VI.
Das Wasser in der Sächsischen Schweiz.

Da das ganze Gebirge eigentlich erst durch die Wirkung des fließenden Wassers entstanden ist, so verdient das Wasser vor allem in seiner mannigfachen Erscheinung und Tätigkeit unsere volle Beachtung. Alles Wasser im ganzen Bereich der Sächsischen Schweiz gehört aber zum Stromgebiet der Elbe. Die Elbe wird also die Hauptarbeit gehabt und auch die bedeutendste Leistung gegenüber dem starren Sandstein aufzuweisen haben; dann folgen die größeren Nebenflüsse, die von rechts und links der Hauptwasserader zufließen und endlich die zum Teil im Boden versickernden und unsichtbar gewordenen Rinnsale und die immerfließenden Quellen.

Abb. 69. Tetschen und Obergrund.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 77.)

Abb. 70. Schloß zu Tetschen.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 77.)

Die Bildung des Elbtales.

Die Nebenflüsse der Elbe.

Die Elbe entspringt auf dem Riesengebirge und hat bereits alle böhmischen Gewässer in sich vereinigt, wenn sie unterhalb Tetschen in das Sandsteingebirge eintritt (Abb. 69 u. 70). Kurz oberhalb Aussig in Böhmen hat sie auch den Fuß des malerischen Schreckensteins bespült (Abb. 71). Von dem ganzen auf 1154 km bemessenen Laufe des Stromes von der Quelle bis zur Mündung kommen auf das Gebiet der Sächsischen Schweiz von Tetschen bis Pirna nur 45 km Stromlänge, also ein verschwindend kleiner Anteil am ganzen Laufe. Das Gefälle der Elbe beträgt auf 45 km nur etwa 11 m; das ist im Verhältnis von 1 : 4112. Denn der mittlere Elbspiegel liegt bei Tetschen etwa 120,5 m ü. M., in Königstein 115 m, in Pirna etwa 109,5 m. Das Gefälle ist ebenmäßig ausgeglichen; nirgends zeigen sich Stromstufen oder Schnellen mehr, wodurch stärkere Strömungen entstehen. Der Fluß hat also seine Arbeit, das Sandsteingebirge zu durchschneiden, vollendet. Wie groß diese Arbeit gewesen ist, kann man ermessen, wenn man sieht, daß unterhalb Tetschen die Höhe des Talrandes 270–320 m (Abb. 72), im Rosenkamm sogar 420 m, also volle 300 m über dem Elbspiegel liegt. Die Felswände des oberen Talrandes stehen hier rechts und links der Elbe etwa anderthalb Kilometer voneinander ab. Der Anfang dieser Talbildung reicht in die mittlere Tertiärzeit zurück, in eine Zeit, wo das Erzgebirge noch bedeutend niedriger war als jetzt und Böhmen auch noch nicht den Gebirgskessel darstellte wie jetzt. Wir haben schon früher darauf aufmerksam gemacht, daß während der Eiszeit das Strombett der Elbe noch 150–50 m höher lag als jetzt und daß in den langen Zeiträumen, die nach vielen Jahrtausenden zu bemessen sind, die Elbe schließlich ihren Wasserspiegel bis auf den heutigen Stand hat erniedrigen können. In demselben Maße, wie mit dem Erzgebirge auch das Sandsteingebirge emporstieg, schnitt der Elbstrom sich tiefer in den Sandstein ein. Er hatte Kraft genug, die gelockerten Sandmassen mit fortzuführen, also erlitt die gleichmäßige Ausbildung der Stromrinne keine Unterbrechung. Jeder wasserreiche Strom bestätigt die Lehre, daß ein um so geringeres Gefälle eintritt, je mehr Wasser im Flußbett vorhanden ist, vorausgesetzt, daß der Boden gleichartig und der Widerstand des den Grund des Flußbettes bildenden Gesteins nicht zu groß ist. Im Gebiet des Sandsteingebirges mußte also auch die Elbe das geringste Gefälle erreichen (Abb. 73). Alle Nebenflüsse dagegen müssen ein steileres Gefälle aufweisen. Aber die Nebenflüsse von der rechten Seite zeigen eine andere Natur als die von der linken. Jene entspringen nämlich sämtlich im Lausitzer Granitlande, durchschneiden nur im unteren Laufe das Sandsteingebiet und empfangen hier keine irgendwie nennenswerten Zuflüsse mehr. Diese dagegen entspringen im Sandstein oder durchschneiden nur im Unterlaufe das Quadergestein und münden an der Grenze der Sächsischen Schweiz.

Abb. 71. Der Schreckenstein.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 77.)

Die Nebenflüsse der rechten Seite sind die Kamnitz, Kirnitzsch, Lachsbach mit Sebnitz und Polenz und endlich die Wesenitz. Die Namen sind fast sämtlich slavisch. Ihr Oberlauf im Granitgebiet geht in flachmuldigen Tälern, wo die Erosion noch weniger kräftig eingesetzt hat und demnach auch das Gefälle noch geringer ist. Aber auf dem undurchlässigen Boden bleibt das Wasser an der Oberfläche und bekommt der Hauptbach auch noch viele kleine Seitengewässer. Daher sind diese rechten Elbzuflüsse auch wasserreicher als die der anderen Elbseite.

Erst mit dem Eintritt in das Sandsteingebiet sind die Täler tiefer eingeschnitten und wird auch das Gefälle stärker.

