X.
Die ländliche Bevölkerung.

Die ländliche Bevölkerung.

Die ländlichen Wohnungen tragen im allgemeinen denselben Charakter und Baustil zur Schau wie im Elbtalkessel. Zu Grunde liegt der Plan des fränkischen Bauernhauses. Die so anheimelnden Strohdächer verschwinden, weil feuergefährlich und mehrfach ungesund, immer mehr (Abb. 146 u. 147). Neue Häuser dürfen nicht mehr mit Stroh gedeckt werden. Neben den bäuerlichen Wohnungen treten aber immer häufiger Bauten im städtischen Charakter und im Villenstil auf; denn in manchen Orten des Gebirges haben sich gesuchte und beliebte Sommerfrischen entwickelt, so daß, wie z. B. in Gorisch, das ehemalige Dorf zwischen den Neubauten fast verschwindet. Andere besuchte Orte sind Cunnersdorf bei Königstein und Hinterhermsdorf.

Die Volkstrachten sind leider nicht bloß im Elbtalkessel und in der Umgebung der Großstadt, sondern auch im Gebirge fast völlig verschwunden (Abb. 148 u. 149). Das Zeitalter der Eisenbahnen hat ihnen den Garaus gemacht. Aber noch im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts waren derartige Trachten noch bis nahe an Dresden lebendig. Jetzt erinnern uns hier noch Bilder an diese Vergangenheit. Da sehen wir eine Mutter im Sonntagsstaat mit dem Gebetbuche in der Hand und einer Pelzmütze auf dem Haargeflecht, daneben ein Mädchen mit buntgestreiftem Kopftuch nebst langer und breiter Schürze. Die Männer trugen Kniehosen, dazu eine frackartige Jacke mit ganz kurzen Schößen. Die Erwachsenen trugen einen Hut, die Knaben eine Mütze mit zwei roten Streifen, was an die Uniformmütze unserer Postboten erinnert. Wie nun alle solche Trachten sich aufs Land verbreiten, wenn sie in der Stadt aus der Mode gekommen sind, in der Nähe einflußreicher Städte aber die Tracht auf dem Lande noch etwas moderner, manchmal allerdings auch hundert Jahre jünger ist, als in abgelegeneren Orten, so ist es auch in den Dörfern der Sächsischen Schweiz gewesen. Man trug lange Kittel von ungebleichter Leinwand mit farbigen Aufschlägen und Kragen. In den Waldgegenden wurden Jacken und Beinkleider von ungebleichter Leinwand getragen und im Sommer sehr oft hohe und schwarze Pelzmützen. Diese Tracht erstreckte sich westwärts bis ins Erzgebirge, wo man im Weißeritztal um Schmiedeberg schon die erzgebirgische Tracht beginnen sah.

Alte Sitten und Gebräuche.

Von Sitten und Gebräuchen hat sich hie und da wohl noch einzelnes erhalten, anderes ist von unverständigem Eifer beseitigt, wohl gar von „polizeiwegen“; anderes hat man neu zu beleben gesucht. Allein man muß befürchten, daß auf dem Naturboden des Volkstums künstliche Blumenzucht nicht gedeihen kann.

Viele dieser Sitten schließen sich oder schlossen sich an den Gang des christlichen Jahres an; allein gleich der erste Brauch scheint durchaus vom Heidentum her überliefert zu sein, wenn um Wintersonnenwende die sogenannte lange Nacht mit Spiel und Gesang und Tanz wie ein altes Julfest gefeiert wurde. Übrigens bergen sich bekanntlich unter manchen Gebräuchen an hohen Festtagen uralte Gepflogenheiten, die unter christlichem Schutz einen Unterschlupf finden und ihr schwaches Leben fristen.

Abb. 144. Stadt und Schloß Hohnstein, vom Hockstein. Stich von Ludwig Richter.
Aus: Dreißig An- und Aussichten zu dem Taschenbuch für den Besuch der Sächsischen Schweiz. 1823.
(Zu Seite 159.)

