VII.
Klüfte und Verwitterung.

„Der hervorstechende Charakter dieser Berge und der zunächst daranstoßenden Gründe ist Verwüstung und Untergang im großen und kleinen.“

M. Chr. Weiß.

Klüfte und Verwitterungen.

Aus unseren bisherigen Betrachtungen hat sich ergeben, daß zur Bildung der Oberflächengestalt der Sächsischen Schweiz das fließende Wasser, namentlich der Elbe, sehr viel beigetragen hat und daß auch ihre Nebenflüsse mitgewirkt haben, daß aber der Betrag ihrer Leistungen mit der geringeren Wassermenge, über die sie verfügen, abnimmt. Die Erosionsarbeit an den Nebenflüssen ist größer als bei deren Zuflüssen.

Abb. 90. Schloß Lohmen.
Nach eigener Aufnahme der Verlagshandlung. (Zu Seite 86.)


GRÖSSERES BILD

Bei der Elbe ist die Durchsägung des Gebirges vollendet, bei den Nebenflüssen noch nicht; bei deren Zuflüssen hat sie kaum begonnen. Mit Abnahme der überhaupt vorhandenen Wassermengen hat die Tätigkeit der Nebenflüsse mit der des Hauptstromes nicht gleichen Schritt halten können. Das ist am klarsten bei der Größe des Gefälles zu erkennen. Wenn hier wenigstens noch ein Verhältnis von 1 zu mehr als 100 festgestellt werden konnte, so beträgt das Gefälle in manchen Seitenschluchten gar 1 : 6 oder 1 : 4.

Abb. 91. Der Zscherregrund.
Nach einer Aufnahme von Paul Heine in Dresden. (Zu Seite 90.)

Die Möglichkeit einer noch weiterhin wirkenden Erosion und damit einer weiteren Modellierung des Reliefs ist damit gegeben. Die Abtragung und Umgestaltung des Sandsteingebirges wird also seinen stetigen, wenn auch sehr langsamen Fortgang haben.

Aber es treten auch noch andere Kräfte und andere Ursachen hinzu, die eine allmähliche Vernichtung der Gebirgsgestalt herbeiführen und zwar schneller als in den benachbarten Gebirgen, in der Lausitz und im Erzgebirge, in denen weit festere, widerstandsfähigere Gesteine vorherrschen als in der Sächsischen Schweiz.

Abb. 92. Die Basteibrücke, vom Ferdinandstein gesehen.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 90.)


GRÖSSERES BILD

Der Quadersandstein.

Die Entstehung der Klüfte.

Von dem allergrößten Einfluß ist hier die uranfängliche Schichtung des Gesteins in wagerechte Bänke und die sehr frühzeitig hinzugetretene Zerklüftung der Bänke durch meist senkrechte Spalten. Diese zahlreichen senkrechten Klüfte, die in Verbindung mit den wagerechten Schichtenfugen die Sandsteinbänke in Quader zerlegen, wonach dieser Kreidesandstein als Quadersandstein bezeichnet und das Gebirge auch wohl ein Quadergebirge genannt wird, sind nirgends mit Verschiebungen verknüpft, dürfen also nicht, wie es noch durch Gutbier geschah, einfach dadurch erklärt werden, daß die Meeresablagerungen, sobald sie aus dem Wasser auftauchten und allmählich austrockneten und sich daher zusammenzogen, Risse bekommen hätten, die wir nun als Klüfte bezeichnen. Denn unter solchen Umständen wäre die große Regelmäßigkeit der Kluftrichtungen durchaus nicht zu erklären. Vielmehr müssen zur Erklärung die geologischen Kräfte herangezogen werden, durch die überhaupt die Sandablagerungen aus dem Wasser gehoben wurden.

Wenn wir nun sahen, daß die erzgebirgische Hebung in der Richtung von Westsüdwest nach Ostnordost erfolgte, und daß die eine Hauptkluftrichtung im Sandstein genau dieselbe ist, so suchen wir dafür die einfache Erklärung, daß beide Erscheinungen, Gebirgserhebung und Kluftrichtung, auf diese Ursache zurückführen.

