehen und sich auf diese Weise über den Franklinschen Blitzableiter, die Georgien Virgils und die chemische Analyse des Bodens unterrichten.

„Daß du dich nur nicht täuschst!“ dachte Tschitschikow. „Denken Sie bloß, ich habe die „Gräfin Laveillère“ bis heute noch nicht gelesen. Ich kann immer keine Zeit dazu finden.“

Der Oberst sprach noch lange darüber, wie man die Menschen wohlhabend und glücklich machen könne. Eine besondere große Bedeutung legte er der Kleidung bei: er setzte seinen Kopf dafür ein, daß, wenn nur die Hälfte aller russischen Bauern Hosen nach deutschem Schnitt anziehen wollte, die Wissenschaften emporblühen, der Handel sich heben und das goldene Zeitalter für Rußland anbrechen würde.

Tschitschikow sah ihm aufmerksam ins Gesicht, hörte ihn ruhig an und sagte schließlich zu sich selbst: „Ich glaube, mit dem brauche ich mich nicht zu genieren;“ und er erklärte sofort, er habe tote Seelen nötig, zuvor aber müsse ein Kaufvertrag abgeschlossen werden und dazu bedürfe es der und der Formalitäten.

„Soweit ich aus Ihren Worten ersehen kann,“ sagte der Oberst, ohne auch nur im geringsten in Verlegenheit zu geraten, „ist das ein Gesuch, das Sie an mich richten! Nicht wahr?“

„Sehr richtig.“

„Dann haben Sie wohl die Güte, es schriftlich zu formulieren. Das Gesuch muß nämlich erst ins „Bureau für Berichte und Anzeigen“, dort wird es signiert, und erst dann kommt es in meine Hände; ich gebe es hierauf an das Komitee für Gemeindeangelegenheiten weiter, von dort geht es an den Verwalter, der Erhebungen anstellen wird, und der Verwalter läßt es endlich zusammen mit dem Sekretär ...“

„Ich bitte Sie!“ sprach Tschitschikow, „auf diese Weise wird sich ja die Sache furchtbar in die Länge ziehen. Ein solcher Gegenstand läßt sich doch nicht schriftlich behandeln. Das ist ja so eine delikate ... Angelegenheit, die ... Die Seelen sind doch gewissermaßen ... schon tot ...“

„Sehr gut. Dann schreiben Sie doch einfach, daß die Seelen gewissermaßen schon tot sind.“

„Nein bitte, wie kann ich das? So etwas kann man doch nicht niederschreiben. Wenn sie auch wirklich tot sind, so soll es doch den Anschein haben, als ob sie noch leben ...“

„Gut, dann schreiben Sie eben: es ist nötig, oder es ist erwünscht, oder man legt Wert darauf, daß es den Anschein habe, als ob sie noch leben. Ohne schriftliche Fixierung geht das doch gar nicht. Denken Sie bloß an England oder sogar an Napoleon. Ich will Ihnen einen Mann mitgeben, der Sie überallhin begleiten wird.“

Er schellte. Ein Mann erschien in der Türe.

„Herr Sekretär! Rufen Sie den Kommissar.“ Gleich darauf trat auch der Kommissar herein, ein Mann, dem man es nicht recht ansehen konnte, was er war, ein Bauer oder ein Beamter. „Er wird Sie überall hinführen.“

Was war da zu machen? Tschitschikow entschloß sich aus Neugierde, dem Kommissar zu folgen und diese so überaus wichtigen Instanzen kennen zu lernen. Das „Bureau für Berichte und Anzeigen“ stand nur auf dem Aushängeschild, die Tür war dagegen verschlossen. Der Chef des Bureaus Chryljow war in das soeben gegründete Komitee für Gemeindebauten versetzt. Seine Stelle versah der Kammerdiener Berjosowski; aber auch der war von der Baukommission irgendwohin geschickt worden. Sie gingen daher in das Departement für Gemeindeangelegenheiten — da wurden jedoch gerade Reparaturen vorgenommen, hier weckten sie einen Mann, der betrunken dasaß und schlief, aber aus dem ließ sich auch nichts herausbringen. „Bei uns herrscht eine große Unordnung!“ sagte schließlich der Kommissar zu Tschitschikow. „Die Leute tanzen unserem Herrn alle auf der Nase. Bei uns hängt alles von der Baukommission ab; sie holt die Leute von ihrer Arbeit weg und schickt sie überallhin, wohin es ihr beliebt. Nur bei der Baukommission kommt man auf seinen Vorteil.“ Er war offenbar sehr unzufrieden mit der Baukommission. Tschitschikow wollte nicht mehr sehn. Als sie zum Obersten zurückkehrten, erklärte er diesem, bei ihm herrsche ein großer Wirrwar, man könne sich da unmöglich zurechtfinden, und ein Bureau für Berichte und Anzeigen gäbe es überhaupt nicht.

Der Oberst schäumte auf in edlem Zorn und drückte Tschitschikow dankbar die Hand. Er griff sofort zur Feder und verfaßte acht in strengstem Tone gehaltene Anfragen: mit welchem Rechte die Baukommission eigenmächtig über Beamte verfügt habe, die garnicht zu ihrem Ressort gehörten? wie der Oberverwalter es habe zulassen können, daß der Vorsitzende sich entfernte, um an einer Untersuchung teilzunehmen, ohne seinen Posten zuvor einem andern übergeben zu haben? und wie das Komitee für Gemeindeangelegenheiten ruhig darüber hinweggehen konnte, daß es überhaupt kein Bureau für Anzeigen und Berichte gebe?

„Das gibt wieder eine tolle Verwirrung!“ dachte Tschitschikow und wollte schon wegfahren, da aber sagte Koschkarjow:

„Nein, ich lasse Sie nicht fort. Hier handelt es sich um meine Ehre. Ich will Ihnen beweisen, was das ist: eine geregelte, organisierte Wirtschaft. Ich will Ihre Sache einem Mann übergeben, der allein soviel wert ist, wie alle anderen zusammen: er hat die Universität beendigt. Sehen Sie, solche Leibeigene habe ich! Um Ihre kostbare Zeit nicht allzulange in Anspruch zu nehmen, bitte ich Sie höflichst, sich einstweilen in meine Bibliothek verfügen zu wollen,“ fuhr der Oberst fort, indem er eine Seitentür öffnete: „Hier finden Sie Bücher, Papier, Federn, Bleistifte — mit einem Wort, alles, was Sie wünschen. Bitte! alles steht zu Ihrer Verfügung. Tuen Sie, als ob Sie zu Hause wären. Die Aufklärung und Wissenschaft sollte allen offen stehen.“

