Im Februar 1712 klagte das Haus der Gemeinen in einer Adresse an den Thron: „Während des ganzen Krieges mußten jährlich große Flotten ausgerüstet werden, um die Herrschaft im Mittelmeer aufrecht zu erhalten und um jeder Streitmacht, die der Gegner in den nördlichen Gewässern aufzustellen beabsichtigte, entgegentreten zu können. Holland ist stets im Rückstande geblieben, so daß Ew. Majestät genötigt waren, diesen Ausfall zu decken; unsere Schiffe mußten zum großen Schaden des Materials zu ungünstigen Jahreszeiten in entfernten Gewässern verweilen. Dies führte ferner zur Beschränkung des Convoischutzes; es war nicht möglich, dem Feinde den Verkehr mit Westindien zu unterbinden, von wo ihm die starke Zufuhr an Silber ermöglicht wurde, ohne die er die Lasten des Krieges nicht hätte tragen können.“ Der Eingabe war eine Tabelle über die von Holland „zu stellenden“ und „gestellten“ Schiffe beigefügt. Die Generalstaaten erhoben hiergegen Widerspruch und führten ganz andere Zahlen auf. Stellen wir nun die Angaben gegenüber; es handelt sich nur um Linienschiffe.
| Englische Angaben | Holländ. Angabe | Nach de Jonge | ||
| Es waren zu stellen | Es sind gestellt | Es sind gestellt | waren im Dienst | |
| 1702 | 44 | 33 | 55 | 35 |
| 1703 | 47 | 22 | 50 | 34 |
| 1704 | 44 | 18 | 56 | 35 |
| 1705 | 47 | 20 | 56 | 35 |
| 1706 | 46 | 15 | 54 | 30 |
| 1707 | 43 | 27 | 49 | 32 |
| 1708 | 43 | 25 | 53 | 31 |
| 1709 | 42 | 11 | 50 | 30 |
| 1710 | 37 | 13 | 43 | 21 |
| 1711 | 35 | 12 | 40 | 13[277] |
Die Generalstaaten behaupteten nun, die Zahlen in Reihe 1 seien zu hoch; sie seien berechnet nach dem Verhältnis einer gemeinsamen Rüstung wie 3: 5, während 1703 vereinbart sei, daß für jedes Jahr die Anzahl festgestellt werden solle, und diese Zahlen habe man erfüllt. Die Zahlen in Reihe 2 seien zu niedrig gegriffen, man habe die in den nördlichen Gewässern befindlichen holländischen Schiffe nicht mitgerechnet.
Nun würde aber noch der große Unterschied zwischen der Angabe der holländischen Admiralitäten (Reihe 3) und de Jonges (Reihe 4) zu ergründen sein. De Jonge erklärt ihn damit, daß die Admiralitäten die großen Convoijer (über 40 Kanonen) eingerechnet und allerdings auch damit, daß sie Schiffe mitgezählt hätten, deren Indienststellung beschlossen, aber wegen Geldmangels nicht ausgeführt sei. Vielleicht liegt ein Unterschied auch darin, daß de Jonge (und ebenso England) die Schiffe unter 50 Kanonen nicht als Linienschiffe berechnet hat, während die Admiralitäten alle über 40 Kanonen[568] als solche zählten. De Jonge erkennt die Berechtigung der englischen Klage nur insoweit an, als sie die Beteiligung Hollands an der Mittelmeerflotte anging; hier hätten stets einige Schiffe gefehlt. Es ist zweifelhaft, ob man die großen Convoijers mitzählen durfte, doch sollte man glauben, daß England in Hinsicht auf seine Leistungen, und somit auf Berechnung des Verhältnisses, sich gleichfalls die Linienschiffe angerechnet hat, die im Convoidienst verwendet wurden.
Die Zahlen der Reihe 1 sind von England als im Verhältnis 3: 5 der englischen Indienststellungen berechnet und als solche von Holland nicht angefochten worden. Man kann aus ihnen mithin schließen, daß England durchschnittlich 70–80 Linienschiffe jährlich im Dienst hatte, wie wir es bei Besprechung der Streitmittel (Seite 505) angenommen haben.
In Hinsicht auf die Entwicklung der Taktik ist nur noch einmal hervorzuheben, daß die Schlacht bei Malaga, die einzige dieses Krieges, als die erste einer Zeit gilt, in der mehr Wert auf Aufrechterhaltung der Gesamtformation in Linie als auf taktische Manöver gelegt wird. Zur Zeit Tourvilles war eine Taktik ausgebildet und wurde angewandt, jetzt wird sie besonders von den Engländern nur schematisch durchgeführt.[278]
Über die Strategie in diesem Kriege; die Aufgaben der Seestreitkräfte, und wie sie diese lösten. Wenn wir auch bei der Schilderung der Ereignisse schon näher auf diese Punkte eingegangen sind als bei den früheren Kriegen, so ist es doch wünschenswert, durch einen Überblick nochmals zu zeigen, welchen Einfluß die Kriegführung zur See gehabt hat oder hätte haben können; gerade dieser Krieg ist lehrreich.
Ein neuerer englischer Autor[279] sagt: „Für die höhere Seestrategie ist kein Krieg lehrreicher als der Spanische Erbfolgekrieg; in vielen Hinsichten gleichen die damaligen Verhältnisse den jetzigen. Der Krieg wurde geführt gegen das gefahrdrohende Übergewicht eines ehrgeizigen und mächtigen Militärstaates, es war ferner ein Krieg für die Freiheit des Handels und England verfügte durch seine Marine über ein Kampfmittel, das kein Festlandsstaat in gleicher Stärke besaß. Ludwig XIV. war durch die Wiederherstellung seines Heeres nach dem letzten Kriege so in Anspruch genommen, daß er seine Marine vernachlässigen mußte, während sich anderseits in England die Abneigung gegen ein stehendes Heer, die die Landmacht Wilhelms III. schwächte, nicht auf die Marine erstreckte; diese blieb in ihrer bisherigen Kraft erhalten.“
Frankreichs Kriegführung. Wie im Jahre 1688, so standen auch 1702 die beiden Seemächte verbündet Frankreich gegenüber, weit überlegen, weil sie etwa 200 Schiffe und Frankreich nur 135 über 40 Kanonen besaßen. Die Aufgabe der französischen Marine war aber größer als im vorigen Kriege, sie hatte neben dem Schutz der eigenen Küsten und Kolonien, sowie des eigenen Handels auch die Interessen Spaniens hierin wahrzunehmen, dessen Marine gar nicht in Betracht kam.
