Die Bevölkerung der Sächsischen Schweiz ist desselben Stammes und derselben Herkunft wie im Elbtalkessel. Es sind Franken, Thüringer und Niedersachsen, in einzelnen Fällen auch Friesen, die nach der Eroberung im Mittelalter von den Herren des Landes zur Kolonisation herbeigerufen wurden. Da aber das Gebirgsland bis nach Pirna lange zwischen Böhmen und Meißen streitig war, so hat die Besiedelung nicht so rasch erfolgen können; außerdem trat auch der vielfach schlechte Boden und die Unsicherheit des Landes hemmend dazwischen. So sehen wir denn, ähnlich wie im Elbtalkessel die Siedelungen, so hier die slavischen Ortsnamen vor allem an der Stromrinne haften. Herrnskretschen (d. h. Grenzwirtshaus), Schmilka, Schandau, Krippen, Prossen, Rathen, Pötscha, Wehlen, Poste, Copitz, Pirna sind keine deutschen Namen. Gelegentlich sind aber die Slaven auch auf die Höhe gestiegen, wie die Namen Gorisch, Weißig, Dorf Wehlen, Krietzschwitz und Struppen beweisen. Die untere Ebenheit rechts der Elbe, von Wehlen abwärts, weist fast nur slavische Namen auf: Lohmen, Doberzeit, Daube und Zatzschka. Ja selbst die deutsch klingenden Namen Mockethal und Liebethal möchten kaum aus deutscher Wurzel stammen, um so mehr, wenn man sieht, daß der Vorort von Dresden Löbtau urkundlich Liubitawa heißt und auf einer alten handschriftlichen Karte des sechzehnten Jahrhunderts sogar Liebethal geschrieben ist. Dazu muß man erwägen, daß das Liebethal in der Sächsischen Schweiz nicht im Tal der Wesnitz, sondern oben, über dem Grunde, auf der Ebenheit liegt. An der Elbe liegen nur drei unzweifelhaft deutsch benannte Orte: Wendischfähre, Königstein und Vogelgesang. Die deutschen Dörfer im Gebirge endigen, ziemlich eintönig, fast alle auf -dorf, wie Naundorf, Hennersdorf, Hermsdorf etc.; außerdem sind noch die Bestimmungswörter -walde, -hain und -hübel verwendet; verhältnismäßig junge Bezeichnungen für spät erfolgte Besiedelung. Auch im böhmischen Gebiet herrscht das „Dorf“ in den Ortsnamen vor, daneben erscheint auch -bach. Dagegen fällt auf, daß die deutschen und slavischen Namen scheinbar planlos gemischt sind.
Abb. 123.
Der Pfaffenstein.
Gesamtansicht von Südwesten gesehen.
Liebhaberaufnahme von Hofgoldschmied P. Eckert in Dresden.
(Zu Seite 118.)
Die Volksdichte, die im Elbtalkessel, nach Schätzung, unterhalb Dresdens 1000 Menschen auf einem Quadratkilometer beträgt, und oberhalb Dresdens immer noch 750 Einwohner zeigt, sinkt in der Sächsischen Schweiz auf 120, und steigt im böhmischen Sandsteingebirge wieder auf 200 Einwohner. Die mittlere Dichte im Deutschen Reiche beträgt 104, so daß also selbst in der Sächsischen Schweiz die Ziffer noch höher steht. Ausschlaggebend mag dafür gewesen sein, daß die am Rande des Sandsteins gelegenen Städte Sebnitz, Pirna und Berggießhübel mit einbezogen sind. Wenn auf der böhmischen Seite, wo ebenfalls die Randstädte Bodenbach-Tetschen, Kamnitz und Kreibitz in der Rechnung mit aufgenommen sind, die Volksdichte noch ansehnlich höher steht als in Sachsen, so liegt der Grund vor allem in der stärkeren Industrie auf böhmischer Seite. Die Zahl 200 ist eine zuverlässig genaue, da in dem statistischen österreichischen Werke glücklicherweise die Bodenfläche jeder Gemeinde ganz genau angegeben ist, was leider bei dem sächsischen Ortsverzeichnisse noch vermißt wird. Überdies muß für die Gegenwart die Zahl von 200 Einwohnern auf einem Quadratkilometer schon als nicht mehr zutreffend bezeichnet werden, da sie sich auf die Zählung von 1890 bezieht. Die Ergebnisse der neuesten Volkszählung von 1900 sind in dieser Beziehung noch nicht veröffentlicht.
Die von Natur gebotenen Beschäftigungen sind Ackerbau und Viehzucht, Waldwirtschaft und die damit zusammenhängenden Gewerbe der Holzflößerei, Sägewerke und Holzhandel, endlich das Steinbrechergewerbe. Ackerbau (Abb. 133) beschäftigt die Bewohner der Ebenheiten, die Elbanwohner besitzen mit sehr wenigen Ausnahmen bei Prossen und Rathen kein Ackerland auf dem Talboden; sie sind namentlich auf den Elbverkehr, Flößerei, Schiffahrt angewiesen. Außerdem verdient noch die blühende Industrie in künstlichen Blumen erwähnt zu werden. Das ganze Verkehrsleben zieht sich aber nach der Elbe hin. Wir wenden daher unsere Aufmerksamkeit zuerst der Elbe, der Pulsader des Gebirges, zu. Die Elbe hat von Tetschen bis Meißen eine Länge von 93 km. Das Gefälle des Flusses ist, wie früher schon erwähnt ist, sehr gering, die Schiffahrt dadurch also nirgends gehemmt. Durch Uferdämme ist die Tiefe des Fahrwassers auf durchschnittlich 1¾ m erhöht, und es hat sich daher ein sehr lebhafter Verkehr, namentlich stromabwärts, entwickelt, der besonders Braunkohlen, Obst und Holz aus Böhmen, und Bausteine aus der Sächsischen Schweiz abwärts führt. Dieser Verkehr erleidet auch durch die in neuerer Zeit zahlreich gebauten Brücken kein Hemmnis. Schwierigkeiten und Gefahren bereitet eigentlich nur die Alte oder Augustusbrücke in Dresden. Aus dem Mittelalter stammen überhaupt nur zwei Brücken, die genannte Augustusbrücke und die Meißener Brücke, beide in der nächsten Nähe fürstlicher Residenzen angelegt. Erst in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts traten die Eisenbahnbrücken bei Mittelgrund, Schandau, Dresden, Niederwartha und Meißen hinzu, außerdem die steinernen Brücken bei Pirna, die Albert-, Carola- und Marienbrücke in Dresden.
