Was den spülenden Wassern der Elbe und ihren Zuflüssen, und was den zersetzenden Einwirkungen der Luft auf dem Boden der Sandablagerungen widerstand und im ganzen Gebirge durch seine auffälligen Gestalten und seine Höhe vor allen den Blick auf sich zieht, sind die Felsenhöhen, die nackten und zerrissenen Klippenreihen und die einzeln aufragenden Steine. Ihre Höhe nimmt nach Norden ab; eine durch ihre Gipfelpunkte oder Bergplatten gezogene Linie würde die allmähliche Neigung nach Norden deutlich zum Ausdruck bringen. Aber es besteht doch ein Unterschied zwischen den Bergen und Felsen rechts und links der Elbe; ähnlich wie uns die Lagerung der Sandsteinbänke rechts der Elbe wagerecht, links vom Strome nach Norden geneigt erscheint. Links von der Elbe liegen die höchsten bewaldeten Bergplatten und einzeln aufragende Steine, rechts die höchsten Basaltkuppen und zahlreiche Felsenkessel und Klippenzüge. Wir wollen die höchsten und bekanntesten Höhen hier einander gegenüberstellen.
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Links der Elbe:
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Rechts der Elbe:
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| Schneeberg |
721 m
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Rosenberg |
620 m
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| Großer Zschirnstein |
561 m
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Großer Winterberg |
551 m
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| Kleiner Zschirnstein |
471 m
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Kleiner Winterberg |
500 m
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| Papststein |
452 m
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Rudolfstein |
486 m
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| Pfaffenstein |
428 m
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Lilienstein |
411 m
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| Königstein |
360 m
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Basteifelsen |
305 m
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Über den Ebenheiten oder über den Fuß des Berges erheben sich diese Höhenpunkte durchschnittlich etwa 200 m, mit Schwankungen von 120–270 m. Es sind das natürlich nur annähernd zutreffende Zahlen, weil sich bei manchen dieser Berge der Fuß nicht sicher angeben läßt. Die angesetzten Zahlen sollen nur eine allgemeine Vorstellung davon geben, wie hoch sich über der umgebenden Landschaft die einzelnen Felsenberge mit ihren Steilwänden erheben und welchen Einfluß diese kühnen Formen auf das Landschaftsbild ausüben müssen, so daß sich die Sächsische Schweiz dadurch schon in weiter Ferne von den Umrissen der Lausitzer oder Erzgebirgischen Höhen durchaus unterscheidet.
Abb. 106. Felsentor im Uttewalder Grund. (Zu Seite 104.)
Wir beginnen mit der Beschreibung der wichtigsten Berge auf dem linken Elbufer. Der Hohe Schneeberg (Abb. 120) stellt eine von Südwest nach Nordost gestreckte Bergplatte von fast 2 km Länge und 700 m Breite dar. Die Sandsteintafel, die ganz mit Wald, auch an den Abhängen, bedeckt ist, neigt sich in der Richtung der Längserstreckung und fällt vom höchsten Punkte im Süden, 721 m, auf 628 m im Nordosten. Der Berg bricht allenthalben in Steilwänden in den ihn rings umgebenden Wald ab, namentlich aber nach der Südseite, wo der rasche kurze Abfall ins Tal des Eulaer Baches einen Höhenunterschied von 500 m ausmacht, während auf der Nordseite der Unterschied höchstens 200 m beträgt. Der Abfall nach Süden ist aber nicht, wie bei den meisten „Steinen“, durch eine einzige senkrechte Felswand erfolgt, sondern in mehreren Absätzen und es sind hier infolge der großen Verwerfungsspalte am ganzen Südrande des Erzgebirges die etwa 10 m starken Sandsteinbänke unter einem Winkel von fünf Graden nach Süden eingefallen. Im Jahre 1824 wurde auf der höchsten Stelle des Berges ein Steinwürfel gesetzt mit der Inschrift: Monumentum astronomico-geometricum. Er bildete also einen wichtigen Knotenpunkt für die Landesvermessung von Böhmen. Östlich von dem Denkstein erhebt sich seit dem Jahre 1864 ein hoher steinerner Aussichtsturm, von dem aus man die schönste und umfassendste Aussicht im ganzen Sandsteingebirge genießt; denn man hat von hier aus nicht bloß das landschaftlich schönste Bild namentlich gegen das Böhmische Mittelgebirge vor sich, sondern auch die belehrendste Rundsicht, insofern man vier verschieden gestaltete Gebirge: Erzgebirge, Mittelgebirge, Sandsteingebirge und Lausitzer Gebirge um sich erblickt. Der südliche Abhang des Schneeberges ist an der tektonischen Bruchlinie mit einem ausgedehnten Felsenmeere von mächtigen Sandsteinblöcken überdeckt.
Abb. 107.
Tyssaer Wände nach Franzens Aussicht.
Nach einer Aufnahme von Paul Heine in Dresden.
(Zu Seite 105.)
In einer Entfernung von 8 km Luftlinie beginnt nun im Norden vom Hohen Schneeberg die Zone der „Steine“. Die Zone erstreckt sich von Südost nach Nordwest, hat eine Länge von etwa 16 km und eine Breite von 6 km und liegt mit Ausnahme der von der Elbe umflossenen Halbinsel des Liliensteins ganz auf dem linken Ufer des Stromes. Meistens liegen diese Steine paarweise, wie der Große und Kleine Zschirnstein, der Zirkelstein und die Kaiserkrone, der Katzstein und der Müllerstein, Koppelsberg und Kohlbornstein, Papststein mit Gorisch und Kleinhennersdorfer Stein (hier liegen drei Steine zu einer Gruppe vereinigt), Pfaffenstein und Quirl, Bernhardstein und Nickolsdorfer Stein, Große und Kleine Bärenstein. Diese Steinpaare liegen stets nordsüdlich zueinander. Dabei ist der südliche Stein höher als der nördliche, wenn auch in einzelnen Fällen nur um einige Meter.