Nun erfolgte aber die Überschiebung des Lausitzer Granits in der Richtung von Südost nach Nordwest, und in derselben Richtung sehen wir eine zweite Hauptrichtung der Klüfte im Sandstein verbreitet. Wir können auch diese beiden Erscheinungen wieder in denselben Zusammenhang bringen und erkennen zugleich, daß die Entstehung der Klüfte in die Tertiärzeit zurückreicht, daß also damals, als die Elbe über den noch viel niedrigeren Ebenheiten ihre erodierende Arbeit begann, sie bereits ein stark zertrümmertes Gestein vorfand, das sie mit ihren Wasserfluten bewältigen und fortführen konnte. In die entstandenen Klüfte ist damals auch an vielen Stellen der Basalt von unten her eingedrungen, hat aber nur selten die Oberfläche des Sandsteins erreicht.

Abb. 93. Die Schwedenlöcher.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 90.)

Da die Hauptrichtungen der Klüfte sich fast rechtwinkelig durchschneiden, so können dadurch merkwürdige Bildungen der Felswände entstehen.

Der Gorisch.

Die beste Vorstellung von der Gruppierung der Klüfte gewinnt man aus der Betrachtung eines Grundrisses, wie ihn von Gutbier vom Gorisch entworfen hat (Geographische Skizzen S. 31, vergl. Abb. 94). Zur Erläuterung fügen wir seine eigenen Worte hier an. „Um auf hinreichend großem Raum das gegenseitige Verhalten jener Absonderungen (Klüfte) zu beobachten, war der Gorischstein, welcher gegen eintausend Quadratruten (fast zwei Hektar) Felsoberfläche bietet und nur mit niedrigem Strauchwerk, Heidelbeergestrüpp und Heidekraut bewachsen ist, am besten geeignet. Der Gorisch verdient besondere Beachtung wegen der Wildheit, welche ihm die größte Unebenheit seiner Platte und die zahlreichen weiten und tiefen Klüfte verleihen, zugleich wegen der Regelmäßigkeit, welche dennoch in dessen Absonderungen herrscht. Die durch diese Beschaffenheit wesentlich erschwerte Aufnahme dieses Felsens wurde mit Meßtisch und Kette in großem Maßstabe ausgeführt und dann reduziert.“

Abb. 94. Grundriß der Felsplatte des Gorisch (nach v. Gutbier).

Z Zugang; G Gipfel; B vorstehende Blöcke; L Längenabsonderung,
auf den Königstein treffend; Q Querabsonderung; F Fallrichtung
der Schichten. (Zu Seite 102.)

„Die eine Absonderung streicht aus Nordwest in Südost, die andere aus Nordost in Südwest. Diese Klüfte aus Nordost in Südwest sind am häufigsten, aber die anderen von Südost in Nordwest wichtiger, denn in dieser Richtung ist der Felsen in zwei Teile getrennt und hat in ebenderselben seine längste Erstreckung.“

An diese allgemeinen Beobachtungen fügt von Gutbier dann noch die beachtenswerte Bemerkung: „Es bewährt sich hierbei wieder die alte Regel der das Gebirge am besten kennenden Forstmänner: Die Klüfte, welche an einer Seite der Felsen den Aufweg möglich machen, gestatten gewöhnlich auf der anderen Seite das Herabsteigen.“

Man darf aber nicht meinen, die Beobachtung dieser Erscheinungen komme in der Landschaft nicht zum Ausdruck. Wir wollen gleich das auffälligste Beispiel voranstellen. Man kann sich wohl vorstellen, daß, wenn wie am Gorisch die Klüfte sich fast rechtwinkelig schneiden und diese Klüfte an den aufragenden Felsen und „Steinen“ bis auf den Schuttkegel heruntergehen, dann solche eigentlich von der Hauptmasse des Felsens schon abgelöste Quadertürme niederbrechen und die rechtwinkeligen Lücken als ihren ehemaligen Standort noch lange Jahre erhalten. Das zeigt sich nun auf der Südseite der Felswände am Königstein, die geradezu im Zickzack verlaufen, was man besonders bei abendlicher Beleuchtung vom Pfaffenstein aus beobachten kann, wo die Felswände in gleichen Abteilungen beleuchtet sind oder im Schatten liegen. An anderen Orten treten aus den Felsmassen einzelne sich immer mehr verjüngende Pfeiler vor; so etwa am Heringsgrunde oberhalb Schmilka, in der Richtung nach der Heiligen Stiege. Es kann schließlich auch alles Gestein neben dem vordersten Pfeiler niedergebrochen sein; dann bleibt ein einzelner Turm stehen und „zeugt von verschwundener Pracht“. Dafür bietet der Felsenturm auf der senkrecht zerklüfteten Wand rechts vom Eingange in den Großen Dom ein schönes Beispiel oder die Barbarine am Pfaffenstein (Abb. 101) oder der Felsenturm an der Heiligen Stiege (Abb. 102) oder am Wildschützensteige (Abb. 103), den die Gebirgsvereinssektion Postelwitz am Fuße der Schrammsteine angelegt hat, oder der Bloßstock (Abb. 104), d. h. der alleinstehende Fels an den Klippenausläufern des Kleinen Winterberges, oder der Zuckerhut am Gabrielensteige (Abb. 105) im Prebischgrunde.