Abb. 124.
Stadt und Festung Königstein.
Nach einem Aquarell von Adrian Zingg.
(Zu Seite 121.)
Abb. 125.
Die Schrammsteine.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden.
(Zu Seite 122.)
Abb. 126.
Dittersbach.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden.
(Zu Seite 124.)
Abb. 127.
Das Prebischtor und der Rosenberg.
Nach einer Aufnahme von Stengel & Co. in Dresden.
(Zu Seite 126.)
Die Dampfschiffahrt begann durch die Sächsisch-böhmische Dampfschiffahrtsgesellschaft für öffentliche Benutzung am 25. August 1837. Die erste Fahrt wurde von Dresden nach Meißen gemacht. Gegenwärtig wird durch die Dampfer dieser Gesellschaft der Strom von Leitmeritz bis Mühlberg befahren. Später traten für den Frachtverkehr noch drei andere Schiffahrtsgesellschaften, die schon bei Dresden genannt sind, hinzu. Am Schluß des Jahres 1901 waren bei den sächsischen Elbstromämtern registriert 80 Personendampfer und zwar 35 große und 5 kleine Raddampfer, 40 Schrauben- und sonstige Maschinenschiffe, 8 Güterdampfer, 46 Radschleppdampfer, 31 Kettenschleppdampfer und 492 Segel- und Schleppschiffe mit zusammen 186641 Tonnen Tragfähigkeit. Die Häfen befinden sich in Postelwitz, Königstein, namentlich aber in Dresden, der Alberthafen im Großen Gehege, und in Riesa. Die Verbesserung des Fahrwassers durch Uferbauten begann 1861. Wie sehr seit dieser Zeit die Schiffahrt sich gehoben hat und die Tragfähigkeit der Elbkähne gesteigert werden konnte, wird aus folgendem Vergleiche ersichtlich: Um 1852 trugen die größten Kähne 3000 Zentner, 1886: 15000 Zentner oder 750 Tonnen. Verglichen mit dem Raumgehalt der neuesten großen Seedampfer erscheint die Zahl von 750 Tonnen gering; anders erscheint die Größe, wenn man zum Vergleiche in ältere Zeit zurückgeht. Man wird erstaunen, wenn man hört, daß die aus fünf Seeschiffen bestehende Flotte Magalhães’ bei der ersten Weltumsegelung 1519–1521 zusammen nur 500 Tonnen Gehalt hatte, also an Tragfähigkeit bedeutend gegen einen einzigen großen Elbkahn zurücktrat. Ehe die Schleppdampfschiffahrt ins Leben trat, machten die Segelkähne gewöhnlich drei Reisen nach Hamburg in einem Sommer, später aber und jetzt kann die Zahl auf sieben und gar auf zehn Reisen gesteigert werden. Die Segelschiffahrt ist daher fast völlig verschwunden und das durch die weißen, hohen Segel belebte Strombild, wenn die Schiffe mit günstigem Fahrwinde elbaufwärts flogen, gehört ebenso der Vergangenheit an, wie die zahlreichen Schiffsmühlen auf der Elbe, die hart am Ufer in mancher malerischen Stromecke, aber auch an Stellen sich angesiedelt hatten, die der lebhafter werdenden Schiffahrt unbequem waren. Auch die Schiffzieher, die Bomätschen, sonst eine volkstümliche Erscheinung auf den Leinpfaden am Wasser, sind ausgestorben. Über die Größe des Güterverkehrs auf der Elbe beim Zollamt in Schandau sei folgendes erwähnt. Es betrug dieser Verkehr im Jahre 1900: 2735000 Tonnen. Einen noch größeren Verkehr zeigen die vier Rheinhäfen Mannheim (4¼ Mill. T.), Duisburg (3½ Mill. T.), Ruhrort (über 5 Mill. T.) und Emmerich an der niederländischen Grenze (10 Mill. T.), und ferner die zwei Häfen im Elbgebiet Berlin (4¾ Mill. T.) und Hamburg (5⅓ Mill. T.). Schandau steht also unter den deutschen Flußhäfen an siebenter Stelle. Die Frachten gehen meistens flußabwärts. Befördert wurden 1698000 T. Braunkohlen, 369000 T. Holz, 309000 T. Zucker, 80000 T. Steine (nur von den Brüchen oberhalb Schandau), 72000 T. Gerste und 14000 T. Obst. Flußaufwärts gingen namentlich Düngmittel (81000 T.), Roheisen und Erze (je 51000 T.). Was die Beförderung von Floßholz betrifft, so weisen die Häfen an der Memel (Memel) und Weichsel (Thorn) eine noch höhere Zahl von Tonnen auf, nämlich Thorn 722000 T. und Memel 647000 Tonnen. Hier steht Schandau an dritter Stelle. Die Elbflößerei hat darum eine besondere Bedeutung. Das Holz kommt aus den böhmischen Herrschaften, vor allem von der oberen Moldau. In Böhmen haben die Prager Juden diesen Handelszweig in der Hand. Die größten Holzniederlagen sind in Niedergrund und Herrnskretschen. Von hier gehen die großen Prahmen oder Flöße nach Magdeburg als dem Haupthandelsplatz an der mittleren Elbe; jedes Floß ist bis 110 m lang und hat vorn und hinten Ruder, acht Stämme liegen nebeneinander. Eine solche Magdeburger Prahme hat 14 Mann zur Bedienung für die 14 Ruder, je sieben vorn und hinten. Die Flöße dürfen nach dem Reichsgesetz von 1894 nicht länger als 130 m und 12,6 m breit sein. Sie dürfen auf der Elbe auch nicht nebeneinander, sondern nur, und zwar in einem Abstande von 400 m, hintereinander fahren. In der Regel dauert eine Fahrt bis Magdeburg acht Tage. Wenn die Flöße die Elbbrücken passieren, sammeln sich immer Zuschauer, um dem Steuern dieser schlangenartig sich bewegenden Fahrzeuge zuzusehen. Seit 1878 wird ein Zoll von dem böhmischen Holze erhoben, der dem Deutschen Reiche etwa ¾ Mill. Mark abwirft. Seitdem kommen nicht mehr verarbeitetes Holz, Bretter und dergleichen herein, sondern nur Rundholz und es haben sich auf deutschem Gebiet große Schneidemühlen an der Elbe in Schandau, Königstein, Laubegast, Dresden und Riesa entwickelt. Die Flößer stammen meistens aus den böhmischen Elbdörfern Herrnskretschen, Johnsdorf, Rosendorf, Arnsdorf, Elbleiten, Kamnitzleiten und Stimmersdorf, die sich, von Haus aus Handwerker und Bauern, ein Nebengewerbe aus der Flößerei gemacht haben.