Getrennt voneinander durch das tiefe Elbtal und einsam liegen die beiden Stromwächter Königstein und Lilienstein.
Abb. 108.
Eingang zur Götzinger-Höhle (Diebeskeller)
am Bärenstein.
Liebhaberaufnahme von Marine-Oberstabsarzt Dr. Ruge in Kiel.
(Zu Seite 106.)
Der Große Zschirnstein (561 m), der höchste Sandsteingipfel in Sachsen, bildet fast eine rhombische Gestalt mit der Längsachse von Südost nach Nordwest und erhebt sich von allen Seiten in steilen, zum Teil überhängenden Wänden. Die Bergplatte ist etwa 1 km lang und im Norden etwa 40 m niedriger als im Süden. Der Buchenwald auf der Höhe deutet auf das Vorkommen von basaltischem Gestein. Es ist Dolerit, ein Feldspatdolerit, der gelegentlich in Feldspatbasalt übergeht, aber sich nicht in Säulen absondert. Der Sandstein ist grobkörnig und arm an Versteinerungen. Die Aussicht von seiner Höhe gehört durch die prächtige Gruppierung der ihn umgebenden Berge und Felsenhöhen zu den reichsten und reizendsten in der Sächsischen Schweiz, daher manche sie auch jener vom Großen Winterberge, der nur 10 m niedriger ist, vorziehen. Der Kleine Zschirnstein (471 m) fällt nur gegen Norden in steilen Wänden ab. Nordöstlich vom Zschirnstein liegen, in der Luftlinie nur einen Kilometer von der Elbe entfernt, der Zirkelstein (385 m) und die Kaiserkrone (358 m), beide nur noch Trümmer ehemaliger Tafelberge, aber weil von offenen, etwa 270 m hohen Ebenheiten umgeben, weithin sichtbar und immer eine charakteristische Erscheinung in der Landschaft. Der Zirkelstein ist nur noch ein bewaldeter Felsturm, der in zwei Absätzen aufgebaut ist, so daß man auf der unteren Stufe ganz um den Felsen herumgehen kann, der sich als oberer Absatz noch 42 m hoch als steile Wand erhebt und in einer Schlucht erstiegen wird. Von Odeleben meinte, der so einzig und sonderbar gestaltete Zirkelstein könnte dem Mathematiker und Geometer als Symbol dienen.
Die Kaiserkrone ist bis auf drei einzelne Felsspitzen zertrümmert, die in der Ferne eine gewisse Ähnlichkeit mit einer einfachen Krone, aber nicht mit einer Kaiserkrone haben mögen. Früher hieß der Felsen Galitzstein, ein Name, der erst im neunzehnten Jahrhundert verdrängt wurde. Beide Felsen bestehen aus grobkörnigem Gestein, ihre Zertrümmerung muß dem ehemaligen Elblauf, dessen Spuren wir weiter westlich noch im Cunnersdorfer Tal finden, zugeschrieben werden.
Nordwestlich von ihnen erheben sich die drei Steine: Papststein (452 m), Gorisch (448 m, Abb. 121 u. 122) und Kleinhennersdorfer Stein (395 m). Von ihnen sind die beiden ersten einer kurzen Beachtung wert. Die Paßhöhe der Straße, die zwischen diesen Bergen hindurchführt, beträgt 350 m, die „Steine“ an beiden Seiten ragen also nur 100 m darüber hinaus und sind daher in einer Viertelstunde von der Straße aus bequem zu ersteigen. Die Felsbildungen auf dem Papststein bieten nichts Eigentümliches; aber der Berg wird vornehmlich seiner Aussicht wegen besucht; er trägt seinen Namen nach dem nahegelegenen Orte Papstdorf und wurde, seitdem der sächsische Prinz und Mitregent, später König Friedrich August, ein großer Naturfreund, 1830 oben gewesen war, bequem zugänglich gemacht und erhielt 1852 einen Aussichtsturm. Die Ausblicke sind durch den Vordergrund bewaldeter Felsberge in der Nähe malerischer als vom Gorisch oder Pfaffenstein. Man könnte den Papststein ein Idyll nennen, lieblicher, traulicher als die anderen Felsennachbarn. Die Rundsicht dagegen vom Turme aus umfaßt zwar den ganzen Gesichtskreis, ist dadurch lehrreich, aber eigentlich nicht schön.