Dürrkamnitz und Kamnitz.

Der erste Bach, der von der rechten Seite in die Elbe einmündet, ist der Dürrkamnitzbach, der zwar eine tiefe, wenig begangene Schlucht in die Ebenheiten gegen den Rosenberg eingerissen hat, aber doch, wie schon der Name andeutet, oft fast ganz versiegt, sodaß eine alte malerische Mühle aus Mangel an Wasserkraft eingehen mußte und endlich vollständig verfiel. Sie hatte in der Kunstgeschichte der Sächsischen Schweiz insofern eine gewisse Bedeutung, als L. Richter eine seiner frühesten selbständigen Radierungen nach diesem Vorwurfe gearbeitet hatte. Nahe dem Ausgange des Grundes nach der Elbe zu liegt noch ein einziges größeres Haus, ein altes Gasthaus, eine Schankwirtschaft unter den steilen Wänden (Abb. 74).

Abb. 72. Die Elbe bei Niedergrund.
Liebhaberaufnahme von Hofgoldschmied P. Eckert in Dresden. (Zu Seite 77.)

Die Edmundsklamm.

Die Kamnitz entspringt nördlich von Hayda auf der Wasserscheide des vulkanischen Mittelgebirges. Der Unterlauf bildet ein enges, erst in der neuesten Zeit zum Teil gangbar gemachtes Felsental, einen amerikanischen Cañon, der zwischen steilen Felswänden fast ganz von Wasser eingenommen wird. Dieser untere Teil des Tales bildet den merkwürdigsten und sehenswertesten Abschnitt in der verschiedenartigen Bildung eines Erosionstales. Unterhalb Böhmisch-Kamnitz tritt der Fluß zuerst in ein von Sandsteinfelsen eingeengtes Tal in westlicher Richtung. Dann aber beginnt bei nördlicher Richtung des Wasserlaufes der Grund wieder offener zu werden und läßt Raum für das langgestreckte Dorf Windisch-Kamnitz. Erst von der Einmündung des Kreibitzbaches an, der oberhalb Dittersbach ebenfalls schon einen gewundenen engen Grund, den Paulinengrund, gebildet hat, schneidet nun der verstärkte Kamnitzbach mit beträchtlichem Gefälle und raschem Lauf kräftiger in die Sandsteinmassen ein und bildet die Ferdinandsklamm, die man in einem Kahne auf dem ungebändigten Wasser bis zur Grundmühle durcheilen kann. Aber auch hier wechseln Stromschnellen mit ruhigem Wasser ab. Das Gefälle ist also noch nicht ausgeglichen. Bald treten steile Felsen ans Wasser, bald erscheinen kleine Talbuchten mit einem Wiesenrande. Unterhalb der Grundmühle (Abb. 75) wendet sich die Kamnitz mehr in westlicher Richtung und hier ist für Fußgänger der malerische Grund zugänglich. Dann folgen die Wilde (Abb. 76 und 77) und die Edmundsklamm, von denen die erste 1898 eröffnet worden ist und auch zum Teil eine Kahnfahrt bietet; die Edmundsklamm (Abb. 78 u. 79) dagegen ist schon seit 1890 durch die Forstverwaltung des Fürsten Clary zugänglich gemacht und zu Ehren des Fürsten benannt. Wenn auch der den Alpen entlehnte Ausdruck „Klamm“ leicht zu falschen Vorstellungen oder zu hochgespannten Erwartungen Anlaß geben könnte, so muß man immerhin diesem Teil des Felsengrundes, der unmittelbar oberhalb Herrnskretschen (Abb. 80 u. 81) endigt, unter allen Szenerien in dem Sandsteingebirge die Palme reichen. Der obere Teil der Klamm bildet einen schmalen, von steilen, aber mit Nadelholz bewachsenen Felsen begrenzten See mit stillem Wasser, da der Bach durch Dämme gespannt ist. Über diesen See gleitet man mit dem Kahne langsam dahin, nach allen Seiten von stets wechselnden Landschaftsbildern umgeben. Der untere Teil des Tales, am längsten zugänglich und mit bequemen Fußwegen versehen, zeigt uns wieder den natürlich dahinrauschenden Bach, hie und da von mächtigen Felsblöcken, die in ihn hineingestürzt sind, eingeengt, zwischen denen das schäumende Wasser sich Bahn bricht. Aber zur malerischen Schönheit dieses Grundes tragen namentlich auch die herrlichen Buchen bei, die auf und zwischen den Felsmassen im Grunde wurzeln und ihre Zweige weit über das Wasser hinaussenden. Weil die Klamm bereits etwas weiter geworden, die Felswände mehr auseinander treten und das Sonnenlicht bis auf den Boden dringen kann, ist auch der Pflanzenwuchs üppiger und reicher und bildet den angenehmsten Gegensatz gegen die mit Fichten und Kiefern besetzten Felswände.

Abb. 73. Die Elbe bei Wehlen, flußaufwärts gesehen.
Liebhaberaufnahme von Hofgoldschmied P. Eckert in Dresden. (Zu Seite 78.)