Abb. 128.
Am Rauschentor bei Schmilka.
Liebhaberaufnahme von W. Thiel in Dresden.
(Zu Seite 128.)
Abb. 129.
Schmilka.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden.
(Zu Seite 128.)
Ein anderes nur am Sandstein haftendes Gewerbe ist das Steinbrechergewerbe (Abb. 134, 135 u. 136). Glücklicherweise ist die Zahl der in diesem Beruf beschäftigten Arbeiter nicht groß (sie betrug nur 3 vom Hundert der Bevölkerung), denn diese Arbeit ist sehr ungesund und rafft die Leute in ihren besten Jahren hin. Am gefährlichsten ist die Arbeit der Hohlmacher. Der Sandstein wird nicht von oben abgesprengt, sondern die wagerechten Klüfte oder Schichten, wodurch die Bänke voneinander geschieden sind, werden von unten her erweitert, bis der Arbeiter wohl 12 m tief unter der hohen Wand vordringen kann. Dieses Hohlmachen der Wand gestattet aber nur, daß der Mann, auf dem Rücken liegend, sich weiter vorschiebt, wobei er, nach oben arbeitend, immer den feinen Sandstaub einatmet. So entsteht durch Erkältung infolge der Lage auf dem nackten Steine die sogenannte Steinbrecherkrankheit, die bei wachsendem Siechtum oft schon mit 30 Jahren den Steinbrecher „bergfertig“ macht und ihn mit 40 Jahren dem Tode zuführt. Daher die große Zahl der Witwen und Waisen. Im Jahre 1881 gab’s allein in dem sächsischen Dorfe Schöna 35 junge Steinbrecherwitwen. Aber der höhere Lohn lockt die jungen Leute immer wieder an, sich dem Gewerbe zu opfern. Im Jahre 1897 waren beschäftigt 139 Bruchmeister, 68 Hohlmacher, 1391 Steinbrecher, 418 Steinmetzen, 1274 Räumer, 241 Räumerinnen, und es wurden in 387 Brüchen 177000 cbm Steine gewonnen. Der Arbeitslohn betrug bei den Männern für jede Stunde im niedrigsten Satz 22–25 Pfennige, im höchsten 40 bis 50 Pfennige; bei den Frauen dagegen nur 12–18 Pfennige. Im Jahre 1892 waren nur 334 Brüche mit 3300 Arbeitern im Betrieb, aber die Ausbeute betrug 187000 cbm. Die Ursache liegt wohl darin, daß oft jahrelang an dem Hohlmachen einer Wand gearbeitet werden muß, daß aber, wenn sie glücklich gefällt ist, auch ebenso lange Zeit wieder zur Aufarbeitung gebraucht wird. Die großen Stücke bis zu 500 Zentner nennt man Hamburger Ware. Die kleineren behauenen Werkstücke werden auf zwei aneinander befestigten hölzernen Schlitten „heruntergehuscht“ an den Strand und dort auf die Kähne verladen.
Abb. 130.
Das Felsentor auf dem Neurathen. Stich
von Ludwig Richter.
Aus: Dreißig malerische An- und Aussichten von Dresden und der nächsten
Umgebung. (Zu Seite 132.)
Eine sehr interessante Beschreibung von der Art und Weise, wie eine Wand hohlgemacht und gefällt wird und welches wunderbare Schauspiel das Stürzen einer Wand gewährt, hat ein tüchtiger Fachmann in der Zeitschrift: „Über Berg und Tal“ 1887 veröffentlicht. Danach darf eine Wand nur mit behördlicher Genehmigung zu Fall gebracht werden, wenn der königliche Steinbruchsaufseher und der königliche Kommissar die Wand vorher besichtigt haben und wenn nachgewiesen ist, daß durch den Fall kein Nachbar geschädigt, kein öffentlicher Weg gefährdet wird. Namentlich unterliegen die Brüche an der Eisenbahn der schärfsten Kontrolle. Es war früher doch vorgekommen, daß Blöcke bis in die Elbe stürzten und der Schiffahrt hinderlich wurden. Dann erst erfolgt nach genauer Prüfung die Genehmigung zum Hohlmachen; vielleicht muß auch sogar eine namhafte Kaution gestellt werden.
Abb. 131.
Bastei von der Elbseite.
Nach einer Aufnahme von F. & O. Brockmanns Nachfolger R. Tamme in
Dresden.
(Zu Seite 132.)