Im vorigen Kriege hatte Frankreich, vertrauend auf die Leistungsfähigkeit der eigenen Flotte sowie auf eine für sich günstige Lage der Verhältnisse in England, den Versuch gemacht, um die Seeherrschaft in großem Sinne zu kämpfen; er war fehlgeschlagen. Jetzt war ein solcher Kampf in den nördlichen Gewässern, in unmittelbarer Nähe der feindlichen Länder, mit unterlegenen Streitkräften, die außerdem an innerem Wert verloren hatten und in zwei weitgetrennte Kontingente geteilt waren, völlig aussichtslos. Es war mithin richtig, daß Frankreich sich im Norden auf den Küstenschutz und den kleinen Krieg beschränkte und sich die Aufgabe stellte, gestützt auf Spanien das Mittelmeer zu halten. Dieses Meer mußte der Hauptkriegsschauplatz zur See werden. Wir wissen, daß in den Verwicklungen, die zum Kriege führten, für die Seemächte die Frage eine Hauptrolle spielte, ob die Stellung des Hauses Habsburg oder Bourbon hier an Kraft gewinne, und daß sie die italienischen Provinzen des spanischen Erbes für Habsburg erobern wollten. Im Mittelmeer konnte also die Flotte der Verbündeten mit mehr Aussicht auf Erfolg in den Landkrieg eingreifen als im Norden, anderseits waren die französischen Seestreitkräfte hier eher imstande, den feindlichen die Stirne zu bieten, weil diese keine Stützpunkte besaßen, bei Ausbruch des Krieges nicht einmal die portugiesischen Häfen. So strebte Frankreich danach, seine Hauptkraft im Süden zusammenzuziehen und von den nördlichen Häfen aus neben Küstenschutz und kleinem Kriege nur die westindischen Kolonien und den Handel von dort, insbesondere die wichtigen Silberflotten, zu schützen. Diese richtige Strategie wurde aber nicht stetig und nie tatkräftig genug durchgeführt.
Vor Ausbruch des Krieges mit den Seemächten, 1701, wurden zwei größere Flotten ausgesandt. Die eine (Château-Renault; von Brest) ging nach Portugal, um dieses Land Frankreich treu zu erhalten, die andere (d'Estrées; von Toulon und von Brest verstärkt) nach Cadiz, gegen das die Verbündeten schon rüsteten. Beide vereint waren dem Gegner gewachsen, wenn er erschienen wäre; es war also für dieses Jahr zweckentsprechend verfügt worden. Renault ging später nach Westindien und führte im nächsten Jahre die Galeonen trotz der Anwesenheit zweier feindlicher Flotten an den europäischen Küsten nach Vigo; d'Estrées brachte spanische Truppen nach Neapel.
Im Jahre 1702 wurde keine größere Flotte zusammengezogen, obgleich in Brest und Toulon stark gerüstet war. Nichts geschah, als die Verbündeten gegen Cadiz vorgingen und später die Silberflotte in Vigo vernichteten. Die Folge dieser Untätigkeit war der Beitritt Portugals zu den Gegnern. Nur ein Geschwader von Brest (du Casse) segelte nach Westindien; und eine Flottille von Toulon (Forbin) bedrohte in der Adria die rückwärtigen Verbindungen der Österreicher in Italien. Auch 1703 verlief tatenlos. Man hatte beabsichtigt, Portugal zu züchtigen, gab aber die Rüstung hierzu auf, als man mit Erscheinen einer feindlichen Flotte rechnen mußte. So war eine verhältnismäßig schwache Kraft der Verbündeten (Shovel) Herrin im Mittelmeer, und ihr Auftreten trug zu Savoyens Abfall von Frankreich bei.
Als mit der Aufnahme des Krieges in Spanien seitens der Seemächte die Herrschaft im Mittelmeer 1704 noch weit wichtiger wurde, machte man endlich größere Anstrengungen. Es gelang, die Schiffe von Brest nach Toulon zu führen und hier eine große Flotte (Graf von Toulouse) zu vereinigen. Sie war aber zu spät bereit, um die Einnahme Gibraltars zu hindern, und ging nach der unentschiedenen Schlacht bei Malaga auf Toulon zurück; ein zurückgelassener Teil (de Pointis) wurde bei dem Versuche, Gibraltar wieder zu nehmen, vernichtet. 1705 fand trotz der Rüstungen im Norden und Süden keine Vereinigung statt, und von Toulon aus wurde kein Versuch gemacht, die allerdings überlegene feindliche Flotte in ihren erfolgreichen Unternehmungen an der spanischen Küste zu hindern. 1706 erschien Graf Toulouse vor Barcelona, zog sich aber beim Nahen des Feindes zurück,[570] und als 1707 Toulon angegriffen wurde, rechnete man gar nicht mit der Flotte, sondern versenkte die Schiffe zu ihrem eigenen Schutze.
In den letzten Jahren des Krieges wurden keine Kräfte für den großen Krieg mehr aufgestellt, der Kampf um die Seeherrschaft war aufgegeben worden.
Diese schwächliche Kriegführung ist nur mit dem Verfall der Marine, mit dem dadurch stets weiter wachsenden Mangel an Zutrauen zu dieser Waffe und mit dem Fehlen des Verständnisses für Art und Wichtigkeit der Kriegführung zur See zu erklären. Man pflegte die Marine nicht mehr, man verwandte sie auch falsch. Denn wenn auch die eingerissene Mißwirtschaft und der Geldmangel die Rüstungen lähmten, so hätte doch mehr geleistet werden können.
So sagt Bonfils z. B. von dem Jahre 1702: „Der schwere Verlust, den Frankreich und Spanien durch die Vernichtung der Silberflotte mit ihrer Bedeckung erlitten, war eine Folge davon, daß man die vorhandenen Kräfte nicht zu einer Flotte zusammenzog. Untätig lagen die Geschwader in den verschiedenen Häfen und verursachten doch die gleichen Kosten.“ Dies bleibt für die ganze erste Hälfte des Krieges zutreffend. Am unverständlichsten ist das Verhalten der Flotte 1704. Bei Malaga waren die Franzosen dem Gegner gewachsen, die Verhältnisse lagen nach der unentschiedenen Schlacht für sie günstiger als für die Verbündeten; schwächlich brachen sie den Feldzug des Jahres ab. Hatten sie mehr gelitten, als man weiß? Glaubten sie mit „dem Verjagen des Feindes aus dem Mittelmeer (?)“ (wie sie sich rühmten) ihre Pflicht getan zu haben? Waren dem Grafen Toulouse die Hände gebunden, um nicht zu viel aufs Spiel zu setzen, oder gar aus Gründen der Eifersucht und aus bösem Willen Pontchartrins ihm gegenüber?
Die Kriegführung der Verbündeten. Wie schon angedeutet, waren die Verbündeten auf eine Offensive im Mittelmeer hingewiesen; im vorigen Kriege hatten die Vorstöße gegen die französischen Küsten nicht einmal ein Abziehen bemerkenswerter Streitkräfte von den Kriegsschauplätzen an den Grenzen erzielt. Im Norden konnte man sich darauf beschränken, den eigenen Handel zu schützen, Frankreich von der See abzuschließen und seine Streitkräfte in Häfen festzuhalten. Im Süden war es möglich, in den Landkrieg in Norditalien einzugreifen, Süditalien für den Kaiser zu erobern, Frankreich auch hier abzuschließen und somit ganz zu vereinzeln, sowie endlich den spanischen Handel mit Westindien und Südamerika zu bedrohen.