Einen ganz anderen Charakter zeigt der Gorisch, der sich südlich vom Dorfe Gorisch erhebt. Er hat im Grundriß fast dreieckige Gestalt und wird durch eine von Nordwest nach Südost gehende Kluft in zwei Teile getrennt, von denen der nördliche mehr als doppelt so groß als der südliche ist. Außerdem ist früher (S. 103) schon darauf aufmerksam gemacht, daß der ganze Felsberg auch noch durch zahlreiche Spalten in der Richtung von Südwest nach Nordost zerschnitten ist. Die Sandsteinmasse hat der Verwitterung gegenüber einen ungleichen Widerstand geleistet. Es ist auf den oberen Bänken nur wenig Humus gebildet worden, meist sind die höckerigen und seltsam ausgewitterten Platten der Oberfläche ohne Pflanzenwuchs und so rauh und uneben, daß man nicht darüber hingehen kann. Die wunderlichen Felsgebilde haben ebenso wunderliche Namen, wie Schildkröten, Hundsköpfe, ruhende Löwen, Vögel, Drachen u. s. w. veranlaßt. Nach dem Westende zu sieht man auf einer Felsplatte, die wie mit lauter kleinen Pyramiden besetzt zu sein scheint, auch die Riesenmaske eines menschlichen Gesichts (natürlich etwas verzerrt) liegen. Besonders schön ist der Berg an seiner Ostseite; tief unten an den Felswänden finden sich jene zierlichen Höhlenbildungen, wie man sie auch an der Nordseite des Königsteins antrifft. Der Basalt tritt an der Ostseite des Schuttkegels zu Tage, und hier findet man auch die Nachbildung der Basaltsäulen von Sandstein geformt. — Die Zerrissenheit der ganzen Felsmasse, die wildrauhen Verwitterungsflächen und die Schwierigkeit, einen bequemen Platz zum Umschauen zu gewinnen, haben lange Zeit von einem Besuch des Berges abgehalten, bis er im Jahre 1886 bequem zugänglich gemacht wurde, so daß er nun gerade wegen seiner von anderen Felsbergen abweichenden Erscheinung, seinen seltsamen Verwitterungen und einzelnen fesselnden Landschaftsbildern häufiger besucht wird.
Abb. 109.
Der Naundorfer Bärenstein mit schräger
Klüftung,
rechts schräge und senkrechte Klüftung wechselnd.
Liebhaberaufnahme von Marine-Oberstabsarzt Dr. Ruge in Kiel.
(Zu Seite 108.)
Abb. 110.
Im Tal oberhalb des Großen Domes.
Unten horizontale Bänke, darüber in der Mitte schräge Klüftung,
links davon senkrechte Klüfte.
Liebhaberaufnahme von Marine-Oberstabsarzt Dr. Ruge in Kiel.
(Zu Seite 109.)
Das Gegenstück zum Gorisch bildet in vieler Beziehung der Pfaffenstein (Abb. 123). Er ist in seiner Weise ebenso originell wie der Gorisch, wird aber weit mehr besucht, weil er bei weiter fortgeschrittener Zerklüftung und Verwitterung bereits die mannigfachsten Formen zusammengebrochener Wände und dadurch entstandener Höhlen und einzelne stehengebliebene Felstürme zeigt. Die Oberfläche der Felstafel ist bedeutend umfänglicher als die des Gorisch und bietet viel eher Gelegenheit zur Errichtung von Hütten und Häusern, und doch ist auch der Pfaffenstein erst in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts mehr besucht, seitdem sich oben eine Bergwirtschaft, jetzt ein stattliches Gasthaus, befindet. Man hat auch in der Sächsischen Schweiz die alte Erfahrung gemacht, daß, so gering auch die relativen Erhebungen der Felsberge über den Ebenheiten sind, doch jene Berge wenig besucht werden, auf denen dem „erschöpften“ Wanderer nicht eine leibliche Erfrischung in Aussicht steht. Die gegenwärtige Gestalt des Pfaffensteins mit seinen zahlreichen Klüften, durch die man sich hindurchzwängen mag, mit seinen Felsenengen und Toren, durch die man kriechen kann und dazu dem überraschend reichen Pflanzenwuchs ist vor allem der sehr starken Verwitterung zuzuschreiben. Infolge stärkerer Tonbeimischung ist der Pfaffenstein stärker verwittert als ausgewittert. Daher sind die Klüfte wesentlich weiter, vielfach auch bequem zu durchwandeln. Häufig sind die Klüfte zu förmlichen Felsenkesseln erweitert. Blöcke sind hineingestürzt, oder die Gesteinsschichten sind schief gestellt. Die so entstandenen grotesken Höhlen bilden natürlich einen „Kuhstall“. Anderswo sind die Schichtfugen der Bänke durch den Einfluß der Verwitterung dermaßen erweitert und damit der Verband der Steinlager gelockert, daß die mächtigen Felsmauern der Außenseite zusammengebrochen sind und die Riesenblöcke nun über den Schuttkegel des Pfaffensteins zerstreut liegen. Die größten dieser Blöcke, größer als am Gorisch oder Papststein, liegen an der Westseite, an der Wetterseite des Berges. Die starke Verwitterung auf der Hochfläche des Steines hat oben den tiefsten, zum Teil moorigen Boden geschaffen, den wir nur auf den Bergplatten des Sandsteingebirges antreffen. Auf diesem tiefgründigen Boden hat sich eine üppige Pflanzenwelt angesiedelt: Eichen, Buchen, Birken, Ebereschen, Tannen, Fichten, Föhren und darunter üppiges Heidekraut. Der gute Boden hier oben muß schon in ältester Zeit Ansiedler angelockt haben, denn nur hier allein sind die deutlichen Spuren von Ansiedelungen in der jüngeren Steinzeit gefunden. Seiner Natur nach hätte man ähnliches auch auf dem Königstein erwarten können; allein auf seiner seit Jahrhunderten bewohnten Hochfläche sind die ältesten Spuren längst unkenntlich geworden. — So bietet also der Pfaffenstein in seiner jetzigen, allenthalb bequem zugänglich gemachten Natur wiederum etwas durchaus Eigenartiges, das sich auf den anderen Steinen nicht findet.