Das Weihnachtsfest bietet nichts Besonderes, Abweichendes; die Poesie, mit der die Bewohner des Erzgebirges dieses Fest umwoben haben, hat hier keinen Anklang, keine Verbreitung gefunden. Dagegen wurde das Fastenbeten früher den drei hohen Kirchfesten gleichgestellt. M. Martin erzählt darüber: „Als bei einer Kircheninspektion der Herr Superintendent einen Jungen nach den drei hohen Festen fragte, gab dieser die klassische Antwort: Fastenbeten, Lobetanz und Schweineschlachten.“ Das Fastenbeten besteht in einem kleinen Abendgottesdienst in der Schule und daran anschließender freier Tanzmusik. Vor fünfzig Jahren wurde die Feierlichkeit des Morgens abgehalten und für das gute Hersagen des sogenannten Beteliedes wurden Fastenbrezeln verabreicht.

Schifferfastnacht.

Darauf folgte die Schifferfastnacht, ein, wie es scheint, nur in den Dörfern an der Elbe verbreitetes echtes Volksfest, namentlich für die Jugend. Ursprünglich nur zu Ehren des löblichen Schiffergewerbes entstanden, dessen wir bereits ausführlicher gedacht haben, wurde dieses Fest im Winter, vor der eigentlichen Fastnacht gefeiert, ehe die Elbe eisfrei wird und die Schiffahrt wieder beginnen kann. Den Mittelpunkt des Festes bildete ein von Haus zu Haus durchs ganze Dorf führender Masken- oder Kostümaufzug. Die Teilnehmer des Zuges bestanden aus den sogenannten Schwarzen und Weißen. Zu den Weißen gehörten der Schiffsdoktor und seine Frau, der Kapitän und seine Frau, zwei Hanswürste und die Jungen, die das Festschiff tragen, einen Dreimaster mit vielen bunten Bändern und Wimpeln geschmückt, die von den jungen Frauen im Dorfe verehrt werden. Ein solches Ehrenschiff wird alle Jahre wieder hervorgeholt und dient oft hundert Jahre lang. Die zweite Abteilung bilden die Schwarzen, das sind die jungen Burschen in oft komischer und abenteuerlicher Tracht als Förster, Nachtwächter, Briefträger und Handwerker aller Art. So zieht man unter Vorantritt eines Musikchors durchs Dorf. Nach dem Umzuge beginnt dann der Tanz oder werden auch Schauspiele, am liebsten verwegene Ritterschauspiele, zur Aufführung gebracht. Von den Zuschauern werden kleine Geldbeiträge eingesammelt, die dann am zweiten Tage von den Mitspielern, die als Dorfkünstler mit dem Namen „die Narren“ (ganz nach der Bezeichnung des alten Mummenschanzes) beehrt, in einer heiteren Nachfeier verspeist oder vertrunken werden. In Postelwitz dauerte sonst die Schifferfastnacht vier Tage, zwei für die Erwachsenen und zwei für die Jugend. Seitdem aber die Polizei die Larven und die Vermummung bei Umzügen, wahrscheinlich als groben Unfug, verboten hat und auch sonst dergleichen Festlichkeiten strenger überwacht, hat diese Schifferfastnacht viel von ihrer Urwüchsigkeit verloren. In Schandau wurde sie 1869 abgeschafft, neuerdings, seit 1893, hat man sie wieder zu beleben gesucht.

Abb. 145. Hohnstein.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 159.)

Das Todaustreiben.

Ein anderes Fest galt der Wiederkehr des Frühlings, auf den allerdings auch der Fastnachtsscherz schon anspielen soll. Mit der Wiederkehr des Frühlings und der Sonne verknüpfte sich dann weiter der volkstümliche Glaube, daß damit auch die Krankheiten wieder zunehmen und sich als böse Geister oder Dämonen einzuschleichen suchen. Man darf sie nicht ins Land lassen und muß namentlich im Frühling auf seiner Hut sein, sonst bleiben sie das ganze Jahr und plagen die Menschen, namentlich wenn sie mit der Feldarbeit beschäftigt sind, die vor Ostern beginnen soll. Daher wird am Lätarefest der Dämon der Krankheit und des Todes in Gestalt einer Strohpuppe erst durchs Dorf unter alten Volksversen getragen und dann ins Wasser geworfen. Dieser aus Franken und Thüringen eingewanderte Brauch hat überall eine besondere örtliche Färbung angenommen und wird das „Todaustreiben“ genannt.