So sprach Koschkarjow, während er Tschitschikow in die Bibliothek geleitete. Diese war ein mächtiger Saal der von unten bis oben mit Büchern vollgepfropft war. Auch ein paar ausgestopfte Tiere befanden sich darin. Alle Wissenszweige waren vertreten: da gab es Bücher über Forstwissenschaft, Viehzucht, Schweinezucht, Gartenbau, Spezialzeitschriften über alle Wissensgebiete, wie sie einen zugeschickt werden, bloß damit man auf sie abonniert, die aber kein Mensch liest. Als Tschitschikow sich überzeugt hatte, daß dies alles Bücher waren, die sich kaum dazu eigneten, einem in angenehmer Weise die Zeit zu vertreiben, ging er an den nächsten Schrank, aber o weh! er geriet aus dem Regen in die Traufe: dieser enthielt wiederum nichts als philosophische Bücher. Das erste, was ihm ins Auge fiel, waren sechs gewaltige Bände mit der Ueberschrift: „Einführung in die Lehre vom Denken, Theorie der Abstraktion, der Allheit, und Wesenheit in ihrer Anwendung auf die Erkenntnis der organischen Prinzipien der Polarität in der gesellschaftlichen Produktivität.“ Was für ein Buch Tschitschikow auch aufschlagen mochte, auf jeder Seite las er immer nur von: Erscheinung, Entwickelung, Abstraktion, Geschlossenheit, An und Für sich sein, mit einem Wort, weiß der Teufel, was nicht alles in so einem Buche stand! „Das ist nichts für mich,“ sagte Tschitschikow, und ging an einen dritten Schrank, der wieder lauter kunstgeschichtliche Bücher enthielt. Er zog einen mächtigen Folianten mit Bildern aus der antiken Mythologie hervor, die sich nicht gerade durch übermäßige Sittsamkeit auszeichneten und begann darin zu blättern. Solche Bilder gefallen besonders Junggesellen in mittleren Jahren, mitunter aber auch alten Herren, die ihre Einbildungskraft durch Ballette und ähnliche gepfefferte Dinge anzuregen lieben. Nachdem Tschitschikow mit dem einen Buche fertig war, wollte er schon zu einem zweiten ähnlichen übergehen, als Oberst Koschkarjow mit strahlender Miene und einem Bogen Papier in der Tür erschien.

„Es ist alles erledigt; zur schönsten Zufriedenheit erledigt! Der Mensch, von dem ich Ihnen erzählt habe, ist tatsächlich ein Genie. Dafür will ich ihn aber auch über alle anderen erheben und ein eigenes Departement für ihn einrichten. Sehen Sie doch bloß, was das für ein heller Kopf ist, und wie er in ein paar Minuten mit allem fertig geworden ist.“

„Na, Gott sei Dank!“ dachte Tschitschikow und schickte sich an, zu hören. Der Oberst begann mit der Vorlesung:

„Indem ich an die Untersuchung des mir von Ew. Hochwohlgeboren erteilten Auftrages gehe, habe ich die Ehre, folgendes zu Ew. Hochwohlgeboren Kenntnis zu bringen:

Erstens ist schon in dem Gesuch des Herrn Ritters und Kollegienrates Pawel Iwanowitsch Tschitschikow ein grundlegendes Mißverständnis enthalten, denn die in den Revisionslisten verzeichneten Seelen werden unvorsichtiger Weise tot genannt. Dahingegen wird er wahrscheinlich Seelen gemeint haben, die dem Tode nahe sind, keineswegs aber absolut tote Seelen. Zudem verrät auch schon diese Bezeichnung eine Bildungsstufe, die lediglich aus dem Studium der bloß empirischen Wissenschaften geschöpft zu sein scheint, und etwa dem Niveau einer Gemeindeschule entspricht, denn die Seele ist unsterblich.“

„So ein Schelm!“ sagte Koschkarjow und hielt ein wenig inne. „Hier will er Ihnen eines auswischen. Aber nicht wahr? welch eine gewandte, schneidige Feder er führt!“

„Zweitens sind überhaupt keine Seelen vorhanden, weder solche, die dem Tode nahe sind, noch irgendwelche andre, die nicht schon hypothekarisch belastet wären, denn sie sind nicht nur alle ohne Ausnahmen mit einfachen, sondern sogar mit doppelten Hypotheken belastet, sodaß noch außerdem hundertfünfzig Rubel pro Kopf auf jede Seele kommen, ausgenommen das kleine Dorf Gurmailowka, welches infolge eines Prozesses mit dem Gutsbesitzer Perdrschtschew mit Beschlag belegt ist, wie dies in Nummer 42 der „Moskauer Nachrichten“ zu lesen steht.“

„Warum haben Sie mir dies denn nicht gleich gesagt? Wozu haben Sie mich unnütz aufgehalten?“ sagte Tschitschikow ärgerlich.

„Ich bitte Sie, das mußte sich doch alles erst auf dem richtigen Instanzweg ergeben. Das ist doch kein Spaß. Unbewußt und sozusagen instinktiv kann jeder Narr sowas rauskriegen, es muß aber mit Bewußtsein geschehen.“

Tschitschikow griff wütend nach seiner Mütze, und lief eilig zum Hause hinaus, ohne auch nur die gewöhnlichsten Pflichten des Anstandes zu wahren: er war sehr böse. Der Kutscher wartete schon mit dem Wagen vor der Tür, er wußte, daß es keinen Zweck hatte, die Pferde auszuspannen, denn um Futter für die Tiere zu erhalten, hätte er erst ein schriftliches Gesuch einreichen müssen, und der Beschluß, den Pferden ihren Hafer auszufolgen, wäre erst am folgenden Tage erschienen. Der Oberst lief Tschitschikow jedoch nach; er drückte ihm krampfhaft die Hand, preßte sie ans Herz und dankte ihm, daß er ihm Gelegenheit gegeben habe, den ganzen Betrieb in der Praxis funktionieren zu sehen. Man müsse den Leuten schon hin und wieder einen kleinen Puff versetzen. Sonst könne alles leicht einschlafen und der Verwaltungsmechanismus träge werden und einrosten. Dieser Vorfall habe ihm einen glücklichen Gedanken eingegeben, nämlich den, eine neue Kommission zu gründen, die den Namen tragen soll: „Kommission zur Aufsicht über die Baukommission“. Dann würde es niemand mehr wagen zu stehlen.

Unzufrieden und ärgerlich kam Tschitschikow zu später Stunde bei Kostanshoglo an. Man hatte schon längst Licht angezündet.

„Warum kommen Sie so spät?“ sagte Kostanshoglo, als Tschitschikow in der Türe erschien.

„Worüber haben Sie so lange mit ihm gesprochen?“ fragte Platonow.

„Einen solchen Narren habe ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen!“ rief Tschitschikow aus.

„Das ist noch gar nichts!“ meinte Kostanshoglo. „Koschkarjow ist trotzdem eine tröstliche Erscheinung. Man braucht solche Leute, weil sich in ihnen die Torheiten unserer „weisen Männer“ gewissermaßen karrikiert und recht drastisch offenbaren. — All jene Neunmalklugen, die, noch ehe sie sich zu Hause ordentlich umgesehen haben, sich in der Fremde allerhand Flausen in den Kopf setzen. Sehen Sie doch mal, was wir jetzt für Gutsbesitzer bekommen haben: Was die nicht alles für Neuerungen einführen: Komptoirs, Manufakturen, Schulen und Kommissionen, und weiß der Teufel, was noch alles! So sind aber die gescheidten Leute! Kaum daß man sich von der französischen Invasion und dem Jahr 1812 erholt hat, da fangen sie schon wieder an, Unordnung zu stiften und alles einzureißen. Wahrhaftig, die haben schlimmer gehaust als der Franzose. Wir werden bald so weit kommen, daß irgend ein Peter Petrowitsch Petuch noch einer der tüchtigsten Gutsbesitzer sein wird.“

„Aber er hat doch schon Hypotheken aufgenommen?“ sagte Tschitschikow.