Das Gefälle — das geht schon aus dieser allgemeinen Schilderung des Flußtales hervor — ist ungleich, wie das aus folgenden Angaben ersichtlich wird. Von Falkenau bis mitten in die Stadt Kamnitz beträgt das Gefälle auf 12 km 160 m, d. h. 1 : 75. Von Kamnitz bis Schemel, vor dem Eintritt in die Klamm, ist es auf 10 km wie 1 : 106 und von da zur Mündung in die Elbe auf 12 km wie 1 : 140. Das Gefälle von Falkenau bis zur Mündung beläuft sich auf rund 1 : 100.

Abb. 74. Gasthaus an der Dürrkamnitz.
Liebhaberaufnahme von Hofgoldschmied P. Eckert in Dresden. (Zu Seite 79.)

Das Kirnitzschtal.

Die Obere Schleuse.

Wesentlich anderen Charakter hat das Kirnitzschtal. Zwar ist die Hauptrichtung der Kirnitzsch westlich, doch geht der Bach gerade da, wo sich die landschaftlich schönste Umgebung an seinen Ufern findet, von Norden nach Süden. Unterhalb des ersten Dörfchens an seinen Ufern, unter Hinterdaubitz, befindet sich ein ganz enges Felsental, das durch einen festen Steindamm abgesperrt ist, in dem nur eine aus Holz bestehende Schleuse einen Durchlaß gewährt. Die ganze Anlage, durch die das Wasser des Baches zu einem langgestreckten Teiche angespannt ist, dient der Flößerei, die besonders im Herbst und Frühjahr ausgeübt wird. Diese Anlage heißt die Obere Schleuse (Abb. 82). Das enge Felsental mit dem dichten Hochwalde und der üppigen Krautvegetation am Ufer und bis ins dunkle und stille Wasser, das die Umgebung in wunderbarer Klarheit spiegelt, gehört zu den eigenartigsten Landschaftsbildern der Sächsischen Schweiz. Obwohl das Tal nicht so wild wie das Kamnitztal ist, und durch die üppige Pflanzenwelt ein Fußweg neben dem etwa 600 m langen stillen Wasserspiegel hinführt, ist auch hier die Möglichkeit geboten, die Strecke im Kahn zurückzulegen und noch mächtiger die besonderen Reize der Landschaft auf sich wirken zu lassen. Die Obere Schleuse wird daher, besonders von Hinterhermsdorf aus, sehr viel von Lustreisenden besucht und von manchen sogar der Edmundsklamm vorgezogen. Die Kirnitzsch (Abb. 83) fließt dann durch ein enges, einsames Felsental, in dem nur an einer Stelle die wenigen zerstreuten Häuser von Hinterdittersbach liegen, nach Nordwesten bis zur Buschmühle (Abb. 84), der ältesten, originellsten und malerischsten Mühle, berührt dann auf ihrem weiteren westlichen Laufe, der bald über Granitboden mit freierem, sanfterem Gehänge, bald wieder durch Felsengen des Sandsteines bis nach Schandau führt, nur einzelne Mühlen, aber kein Dorf mehr. Doch ist durch den ganzen unteren Teil des Tales bis zum Lichtenhainer Wasserfall (Abb. 85) eine elektrische Bahn angelegt, um die Besucher des Gebirges rascher durch den ziemlich einförmigen Grund in die Nähe der Hauptschönheiten des oberen Gebirges, auf den vielbetretenen Fremdenweg zu geleiten, der über den Kuhstall, den Großen und Kleinen Winterberg bis zum Prebischtor und von da hinab nach Herrnskretschen führt.

Abb. 75. Die Grundmühle.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 80.)

Um nun zu zeigen, wie viel stärker das Gefälle der Kirnitzsch als das der Elbe ist, wollen wir nur die Talstrecke von Hinterdittersbach oder der Kirnitzschschänke bis zur Mündung in Rechnung bringen. Hinterdittersbach liegt 243,6 m ü. d. M., die Mündung bei Schandau 119 m. Die Länge des Baches beträgt auf dieser Strecke 21 km, das Gefälle 125 m; daraus ergibt sich das starke Gefälle von 1 : 168. Der ganze Lauf der Kirnitzsch beträgt etwa 44 km; das hier berücksichtigte Stück entspricht also etwa der Hälfte des Gesamtlaufes. Ohne hier weiter auf einzelne Untersuchungen einzugehen, weil sie uns aus dem Gebiet der Sächsischen Schweiz herausführen würden, soll nur bemerkt werden, daß im oberen Teile das Gefälle des Baches, im Bereiche des Lausitzer Granites, nicht so stark ist.

Lachsbach.

Der dritte Bach, die Lachsbach, entsteht aus der Vereinigung zweier ziemlich gleich großer Bäche, der Sebnitz, 30,5 km lang und der Polenz, 33,6 km lang. Beide entspringen in der Umgebung des Hochwaldes. Die Sebnitz hat aber im unteren Lauf, der den Sandstein durchschneidet, westliche Richtung, die Polenz dagegen südliche und südwestliche Richtung.

Im Vergleich mit der Kamnitz und Kirnitzsch haben diese beiden Quellbäche der Lachsbach einen kürzeren Lauf durch den Sandstein, denn die Sebnitz tritt in dieses Gebiet erst von der Kohlmühle an, nördlich von Schandau ein, und die Polenz von Hohnstein an. Sie haben daher naturgemäß auch bereits auf ihrem längeren Oberlaufe tiefe Täler geschaffen; aber sie sind unwegsam und nur von wenigen Mühlen belebt.