Wenn nun auch in der Regel die Klüftung von oben nach unten senkrecht verläuft, so ist gleichwohl doch nicht im entferntesten an eine Gleichmäßigkeit zu denken oder daß die Klüfte in annähernd gleichen Abständen niedergehen. Sie sind vielmehr häufig gesellig, dicht nebeneinander mehrere, und dann erst wieder in weiterer Entfernung. Wo sie nun gesellig auftreten, wird natürlich das Gestein der Felswand am meisten in kleinere Quadern zerlegt und diese verlieren, da die Verwitterung leichter in die wagerechten Schichten eindringen kann, leicht ihren Halt und brechen heraus. Da unten am Boden bei größerer Feuchtigkeit die Auflösung des Gesteins rascher fortschreitet, brechen am ehesten unten einzelne Quadern aus ihrem Zusammenhange und bilden so, bei fortschreitender Zerstörung, den Anfang einer Schlucht.

Abb. 95. Die Kleine Gans.
Liebhaberaufnahme von Hofgoldschmied P. Eckert in Dresden. (Zu Seite 90.)

Das Uttewalder Tor.

Oben können Blöcke eingeklemmt bleiben und erreichen, wenn sie auch niederbrechen, doch nicht den Boden, sondern zeigen uns das Bild des Uttewalder Tores (Abb. 106), das nicht einzig in seiner Art dasteht und sich mehrfach, wenn auch in bescheideneren Verhältnissen, wiederholt.

Auf dem genannten Bilde sind die wagerechten Bänke mit der an den Schichtenfugen deutlich sichtbaren Verwitterung durch gesellige Klüfte von oben nach unten gespalten, aber die dadurch entstandenen kleineren Quader in den vorderen Lagen bereits niedergebrochen. Es ist also der Anfang einer Schlucht gemacht.

Abb. 96. Der Amselfall.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 90.)

Kluftrichtung im Zscherregrunde.

Zusammengebrochene Wände.