Wilhelm III. und nach ihm Marlborough sowie Heinsius strebten deshalb von Anfang an dahin, die Haupttätigkeit der Flotte nach dem Süden zu legen und vor allem zur leichteren Lösung der Aufgaben Stützpunkte an der Straße und im Mittelmeer selber zu gewinnen; England hatte wohl sicher die Absicht, diese dauernd zu behalten. Marlboroughs Partei und Heinsius fanden aber in ihren Ländern wenig Verständnis für ihre Pläne und starken Widerstand bei deren Durchführung. In den Niederlanden war keine Neigung zu einem Kriege in fernen Gewässern, man wollte lieber die Streitkräfte zum Schutz des Handels und der Küsten in der Nähe behalten, man glaubte auch, daß dies von günstigem Einfluß auf den Landkrieg an den Grenzen sein würde; in England huldigte eine starke Partei, darunter hohe Seeoffiziere wie Rooke und Shovel, der alten Defensivstrategie und scheute sich, die schweren Schiffe länger im Jahre im Süden zu belassen, als gelegentliche Offensivstöße erforderten. Die Folge dieses, oft nur passiven Widerstandes (z. B. von seiten Rookes) war, daß in den ersten Jahren die Operationen meistens verzögert — mangelhafte Zustände in den Marinen traten hinzu — und dann ohne die nötige Tatkraft durchgeführt wurden. Sie hätten auch mit größeren Kräften unternommen werden müssen und unternommen werden können, aber stets nur die Hälfte der Seestreitkräfte wurde darangesetzt. Den Rest hielt man für die Aufgaben im Norden zurück, ohne diese ganz zu lösen; hierzu hätten auch geringere Kräfte genügt, ein mächtigeres Auftreten im Mittelmeer wäre aber für den Verlauf des Krieges sicher von größerem Einfluß gewesen.
1701 wurde schon im April eine starke Flotte (Rooke) aufgestellt; sie sollte nach Spanien gehen, um einen Druck auf die noch schwebenden Verhandlungen auszuüben, oder bei Ausbruch des Krieges sofort Cadiz anzugreifen. Erst im August ging sie in See und nur zur Beobachtung von Brest; sie kam zu spät, um Château-Renaults Abgang nach Westindien zu hindern, und zweigte ein Geschwader (Benbow) zur Verstärkung dieser Station ab.
1702 lief im Mai ein kleines Geschwader aus, um die nach Westindien bestimmte Division du Casse abzufangen; dies mißlang infolge der Unentschlossenheit des Führers (Munden). Die für den Süden bestimmte große Flotte war erst im Juni seeklar (Rooke; Landungstruppen unter Ormond, auch ein Gegner Marlboroughs). Sie sollte einen spanischen Hafen nehmen und als Stützpunkt festhalten. Später trat der Befehl hinzu, der erwarteten Silberflotte (Château-Renault) die spanischen Küsten zu sperren; der Flotte im Kanal (Shovel) war der gleiche Auftrag hinsichtlich der französischen Küsten gegeben. Ende August wurde Cadiz angegriffen, wegen Lauheit und Uneinigkeit der Führer ohne Erfolg. Zu weiteren Unternehmungen war Rooke nicht zu bewegen, und auch nur zögernd benutzte er auf der Rückreise die günstige Gelegenheit, die Silberflotte in Vigo anzugreifen. Er hatte nun allerdings ungeheuern Erfolg und gewann durch diesen noch Portugal mit seinen Häfen für die Seemächte, aber er ging weder auf den Vorschlag des Prinzen von Hessen ein, in Vigo einen Stützpunkt zu schaffen und einen Teil der Flotte zu belassen, noch auf den des Gesandten Methuen, die schweren Schiffe in Lissabon zu überwintern, obgleich er in beiden Fällen den Absichten seiner Regierung entsprochen hätte.
1703 sollte Süditalien für den Kaiser erobert werden. Der Plan wurde aufgegeben, weil die Schiffe im Vorjahre zu spät heimgekommen waren und weil Österreich keine Truppen stellen konnte. Die Hauptflotte blieb tatenlos im Kanal, nur eine kleinere (Shovel) ging erst spät im Sommer ins Mittelmeer mit recht allgemein gehaltenen Befehlen. Diese unternahm denn auch nichts von Bedeutung, ihr einziger Erfolg war, daß Savoyen den Verbündeten beitrat.
So wurde in den ersten drei Jahren in Hinsicht auf den großen Kriegsplan nichts erreicht; die Seestreitkräfte nutzten der allgemeinen Sache nur durch den Erfolg bei Vigo und durch den Druck auf Portugal und Savoyen, daneben schützten sie den Handel und sorgten so dafür, daß der Strom der Hilfsgelder, von denen der Landkrieg abhing, keine ernste Unterbrechung erlitt.
Im Jahre 1704 trat der Seekrieg in einen zweiten Abschnitt. Mit der Aufnahme des Landkrieges in Spanien war man gezwungen, tatkräftiger vorzugehen, auch schien Ludwig XIV. ernstlicher um das Mittelmeer und schon am Eingang in dieses kämpfen zu wollen. Frankreichs Lage war schwieriger geworden: Ein neuer Kriegsschauplatz, weit entfernt von den anderen, war hinzugekommen; seine Stellung war durch den Abfall Savoyens an der italienischen Grenze stark bedroht; die feindliche Seemacht hatte hier und in Spanien noch günstigere Gelegenheit zum Eingreifen erhalten. Diese Änderung der Lage bestärkte Marlborough in seinem stets gehegten Plane, Frankreich zu Lande und zur See in der Provence anzugreifen und Toulon zu nehmen, so die lange französische Linie zu durchbrechen und mit einem Schlage die Frage der Herrschaft im Mittelmeer zu lösen. Wenn der Plan durchgeführt wäre, so würde damit wohl der Krieg entschieden sein. Marlborough ließ ihn nicht mehr aus dem Auge, und Prinz Eugen sowie Heinsius — der tüchtigste Feldherr, sowie die beiden weitestblickenden Staatsmänner auf seiten der Verbündeten neben Marlborough — waren seiner Ansicht, aber es gelang nicht, die allgemeine Zustimmung in Holland und die tatkräftige Mitwirkung Österreichs und Savoyens zu gewinnen. Sonderinteressen trübten deren Blick; wieder ein Beweis der Schwäche von Bündnissen. So wurde der Krieg zwar kräftiger geführt, aber man nützte die Seestreitkräfte doch nicht voll aus und verwandte sie nicht immer richtig.
