Die slawischen Völker nehmen, ganz allgemein betrachtet, den Osten Europas ein, also das europäische Rußland (über 73 Prozent seiner Bevölkerung sind Slawen) mit Ausnahme der nördlichen und südlichen Gebiete, wo nichtslawische Elemente, zum Beispiel die Samojeden, Lappen, Finnen, Esten, Tawasten, Tataren, Rumänen und andere Stämme ansässig geworden sind, ferner einen beträchtlichen Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie, bis über die Donau hinaus, und die sich hieran anschließenden Strecken der Balkanhalbinsel, endlich kleine Enklaven in Deutschland. Man unterscheidet sprachlich unter ihnen drei große Gruppen: die Ost-, West- und Südslawen. Zu den ersteren zählen die Bewohner des russischen Reiches, die wiederum in Großrussen oder Moskowiter (größter Teil des Reiches), Weißrussen (westliches Rußland) und Kleinrussen (von Ostungarn und Galizien an bis zum Don: Ruthenen, Huzulen) zerfallen; die zweite Gruppe umfaßt die Tschechen mit den Slowaken in Böhmen, Mähren und Nordungarn, die Polen in Galizien und Schlesien, die Kaschuben in Hinterpommern und Westpreußen, die Slowinzen am Lebasee, die Wenden oder Sorben im Spreewalde; die Südslawen endlich setzen sich aus den Serben und Kroaten — der Unterschied zwischen beiden beruht ausschließlich auf der verschiedenen Konfession — einschließlich der Bosnier und Herzegowiner, den Montenegrinern, den Slowenen und den Bulgaren der Balkanhalbinsel sowie der nördlich und westlich angrenzenden Gebiete zusammen.
Von einem einheitlichen anthropologischen Typus der Slawen kann man nicht sprechen; der Grund hierfür liegt in den vielfachen Kreuzungen zwischen den ursprünglich wohl allein im Osten ansässig gewesenen Vertretern des alpinen Typus mit den zahlreichen Völkern und Rassenelementen, die im Laufe von Jahrtausenden teils von Nordwesten nach Südosten (germanische Stämme), teils in umgekehrter Richtung (Finnen, Mongolen, Türken) Osteuropa überfluteten. Man trifft dementsprechend unter den Slawen Leute an, die germanischen Einschlag zeigen (Polen mit vorwiegend blondem Haar, blauen oder grauen Augen und heller Gesichtsfarbe), und anderseits auch wieder solche, die deutlich mittelasiatische Herkunft verraten. Im allgemeinen kann man die Behauptung aufstellen, daß der durchschnittliche Typus des Slawen mehr Annäherung nach Osten (Asien) als nach Westen (Europa) zeigt.
Die Tracht der slawischen Völker ist keine einheitliche, die der Männer einförmiger und dunkler, die der Frauen mannigfaltiger und farbenprächtiger. Trotz oft ziemlich bunter Farben verstehen die slawischen Frauen es doch, sich recht geschmackvoll zu kleiden; besonders ihre Oberkleider sind reich mit Stickereien in ansprechenden Mustern verziert (Abb. 400, 402, 403 und 405). Die Tracht der Russen ist eine ziemlich gleichmäßige im ganzen Lande. Die der Männer besteht aus Pluderhosen, langen Schaftstiefeln und einem mit silbernen oder goldenen Besätzen bestickten Kaftan in Grün oder Dunkelrot, die der Frauen in dem anschließenden, meist bestickten Saraffan und einer eigenartigen Kopfbedeckung, dem Kokoschnik (Abb. 408). Die Tracht der übrigen Slawenvölker im einzelnen zu schildern, ist bei ihrer überaus großen Mannigfaltigkeit nicht möglich; ihre Darstellung im Bilde möge einen Begriff von der Verschiedenartigkeit in der Form und der Art der Verzierung der Gewänder geben. — In Bosnien bringen die Frauen nicht selten Tatauierungen auf den Armen an.
Die Slawen sind ein tanz-, gesang- und liederfrohes Volk (Abb. 420). Verschiedentlich, besonders in Bosnien, durchziehen noch heutzutage Sänger das Land, um nach Art der alten Barden in halb singendem, halb rezitierendem Ton die Heldentaten der Väter zu preisen (Abb. 401). — In wenigen Ländern dürfte auch das Tanzen eine solche Verbreitung gefunden haben, wie in den slawischen und vor allem in Rußland. Lieder melancholischen Charakters werden fast ausschließlich gesungen, hingegen solche heiteren Inhalts durch Tänze begleitet. Urplötzlich springt einer aus dem Chor auf, ein zweiter, dritter und noch andere folgen, und schließlich tanzt die ganze Gesellschaft unter dem einförmigen Klang der Ziehharmonika in merkwürdigen Verrenkungen (Abb. 410). Der russische Tanz besteht nämlich in einem Wechsel von Kniebeugen und Vorwärtsschleudern der Beine. Die Frauen nehmen daran nur geringen Anteil, insofern sie an der Hand ihres Tänzers ruhig dahinschweben, also die Sprünge der Männer nicht mitmachen. Bei den Kleinrussen ist der Tanz durch viel größere Grazie ausgezeichnet; die Liebeswerbung liegt ihm zugrunde: das begehrte Weib macht von seiner freien Entschließung Gebrauch, indem es bald diesem, bald jenem Tänzer folgt. — Die Südslawen haben als Nationaltanz den Kolo, einen Reigentanz, bei dem die Teilnehmer eine geschlossene Kette bilden (Abbildung 416). Unter stetem Gesang der Tanzenden setzt sich der Kreis in Bewegung, langsam und mehr schwermütig beginnend, dann schneller und lustiger werdend und schließlich in einen leidenschaftlichen Wirbel ausklingend. Natürlich kommen hierbei die verzehrende Sehnsucht und die glühende Leidenschaft so recht zum Ausdruck. Die Serben kennen noch einen besonderen Kriegstanz, bei dem sie mit Schwertern in der Luft umherfuchteln.
