An den Dresdener Talkessel schließt sich gegen Südosten als zweites Zwischenglied zwischen dem Erzgebirge und dem Lausitzer Hochlande das Sandsteingebirge an, das unter dem Namen der „Sächsischen Schweiz“ allgemein bekannt ist. Die Sand- und Plänerablagerungen der Kreidezeit haben sich hier in größerem Zusammenhange erhalten, während sie im Talkessel der Elbe in die Tiefe gesunken sind. Das ist besonders in Dresden selbst bei Bohrung eines artesischen Brunnens auf dem ehemaligen Antonsplatz, der jetzt von der städtischen Markthalle eingenommen wird, nachgewiesen, denn hier liegen die Schichten derart übereinander, daß zu oberst eine 15 m mächtige Schicht von Sand und Geröll liegt, darunter 129 m mächtig unterer Pläner, darunter 19 m unterer Quadersandstein und dann erst folgen ältere Gesteine, namentlich roter Sandstein. In der Sächsischen Schweiz spielt dagegen der Quadersandstein eine weit größere Rolle als der Plänerkalk und die Ausdehnung des Sandsteins bestimmt daher auch die Grenzen der Sächsischen Schweiz. Die Westgrenze bildet etwa die nordsüdliche Linie von Pirna über Berggießhübel an der Gottleuba aufwärts und weiter über Tyssa nach Königswald an der Eisenbahnlinie von Bodenbach nach Teplitz; auch die Grenze gegen den Dresdener Elbtalkessel verläuft rechts der Elbe von Pirna nach Bonnewitz noch in derselben Richtung. Von Bonnewitz, östlich vom Porsberge gelegen, läuft die Grenze, ohne daß der Gegensatz des Lausitzer Granitgebietes und des Sandsteinlandes überall orographisch sofort in die Augen fiele, erst in östlicher Richtung über den Lohmener Wald, Hohnstein, Lichtenhayn und Ottendorf nach Hinterhermsdorf und wendet sich von hier mehr südlich über Hinterdaubitz nach Kreibitz. Von hier aus kehren wir nach der Elbe zurück, überschreiten sie bei Tetschen, wo das Schloß auf dem südlichsten Sandsteinfelsen an der Elbe sich erhebt und verfolgen von hier weiter westwärts das Tal am Südfuße des Hohen Schneebergs bis nach Königswald. Die so umschriebene Fläche hat nur die Größe von 450 qkm. Also seiner Ausdehnung nach gehört das Gebirge mit zu den kleinsten in Deutschland und ebenso gehört es auch zu denen, die durch ihre Höhen und Gipfelpunkte keineswegs einen bedeutenden Eindruck machen.
Abb. 55.
Die Gemäldegalerie in Dresden. Fassade nach
dem Theaterplatz.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 55.)
Wenn trotzalldem die Sächsische Schweiz zu den von Fremden am meisten besuchten Gebirgen in Deutschland zu rechnen ist, so muß sie reizvolle Einzelheiten bieten, die eine große Anziehungskraft ausüben. Diese Eigenart ist schon in dem Namen Sächsische Schweiz angedeutet, wenn auch ein ernster Vergleich der wirklichen Schweiz mit unserem Gebirge das Maß der Ähnlichkeiten gewaltig einschränken würde.
Es liegt in dem Namen aber auch zugleich ausgesprochen, daß der Vergleich aus verhältnismäßig neuer Zeit stammen muß und daß er natürlich erst in einer Zeit erteilt sein konnte, wo man die Schönheiten der wirklichen Schweiz zu würdigen lernte; und das geschah erst in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts.
Man darf zunächst daraus schließen, daß das Sandsteingebiet früher einen anderen Namen gehabt habe, und wenn man auch zugeben muß, daß Gebirge und Flüsse nur selten in langen Zeitläuften ihren Namen ändern, so wird man hier doch nach einem solchen forschen. Die Kleinheit des Gebirges und die geringen Erhebungen seiner Gipfel lassen aber zugleich die Vermutung aufkommen, daß, wenn das Gebiet nicht einen besonderen Namen getragen hat, es zu einem anderen, mächtigeren Gebirge muß gerechnet gewesen sein; denn man mag von den Höhen der Lausitz oder von den östlichen Höhen des Erzgebirges sich der Sächsischen Schweiz zuwenden, immer wird man überrascht sein, den Blick nach unten, aber nicht nach oben richten zu müssen, also das Sandsteingebirge gleichsam unter sich zu sehen.
Abb. 56.
Die Königl. Kunstakademie in Dresden, von
der Neustadt gesehen.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 56.)