Durch das Sebnitztal führt von Schandau nach Sebnitz eine Eisenbahn, auf der man wegen der vielen Windungen des Baches und der Enge des Tales durch sieben Tunnels auf einer Strecke von 15 km, also alle 2 km durch einen Tunnel kommt. Das früher selbst dem Fußgänger in manchen Teilen unzugängliche Tal zeigt nun dem Reisenden in raschem Zuge eine Fülle von wechselnden Landschaftsbildern.

Abb. 76. Die Wilde Klamm.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 80.)

Polenztal und Tiefer Grund.

Die Steigerung in der Art und Möglichkeit des Verkehrs durch die drei bisher betrachteten Täler ist bemerkenswert: An der Kamnitz Kahnfahrt und Fußpfade, an der Kirnitzsch Kahnfahrt, Fahrwege und elektrische Eisenbahn, an der Sebnitz Eisenbahn. Ganz einsam wird dagegen dann das Polenztal wieder. Von hohen, vielfach zerklüfteten Felswänden, wie bei den berühmten Aussichtspunkten „dem Brand“, oder von einzeln stehenden Felsmassen wie dem Hockstein (Abb. 86) auf beiden Seiten eingefaßt, geht der engste Teil des romantisch-schönen Grundes von Hohnstein (Abb. 87) südwärts bis zur Waltersdorfer Mühle. Auf den höchsten Klippen der östlichen Talwand steigt, alle Nachbarbäume weit überragend und durch seine stolze Krone von allen Seiten in die Augen fallend, der schönste Baum des ganzen Felsenlandes empor, die Königskiefer (Abb. 88). Von hier wendet sich der Bach in einem weiteren mit Wiesenboden geschmückten Tale nach Südosten, bis er kurz vor der Vereinigung mit der Sebnitz auch das Bächlein des Tiefen Grundes aufnimmt, durch den die Fahrstraße von Schandau nach dem Städtchen Hohnstein hinaufführt. Vor hundert Jahren, als der Besuch der Sächsischen Schweiz lebhafter zu werden begann, gehörte der Tiefe Grund zu den ersten Zielen einer Wanderung im Gebirge und wurde voll Bewunderung über die wilde Romantik dieser Felsenwelt in überschwenglichen Schilderungen empfohlen. Heutzutage liegt er abseits der besuchtesten Pfade und wird wohl nur noch betreten, wenn man den östlich davon gelegenen Waitzdorfer Berg erreichen will, der zwar schon zum Granitlande gehört, aber doch nahe dem Sandsteingebirge eine umfassende Rundsicht über die ganze Sächsische Schweiz bis ans Erzgebirge gestattet.

Abb. 77. Wilde Klamm. Dreyfußfelsen.
Nach einer Aufnahme von Paul Heine in Dresden. (Zu Seite 80.)

Wir wollen nun noch das Gefälle der beiden Bäche Sebnitz und Polenz betrachten. Für den Teil der Flüsse, der hier in Frage kommt, ist das Ergebnis überraschend. Es stellt sich nämlich ziemlich gleich heraus.

Der Spiegel der Sebnitz liegt in der Stadt gleichen Namens 268,7 m über dem Meer, an der Mündung in die Polenz 128,1 m. Der Unterschied in der Höhenlage beträgt 140,6 m. Bei einer Tallänge von 15,3 km ergibt sich ein Gefälle von 1 : 109. Bei der Polenz beträgt der Höhenunterschied zwischen der Häselichtmühle (206,7 m) und der Mündung der Lachsbach (115 m) 91,7 m. Daraus folgt bei einer Tallänge von 11,3 km ein Gefälle von 1 : 124.

Wenn der Fall des Wassers im Sebnitztal noch größer ist, als an der Polenz, so dürfte die Ursache wohl darin liegen, daß der Boden des Sebnitztales noch auf längerer Strecke dem festen Granitboden angehört. Vielleicht ist aus derselben Ursache der Fall der Kirnitzsch noch geringer, weil er nur auf einer kurzen Strecke südlich von Lichtenhain den Granit berührt, sonst aber am längsten dem Sandsteingebiet angehört.

Abb. 78. Im Edmundsgrunde. Winterstimmung.
Liebhaberaufnahme von Hofgraveur P. J. Wolf in Dresden. (Zu Seite 80.)

Liebethaler Grund.

Schloß Lohmen.