1704 sollte die Mittelmeerflotte zur Eroberung Spaniens von der Ostküste her mitwirken und sich bereithalten, Österreich und Savoyen zu unterstützen, wenn die Franzosen einen Vorstoß gegen Nizza machen würden. Ein geheimer Zusatz zum Befehl wies sogar schon auf ein gemeinsames Unternehmen gegen Toulon hin und stellte diese defensiven und offensiven Operationen an der italienischen Küste denen an der spanischen überhaupt voran. Rooke machte im Mai den wegen Mangels an Truppen vergeblichen Versuch, Barcelona zu nehmen; er durfte sich wegen der Aufgaben in Italien und wegen der Möglichkeit des Erscheinens französischer Seestreitkräfte von Toulon und Brest nicht zu sehr engagieren. Zu einem Eingreifen in Italien kam es nicht, da einerseits Frankreich den Angriff auf Nizza aufgegeben hatte und anderseits Österreich und Savoyen weder stark genug noch gewillt zur Offensive waren. Der Versuch, die französische Brestflotte (Graf Toulouse), die das englische Kanalgeschwader (Shovel) nicht hatte festhalten können, vor Toulon abzufangen, mißlang gleichfalls. Rooke vereinigte sich später mit Shovel und nahm Gibraltar. Von weiteren Unternehmungen sah er der vorgerückten Jahreszeit halber ab, er hielt sich nur bereit, Gibraltar gegen die vereinigte französische Flotte zu decken; es kam zur Schlacht bei Malaga. Rooke ging dann heim, jedoch blieb zum ersten Male ein Wintergeschwader in Lissabon (Leake). Es war nur schwach, aber doch imstande, trotz einer französischen Division (de Pointis) in Cadiz, während des Winters das belagerte Gibraltar durch Zufuhren zu unterstützen und, selber verstärkt, im Frühjahr die genannte Division zu vernichten, sowie die Belagerung aufzuheben.
1705 griffen die Verbündeten Spanien von Portugal und von der Ostküste (jetzt auch von hier mit einem Heere) aus an. Mit Hilfe einer starken Flotte (Shovel) wurden Barcelona genommen und die Provinzen Katalonien, Aragonien sowie Valencia erobert. Marlboroughs Plan gegen Toulon fand noch keinen Anklang; die Admirale forderten dazu einen Stützpunkt im Mittelmeer, Österreich legte größeren Wert auf den Krieg in Spanien. Da aber während des Winters wieder nur ein schwaches Geschwader (Leake) in Lissabon blieb, warfen die französisch-spanischen Heere den König Karl auf Barcelona zurück, und die französische Flotte (Graf Toulouse) unterstützte die Belagerung dieser Stadt. In der höchsten Not erschien Leake, nach und nach zu einer starken Flotte verstärkt, zum Entsatz. Die Flotte nahm später Ibiza und Mallorca; weshalb Port Mahon, der günstigste Platz als Stützpunkt, nicht angegriffen wurde, ist nicht klar zu ersehen. Als sich darauf die Kriegslage aufs neue ungünstig für König Karl gestaltete, wurde 1707 schon im Januar die große Flotte (Shovel) zusammengezogen, sie konnte aber nur die Trümmer des bei Almanza geschlagenen Heeres retten.
Trotz der üblen Lage in Spanien wurde 1707 der Plan Marlboroughs endlich ins Werk gesetzt, aber nicht in seinem ganzen Umfange durchgeführt: der so wichtige gleichzeitige Vorstoß in den Niederlanden unterblieb, weil er Holland zu gewagt erschien; dem Prinzen Eugen in Norditalien wurden Truppen entzogen, um das Königreich Neapel zu erobern; Savoyen war lau. So schlug der Angriff auf Toulon fehl, aber die französische Flotte konnte infolge des Versenkens der Schiffe nichts mehr leisten und Frankreich gab das Mittelmeer auf. Selbst das Wintergeschwader der Verbündeten beherrschte jetzt die See zugunsten des spanischen Krieges; die Sommerflotte 1708 (Leake) konnte schwächer sein als bisher, sie unterwarf trotzdem Sardinien und nahm jetzt endlich auch Port Mahon.
So wurden allerdings mit der Einnahme von Gibraltar und Barcelona, sowie durch die Beherrschung des Mittelmeeres große Erfolge erzielt. Aber die Seeherrschaft wurde in den ersten Jahren im Winter stets aufgegeben, und die errungenen Vorteile im Landkriege gingen dann größtenteils wieder verloren, weil das Meer für Frankreich wieder offen stand; man mußte, sozusagen, im nächsten Jahre von vorn anfangen. Es wäre richtiger gewesen, nach der Einnahme von Gibraltar zunächst selbst ohne Rücksicht auf den Krieg in Spanien einen Stützpunkt im Mittelmeer zu gewinnen.
Daß der große Plan Marlboroughs im allgemeinen, der Angriff auf Toulon im besonderen scheiterte, war mehr die Folge anderer Umstände als eines Fehlers der Strategie zur See. Wie richtig dieser Plan war, zeigt selbst der Mißerfolg: Die französische Flotte hatte so gelitten, das Vertrauen auf sie war so erschüttert, daß Frankreich das Mittelmeer aufgab. Nun wurde es den Verbündeten leicht, die See auch im Winter zu beherrschen, besonders nachdem Port Mahon genommen war. Es ist zu verwundern, daß Marlborough nicht nachdrücklicher auf die rechtzeitige Schaffung eines Stützpunktes vor der französischen Küste hingearbeitet hat, das Unternehmen gegen Toulon würde dadurch gleichfalls an Kraft gewonnen haben; er hat stets darauf hingewiesen, aber die Verwendung der Landstreitkräfte lag ihm wohl näher, wenn er auch während des ganzen Krieges die Macht der Seestreitkräfte hoch einschätzte.
Im Jahre 1709 trat die Kriegführung zur See im Mittelmeer in einen dritten Abschnitt. Die Flotte der Verbündeten hatte nur noch die Aufgabe, Frankreich vom Meere abzuschließen und für König Karl die Verbindung mit seinen Besitzungen in Süditalien und seinen Hilfsquellen in Norditalien aufrecht zu erhalten. Großes wurde nicht mehr geplant, weil Marlboroughs Einfluß schwand. Frankreich ganz abzuschließen gelang nicht, doch wurde sein Versuch, eine Erhebung in Sardinien zu unterstützen, verhindert. Der Seekrieg erlahmte immer mehr; Holland war erschöpft, England zum Frieden geneigt. Als 1711 König Karl deutscher Kaiser geworden war, wurde seine Sache in Spanien von England nicht mehr unterstützt und 1712 auch von Holland aufgegeben.
Die Kriegführung der Verbündeten Im Norden, wo in fast allen Jahren etwa die Hälfte ihrer Seestreitkräfte tätig war, beschränkte sich erfolgreich nur auf den kleinen Krieg. Das einzige für 1706 geplante Unternehmen, eine Landung an Frankreichs Westküste, ließ man fallen; die Aufgabe, die französischen Geschwader, die nach dem Mittelmeer oder nach Westindien bestimmt waren, festzuhalten, wurde nicht gelöst. Aber selbst im kleinen Kriege hätte man bei der Stärke der Verbündeten größere Erfolge erzielen können. Der französische Handel wurde zwar schwer geschädigt und nach und nach ganz lahm gelegt, doch auch der eigene Verlust war groß. Es spricht dies für die Tatkraft und Geschicklichkeit, mit denen die Franzosen den Kreuzer- und Freibeuterkrieg führten; man muß dabei allerdings die günstige Lage der Ausgangshäfen — Dünkirchen, St. Malo, Brest — zu den Wegen des englisch-holländischen Handels, die Größe dieses, sowie die Schwierigkeit einer scharfen Durchführung der Blockade seitens der Verbündeten mit derzeitigen Segelschiffen in Betracht ziehen.
