Bei der serbischen Hochzeit spielen drei Personen eine große Rolle. In erster Linie der Koom; er ist der hauptsächlichste Brautzeuge, für gewöhnlich der Sohn oder der nächste Verwandte des Mannes, der bei der Hochzeit der Eltern des Bräutigams dasselbe Amt versah. Die zweitwichtigste Person ist der Stavri svat, dem gleichsam die Aufgabe des Zeremonienmeisters zufällt. Als dritter endlich wirkt der Dever oder Führer der Braut mit, der als ihr besonderer Beschützer für diesen Tag ihr niemals von der Seite weicht. Nachdem sich die Hochzeitsgäste (Abb. 424) im Hause des Bräutigams versammelt haben, begeben sie sich zur Wohnung der Braut, und zwar für gewöhnlich zu Pferde. Voran reitet ein Mann mit einem großen Holzgefäß, das Rotwein enthält; er muß davon jedem, der ihm unterwegs begegnet, zu trinken geben. Außerdem ist er der Spaßmacher auf der Hochzeit. Ihm folgen auf einem Wagen die Brautjungfern mit den Hochzeitsgeschenken. Weiter schließt sich der Bräutigam an und endlich die lange Reihe der Gäste. Öfters stellen sich die Nachbarn mit Stangen und gekreuzten Schwertern dem Brautzug entgegen; da die Hochzeitsgäste trotz dieses Hindernisses weiterzukommen versuchen, entspinnt sich ein heißer Scheinkampf (Überreste der Raubehe), der erst beigelegt wird, wenn den Nachbarn Sühne gezahlt wurde. Wenn der Hochzeitszug endlich vor dem Hause der Braut eingetroffen ist, werden zunächst nur die Männer an den reichbesetzten Tisch geführt, während die Weiber die Braut ankleiden. Ist dies geschehen, dann wird sie von dem Bruder oder nächsten männlichen Verwandten zu dem Koom und dem Stavri geführt, deren Hände sie zu küssen hat, und darauf in die Küche, wo gegenüber dem brennenden Herd ihre Eltern Platz genommen haben. Sie wirft sich hier vor dem Herd auf die Erde, küßt diese oder die Herdsteine, verbeugt sich dann vor den Eltern, küßt ihnen die Hände und empfängt dafür ihren Segen. Darauf geht man in die Kirche zur Trauung (Abb. 415) und von dort nach dem Hause des jungen Gatten. Hier muß die junge Frau, wenn sie vom Wagen gestiegen ist, zunächst über einen Sack Hafer, einen Pflug und schließlich über die Türschwelle schreiten, sodann wird sie von einer Frau begrüßt, die ihr ein kleines Kind hinhält, das sie möglichst hoch aufheben und küssen muß. Dann erst darf sie ihr neues Heim betreten. Die Eltern des angetrauten Gatten empfangen sie in der Küche, wo sie sich gegenüber dem Herdfeuer niedergelassen haben. Nachdem sie auch deren Hände geküßt hat, führt die Schwiegermutter sie dreimal um den neuen Herd herum und gibt ihr in die Hand eine Schaufel, mit der sie die auf dem Herde brennenden Kohlen auf einen Haufen zusammenfegen muß. Damit sind die eigentlichen Hochzeitszeremonien erledigt; es beginnt darauf Schmausen, Trinken und Tanzen der Festgäste.