Von einem Vergleich mit der Wesnitz sehen wir ab, weil dieser Bach, der übrigens bei 75 km Länge der bedeutendste Zufluß von der rechten Seite ist, nur auf kurze Strecke von Bärreute bis zur Grundmühle unterhalb Liebethal den Sandstein durchschneidet und von da an teils an der Grenze des Quadergebirges entlang, teils durch den südlichen Teil des Dresdener Talkessels fließt. Landschaftlich dagegen gehörte von Anfang an, als die Schönheiten der Sächsischen Schweiz mehr gewürdigt wurden, der enge Felsengrund von Bärreute bis zur Grundmühle unter dem Namen des Liebethaler Grundes (Abb. 89) zu den besuchtesten Partien. Vor Eröffnung der böhmischen Eisenbahn wanderten alle Besucher — und diese kamen fast ausnahmslos von Dresden — oder fuhren mit eignem Geschirr über Pillnitz nach Lohmen und besuchten von hier aus den Glanzpunkt des Grundes, die Lochmühle (d. h. Waldmühle, Abb. 1) und die Liebethaler Steinbrüche, wohl die ältesten im Sandsteingebiet, und ließen es wohl gar an dem Besuche dieses Grundes bewenden und kehrten dann nach Dresden zurück. Wer aber noch weiter ins Gebirge eindrang, besuchte die Bastei, Hohnstein und Schandau. In Lohmen wurde gewöhnlich das erste Nachtlager genommen; daher war das Erbgericht dort jahrzehntelang das beste und bestempfohlene Gasthaus, und weil der wachsende Strom der Vergnügungsreisenden immer denselben Weg nahm, so sah sich wohl auch der Pfarrer von Lohmen, Karl Heinrich Nicolai (1739–1823), ein begeisterter Freund der Natur und ein guter Kenner des Gebirges, dadurch veranlaßt, den ersten Führer durch die Sächsische Schweiz zu schreiben unter dem Titel: „Wegweiser durch die Sächsische Schweiz, aufgestellt von C. H. Nicolai, Prediger an der Grenze dieser Schweiz in Lohmen. Pirna 1801.“ Das Büchlein, kurz und praktisch verfaßt, erlebte in seinem anspruchslosen Gewande mehrere Auflagen und beginnt seine Beschreibung mit dem Liebethaler Grunde. Seinem Beispiele folgten fast fünfzig Jahre lang alle späteren Wegweiser und Reiseführer, bis Dampfschiff- und Eisenbahnverkehr darin einen Wandel hervorriefen. Da wir uns im Liebethaler Grunde bereits im nördlichsten, also niedrigsten Teile des Sandsteingebirges befinden, so sind die Felshöhen auf beiden Seiten der Wesnitz nur etwa 40 m über dem Wasser des Baches. Das Tal ist von Lohmen bis zur Grundmühle so eng, daß abgesehen von dem unteren Teil desselben, in dem sich die altberühmten Steinbrüche befinden, keine Fahrstraße im Grunde hingeführt werden konnte, und nur ein gutgepflegter Fußweg an den zwischen Felsblöcken dahinbrausenden Bache aufwärts leitet. Da die Hochflächen beiderseits guten Ackerboden haben, so liegen die Dörfer Lohmen und Daube auf der Südseite, Mühlsdorf und Liebethal auf der Nordseite hart am Grunde langgestreckt ausgedehnt, aber oben auf den Ebenheiten, unten aber nur einige Mühlen, zu denen man auf Steintreppen hinuntersteigen muß. Nur in Lohmen führt eine Kunststraße mittelst Steinbrücke über das Wasser. Wenn man von der Nordseite kommt, hat man da, wo sich der Fahrweg zur Wesnitz hinunterzieht, das alte Schloß Lohmen (Abb. 90), lange der Sitz eines Amtsgerichts, in überaus malerischer Lage gerade vor sich. Unzählige Male ist von hier aus und dann unten vom Wasser aus, bei der Vordermühle, das auf einem fast überhängenden Felsen thronende Schloß gezeichnet und gemalt und gehört schon seit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts in den illustrierten Reiseführern und in einzelnen von Dresdener Malern entworfenen Blättern zu den ersten landschaftlichen Zierden der Sächsischen Schweiz.

Abb. 79. Die Edmundsklamm.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 80.)

Die kleinen Zuflüsse der Elbe.

Hier seien zum Schluß die erwähnten Bäche nach ihrem Gefälle noch einmal mit der Elbe zusammengestellt:

Elbe
45 
km
1 : 4112.
Kamnitz
34 
„ 
1 : 100.
Kirnitzsch
21 
„ 
1 : 168.
Sebnitz
15 
„ 
1 : 109.
Polenz
11 
„ 
1 : 124.

Wenn schon hier bei verhältnismäßig bedeutender Wassermenge in den Bächen, die beständig fließen, die Wasserwirkung auf den Boden wesentlich geringer und demnach das Gefälle wesentlich stärker ist als in der Elbe, so daß man sagen muß, die Erosion der Bäche hat längst nicht gleichen Schritt halten können mit der der Elbe, so wird sich der Gegensatz noch mehr steigern bei den kleineren und wasserärmeren Bächen oder Rinnsalen, die aus dem Sandsteingebirge selbst kommen.

Abb. 80. Herrnskretschen, von der Elbe gesehen.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 80.)

Nun ist die ganze rechte Seite des Stromgebietes der Elbe im Bereiche des Sandsteins viel ärmer an Quellen als die linke Seite, weil hier die undurchlässige Plänerschicht zu tief, zum Teil unter dem Elbspiegel liegt. Also ist der östliche Teil der Sächsischen Schweiz entschieden trockener, und beständig fließende Sandsteinquellen fehlen. Dazu ist nach der Eiszeit ein wesentlich trockeneres, steppenartiges Klima lange in Deutschland verbreitet gewesen, infolgedessen die Erosion nicht ununterbrochen, sondern stoßweise, nur gelegentlich nach plötzlichen stärkeren Niederschlägen erfolgen konnte. Es lagen also ähnliche meteorologische Verhältnisse vor wie in dem Becken auf dem nordamerikanischen Hochlande westlich vom Felsengebirge, wo namentlich im Flußbereich des Rio Colorado die merkwürdigsten unter dem spanischen Namen Cañon bekannten Felsenschluchten ausgehöhlt sind, mit denen die Felsengründe in der Sächsischen Schweiz eine unverkennbare Ähnlichkeit haben, wenn sie auch lange nicht so tief und wild sind und ihr starres Aussehen durch reichlichen Pflanzenwuchs gemildert ist. Doch darf man annehmen, daß in der späteren Diluvialzeit bei den viel geringeren Niederschlägen der landschaftliche Charakter, solange der Wald fehlte, dem der Cañons noch ähnlicher war.