„Na, natürlich! Alles wandert ins Bankhaus, alles, alles!“ Kostanshoglo redete sich allmählig immer mehr in Zorn. „Da haben Sie zum Beispiel eine Hut- und eine Kerzenfabrik — natürlich müssen die Werkmeister aus London verschrieben werden. Man wird ja zum reinsten Krämer! Der Gutsbesitzer — ein so hochachtbarer Beruf — wird Fabrikant und Manufakturist! Webstühle um Tüllkleider für die „Dämchen“ aus der Stadt zu fabrizieren, und diese Frauenzimmer ...“

„Aber du selbst hast doch auch Fabriken,“ bemerkte Platonow.

„Wer hat denn die gebaut?“

„Das kam ganz von selbst. Es war halt so viel Wolle da, daß ich sie nicht absetzen konnte. — Da fing ich eben an, Stoffe zu weben, lauter dickes, einfaches Zeug — das verkaufe ich gleich hier bei mir auf dem Markt. Das sind doch bloß Dinge, die die Bauern brauchen, meine eigenen Bauern. Oder ein anderes Beispiel: die Fischer haben sechs Jahre lang ihre Fischschuppen hier am Ufer hingeworfen. Wo sollte ich bloß hin mit ihnen. Ich habe halt angefangen, Leim aus ihnen zu sieden. Das hat mir vierzig Tausend eingebracht. So kommt bei mir alles von selbst.“

„Teufel!“ dachte Tschitschikow, indem er ihn bewundernd anblickte. „Verstehst du dich aber aufs Geldverdienen!“

„Das habe ich auch nur gemacht, weil so viele Arbeitslose zu mir gelaufen kamen, die ohnedies vor Hunger gestorben wären. Wir hatten ja Hungersnot. Alles dank den Herren Fabrikanten, welche das Säen vergessen hatten. Solche Fabriken gibt’s bei mir in Hülle und Fülle, mein Bester, jedes Jahr ’ne andre. Je nachdem, was ich gerade für Abfälle zu verwerten habe. Sieh’ nur ordentlich bei dir zu Hause nach! Mit jedem Plunder kannst du noch was verdienen, sodaß du ihn schließlich fortwirfst und sagst: ich will nicht mehr. Ich baue mir ja auch keine Häuser mit Säulengängen und Giebeln.“

„Wirklich erstaunlich ... Das merkwürdigste aber ist, daß man mit jedem Plunder was verdienen kann!“ sagte Tschitschikow.

„Aber ich bitte Sie, wenn die Menschen die Dinge doch ganz einfach so nehmen wollten, wie sie sind. Aber da will gleich jeder Kunstschlosser und Mechaniker sein und holt gleich ein Instrument herbei, um das Kästchen zu öffnen, während es doch ganz einfach aufgeht. Und dazu muß er erst extra nach England fahren! Das ist es! Solche Narren!“ Bei diesen Worten spuckte Konstanshoglo aus. „Und dabei kommt er tausendmal dümmer zurück, als wie er ins Ausland fuhr.“

„Aber Konstantin, du regst dich schon wieder auf!“ sagte die Frau besorgt, „du weißt doch, daß dir das schadet.“

„Ja, wie soll man sich denn da nicht aufregen! Wenn es sich hierbei noch um etwas handelte, was einen nichts angeht. Aber das sind doch alles Dinge, die einem am Herzen liegen. Es schmerzt einen doch, wenn man sieht, wie der russische Charakter verdorben wird. Es ist jetzt eine Don Quixoterie bei uns aufgekommen, die wir früher garnicht gekannt haben! Wenn einem die Aufklärung zu Kopfe gestiegen ist, dann wird er gleich ein Don Quixote. Gründet allerhand Schulen, von denen sich nicht mal ein Narr was träumen läßt. Diese Schulen bilden nur Menschen heran, die zu nichts nütze sind, weder auf dem Lande, noch in der Stadt. Höchstens lauter Trinker, die einen sehr hohen Begriff von ihrer Würde haben. Oder so einer will in Humanität machen — dann wird er ein Don Quixote der Humanität: baut allerhand alberne Krankenhäuser und Asyle mit Säulenhallen für ’ne Million, richtet sich selbst zugrunde und bringt andere Leute an den Bettelstab. Da habt ihr dann die Humanität!“

Aber Tschitschikow war es keineswegs um die Aufklärung zu tun. Er wollte durchaus näheres darüber erfahren, wie man mit jedem Plunder was verdienen könne; jedoch Kostanshoglo ließ ihn nicht zu Worte kommen; immer neue, heftige Reden entströmten seinem Munde, er war jetzt schon nicht mehr imstande, sie zu unterdrücken.

„Und dann grübeln sie darüber nach, wie sie den Bauern aufklären sollen ... sorgt mal erst dafür, daß er reich und ein tüchtiger Landwirt wird, dann wird er schon selbst für seine Bildung sorgen. Sie können sich garnicht vorstellen, wie dumm heutzutage alle Leute geworden sind. Was diese Federfuchser nicht alles schreiben! Wenn einer ein Buch in die Welt setzt, dann stürzen sich gleich alle darauf ... Hören Sie doch, was sie jetzt für eine neue Weisheit verkündigen: ‚Der Bauer führt ein zu primitives Leben; er muß auch den Luxus kennen lernen, man muß ihm höhere Bedürfnisse beibringen ...‘ Weil sie selbst dank diesem Luxus zu Waschlappen geworden sind und weil es keinen achtzehnjährigen Burschen mehr gibt, der nicht schon von allem gekostet, bald keine Zähne mehr im Munde, und eine Glatze hat, wie eine Schweinsblase — darum wollen Sie andere Leute gleichfalls anstecken. Wir sollten Gott danken, daß wir doch wenigstens noch einen gesunden Stand haben, der noch nichts von diesen Launen und Einfällen weiß! Dafür müßten wir Gott unendlich dankbar sein. Jawohl — der Landmann verdient unsere allergrößte Achtung — wozu rührt ihr ihn also an? Gott gebe, daß alle Leute so wären wie er.“

„Sie glauben also, es sei noch das Einträglichste sich mit der Landwirtschaft zu beschäftigen?“ fragte Tschitschikow.

