Abb. 85. Lichtenhainer Wasserfall.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 82.)

Die Biela.

Das Sandsteingebiet auf der linken Seite der Elbe ist bedeutend wasserreicher, daher hier die Bodengestalt eine andere. Die Ursache des größeren Quellenreichtums ist, wie schon mehrfach ausgesprochen, in der zu Tage tretenden Plänerschicht zu suchen, auf der fast sämtliche Quellen ihren Ursprung haben. Dazu gehören in erster Linie die Quellen, die nach allen Seiten aus der Umgebung des Schneeberges abfließen und größere Bäche bilden, vor allem die Biela mit dem Cunnersdorfer Bache und der Krippenbach. Ferner müssen, wie von Gutbier hervorhebt, die prächtigen Quellen erwähnt werden, die in der Umgebung der Schweizermühle (Abb. 99) hervortreten und zur Begründung der dortigen Wasserheilanstalt Veranlassung gaben. Sodann die Quellen in der Umgebung von Hermsdorf und diejenigen, die das versumpfte Terrain am Dorfe Leupoldishain bilden; sie entspringen jedenfalls auf den Plänerlagen. Dann die reichen Quellen der Wasserheilanstalt Königsbrunn im Hüttental, ein am südlichen Abhange der Festung Königstein vorbrechender starker Quell, ein eisenhaltiger Brunnen im Städtchen Königstein am Fuße des Pfaffenberges, die Quellen bei Naundorf und Kleinstruppen, die Quellen bei Pirna, aus denen die Stadt mit Wasser versorgt wird.

Die erwähnten Bäche dieses Gebietes führen beständig Wasser und haben einen drei- bis viermal so langen Lauf als die sandgeborenen Bächlein östlich von der Elbe. Der längste Bach, die Biela, die oberhalb Eiland entspringt, hat eine Länge von 17 km. Von Eiland, wo der Talboden noch 440,6 m hoch liegt, bis zur Mündung in Königstein (118,8 m über Meer) sinkt der Bachspiegel um mehr als 300 m und daher beträgt das Gefälle 1 : 53, ist also noch einmal so bedeutend als bei der Kirnitzsch und Polenz. Betrachtet man das Quellental der Biela oberhalb Eiland, wie es mit einemmale tief zwischen Felsen eingesenkt erscheint, so möchte man meinen, es fehle das eigentliche Quellgebiet, das wir auf der Hochebene suchen müßten. Dazu zeigt die gleiche Richtung des Oberlaufes der Biela, des Cunnersdorfer- und Krippenbaches, daß dieselbe durch die Bodengestalt vorgeschrieben ist. Zugleich erinnern wir uns, daß die Sandsteinbänke dieser Seite bei der Hebung des Erzgebirges mit gehoben sind und sich nach Nordnordost senken. Größerer Wasserreichtum und schräggeneigter Boden mußten die Erosion kräftiger gestalten und das nachfließende Wasser mußte die Kraft haben, einen Teil des verwitterten und aufgelösten Gesteins mit fortzuführen. Daher mußte auf dieser Seite die Zerstörung des Gebirges viel weiter vorgeschritten sein; es mußten vor allem die der Dürre zugeschriebenen Cañons der rechten Elbseite wenn auch nicht ganz fehlen, aber doch viel seltener erhalten sein: kurz das Wildgroteske der Landschaft östlich von der Elbe mußte hier zurücktreten, folglich mußte aber diese Seite weniger besuchenswert erscheinen. Und so kann es uns nicht mehr befremden, zu sehen, daß der Begriff der Sächsischen Schweiz ursprünglich nur dem östlichen Teile des Sandsteingebietes galt, wo wilde, klippenreiche, enge Gründe, Felsenkessel und Felstürme häufiger anzutreffen waren. Westlich der Elbe sind statt der Klippenreihen nur einzelne Felsmassen als „Steine“, die aus den Hochflächen hervorragen, erhalten geblieben; und dies trotz alledem, daß links der Elbe, dank der Hebung des Erzgebirges, die Sandsteinbänke höher emporgehoben, also auch die höchsten Punkte des Gebirges, den Hohen Schneeberg und Großen Zschirnstein umfassen.

Abb. 86. Der Hockstein.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 84.)

Gottleuba.

Langenhennersdorfer Tal.