Ihrem Glauben nach bekennen sich die meisten Slawen zur griechisch-orthodoxen Kirche (Abb. 406 und 407); nur Tschechen, Polen, Kroaten und die Slawen Deutschlands sind Anhänger der katholischen Kirche. Unter den Letztgenannten gibt es auch Evangelische. — Zahlreich sind die Feste, die das slawische Volk feiert. Beginnen wir mit einer Schilderung der wichtigsten russischen Feste und Feiertage. Ihre große Zahl beginnt mit dem Feste der Wasserweihe (Abb. 409) am Erscheinungsfest, dem 6. Januar. Die Bevölkerung der an einer Wasserstraße, und sei es auch nur ein Gebirgsbach, gelegenen Gebiete strömt an diesem Tage festlich gekleidet zusammen. Am Flusse hat man eine Brücke oder Rampe in diesen hineingebaut und mit Blumen, Teppichen, Fahnen und so weiter ausgeschmückt. Begleitet von den Spitzen der Behörden, den Offizieren in Paradeuniform — in Petersburg nimmt auch der Zar mit dem gesamten Hofstaat an der Feier teil — und zahlreichen Bürgern des Ortes, begibt sich die gesamte Geistlichkeit, angetan mit ihren reichsten, von Gold strotzenden Gewändern, zum Flusse, wobei ein griechisches Kreuz auf einer langen Stange vorangetragen wird. Nachdem ein Tauflied gesungen worden ist, taucht der höchste geistliche Würdenträger das Kreuz am Ende der Brücke dreimal in die Fluten und besprengt die Umstehenden mit einem Weihwedel, den er ins Wasser getaucht hat. Die Frauen füllen sodann die mitgebrachten Krüge mit dem geweihten Wasser, um es das ganze Jahr lang aufzubewahren und teils zum Einfüllen in die Weihwasserbecken, teils zum Austreiben von allerlei Krankheiten und Gebrechen zu verwenden. In den ländlichen Bezirken endet die Wasserweihe mit einem größeren Volksfest, bei dem gegessen, getrunken und getanzt wird. — Unsere Fastnacht findet in Rußland ihr Gegenstück in der Masljanza oder Butterwoche, der Zeit ausgelassener Freude. Für die Unterhaltung des Volkes sorgen Jahrmärkte mit den üblichen Buden und sonstigem Zubehör; besonders in Moskau sind diese auf dem „Jungfernfeld“ stattfindenden Veranstaltungen zu einer Berühmtheit geworden. In den Familien feiert man die Butterwoche durch festliche Zusammenkünfte, zu denen man die Verwandten und Bekannten auf „Blini“ einladet. Blini sind Pfannkuchen, die mit zerlassener Butter, saurer Sahne und Kaviar genossen werden und ein Meisterstück der Hausfrau darstellen. — Die siebenwöchige Fastenzeit, die sich an die Butterwoche anschließt, wird in Rußland im allgemeinen ziemlich strenge innegehalten. Im Innern des Zarenreiches sind während dieser Zeit sogar geräuschvolle Vergnügungen und Tanz gänzlich verpönt. Mit dem Palmsonntag, der die letzte Fastenwoche einleitet, beginnt überall vollständige Ruhe einzuziehen. Besonders feierlich wird der Gründonnerstag begangen, vornehmlich in den beiden Hauptstädten. Hier spielt sich in den Hauptkirchen die Zeremonie des Fußwaschens in größter Feierlichkeit vor einer Kopf an Kopf gedrängten Menge ab. Mitten im Schiff des Gotteshauses ist eine Rampe errichtet, auf der zwölf Archimandriten Platz nehmen; mit ihren langen wallenden Bärten und bis auf die Schulter herabhängenden Locken machen sie ganz den Eindruck von Patriarchen der ersten christlichen Zeit. Unter den ergreifenden Gesängen der Domsänger vollzieht der Metropolit an jedem von ihnen die Fußwaschung in einem silbernen Becken. Nach der Feierlichkeit sucht jeder der Kirchenbesucher seine brennende Kerze noch flammend nach Hause zu bringen, denn wer sein Heim mit der unverlöschten Flamme erreicht, hat Glück und Segen im kommenden Jahre. Es gewährt einen drolligen Anblick, wie groß und klein auf der Straße sich bemüht, seine Kerze vor dem Erlöschen zu schützen. Am Karfreitag sind die Kaufläden und Auslagen nicht wie bei uns geschlossen, sondern es drängen sich im Gegenteil auf den Märkten und Plätzen die Leute an die massenhaft aufgespeicherten Lebensmittel, um sich für die Feiertage vorzusehen. In der Nacht vom Sonnabend der Karwoche zum Ostersonntag