Der Uttewalder Grund.

Der längste unter den ausschließlich im Sandstein liegenden Gründen ist der Uttewalder Grund. Der Name Uttewalde ist leider nach der gemeinen Aussprache des Personennamens Utte statt Otto im neunzehnten Jahrhundert erst offiziell vorgeschrieben, während bis dahin das Dorf, nach dem der Grund benannt ist, Ottowalde hieß. Derselbe Name kehrt in älterer Form, Oddo statt Otto, in dem oberrheinischen Odenwalde wieder. Die Richtung des höchstens 4 km langen Uttewalder Grundes, dessen unteren Teil man höchst überflüssigerweise Wehlener Grund nennt, geht von Norden nach Süden. Im Sommer ist das Bachwasser gewöhnlich versickert und auf der Erdoberfläche nicht zu sehen. Es ist auch bezeichnend für die Wasserarmut, daß der Name des Baches nirgends genannt wird und daß man nur von dem Grunde spricht.

Daß dieser dem Wasser seinen Ursprung verdankt, ist zweifellos, und daß besonders nach starkem Sommerregen an der Mündung bei Wehlen bedeutende Schuttmassen aufgehäuft werden und an Weg und Steg im Grunde arge Verheerungen angerichtet werden können, ist im vorigen Jahrhundert mehrfach beobachtet worden. Ebenso kann das Wasser im Frühjahr nach der Schneeschmelze seine erodierende Wirkung zeigen; dann aber wieder scheint die Erosion monatelang zu schlummern. Jedenfalls nehmen die entstehenden Veränderungen und Vertiefung des Bachbettes lange Zeiten in Anspruch.

Im Gegensatz zu den dauernd fließenden größeren Bächen muß man, um von der Elbe her in den Grund zu gelangen, sofort in die Stadt Wehlen hinein bis auf den Marktplatz und von hier bis zum Fuß der alten Burg die erste Talstufe hinansteigen. Für die Ausmündung des Bachbettes liegt der Elbspiegel jedenfalls bereits zu tief oder mit anderen Worten: Das Elbtal ist den Sandsteinbächen gegenüber übertieft. Die Bächlein der Seitengründe haben mit dem Elbstrom in Bezug auf Erosion nicht gleichen Schritt halten können.

Die Seitengründe haben nicht bloß noch viel stärkeres Gefälle als die größeren Zuflüsse, sondern sie haben noch nicht einmal die einzelnen Absätze oder Talstufen, den horizontalen Sandsteinbänken entsprechend, überwunden; und wenn plötzlich ein stärkerer Wasserzufluß in diesen Gründen erfolgte, müßten zahlreiche Wasserfälle entstehen, die den größeren Bächen bereits fehlen. Und doch sind auch in so wasserarmen Gründen, wie der Uttewalder, so malerische Szenerien entstanden, wie sie nur irgend die Sächsische Schweiz bietet. Zu diesen malerisch schönen Gründen gehört auch der Uttewalder, wird aber vollends, weil er den Zugang zu der Bastei bildet, unter allen Gründen des Gebietes am meisten begangen. — Sowie man bei der alten Burg Wehlen die erste Talstufe erreicht hat, wird der Grund ebener, ein breiter bequemer Talweg führt durch herrlichen gemischten Wald allmählich bergan. Im trockenen Bachbett zur Linken treten mehrfach die Sandsteinbänke als Stufen bis zu einem Meter Höhe auf, die vom Wasser noch nicht durchsägt oder allmählich abgeflacht sind. Man sieht aber, daß das Wasser, wenn es einmal größere Kraft zeigt, die unteren Schichten des Sandsteins unterhöhlen kann, bis die Wände, ihrer Stützen beraubt, von oben niederbrechen und mächtige Felsblöcke, denen man zur Unterhaltung der Fremden allerhand unpassende Namen gegeben hat, auf den Talgrund stürzen, wo die sieghafte Natur auch diese starren Massen mit dichten Moospolstern und Farnkraut überzieht oder sogar Nahrung für den Anflug von Tannensamen schafft, der sich zu stattlichen Bäumen entwickelt und wieder einen grotesken Schmuck des Grundes bildet. Denn in den Gründen ist es immer feucht, auch wenn fließendes Wasser fehlt, und statt der genügsamen Kiefer auf den Felsenhöhen siedelte sich im Tal gern die kräftigere hochstrebende Fichte an.

Abb. 81. Herrnskretschen. Talsiedelung.
Nach einer Aufnahme von Dr. Trenkler & Co. in Leipzig. (Zu Seite 80.)

Der Teufelsgrund.