Nun ist bekannt, daß seit dem Mittelalter alle Gebirge, die das Land Böhmen mit ihrem Waldgürtel umgeben, die böhmischen Wälder hießen und zwar nicht bloß der jetzt noch so genannte Böhmerwald, sondern auch das Erzgebirge, die Sächsische Schweiz, das Lausitzer- und das Riesengebirge. Es war ein volkstümlicher Ausdruck, wie daraus hervorgeht, daß auch der Urtypus aller fahrenden Leute, Till Eulenspiegel „Dresden vor dem Böhmerwalde“ mit seinem Besuche beehrte, daß aber auf der anderen Seite, ich möchte sagen, offiziell der Name Böhmerwald für das Erzgebirge anerkannt wurde, wenn der Kurfürst August von Sachsen auf den von ihm selbst gezeichneten Reiserouten bei seiner Fahrt zum Regensburger Reichstage, 1575, über das Erzgebirge den Namen Böhmerwald einträgt. Und so wurde mehrfach noch im achtzehnten Jahrhundert die Sächsische Schweiz als ein Teil des Böhmerwaldes angesehen. In Sachsen selbst und zwar vorwiegend in der Nähe des Gebirges hörte man damals wohl auch die Bezeichnung „die Heide über Schandau“, aber es ist bezeichnend genug, daß mit diesem Ausdruck nur der ununterbrochene Wald, aber nicht die grotesken Felsenberge getroffen werden. Es gab also tatsächlich keinen allgemein bekannten Namen für das Sandsteingebirge, und es war also in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts eigentlich die günstigste Gelegenheit, das Gebirge zu benennen und es wurde dies fast zur Notwendigkeit, seitdem die Freunde einer erhabenen Natur immer zahlreicher in die einsamen Gründe und auf die Felsenberge sich hinaufwagten.
Abb. 57.
Die Königl. Kunstakademie in Dresden.
Ausstellungsbau.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 56.)
Die Veranlassung zu dem anfänglich von verschiedenen Seiten mit Kopfschütteln aufgenommenen Namen „Sächsische Schweiz“ haben zweifellos die beiden Schweizer Maler Zingg und Graff gegeben, die, wie bereits mitgeteilt ist, 1766 an die Kunstakademie in Dresden als Lehrer berufen wurden, aber erst später, und zwar Graff 1789 und Zingg 1803, den Titel Professor erhielten.
Gleich im ersten Jahre ihres Aufenthaltes in Dresden machten diese beiden Schweizer (Graff stammte aus Winterthur und Zingg aus St. Gallen) gemeinschaftlich einen Ausflug in das Sandsteingebirge, der so abenteuerlich verlief, daß es sich verlohnt, näheres darüber zu berichten. Wir folgen dabei der den Akten entnommenen Darstellung des ersten Herausgebers von „Über Berg und Tal“, Rechtsanwalt Gautsch.
Eines schönes Sommertags 1766 früh nahmen die beiden Schweizer ihre Zeichenmappen unter den Arm und den Wanderstab in die Hand und wanderten den vor den Toren der Residenz sichtbaren Bergen entgegen. Unbesorgt um Paß- und Polizeivorschriften gelangten sie am Mittwoch, den 27. August ungehindert an den Fuß des Königsteins, kehrten in der neuen Schenke vor der Festung ein und sprachen hier gegen den Wirt unverhohlen die Absicht aus, bei ihm einige Tage zu verweilen.
Abb. 58.
Das Hofopernhaus in Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 56.)
Der Wirt, der damals ohne Erlaubnis des Festungskommandanten keinen Fremden beherbergen durfte, meldete pflichtschuldigst am Abend, kurz vor Torschluß, seine Gäste bei dem damaligen Unterkommandanten der Festung, Oberst von der Pforte, an und übersandte zugleich ein Schreiben der Reisenden, worin sich der eine Graff und kurfürstlicher Hofmaler, der andere aber Zingg, Plattenstecher und Mitglied der Dresdener Akademie nannte und beide um die Erlaubnis baten, in der Schenke bleiben zu dürfen.
Der Oberst erlaubte ihnen das Übernachten daselbst, weil ihm die Namen „einigermaßen“ bekannt waren und weil es bereits später Abend geworden war, ließ jedoch denselben wissen, daß ihnen ein längeres Verweilen ohne Passe-port von ihm nicht gestattet werden könne.