Möglicherweise stammt der Brauch noch weiter her aus Südwestdeutschland, wo die Kinder im schwäbischen Saulgau schon zu Fastnacht durch den Ort rufen: „Dåraus, dåraus, Dôt naus, Dôt naus!“

In Süd- und Westdeutschland scheint mit diesem Maskenspiel hauptsächlich der Gedanke verknüpft zu sein, den Sieg des Sommers über den Winter zu feiern. „Das lebendige Naturgefühl der Germanen,“ schreibt Felix Dahn in der „Bavaria“ (Oberbayern, S. 369), „hat den poesievollen Kampf und Wechsel der Jahreszeiten mit innigster Empfindung erfaßt, und wie so viele ‚Mythen‘ ihres Götterglaubens auf diesen Sieg der holden Zeit, des freudigen Lebens und Lichtes über Tod und Finsternis zurückweisen, so hat sich auch in christlicher Zeit noch der Jubel über die Wiederkehr des „milden Mayen“ in den verschiedensten Formen ausgeprägt erhalten... Hie und da kommt noch der Umzug der beiden Figuren des Sommers und des Winters vor... Endlich wird nach kurzem Gefecht der Winter vom Sommer besiegt und nun entweder in dem Dorfbrunnen ersäuft oder unter Jubel und Lachen zum Dorfe hinaus in den finstern Wald gejagt, wohin er auf lange Zeit verbannt ist.“

Ähnlich ist’s auch an der Haardt in der Rheinpfalz, wo noch das Lied dazu gesungen wird: Ri—ra—ro, der Summerdak isch do! Es ist der gleiche Anfang wie in dem weitverbreiteten Kinderliede: Tra—ri—ra, der Sommer, der ist da.

Abb. 146. Altes Häuschen im Dorfe Wehlen.
Liebhaberaufnahme von H. Engert in Dresden. (Zu Seite 160.)

Eine andere Färbung erhält das Spiel in manchen Seitentälern der Rednitz in Mittelfranken, z. B. im Aisch- und Zenngrunde. Da verfertigen die Burschen eine Strohpuppe, die den Tod vorstellt, durchs Dorf geschleppt und schließlich verbrannt wird. Winter und Tod erscheinen fast identisch. Um ein fruchtbares und gesegnetes Jahr zu erzielen, wird der Tod den Wellen übergeben; aber es verknüpft sich zugleich der Gedanke damit, daß die Pest und der jähe Tod wie jene Strohpuppe ersäuft werden mögen. Und dieser spätere Nebengedanke scheint im Mittelalter mit den fränkischen Kolonisten auch nach Sachsen gekommen und an einzelnen Orten zum Ausdruck gebracht worden zu sein.

In Postelwitz und dem Dorfe Ostrau oberhalb Schandau trieben drei Wochen vor Ostern, also am Lätaresonntage, drei Jungen den Tod aus. Jeder trug eine an einen Stock gespießte Strohpuppe, die unter Begleitung der ganzen Jugend erst durchs Dorf getragen und dann in den Bach geworfen wurde. Wer von den dreien mit seiner Puppe zuerst ans Wasser kam, durfte nachmittags darauf den Todbaum tragen, während der zweite den Geldbeutel und der dritte einen Korb bekam. Damit begann wieder ein neuer Umzug durchs Dorf, wobei allerlei Gaben eingesammelt wurden. Der Todbaum war ein Tannenbaum, den man mit buntem Papier und Ketten von durchfädeltem Stroh behängt hatte. Vor jedem Hause wurde dann der altüberlieferte Vers, dessen Wortlaut in den einzelnen Dörfern voneinander abwich, gesungen:

Jetzt treiben wir den Tod aus,
Den alten Mann im Seehaus;
Und hätten wir heuer nicht ausgetrieben,
So wär’ er zu Jahre hinne geblieben
In unsres Vaters Lande.
Das wäre uns eine Schande.
Wir haben getrieben, wir haben gejagt
Zu Magdeburg (Hamburg) über die große Stadt,
Zu Magdeburg über die Brücke,
Gott gebe uns besseres Gelücke.
Wenn uns die Frau Wirtin eine Gabe gibt,
So soll’s mit ihrem Willen geschehen,
Wir woll’n auch fleißig danken,
Wir haben noch weiter zu wanken.

Abb. 147. Altes Haus im Dorfe Wehlen.
Liebhaberaufnahme von Hofgoldschmied P. Eckert in Dresden. (Zu Seite 160.)

Hatte man ein Geschenk erhalten, dann lautete der Abgesang:

Hab Dank, hab Dank, Frau Wirtin mein,
Das Himmelreich soll Euer sein
Und auch die himmelsche Krone;
Gott wird Euch belohne.