Weiter aufwärts verengt sich der Grund und die Felswände treten so nahe aneinander heran, daß nur ein Felsenspalt statt eines Tales übrigbleibt. Von oben hereingestürzte Blöcke haben den Talboden nicht erreichen können, sondern sind eingeklemmt so hoch in dem Spalte befestigt, daß man ungehindert durch dieses natürliche Felsentor hindurch und weiter talauf wandern kann. Die Seitenschluchten des Uttewalder Grundes, die alle auf der gleichen Hochfläche ihren Anfang nehmen, müssen bei kürzerem Verlauf auch stärkeres Gefälle haben und daher in verstärktem Maße auch die Erscheinungen kräftiger Talstufen und eingestürzter Felsmassen zeigen. So vor allem der Teufelsgrund, der in seinem oberen Teile eine ganz enge Felsschlucht bildet, die von hineingestürzten Felsblöcken dermaßen erfüllt ist, daß man künstlich einen Durchgang schaffen mußte, um unter und zwischen den Blöcken halb kriechend, halb steigend die Höhe gewinnen zu können.

Der Zscherregrund.

Einen ganz anderen Charakter trägt die Seitenschlucht, die etwa der Teufelsschlucht gegenüber von Nordosten her in den Hauptgrund mündet und Zscherregrund (Abb. 91) genannt wird. Hier fehlt das Gewirre von Blöcken, ein bequemer breiter Fußpfad führt in ihm bergan und bildet den nächsten Zugang zur Bastei. Steile, wenn auch nicht sehr hohe aber mehrfach überhängende Felswände begrenzen ihn. Die Felswände sind kahl, der reiche Pflanzenwuchs des Uttewalder Grundes fehlt, das Gestein sieht düster aus, erscheint an manchen Stellen wie geglättet, ob von Wasser oder Eis bleibe unentschieden, eigentliche Talstufen fehlen, denn der Weg steigt stetig aber allmählich an. Indes ist unverkennbar hier besonders am Fuß der Felswände zu sehen, daß ehemals ein kräftiger Bach den Grund durchflutet und Sand und Stein mit sich fortgeführt haben muß. Als Zeugen dafür dienen nicht bloß die geglätteten und unterwaschenen Wände, sondern auch das Vorhandensein eines noch teilweise wohlerhaltenen Riesentopfes, einer kesselartigen runden Vertiefung mit senkrechten Wänden, eingegraben in das feste Gestein. Derartige Riesentöpfe, wie sie namentlich im Hochgebirge gefunden werden und in viel größerem Umfange besonders im Gletschergarten bei Luzern weltbekannt sind, werden der Wirkung wirbelnden Wassers zugeschrieben, das in einer flachen Schale oder Mulde des Gesteins einen größeren Stein unaufhörlich im Kreise herumwälzt, bis dieser Mahlstein durch die beständige Reibung unter sich eine rundliche Vertiefung ausarbeitet, die sich immer mehr eingräbt, solange das Wasser mit gleicher Kraft auf den Stein und in die Vertiefung stürzt. Ob dazu immer ein senkrechter Strahl, ein Wasserfall erforderlich ist, kann fraglich erscheinen; denn auch in einem Bache, der in Stromschnellen stufenweise abwärts stürzt, können ähnliche Wirkungen erzielt werden. Es sei dabei an die merkwürdigen Erscheinungen bei den Katarakten des Rieslochbaches am Arber im Böhmerwalde hingewiesen, wo aus dem schäumenden Bache plötzlich fontänenartig mächtige Wasserstrahlen emporgeschleudert werden, die sich nur dadurch erklären lassen, daß im Felsbache des Bachbettes rundliche Vertiefungen entstanden sind, in die das Wasser stürzt und wieder herausgeschleudert wird.

Jedenfalls sind zur Bildung von Riesentöpfen beträchtliche Wassermassen erforderlich. Und daher erklärt sich wohl, daß auch der Riesentopf im Zscherregrunde auf einen früheren Wasserfall zurückgeführt wird. Allein dafür ist an dieser Stelle keine Möglichkeit vorhanden, da die Felsbänke über dem Riesentopfe überhängen, also das von ihnen etwa herabfließende Wasser gar nicht die Öffnung der runden Vertiefung treffen könnte. Andererseits muß aber, nachdem der Kessel schon ausgehöhlt war, noch lange Zeit hindurch der Bach des Zscherregrundes über den Riesentopf hinweggeströmt sein, denn er hat durch langsame Erosion den oberen Teil des Kessels wieder abgeschliffen und zwar, weil er sich immer mehr an die Felswand herangedrängt hat, in ganz schräger Richtung. Der obere Topfrand ist also in einem starken Winkel abgeschliffen. Wir würden uns mit dieser Frage nicht so eingehend beschäftigt haben, wenn auch jetzt noch ein Bach durch den Grund flösse, also auch heute noch die Hochflächen nach der Bastei zu, von denen das Wasser abfließen müßte, wasserreich wären. Allein das Gegenteil ist der Fall! Gerade das ganze Gebirge in der Umgebung der Bastei mit seinen wild zersplitterten Felsmassen, -Wänden und -Türmen (Abb. 92, 93 u. 95) gehört zu den wasserärmsten Gebieten des ganzen Sandsteingebirges. Auch kann der Grüne Bach, der den Amselfall (Abb. 96) bildet, nicht als Ausnahme herangezogen werden, denn er hat seine Quellen nördlich von Rathewalde im Granit.

Abb. 82. Die Obere Schleuse.
Nach eigener Aufnahme der Verlagshandlung. (Zu Seite 82.)


GRÖSSERES BILD

Wasserarmut im Gebirge.