Graff, der wohl nur zur Gesellschaft mitgewandert war und keine Landschaften aufnahm, ging daher am andern Tage wieder nach Dresden zurück. Zingg dagegen, der hier überall Vorwürfe für landschaftliche Zeichnungen fand, wanderte mit seiner Zeichenmappe noch nach Schandau und kehrte erst nachmittags von da nach Königstein zurück, wo er in dem Gasthofe einkehrte. Inzwischen hatte Oberst von der Pforte erfahren, daß Zingg Ansichten vom Königstein aufnehmen wolle, auch schon die Gegend um den Lilienstein aufgenommen und abends am Königsteiner Wege unter der Festung gezeichnet habe. Das erschien dem für die Sicherheit seiner Festung besorgten Unterkommandanten doch im höchsten Grade bedenklich. Er ließ daher den Gerichtsvogt Jahn im Städtchen von dem allen unterrichten, damit derselbe Vorsichtsmaßregeln treffen könnte.
Jahn nahm daher den verdächtigen Maler ins Verhör, befragte ihn über den Zweck seines Hierseins und verlangte seinen Paß. Weil Zingg nun keinen Paß hatte, auch sich „seiner Verrichtungen halber nicht legitimieren konnte“, so wurde ihm von seiten des Stadtrates Stubenarrest angekündigt und Beschlag auf seine Effekten gelegt.
Bei Durchsicht der Habseligkeiten fand man, daß Zingg den Lilienstein, alle vier Seiten der Festung Königstein und die Passage über die Elbe bei der Ziegelscheune, wo im Jahre 1756 die sächsische Armee übergegangen, aufgenommen hatte. Der Bürgermeister nahm ihm diese gefährlichen Zeichnungen weg und erstattete sofort an das Amt Pirna, seine vorgesetzte Behörde, über den Vorgang Bericht, sendete die Zeichnungen mit ein und fragte an, was mit dem Arrestanten geschehen solle.
Tags darauf langte der Bescheid des Amtmannes an: „Da dergleichen charakterisierte und bei Hof engagierte Personen keine Legitimationes oder Passe-ports, wie sie verlangt worden, und welche nur ein Militär-Terrorismus wären, nötig hätten, so sei Arrestant sofort wieder auf freien Fuß zu stellen und könne sich noch länger im Städtchen Königstein aufhalten und bei seiner Rückkehr nach Dresden die in das Amt gesendeten Zeichnungen wieder abholen.“
Über diesen der Kunst günstigen Bescheid beschwerte sich aber der Kommandant beim Generalfeldmarschall Prinzen Chevalier de Saxe, und dieser wiederum beim Administrator von Sachsen, dem Prinzen Xaver. Daraufhin bekam das Amt einen Verweis.
Zingg aber richtete nun ein Gesuch an die Regierung, worin er bat, ihm die Ausübung seiner Kunst überall in Sachsen zu gestatten. Darauf erhielt er unterm 20. August 1768 den Bescheid: „Dem Zingg bleibt zwar frei, die ihm gefälligen Gegenden in hiesigen Landen zu zeichnen und wird er auf sein Anmelden mit den hierzu etwa erforderlichen Pässen versehen werden, jedoch ist die Festung Königstein hiervon ausgenommen.“ An diese Ausnahme scheint sich Zingg später aber nicht gekehrt zu haben, denn wir finden unter seinen radierten Ansichten mehrfach den Königstein vertreten.
Abb. 59.
Das Königliche Schloß und die Wettinsäule in
Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 57.)
Ein günstiger Zufall hat das Skizzenbuch Zinggs vom Jahre 1766 erhalten, es befindet sich in der Kupferstichsammlung der Sekundogenitur des Königlichen Hauses. Und unter diesen Zeichnungen befindet sich auch ein Blatt, eine Studie von einer alten Weide am Elbufer, mit der handschriftlichen Bemerkung Zinggs: „Den 30. August 1766, ware arretiert worden“ (Abb. 64).
Zweifellos haben Zingg und Graff auch die Veranlassung gegeben, daß sich auch aus der Schweiz Schüler einfanden, um unter ihren berühmten Landsleuten sich ganz der Kunst zu widmen. Daß Zingg als Kupferstecher und Landschafter weit mehr Veranlassung hatte, unser schönes Bergland immer wieder zu durchwandern, als der Porträtmaler Graff, das liegt auf der Hand, davon zeugen auch die zahlreichen in Sepia ausgeführten Umrißradierungen, die noch von Zingg bekannt sind.