„Das Sittlichste, wenn auch nicht gerade das Einträglichste. ‚Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen‘, heißt es in der Bibel. Daran ist nicht zu rütteln und zu deuteln. Es ist durch eine hundertjährige Erfahrung erwiesen, daß die Beschäftigung mit dem Ackerbau den Menschen reiner, edler, besser und sittlicher macht. Ich sage nicht — daß man nichts andres tun dürfe — aber der Grund zu allem muß in der Landwirtschaft liegen ... das ist’s. Die Fabriken werden schon ganz von selbst kommen; richtige, vernünftige Fabriken — in denen Dinge hergestellt werden, die der Mensch hier, an Ort und Stelle braucht, und nicht all diese Luxusgegenstände, die nur zur Befriedigung eingebildeter Bedürfnisse dienen und die heute unsere Menschen nur verweichlichen. Nicht solche Fabriken, die um ihrer Existenz willen und um nur einen recht großen Absatz zu haben, zu den schändlichsten Mitteln ihre Zuflucht nehmen, und das unglückliche Volk verderben und verführen. Ich für meinen Teil, werde nie ein solches Unternehmen gründen, und wenn die Leute mir noch so viel von seinem Nutzen vorreden, ich werde mich nie dazu hergeben, jene sogenannten höheren Bedürfnisse zu erzeugen und Tabak, Zucker usw. zu produzieren, und wenn ich eine Million deswegen verlieren müßte. Wenn schon das Laster durchaus in die Welt kommen soll, dann will ich wenigstens meine Hände nicht mit im Spiele haben! Ich will rein dastehen vor Gott ... Zwanzig Jahre lang lebe ich in und mit dem Volke; ich weiß, was das für Folgen hat.“

„Was mich am meisten wundert, ist dies, daß man die Reste und Abfälle so gut verwerten und mit jedem Plunder Geld verdienen kann, vorausgesetzt natürlich, daß man sparsam und weise zu wirtschaften versteht.“

„Hm! Und unsere Volkswirtschaftler!“ fuhr Kostanshoglo fort, ohne auf ihn zu hören, und sein Gesicht nahm einen boshaften und sarkastischen Ausdruck an. „Tüchtige Leute diese Herren Ökonomen! Ein Narr sitzt auf dem andern. Die Kerls sehen nicht weiter als ihre dumme Nase reicht! Und so ein Esel steigt noch aufs Katheder, setzt die Brille auf und ... Narren!“ Und wieder spuckte er ärgerlich aus.

„Das ist alles sehr schön und richtig, ärgere dich aber doch bitte nicht so,“ sagte die Frau, „als ob es nicht möglich ist, über diese Dinge zu reden, ohne gleich außer sich zu geraten.“(8)

„Wenn man Ihnen zuhört, verehrter Konstantin Fjodorowitsch, dann beginnt man gewissermaßen den Sinn des Lebens zu verstehen, man erfaßt sozusagen den Kern der Sache. Aber gestatten Sie mir, einen Augenblick diese allgemeinmenschlichen Dinge beiseite zu lassen, und Ihre Aufmerksamkeit auf eine Privatangelegenheit zu richten. Nehmen wir einmal an, ich wäre Gutsbesitzer geworden, und hätte die Absicht, in kürzester Zeit zu Reichtum und Wohlstand zu gelangen, um damit sozusagen eine ernste Bürgerpflicht zu erfüllen, — wie sollte ich das wohl anfangen?“

„Wie man es anfangen soll, um reich zu werden?“ fiel Kostanshoglo ein: „Ganz einfach: ...“

„Das Abendessen ist fertig,“ sagte die Hausfrau, indem sie sich vom Sofa erhob; sie ging in die Mitte des Zimmers und hüllte ihren jungen Körper zitternd in ihr Tuch.

Tschitschikow sprang beinahe mit der Gewandtheit eines Militärs vom Stuhle auf, hielt ihr höflich den Arm hin und führte sie feierlich durch zwei Zimmer hindurch bis in den Speisesaal, wo schon die offene Suppenterrine auf dem Tische stand und einen angenehmen würzigen Duft von frischen Wurzeln und Frühlingskräutern verbreitete. Alle Anwesenden nahmen Platz. Die Bedienten setzten die Speisen in zugedeckten Schüsseln nebst allem Zubehör rasch und sicher auf den Tisch nieder und entfernten sich. Kostanshoglo liebte es nicht, daß die Dienstboten mit anhörten, was bei Tische gesprochen wurde, oder daß sie ihm in den Mund sahen, während er aß.

Nachdem Tschitschikow mit der Suppe fertig war und ein Gläschen von einem ganz vorzüglichen Getränk, das wie Ungarwein schmeckte, geleert hatte, wandte er sich abermals an den Hausherrn: „darf ich noch einmal auf den Gegenstand unseres soeben unterbrochenen Gesprächs zurückkommen, Verehrtester. Ich wollte Sie fragen, wie man es anfangen, was man tun muß, wie man sich verhalten soll ...“[4]


.... „Selbst wenn er vierzigtausend für sein Gut verlangen sollte, würde ich sie ihm an Ihrer Stelle sofort auf den Tisch legen.“

„Hm!“ Tschitschikow wurde nachdenklich. „Und warum kaufen Sie es denn nicht selber?“ sagte er dann mit einer gewissen Schüchternheit.

„Alles hat seine Grenze. Ich habe schon mit meinen Gütern genug zu tun. Und dann schreien unsere Adeligen ohnedies schon, daß ich mir ihre verzweifelte Lage zunutze mache und ihre Ländereien für einen Spottpreis aufkaufe. Das habe ich bald satt.“

„Daß doch die Menschen immer schlecht von einem reden müssen!“ sagte Tschitschikow.

„Und erst in unserer Provinz! Das können Sie sich garnicht vorstellen: man nennt mich hier garnicht anders als einen Filz und Geizhals. Sich selbst verzeihen sie alles. Da heißt es immer: ‚Ich habe freilich alles durchgebracht; aber das kommt daher, weil ich eben höhere Bedürfnisse hatte, weil ich die Handelsleute und Industriellen (er sollte lieber sagen, die Lumpen und Gauner!) unterstützte; freilich wenn man wie ein Schwein lebt, so wie dieser Kostanshoglo‘ ...“

„Ich wollte, ich wäre selbst ein solches Schwein!“ sagte Tschitschikow.

„Alles Unsinn! Was sind das für höhere Bedürfnisse! Wem wollen sie denn was weismachen? Wenn sie sich auch ein paar Bücher anschaffen, — sie lesen sie ja doch nicht. Na, und was übrig bleibt, das sind schließlich die Kosten und der ... Und das alles kommt bloß daher, weil ich keine Diners gebe und ihnen kein Geld leihen will. Diners gebe ich nun einmal nicht, weil mir das unbequem ist: das bin ich halt nicht gewöhnt. Will einer zu mir kommen und an meiner Tafel mitessen — mit dem größten Vergnügen. Und daß ich kein Geld leihe — das ist ganz einfach nicht wahr. Wenn jemand zu mir kommt, der wirklich Not leidet und mir genau Rechenschaft gibt, was er mit meinem Gelde anzufangen gedenkt: wenn ich aus seinen Worten entnehme, daß er einen vernünftigen Gebrauch davon machen und daß ihm das Geld einen wirklichen Gewinn eintragen wird, dann werde ich es ihm nicht abschlagen und nicht einmal Zinsen dafür verlangen.“

„Das muß ich mir merken,“ dachte Tschitschikow.

