Der Haß gegen die Geistlichen hat aber unter den Chemnitzer Arbeiterinnen zu tief Wurzel gefaßt, als daß sie sich so leicht und schnell unter deren Banner flüchten würden; die Geistlichen und jene »christlichen Vereine« thun zu wenig, um sich dem offen gegen sie arbeitenden Haß auszusetzen, zu viel, um die Mädchen heranzuziehen.
Die stellenlose Erzieherin kann immer noch eine Stelle als Kinder- oder Stubenmädchen, als Bonne oder Schreiberin nehmen, ehe sie der Verzweiflung in die Arme fällt. Die stellenlose Arbeiterin jedoch ist, findet sie nicht bald wieder Beschäftigung, rettungslos verloren, mag es so oder so kommen. Ihr ist die Möglichkeit benommen, irgend einen anderen Posten zu bekleiden, selbst wenn sie außer ihrer Branche arbeiten will – sie kann es nicht! Sie ist einseitig und mechanisch für ihr Fach herangedrechselt worden, sie hat sich in guten Zeiten um andere Arbeiten nicht bekümmert und auch aus Zeitmangel nicht bekümmern können – sehe sie nun, wie sie durchkommt. Ob sie sich schändet, ob sie stiehlt, ob sie trügt, sie fällt der Polizei eines Tages doch in die Hände, die sie, das arbeitslose, aber anständige Mädchen, so gern übersah.
Es giebt auch für jene armen Verlassenen keine andere Art der Stellensuche, als die, von Haus zu Haus, von Fabrik zu Fabrik zu gehen und um Arbeit zu bitten. Ein Mädchen, das im Elternhause lebt, kann diese Art der unfreiwilligen Spaziergänge schon eine Zeitlang aushalten, es findet immer wieder Obdach und die notdürftigste Nahrung; aber die alleinstehenden Frauen haben nur zwei Wege, die sie ans Ziel führen: moralischer Tod oder leiblicher Tod!
Und es wird so bald nicht anders werden! So lange die Männer die Frauen unterdrücken, so lange männliches Aufsichtspersonal in Fabriken die Macht und das Recht hat, die Arbeiterinnen, die ihnen aus irgend welchen Gründen nicht passen, zu entlassen, so lange die Frau in sich selber keinen Schutz findet – so lange wird alles beim Alten bleiben! Durch Liebe und Menschenfreundlichkeit werden wir hier nicht durchdringen, hier gilt nur energisches Handeln, gemeinsames Vorgehen aller Frauen gegen die Gesetze, die das Weib in seiner geistigen und moralischen Freiheit unterdrücken und zu einem hülflosen und haltlosen Wesen machen, ohne ihm Hülfe und Halt zu gewähren. Im deutschen Reiche sind gegen 130.000 verheiratete Frauen in Fabriken und Fabrikateliers beschäftigt, die alle das gleiche elende Dasein führen und von denen täglich eine Anzahl durch ihr Elend der Prostitution in die Arme läuft!
An die Frauen aber wende ich mich hier ganz besonders, an alle edel denkenden und edel handelnden Frauen, an alle Mütter und Töchter geliebter Eltern, an alle die Glücklichen, die in Sitte und Wohlhabenheit leben können! Vor allem aber an alle die tausend und tausend Frauen, die ihr Leben auf der Chaiselongue, den Hauptstraßen, in Theaterlogen, Gesellschaften, Bällen und Konzerten verbringen, an jene weiblichen »Blumen«, die Treibhaus- und Giftpflanzen unseres Geschlechtes, an sie wende ich mich mit dem Aufruf: Wacht auf aus Euerem jammervollen Dasein, reißt Euch los von den vergiftenden Abenteuern der Boudoirs, aus der ekelhaften, entnervenden Parfumatmosphäre, die Euch umgiebt, steigt hinab in die Sphäre der Armut und der Arbeit, und seht Euch um, wie es dort steht! Dann werdet Ihr vielleicht doch noch erkennen, daß Euere jetzige Existenz schmachvoll ist, daß Ihr nicht über den Haremsfrauen steht und daß die Gesetze Eueres Vaterlandes daran arbeiten, Euch festzuhalten im geistigen Elend und in geistiger Knechtschaft! Vielleicht, daß das Ehrgefühl, daß der göttliche Funke in Euch erwacht und Ihr zusammentretet, um mit vereinten Kräften Euer Joch zu brechen! Dann kommt sicherlich der Tag, wo die deutsche Frau zu anderen Frauen nicht mehr hinauf-, sondern herabsehen kann! –
Ich will unter dem Titel »Verschiedenes« einige Beobachtungen, die ich machte, wiedergeben, warne jedoch davor, diese Betrachtungen als Durchschnittserscheinungen anzusehen; ich fand die nachfolgend beschriebenen Fälle sehr häufig vor, schreibe sie aber nur dem Zufall zu.