Darauf zog man vors Dorf und verkaufte den Todbaum für sechs bis acht Groschen. Und wer ihn erstand, nagelte ihn ans Haus. Er sollte vermutlich dann ein Schutzmittel gegen Krankheit und Tod abgeben und das Haus sollte samt seinen Bewohnern vor dem bleichen Gaste gefeit sein. Den Beschluß machte dann des Abends das Absingen von beliebten Gesangbuchliedern; dieses Singen wurde bis Ostern noch an mehreren Abenden wiederholt.

Diakonus Glootz in Schandau, dessen Schilderung (Über Berg und Tal, Bd. VI 291) wir diese Mitteilungen entlehnten, erzählt weiter, daß man in Postelwitz die zu dem Todaustreiben verwendeten Kinderpuppen von den jungen Frauen, die seit dem letzten Todaustreiben verheiratet waren, zu erwerben suchte. Die Puppen hießen Brauttode. Die größeren Schulknaben bemühten sich nun, solche Puppen zu bekommen. Diese wurden gern gegeben, die jungen Frauen gaben wohl gar außer der Puppe dem Bittsteller noch ein Geschenk von acht bis zehn Groschen drauf. Dieser alte Brauch nahm 1844 ein jähes Ende und zwar infolge der Anzeige eines Gensdarms an das Amt in Hohnstein. Es hatte jedenfalls seine religiöse Empfindung unangenehm berührt, daß die größere Jugend das Todaustreiben während des Gottesdienstes begann — „ein alter Brauch aus dem Heidentum“ —, wie der Polizist mit Recht bemerkt; „was ich jedoch durch Wegnahme der Karikatur vereitelte“. Der Tod wurde also arretiert und der Gensdarm berichtete weiter: „In Postelwitz zogen fast die ganzen Schulkinder in einer versammelten Schar im Dorfe umher und waren hierbei eine größere Anzahl Schulknaben ebenfalls mit auf Stangen gespießten Karikaturen versehen. Diese, sowie die übrigen nicht mit dergleichen Puppen versehenen Kinder zogen unter heftigem Wüten und Toben im Dorfe umher, und sind dieselben gemeint, auf diese Weise den Wintertod auszutreiben, worüber deren Eltern ihre Freude bezeigen. Bei diesem lärmenden Umherziehen üben diese Kinder eine feine Bettelei aus, indem sie die diese Gaukelei liebenden Einwohner um Gaben ansprechen. Auf dieses Todaustreiben folgt nun in den nachfolgenden Tagen bis auf Ostern abends das sogenannte Ostersingen, welches dann mit dem Osterschießen beendigt wird. Bei allen diesen Gelegenheiten findet der größte Unfug statt, indem am Ostersingen das ledige Personal teil nimmt. Da nun von einigen Einwohnern dieser Ortschaften Beschwerde über diese Übelstände geführt worden ist“ u. s. w.

Auf diese Anzeige hin erhielt der Pastor in Schandau den Auftrag, den angezeigten Unfug der Schuljugend auf geeignete Weise abzustellen, was dann auch geschah.

Abb. 148. Bauer aus Weißig.
Liebhaberaufnahme von H. Engert in Dresden. (Zu Seite 160.)

In Schöna und Reinhardtsdorf wird noch jetzt der Todbaum, eine aufgeputzte Birke, unter Gesang durchs Dorf getragen. Die Kinder selbst ziehen mit grünen Maien hinterher. Fällt Lätare zu zeitig, daß das Laub noch nicht heraus ist, dann legt man vorher die Birkenreiser ins Wasser, um die Knospen zu treiben. Dieser Zweig wurde dann später bei Aufgang der Sonne in fließendes Wasser geworfen, um den Tod zu ersäufen. Während des Umzuges durchs Dorf erklang das Lied:

Den Tod, den Tod haben wir ausgetrieben,
Den lieben Sommer bringen wir wieder.
Die Mädchen und die Maien;
Da wachsen Blümlein und Feigeln,
Wir haben getrieben, wir haben gejagt
Durch Hamburg, durch die große Stadt,
Durch Magdeburg über die Brücke.
Gott gebe Euch Gelücke!

An den Todbaum werden die erhaltenen Geschenke gehängt. In Rathmannsdorf bei Schandau hat sich noch ein letzter Rest dieses alten Brauches insofern erhalten, als zu Ostern mit bunten Papierstreifen, Eierschalen u. s. w. aufgeputzte Birken als Osterbäume vor den Häusern aufgestellt werden. Doch ist ein Umzug oder ein Gesang nicht mehr damit verbunden.