Fabrikmäßig wurden die zierlichen, geschickt ausgemalten Blätter und Blättchen, mit Zinggs Stempel versehen, auf den Markt geworfen — Zingg selbst bezog mit großen gefüllten Mappen zu dem Behufe die Leipziger Messen —; aber bei einer solchen Massenproduktion mußte man eines guten Absatzes gewiß sein — und die Käufer waren nicht lediglich Liebhaber der Kunst, sondern vorwiegend Freunde der Sächsischen Schweiz, die sich Zinggs Blätter (Abb. 65) als Andenken erwarben. Unter ihnen wahrscheinlich auch Landsleute von Zingg. — Nun lesen wir in der von Götzinger verfaßten Geschichte und Beschreibung des Amts Hohnstein und Lohmen vom Jahre 1786 die Bemerkung: Alle Schweizer, welche die hiesige Gegend besucht haben, versichern, daß sie mit den schweizerischen Gegenden sehr viel Ähnlichkeit habe. Götzinger, der erste Schriftsteller und Lobredner der Sächsischen Schweiz, ist hier durchaus glaubwürdig; denn es wird ziemlich um dieselbe Zeit auch von anderer Seite bezeugt, daß von Schweizern zuerst die Vergleichung der Sandsteinfelsen mit den Schweizerbergen ausgegangen sei.
Man nahm bisher an, daß der Name „Sächsische Schweiz“ zuerst 1794 in der Literatur nachweisbar sei. Allein wir müssen noch weiter, noch vor dem Erscheinen der ersten Schrift Götzingers (1786) zurückgehen. Da findet sich nun in Hasches Umständlicher Beschreibung Dresdens (Leipzig 1783, II. 453) folgende Stelle zunächst in unmittelbarer Beziehung zu dem Plauischen Grunde: „Diese Sächsische Schweiz im kleinen, eine außerordentlich schöne Gegend fürs Auge,... ein Tal, so schön als die Natur nur bilden kann“ u. s. w. Der Plauische Grund wird jene Sächsische Schweiz im kleinen genannt; es mußte also damals jedermann bereits verstehen, was der Verfasser mit diesem Vergleiche sagen wollte. Der Ausdruck „Sächsische Schweiz“ mußte schon in aller Munde sein, denn der Verfasser macht keinerlei Andeutung, daß das eine neue, noch ungewohnte Bezeichnung sei. Dann mußte sie doch wohl schon Jahre vorher entstanden oder erfunden sein; und wir kommen auf solche Weise dem Zeitpunkt, wo die beiden Schweizer ihre ersten Ausflüge ins Gebirge unternahmen, immer näher.
Abb. 60.
Weber-Denkmal in Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden.
(Zu Seite 58.)
Später als bei Hasche erscheint dann um 1790 die Form „Sächsische Schweiz“ in dem handschriftlichen Tagebuch der Elise von der Recke und 1794 wird er zum zweiten Male in den „Mahlertschen Wanderungen durch Sachsen“ gedruckt. Der Name hat sich dann bald so eingebürgert, daß er allgemein angenommen wurde. Erst später bei der genaueren wissenschaftlichen Erforschung des Gebietes machte sich das Bedürfnis nach einem geologisch treffenderen Ausdruck geltend, und so wurde die Bezeichnung „Elbsandsteingebirge“ geprägt. Wenn dieser Ausdruck nun auch in wissenschaftlichen Schriften den Vorzug findet, so behauptet sich doch im volkstümlichen Sinne und touristisch der Name „Sächsische Schweiz“.
Abb. 61.
Das Japanische Palais in Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 58.)
Das ganze Gebirgsland besteht nun, wie schon aus dem wissenschaftlichen Namen zu ersehen ist, aus Sandstein, der nach der eigentümlichen Art seiner Zerklüftung Quadersandstein genannt wird. Nur an wenigen Stellen ist durch Klüfte und Spalten das plutonische Gestein des Basalts heraufgedrungen und tritt auch hie und da an die Oberfläche, ohne indes die eigentlichen für den Sandstein charakteristischen Formen zu beeinflussen. Die Sächsische Schweiz besitzt keine Bergketten, keine langhingezogenen Höhenrücken wie das Erzgebirge oder das Lausitzer Gebirge, sondern nur einzelne Tafelberge mit senkrechten Felswänden, tiefe, engschluchtige Täler und Talspalten mit und ohne fließendes Wasser; aber die Felsberge sind wieder auf Hochebenen aufgesetzt, und die Täler und Gründe zeigen vielfach deutlich ausgeprägte Talstufen. Dazu hebt sich das Hochland allmählich nach Süden immer mehr (Abb. 66) und die Höhen der Berge wachsen in gleicher Richtung, bis dann mit einem Male oder in kurzen Absätzen das Gebirge gegen Böhmen abbricht. Im nördlichen, niedrigeren Teile ist das Gebirge noch vielfach bebaut und sind Dörfer über das Gebiet verstreut, der Süden aber wird auf beiden Seiten der Elbe nur von Wald, vorherrschend Nadelwald, bedeckt. Nur wo der Basalt zu Tage getreten und ein fruchtbarerer Verwitterungsboden entstanden ist, trifft man auch Buchenwald an.