Die Klüfte brauchen aber nicht, wie auf dem Grundriß, immer rechtwinklig gleichsam in die Felswände einzudringen. Die vorliegende Erscheinung ist durch die Richtung des Uttewalder Tales bedingt. Wo die Gründe in anderer Richtung streichen, wie im Zscherregrunde, kann die Klüftung parallel der dem Grunde zugekehrten Wandfläche erfolgen und dann löst sich eine große Tafel dermaßen von dem dahinter liegenden Bergmassiv ab, daß man hinter der Tafel durchschlüpfen kann, besonders wenn die Tafel sich noch etwas nach vorn geneigt hat infolge des ehemals den Grund unterwaschenden Baches. Dieses schöne Beispiel im Zscherregrunde hat leider den geistlosen Namen „Die Schiefertafel“ erhalten. Viel häufiger aber kommt es vor, daß geneigte Felspfeiler niederbrechen, aber ihren Zusammenhang behalten und unten am Boden sich schräg an die unerschütterlich feststehende Felswand anlehnen, oder daß mehrere Felsmassen bei ihrem Sturze schräg gegeneinander geneigt bleiben und unechte Höhlen bilden, wie es dergleichen viele in der Sächsischen Schweiz gibt. Dieses schräge Anlehnen größerer Felsmassen und Gegeneinanderfallen von Steinwänden ist nirgends so häufig und so dicht nebeneinander eingetreten als bei Tyssa (Abb. 107); man möchte sagen, eine ganze Felsenwelt sei hier zusammengebrochen und habe so ein Labyrinth von Felsen, Wänden und Steintürmen geschaffen, daß man sich in diesen Höhlen und Felsengen nur mit dem Kompaß zurecht finden kann. Ähnlich liegen auch im „Labyrinth“ bei Hermsdorf, ebenfalls in der Nähe des Bielatales, die Felsmassen durch- und übereinander, daß man unter und zwischen ihnen hindurchschlüpfen kann und sich nur mittels der zahlreich an den Felswänden angebrachten Wegemarken aus diesem Wirrsal wieder heraus zu finden vermag. Auch die Kamine, Spalten und Pfeiler am Pfaffenstein zeigen ähnliche Bildungen. Die Schwedenlöcher an der Bastei und der Teufelsgrund bei Wehlen gehören auch hierher. Ein historisch noch besonders merkwürdiges Beispiel bildet die Götzinger-Höhle (Diebeskeller, Abb. 108) am Abhange des Kleinen Bärensteins. Hier ist durch das Zusammenstürzen oder Gegeneinanderfallen der Wände eine größere, in der Mitte höher gewölbte Höhle gebildet, in der der Gebirgsverein eine Gedenktafel mit folgender Inschrift hat anbringen lassen: „Dem Andenken | Wilhelm Leberecht Götzingers | der hier die erste Anregung empfing | zur Erforschung | der Naturschönheit der sächs. Schweiz | weihte diesen Ort |am 12. Sept. 1886 | der Gebirgsverein für die sächs.-böhm. Schweiz.“ — Der Tag wurde gewählt, weil hundert Jahre vorher Götzinger die Vorrede zu seinem ersten Werke, in dem er die Schönheiten des Gebirges pries, am 12. September unterschrieben hatte und der Ort für besonders geeignet gefunden, für Götzinger eine ehrende Gedächtnistafel anzubringen, weil in seinem Werke „Schandau“ gerade der Besuch dieser Höhle als die besondere Veranlassung bezeichnet ist, wodurch vor allem in Götzinger die Bewunderung und Liebe für sein schönes Heimatland erregt wurde. Er schreibt darüber: „Einige zusammengestürzte, sehr große Felsenbänke bilden hier eine große hohe Höhle, durch welche man ganz hindurch gehen kann und welche so geräumig ist, daß sie oft zum Notstall der Thürmsdorfer Schäferei gebraucht wird... Die Außenseite der anlehnenden Wand zeigt ganz besondere eingefressene Figuren (Auswitterungen), welche auf der einen Seite viele Ähnlichkeit mit einem großen Wespenneste haben, und auf der anderen Seite wie die in Holz eingefressenen Fahrten des Holzwurmes aussehen, die in Menge übereinander laufen und welche inwendig viel weiter sind als ihre Öffnungen ...“

Abb. 97. Der Talwächter am Großen Dom.
Liebhaberaufnahme von Marine-Oberstabsarzt Dr. Ruge in Kiel.
(Zu Seite 93.)

Abb. 98. Eisgrotte in der Weberschlüchte.
Liebhaberaufnahme von Hofgoldschmied P. Eckert in Dresden. (Zu Seite 93.)

Die Götzinger-Höhle.

„Ich verlasse diese Höhle aber nicht ohne frohes — innig dankbares Andenken an die Jahre meiner Kindheit. — Bilder der Erinnerung meiner frühesten Lebensjahre, ihr steht vor mir, so oft ich dieser Höhle und seiner Umgebungen gedenke! — In dem benachbarten Dorfe Struppen geboren und acht Jahre darin erzogen, hörte ich schon als Kind von dieser Höhle sprechen, und da ich von einem Vater meine erste Geistesbildung erhielt, der selbst ein so warmer Freund der Natur war und so gern und so oft unter ihren Schönheiten wandelte, so hielt es nicht schwer, die Erlaubnis zu einer kleinen Reise nach dieser Höhle zu erhalten. — Es war meine erste Naturreise, denen so viele gefolgt sind. — Wie ich mit stummem Erstaunen vor ihr und in ihr stand, und es gar nicht begreifen konnte, wie man so etwas habe bauen können; und wie ich in der Folge diese Höhle und diese Felsen mit meinen Gespielen mehrmals besuchte; wie gerade diese Höhle mich auf die Natur und auf die sonderbaren Gestalten immer aufmerksamer machte, die sie in der Gegend umhergestellt hat; wie dadurch der Geschmack an den Freuden der Natur und die Liebe zu ihr in mir erweckt, erwärmt und immer mehr gebildet ward; wie ich da so oft auf hohen Standpunkten dieser Gegend und besonders vom Königstein herunter, in dem Anschauen ihrer nahen und fernen Reize versunken war; — das alles kommt mit den Erinnerungen an diese Höhle und ihre Umgebungen lebhaft in mein Gedächtnis und geht in den innigsten Dank gegen den Urheber meines Daseins über, das gerade in dieser die Aufmerksamkeit so sehr aufreizenden Gegend seinen Anfang nehmen mußte. — Die Anhänglichkeit an die Schönheiten der Natur hat so viele reuelose Freuden über mein Leben verbreitet, so viel Aufheiterung und Erquickung in mein oft gebeugtes Herz gegossen und selbst zur Bildung meines Geistes und Herzens so vieles beigetragen, als daß ich an der Stelle, bei welcher der erste Grund dazu gelegt ward, nicht ihrer dankbar erwähnen sollte. — Jeder gute, jeder wahre Freund der Natur und ihres Schöpfers wird mir es daher gewiß gern verzeihen, wenn ich mit diesen Rückblicken auf mich und meine frühesten Jahre die Beschreibung unterbreche. Er wird mich verstehen.“