Es bleibt also keine andere Erklärung für den ehemals größeren Wasserreichtum und seine noch jetzt sichtbaren Spuren, als daß die Höhen um die Bastei vergletschert waren, und daß das Wasser mit dem Verschwinden des Eises nach den niedriger gelegenen, zuerst eisfrei gewordenen Gegenden abfließen konnte. Es wird dies um so eher verständlich, wenn man die weite Verbreitung des Inlandeises ins Auge faßt. „Es verbreitete sich (nach Penck) über das ganze sächsische Mittelgebirge und reichte bis zum erzgebirgischen Becken, es legte sich auf die Höhen der Sächsischen Schweiz und verhüllte fast gänzlich die Lausitzer Platte; es stieg so hoch am Saume des Lausitzer Gebirges an, daß es die an 500 m heraufreichenden Pässe desselben überschreiten konnte.“

Alle typischen Formen von Schluchten sind somit im Uttewalder Grunde mit seinen Nebentälern vertreten; aber die Wasserwirkungen sind seit sehr langer Zeit auf gelegentliches Auftreten beschränkt. Die ungeheuere Zersprengung der Felsen des Basteigebietes muß daher anderen Ursachen zugeschrieben werden. — Nun herrscht aber auch um den Winterberg in dem weiten Gebiet zwischen Kamnitz und Kirnitzsch der gleiche Wassermangel. Abgesehen von einigen Quellen auf dem Basaltboden des Großen Winterberges ist hier so wenig Feuchtigkeit in den Gründen anzutreffen, daß diese wenigen Stellen sofort in der Namengebung als „nasser Grund“, „nasse Schlüchte“ zu erkennen sind. In der Zerklüftung des Gesteins gleicht das Winterberggebiet vollkommen dem an der Bastei.

Abb. 83. Partie aus dem Kirnitzschtal bei Hinter-Hermsdorf.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu Seite 82.)

Der Große Zschand.

Für die geringe Tätigkeit des rinnenden Wassers, abgesehen von einzelnen starken Sommerregen, oder im Frühjahre bei Schneeschmelze, kommt endlich noch in Betracht, daß die Sandsteinbänke rechts von der Elbe fast vollkommen wagerecht liegen, daß also der Ablauf des Regenwassers, soweit es nicht im lockeren Sande versickert, durch eine natürliche Neigung des Bodens nach keiner bestimmten Richtung vorgeschrieben ist, daß also ein Gefälle des Wassers eigentlich nicht vorhanden ist. Kleine Unebenheiten auf der Oberfläche der Ebenheiten sind dann die Veranlassung zu den ersten Anfängen der Erosion und zur Entstehung von Schluchten. Die langsame Entwässerung der Sandsteinmassen ostwärts von den Schrammsteinen, die sich kaum oberirdisch vollzieht, zeigt eine unendliche Zersplitterung in kleine Tälchen nach allen Richtungen; nur um den Großen Zschand gruppieren sich zahlreiche Schluchten, die von rechts und links, aber ohne Wasser, einmünden. Es ist ein Flußsystem ohne Flüsse, das einzige in seiner Art, das ganz dem Sandstein angehört. Der Talboden im Großen Zschand ist scheinbar ziemlich wagerecht, aber er steigt doch gegen Süden von der Kirnitzsch bis zur Wasserscheide um 150 m an.

Abb. 84. Die Buschmühle im Kirnitzschtal.
Liebhaberaufnahme von H. Engert in Dresden. (Zu Seite 82.)

Der Große Dom.

Von der Wasserarmut in diesem Gebiet noch ein bemerkenswertes Beispiel. Westlich vom Kleinen Winterberge liegt der Große Dom, ein Felsenkessel, der von hohen Sandsteinklippen und -Türmen (Abb. 97) auf drei Seiten umschlossen ist. Die Talseite ist außerdem noch durch riesig große Blöcke, die von den Seiten hineingestürzt sind, dergestalt abgesperrt, daß ein innerer, rundlicher Platz entsteht, auf dem mächtig hohe alte Tannen emporsteigen. An der Westseite kann man auf einer Flucht von kühn angelegten Stein- und Holzstufen zur Höhe des Felsengrundes gelangen und bemerkt nun, daß man sich in einem Hochtale befindet, das in der Mitte die natürliche Tiefenlinie eines Rinnsals hat und auf den Seiten wieder von einer Reihe niedriger Klippen eingefaßt ist. Der Dom bildet also den mittleren Teil eines Erosionstales, aber liegt um 80 m niedriger als das obere Hochtal. Nun wird uns erst verständlich, woher im Dom an der hinteren Felswand aus einer Spalte der dünne Wasserfaden rinnt, um unter Moos und Steinen bald zu versickern. Bei der Seltenheit des Wassers in der ganzen Umgebung hat man diesen Quell zu fassen vermocht, daß er auf einer dünnen Holzrinne aus dem Felsen abfließt und in feuchteren Jahren von den Besuchern des Domes als eine Erfrischung aufgesucht wird, während in trockenen Jahren das Wasser völlig versiegt. Ob gegenwärtig dieser Wasserfaden noch im Boden sich eingraben kann und überhaupt auf die Bodengestalt eine und sei es auch die geringste Wirkung ausüben kann, möchte ich bezweifeln. Übrigens können in engen Schluchten und Grotten, wohin kein Sonnenstrahl dringen kann, die Sickerwässer im Winter gelegentlich märchenhaft schimmernde Eisgebilde schaffen, wie in der Eishöhle in der Weberschlüchte (Abb. 98).