Abb. 62.
Die Kreuzschule und das Körner-Denkmal in
Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 58.)
Abb. 63.
Der Hauptbahnhof in Dresden.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 59.)
Das ganze Sandsteingebirge wird in nordwestlicher Richtung von der Elbe durchschnitten. Das Tal des Stromes bleibt von Tetschen bis Pirna immer gleich eng, nirgends zeigt sich eine Talweitung, und so tritt uns dasselbe als ein von dem fließenden Wasser erzeugtes Durchbruchstal entgegen. Wenn man zu Schiff die ganze Strecke von Tetschen an zurücklegt, was bei den günstig liegenden Eilfahrten der Dampfer einen Zeitaufwand von vier Stunden beansprucht, dann wird man wahrnehmen, daß die Felsenhöhen, die wir vom Schiffe aus das Tal begrenzen sehen, im Süden sich noch mehr als 300 m über den Elbspiegel erheben, z. B. im Rosenkamm, an der Bastei noch 200 m, im Norden dagegen, bei Pirna, nur noch eine Höhe von 55 m über dem Wasser haben. Der Sockel des Sandsteingebirges, auf dem die Felsberge einzeln aufsteigen, scheint hiernach eine von Südost nach Nordwest langsam geneigte schiefe Ebene zu sein.
Überall haben wir dieselben Erscheinungen im vertikalen Profil, wenn wir vom Elbufer aus, sei es nach dem rechten oder linken Talrande hinaufsteigen. Die Gestalt ist immer die der nebenstehenden Figur: Auf eine sehr schmale Elbaue folgt eine aus Verwitterungsschutt des Sandsteines gebildete, meist mit Nadelholz bewachsene Böschung (a), aus der hie und da noch einige größere und kleinere Blöcke aufragen. Darüber steigen senkrechte Felsenmauern (b) empor, vielfach zerklüftet und gespalten, so daß man unschwer zwischen ihnen die Höhe gewinnen kann. Wo im Süden die Felsenmauern wesentlich höher sind, sind meist rohe Steinstufen angelegt, auf denen man die Höhe erklimmt; im Norden reichen mehrfach die Böschungen so hoch hinauf, daß es nur schräg aufwärts führender Fußpfade bedurfte, um die Höhe zu gewinnen.
Oben breitet sich ein meist ebenes Feld (c) aus, das an einigen Stellen so gleichmäßig flach erscheint, daß man ihm den Namen einer Ebenheit gegeben hat, z. B. Pirnische Ebenheit, Ebenheit am Lilienstein (Abb. 67), Flächen, die so groß sind, daß sie mehrere Dorffluren umfassen können. Weil hier vielfach besserer Lehmboden vorherrscht, so sind diese Hochflächen meist in Ackerland verwandelt. Wo besserer Boden fehlt, deckt Nadelwald das Land, das von zahlreichen engen Schluchten und Felsgründen durchschnitten ist, wodurch die Anlegung von Verkehrswegen erschwert wird.
Über die Hochflächen und Ebenheiten steigen dann die Felsberge (f) empor, die vorherrschend als „Steine“ bezeichnet werden, wie Königstein, Lilienstein. Hier wiederholt sich dasselbe Profil, wie beim Anstieg vom Elbufer aus, noch einmal: zuerst die Böschung (d), dann die Steilwand (e) und endlich oben die mit Wald bedeckte Fläche, wodurch alle diese „Steine“ das Aussehen von Tafelbergen gewinnen. Man kann nun leicht durch alle diese Hochtafeln sich eine zweite Ebenheit oder Fläche denken, von der aber nur die letzten Trümmer in den „Steinen“ stehen geblieben sind. Die Wasserwirkung, die wir vom Ufer der Elbe an, über die Böschungen und die Steilwände hinauf bis zu den Ebenheiten erkennen und dem Durchbruch des Stromes zuschreiben müssen, wird ebenso auch in der höheren Stufe der Steine, die das untere Profil noch einmal wiederholt, maßgebend für die Gestaltung der Sandsteinformen gewesen sein. Dann verdanken wir also der spülenden und sich in den Boden eingrabenden Kraft des strömenden Flußwassers, der Erosion, die heutige Gestalt der Sächsischen Schweiz und wir bezeichnen es demnach als ein