Die einzige unter den angeführten Beobachtungen, die ich nicht dem Zufall zuschreibe, sondern die ich als Folge der Überanstrengung in der Arbeit betrachte, ist die enorm häufig auftretende Kurzsichtigkeit der Mädchen. Speziell unter den Handarbeiterinnen tragen in jedem Saal eine große Zahl der Arbeiterinnen Brillen, und zwar, wie ich mich überzeugt habe, sehr scharfe Brillen. Ich glaube, daß der Grund zu diesem Übel in den Wintertagen gelegt wird, wo die Mädchen bei ungenügender Beleuchtung die feinen Nadeln einzufädeln haben und wo die Augen, durch die unruhig blendende Farbe der Strümpfe, fortwährend zu Thränen gereizt werden.
Beinahe ebenso häufig als die Kurzsichtigen sind die Lahmen und Hinkenden vertreten. Gleich am ersten Tage fiel mir dies auf; so manche der hübschen Mädchen haben eine gebrochene Hüfte, die wenigsten tragen an einem angeborenen Leiden. Ich führe dies darauf zurück, daß die meisten Mütter jener Mädchen arme Fabrikarbeiterinnen waren, ihre Kinder nicht beaufsichtigen konnten und diese sich auf der Straße durch Unglücksfälle die Verkrüppelung zuzogen; die Mädchen, die ich darnach frug, bestätigten mir meine Vermutungen.
Das Schrecklichste jedoch von allen derartigen Gebrechen und Verletzungen trifft die verheirateten Frauen, und zwar diejenigen, die an den Formen arbeiten. Wie ich in einem Kapitel schon erwähnte, werden die Strümpfe über Holzformen gezogen, gegen die die Arbeiterin sich mit aller Kraft stemmen muß. Die Folge hiervon sind regelmäßig wiedereintretende Fehlgeburten. Ja, es teilten mir sogar einige im Vertrauen mit, daß sie, sobald sie in schwangeren Zustand kommen, mit Vorliebe jene Arbeit acceptieren, »um alles los zu werden«.
Neuerdings sollen die Fabrikanten aber nur die kräftigsten Mädchen hierzu verwenden, jede Frau, die nicht vollkommen normal aussieht, wird zurückgewiesen; ich glaube aber nicht, daß das Hülfe schaffen wird. Ich befürchte eher, daß viele der Frauen ihren Zustand durch allerlei Künste so lange als möglich zu verbergen trachten werden und das Unglück auf diese Weise noch verschlimmern. –
Leider sind die Mädchen größtenteils nicht naschhaft; ich sage »leider«, weil die Naschhaftigkeit ein weit größeres Laster vertreiben würde, das des Essens von Kaffeebohnen.
Es giebt Mädchen unter den Arbeiterinnen, vor denen man erschrickt, die den Stempel des Todes im Antlitz tragen, mit weißer Gesichtsfarbe und tiefliegenden Augen, wie wandelnde Leichen, die sich ruinieren und elend machen um elender Kaffeebohnen willen. Solche Koffeïnsüchtigen verbrauchen ihren halben Lohn für dieses Gift, sie haben größtenteils einen ruinierten Magen und bedürfen kaum der festen Nahrung. Eine meiner Nachbarinnen kaufte sich jeden Morgen eine Düte frischgebrannter Kaffeebohnen, am Nachmittage hatte sie alle verzehrt und sehnte sich nach »neuen«. Ich glaube kaum, daß man diese Unglücklichen retten kann, denn sie sind jeder Selbstbeherrschung und Energie bar, sie sind weit schwerer zu kurieren, denn Cocaïnsüchtige. –
Im allgemeinen sind die Mädchen äußerst peinlich in ihren Sachen, sie gehen nie mit zerrissenen Kleidungsstücken einher. So manche hatte einen ganz verflickten Rock oder eine mit zweierlei Stoff ausgebesserte Taille an, nur um nicht mit zerrissenen Sachen zur Fabrik zu kommen. Man sollte glauben, daß diese Liebe zur Ordnung auch die Liebe zur Reinlichkeit zeitigt; allein damit ist's, was den eignen Körper anbetrifft, nicht von weit her. Sie kennen die Wohlthat des Bades nicht, höchstens aus den heißen Sommertagen; im Winter scheint ihnen das Baden ein Ding des Luxus zu sein, ja, sogar eine Dummheit! So sagte mir einmal die eine: »Ich bade vom September bis zum nächsten Juni nicht mehr!«
Baden ist halbes Leben für jeden gesunden und normal arbeitenden Menschen. Wie viel nötiger aber wird es für diejenigen, die in einer Atmosphäre des Staubes und Schmutzes leben, in schlechtriechenden Betten und dumpfen Kammern schlafen! So manche Krankheit der Arbeiterinnen entsteht ja durch Unreinlichkeit!