Abb. 111.
Aussicht von den Schrammsteinen.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden.
(Zu Seite 110.)
Für sich allein steht der Königstein (360 m); er liegt der großen Schleife, die die Elbe um den Lilienstein macht, gegenüber und ist zum Beherrscher des Flusses wie kein anderer Fels geschaffen (Abb. 124). Daher erscheint der Berg auch schon früh im Mittelalter auserlesen, als Grenzwächter zu dienen. Bis ins fünfzehnte Jahrhundert war aber das Gebiet der Sächsischen Schweiz von Böhmen abhängig, nur in Böhmen gab es seit 1198 Könige, aber nicht in Sachsen. Die ersten Befestigungen müssen also von den Herrschern in Böhmen ausgegangen sein. Der Name Königstein wird nun in der lateinischen Form lapis regis zuerst 1241 in einer Urkunde genannt, die der König Wenzel am 7. Mai auf dem Königstein vollzog und in der er die Grenze zwischen Böhmen und der Lausitz genau festsetzte. Das Jahr und die Ursache, weshalb der König die neue Festung besuchte, sind merkwürdig genug, um noch länger dabei zu verweilen.
Es war im Frühling des Jahres 1241, gerade während des heftigen Streites zwischen Kaiser und Papst, als der große Mongolensturm von Asien her über Westeuropa hereinbrach und auch Deutschland zu verwüsten drohte, wie schon Rußland und Polen verheert waren. Von den Ufern des Kaspischen Meeres wälzte sich die Mongolenflut mit ihren wilden Reiterscharen erst über Rußland. Die moskowitischen Zaren wurden von dem Chan der Goldenen Horde „zum Dienste seines Bartes und seines Bügels“ erniedrigt. Der Polenkönig suchte Schutz in Ungarn, seine Hauptstadt Krakau ging in Flammen auf. Der König Wenzel von Böhmen sah den Sturm kommen. Er ermahnte schriftlich feine Nachbarn, den Herzog Otto von Bayern und den Landgrafen Heinrich von Thüringen, zu schleunigster Hilfeleistung. Im Lande selbst ließ er alle nur irgend haltbaren Städte und Burgen so eilig befestigen, daß selbst Geistliche und Mönche mit Hand anlegen mußten. Dann bereiste er die Grenzen, um überall in den Böhmen umgebenden Waldgebirgen die Pässe durch Verhaue zu sperren, damit die asiatischen Reiterscharen nicht eindringen könnten. Bei dieser Gelegenheit wird auch der Felsen an der Elbe als sehr geeignet gefunden sein, um als Grenzwächter zu dienen und hat dabei höchst wahrscheinlich seinen Namen bekommen; denn der „Stein“ wird zwar schon vorher genannt, aber noch nicht als Königstein bezeichnet. Nach Beendigung dieser Schutzarbeiten brach Wenzel mit einem Teile seines Heeres von Nordböhmen auf und zog über Zittau nach Schlesien, um seinem Schwager, dem Herzog Heinrich von Schlesien, Hilfe zu bringen, der sich bei Liegnitz mit seinen Panzerreitern den Mongolen entgegengestellt hatte. Leider kam Wenzel zu spät. Die heldenmütige Schlacht war schon am 9. April 1241 geschlagen, Heinrich selbst fand im Kampfe den Tod; aber die Verluste der Asiaten waren so groß gewesen, daß sie von einem Weitervordringen nach Westen absahen und vor Wenzel zurückwichen, um auf einem anderen Wege in Böhmen einzubrechen. Allein es gelang ihnen nicht, und Wenzel kehrte auf dem Wege über Zittau zurück. Die Ostgrenze glaubte er genug gesichert zu haben; aber wenn die Mongolen eine Kriegslist gebrauchten, war es nicht undenkbar, daß sie von Norden her, von der Lausitz, in Böhmen einzudringen versuchten. Daher verweilte im Mai 1241 Wenzel noch länger an den nördlichen Grenzen seines Reiches, und hier war es, wo er am 7. Mai die erwähnte Urkunde auf dem Königsteine ausstellte. Es besteht demnach die größte Wahrscheinlichkeit, daß von dem wiederholten Aufenthalte des Königs der Königstein seinen Namen erhielt und daß die Benennung eine geschichtliche Beziehung zu dem Mongolensturme hat. Unter böhmischer Oberhoheit saßen dann Burggrafen auf der Feste, die im fünfzehnten Jahrhundert an Sachsen kam. Nachdem im sechzehnten Jahrhundert nur für kurze Zeit die Felsenhöhe als Kloster gedient hatte, wurde unter den Kurfürsten August und Christian die Festung in umfassender Weise ausgebaut, daß sie dann als uneinnehmbar galt und in unruhigen Zeiten eine sichere Zuflucht für die kurfürstliche Familie bot. Kurfürst August ließ auch den 152 m tiefen Brunnen anlegen, der keineswegs bis zum Elbspiegel hinunter reicht, aber wahrscheinlich sein Wasser aus einem Lehmlager erhält, das in einer Tiefe von 139 m im Quadersandstein eingebettet liegt. Der Pläner liegt hier viel tiefer, also stammt das Brunnenwasser weder aus dem Pläner, noch aus dem noch tiefer liegenden Urgestein.