„So einem werde ich es nie abschlagen,“ fuhr Kostanshoglo fort. „Aber mein Geld aus dem Fenster zu schmeißen, fällt mir auch nicht ein. Nein, da muß man mich schon entschuldigen. Hol’s der Teufel! Da kriegt einer den Einfall, seiner Maitresse ein Diner zu geben, oder er will sein Haus luxuriös ausstatten; will wie ein Verrückter, mit irgend einem Frauenzimmer auf den Maskenball gehen, oder ein Jubiläum feiern, weil er so und soviel Jahre lang müßig auf der Welt herumläuft — und dazu soll ich ihm noch Geld leihen!“

Hier spuckte Kostanshoglo ärgerlich aus und hätte in Gegenwart seiner Frau beinah ein paar unanständige Schimpfworte fallen lassen. Der dunkele Schatten einer finsteren Hypochondrie verdüsterte sein Gesicht. Zahlreiche Quer- und Längsfalten bedeckten seine Stirn, ein deutliches Zeichen dafür, wie heftig sich in ihm die Galle regte.

„Gestatten Sie mir, hochverehrter Herr, Ihre Aufmerksamkeit noch einmal auf den Gegenstand unseres soeben unterbrochenen Gesprächs zurückzulenken,“ sagte Tschitschikow und stürzte noch ein Gläschen Himbeerlikör herunter, der wirklich ganz vorzüglich war. „Nehmen wir einmal an, ich kaufte jenes Gut, das Sie zu erwähnen geruhten, was denken Sie wohl? wie schnell und in wie langer Zeit könnte man wohl so reich werden, daß ...“

„Wenn Sie durchaus schnell reich werden wollen,“ unterbrach ihn Kostanshoglo kurz und streng, „dann werden Sie niemals reich werden; wenn Sie dagegen die feste Absicht haben, reich zu werden, und nicht nach der Zeit fragen, dann werden Sie sehr schnell zu Ihrem Ziele kommen.“

„Wirklich?“ sagte Tschitschikow.

„Ja,“ versetzte Kostanshoglo kurz, es schien fast, daß er sich über Tschitschikow ärgerte, „man muß die Arbeit lieb haben, ohne das kann man nichts erreichen. Man muß an der Landwirtschaft Freude haben! — Jawohl! Und glauben Sie mir — sie ist gar nicht langweilig. Das ist auch so ein neuer Einfall, daß es auf dem Lande langweilig ist ... ich für meinen Teil käme vor Langerweile um, wenn ich auch nur einen Tag in der Stadt verbringen müßte, so wie diese Herrschaften ihre Zeit totschlagen: in ihren Klubs, und Restaurants und Theatern. Narren! Nichts als Narren. Eine ganze Generation von lauter Eseln! Ein Landwirt hat keine Zeit zur Langenweile. In seinem Leben gibt es keine leeren Zwischenräume — jeder Augenblick ist ausgefüllt. Schon diese Mannigfaltigkeit seiner Beschäftigung, seiner Tätigkeit! — und welch einer Tätigkeit! — diese Tätigkeit hat etwas wahrhaft Erhebendes für Herz und Geist! Sagt was ihr wollt, der Mensch geht hier doch gewissermaßen Hand in Hand mit der Natur, wird zum Mitwisser und Mitarbeiter an der ganzen Schöpfung, an allem, was rund herum um ihn vorgeht. Sehen Sie doch nur hin, was das ganze Jahr über alles geschafft werden muß: wie noch vor Anbruch des Frühlings alles auf dem Posten ist und auf seine Ankunft wartet: da muß die Aussaat vorbereitet, das Korn in den Scheunen noch einmal durchgesehen, gemessen und getrocknet, da muß nachgerechnet werden, wieviel Arbeit zu allem erforderlich sein wird. Alles wird im voraus überlegt und dann ein Überschlag gemacht. Und wenn dann das Eis bricht und die Flüsse frei werden, wenn dann alles trocken ist und die Erde sich lockert — dann arbeitet in den Gärten und Gemüsebeeten der Spaten, und Pflug und Egge im Felde: man pflanzt, man setzt, man sät. Verstehen Sie, was das heißt? Das ist wohl eine Kleinigkeit? Es ist die künftige Ernte, die hier vorbereitet wird! Der Segen des ganzen Landes wird hier ausgesät. Die Nahrung für Millionen! ... Dann kommt der Sommer ... Nun beginnt die Heuernte, man mäht und mäht ... Doch jetzt kommt die Erntezeit; erst der Roggen, dann der Weizen, dann Gerste und Hafer. Alles ist in fieberhafter Tätigkeit; da heißt’s keinen Augenblick verlieren, man möchte zwanzig Augen haben, und doch hätte keines Zeit zum Ruhen. Und wenn dann alles fertig ist und auf die Tenne gebracht und zu Garben zusammengebunden ist — dann muß man schon wieder weiter denken; der Acker muß für die Wintersaat gepflügt, die Scheunen, die Darren, die Viehställe müssen geputzt werden, dazu kommt noch die ganze Frauenarbeit — wenn man dann die Summe zieht, so sieht man erst, was man geleistet hat; aber da ist ja ... Und erst der Winter! Da wird auf allen Tennen gedroschen und dann das gedroschene Korn von den Darren in die Scheunen gebracht. Man geht in die Mühlen und in die Fabriken, besucht die Arbeitswerkstätten und die Bauern und sieht, was sie tun und treiben. Ach, ich kann Ihnen sagen, wenn ein Zimmermann mit der Axt umzugehen weiß, dann kann ich zwei Stunden lang dastehen und ihm zuschauen, so ein Vergnügen macht mir’s, ihn arbeiten zu sehen. Und wenn man fühlt, daß diese ganze Tätigkeit einen Sinn und ein Ziel hat, wie um uns her alles wächst und sich mehrt und Frucht und Gewinn bringt — ich kann Ihnen garnicht sagen, was dann in einem vorgeht. Nicht deshalb, weil sich das Geld vermehrt — Geld ist natürlich auch eine schöne Sache — aber weil das alles das Werk deiner Hände ist; weil du siehst, daß du selbst die Ursache, der Schöpfer von alledem bist, und daß du wie irgend ein Magier oder Zauberer nichts wie Wohlstand, Glück und Überfluß über alles ausschüttest. Nun, sagen Sie, können Sie sich einen höheren Genuß vorstellen?“ fuhr Kostanshoglo fort und blickte empor; die Falten waren verschwunden. Wie ein König am Tage seiner feierlichen Krönung, so strahlte er in heller Freude, und sein Gesicht schien zu leuchten. „Nein, Sie werden auf der ganzen Welt keinen ähnlichen Genuß finden! Denn hierin ahmt der Mensch den Schöpfer nach: Gott hat sich das Schaffen als den höchsten aller Genüsse vorbehalten, und er verlangt vom Menschen, daß auch er gleich Ihm um ihn herum Glück und Wohlergehen schaffe. Und das nennt man eine langweilige Beschäftigung!“

Wie der Gesang eines Paradiesvogels erschienen Tschitschikow die süßtönenden Reden des Hausherrn, an denen er sich garnicht satt hören konnte. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen. Seine Augen strahlten einen fettigen Glanz aus und nahmen einen zuckersüßen Ausdruck an; er hätte immer weiter zuhören mögen.