Die Maßnahmen Hollands zum Schutze des Handels sind genau bekannt: Ein Geschwader an der flämischen Küste; ein zweites in der Nordsee; ein drittes zum Geleiten der ostindischen Convois durch dieses Meer; eine große Zahl Convoijers zur ständigen Begleitung der Handelsschiffe. Der Angriff auf den französischen Handel lag hauptsächlich in den Händen zahlreicher Freibeuter. Über die Maßnahmen Englands liegen keine genauen Angaben vor. Aus Andeutungen ist zu entnehmen, daß man viele Kreuzer in See hatte, daß man die Handelsconvois sowie die Militärtransporte nach Spanien durch Kriegsschiffe deckte und zur Blockade der feindlichen Häfen sowie zum Abfangen größerer Convois Geschwader aufstellte oder von der Hauptflotte abzweigte. Die Bedeckung der Convois scheint aber öfters nicht stark genug gewesen zu sein, nicht einmal den hauptsächlich aus Freibeutern bestehenden französischen Divisionen gewachsen; ähnlich wie im vorigen Kriege scheint man ohne Grund die Streitkräfte zu sehr zusammengehalten zu haben. Man hätte wohl mehr für den Handelsschutz tun können und tun müssen; Englands Aufgabe in dieser Hinsicht war, der langen Küste Frankreichs gegenüber, größer und schwieriger als die Hollands.
Die Ereignisse in den Kolonien zeigen immer noch den Charakter des kleinen Krieges, wenn sie auch in diesem Kriege bedeutender als im vorigen sind (vergl. Seite 481, unten); nur Trouins Zug gegen Rio war von Einfluß auf den Krieg. Die Überlegenheit der Verbündeten tritt auch hier nicht so hervor, wie man hätte erwarten können; oft schädigen die Franzosen Handel und Niederlassungen schwer. Es wurden nicht dauernd genügende Kräfte draußen gehalten, um die Seeherrschaft zu wahren, oft mußten erst die geschädigten Kreise — Kolonisten, Kaufleute, Rheder — den Anstoß zur Entfaltung größerer Tatkraft geben.
Wenn man die Kriegführung zur See auf französischer Seite falsch und schwächlich nennen kann, so muß man doch auch sagen, daß die Verbündeten von ihrer ungeheuren Macht einen durchgreifenderen Gebrauch hätten machen können, insbesondere die Engländer, deren Marine während des Krieges eher stärker als schwächer wurde. So sagt auch Clowes mit Beziehung auf die englische Marine: „Der Krieg weist keine großen oder gar glänzenden Erfolge auf; man kann den Operationen der Flotte keine große Genialität zusprechen, der Organisation und dem Auftreten der Seestreitkräfte kein Lob spenden. The country merely stuck to its work and hammered away, often blunderingly and stupidly until the end. The day of its (der Marine) most brillant performances were still before it.“
Die Bedingungen des Friedens von Utrecht sind im allgemeinen schon angeführt (Seite 496); es ist auch gesagt, daß England am meisten erreichte und im gesicherten Besitz der Vormachtstellung zur See aus dem Kriege hervorging. Eine nähere Betrachtung der Ergebnisse für die verschiedenen Teilnehmer wird dies veranschaulichen.
Frankreich hatte zwar dadurch, daß das Haus Bourbon auf Spaniens Thron kam, an Stelle eines Feindes einen Freund im Rücken erhalten, es hatte aber wichtige Stellungen an seiner Nordostgrenze verloren, mußte das günstig gelegene Dünkirchen als Kriegshafen aufgeben, und mit den ersten Abtretungen in Nordamerika war der gänzliche Verlust der Besitzungen dort eingeleitet. Durch den Krieg waren seine Seestreitkräfte erschöpft, seine Bevölkerung verarmt, seine Finanzen zugrunde gerichtet.
Spanien verlor seine Niederlande, Mailand, Sardinien und Neapel an Österreich, Sicilien an Savoyen, Gibraltar und Minorca an England, also einen großen Landbesitz, der fast durchgängig wichtig in maritimer Hinsicht war. Nur seine Kolonien blieben ihm erhalten, die nach dem ersten Kriegsplane der Verbündeten auch in Gefahr gewesen waren, und es war wohl ein Vorteil, daß das Land mit einem lebenskräftigen Volke wie Frankreich in engere Verbindung gebracht wurde.
Österreich hatte großen Landzuwachs erhalten, doch fehlte ihm Sicilien, an dem ihm mehr als an Sardinien lag; bald folgten auch Verhandlungen über einen Austausch. Immerhin erlangte es die gewünschte Stellung am Mittelmeer und hätte sich hier zu einer Seemacht entwickeln können.
Für Holland hatte es Bedeutung, daß die spanischen Niederlande vor Frankreich gerettet und an Österreich gefallen waren; sein alter Wunsch war erfüllt, hier sicherer vor Frankreichs Angriffen dazustehen. Aber war dieser einzige Erfolg die Kosten wert? Der Krieg führte den Zusammenbruch seiner Seemacht herbei! Die Marine wurde vernachlässigt, und damit ging die wichtigste Kraftquelle des kleinen Landes, der Seehandel, zurück. Holland wurde bald nicht mehr zu den Großmächten gezählt, seine Marine war für die Diplomatie kein militärischer Faktor mehr. Die Schwäche der Republik trat schon in den Friedensverhandlungen zutage; man konnte für die maritimen Interessen nichts erreichen. England berief sich auf Hollands ungenügende Beteiligung am Seekriege und weigerte sich hartnäckig, Holland an den für sich geforderten Vorteilen teilnehmen zu lassen; nur im Handelsvertrage mit Frankreich wurden auch den Niederlanden einige Zugeständnisse gemacht.
England aber gewann ungemein in maritimer Hinsicht. Durch den Besitz von Gibraltar, Port Mahon und die in Nordamerika errungenen Kolonien erhielt es neue Stützpunkte zur Stärkung und Erweiterung seiner Seeherrschaft; Frankreich gab das gefährliche Dünkirchen auf; Sardinien, Neapel und Sicilien fielen nicht an eine Seemacht, sondern an Staaten, die bislang zur See nicht aufgetreten waren. Ferner schloß England mit Frankreich und Spanien günstige Handelsverträge.