Geographische Erinnerungen an die Ersäufung der Todpuppe finden sich in mehreren Benennungen, z. B. der Todhübel bei Ostrau, ein Waldsteig bei Kleinhennersdorf heißt der Todweg, ebenso der Todweg nördlich von Cunnersdorf.

Lobedanz.

Dieser Brauch des Todaustreibens war im Gebirge wohl am originellsten ausgebildet. Die anderen sogenannten Feste haben dergleichen Eigenarten nicht aufzuweisen. Nur ein ursprünglich wohl lokal ganz beschränktes Fest mag noch etwas näher betrachtet werden. Daß es schon aus recht alter Zeit stammt, mag wohl schon der seltsame, in seiner jetzigen Gestalt unverständlich gewordene Name „Lobedanz“ beweisen. Allerdings wird auf diesem Feste, wie ursprünglich wohl bei allen, auch getanzt; aber daraufhin darf man das Wort „danz“ nicht deuten. Vielmehr soll es Lob- und Dankfest heißen und ist ein kirchliches Fest, das 14 Tage nach Pfingsten — nach unsicherer Vermutung und Überlieferung — wohl entstanden ist, als die Orte Schöna und Reinhardsdorf von einer schweren Pest heimgesucht und dann davon befreit wurden oder überhaupt verschont geblieben waren. Nach der kirchlichen Feier folgt am Abend ein freier Tanz und dabei, jedenfalls mit besonderer Beziehung zu der Veranlassung des Festes, der „Blumentanz“. Blumen und Laubschmuck bleiben aber zur Erinnerung noch erhalten, bis vier Wochen darauf der „Rascheltanz“ damit aufräumt.

Mundart in der Sächsischen Schweiz.

Die in der Sächsischen Schweiz vom Volk gesprochene Mundart ist die obersächsische. Diese Mundart herrscht im größten Teile des nordwestlichen Sachsen und noch in die Provinz Sachsen hinein; ihre Südgrenze findet sich am höheren Erzgebirge, im Osten endigt sie an der Lausitzer Grenze. Der besondere Zweig dieser Mundart, der namentlich im Elbtal und in dem Sandsteingebirge verbreitet wird, ist die meißnische Mundart. Im Erzgebirge und im Lausitzer Gebirge haben sich besondere Mundarten entwickelt, in der Sächsischen Schweiz nicht. Trotzdem findet ein geübtes Ohr bald den Unterschied in der Sprache eines Talbewohners unterhalb Dresdens und eines Gebirgsbewohners aus den Dörfern oberhalb Königsteins heraus.

K. Franke gibt in der Sächsischen Volkskunde von Wuttke eine ganze Reihe von Wörtern, von denen er meint, sie kehrten in den meisten obersächsischen Mundarten wieder, z. B. apblatn (einzelne Blätter von den Kräutern nehmen), aptofln (ausschelten), ärpern (Kartoffeln), bärladsch (Filzschuh), bemme (ein flachgeschnittenes Stück Brot), betäpperd (verblüfft), blaudse (Brust), breedn (fertig bringen), tattrich (Zittern), debs (Lärm), tembrn (die Zeit vertrödeln), titsche (Sauce, Verlegenheit), towrich (schwül), tutch (dumm), eschrn (sich abmühen). Diese wenigen genügen hier, um den eigentümlichen Wortschatz dieser Mundart zu kennzeichnen. Es wird hier vielleicht noch besser am Platze sein, zum Schluß unserer ganzen Darstellung eine Probe der meißnischen Mundart und ganz besonders aus der Sächsischen Schweiz selbst zu geben. Wir entnehmen diese Probe einem älteren, immer noch sehr geschätzten Werke von K. Preusker (Blicke in die Vaterländische Vorzeit, Leipzig 1843, II. 56); und wenn auch die Schreibweise nicht mehr den neuen Anforderungen einer schärfer unterscheidenden Sprachwissenschaft genügt, so scheint uns doch eine Umschmelzung für unsere Darstellung nicht am Platze, namentlich da die Zeit der ersten Niederschrift Preuskers schon um 60 Jahre zurückliegt.

Abb. 149. Hochzeitszug bei Naundorf.
Liebhaberaufnahme von H. Engert in Dresden. (Zu Seite 160.)