Erosionsgebirge. Ursprünglich bestanden in der Bucht zwischen dem Erzgebirge und dem Lausitzer Gebirge nur mächtige Sandablagerungen mit wagerechter Oberfläche, die dann von der Elbe und ihren Zuflüssen auf das mannigfachste durchfurcht und zerteilt ist. Da man nun zu unterst Sandstein mit Resten von Landpflanzen, dann aber Sandstein mit Austernschalen findet, so muß die früheste Ablagerung noch in süßem Wasser, dann aber die spätere in Seewasser erfolgt sein. Reste von Seetieren, Muscheln, Schnecken, Seeigeln und Seesternen findet man dann bis zu den oberen Schichten, also müssen diese Sandablagerungen alle auch im Meere stattgefunden haben. Die Arten dieser Seegeschöpfe weisen uns aber geologisch in die Kreidezeit, in der auch die Kreideklippen auf der Insel Rügen und auf den dänischen Inseln gebildet wurden. Durch die in fast allen Meeren sich bildenden Niederschläge von kalkigem Schlamm wurden die Sandmassen fester verkittet und schließlich zu Stein. Nun wird aber hie und da auch der Abdruck von Zweigen eines Nadelholzes oder auch von Holzstücken gefunden, die, in dem Sande eingebettet, sich allmählich in Kohle umwandelten. Diese Pflanzenteile stammen vom Lande und werden gemeiniglich in der Nähe der Küsten gefunden; man hat daraus mit Recht geschlossen, daß diese Sandablagerungen im seichten Küstenwasser erfolgt seien. Aber in der Zuführung von Sand mußten längere Pausen eingetreten sein, da die mächtigen Schichten des Quadersandsteines auch dünnere Ablagerungen von Kalk (Pläner) oder Tonschlamm zeigen, deren Entstehung auf ein tieferes Meer, ferner von den Küsten, deuten. Somit entsteht die einfache Gliederung aller Ablagerungen in den unteren Quader, die Plänerschicht, und den oberen Quader. Die unteren und oberen Sandsteinlager enthalten aber verschiedene Einschlüsse von Muscheln und dergleichen. Die Änderung in der Gestalt dieser Seegeschöpfe erfordert aber lange geologische Zeiträume. Wenn nun die Ablagerungen teils im Küstenwasser, teils in tieferem Seewasser erfolgt sind, so müssen dementsprechend auch Hebungen und Senkungen der Erdrinde und Veränderungen in der Gestalt des Festlandes gegen das Meer angenommen werden. In unendlich langen Zeiträumen haben also die Ablagerungen stattgefunden, dazwischen sind Ruhepausen eingetreten, in denen sich die Sandmassen zu festeren Steinbänken befestigt haben, auf die dann dünnere Schichten von Kalk oder Tonschlamm niedergeschlagen sind. Dadurch sind die allenthalben sichtbar voneinander absetzenden Bänke entstanden, die eine so charakteristische Erscheinung des Sandsteingebirges bilden.
Abb. 64.
An der Elbe bei Königstein.
Zeichnung von Adrian Zingg. 1766.
Nach „Über Berg und Tal“, Monatsschrift des Gebirgsvereins der
Sächsischen Schweiz. (Zu Seite 66.)
In der auf die Kreidezeit folgenden Tertiärzeit traten dann dauernde Hebungen ein, während auch das Erzgebirge langsam emporstieg. Die Hebung des Erzgebirges beeinflußte auch das Sandsteingebirge. Wie das Erzgebirge mit seiner längeren Abdachung nach Nord und Nordost sich neigt, so auch der Sandstein westlich der Elbe. Hier liegen die Quaderbänke nicht mehr wagerecht, sondern neigen sich allmählich in gleicher Richtung. Und wie das Erzgebirge mit einer viel kürzeren Abdachung gegen Süden, gegen Böhmen, abbricht und von dieser Seite her eine mächtige Gebirgsmauer zeigt, so sind auch die Bänke des Sandsteines zum Teil nach Süden abgesunken, zum Teil auffällig schräg gestellt, wie an der Schäferwand bei Bodenbach (Abb. 68), die eigentlich die scheefe, d. h. schiefe Wand heißen sollte, ein Name, aus dem erst durch Mißverständnis und Entstellung Schäferwand gemacht ist.