„Konstantin, ich glaube, es ist Zeit, daß wir uns erheben,“ sagte die Hausfrau und stand auf. Alle folgten ihr. Tschitschikow bot der Wirtin den Arm und führte sie in den Salon zurück, aber diesmal fehlte es seinen Bewegungen an der gewohnten Leichtigkeit und Gewandheit, denn seine Gedanken wurden von anderen weit wichtigeren Fragen bewegt.

„Du magst sagen, was du willst, es ist trotz alledem trostlos und langweilig,“ erklärte Platonow, der hinter ihnen herging.

„Der Gast ist kein dummer Kerl,“ dachte der Hausherr; „er ist aufmerksam, sehr gesetzt und würdig in seinen Reden und vor allem kein Schwätzer.“ Bei diesem Gedanken wurde er noch fröhlicher; die Unterhaltung schien ihn warm gemacht zu haben, und er freute sich, daß er einen Menschen gefunden hatte, der es verstand, seine weisen Ratschläge mit Verstand entgegenzunehmen.

Und als man dann in dem gemütlichen Zimmer, in dem einige Kerzen ein angenehmes Licht verbreiteten, dem Balkon gegenüber Platz nahm, als die Sterne hoch über den Baumwipfeln des schlafenden Gartens freundlich zu ihnen durch die Glastür hereinblinkten, da wurde es Tschitschikow so wohlig zu mute, wie schon lange nicht mehr: wie wenn er sich endlich nach langen Irrfahrten unter dem trauten Dach des Vaterhauses befände, wie wenn er schon alles sein eigen nannte, wonach sein Herz begehrte, und mit dem Worte „Genug“ seinen Pilgerstab in die Ecke gestellt hätte. Diese beglückende Stimmung verdankte er den klugen Reden des gastfreien Hausherrn. Für jeden Menschen gibt es gewisse Worte, die ihm lieber und vertrauter sind, als alle andern Worte. Und oft geschieht es, daß man irgendwo in einem entlegenen Nest, unter lauter Larven einen Menschen findet, dessen erwärmende Unterhaltung einen den unwegsamen Weg, die Unbequemlichkeiten des Nachtlagers, den Mißton des heutigen Treibens und den Trug vergessen läßt, der den Menschen umgarnt. Mit unbegreiflicher Lebhaftigkeit prägt sich ein so verbrachter Abend für alle Zeiten unserer Erinnerung ein, mit rührender Treue bewahrt sie uns jede noch so kleine Einzelheit auf: wer zugegen war, wo ein jeder saß, was er in der Hand hielt: die Wände, die Zimmerecken und jede unbedeutende Kleinigkeit.

Ganz so erging es Tschitschikow an jenem Abend, alles prägte sich seinem Gedächtnis tief ein: das freundliche schlicht möblierte Zimmer, der gutmütige Ausdruck im Gesicht des klugen Hausherrn, ja selbst das Tapetenmuster, die Pfeife mit dem Bernsteinmundstück, die Platonow gereicht wurde, der Rauch, den er Jarb in seine dicke Schnauze blies, Jarbs ärgerliches Schnauben, das Lachen der lieblichen Hausfrau, ihre vorwurfsvollen Worte: „Laß ihn doch, quäl doch das Tier nicht so.“ Die lustig flackerndern Kerzen, das zirpende Heimchen in der Zimmerecke, die Glastür, die Frühlingsnacht, die über die hohen Baumwipfel schwebend zu ihnen hineinblickte, der schwarze mit funkelnden Sternen übersäte Himmel, und der helle Gesang der Nachtigallen, die ihr Lied aus der Tiefe grünblättriger Haine laut hinausschmetterten in die herrliche Nacht ...

„Wie Ihre Reden mein Herz laben! hochverehrter Konstantin Fjodorowitsch!“ sagte Tschitschikow. „Ich kann wohl sagen, ich habe in ganz Rußland keinen Menschen getroffen, der Ihnen an Verstand gleichkäme.“

Der andere lächelte, fühlte er doch selbst, daß Tschitschikow unrecht hatte. „Nein, nein, wenn Sie einen wirklich klugen Menschen kennen lernen wollen, — hier ist einer, von dem man tatsächlich sagen kann: — das ist ein kluger Mensch; ich bin nicht wert, ihm die Schuhriemen aufzubinden.“

„Wer ist denn das?“ fragte Tschitschikow erstaunt.

„Das ist unser Branntweinpächter Murasow.“

„Ich höre schon zum zweiten Mal von ihm!“ rief Tschitschikow aus.

„Das ist ein Mensch! Der könnte nicht bloß ein Gut, der könnte einen ganzen Staat verwalten. Hätte ich ein Königreich, ich würde ihn sofort zu meinem Finanzminister ernennen.“

„Man sagt, er sei ein Mann, der jeden Maßstab der Wahrscheinlichkeit übersteigt: er soll sich zehn Millionen erworben haben.“

„Ach was zehn! Die vierzig sind schon überschritten. Bald wird halb Rußland ihm gehören!“

„Was sagen Sie!“ rief Tschitschikow, indem er den Mund öffnete und sein Gegenüber erstaunt anstarrte.

„Unbedingt! Das ist ganz klar. Wer nur ein paar Hunderttausende besitzt, der wird langsam reich, wer dagegen Millionen hat, der hat sozusagen einen gewaltigen Wirkungsradius: was er ergreift, das verdoppelt und verdreifacht sich in seiner Hand: er hat ein zu weites Feld, einen zu großen Spielraum. Da gibt’s keine Nebenbuhler. Mit ihm kann sich keiner messen. Er kann die Preise ansetzen, sie können nicht sinken, denn es ist ja niemand da, der ihn unterbieten könnte.“

„Herrgott, Herrgott!“ sagte Tschitschikow und schlug ein Kreuz. Tschitschikow sah Kostanshoglo ins Auge, und der Atem wollte ihm ausgehen: „Das ist ja geradezu unfaßbar! Man wird ganz starr vor Schrecken! Man bewundert die Weisheit der Schöpfung, wenn man einen Käfer betrachtet; ich für meinen Teil finde es weit wunderbarer, daß solch gewaltige Summen durch die Hand eines Sterblichen gehen können. Darf ich Sie noch nach einer Sache fragen: sagen Sie, bei der Gründung dieses Vermögens ist es doch wohl nicht ganz sauber zugegangen?“

„Im Gegenteil, der Mann steht völlig rein da, er hat sich stets nur der saubersten Mittel bedient.“

„Das ist unmöglich, das kann ich nicht glauben! Wenn es sich bloß um Tausende handelte, aber hier geht es um Millionen ...“

„Umgekehrt. Tausende erschwindelt man sich, die Millionen dagegen werden leicht erworben. Ein Millionär braucht die krummen Wege nicht: er braucht nur immer geradeauszugehen und zu nehmen, was vor ihm liegt. Ein andrer kann’s eben nicht aufheben, es fehlt ihm die Kraft dazu — der Millionär aber hat keine Nebenbuhler, sein Wirkungsradius ist zu groß .. ich sage Ihnen ja, was er ergreift, verdoppelt und verdreifacht sich ... Was bringen dagegen ein paar Tausende ... zehn bis zwanzig Prozent.“ ...