Der Königstein bildete seit dem ausgehenden siebzehnten Jahrhundert das einzige Ziel fremder Reisenden, zu einer Zeit als man die Naturschönheiten der Sächsischen Schweiz noch wenig beachtete. Den modernen Schußwaffen gegenüber hat der Königstein seine frühere Bedeutung nicht behaupten können und gilt nur noch als Sperrfort. Aber die durch hohe Mauern gesicherte und mit mancherlei Gebäuden besetzte Felsenhöhe zieht inmitten der Schar der „Steine“ den Blick beständig auf sich und von dem Elbgestade her ist die Ansicht der Feste imposant.
Nördlich vom Königstein erheben sich die Bärensteine, die man, nicht nach der Höhe, sondern nach der Flächenausdehnung, den Großen und den Kleinen Bärenstein nennt; jener im Norden, dieser im Süden, jener 328 m, dieser 338 m hoch, also ist der Kleine Bärenstein 10 m höher als der Große und wird seiner hübschen Aussicht wegen und weil er von der Eisenbahnstation Pötscha aus auf angenehmen Wegen leicht zu erreichen ist, viel besucht, um so mehr als sich auch ein Bergwirtshaus oben befindet. Zum Kleinen Bärenstein kann man auch die Götzinger-Höhle rechnen. Die eigentümlichen Formen oberflächlicher Verwitterungen sind schon erwähnt, ebenso auch die beachtenswerte schräge Schichtung am Großen Bärensteine.
Abb. 112.
Aussicht vom Hohen Torstein über die
Schrammsteine,
Ostertürme, Schrammtürme und Dreifingerturm.
Nach einer Aufnahme von Dr. Trenkler & Co. in Leipzig.
(Zu Seite 110.)
Die Berg- und Felsformen auf dem rechten Elbufer weichen, wie schon kurz angedeutet ist, wesentlich von denen auf der anderen Seite des Stromes ab. Wir haben das Gebiet der „Steine“ fast völlig verlassen, wenigstens herrschen diesen einzelstehenden Steinmassen, die man mit abgesonderten Individuen vergleichen könnte, keineswegs mehr vor. Auf der rechten Elbseite stehen die Berge und Bergmassen mehr miteinander in Zusammenhang, und von diesen Massen strahlen nach verschiedenen Seiten wildzerklüftete Klippenreihen (Abb. 125) fast wie unheimliche Fangarme aus. Diese Klippentürme und Klippenwände fassen zwischen sich enge Schluchten oder rundliche Felskessel. Die so geartete Felsenwelt gruppiert sich um die beiden Winterberge und erstreckt sich nach Südosten weit über Sachsens Grenzen hinaus bis in die Gegend des romantisch gelegenen Dorfes Dittersbach. Südlich von dieser Klippenzone erhebt sich nur ein einsamer und zugleich der höchste Berg dieser Seite, der Rosenberg, während nördlich von dem Winterberggebiete sich eine Reihe einzelner Steine von geringem Umfange erhebt, von denen aber keiner als Aussichtspunkt berühmt ist. Abgesehen von den höchsten Gipfeln, die von ihren Türmen aus eine umfassende Rundsicht bieten, stellen die besuchtesten Aussichtspunkte nördlich vom Winterberge sich nicht als einzelne aufragende Felsen, sondern als auf dem Rande einer langhingezogenen Felsenwand gelegen dar, so daß diese Plätze sich in der Silhouette der Landschaft gar nicht hervorheben. Dahin sind Prebischtor, Brand und selbst die Bastei zu rechnen. Nur ein „Stein“ tritt, die ganze Landschaft beherrschend, kräftig hervor, der Lilienstein, der aber eigentlich zu der Zone von Steinen auf dem linken Elbufer gehört. Sonst ist das ganze Gebiet, namentlich in dem oberen Teile, vielmehr durch unzählige Gründe und Schluchten zerschnitten und zerspalten, darum treten hier viel zahlreicher die ausgedehnten Felswände auf. Darum hat sich dies Gebiet auch sehr verkehrsfeindlich bewiesen. Arm an Quellen und fruchtbarem Boden, daher arm an Dörfern, aber voll von Schluchten und Felsspalten, reich an Schlupfwinkeln und Zufluchtstätten auf unzugänglichen Felshöhen ist die ganze Gegend südlich von der Kirnitzsch, das böhmische Grenzland, so lange ein Tummelplatz für Wegelagerer und ritterliche Strolche gewesen, deren Raubnester noch gezeigt werden, bis die Kurfürsten von Sachsen, einer solchen Nachbarschaft unfroh, mit eiserner Hand zugriffen und das räuberische Herrengeschlecht der Birken von der Duba durch erzwungenen Gutstausch vertrieben und unschädlich machten. Später konnten dieselben Zufluchtsstätten und Schlupfwinkel friedliche Bauern mit ihrer Habe in den bösen Zeiten des Dreißigjährigen Krieges, einzelne Flüchtlinge wohl gar noch im Nordischen Kriege aufnehmen.