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Schräge Klüfte.

Bisher sind eigentlich nur die Erscheinungen und Wirkungen der senkrechten Klüftungen geschildert; aber es kommen auch zahlreiche schräge Klüftungen vor, die aber gegen das Gesamtbild der Steinwände nur als Ausnahmefälle gelten können. Nur wo an größeren Steinmassen, wie z. B. am Großen Bärenstein (Abb. 109), die schräge Richtung jedem Beschauer in die Augen fallen sollte, ist sie wohl beobachtet worden. Die meisten Wanderer gehen achtlos daran vorüber. Nun hat zwar Gutbier (Abb. 19, S. 35) eine Zeichnung von der Südwestseite des Naundorfer Großen Bärensteins gegeben, auf der die schräge Zerklüftung neben der senkrechten in auffälliger Weise zur Anschauung gebracht ist, allein das Bild ist nicht getreu und gibt eine falsche Vorstellung, fast als ob die schrägen Wände eben noch im Fallen begriffen wären. In Wirklichkeit erscheint, von derselben Seite aufgenommen, die Felsenwand des Bärensteins doch anders. Und hier sieht man namentlich auf der rechten Seite des Bildes die senkrechten und schrägen Klüfte in merkwürdiger Weise wechseln. Die Ursache dieser Erscheinung harrt noch der Erklärung.

Abb. 99. Bad Schweizermühle.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 94.)

Die Verwitterung.

Eine sehr merkwürdige Vereinigung der verschieden gerichteten Schichtung trifft man im Hochtal oberhalb des Großen Domes (Abb. 110). Unten erblicken wir in der Mitte des Bildes die wagerechten Bänke der Sandsteinablagerungen, durch Verwitterung unterhöhlt, weil Wasser aus dem Gestein sickert. Darüber die etwa unter einem Winkel von 45° aufsteigende schräge Kluftbildung und linker Hand die Anfänge von Schluchtenbildung bei senkrechter Zerklüftung der hier wieder wagerecht liegenden Bänke. Gerade die Mannigfaltigkeit dieser verschiedenen Kluftbildungen mußte zur Zerstörung größerer Steinmassen wesentlich beitragen und dadurch die unglaubliche Abwechselung in der Gestaltung der erhaltenen Trümmer erzeugen, die immer von neuem die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und die Menschen reizte, je nach der Leistungsfähigkeit ihrer Phantasie, den abenteuerlichen Steingebilden passende und unpassende Namen zu erteilen, die einmal gegeben, von Mund zu Mund weiter gingen und sich einbürgerten. Hier könnten vor allem die Verfasser von Führern und Wegweisern durch die Sächsische Schweiz zur Beseitigung zunächst der ganz unpassenden oder zwecklosen Namen beitragen, indem sie dieselben grundsätzlich nicht mehr erwähnen.

Die Zerklüftung und Schichtung schafft eckige Formen, die Verwitterung in der Regel rundliche.

Abb. 100. Die Herkulessäulen bei Bad Schweizermühle.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden.
(Zu Seite 98.)