„Was ich am unbegreiflichsten finde, ist, daß er mit ein paar Kopeken angefangen haben soll!“

„Das ist nun mal nicht anders. Das ist eben der Lauf der Dinge,“ sagte Kostanshoglo. „Wer reich geboren und erzogen ist, und von Jugend auf immer mit Tausenden zu tun hat, der erwirbt sich nicht noch was hinzu, der hat schon allerhand Launen, Bedürfnisse und weiß Gott was noch alles! Man muß von Anfang an anfangen und nicht mit der Mitte — mit der Kopeke und nicht mit dem Rubel — von unten und nicht von oben: dann erst lernt man die Welt und die Menschen ordentlich kennen, unter denen man später leben muß. Wenn man erst das eine und das andre am eignen Leibe gespürt und die Erfahrung gemacht hat, daß jede Kopeke, wie es heißt, mit einem Rubel festgenagelt ist, und wenn man erst alles durchgemacht und alle Prüfungen überstanden hat, dann wird man klug und besitzt Erfahrung genug, um keine Schnitzer zu machen und bei seinen Unternehmungen nicht Schiffbruch zu leiden. Glauben Sie mir, ich spreche die Wahrheit. Man muß von Anfang anfangen und nicht mit der Mitte. Wer mir sagt: ‚Gib mir hunderttausend Rubel, dann sollst du sehen, wie schnell ich reich werde,‘ dem glaube ich nicht; der spekuliert auf das Glück und geht nicht sicher. Man muß mit der Kopeke anfangen.“

„In diesem Falle müßte ich einmal sehr reich werden,“ versetzte Tschitschikow und mußte unwillkürlich an die toten Seelen denken: „denn ich fange in der Tat mit nichts an.“

„Konstantin, es ist wirklich Zeit, daß wir Pawel Iwanowitsch etwas Ruhe gönnen; er will sicher schlafen gehen,“ sagte die Hausfrau, „du aber plauderst immer weiter.“

„Natürlich werden Sie reich werden,“ erwiderte Kostanshoglo, ohne auf seine Frau zu hören. „Passen Sie auf, das Gold wird Ihnen noch einmal in Strömen zufließen. Sie werden gar nicht wissen, wo Sie damit hin sollen.“

Pawel Iwanowitsch war ganz wie verzaubert, er schwebte wie in einem herrlichen Reiche schmeichelnder Träume und Hoffnungen. Es war ihm ganz wirr im Kopfe. Seine feurige Einbildungskraft webte goldene Blumen in den silbernen Teppich seines mächtig anschwellenden Reichtums, und immer wieder klangen ihm Kostanshoglos Worte in den Ohren: „Das Gold wird Ihnen noch einmal in Strömen zufließen.“

„Wirklich Konstantin, für Pawel Iwanowitsch ist es Zeit schlafen zu gehen.“

„Was hast du nur? Geh doch schlafen, wenn du Lust hast,“ sagte der Hausherr und hielt inne; Platonow schnarchte so laut, daß das ganze Zimmer dröhnte, und neben ihm lag Jarb, der fast noch lauter schnarchte, als sein Herr. Jetzt erst merkte Kostanshoglo, daß es in der Tat Zeit zum Schlafengehen war, er rüttelte daher Platonow auf und sagte: „Schnarch doch nicht so!“, dann wünschte er Tschitschikow eine gute Nacht, alle gingen auseinander, und bald lag jeder in seinem Bett in tiefen Schlaf versunken.

Nur Tschitschikow konnte nicht einschlafen. Seine Gedanken wollten nicht zur Ruhe kommen. Er sann unaufhörlich darüber nach, wie er es anfangen sollte, der Besitzer eines wirklichen, echten und keines bloß eingebildeten oder phantastischen Gutes zu werden. Nach dem Gespräch mit dem Hausherrn war ihm mit einem Male alles klar! Die Möglichkeit, reich zu werden, lag in greifbarer Deutlichkeit vor ihm! Der so schwierige Beruf des Landwirts erschien ihm plötzlich so leicht, so einfach und natürlich, und ganz wie geschaffen für seine Natur! Wenn er nur erst seine Hypothek auf diese Toten hätte und Besitzer eines reellen Gutes wäre. Schon sah er sich im Geist alles verwalten und lenken — ganz wie Kostanshoglo es ihn gelehrt hatte — gewandt, umsichtig und sicher, ohne vorzeitige Neuerungen einzuführen, ehe er das Alte gründlich kennen gelernt hatte; alles sah er sich mit eigenen Augen an, er kannte alle Bauern persönlich, versagte sich jeden Luxus und Überfluß und widmete sich allein der Arbeit und dem Haushalt. Er genoß schon im voraus die große Freude, die ihn erwartete, wenn überall strenge Ordnung herrschen, alle Räder der Wirtschaftsmaschine sich munter bewegen und eins das andere vorwärts stoßen und zur Tätigkeit anspornen würde. Überall Leben und geschäftige Tätigkeit; wie in einer lustig klappernden Mühle sich das Korn im Handumdrehen verwandelt, so sollten in seiner Mühle alle Abfälle und jeglicher Plunder zu Staub zermahlen werden, um als bares Geld wieder herauszukommen. Sein wunderbarer Gastfreund stand beständig vor ihm und verließ ihn keinen Augenblick. Das war der erste Mann in ganz Rußland, vor dem er eine ganz persönliche Hochachtung empfand. Bis auf den heutigen Tag hatte er einen Menschen nur wegen seiner Titel und Würden oder weder seines hohen Einkommens geachtet: des Verstandes wegen hatte er eigentlich noch nie jemand besonders hoch geschätzt. Kostanshoglo war der erste Mann, mit dem es ihm anders ging. Tschitschikow fühlte, daß er sich mit diesem Menschen auf keine Kniffe und Kunststücke einlassen dürfe, und daher beschäftigte ihn jetzt ein ganz anderes Projekt — der Ankauf des Chlobujewschen Gutes. Er besaß selbst zehntausend Rubel, fünfzehntausend hoffte er von Kostanshoglo leihen zu können; hatte dieser doch selbst erklärt, er sei bereit, jedem zu helfen, der zu Reichtum und Wohlstand kommen wolle; den Rest — dachte er durch eine Hypothek zu decken, schlimmstenfalls aber konnte er den Verkäufer warten lassen. Das ging schließlich auch: mochte jener sich doch mit den Gerichten herumplagen, wenn es ihm Spaß machte! Und lange noch lag er so da und dachte darüber nach, bis schließlich Morpheus, der, wie man zu sagen pflegt, das ganze Haus schon vier Stunden lang in seinen Armen hielt, sich auch seiner erbarmte. Bald war Tschitschikow in einen tiefen Schlaf versunken.

Viertes Kapitel.