Wie die Wesnitz am rechten Elbufer, so berührt auch die Gottleuba auf dem linken Ufer auf nur kurzer Strecke das Sandsteingebiet. Ihre Quellen liegen schon im Erzgebirge. Aber beider Bäche Umgebung zeigt auch darin eine Ähnlichkeit, daß wir den ehemals berühmteren Liebethaler Steinbrüchen die gegenwärtig noch bedeutenderen Brüche von Rottwerndorf gegenüberstellen können, die aber, obwohl auch sehr sehenswert, doch nie das Ziel bewundernder Naturfreunde geworden sind. Nur eine Merkwürdigkeit muß noch im Gottleubatal Erwähnung finden, nämlich der Langenhennersdorfer Wasserfall, der einzige natürliche Wasserfall in der ganzen Sächsischen Schweiz, der also nicht bloß, wie alle anderen, durch Stauwasser gebildet wird. Der Langenhennersdorfer Bach entspringt im Sandsteingebiet, fließt durch das langgestreckte Dorf, das ihm den Namen gegeben und stürzt sich dann über die Sandsteinbank unmittelbar in den Gottleuber Grund. Dieser Grund gehörte noch vor vierzig Jahren zu den besuchtesten Partien des Gebirges. Die wasserreiche Gottleuba schäumte in einem von riesigen Edeltannen bestandenen Grunde, durch den ein wenig gepflegter Fußpfad zwischen Felsblöcken und üppigem Gebüsch aufwärts führte, zwischen bemoosten Steinmassen talabwärts und nahm den zeitweilig wasserreichen Hennersdorfer Bach in einer einsamen, aber höchst malerischen Umgebung in sich auf.

Abb. 87. Hohnstein und das Polenztal.
Nach einer Aufnahme von Paul Heine in Dresden. (Zu Seite 84.)

Jetzt zieht die Eisenbahn durch den engen Grund, Hotels und Fabrikanlagen sind entstanden, das Bachbett ist zwischen Steinmauern gefesselt und der unnützen Felsblöcke entledigt, der hohe Tannenwald ist gefällt, das Wasser des Baches ist wie verschwunden. Daher sagt O. Lehmann mit Recht: „Der Besuch des Falls ist selbst nach starkem Regen kaum noch lohnend, da der Fall infolge des Straßenbaues und der Entwaldung die früher schöne Umgebung gänzlich verloren hat.“ Wer aber diese Landschaft noch in ihrer ganzen Pracht gesehen hat, denkt nur noch mit Wehmut an die verschwundene Herrlichkeit und wünscht, es möchten solche Meisterstücke der Natur ebenso wie die Denkmäler alter Kunst von seiten des Staates vor der Vernichtung geschützt werden können.

Abb. 88. Die Königskiefer über dem Polenzgrunde.
Liebhaberaufnahme von W. Thiel in Dresden. (Zu Seite 84.)


GRÖSSERES BILD

Doch ist glücklicherweise das Tal der Gottleuba nicht das einzig sehenswerte auf dieser Seite der Elbe gewesen. Das obere Bielatal, namentlich südlich und in der Nähe der herrlich gelegenen Wasserheilanstalt Schweizermühle, ist reich an grotesken Felsbildungen (Abb. 100), die in ihren abenteuerlichen Formen leider nur zu leicht die Veranlassung wurden, daß diesen Felstürmen oder Säulen allerhand zum Teil recht abgeschmackte Namen erteilt worden sind. Aber damit sind die romantischen Talbildungen auch erschöpft, denn alle übrigen Täler sind an den Seiten von dichtem Wald bekleidet, aus dem selten noch ein Felsen oder eine Steinwand aufragt; dagegen ist diese Seite des Gebirges reicher an ausgedehntem Hochwald, und Freunde einer stillen Waldespracht durchstreifen gern diese Einsamkeiten, in denen nur selten, wie etwa am Krippenbache, eine einsame Mühle steht, wie die Forstmühle oder die uralte Rölligsmühle, die seit mehr als dreihundert Jahren im Besitz derselben Familie Röllig sich erhalten hat.

Abb. 89. Der Eingang in den Liebethaler Grund. Stich von Ludwig Richter.
Aus „Dreißig An- und Aussichten zu dem Taschenbuch für den Besuch der Sächsischen Schweiz“. (Zu Seite 85.)