Mundart der Elbgegend um Hohnstein und Wehlen.

Ein Steinbrecher bietet sich einer von der Bastei herabkommenden Gesellschaft als Führer an und erklärt nun das Bemerkenswerteste nach seiner Weise: „Wenn Se hier fremde sein duhn un nich wissen, wo der Wahk giht, su will ich Se führen, wenn Se wunn. Sähn Se hier ungen leit Roaden (Rathen) un doa uben leit eene oale Burg, weil Se oaber schune runger sein, doa wären Se nich erscht roan steign; man sieht nischt wedder als en oaln Durm, un drunger ees e Kaller. In oalen Zeiden han eemoal oale Ridder druben gewohnt, ich weeß oaber nischt darvunn, un’s gibt wull lange keene raichten me, wenn oach manche so duhn, als wärn’s welche. Uff dr linken Seite ees de Elbe; se hat wedder uben viäl Strum, doa missen se Ucksen firspann, wenn sie ni furt kinn. Ooch’s oale Dampfschiff (das zuerst erbaute) ees schund uft liegen gebliebn. ’s ies en schund raicht, weil se unsern Schiffleiden viäl Abbruch dhun. Jetzt sein mer bale unger der Bastei. Do iber uns is a Fels, der heeßt de Steenschloider, do haben de Raiber sonst Steene bis uff de Schiffe in der Elbe geschmissen, die se han beroben wunn; ’s is aber nicht wohr; ’s is gar weit nibber, un wenn mer von dort uben en Steen nider werfen dhut, kommt er nur e klee Stückel her un dhut gleich an Felsen runger fallen. Sähn Se, hier han mir Steenbrecher eene Wand gefällt, e Sticke dervund leit in der Elbe. ’s ees duch immer besser, als wenn’s uffn Steenbrechern liegen dhäte. Se globen mersch wuhl nich? Vor dreizen Jahren, ’s war grade na Fingsten, kamen eemoal dreizen unger eene sicke Wand, ochte waren glei dut geschmissen, oaber finfe wurden erschtn sechsten Toag rausgesoh’n. Ich hoa sälber mit gereimt. Un wie se raus kummen dhaten, doa kunnten se nich giähn, se läbten oaber noch, un weil se so hungrich gewiäßt waren, doa hatten se vun en duten Kammeraden e Stickel abgeschniden un gegässen. ’s is och in en Bichel gedruckt wurrn. Hier müßmer fix giähn, denn weil eene Doafel doa stiht (zur Warnung wegen sich lösender Sandsteinwände), doa werd wieder eene Wand fallen. Hernachens kummer uff eene Wiese, doa giht’s bässer, die ees ä Sticke geflastert (nämlich wegen darauf gefallener Sandsteine). Durt sähmer schund Willstädtel (Wehlen, Wehlstädel). Ich hoa oach eene Schwester durt, die hatte en Schiffmann, er dhate oaber in der Elbe ersaufen. De Kerche ees oach racht schihn, eegentlich summer nachen Kinsten (Königstein) giähn, oaber doas es zu weit, de Kinder mißmer oaber durt doafen lassen. Un durt uben, übern Stadtel, is oach en oales Schluß gewiäsen. Da hoat sich in e oales Gemeier vun de oalen Riddern ä Schuster eigebaut un dhut sich stulz druf. — Ich muß abber nu furt, denn weil ich kee Schild hoaben dhue, doa derf ich kennen urdentlichen Führer machen. Bis Berne (Pirna) ees es nuch anderthalb Stunden. Schloafen Se wuhl. ’s giht nu grade aus.“

Dergleichen Unterhaltungen und Belehrungen konnte man in früheren Zeiten auch von den privilegierten Führern hören. Gerade darum ist dieses Beispiel der Mundart hier am Platze, wo es sich nicht bloß um die richtige Erkenntnis der Natur, sondern auch um Mitteilungen aus der Volkskunde handelt. Das Führerwesen selbst wird aber auch wohl bald der Vergangenheit angehören. Denn wo eine Berglandschaft so bequem zugänglich gemacht ist und überall genügende Wegweiser hat, wo die bekanntesten Wege so viel begangen werden, und manche Teile parkartige Szenerien bieten: da ist der Naturfreund nicht mehr auf fremde Führung angewiesen und nimmt allein und ungestört die mannigfachen Schönheiten der Sächsischen Schweiz tiefer in sich auf denn sonst.

Schlussvignette