Die Verwitterung greift die Steilwände zuerst und zwar von oben her an. Die Abrundung der Felsmassen geht von oben nach unten vor sich. Eingedrungener Regen, Schnee, Frost und Wiederauftauen des Eises in den Klüften arbeiten beständig an der Erweiterung der Spalten; auch eingedrungene Baumwurzeln können dazu beitragen; aber dieser Zerstörungsprozeß geht sehr langsam vor sich. Vor allem aber fällt ins Gewicht, daß das tonige Bindemittel, das den Sand der alten Meerablagerung zu festen Steinbänken verkittet hat, sehr leicht durch Wasser aufgeweicht wird und damit das Gefüge gelockert wird. Dagegen widersteht das kieselig tonige Bindemittel, wie es in den meisten feinkörnigen Sandsteinen vorhanden ist, weit besser der Zerstörung. Wie stark diese Auflockerung und Auflösung des Gesteins gewesen ist, sieht man an allen den unzähligen senkrechten Wänden. Wenn nicht am Fuß derselben ein Rinnsal oder gelegentlich ein Bächlein entlang fließt und den herabgefallenen Sand mitnimmt und fortspült, findet man überall an den Felsenwänden einen Schuttkegel von Sand und Blöcken mit einer bedeutenden Böschung aufgehäuft, die namentlich an den alleinstehenden Steinmassen auffällt und eine typische Erscheinung aller „Steine“ bildet. Die Verwitterung greift vor allem die Schichtenfugen und die Klüfte an. An kahlen Felstürmen verwittern die Gipfel dermaßen zu rundlichen Köpfen, daß man ihnen Namen gegeben hat, wie Mehlsäcke und die Hafersäcke am „Brand“. Derartig abgeschliffene Formen finden sich auch in den Schrammsteinen und am Großen Zschand (Abb. 111, 112, 113). Wenn aber vollends die oberen Bänke aus besonders weichem Gestein bestehen und sich daher völlig in Schutt und Sand auflösen, der auf den unteren festeren Schichten zum Teil liegen bleibt, dann entstehen großartige Felsterrassen wie am Teichstein in der Nähe des Zeughauses oder an den Wänden nordöstlich vom Prebischtor. Hier erscheinen die Steilwände der unteren Bänke schon fast ganz in dem Schuttkegel begraben.

Abb. 101. Die Barbarine beim Pfaffenstein.
Nach einer Aufnahme von Paul Heine in Dresden. (Zu Seite 103.)

Felsformen am Gorisch.

Nur wo das Gestein der Verwitterung trotzt, zeigen auch die Felsplatten und Felstürme wunderlich eckige oder höckerige Oberflächen (Abb. 114), auf denen der Fuß nur schwierig einen festen Stand gewinnen kann; oder es zeigen die Felstürme nicht eine abgerundete, abgeschliffene Kopfform, wie sie bei den Mehlsäcken beschrieben sind, sondern es bleiben Zacken, Widerhaken und abenteuerliche Spitzen stehen. Für diese Gestaltung ist vor allem der Gorisch charakteristisch. „Die Oberfläche der Felsenpfeiler ist nach Theiles Beschreibung in Über Berg und Tal, 1887, S. 157, meist sehr uneben, an vielen Stellen mit kegelförmig zugespitzten Höckern versehen oder zeigt Nachbildungen von ganzen Gebirgslandschaften.“ Eine höchst seltsame, wohl einzig in der Sächsischen Schweiz dastehende Bildung zeigt ein isolierter Steinkegel (unterhalb der eigentlichen Tafel des Berges) in der Nähe des westlichen Endes. Dieser Turm läuft oben in eine stumpfe Spitze aus, die mit allerhand wunderlichen Felszacken und Spitzen besetzt ist.

Abb. 102. Felsenturm an der Heiligen Stiege.
Liebhaberaufnahme von Hofgoldschmied P. Eckert in Dresden.
(Zu Seite 104.)

Auswitterungen und Höhlen.

Die letzte Form dieser Art von Zerstörung der Felsmassen könnte man schon als Auswitterung bezeichnen; allein im engeren Sinne soll darunter der Angriff der Atmosphärilien auf die senkrechten Wände und einzelne Steinblöcke bezeichnet werden, die durch raschen Wechsel der Temperatur, durch anschlagenden Regen, durch einfressenden Nebel, vielleicht auch durch anhaftende Moospolster verursacht werden können. Es entstehen Aushöhlungen am Gestein, die bei weiterem Fortschritt zu wirklichen Höhlen sich auswachsen können.

Das Prebischtor.