Unsere Wanderung geht auch auf dieser Seite der Elbe im allgemeinen von Süden nach Norden, entsprechend der Höhe der Berggipfel. Der Rosenberg (620 m), ein schön geformter Kegelberg, nach seiner Gestalt einzigartig im Sandsteingebiet, weil seine Kuppe ganz aus Basalt besteht, erhebt sich ganz frei aus der ziemlich einförmigen Ebenheit um fast 300 m; er wird daher von allen Seiten gesehen und beherrscht das Landschaftsbild vollständig. Aus den Tälern und den flachen Mulden der Ebenheit lenkt er stets den Blick auf sich und bestimmt das landschaftliche Motiv; allein die Aussicht von seiner Höhe, wo sich seit 1893 ein Aussichtsturm erhebt, entspricht den Erwartungen nicht vollständig, weil die nächste Umgebung in einem Umkreis von 8–10 km Radius ganz flach erscheint und die malerischen und grotesken Felsbildungen namentlich der Steilwände in der Umgebung des Prebischtores schon zu fern liegen, um eine malerische Wirkung hervorzubringen. Das Gesichtsfeld ist groß, aber es fehlt ihm der Vordergrund. Schön ist dagegen auf dem Basaltboden des Gipfels der herrliche Ahorn- und Buchenwald und die üppige Pflanzenwelt auf diesem Boden. Der Basalt sondert sich in Säulen von ansehnlichem Durchmesser und diesem Gestein verdankt der Berg auch nahe unter dem Gipfel eine gute Quelle.
Abb. 113.
Das Pechofenhorn am Zeughauswege.
Nach einer Aufnahme von Dr. Trenkler & Co. in Leipzig.
(Zu Seite 110.)
Östlich vom Rosenberg zieht die Kamnitz von Windisch-Kamnitz über Kamnitzleiten und Stimmersdorf eine immer tiefer eingeschnittene Erosionsfurche in einem mächtigen Bogen durch das Gelände bis nach Herrnskretschen; breite, wellige Hochflächen, hie und da von basaltischen Kegeln überragt, begrenzen das tiefe Flußtal. Aber jenseits desselben, im Nordosten, erheben sich in einer durchschnittlichen Entfernung von 2 km von der Kamnitz die Steilwände des Sandsteingebirges, nordöstlich vom Rosenberge, um den malerisch gelegenen böhmischen Ort Dittersbach (Abb. 126) ein förmliches Amphitheater von grotesken Felshörnern, Kuppen und Wänden bildend. Unter ihnen ragen besonders der Rudolfstein (486 m) und der Marienfelsen (422 m), beide nach dem Fürsten und der Fürstin Kinsky benannt, als aussichtsreiche Punkte hervor. Der Rudolfstein, 1824 zugänglich gemacht, ragt zwar nur etwa 50 m über die umgebenden Felsenhöhen hinaus, aber er gewährt doch die schönste Aussicht in der ganzen Umgebung von Dittersbach. Er bietet (nach Schiffner) eine lehrreiche Übersicht über die Felsenzüge und wildschönen Waldgründe der hinteren Schweiz, sowie herrliche Fernsichten nach dem Kreibitzer Gebirge, nach dem Rosenberge und besonders ins sächsische Land hinab, wo er dagegen wenig bemerkt wird. Der Marienfelsen erhebt seine schlanke Turmgestalt noch näher bei Dittersbach, etwa 200 m über dem Tal; man steigt zu seiner von einem Pavillon gekrönten Höhe auf 240 Stufen hinan. Der Marienfelsen bietet wohl die abenteuerlichste Gestalt im ganzen Sandsteingebirge.
Abb. 114.
Verwitterungen des Sandsteins auf dem
Gorisch.
Liebhaberaufnahme von Marine-Oberstabsarzt Dr. Ruge in Kiel.
(Zu Seite 110.)
Weiter westlich und näher dem Großen Winterberge findet sich auf den schroff abbrechenden Felswänden des großen Amphitheaters auch das vielbewunderte Prebischtor (438 m), das sich in einer schmalen und kurzen Felsenmauer, in den obersten Bänken des wagerecht gelagerten Sandsteines über 20 m hoch auswölbt (Abb. 127), nach oben einen schön geschwungenen Bogen zeigt und auf dem unteren Boden sonst eine hohe Kiefer nährte, deren Gipfel das obere Gewölbe nicht erreichte. Allein schon die Größe dieses natürlichen Tores bringt eine mächtige Wirkung auf den Beschauer hervor. Es ist eine in ihrer Art einzig dastehende Felsbildung. Der mächtige Eindruck wird aber noch wesentlich erhöht durch die Aussicht, die man von der oberen Platte des Tores aus gegen Süden hat. Es ist die reizendste Mischung der Böhmischen Mittelgebirgslandschaften mit den wilden Felsmassen des Sandsteines. Daher kein Wunder, daß das Prebischtor zu den wichtigsten Reisezielen im Gebirge gehört.
Nördlich von diesen berühmten Aussichtspunkten breitet sich zwischen den Elbzuflüssen Kamnitz und Kirnitzsch eine fast gänzlich unbewohnte Felsen- und Waldwildnis aus von über 100 qkm Fläche, ohne Dörfer und Ackerfluren. Diese Wüstenei wird im Westen durch die Elbe begrenzt, im Süden etwa durch eine Linie, die die Dörfer Herrnskretschen, Stimmersdorf und Hohenleipa berührt und nach Osten bis Kreibitz reicht. Die Ostgrenze läuft von Niederkreibitz durch Daubitz, Khaa nach Zeidler und die Nordgrenze von hier über Hemmhübel und Hinterhermsdorf ins Kirnitzschtal nach Schandau. Die Nordgrenze trifft ungefähr mit der des Lausitzer Granits zusammen. Das Ganze bildet ein Schluchtengewirr ohne Wasser, und doch scheinen sich diese Gründe und Schluchten zu förmlichen Flußsystemen mit Haupt- und Nebenflüssen zu ordnen, die sich alle nach Norden zum Kirnitzschtale senken und öffnen; denn die Wasserscheide dieses Gebietes liegt hart an der südlichen Grenze. Nur zwei Straßen durchschneiden diese Wildnis: die Zschandstraße von der Neumannsmühle an der Kirnitzsch über den Ziegenrücken nach Reinwiese, und die Böhmer Straße von der Kirnitzschschänke nach Dittersbach, diese aber noch nicht völlig fahrbar. Die beste Aussicht in die Waldeinsamkeit der hinteren Sächsischen Schweiz genießt man vom Königsplatz (434 m) aus, der südlich von Hinterhermsdorf liegt. Die Wald- und Felsenstufen bringen in das Bild des unermeßlichen Waldes, in dem keine menschliche Wohnung sichtbar wird, eine Abwechslung, die das Auge fesselt und den Sinn beruhigt.