Ähnlich wie bei den Serben sind die Hochzeitsgebräuche mit geringen Abweichungen auch bei den Bulgaren. Hier begegnet man noch der eigentümlichen Sitte, daß die jung Verheirateten für eine Woche in ihrem eigenen Hause eingeschlossen werden, während deren niemand sie besuchen darf. Nach Ablauf dieser Zeit kommen die verheirateten Frauen und führen die junge Frau an den Dorfbrunnen oder zu einer Quelle, um die sie dreimal herumgehen muß, offenbar ein Fruchtbarkeitsritus, wie ihn die Volkskunde auch in Europa noch verschiedentlich nachgewiesen hat. Bei den Bulgaren Mazedoniens geht die Trauung durch den Priester vor einem eigenartig anmutenden Altare vor sich, nämlich einem Weinfaß, das auf einem Kuchen steht. Die Brautleute trinken bei der Trauung geweihten Wein aus einem Glase und gehen dreimal um diesen sonderbaren Altar herum, während die Gäste sie mit Süßigkeiten und Früchten bewerfen. Bei ihrer Ankunft im neuen Heim bestreicht die junge Frau alle Schwellen, die sie im Hause zu überschreiten hat, mit Honig, was gewiß auch als Überrest eines Opfers an die Ahnen aufzufassen ist. Schmaus, Tanz und Gesang machen auch hier einen wichtigen Bestandteil der Hochzeitsfeier aus (Abb. 425).
Mit den angeführten Beispielen sind die Hochzeitsgebräuche unter den slawischen Völkern (siehe die Kunstbeilage) bei weitem nicht erschöpft; man könnte über sie ein ganzes Buch schreiben, so verschieden untereinander und vielseitig sind sie bei diesen Völkern. Es soll nur noch kurz die Schilderung einer Hochzeit bei den Huzulen, einem Ruthenenstamm, gegeben werden, da die Gebräuche hierbei ganz besonders fremdartig anmuten. Der Bräutigam trägt während der Trauung einen Kranz, den man unter großer Feierlichkeit auf seiner Mütze befestigt hat. Er besteht aus Immergrünblättern und ist mit Flittergold und Münzen verziert; auch Knoblauch darf darin nicht fehlen, der wegen seines scharfen Geruchs als vorzügliches Abwehrmittel gegen alles Böse in hoher Gunst steht. In dem Brautkranz der Huzulin muß stets die Nadel stecken bleiben, mit der er zusammengenäht wurde. Als weiteres Schmuckstück tragen Braut und Bräutigam um den linken Arm einen großen Ring aus Käse. Nach der Trauung reitet die Braut mit ihrem Gefolge im Galopp nach ihrem Heim zurück, während der Bräutigam mit seinen Gefährten absichtlich etwas zurückbleibt. Erst wenn mit der jungen Frau zu Hause noch bestimmte Zeremonien vorgenommen worden sind, findet sich der junge Ehemann bei ihr ein. Seine Ankunft kündet er dadurch an, daß er seiner Gattin seinen Käsering hineinschickt. Diese erwidert die Aufmerksamkeit, indem sie dem Harrenden den ihrigen hinaussendet; hierauf erst nehmen die Festlichkeiten ihren Fortgang. Wenn die Braut das elterliche Haus verläßt, um zur Kirche zu reiten, gießt man ein Glas Wasser aus, damit „das Glück wie das Wasser komme“, eine Sitte, die ebenfalls als eine Schutzmaßregel gegen böse Geister aufzufassen ist.
Die Toten- und Begräbnisgebräuche bei den Slawen bieten wenig Eigentümlichkeiten. Bei den Balkanslawen trifft man die Vorbereitungen für das Begräbnis öfters lange vorher selbst; so besorgt man sich schon bei Lebzeiten seinen Sarg, schafft die Totenkleider an, die Taschentücher, die bei der Beisetzung an die Teilnehmer verteilt, sowie die Wachskerzen, die dabei angezündet werden sollen; auch stellt man ein Fäßchen des Nationalgetränkes bereit, das von dem Trauergefolge für das „Seelenheil“ getrunken werden soll. — Naht die letzte Stunde, so versammelt der Sterbende alle Verwandten und Freunde um sich und bittet jeden von ihnen um Verzeihung; man antwortet ihm darauf mit der stehenden Redensart: „Möge dir alles in dieser und in jener Welt vergeben sein.“ Hat der Betreffende dann seinen letzten Atemzug getan, dann öffnet man sofort die Fenster, damit die Seele davonfliegen könne. Der nächste Angehörige, meistens das Lieblingskind, drückt dem Verstorbenen die Augen zu. Die Frauen lösen darauf ihr Haar auf und lassen es weit über den Nacken hinunterfallen; ferner beginnen sie um den Toten ein Jammergeschrei zu erheben, das sie auch während des Begräbnisses und bei jedem späteren Besuch des Grabes wiederholen. Ihre Wehklage weist einen bestimmten Rhythmus auf und nimmt vielfach die Form von Fragen an den Verstorbenen an. So rufen sie ihm zu: „Was sollen wir jetzt tun, nachdem du uns verlassen hast? Was denkst du, daß aus unserer Familie jetzt wird? Werde ich nie mehr deine Stimme hören?“ und so fort. Solange die Leiche im Hause liegt, dürfen bei den Balkanslawen die Angehörigen keine Speisen zu sich nehmen. Man stellt in dem Sterbezimmer Salz, Brot und ein Glas Wein auf, weil man glaubt, daß der Tote noch eine Zeitlang im Hause weile und der Nahrung benötige.