Anders lagert der Sandstein auf dem rechten Elbufer; hier sind die Sandsteinbänke in ihrer ursprünglichen wagerechten Lagerung nahezu geblieben. Doch hat ähnlich, wie wir es bereits am Elbtalkessel beobachtet haben, der Lausitzer Granit sich an einigen Stellen deutlich über den Sandstein heraufgeschoben. Am auffälligsten ist dies bei dem Städtchen Hohnstein nachgewiesen. Auf beiden Seiten des Polenztales und am tiefen Grunde liegt der Granit über dem jüngeren Jurakalk und dieser auf Quadersandstein. Die Reihenfolge der Gesteine ist völlig umgestürzt. Der Granit ist schräg aus der Tiefe emporgetrieben und hat den Jura, der sonst in ganz Sachsen nicht vertreten ist, mit in die Höhe genommen. Die Höhe der Überschiebung ist hier auf 300 m geschätzt. Auch südlich von der Kirnitzsch an dem Berggipfel der „Hohen Liebe“ liegt der Granit unter steilem Winkel über dem Sandstein, ähnlich bei Saupsdorf. An den Berührungsflächen mit dem Sandstein zeigt dieser sich oft stark verglast und gleichsam gefrittet. Durch den gewaltigen Druck, den der Granit auf den Sandstein ausgeübt haben muß, sind die mächtigen Quaderbänke zerdrückt, gesprengt und zerklüftet. So kamen zu den natürlichen wagerechten Abteilungen der einzelnen mächtigen Bänke auch noch unzählige, senkrechte Klüfte oder Lose, so daß die Verwitterung, Regen, Wind, Frost und rinnendes Wasser um so stärker an der Zertrümmerung des Gebirges arbeiten konnten. Diese Zerstörung hat seit der mittleren Tertiärzeit eingesetzt und ist noch rastlos an ihrem Werke tätig. Am meisten aber hat das fließende Wasser, am meisten also die Elbe geleistet.
Da nun die erzgebirgische Erhebung die Sandsteinbänke schräg gehoben hat, so daß die Neigung nach Nordosten geht, auf der Lausitzer Seite aber die Schichten wagerecht geblieben sind, so muß sich zwischen beiden Teilen von selbst eine nach Nordwesten geneigte Tiefenlinie bilden, die für das abfließende Wasser die natürliche Tiefenrinne vorzeichnet. Das ist das Elbtal, das den Sandstein in nordwestlicher Richtung durchschnitten hat.
Nun hat man früher angenommen, daß die Elbe, die alle Gewässer des inneren Böhmens in sich vereinigt, vor dem Sandsteingebirge zu einem See aufgestaut worden sei und dann den Damm überflutet und sich immer tiefer eingeschnitten habe. Allein wenn dem so wäre, müßte man noch jetzt Spuren der Ablagerungen eines solchen Sees in Nordböhmen finden. Diese fehlen aber, und daher muß eine andere Erklärung gesucht werden. Zunächst steht fest, daß die Hebung der Sandmassen vom Meeresboden, wo sie zuerst abgelagert sind, nur langsam vor sich gegangen ist und daß auch das Erzgebirge an dieser Hebung teilgenommen hat. Über und durch diese Sandmassen hat sich die Elbe ihren Weg gebahnt, ohne einen großen See vorher geschaffen zu haben. Und in dem Maße, wie die Hebung vor sich ging und sich die Ablagerungen zu festem Gestein verkitteten, mußte sich die Elbe immer tiefer einschneiden.
Anfänglich hatte das Elbwasser noch keine vollkommen fest vorgeschriebene Rinne, wenn auch die allgemeine Richtung gegeben war. Das Wasser floß also über die breiten, fast wagerechten Bänke hin und hat, da die Überschiebung des Lausitzer Granits die oberen Lagen stärker zersprengt hat, hier die Trümmer bis zum Niveau der jetzigen Ebenheiten fortgespült, so daß nur einzelne Felsberge oder Felsmassen stehen blieben. Sie stehen jetzt da als die Zeugen einer einstigen weit höheren Ebenheit; die Tafelflächen der „Steine“ sind die geringen Reste derselben.
Als die Elbe dann über die noch gegenwärtig erhaltenen Ebenheiten hinwegfloß, hat sie dort zuerst eine oft mehrere Meter dicke Schicht von Flußschottern und Sanden abgelagert und diese dann wieder mit fruchtbarem Lehm überdeckt. Daß diese Schotter von der Elbe gebildet sind, wird dadurch erwiesen, daß sie aus denselben Gesteinen zusammengesetzt sind, die noch jetzt im Flußbett abgelagert werden und daß diese reichlich von böhmischen Gesteinen, Basalte und Klingsteine, durchsetzt sind, die nur durch fließendes Wasser herbeigeführt sein können. Derartige Schottermassen liegen 50–150 m über dem jetzigen Elbspiegel, zum Beispiel am Cunnersbache beim Dorfe Cunnersdorf, am oberen Krippenbache (250 m ü. M.), auf der Ebenheit bei dem Dorfe Ostrau auf der sogenannten Ostrauer Scheibe bei Schandau, bei Rathmannsdorf (235 m ü. M.), Weißig (186 m), Waltersdorf und auf beiden Seiten der Elbe bei Pirna, also auf den Ebenheiten von Kopitz und Pirna.
Abb. 66.