Abb. 115.
Höhlenartige Auswitterungen am Fuße des
Gorisch.
Liebhaberaufnahme von Marine-Oberstabsarzt Dr. Ruge in Kiel.
(Zu Seite 111.)
Durch die beiden genannten, von Nordwesten nach Südosten ziehenden Straßen wird die ganze Felsen- und Waldzone in drei Teile zerlegt. Es mag dabei noch darauf aufmerksam gemacht werden, daß auch die Elbe, an der Westgrenze dieses Gebietes von Herrnskretschen an eine nordwestliche Richtung einschlägt. Der östliche Abschnitt, östlich von der Böhmer Straße, ist ziemlich eintönig, ohne besondere Felsbildungen, ohne hervorragende Gipfel; der mittlere Teil bis zur Zschandstraße macht in den Torwalderwänden östlich vom Zschand den Anfang jener zersprengten und verwitterten Wände und Felsmassen, wie sie in dem westlichen Stücke so hervorragend ausgebildet sind. Gegen Norden lösen sich auch die Torwalderwände bereits in einzelne Steine auf, die auch als kurze, in der Richtung des Erzgebirges streichende Felsketten bezeichnet werden könnten: der Teichstein, Kanstein und Heulenberg (mit Basalt). Zwischen dem Zschand und der Elbe erstreckt sich von Südosten nach Nordwesten das Gebiet des Großen Winterberges, das bedeutendste und eigenartigste Gebirgsstück östlich von der Elbe. An der Außenseite seiner grotesken Schluchten, Wände und Felsentürme liegen im Süden das Prebischtor und der Prebischkegel, im Norden der Winterstein (Hinteres Raubschloß), Affenstein, die Schrammsteine mit dem Falkenstein und im Westen der Rauschenstein (Abb. 128). Zu Füßen dieser wilden Felsen und Klippen schmiegt sich in eine nach der Elbe rasch abstürzenden Schlucht das kleine malerische Dörfchen Schmilka (Abb. 129), von wo auch ein vielbegangener Weg zum Großen Winterberge hinanführt.
Abb. 116.
Der Kuhstall.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden.
(Zu Seite 111.)
Der Große Winterberg erhebt sich so recht in der Mitte des Gebietes bis zu 551 m Höhe und überragt mit seiner Basaltkuppe die Umgebung noch um mehr als 100 m. Der Basaltkamm, richtiger noch als Basaltkuppe, streicht von Südwesten nach Nordosten in der Hauptkluftrichtung des Sandsteines. Daß der Cottaer Spitzberg und der Sattelberg im Erzgebirge dieselbe Richtung einschlagen, hat schon Gutbier bemerkt. Das Winterberggebiet kam erst 1492 von Böhmen an Sachsen; richtiger wäre damals schon, auch nach historischem Recht, die Grenze an die Kamnitz gelegt. Die erste genaue Vermessung erfolgte 1782 durch Offiziere des sächsischen Ingenieurkorps. Eigentümliche Beobachtungen machte Odeleben 1825 bei seinen Vermessungen. Er kam erst am sechsundachtzigsten Tage seiner Arbeiten auf den Großen Winterberg und schreibt in seinem Kommentar: „Wie gut war es, daß ich die Arbeit nicht von diesem Gipfel begonnen hatte, denn dies würde zu den schwierigsten Rätseln geführt haben. Sollte man es glauben, daß die Magnetnadel auf dem Basaltknopfe neben dem kleinen Häuschen für Besuchende, wo der Meßtisch aufgestellt ward, mehr als 37 Grad von der, zuvor sorgfältig geprüften und auf den anderen Punkten größtenteils genau übereinstimmenden Richtung abwich.... Die Abweichung blieb sich, wie späterhin bemerkt wurde, nicht gleich. Zwei, drei Schritt von jenem Standpunkte war sie minder bedeutend. Sie schien selbst durch die Witterung zu variieren ... Dieses Schwanken läßt sich wohl nicht anders erklären, als durch die Anhäufung von Magneteisenstein.“ Der 100 m mächtige Basaltgang besteht nach den neueren Untersuchungen aus Nephelinbasalt mit zahlreichen Olivinkristallen. Die Aussicht vom Winterberge ist umfassend, großartig durch den Reichtum an Gestaltungen der Erdoberfläche in der nächsten Umgebung, besonders fesselnd durch den Blick auf die Elbe. Die Aussicht reicht vom Kollmberge bei Oschatz bis zur Tafelfichte. Einer der ersten Reisenden, Magister Christian Weiß, der seine Wanderung 1796 zu Fuß und größtenteils allein unternahm, meint: „Es war mir am interessantesten, den Lauf der Elbe aus Böhmen nach Sachsen zu übersehen.“ Der jugendliche Dichter Theodor Körner äußerte sich 1810 über die Aussicht so: „Der Blick, den der Winterberg gewährt, ist weniger weit umfassend, aber malerischer als viele bedeutend höhere Berge ihn gewähren.“ Dieser Ausspruch ist insofern berechtigt, als Körner die Aussicht vom Gipfel mit der von noch höheren Bergen vergleicht und sie in dieser Beziehung malerischer nennt; denn je höher der Standpunkt ist, um so weniger malerisch wirkt die Ansicht der Landschaft. Bei der Bedeutung und Höhe des Berges ist es auch erklärlich, daß er in die Hauptwanderlinie einbezogen ist, die von Schandau über den Kuhstall, Winterberg, Prebischtor nach Herrnskretschen führt. Sehr bezeichnend heißt der Teil des Weges zwischen Kuhstall und Winterberg „der Fremdenweg“.