Zuerst wird mit einer kurzgestielten Hacke, deren flachgebogenes Eisen in der Mitte durchlocht ist und nach jeder Seite in eine Spitze ausläuft, hohlgemacht. Bei weiterem Vordringen unter der Wand wird auch mit Pulver, seltener mit Dynamit gesprengt, das Unterhöhlen muß an der Seite der Wand beginnen, wohin diese fallen soll. Ist nun die Verlosung (Kluftbildung) normal, dann ist die Arbeit leicht; ist aber die Wand mit der daranstoßenden verwachsen, dann löst sie sich nicht in gewöhnlicher Weise, sondern muß abbrechen und das geschieht oft unerwartet und wird gefährlich, weil die gewöhnlichen Warnungszeichen, die dem Fallen der Wand vorausgehen, nicht Zeit lassen zu fliehen. So ging am 18. Oktober 1887 eine regelrecht unterhöhlte Wand bei Posta unerwartet nieder und drückte einem noch unter derselben befindlichen Hohlmacher die Brust ein, so daß er nach wenigen Stunden starb. Ein großes Aufsehen erregte am 25. Januar 1862 die Kunde, daß bei Wehlen 21 Steinbrecher von einer fallenden Wand verschüttet seien; aber noch größere Verwunderung und Freude sprach sich aus, als man vernahm, daß sämtliche Arbeiter nach 30stündiger ununterbrochener Anstrengung aus ihrem steinernen Grabe unversehrt wieder ans Tageslicht gebracht werden konnten. Die fallende Wand hatte sich, wie wir es bei Höhlenbildungen, z. B. beim Eingang der Götzinger-Höhle, gesehen haben, schräg angelehnt und so den Verschütteten Raum und Luft genug gelassen, um 30 Stunden auszuharren.
Die zu fällende Wand in den Teichsteinbrüchen oberhalb Schöna, von der unser Gewährsmann spricht, war 45 m hoch, 40 m lang und unten 20 m, oben 15 m breit. Die Höhe der Unterhöhlung wurde, im Verlauf der Arbeit, immer niedriger, so daß die Hohlmacher zuletzt liegend „schroten“ (hohlmachen) mußten. Dann wurden die Steifen aufgestellt. Das sind Hölzer, Stützen von kerngesundem Holz in der Stärke von 30–45 cm und 2½-4 m Höhe. Es wurden 24 solcher Steifen unter die schwebende Wand gesetzt, wobei jeder, auch der geringste Zwischenraum, zwischen der Steife und dem Stein durch harte Holzkeile fest ausgeschlagen wird. Nur an einer kleinen Stelle wird so viel leerer Raum gelassen, um ein kleines Glasfläschchen anzubringen, dessen Zerspringen den geringsten Druck der Wand von oben anzeigt. Diese Steifen werden nur ganz vorn, höchstens 1–2 m zurück gestellt. Unter diesen Verhältnissen war die Wand bis 30 m hinein unterhöhlt. Die Gläser waren gesprungen, die Steifen zum Teil geborsten, loses Gestein fiel aus der Verlosung ab: alles Anzeichen, daß man nun durch Wegschießen der Steifen die Wand zu Falle bringen könne.
Allein vergebens. Die Wand fiel trotzdem nicht, und man mußte nicht nur neue Steifen setzen, sondern auch mit dem Hohlmachen noch weiter vordringen. Nur drei Arbeiter wagten es für einen Lohn von 5–6 Mark weiter zu schroten. Nun endlich, aber erst nach 14 Tagen, fiel die Wand. Aus ihrem Innern kamen starke, dumpfe Schläge wie von verhallenden Kanonenschüssen, zuerst in tagelangen Pausen, dann aber am Tage vor dem Fall stärker und häufiger. Dann begann die Bewegung der Wand. Loses Gestein rollte aus der Verlosung nach außen, dazu ertönte im Inneren lautes Krachen. Das dauerte noch vier Stunden. Dann neigte sich die kolossale, weit über eine Million Zentner enthaltende Wand langsam unter donnerähnlichem Getöse, begleitet von hellen Flammen, die durch die riesige Reibung abgleitender Teile entstanden, und fiel. Große, dicke Staubwolken verhüllten minutenlang vorerst jeden Ausblick; dann sah man den günstigen Ausgang, daß das Material für mehrere Jahre genügte, um die weitestgehenden Ansprüche zu befriedigen. Den Schluß bildete natürlich ein heiteres Arbeiterfest mit Bier, Zigarren und schönen Reden.
Abb. 132.
Rathen.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden.
(Zu Seite 133.)
Aus diesen Teichsteinbrüchen stammen unter anderen die zwölf Säulen zu dem neuen Gebäude der Kunstakademie auf der Terrasse, jede dieser Säulen hat eine Höhe von 8 m. Zu dem Neubau am Königlichen Schlosse zu Dresden wurden aus denselben Brüchen auch zwei Blöcke geliefert, die jeder 638 Zentner wogen. Aus den Postelwitzer Steinbrüchen stammt der weiße Stein zu den Schillingschen Figurengruppen an der Terrassentreppe. Überhaupt sind alle monumentalen Bauten in Dresden: die Augustusbrücke, die Frauenkirche, katholische Hofkirche und Kreuzkirche, nicht minder der Zwinger und das Hoftheater aus Sandstein gebaut. Der Stein von Cotta eignet sich wegen seiner Feinheit und Weiche besonders zu größeren Luxusbauten und hat daher ein Absatzgebiet, das weit über Deutschlands Grenzen hinausgeht. So wurde 1738–1742 auch das königliche Schloß in Kopenhagen aus solchem Sandstein errichtet. Der Cottaer Bildhauersandstein, mit gleichmäßig feinem Korn, läßt sich leichter bearbeiten, ist aber auch leicht zerstörbar. Im Gottleubatal von Goës bis Klein-Cotta und Dohna werden in Steinsägewerken die Blöcke in Platten und Säulen zerschnitten und finden ihren Absatz über ganz Norddeutschland bis Schleswig-Holstein und Ostpreußen. Ihre Abfuhr erleichtern die beiden in Pirna einmündenden Zweigbahnen von Berggießhübel und Groß-Cotta. Der Poster Stein und der Teichstein werden wegen ihrer großen Härte und ihrer Widerstandsfähigkeit besonders zu Wasser- und Bahnbauten geschätzt. Härteres Material, gröberes Korn und größere Tragfähigkeit rühmt man an dem Liebethaler Stein, er wird daher zu Mühlsteinen verwandt. Der Stein aus den Kirchleiten bei Königstein ist dagegen wegen seiner großen Dichte zu Trögen in den chemischen Fabriken beliebt. So sieht man auch an der verschiedenen Verwendung des Quadersandsteines, wie verschiedenartig das Gestein in den einzelnen Teilen des Gebirges ist.