In erster Linie würden städtische Armenbäder hier am Platze sein, die Fabrikbesitzer müßten die Mädchen zweimal wöchentlich zum Bade schicken, was die Mädchen vielleicht im Anfang mit Widerstreben, sehr bald aber mit Freuden thun würden. –
Zum Schlusse will ich noch mein in einem vorhergehenden Kapitel gegebenes Versprechen erfüllen, und jenem »liebenswürdigen« Buchhalter ein Gedenkblatt sichern. Wie ich schon mitteilte, habe ich ihm seine »Freundlichkeit« reichlich vergolten.
Der Besitzer der Fabrik hatte ihm, nachdem ich die Fabrik verlassen, mitgeteilt, daß eine Dame als Arbeiterin daselbst gearbeitet hätte. Als ich vom Besitzer Abschied nehmen wollte, empfing mich jener Buchhalter, der Prokura für die Firma besaß, und bei den Besuchen zugegen war. Er nahm meine Karte, las den Namen, sah mich an, lächelte, stammelte, stotterte, wurde blutrot und bald bleich – und verschwand plötzlich, ohne nochmals zum Vorschein zu kommen! Ihn hatte eine Strafe getroffen, wie er sie wohl nicht erwartet hatte! Ich hoffe, daß diese eine Lehre meinen Nachfolgerinnen, d. h. den »echten« Arbeiterinnen, die er mit seiner Huld wird beglücken wollen, zum Segen gereichen wird, denn ich bin der Überzeugung, daß er auf einige Zeit genug haben wird, denn: »gebrannte Kinder scheuen das Feuer!«
Aus meinen in Vorstehendem Mitgeteilten wird man – wenn man irgend einen Funken göttlicher Nächstenliebe in der Brust trägt – ersehen, daß die Zustände unter der weiblichen Fabrikarbeiterschaft, und stehe es auch nur mit derjenigen Sachsens dergestalt, unhaltbare sind, daß Änderung und Abhülfe dringend Not thut. Aber diese Änderung wird nicht durch stille Seufzer, durch mitleidiges Jammern oder durch Ströme im Verborgenen geweinter Thränen herbeigeführt!
Zur Befreiung der Negersklaven entbrannten ganze Weltteile in erbittertem Kampf, die kirchliche Reformation erschütterte alle europäischen Staaten! Soll Befreiung weißer weiblicher Sklaven möglich sein, so muß der Kampf die Frauen aller Weltteile erfassen; das weibliche Geschlecht muß einmütig dastehen, fest und unerschütterlich, um die Freiheit kämpfend und ringend, nicht aber sie als Gnadengeschenk erbittend. Die Frauen sollen nicht erbitten, was ihr Recht ist, sie sollen fordern, kämpfen!
Wohl giebt es heute schon eine große Anzahl hervorragender Frauen, die in Wort und That eintreten für ihre unglücklichen Mitschwestern, die deren Erniedrigung und deren Elend zu lindern suchen! Aber was könnten jene thun im Gegensatz zu der ungeheuren Zahl der Frauen, die dahin vegetieren, murrend und knirschend in ihrem Joch, aber zu feige, um es zu sprengen, um sich die Hände wund zu reißen an den Ketten!