Abb. 117.
Der Kleinstein.
Nach einem älteren kolorierten Kupferstich von C. A. Richter.
(Zu Seite 111.)
Abb. 118.
Rostfarbige Auswitterungen am Thürmsdorfer
Diebeskeller
(Götzinger-Höhle).
Liebhaberaufnahme von Marine-Oberstabsarzt Dr. Ruge in Kiel.
(Zu Seite 113.)
Eine ganz andere Landschaft umgibt uns, sowie wir aus dem menschenarmen Felsenlande den ersten Schritt über die Kirnitzsch nach Norden tun. Parallel mit der Kirnitzsch fließt die Sebnitz. Beide fließen nach Westen und biegen erst im unteren Laufe nach Süden um, wo sie bei Schandau und Wendischfähre die Elbe erreichen. Dieser Landstrich bildet bei einer durchschnittlichen Breite von 1 km einen breitgewölbten Rücken, der nach Osten allmählich um 100 m ansteigt, ohne der Anlegung einer Hochstraße, die sich der Länge nach über den Rücken hinanzieht, Schwierigkeiten zu bereiten. Übrigens ist die Straße wieder ein Beleg für die Warnung, Gebirgsstraßen nicht in den Tälern zu suchen und auf diese Lehrmeinung allerhand hübsche Schlüsse zu bauen. Vor allem ist auffällig, daß das ganze Land unter der Wirkung des Pfluges licht und grün aussieht und daß vier ansehnliche Dörfer: Lichtenhain (880 Ew.), Mittelndorf (440 Ew.), Altendorf (500 Ew.) und Rathmannsdorf (1050 Ew.) in ziemlich gleicher Entfernung voneinander sich auf dem Landrücken ausbreiten. Von wilden Klippenzügen und tiefen Felsgründen keine Spur, denn der ganze Rücken bis nahe an Rathmannsdorf gehört dem Lausitzer Granit. Hier ist also tatsächlich die Sächsische Schweiz in ihrem Zusammenhange unterbrochen, eine Lücke trennt die obere und die untere Gebirgslandschaft, und aus dieser Beobachtung heraus wird uns auch die alte Benennung der Sächsischen Schweiz als „die Heide über Schandau“, womit also namentlich das Winterberggebiet gemeint ist, verständlich und erscheint durchaus berechtigt. Bei alledem bleibt es merkwürdig, daß eine der ältesten Erwähnungen der wunderbaren Felsgebirge in der Sächsischen Schweiz 1743 betitelt ist: „Nachricht von denen Lichtenhaynischen Steinfelsen.“ Es heißt da: „Lichtenhayn ist um und um mit Bergen, Felsen und Wäldern umgeben. Und zwar so sind die aus denen hohen Bergen von Natur gewachsene Felsen sehr weit zu observieren: Sie präsentieren von ferne den Prospekt derer zierlichst mit Türmen, Mauern und Spitzen erbauten Bergschlösser, weshalben sie auch weit und breit bekannt und berühmt und von vielen Fremden mit Vergnügen besucht und mit Verwunderung betrachtet werden. Weil sich nun in diesen Steinklüften vor alten Zeiten entweder viel Räuberrotten, oder die in der Gegend wohnende Leute in Verfolgung sicher aufgehalten, so nennt man solche in genere Raubschlösser, z. B. Rabstein (Hinteres Raubschloß), Spögenhörner (Speichenhörner = Vorderes Raubschloß), der Große und Kleine Winterberg, der Hausberg (Wildenstein = Kuhstall) u. s. w. Dasjenige Raubschloß, welches man den Hausberg nennt, ist das erste von Lichtenhayn, mitten im Walde... Dieser Felsen hat unten eine große und sehr lichte Höle von Natur, als wie die Tore einer Stadt gewölbt, in welchen verschiedene Klippen, gleich denen Feuerherden, Tischen und Bänken zu finden.... Man nennt diese Höle den Kuhstall“ u. s. w. — Aus der ganzen Darstellung geht hervor, daß der Verfasser dieses etwas altfränkisch anmutenden Berichtes, aus dem hier nur eine Probe gegeben ist, den Blick nur nach Süden, also in die Heide über Schandau gerichtet hat, daß unter allen Merkwürdigkeiten der Kuhstall am ausführlichsten beschrieben wird; und wenn wir hinzufügen, daß von allen Dörfern jener Gegend Lichtenhain dem Kuhstall am nächsten liegt, so leuchtet ein, daß der Titel „Lichtenhainer Steinfelsen“ eine gewisse Berechtigung hat. Von Lichtenhain nordwärts gab’s weder merkwürdige Felsen noch unheimliche Raubschlösser.
Abb. 119.
Schwammartige Auswitterungen oberhalb des
Großen Domes.
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