Abb. 133.
Ernte bei Weißig.
Liebhaberaufnahme von H. Engert in Dresden.
(Zu Seite 136.)
Es bleibt nur noch kurz zu erwähnen übrig, daß sich in Sebnitz und Umgegend und bis nach Schandau hinab die Herstellung künstlicher Blumen zu einem blühenden Erwerbszweig entwickelt hat. In Schandau ist sogar eine Fachschule für Blumenarbeiter gegründet. Die Ausfuhr dieser Erzeugnisse nach Nordamerika belief sich 1895 schon auf mehr als 750000 Mark.
So haben wenigstens die beiden größten Städte der Sächsischen Schweiz, Pirna und Sebnitz, eine Industrie, die ihren Namen über die Grenzen des deutschen Landes hinaus bekannt gemacht hat. Denn aller Sandstein, der versandt wird, heißt in der Fremde Pirnischer Sandstein. Und Sebnitz hat neben älteren Gewerbszweigen durch die Herstellung künstlicher Blumen einen erhöhten Handelsverkehr gewonnen. Übrigens sind die Städte in unserem Gebiete nur als klein zu bezeichnen, denn keine erreicht eine Bevölkerung von 20000 Seelen. Die meisten sind in ihrer Lage im engen Elbtal oder in einem tiefen Seitental oder auf einer Felsenanhöhe dermaßen beschränkt, daß an eine bedeutendere Ausdehnung nicht zu denken ist. Einzig und allein Pirna ist einer größeren Ausdehnung fähig. Daher kommt es, daß auch jetzt schon Pirna fast ebenso volkreich ist, als die anderen Städte zusammen, nämlich 18300 Einwohner gegen 18900 Einwohner.
Zunächst mögen diese Städte hier der Größe nach aufgeführt und zugleich ihre Volkszahl vor 100 Jahren in Klammern dahinter gesetzt werden.
Pirna zählte 1900: 18300 Einwohner (3660 im Jahre 1801), Sebnitz 8650 Einwohner (2320), Königstein 4270 Einwohner (1080), Schandau 3260 Einwohner (950), Wehlen 1400 Einwohner (670), Hohnstein 1320 Einwohner (600).
Man sieht daraus, daß Pirnas Bevölkerung in 100 Jahren um mehr als das fünffache, die von Sebnitz fast um das vierfache, Königstein um das vierfache, Schandau um mehr als das dreifache gestiegen ist und Wehlen und Hohnstein sich nur verdoppelt haben.
Pirna (Abb. 137) hat zweifellos die günstigste Lage, es lehnt sich an das Sandsteingebirge, genießt aber auch alle Vorteile des offenen Elbtalbeckens. Pirna hat schon im Mittelalter eine größere Bedeutung. Wir haben schon bei der Schilderung Dresdens auf den alten Straßenzug durch das Pirnische Tor und die Pirnische Straße hingewiesen. Gedeckt war die Stadt im Mittelalter durch die über Pirna auf der ersten Sandsteinhöhe thronende Feste Sonnenstein, die seit 1811 in eine Irrenanstalt umgewandelt ist. Die Stadt hat eine lebhafte Industrie, günstige Handelsverbindungen, da es im Knotenpunkt mehrerer Bahnen liegt und ist in erfreulicher Blüte begriffen. Erst seit 1404 gehört Pirna dauernd zur Markgrafschaft Meißen.
Abb. 134.
Steinbruch in der alten Posta.
Gesprengte Wand, die aber nicht fiel, sondern sich nur gesetzt hat.
Liebhaberaufnahme von Hofgoldschmied P. Eckert in Dresden.
(Zu Seite 141.)
Sebnitz (Abb. 138), die zweite und ebenso gewerbreiche Stadt, liegt gleichfalls am Rande der Sächsischen Schweiz. Trotz ungünstiger Lage und schwieriger Verkehrsverbindungen, weil die Stadt nach allen Seiten von hohen Bergen und Landrücken umgeben ist, hat Sebnitz doch immer eine lebhafte Industrie entwickelt und für seine Erzeugnisse auch Absatz gefunden. Ursprünglich herrschte hier wie weiter im Osten in der ganzen Lausitz und in Nordböhmen die Weberei vor. Schon vor hundert Jahren bezeichnete Götzinger den Ort von damals nur 2300 Einwohnern als eine bedeutende Manufakturstadt Sachsens, wo besonders leinene und halbseidene Waren verfertigt wurden und verschiedene von diesen Artikeln unter dem Namen Sebnitzer Zeuge bekannt waren und wohl gar im Auslande für französische Zeuge verkauft wurden; jetzt scheint nur Leinwandweberei und Druckerei noch zu bestehen. Man hat sich einem anderen Zweige der Industrie zugewandt, der Verfertigung künstlicher Blumen, wofür sich Sebnitz dermaßen emporgeschwungen, daß es der erste Platz dafür in Sachsen geworden ist. Daneben sind noch die Herstellung von Papier und Knöpfen zu nennen.
Abb. 135.
Steinbruch in der alten Posta.
Gefallene Wand.
Liebhaberaufnahme von Hofgoldschmied P. Eckert in Dresden.
(Zu Seite 141.)
Abb. 136.
Steinbruch in der alten Posta bei Pirna.