Kann man es dem Manne verdenken, daß er nicht helfend eintritt für ein anderes Geschlecht, das scheinbar ruhig sein schmachvolles Los trägt? An den Frauen ist es, die Initiative zu ergreifen, an denjenigen, die der Sonnenschein des Hauses sind, die Liebe empfangen und Liebe spenden, an ihnen ist es, ihre Mitschwestern wachzurütteln aus ihrer Verkommenheit!
Wir leben in einer Zeit, wo der Materialismus, die Selbstsucht und die Begehrlichkeit in allen Schichten der Bevölkerung auf den Höhepunkt gestiegen ist. In den unteren Kreisen gährt es, die Unzufriedenheit zeitigt die krassesten Auswüchse – der Tag der Frauenrebellion wird kommen! Er wird kommen und er muß kommen! Aber, wenn er kommt, als Ausgeburt überreizter Köpfe, wird er zur zügellosen Meuterei, wird er dem Menschengeschlechte zum Verderben, nicht aber zum Segen gereichen! Dann werden jene Frauen zu Megären werden, zu jenen Gestalten, wie sie uns die französische Revolution brachte! Dann wird unser Geschlecht nicht gehoben, sondern korrumpiert werden! –
Tretet darum ein, ihr Mitschwestern in die Aktion mit allen Mitteln, die Euch zu Gebote stehen, arbeitet an der Hebung unseres Geschlechtes mit vollen Kräften, denn wollt Ihr den Sieg, so dürft Ihr den Kampf nicht scheuen!
Wirkt mit, es gilt hygienische Maßregeln in jene Kreise zu tragen, veranstaltet Sammlungen, um Volksbäder, um Kochkurse, um Belehrungsanstalten zu gründen, Ihr thut besser daran, als Strümpfe für Negerkinder zu stricken! Nur in einem gesunden Körper kann ein gesunder Geist, kann Arbeitslust und Energie wohnen, und zur Gesundheit bedarf es guter Nahrung, vernünftiger Lebensweise und der Reinlichkeit!
Tragt Aufklärung in die elenden Räume jener Beklagenswerten, die da wohnen wie Tiere in einem Stall, aber Geld genug erübrigen, um nach der Mode gekleidet zu gehen!
Wirkt mit gutem Beispiele, ihr oberen Zehntausend, und vergesset bei all Eurem Wirken nicht, daß Ihr nicht aus Sport und Launen reformieren sollt, sondern aus selbstloser Nächstenliebe, die nicht ruht und nicht rastet, wenn sie Unglücklichen helfen kann!
Und Ihr könnt es, Ihr werdet es thun! Den hochgesinnten Frauen, die vorangehen im Kampf für wahre Weiblichkeit und Weibeswürde, folgt langsam aber stetig ein Haufe bisher Gleichgültiger. Wer einmal erwacht ist aus dem Winterschlafe der Gleichgültigkeit für moralisches und körperliches Wohlergehen Anderer, wer in den Reihen der Kämpferinnen für Weibeswürde gestanden hat, der kehrt nimmer um, den erfaßt und hält die Ueberzeugung fest, daß wir kämpfen müssen, um siegen zu können, und daß der Sieg uns sicher ist, der dem Menschengeschlecht Segen bringen soll!
Druck von H. Ginzel, Berlin W., Yorkstraße 43.
Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.
Darstellung abweichender Schriftarten: gesperrt, Antiqua, fett.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie "Mietszins" – "Mietzins, "Roheit" – "Rohheit", "Überzeugung" – "Ueberzeugung", jedoch mit folgenden Ausnahmen,
Seite 13:
im Original "was uns gerade erreichbar war"
geändert in "was uns gerade erreichbar war."
Seite 13:
im Original "Der Hauptkontigent hatte nichts weiter"
geändert in "Der Hauptkontingent hatte nichts weiter"
Seite 44:
im Original "wenn er sagt: Der Maßstab für die Kultur"
geändert in "wenn er sagt: »Der Maßstab für die Kultur"
Seite 50:
im Original "Hier ist ein Feld, daß die Menschenliebe"
geändert in "Hier ist ein Feld, das die Menschenliebe"
Seite 66:
im Original "auf Augenblicke fesseln jene auf Lebenszeit"
geändert in "auf Augenblicke fesseln, jene auf Lebenszeit"
Seite 68:
im Original "sind ihnen ein Gräuel. sie meinen"
geändert in "sind ihnen ein Gräuel, sie meinen"
Seite 97:
im Original "drei Frauenspersonen und zwei Männner"
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