Vor allem sind die Schichtungsfugen der wagerechten Bänke den Angriffen der Luft ausgesetzt. Reihenweise erscheinen die Aushöhlungen dann nebeneinander, meistens in den höheren Teilen der Wände. Klein, rundlich und von wenigen Centimetern Tiefe und Breite stehen sie da mit gewölbter Decke und wagerechter Sohle, von der nächsten Höhlung oft nur durch zierliche Pfeiler getrennt, die in ihrer Gestalt an Sanduhren erinnern. Auch übereinander treten sie auf (Abb. 115). Wenn die Pfeiler dann auch gefallen oder verwittert sind, vereinigen sich die benachbarten Vertiefungen schon zu größeren Höhlungen. Beispiele dafür bietet das Bild einer Felswand am Gorisch, rechts vom Aufstieg zur Tafel des Berges; aber hier finden sich die Höhlungen ziemlich niedrig an der Felswand. Weiter fortgeschritten sieht man solche Bildungen auch am Quirl und hier namentlich die große Höhle des Diebeskellers, die 29 m tief in den Felsen eindringt. Und schließlich können, wenn schmalere hochaufragende Felswände oder Felsmassen von zwei entgegengesetzten Seiten in dieser Art von der Auswitterung angegriffen werden, große Höhlen und Tore, wie der Kuhstall (Abb. 116) und das Prebischtor entstehen, die als die berühmtesten ihrer Art kleinen Nachbildungen wieder ihren Namen verliehen haben wie Kleines Prebischtor, Großer und Kleiner Kuhstall auf dem Pfaffensteine, wenn diese auch nicht auf dieselbe Art entstanden sind. Auch die Kleinsteinhöhle (Abb. 117) gehört hierher. Man ist früher der Ansicht gewesen, diese großen Höhlen seien durch Meeresbrandung ausgewaschen und hat auch die schrägliegenden und gestürzten Sandsteinbänke an den Nikelsdorfer Wänden mit den von der Brandung angegriffenen Klippen an der See verglichen oder auf die Stufenabsätze am Teichstein und am Prebischtor hingewiesen; allein wirkliche Spuren eines hier vorhandenen Meeres in der Diluvialzeit sind nicht nachzuweisen und es müßten, wenn die Höhlen durch Wellen und Brandung geschaffen wären, dieselben doch in annähernd gleicher Meereshöhe liegen. Das ist aber nicht der Fall. Das Prebischtor liegt 420 m, der Kuhstall 309 m, die Kleinsteinhöhle 325 m überm Meer. Allerdings muß zugegeben werden, daß das Prebischtor, statt durch Auswitterung, auch durch Ausbrechen der lockeren inneren Quadern entstanden sein kann. Jedenfalls bleibt dies Tor die merkwürdigste und sehenswerteste Bildung im ganzen Sandsteingebiet und wird außerdem noch wegen seiner einzig schönen Aussicht geschätzt.

Abb. 103. Am Wildschützensteige.
Nach einer Aufnahme von Dr. Trenkler & Co. in Leipzig. (Zu Seite 105.)

Endlich gibt es noch eine Art von Auswitterung, die den Fels nur auf der Oberfläche angreift, ohne ihn völlig umzugestalten. Es entstehen dadurch an den Wänden schmale vortretende Simse oder wagerecht verlaufende Leisten. Oder es bilden sich auf den höchsten Steinplatten beckenförmige Vertiefungen, gleichsam rundliche Steinwannen, die eine allzu geschäftige Phantasie für Opferbecken aus der Heidenzeit erklärt hat, weil man an der Gestalt dieser Becken glaubte, die Arbeit von Menschenhand zu erkennen. Häufig findet sich Wasser in diesen Becken, wie auf dem Großen Zschirnstein, wo man diese Wanne das Rabenbad genannt hat; auch auf dem Lilienstein findet man ein solches Becken, das über 1 m lang und 40 cm tief ist.

Die Auswitterung.