Insbesondere dem Wunsche Hollands, Gibraltar und Port Mahon gemeinschaftlich zu besetzen und an den Verträgen mit Spanien, Westindien betreffend, teilzunehmen, trat England schroff entgegen. Diese Verträge waren ein Hauptgewinn Englands. England versprach Spanien seinen Beistand, um dessen Besitzungen wieder in den Zustand zu bringen, wie er unter Karl II. gewesen war; Spanien verpflichtete sich dagegen, keinerlei Besitz in Amerika an Frankreich oder andere Völker abzutreten; beide Staaten sagten sich volle Meistberechtigung in ihren Besitzungen zu. Noch wichtiger aber war der sogenannte Assiento-Vertrag (El Pacto del Assiento de Negros): das von Spanien an England erteilte alleinige Recht auf Einführung von Negersklaven in die spanischen Kolonien (4800 Neger im Jahre). Spanien selbst führte keine Sklaven ein; das Recht war früher schon an die Niederlande, später an die Genuesen und 1703 von Philipp V. an die Franzosen vergeben. Aus dem Sklavenhandel entwickelte sich jetzt aber bald ein Schmuggelhandel in solchem Maße, daß fast die ganze Gütereinfuhr in die spanischen Besitzungen in englische Hände kam. Die Engländer erhielten ferner das Recht, jährlich ein Schiff mit Waren nach Mittelamerika, zum Markte von Porto Bello, zu senden, und auch dies wurde unrechtmäßig ausgebeutet. Das Fahrzeug diente gewissermaßen nur als Niederlage: die Vorräte wurden beständig erneuert; auf der einen Schiffsseite gingen die Waren von Bord, auf der anderen kamen neue an Bord. Diese Verstöße der Engländer und die dadurch hervorgerufenen Vergeltungsmaßregeln der Spanier gaben den Anlaß, wenigstens den äußern, zum nächsten Kriege im Jahre 1739.
Auch mittelbar zog England aus dem Kriege weitgehenden Nutzen. Die Marinen Frankreichs und Hollands waren in Verfall geraten; die zweite, die alte Nebenbuhlerin, sollte sich nicht wieder daraus erheben. Die englische Marine aber stand nach dem Kriege mächtiger da als zuvor; gerade durch die Schwäche der holländischen war sie zu größerer Kraftentfaltung gezwungen worden. Ferner war ein Teil des holländischen Handels schon während des Krieges in englische Hände übergegangen, und dieser Vorgang setzte sich fort, da sich bei dem Verfall der holländischen Marine die britischen Handelsfahrzeuge immer mehr den Ruf erwarben, sicherer zu fahren. Die enge Verbindung mit Portugal, die der Krieg gezeitigt hatte, kam auch dem englischen Handel zugute, und außerdem war sie militärisch von Nutzen, weil die portugiesischen Häfen den englischen Flotten fortan zur Verfügung standen.
Vor dem Spanischen Erbfolgekriege war, durch den Pfälzischen Erbschaftskrieg schon mächtig gefördert, England eine der Seemächte, nach dem Frieden von Utrecht war es die Seemacht. Diese Macht erhielt England aufrecht; es war reich genug dazu und hatte in seiner Seeherrschaft und in seiner ausgebreiteten Schiffahrt die Quelle des Reichtums so in der Hand, daß ihm zunächst kein Nebenbuhler erwachsen konnte. Schon die beiden letzten größeren Nebenkriege des bisher geschilderten Abschnittes werden seine Macht zur See zeigen.
Fußnoten:
[254] Diese Betrachtungen bedürfen der Nachsicht. Die Verhältnisse und diplomatischen Verhandlungen sind sehr verwickelt, und bei der gebotenen Kürzung waren Unvollständigkeiten, selbst Ungenauigkeiten, nicht zu vermeiden; es dürfte dies jedoch ohne Einfluß auf die Beurteilung der Sachlage sein.
[255] Corbett „Mediterranean“.
[256] De Jonge, Teil III, Seite 542, 568, Teil IV, Seite 94, 231, bespricht — blutenden Herzens — genauer diesen Verfall mit seinen Gründen.
[257] Hauptquelle: Chab.-Arnault, dem hier besonders die Kennzeichnung der leitenden Männer entnommen ist. Die Angaben über Schiffsbestände nach Bonfils, Teil II, Seite 177.
[258] Mahan, Teil I, Seite 249, gibt nach Campbell 45 Linienschiffe und 67 Fregatten, womit wohl überhaupt kleinere Schiffe gemeint sind, an.
[259] Hauptquellen wie früher: Clowes, Teil II und III; Colomb.
[260] Über Armierung nach Kalibern vgl. für 1719 die Tabelle Seite 170; über Tonnengehalt für 1688 und 1727 vgl. Seite 177/178.
[261] Hauptquellen: de Jonge, Teil III und IV; Clowes, Teil II; Bonfils, Teil II; Chab.-Arnault; Mahan, Teil I; Troude, Teil I; Colomb; Corbett „Mediterranean“, Teil II. Besonders genau sind de Jonge und Corbett. Corbett ist sehr eingehend in strategischen Betrachtungen, doch erscheinen diese seinem Zwecke zuliebe (vgl. den genauen Titel des Werkes) etwas gefärbt. — Wenn eine Quelle Angaben macht, die andere Quellen nicht oder sehr abweichend bringen, wird sie besonders gekennzeichnet werden (z. B. nach Corbett).
[262] Die Ereignisse in den Kolonien sowie die des kleinen Krieges sollen wie bisher später zusammengefaßt betrachtet werden; wir folgen zunächst nur den Operationen der größeren Flotten.
[263] Näheres Corbett, Teil II, Seite 211. Corbett fügt hinzu: Zum Glück haben englische Admirale diese Lehre öfter durch die Tat widerlegt als befolgt.
[264] Der Prinz von Hessen befand sich in Portugal, um den König für das Bündnis gegen Frankreich zu gewinnen; als die Flotte erschien, schiffte er sich ein. Die englischen Quellen nennen ihn „den fähigsten Mann“ auf der Flotte. Er war im vorigen Kriege als Gouverneur von Katalonien die Seele des Widerstandes gegen die Franzosen gewesen und bei den Spaniern sehr beliebt; er fiel 1705 bei der Eroberung von Barcelona.
[265] Vgl. die Skizze von Cadiz, Seite 136, der nur hinzuzufügen ist, daß an der von Puerto S. Maria nach West laufenden Küste von genannter Stadt 5 km entfernt die kleine Festung S. Catalina, und 15 km entfernt die offene Stadt Rota liegt.
[266] Genauer Corbett, Teil II, Seite 228 ff.
[267] Der Jesuitenpater Hoste war der Kaplan des Admirals Tourville. Es ist anzunehmen, daß er das, schon Seite 160 erwähnte, Werk „L'art des armées navales ou traité des évolutions navales“ nach den Anweisungen Tourvilles — des neben Ruyter tüchtigsten Taktikers des Zeitabschnittes — geschrieben hat. Die Weiterentwicklung der Taktik nach 1740 baut sich gewissermaßen auf Hostes Buch auf, es soll deshalb im nächsten Bande näher darauf eingegangen werden. Über den Inhalt des Werkes siehe Quellenverzeichnis.