Am folgenden Tage ging alles, wie es sich nicht besser wünschen ließ. Kostanshoglo schoß Tschitschikow bereitwilligst zehntausend Rubel vor, ohne Zinsen oder eine Bürgschaft zu verlangen; dieser mußte ihm bloß eine gewöhnliche Quittung ausstellen: so gern half er jedem, der sich Besitz und Wohlstand erwerben wollte. Aber mehr noch; er erbot sich, Tschitschikow persönlich zu Chlobujew zu begleiten, um das Gut mit ihm zusammen in Augenschein zu nehmen. Tschitschikow war in der besten Laune. Nach einem reichlichen Frühstück machten sich alle auf den Weg, nachdem alle drei in Pawel Iwanowitschs Wagen Platz genommen hatten: die leeren Kutschen des Hausherrn folgten ihnen in einiger Entfernung nach. Jarb lief voraus und scheuchte die Vögel am Wege. Fünfzehn Werst lang sah man auf beiden Seiten nichts als Wälder und Ackerland, das zu Kostanshoglos Gute gehörte. Sowie aber dieses zu Ende war, änderte sich das Bild ganz plötzlich; das Korn stand niedrig, und statt der Wälder erblickte man überall nichts als Baumstümpfe. Trotz der hübschen Lage merkte man es dem Nachbargut an, daß es schon lange Zeit vernachlässigt worden war. Zuerst kam man an einem neuen steinernen Hause vorüber, das aber unbewohnt war, denn es war noch nicht vollendet; auf dieses folgte ein zweites bewohntes, das dem Gutsherrn gehörte. Die Gäste fanden den Gutsherrn noch ungekämmt und verschlafen; er war nämlich erst vor kurzem aufgestanden. Er mochte etwa vierzig Jahre alt sein; sein Halstuch saß schief, sein Rock war geflickt, und der eine Stiefel hatte ein Loch.

Er war hocherfreut über die Ankunft der Gäste, als ob Gott weiß was geschehen wäre: man hätte glauben können, er sähe seine Brüder nach langer Trennung zum ersten Male wieder.

„Konstantin Fjodorowitsch! Platon Michailowitsch! Nein solch eine Freude. Ich muß mir wirklich die Augen reiben! Ich dachte schon, zu mir kommt keiner mehr. Jeder geht mir aus dem Wege, wie der Pest: alle Leute denken, ich will sie um Geld anbetteln. Ja, ja, Konstantin Fjodorowitsch. Das Leben ist schwer. Ich sehe — ich bin selbst schuld an allem. Aber, was soll ich tun? Ich lebe wie ein Schwein. Verzeihen Sie bitte, meine Herren, daß ich Sie in einem solchen Kostüm empfange: Sie sehen, meine Stiefel sind durchlöchert. Was darf ich Ihnen vorsetzen?“

„Bitte, ganz ohne Umstände! Wir wollen ein Geschäft mit Ihnen machen. Hier haben Sie einen Käufer für Ihr Gut; Pawel Iwanowitsch Tschitschikow,“ sagte Kostanshoglo.

„Ich freue mich von Herzen, Ihre Bekanntschaft zu machen. Bitte, lassen Sie mich Ihre Hand drücken!“

Tschitschikow reichte ihm beide Hände.

„Ich würde Ihnen gern mein Gut zeigen, verehrtester Pawel Iwanowitsch, es ist sehr interessant ... Aber darf ich zuvor fragen, meine Herren, ob Sie auch gegessen haben?“

„Freilich haben wir gegessen,“ versetzte Kostanshoglo, der ihn möglichst schnell los sein wollte. „Wir wollen keine Zeit verlieren und das Gut gleich jetzt besichtigen.“

„Gut, dann wollen wir gehen.“ Chlobujew nahm seine Mütze in die Hand. „Kommen Sie, Sie sollen selbst sehen, wie unordentlich und liederlich ich bin.“

Die Gäste setzten ihre Hüte auf und schritten die Dorfstraße hinab.

Zu beiden Seiten der Straße standen finstere elende Hütten mit winzigen Fenstern, die mit alten Lappen zugestopft waren.

„Ja, kommen Sie, Sie sollen selbst sehen, wie unordentlich und liederlich ich bin,“ sagte Chlobujew. „Es war natürlich sehr vernünftig von Ihnen, daß Sie schon gegessen haben. Sie werden mir’s nicht glauben, Konstantin Fjodorowitsch, ich habe nicht einmal ein Huhn mehr im Hause, soweit ist’s mit mir gekommen!“

Er seufzte, und da er wohl ahnte, daß er bei Konstantin Fjodorowitsch nur wenig Teilnahme finden werde, nahm er Platonow unter den Arm und ging mit ihm voraus, indem er seine Hand kräftig an sich drückte, Kostanshoglo und Tschitschikow blieben ein wenig zurück und folgten ihnen Arm in Arm in einiger Entfernung.

„Man hat’s nicht leicht, Platon Michailowitsch, wahrhaftig!“ sagte Chlobujew zu Platonow. „Sie können sich’s garnicht vorstellen, wie schwer man es hat! Kein Geld, kein Korn, keine Stiefel — für Sie sind das freilich alles bloß Worte einer fremden Sprache. Das wäre natürlich nicht so schlimm, wenn man noch jung und unverheiratet wäre. Aber wenn all diese Sorgen und dies Ungemach einen im Alter überfallen und man hat noch dazu ein Weib und fünf Kinder — dann verliert man den Mut, ob man will oder nicht ...“

„Und wenn Sie das Gut verkaufen — glauben Sie, daß Ihnen damit geholfen wäre?“ fragte Platonow.

„Ach was! Geholfen!“ versetzte Chlobujew mit einer hoffnungslosen Gebärde. „Es wird doch alles bei der Bezahlung der Schulden draufgehen, ich selbst werde keine tausend Rubel übrig behalten!“

„Und was wollen Sie dann anfangen?“

„Das weiß Gott allein.“

„Warum tun Sie denn gar nichts, um aus diesen Verhältnissen herauszukommen?“

„Was soll ich denn machen?“

„Nehmen Sie doch irgend eine Stellung an.“

„Ich habe ja keinen Rang und keine Titel. Was kann ich für eine Stellung annehmen? Ich kann höchstens einen ganz unbedeutenden Posten erhalten. Und was soll ich mit einem Gehalt von fünfhundert Rubeln anfangen? Ich habe doch eine Frau und fünf Kinder.“

„Nehmen Sie doch eine Stellung als Verwalter auf einem Gute an.“

„Wer wird mir denn sein Gut anvertrauen, wo ich selbst alles durchgebracht habe!“

„Ja aber man muß doch etwas unternehmen, wenn man vor dem Hungertode steht. Ich will meinen Bruder fragen, ob er Ihnen nicht durch irgend einen Bekannten eine Stelle in der Stadt verschaffen kann.“

„Nein, Platon Michailowitsch,“ sagte Chlobujew seufzend und drückte Platonow kräftig die Hand. „Ich tauge doch zu nichts mehr! Ich bin vorzeitig alt geworden, und leide an Kreuzschmerzen und an Rheumatismus. Das sind die alten Sünden! Was kann ich denn leisten? Wozu soll ich den Staat plündern? Es gibt jetzt ohnedies genug Leute, die nur deshalb in den Staatsdienst treten, weil sie ein warmes Plätzchen haben wollen. Gott behüte! Ich will nicht, daß den armen Leuten noch neue Steuern aufgehalst werden, damit ich nur mein Gehalt ausbezahlt bekomme!“