Liebhaberaufnahme von Hofgoldschmied P. Eckert in Dresden.
(Zu Seite 141.)
Königstein verdankt seine Entstehung dem Schutze der die Stadt überragenden Festung; die Stadt ist also jedenfalls jünger als Sebnitz. In seiner Lage im engen Bielatal und am schmalen Elbstrande hin für weitere Entwickelung beschränkt, war eine Ausdehnung nur in bescheidenem Maße gestattet. Trotzdem hat sich diese Stadt weiter entwickelt und bei wachsender Volkszahl auch neue Industriezweige entfaltet. Wenn Götzinger zu seiner Zeit als Hauptnahrung Brennerei und Viehmast, Schiffahrt und Steinbrechen nennt und darauf hinweist, daß das im siebzehnten Jahrhundert so berühmte Königsteiner Bier kaum noch gebraut werde, so finden wir statt dessen gegenwärtig bedeutende Holzsägewerke und Schiffbau, Papier- und Zellulosefabrikation und verschiedene Gewerbe, die sich mit der Verarbeitung und Verwendung des Holzes beschäftigen. Der Erfinder der Holzschleiferei und des Holzstoffes, Friedrich Gottlob Keller (1816 bis 1895), starb in Krippen, wo ihm auf dem Kirchhofe ein Denkmal gesetzt wurde. Die Inschrift auf dem Grabsteine Kellers lautet: „Hier ruht Friedrich Gottlob Keller, geb. den 27. Juni 1816 zu Hainichen, gest. den 8. September 1895 zu Krippen. Dem Erfinder des Holzschliffes in dankbarer Anerkennung gewidmet von Mitgliedern des Sächsischen Verbandes deutscher Holzschleifer und des Vereins Sächsischer Papierfabrikanten.“ Das Städtchen Königstein führte im Volksmunde auch den Spottnamen Quirlequitsch. Derartige Hänseleien und auch Spottverse, womit die „getreuen Nachbaren“ einander zu necken pflegten, waren auch an der Elbe beliebt. Da hieß es von Schandau: „Meißnische Ehre und Redlichkeit haben in Schandau ein Ende;“ und der Antiquarius des Elbstroms fügt 1741 in biederer Gesinnung hinzu, damit man sich nicht für die böse Seite des doppelsinnigen Ausspruches entscheide, daß das Meißner Land bei Schandau zu Ende gehe und daß man daher unrecht tue, wenn man diesen Ort zum Leitmeritzer Kreise und nach Böhmen rechne. — Von der Armut der Hohnsteiner lautete der Denkspruch: „Wer sich will in Hohnstein nähren, muß essen Schwämme, Pilze und Heidelbeeren.“ Die Städte Stolpen, Neustadt und Sebnitz wurden summarisch abgetan mit den Reimen:
Auch Pirna blieb nicht ungeneckt, doch gehört der Spottvers erst der neueren Zeit an, da die darin ausgesprochene Gleichstellung der Insassen von Pirna und von der Irrenanstalt auf dem Sonnenstein erst nach Errichtung dieser Anstalt 1811 entstehen konnte.
Am meisten hat aber wohl stets der Name Quirlequitsch für Königstein heitere Zustimmung erfahren, auch wenn man sich die Entstehung des Namens nicht klar gemacht hat. Ist man doch in satirischer Laune sogar geneigt gewesen, das Wort aus dem Lateinischen „querularum quies“ zu deuten. Das mag wohl auch den Satiriker Rabener veranlaßt haben einen „Auszug aus der Chronike des Dörfleins Querlequitsch, an der Elbe gelegen“, zu schreiben, der zuerst in den Belustigungen des Verstandes und Witzes, 1742, erschien. Dieser Aufsatz enthält keinerlei Beziehungen auf Zustände in der Stadt Königstein, sondern soll nur, wie schon der Pfarrer Süßen in seiner Historie des Städtchens Königstein 1755 vermutet, durch eine inventierte angenehme Erzählung die Schwachheiten mancher Geistlichen kritisieren, welche diese bei Abfassung von Chroniken an den Tag legen, wenn sie zuweilen mitten in der Chronik anfangen zu predigen, oder sich sonst bei Erzählung geringfügiger und fabulöser Dinge aufhalten, aber dabei wichtigere Mitteilungen versäumen.
Abb. 137.
Pirna und der Sonnenstein.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden.
(Zu Seite 147.)