[268] Hauptsächlich nach Corbett, Teil II, mit dem sich die sonst benützten Quellen — Clowes, Teil II; de Jonge, Teil III; Bonfils, Teil II; Troude, Teil II; Chab.-Arnault — gut in Einklang bringen lassen, Abweichungen dort wenigstens ohne Einfluß auf Beurteilung. Einige der andern Quellen, so z. B. de Jonge und die Franzosen, bringen Taten einzelner Schiffe, meist ziemlich gefärbt zugunsten ihrer Landsleute.
[269] de Jonge, Teil III, Seite 678, und Beilage XXIV.
[270] Schilderung vornehmlich nach de Jonge, Teil IV, und Bonfils, Teil II.
[271] Kleinere Küstenfahrzeuge.
[272] Auch sonst genaue Quellen wie Clowes und de Jonge halten sich allgemeiner; de Jonge ist noch am genauesten, soweit es das holländische Kontingent betrifft.
[273] Bonfils, V. II, Seite 117. Genauer Bericht Trouins.
[274] In Hinsicht auf Beispiele für die zahlreichen Gefechte zwischen Einzelschiffen und Verbänden im kleinen Kriege verweise ich auf die Spezialgeschichten der einzelnen Marinen, z. B. Clowes, Teil II, Kapitel „minor operations“; Troude, Teil I; Bonfils, Teil II; de Jonge, Teil III und IV. Hier sollen nur (Seite 561) die Taten der berühmtesten französischen Freibeuterführer erwähnt werden.
[275] Quelle: Chabaud-Arnault, die nach Vergleich mit anderen Quellen nur wenig gefärbt erscheint. Gefechte teilweise genauer beschrieben in Bonfils, Teil II, sehr schwülstig.
[276] Die Hauptereignisse genauer in Colomb, Kapitel XIII und XIV; Clowes, Teil II, „minor operations“; Bonfils, Teil II.
[277] und viele Linienschiffe zur Begleitung von Convois.
[278] Vgl. die Auslassungen über Taktik vor Schilderung der Schlacht von Malaga (Seite 531/532), ferner Seite 474 sowie in der „Einführung in den Abschnitt“ (Seite 184).
[279] Corbett, Teil II, Seite 200; hier frei übersetzt wiedergegeben.
Die Quadrupel-Allianz zur Aufrechterhaltung des Friedens von Utrecht, 1718–1720. In Spanien wirkte seit 1714 der Kardinal Alberoni als Minister, der mit der ehrgeizigen zweiten Gemahlin Philipps V., Elisabeth Farnese von Parma, dorthin gekommen war. Er beabsichtigte, Spaniens alte Größe wiederherzustellen; sein nächstes Ziel war, die verlorenen italienischen Staaten zurückzugewinnen. Mit Erfolg arbeitete er an der wirtschaftlichen Hebung des Landes, am Ausbau der Flotte und an der Stärkung des Heeres. Auf eine Unterstützung Frankreichs konnte er aber nicht mehr rechnen und auch der Versuch, eine Verbindung mit England herzustellen, schlug fehl; in beiden Ländern waren Veränderungen eingetreten, die eine Annäherung zwischen ihnen herbeigeführt hatten.
In England war 1714 Georg I., Kurfürst von Hannover, zur Regierung gelangt. Seine Stellung war noch nicht unbedingt fest; noch immer bestand eine Partei der Stuarts, und seine eigene verhielt sich ihm als Ausländer gegenüber kühl. In Frankreich führte seit 1715 für den unmündigen und schwächlichen König Ludwig XV. der nächste Agnat, Philipp von Orleans, die Regentschaft. Dieser mußte in noch höherem Grade Nebenbuhler um seine Stellung und etwaige Thronfolge fürchten, vor allen Philipp V. von Spanien, gegen den er im letzten Kriege intrigiert hatte und dessen Thronbesteigung in Frankreich gerade Alberonis letztes Ziel war. Beide Herrscher scheuten einen neuen Krieg, der den unzufriedenen Elementen in ihrem Lande nur gelegen gekommen wäre. Die Lage Philipps war schwieriger, und so bot dieser auf Rat seines Ministers, des Kardinals Dubois, Georg I. ein Bündnis an; zwischen Frankreich und Spanien trat dagegen eine Entfremdung ein, die den wahren Interessen beider Staaten völlig zuwider lief. Im Januar 1717 schlossen England und Frankreich einen Vertrag zur Aufrechterhaltung der Bedingungen des Friedens von Utrecht (vgl. Seite 497), soweit diese im beiderseitigen Interesse lagen, und zur gegenseitigen Gewährleistung der Thronfolge der Häuser Hannover und Orleans; auch Holland wurde zum Beitritt gewonnen. Frankreich mußte hierzu neue Zugeständnisse auf Kosten seines Handels und seiner Seemacht machen: Weitere Handelsvorteile für England und Holland, sowie Aufgeben des Baues eines Kriegshafens bei Mardyk, der als Ersatz für Dünkirchen bereits in Angriff genommen war.
Alberoni hatte gleichfalls versucht, England durch Angebot neuer Handelsbegünstigungen zu bewegen, ihn in seinen Plänen auf Unteritalien zu unterstützen. Georg I. verhielt sich ablehnend, da er als deutscher Fürst für den Kaiser Partei nahm, und auch die englischen Staatsmänner sahen diese Länder lieber im Besitz Österreichs als in den Händen Spaniens. Nun war der Kaiser mit den Bedingungen des letzten Friedens nicht zufrieden, er wollte Sicilien haben und hatte seinen Anspruch auf den spanischen Thron noch nicht aufgegeben; wir wissen, daß es zwischen ihm und Philipp V. überhaupt noch nicht zum Frieden gekommen war. Der neue Bund beschloß deshalb, um alle diese, den allgemeinen Frieden stets bedrohenden Fragen aus der Welt zu schaffen, den Kaiser dadurch zu befriedigen, daß er gegen Abgabe von Sardinien an Savoyen Sicilien erhielte. Man mußte aber mit Spanien rechnen, weil dessen militärische Kraft schon sehr gestärkt war. Ehe aber die Verhältnisse sich friedlich weiter entwickeln konnten, schlug Spanien los, obgleich es noch nicht genügend gerüstet war. Ein hoher spanischer Beamter, der auf der Rückreise von Rom durch die italienischen Provinzen des Kaisers kam, wurde dort als aufrührerischer Untertan verhaftet; auf diese Beleidigung sandte Spanien im August 1717 12 Kriegsschiffe mit 8600 Mann nach Sardinien und unterwarf diese kaiserliche Insel in wenigen Monaten.