Der Leichenzug (Abb. 426) wird durch Knaben eröffnet, die das heilige Kreuz und kirchliche Banner tragen; darauf folgen andere mit großen Mulden, die Eßwaren, und zwar vor allem Kolliva, enthalten. Ihnen schließt sich die Geistlichkeit in vollem Ornat unmittelbar vor dem Sarge an, der nicht zugedeckt, sondern offen getragen wird, so daß man den Toten in halbsitzender Stellung sehen kann. Hinter dem Sarge folgen darin endlich die Angehörigen, Freunde und Bekannten. Die Weiber singen, während der Zug in Bewegung ist, Klagelieder. Bei den Serben pflegt man sich auf dem Wege nach dem Kirchhof nicht umzusehen, wie man auch auf dem Heimwege nicht rückwärts blicken darf; man fürchtet, daß sonst leicht ein zweiter Todesfall eintreten könne. Auf dem Friedhof spricht der Priester den Segen und gießt bei den Balkanslawen über den Toten eine Mischung von Rotwein und Olivenöl in Form eines Kreuzes aus, worauf der Sarg versenkt wird. Auf dem Heimwege sucht man, wenn möglich, einen anderen Weg zu gehen. Zu Hause angelangt, waschen sich alle Teilnehmer an dem Begräbnis die Hände. Außerdem nehmen sie von einer Schippe, die ihnen ein junger Mensch hinhält, ein Stückchen glühender Kohle, lassen es von einer Hand in die andere gehen und werfen es schließlich über die linke Schulter hinter sich. Auf dem Lande schließt sich hieran noch ein wirkliches Festmahl (Abbildung 423), bei dem jeder ein paar Tropfen Wein „für die Seele des Toten“ ausgießt. In den Städten verteilt man an die Armen und Bettler Speisen, Kuchen und Geld, sowohl auf dem Friedhof wie auch zu Hause. Nach dem Begräbnis wird das Haus ausgekehrt. Den dazu benutzten Besen wirft man weg; er darf nie wieder ins Haus kommen, da sonst Unglück zu befürchten wäre.
Die Trauer der Frauen dauert ein Jahr; währenddessen dürfen sie weder singen noch Schmucksachen tragen, auch sich nicht mit Blumen putzen. An bestimmten Tagen des Jahres gibt es Erinnerungsfeste an die Verstorbenen, die stets auf den Sonnabend fallen und daher „Seelensabbate“ heißen. An ihnen strömt das Volk auf die Friedhöfe zum Besuch seiner Toten, und die Priester sprechen Gebete für sie. — Sieben Jahre nach dem Tode pflegt man das Grab zu öffnen, die Gebeine herauszunehmen und in einem kleineren Sarge endgültig beizusetzen. Große Bedeutung wird dabei der Beschaffenheit der Leichenreste beigelegt; sind sie vollständig in Verwesung übergegangen, so daß nur noch die Knochen übriggeblieben sind, dann gilt dies für ein sicheres Zeichen, daß dem Verstorbenen seine Sünden vergeben sind und seine Seele in Frieden ruht.