Eine wirkliche Kleinarbeit trifft man aber an einzelnen Felsen namentlich in höheren Lagen, wo die Oberfläche so zierlich durchlöchert ist, daß man diese Auswitterungen mit Honigwaben oder mit einem Schwamm verglichen hat. Häufig ist hier der Sandstein von einem eisenschüssigen Bindemittel durchsetzt und rostbraun gefärbt, und wenn hier das Eisen nicht den ganzen Stein durchdringt, sondern nur eine Oberflächenschicht erfüllt, dann wird, da das Eisen sich am schnellsten zersetzt, nur der Überzug durchlöchert, wie bei einer Filigranarbeit, und diese fällt, wenn sich nach innen der Zusammenhang mit der Hauptmasse des Steines verloren hat, ab und sinkt zu Boden oder kann sehr leicht abgeschlagen werden. Als Beispiel für diese Art der Auswitterung geben wir zwei Ansichten, erstens von einem Felsblock unmittelbar am Eingange zur Götzinger-Höhle (Abb. 118). Hier ist die Oberfläche rostfarben von Eisen durchsetzt und die Oberflächenschicht an manchen Stellen schon abgefallen, so daß man den glatteren Fels sieht. Die zweite Ansicht zeigt einen grauweißlichen Sandstein, die untere Felsbank am Schuttkegel im Hochtal oberhalb des Großen Domes (Abb. 119). Hier wird nicht bloß die Oberflächenschicht angegriffen, sondern die Auswitterung dringt tiefer, die ausgewitterten Höhlungen sind verhältnismäßig größer.

Abb. 104. Der Bloßstock, fälschlich Blaustock; alleinstehender Felsen.
Liebhaberaufnahme von Hofgoldschmied P. Eckert in Dresden. (Zu Seite 103.)

Die Ursache dieser Art von Aushöhlungen ist noch nicht mit Sicherheit gefunden. Gutbier schreibt dem Nebel die Ursache zu, und seine Begründung hat viel für sich. Nach seinen Beobachtungen werden diese Auswitterungen hauptsächlich am Fuß der Felsen angetroffen. „Diese Zone ist unabhängig von der Höhe über dem Meere, unabhängig von gewissen Schichten des Sandsteines, sie steht dagegen in genauester Beziehung zu den sogenannten Fichtendickichten, zu der Höhe, in welcher junge Nadelhölzer am dichtesten zusammengewachsen sind, tiefen Schatten verursachen und jeden Luftzug verhindern.[2] In dieser Zone schlagen sich an vielen Tagen im Jahre die Nebel nieder und können nicht entweichen. Die Feuchtigkeit hängt sich in Tropfen an das Gestein und wird zum großen Teile von demselben aufgenommen. Ein kieselig toniges Bindemittel, wie in den meisten feinkörnigen Sandsteinen vorhanden, widersteht am besten der Zerstörung; waltet aber der Ton vor, so nimmt er begierig das Wasser auf, welches ihn mechanisch aufweicht und ausführt; kalkiges Bindemittel wird durch die Kohlensäure im Wasser zersetzt, ebenso wird der vorhandene Eisenocker ausgelaugt und zur Zerstörung und Umbildung des Gesteines benutzt... Während der Wintermonate verstärkt der Frost den Verwitterungsprozeß, indem die kleinen Eiskristalle der eingedrungenen Feuchtigkeit das Gestein auseinander treiben und zum Zerfallen bringen. Wie schwer außerhalb der Nebelzone die ersten Anfänge der Verwitterung auf Felswände mit frischem Bruch einwirken, zeigt eine hohe Wand an der Nordseite des Pfaffensteines, welche sich durch helle Färbung vor ihren Nachbarn heraushebt. Am 3. Oktober 1838 fand nämlich hier ein Felsensturz statt, und die seit fast zwanzig Jahren bloßgelegte Wand hat ihre Farbe bis jetzt (1857) noch nicht im mindesten verändert. Sie ist aber auch der Wirkung aller Stürme bloßgestellt. Die architektonischen Verzierungen an der Spitze des Höckerigen Turmes zu Meißen, welche gegen 500 Jahre der Witterung ausgesetzt waren, haben kaum einen Zoll Stärke von außen herein eingebüßt. Welche Zeiten werden nötig gewesen sein, um die Felsensäule des Bieler Grundes aus dem Zusammenhange ihrer Schichten zu bringen! Je mehr sie aus der ursprünglichen Verbindung heraustraten, desto mehr wurden sie der Nebelzone, die überall in den Klüften herrscht, entrückt, desto langsamer ging in den letzten Jahrtausenden ihre Zerstörung von statten.“

Abb. 105. Zuckerhut am Gabrielensteig im Prebischgrunde.
Nach einer Aufnahme von Dr. Trenkler & Co. in Leipzig. (Zu Seite 103.)

[2] Daß aber in allen Gegenden unseres Gebirgslandes seit Jahrtausenden viele Generationen der Nadelhölzer heranwuchsen, mithin jeweilig überall am Fuße der Felsen Dickichte bildeten, darüber wird niemand im Zweifel sein. —