Jetzt schloß sich der Kaiser dem Bunde — nunmehr eine Quadrupel-Allianz — an, und die vier Mächte kamen überein, den Austausch Sardiniens gegen Sicilien durchzuführen, wenn nötig, mit Waffengewalt. Wie sehr man aber in England und Holland einem Kriege abgeneigt war, zeigen die günstigen Vorschläge, die Spanien gemacht wurden: Spanien sollte Parma und Toskana als Sekundogenitur erhalten; Georg I. wollte Gibraltar zurückgeben; der Kaiser würde endgültig auf den spanischen Thron verzichten. Dennoch, und obgleich England schon eine Flotte für das Mittelmeer rüstete, blieb Alberoni eigensinnig und traf Vorbereitungen, auch Sicilien zu erobern. Zugleich strebte er danach, sich auf politischem Wege Rückhalt zu verschaffen. Er versuchte Rußland und Schweden, deren Krieg (vgl. „Nordischer Krieg“ S. 589) 1718 durch Verhandlungen unterbrochen war, zu einem gemeinsamen Einfall in England zugunsten Jakobs III. zu vereinen; er hetzte die Türken gegen den Kaiser auf; in Frankreich wurde eine Verschwörung gegen den Regenten angezettelt und in England die Unzufriedenheit geschürt; er versuchte den König von Savoyen, der mit dem beabsichtigten Tausch der Inseln nicht einverstanden war, an sich zu ziehen. Aber alle seine Pläne schlugen fehl. Die Türken waren durch Prinz Eugen schwer geschlagen worden (1716 Peterwardein; 1717 Belgrad), auch sollen sie die englische Flotte gefürchtet haben; in Schweden und Rußland wurden nach dem Tode Karls XII. die Verhandlungen abgebrochen; die Verschwörung gegen Philipp war rechtzeitig entdeckt worden. Vor allem aber scheiterte der Angriff auf Sicilien völlig und Spanien selbst wurde mit Erfolg angegriffen. Hieran hatte die englische Flotte den größten Anteil, wie sie auch wohl durch ihr Auftreten in der Ostsee den Plan Alberonis dort störte. Es wirkte überall die augenblickliche Alleinherrschaft Englands zur See.
Der Verlauf des Krieges. Spanien besaß, dank den Bemühungen Alberonis, 1718 etwa 40 Linienschiffe, von 44 Kanonen aufwärts gezählt, und gegen 20 waren im Bau. Offiziere und Mannschaften waren allerdings nicht genügend vorhanden, um sämtliche Fahrzeuge in Dienst zu stellen, auch war die Güte des Personals noch geringer als zu Ruyters Zeiten (Schlacht bei Agosta). Wie eben gesagt, hatten die Spanier 1717 Sardinien besetzt und rüsteten dann zur Eroberung Siciliens. England stellte 1718 eine Flotte unter Sir George Byng in Dienst und sprach, auf Spaniens Anfrage, rückhaltslos aus, diese solle den Frieden in Italien aufrechterhalten. Die Order des Admirals (vom 24. Mai) lautete dementsprechend: Er solle im Mittelmeer alle geeigneten Maßregeln ergreifen, um die Streitigkeiten zwischen Spanien und Österreich beizulegen, sowie Feindseligkeiten verhindern; wenn Spanien darauf bestände, kaiserliche Provinzen anzugreifen oder sonst in Italien Fuß zu fassen, so solle er einschreiten, wenn nötig mit Waffengewalt. Diese Weisungen habe er nach Eintreffen auf der Station dem Könige von Spanien und den Gouverneuren von Mailand und Neapel mitzuteilen.
Byng segelte am 15. Juni und sandte am 30. auf der Höhe von Cadiz seinen Befehl an den englischen Gesandten in Madrid. Spaniens Antwort war, er möge tun, wie ihm befohlen; der Gesandte führte zwar die Verhandlungen weiter, der Krieg war noch nicht erklärt, warnte aber alle englischen Kauffahrer in spanischen Häfen vor einem plötzlichen Bruche. Der Admiral erfuhr am 8. Juli bei Cap Espartel, daß eine spanische Flotte am 18. Juni Barcelona verlassen habe, er nahm in Malaga Wasser, lief Port Mahon behufs Ablösung eines Teils der Garnison an und sandte von dort seinen Befehl nach Neapel und Mailand. Er hörte hier, daß die spanische Flotte am 30. Juni vor Neapel erschienen sei. Diese war dann Anfang Juli mit 30000 Mann von Neapel nach Palermo gegangen. Die schwachen savoyischen Truppen gaben ohne Widerstand die Stadt sowie fast ganz Sicilien auf und zogen sich in die Citadelle von Messina zurück. Byng verließ am 25. Juli Port Mahon, traf am 1. August in Neapel ein und nahm hier 2000 Österreicher an Bord, um sie nach Messina zu bringen; der König von Savoyen hatte sich inzwischen mit den Abmachungen der Verbündeten einverstanden erklärt. Als der Admiral am 9. vor Messina ankam, war die Stadt schon von den spanischen Truppen eingeschlossen, die feindliche Flotte war jedoch nicht zu sehen. Er bot dem spanischen General einen Waffenstillstand von zwei Monaten an, um Unterhandlungen zu führen; als dies abgeschlagen wurde, schiffte er die Truppen in Reggio wieder aus. Er beabsichtigte, wieder nach Messina zur Entsetzung der Citadelle hinüberzugehen, und scheint angenommen zu haben, daß die spanische Flotte ihm ausweichen würde. Am 10. August morgens traf aber die Nachricht ein, daß diese von den Bergen Kalabriens aus beiliegend gesehen sei, und als Byng unter Segel gegangen war, stieß er auf zwei feindliche Vorposten. Als die Engländer diese jagten, wurden sie auf die spanische Flotte geführt; sie kam gegen Mittag, die Gefechtslinie bildend und nach Süden ausweichend, in Sicht. Durch tatkräftige Verfolgung wurde sie am nächsten Tage erreicht und fast vollständig vernichtet; eine Schlacht ist der Zusammenstoß kaum zu nennen.
Die Vernichtung der spanischen Flotte durch Admiral Byng bei Cap Passaro, 11. August 1718. Die englische Flotte zählte 22 Schiffe — 1 zu 90 K.; 2 zu 80 K.; 9 zu 70 K.; 7 zu 60 K.; 2 zu 50 K.; 1 zu 44 K. — 2 Mörserboote und 2 Brander.
Die spanische Flotte bestand aus dem Gros unter Vizeadmiral Casteñata: 1 Schiff zu 74 K.; 1 zu 70 K.; 5 zu 60 K.; 1 zu 54 K.; 1 zu 44 K.; 1 zu 36 K. und 7 Galeren. Während der Affäre traten noch 2 Schiffe (zu 60 K.) hinzu, die nach Malta abgezweigt gewesen waren. Ein leichtes Geschwader unter Kontreadmiral de Mari zählte 1 Schiff zu 60 K.; 1 zu 54 K.; 2 zu 46 K.; 3 zu 44 K.; 1 zu 36 K.; 9 zu 18–30 K.; 3 Mörserboote; 1 Brander; 5 Tender. Die Flotte lief in Gefechtslinie nach Süden.