Sonst muß man leider bekennen, daß das Städtchen nie Gegenstand besonderer Beachtung in der beschreibenden Literatur gewesen ist. Ganz anders stand die Festung Königstein da (Abb. 139 u. 140). Sie wurde schon eines Besuchs für wert gehalten, ehe noch die Schönheiten der Sächsischen Schweiz erkannt worden waren und man scheute auch die beschwerlichen Wege nicht, die von Dresden her auf die unbezwingliche Burg hinaufführten. Es gab außer den eigentlichen Festungsanlagen und der kriegerischen Ausrüstung noch mancherlei staunenswerte Werke zu besichtigen; namentlich den tiefen Brunnen und das große Weinfaß. Auch erfuhr man mancherlei über die bemerkenswertesten Gefangenen, die hier, sei es mit Recht oder Unrecht, in den Kerkern geschmachtet hatten. Unter diesen Gefangenen waren mehrere, die durch ihre einflußreiche Stellung im Leben entweder eine beachtenswerte Rolle auf der Bühne der Weltgeschichte gespielt hatten oder durch Schwindeleien und Betrug ihre Freiheit und wohl gar das Leben verwirkt hatten. Zu jenen zuerst genannten gehörte der unglückliche Kanzler Nikolaus Crell, der nach zehnjähriger Gefangenschaft 1601 vom religiösen Fanatismus dem Blutgericht überliefert wurde, und ferner der livländische Edelmann Johann Reinhard von Patkul, der während des Nordischen Krieges eine Zeitlang eine Vertrauensstellung bei August dem Starken innegehabt hatte, aber im Altranstädter Frieden 1706 auf besonderes Verlangen Karls XII. an Schweden ausgeliefert und im folgenden Jahre in Polen gerädert wurde. Zu der zweiten Gruppe gehören der Abenteurer Johann Hektor von Klettenberg und der Geheimsekretär Menzel. Klettenberg war in Frankfurt 1680 geboren, studierte auf mehreren Universitäten und wurde, da er in einem leichtfertig veranlaßten Zweikampf seinen Gegner erstochen hatte, in Frankfurt zum Tode verurteilt, fand aber, indem er seine Wächter mit Opium betäubte, Gelegenheit zu entfliehen und führte nun von 1710–1720 ein Abenteurerleben, das ihn in vielen Städten des alten deutschen Reiches bekannt machte, wo er sich für einen Adepten ausgab. Im Herbst 1713 trat er mit August dem Starken in Verbindung, den er bald durch seine frechen Behauptungen, er verstehe die Kunst, unedle Stoffe in Gold zu verwandeln, derart zu gewinnen und zu bestricken wußte, daß er mit dem damals ungeheueren Gehalte von 1000 Talern monatlich in des Königs Dienste genommen wurde, um durch seine geheime Kunst reichliche Mittel zu schaffen für die mannigfachen kostspieligen Unternehmungen und Feste des prachtliebenden Fürsten. Anfangs „arbeitete“ Klettenberg in Dresden selbst, aber schon 1715 verlegte er sein Laboratorium nach Senftenberg, wo er ganz ungestört sein Wesen treiben konnte. Er kam nur gelegentlich noch nach Dresden. In Senftenberg, wo er sich Exzellenz nennen ließ, wie er früher sich auch schon ganz unberechtigter Weise den Rang und Titel eines russischen Oberst zugelegt hatte, ging nun eine tolle Wirtschaft los. Von den Amtsuntertanen schrieb er eigenmächtig Lieferungen aller Art aus: Schlachtvieh, Hühner, Eier, Fische, Stroh und Holz verlangte er nach ganz geringen, in einer alten Amtstaxe enthaltenen Preisen, die er nicht einmal bezahlte. Die Klagen der bedrückten Untertanen, schreibt von Weber (a. a. O. X. 139), verhallten ungehört. Aus Senftenberg und Umgegend versammelte Klettenberg einen zahlreichen Kreis um sich zu täglichen Schmausereien, bei denen unmäßig getrunken wurde. Wüste Szenen spielten sich an Buß- und Feiertagen auf offener Straße ab, widerliche Unflätereien wurden öffentlich betrieben. Dabei entblödete sich Klettenberg nicht, trotz seines hohen Gehaltes noch Geld zu unterschlagen und Schulden zu machen. Das brach ihm den Hals. Im Januar 1718 wurde er wegen Wechselschulden (18000 Taler) verhaftet. Den König hatte er immer wieder mit Ausflüchten und leeren Versprechungen hingehalten, nachdem für die Goldmacherei bereits 60000 Taler verausgabt waren. Nun kam das Strafgericht. Klettenberg kam in Untersuchungshaft. Sein Gehalt wurde monatlich von 1000 Taler zuerst auf 50 und dann auf 25 Taler herabgesetzt und im Februar 1719 seine Abführung nach dem Königstein befohlen.
Abb. 138. Sebnitz. (Zu Seite 147.)
Der Kommandant vom Königstein war Kyau, ein Mann, der durch seine jovialen Einfälle sich eines gewissen Rufes erfreute, kam aber dem Befehle, den Adepten sorgfältig bewachen zu lassen, nicht in vollem Umfange nach und so konnte denn Klettenberg am 30. April einen Fluchtversuch ausführen, wurde aber schon am nächsten Orte, Gorisch, wieder eingefangen und weil er später einen zweiten Versuch wagte, sich zu befreien, am 1. März 1720 hingerichtet.
Der zweite Sträfling, der sich die langjährige Gefangenschaft auf dem Königstein durch seinen Verrat von Staatsgeheimnissen zugezogen hatte, war der Geheimsekretär Friedrich Wilhelm Menzel, der die Abschriften der Verträge zwischen Rußland und Sachsen und des Briefwechsels, den Graf Brühl mit Rußland und Österreich unterhalten hatte, an Friedrich den Großen in den Jahren kurz vor dem Siebenjährigen Kriege auslieferte und dem preußischen Könige damit die Beweismittel in die Hand gab von dem Vorhandensein eines geheimen gegen ihn gerichteten Bündnisses. Friedrich der Große rechtfertigte seinen Einbruch in Sachsen 1756 damit, daß er diese Schriften veröffentlichte. Der Verräter wurde aber später entdeckt und büßte seine Tat durch eine dreiunddreißigjährige Gefangenschaft von 1763–1796.
Unter den Sehenswürdigkeiten auf dem Königstein verdiente natürlich der unter Kurfürst August vollendete tiefe, wasserreiche Brunnen, von dem schon berichtet ist, vor allem einen Besuch. Man zeigte den staunenden Fremden aber nicht bloß die Tiefe dadurch, daß man von oben Wasser hineingoß und darauf aufmerksam machte, wie viel Zeit vergehe, ehe das Wasser den Spiegel unten im Grunde erreiche, aufschlage und der Schall des Geräusches wieder herauftöne, sondern man ließ auch Lichter an der Brunnenkette hinab, um an dem Immerkleinerwerden der Lichter die ungeheuere Tiefe sehen zu können. Zu einer weiteren Ergötzlichkeit war aber auch ein Gedicht verfaßt, das als eine Anrede des Brunnengeistes an den Besucher gedacht war.
