Der Lilienstein.

Erst jenseits, westlich des Tiefen Grundes und der Lachsbach gelangen wir wieder in den Sandsteinboden. Und hier bildet die Elbe die große Schlangenwindung, wodurch zwei Flußhalbinseln entstehen, auf deren oberer der Lilienstein, und auf deren unterer die Bärensteine hervorragen. Die Landschaft um den Lilienstein mutet uns ganz westelbisch an: Eine fruchtbare Ebenheit mit darüber aufsteigender Felsmasse. So hat der Lilienstein eine ganz eigenartige Lage und gewährt, inmitten des Sandsteingebietes liegend, die schönste Umsicht unter allen Felshöhen, wobei besonders der Blick aufwärts den Elblauf bis über Schandau und zum Winterberg immer von neuem fesselt. Der Lilienstein, über 400 m lang und in der Mitte 120 m breit, erstreckt sich ziemlich in der Richtung des Elbtales von Schandau abwärts und erhebt sich 411 m ü. M., überragt also den gegenüberliegenden Königstein um 50 m. Sein Name, in Urkunden gelegentlich Ylgenstein geschrieben, hat nichts mit dem Namen Aegidius zu tun, wie mehrfach behauptet ist; vielmehr ist Ilge mundartlich die Lilie. Die Felsmasse, gerade in der Stromrichtung der Elbe gelegen, hat gewaltig unter der Wirkung der abspülenden Gewässer gelitten und darum viel an Flächenraum verloren. Jedenfalls hat auch die starke Zerklüftung dazu beigetragen, daß die Felsmasse den unterspülenden Fluten wenig Widerstand entgegensetzen konnte. Im Südosten und Nordosten läuft der Stein in ganz schmale, schon halb zertrümmerte Felsgrate aus. Eine Kluft trennt das Westende vollständig von der übrigen Felsmasse und dieser abgetrennte Teil ist wieder durch neue Klüfte in einzelne Felsenpfeiler zerteilt. Am Ostende erhebt sich ein kleiner Obelisk zur Erinnerung an die Besteigung des Felsens durch August den Starken. An dieser Stelle hat man die schönste Aussicht; später hat der Kurfürst Friedrich August 1771 den Besuch wiederholt und bei diesen Gelegenheiten wurde der Lilienstein von der Südseite her bequemer zugänglich gemacht. Ruinen von Mauerwerk zeigen aber nebst einer Zisterne, daß schon in früheren Zeiten der Felsen zugänglich war und vielleicht dauernd bewohnt war, weil gelegentlich in Urkunden ein Fortalitium, also eine Befestigung erwähnt wird, wobei aber nicht gleich an eine Burg gedacht zu werden braucht. Ein Raubnest, wie in der Heide über Schandau noch manche nachzuweisen sind, war der Lilienstein jedenfalls nicht. Im Jahre 1902 ist auch von der Nordseite her der Felsen zugänglich gemacht; auf dieser Seite wurden 1813 von den Franzosen Schanzen angelegt. Die Ebenheit am Fuße des Liliensteines hat dadurch eine traurige Berühmtheit erlangt, daß hier die sächsischen Truppen am 15. Oktober 1756 vor Friedrich dem Großen die Waffen strecken mußten.

Abb. 120. Auf dem Hohen Schneeberg. (Zu Seite 115.)

Der Brand und die Bastei.

Es bleibt uns nur noch übrig, zwei vielbesuchte Aussichtspunkte zu erwähnen, die sich nicht auf einem einzeln hervorragenden Gipfel darbieten, sondern am Rande einer steilen Felswand; es sind dies der Brand und die Bastei. Der Brand (323 m) liegt auf dem linken Ufer der Polenz und bietet, obwohl nur nach Süden und Westen, infolge der für den Beschauer höchst glücklichen Gruppierung der Berge, bebauten Hochflächen und Wälder das anmutigste Landschaftsbild in der ganzen Sächsischen Schweiz. Die Bastei (305 m) ist ein Felsenvorsprung, der sich von einer zwischen dem Wehlgrunde und der Elbe aufsteigenden Felsenkette abtrennt und gerade gegen die Elbe vortritt, so daß der Basteifelsen etwa 200 m senkrecht über der Elbe emporzusteigen scheint (Abb. 130 u. 131). So nahe tritt kein anderer Aussichtspunkt an den Strom vor; darin liegt seine Eigenart und darin liegt auch der mächtige Eindruck, den der Besucher der Bastei empfängt, wenn er auf der ziemlich wagerecht über die Hochfläche der bewaldeten Wehle verlaufenden großen Fahrstraße, an den Gasthäusern vorbei sich dem Platze nähert und nun auf die durch Eisengitter gesicherte, senkrecht abstürzende Felsplatte tritt. Der Blick hinab in die Elbe ist einzig in ihrer Art, auch die Aussicht auf Lilienstein und Königstein, sowie elbaufwärts gegen den Winterberg ist recht schön, aber keineswegs die schönste in dem ganzen Gebirge. Einheitlicher, geschlossener und nur die wilde Gebirgsnatur zeigend, bietet sich ganz in der Nähe die Aussicht in den Wehlgrund: zwei Aussichten von ganz verschiedenem Charakter. Aber daß von der Bastei im weiteren Sinne beide Landschaftsbilder in ihren gewaltigen Gegensätzen sich darbieten, erhöht den Genuß. Nimmt man dazu, daß der Aufstieg von Wehlen und dem Uttewalder Grunde aus ebenso reich an landschaftlichen Bildern ist, wie der Abstieg über die kunstvolle Steinbrücke und das Felsentor hinab nach Rathen (Abb. 132) wiederum eine Fülle von grotesken Felsgebilden und Ausblicke in die umgebenden und tief unter uns liegenden Landschaften vorführt, so wird daraus erklärlich, warum die Bastei der besuchteste Punkt in der Sächsischen Schweiz ist, und, obwohl unter allen die niedrigste Aussichtshöhe, doch gleichsam in der Außenwelt die ganze Sächsische Schweiz vertritt, daß beide Begriffe sich zu decken scheinen.

Abb. 121. Der Gorisch.
Nach einer Aufnahme von Paul Heine in Dresden. (Zu Seite 118.)

Jedenfalls gehört die Sächsische Schweiz zu den besuchtesten Gebirgslandschaften, und dieser Besuch ist in fortwährendem Wachsen begriffen, ein Beweis, daß ein durch falsche Kunsttheorien noch nicht verdorbener Geschmack und offener Natursinn hier, namentlich in den einsameren Teilen, noch immer volles Genüge und reichen Genuß finden wird. Und wenn neuerdings sogar behauptet ist, die Sächsische Schweiz liege von dem modernen Landschaftsideal weit abseits, so möchte man wohl eher den Maler als die Sächsische Schweiz bedauern, denn wer hier Studien machen will, muß nicht bloß, wie Lessing sagt, Farben verquisten, sondern auch zeichnen können, was die „Moderne“ vielfach nicht mehr kann.

Abb. 122. Auf dem Gipfel des Gorisch.
Nach einer Aufnahme von Paul Heine in Dresden. (Zu Seite 118.)