Ausblick von der Bastei elbaufwärts.
Nach einer Aufnahme von F. & O. Brockmanns Nachf. R. Tamme in Dresden.
(Zu Seite 67.)
Daß nun aber in der auf die Tertiärzeit folgenden quartären Periode, in der Eiszeit, als die von Skandinavien über ganz Norddeutschland südwärts bis an den Fuß der mitteldeutschen Gebirge vorgeschobenen Massenströme von Binnenlandeis auch die nördlichen niedrigen Teile des Sandsteingebirges etwa bis zum Fuße des Liliensteines bedeckten, die Elbe noch über die Ebenheiten floß, geht daraus hervor, daß sich hier nordische Geschiebe mit dem böhmischen Geröll mischen.
Demnach ist das jetzige Elbtal nach der Eiszeit etwa bis zu dem Niveau eingeschnitten, das es noch jetzt innehält. Das Flußtal gehört also in seiner jetzigen Gestalt der jüngsten geologischen Zeit an. Die Lehmlager auf den Hochflächen sind aber die Grundlage für den Ackerbau, für die Ansiedelung der Menschen. Wo der Sand vorherrscht, breiten sich nur die Nadelwälder aus.
Abb. 67.
Der Lilienstein.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 68.)
Als ein fremdes Gestein erscheint nun an manchen Stellen, namentlich auf oder an den höchsten Gipfeln, Basalt, der von unten her während der Tertiärzeit in Klüften und Spalten emporgestiegen zu sein scheint. Teils sind von diesem vulkanischen Gestein Gänge ausgefüllt, teils erscheinen sie als die Stiele von früher ausgedehnten Basaltdecken. Manchmal sind sie schon 200 m unter der ehemaligen Oberfläche des Sandsteines erstarrt und erst, nachdem die Sandsteindecke durch Verwitterung abgetragen ist (Denudation), zu Tage getreten. Dann zeigt sich auch sofort eine üppigere Pflanzenwelt.
Abb. 68.
Bodenbach und die Schäferwand.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 70.)
Die ausgedehnteste Basaltmasse bildet den Gipfel des Rosenberges, 620 m hoch, die als eine 60 m mächtige Decke auf dem Gipfel des Sandsteinberges lagert und in senkrechten Säulen ansteht. Auf dem höchsten Kamme des Großen Winterberges, 551 m hoch, tritt ein 100 m mächtiger Gang von Basalt auf, der durch seinen Buchenwald weithin kenntlich ist. Hier liegen die Basaltsäulen horizontal. Auf dem Großen Zschirnstein ist sein verwandtes Gestein, der Dolerit; hier sind fiskalische Steinbrüche angelegt, um das beste Material für Straßenbeschotterung zu gewinnen. Auch am Gorisch ist ein Basaltbruch angelegt, und ebenfalls ist am Schneeberge an mehreren Stellen Basalt angetroffen. Zwei merkwürdige Basaltkegel stehen in der Nähe oder an der Grenze des Sandsteingebirges: der Basaltberg in Stolpen, auf dem die alte, jetzt in Ruinen liegende, weithin sichtbare Burg thronte; und der Cottaer Spitzberg, der infolge der Steinbrüche schon fast abgetragen ist.
Im Quadergebirge unterscheidet man nach der Verschiedenartigkeit der Versteinerungen: Unter-, Mittel- und Oberquader. Der untere Quader herrscht im Südwesten, der obere im Nordosten des Gebietes vor. Zwischen dem Mittel- und Oberquader schiebt sich eine Einlagerung von Kalk (Pläner) ein, die für die Quellenbildung von großer Wichtigkeit ist. Wo der Pläner zu Tage ausstreicht, wie vorzugsweise auf der Seite westlich von der Elbe, da ist der Quellenreichtum größer und ermöglicht eher die Besiedelung; wo dagegen, wie östlich von der Elbe, der Pläner zu tief liegt, versickert alles Wasser in die Tiefe und das Land leidet an Wasserarmut. Der Oberquader allein hat mindestens eine Mächtigkeit von 300 m und bildet alle Tafelberge und Steinwände. Wie sehr das Landschaftsbild von der Natur und den Eigentümlichkeiten des Gesteins abhängig ist, das tritt uns nirgends deutlicher vor Augen als in der Sächsischen Schweiz, und das wollen wir nun im folgenden genauer betrachten.
Die Zertrümmerung und Zerstörung der Gesteinsmassen ist in sehr verschiedener Weise erfolgt und vollzieht sich auch jetzt noch und zwar durch das fließende Wasser, also durch die Erosion, ferner durch Zerklüftung, endlich durch die Verwitterungen und Auswitterungen des nackten Gesteins.