Vergänglicher als dieser für eine Festung unentbehrliche Wasserspender war das andere Bauwunder der Felsenfeste, das große Weinfaß. Es ist merkwürdig, wie seit dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts zwei Kurfürsten des heiligen römischen Reiches sich wetteifernd zu überbieten suchten, wer das größte Weinfaß zu bauen im stande sei, und doch war keiner von beiden des Reiches Mundschenk. Es waren dies die Fürsten von der Pfalz und von Sachsen. Der Pfälzer begann und ließ im Schloß zu Heidelberg 1586 ein Weinfaß bauen, das 1185 Hektoliter faßte. Darauf entstand 1624 auf dem Königstein ein solcher Weinhälter für 1450 Hektoliter. Das neue Heidelberger Faß von 1664 war auf 1651 Hektoliter berechnet; aber das neue Königsteiner vom Jahre 1680 faßte 2235 Hektoliter und kostete 20000 Mark zu bauen. Da aber dieses bald baufällig wurde, so mußte der berühmte Erbauer des Zwingers in Dresden, Daniel Pöppelmann, auf Befehl Augusts des Starken den Entwurf zu einem noch größeren Weinfasse anfertigen, das dann 1725 fertig gestellt wurde, 23000 Mark Baukosten verursachte und 2428 Hektoliter faßte. Dieses neue Riesenfaß verlangte aber auch ein neues Haus und so belief sich der Gesamtaufwand für diese Spielerei auf 40000 Mark. Im Jahre 1819 beschloß dieses Weingebäude sein fast hundertjähriges Leben und wurde wegen Baufälligkeit abgetragen; auch sollten die Räumlichkeiten der Magdalenenburg, in der sich das Faß befand, zu einem bombenfesten Provianthause umgebaut werden.
Von der ganzen Herrlichkeit sind nur die Schnitzwerke, ein riesiger Bacchus und allerhand Embleme und Zierat, übriggeblieben, die noch gezeigt werden. Der Königstein hatte durch die wachsende Größe seiner Fässer mehremal über Heidelberg gesiegt; aber der dichterische Ruhm ist am Rhein geblieben. Das Heidelberger Faß wird in lustigen und durstigen Liedern verherrlicht, vom Königsteiner „meldet kein Lied, kein Heldenbuch“. Die Sänger sahen gewiß mehr auf den Inhalt als die Form des Behälters.
Abb. 140.
Stadt und Festung Königstein.
Nach einer Aufnahme von F. & O. Brockmanns Nachfolger R. Tamme in
Dresden.
(Zu Seite 150.)
Daß aber die Besichtigung aller Herrlichkeiten auf dem Königsteine in früheren Zeiten kein billiges Vergnügen war, das hat uns Carl Julius Weber, der bekannte Verfasser des immer noch gern gelesenen „Demokrit“ verraten und zwar in seinen „Briefen eines in Deutschland reisenden Deutschen“ (Stuttgart 1834, 2. Auflage. III. 68–70). Er nennt den Königstein das Wunder Sachsens und meint: „Es gibt hier allerlei Merkwürdigkeiten — sehr unmerkwürdige Merkwürdigkeiten um des Trinkgeldes willen — höchst interessant aber bleibt die Runde um den Felsen, in Begleitung eines Invaliden, wie der meinige, der mit im Lager von Pirna war (1756) und Friedrich (dem Großen) ins Auge gesehen haben wollte.“ (Weber hat zweimal die Festung besucht: 1802 und 1823 — hier kann natürlich nur der erste Besuch gemeint sein.)
„Recht gern,“ erzählt unser Reisender weiter, „gab ich ihm den verdienten sächsischen Konventions-Taler — aber nun begannen beispiellose Prellereien! Der Kerl muß geglaubt haben, meine Achtgroschenstückchen seien Steinchen, die ich in der Sächsischen Schweiz aufgelesen hätte. Ich mußte das Zeughaus sehen, ob ich gleich versichert, daß ich von Berlin käme, und gab 8 gr. ‚Ja Herr! unter 16 gr. nicht!‘ Stolz gab ich noch zwei Achtgroschenstücke. ‚Nun haben Sie einen Taler, und mehr kostet mich das Berliner Zeughaus nicht.‘ Am Brunnen wurde mir ein Glas Wasser gereicht — 4 gr. Das große Faß mußte ich auch sehen — 4 gr. Ich mußte in die neuen Kasematten, und da man hier nichts forderte, so glaubte ich, sie gehörten in das Departement meines Führers, irrte mich aber sehr. Wir kamen an einen Opferstock: ‚Legen Sie doch einen Groschen ein!‘ Gut! Wir kamen zu einigen Arbeitern: ‚Geben Sie einige Groschen, wenn Sie nicht geschnürt sein wollen!‘ Gut. Aber bin ich nicht schon genug geschnürt? Ein Soldat, der den Schlüssel geholt hatte, erwartete seine 4 gr. — Die Wache, die meinen Namen hinaufgerufen, auf- und zugeschlossen und das ‚Kann passieren!‘ gerufen hatte, erwartete Gleiches. Aber nun kam mein Meister Prellhans mit einer Nachforderung, als ich ihm ohne Dank den Konventions-Taler in die Hand drückte. ‚Für die Kasematten, mein Herr!‘ Wie? Nun, hier sind noch 4 gr. ‚Wenigstens 8 gr., mein Herr.‘“
„So unverschämt geplündert, wie nirgendwo vor und nach, eilte ich vom Königstein hinab und kam schneller als es sonst geschehen wäre, nach Pirna — kaum, daß mich die schöne Natur mit der Menschheit versöhnte!“ —
Derartige Szenen, wie sie Weber auf der Feste erlebt haben will, gehören gegenwärtig natürlich der „guten alten Zeit“ an. Aber man darf nicht vergessen, daß der Besuch derartiger Merkwürdigkeit, ebenso wie der Besuch einer jeden Kunstsammlung in Dresden ähnliche Kosten verursachte. In jedem Museum zahlte man dem Leiter der Sammlung, mochte es ein Hofrat oder ein Professor sein, einen Dukaten und dem Aufwärter einen Gulden. Der Begriff der Öffentlichkeit fehlte noch und die Liberalität, die bereits in Paris oder Wien geübt wurde, war in Sachsen noch nicht eingeführt.