strömt alles wieder in die Kirchen, die buchstäblich bis auf den letzten Platz angefüllt sind, und wartet auf den Glockenschlag zwölf, wo der Geistliche aller Welt das „Christos woskress“, Christus ist auferstanden, verkündet. In Petersburg gestaltet sich dieser Augenblick ganz besonders feierlich und erhebend. Sobald der Priester die frohe Botschaft verkündet hat, stimmt der Domchor den Lobgesang an; Tausende von Kerzen erhellen plötzlich das Düster des Gotteshauses — jeder hat die mitgebrachte Kerze angezündet —, alle Glocken läuten, und die Peter-Pauls-Festung feuert einen Salut von hundert Schüssen. In der Kirche und auf der Straße pflanzt sich der Ruf „Christus ist auferstanden“ durch Tausende und aber Tausende von Kehlen fort; ein jeder antwortet darauf mit „Woistinje woskress“, Er ist wahrhaftig auferstanden, und besiegelt diese Wahrheit durch einen dreimaligen Kußwechsel (Abb. 411). Kein Mensch darf sich diesem Osterkuß entziehen, ob alt oder jung, ob reich oder arm, ob vornehm oder gering, alles küßt sich, selbst der Zar seine niedrigsten Soldaten. Alle Rang- und Klassenunterschiede sind in diesem Augenblick weggewischt, ein wirklicher Freudentaumel hat die ganze Bevölkerung ergriffen. Vor dem Hochaltar oder auch auf den Stufen vor der Kirche haben inzwischen die Gläubigen ihre Bündel geöffnet und die Osterspeisen ausgepackt, damit sie der Geistliche segne. Für gewöhnlich sind dies die Kulitsch, der hohe, unserem Napfkuchen ähnelnde Kuchen, die Pascha, eine Art Käsekuchen mit Rosinen, und die gefärbten Ostereier, die bei wohl allen slawischen Stämmen sich großer Beliebtheit erfreuen und mit schönen Zeichnungen versehen werden; durch den Reichtum und die vollendete Kunstfertigkeit ihrer Bemalung zeichnen sich die Ostereier der Huzulen und Slowaken, auch die der Wenden aus. In den Häusern der Vornehmen auf dem Lande setzt die Hausfrau ihren ganzen Stolz darein, einen prächtigen Ostertisch mit den eben genannten Speisen, wozu natürlich noch Kaviar und alle möglichen geistigen Getränke kommen, herzurichten und durch Ausschmückung mit Blumen in eine Art Gewächshaus zu verwandeln. Der Pope segnet hier gleichfalls die Speisen und besprengt auch das übrige Haus, ja sogar die Tiere mit Weihwasser. Das Gesinde, das der Feier beigewohnt hat, findet sich darauf mit prächtig bemalten Ostereiern bei der Herrschaft ein und tauscht sie gegen weniger schöne um. Natürlich besiegelt alles diesen Austausch mit einem Kuß. Die festlich gekleideten Burschen und Mädchen ziehen dann noch die Dorfstraße entlang und entbieten allen, die ihnen begegnen, den Ostergruß, den sie außerdem noch in die Häuser hineinrufen. Den übrigen Teil des Tages entschädigt sich alles durch tolle Ausgelassenheit für das siebenwöchige Fasten, wobei ähnliche Lustbarkeiten wie in der Butterwoche stattfinden (Abb. 404). Auf dem Lande haben sich auch noch allerlei abergläubische Gebräuche erhalten. Um ein paar Beispiele anzuführen, so wäscht man sich in der Frühe mit dem geweihten Wasser das Gesicht, um sich dadurch gegen Hautkrankheiten zu schützen, oder trinkt es wohl auch, um gegen allerlei Gebrechen gefeit zu sein. An dem gedeckten Ostertisch nimmt man niemals sitzend, sondern nur stehend seine Mahlzeit ein. — Acht Tage nach Ostern ist die „Krasnaja gorka“, das „rote Berglein“; an diesem Tage steigt die Jugend auf die sonnenbeschienenen Hügel und begrüßt mit frohen Liedern den Frühling. Am 9. Mai findet Mikula, das Fest des Wundertäters Nikolas, statt. Daran schließt sich der „Namenstag der feuchten Mutter Erde“ an, an dem die Zauberinnen, die wohl in keinem russischen Dorfe fehlen, unter Hersagen feierlicher Formeln zum erstenmal im Jahre auf die Suche nach heilkräftigen Kräutern gehen. Weiter folgt dann der Semik (das heißt der siebente Donnerstag nach Ostern), der Tag der Mädchenfreundschaften. An ihm zieht die weibliche Jugend, festlich gekleidet, in den Wald, flicht Kränze, tauscht Küsse aus und schließt Freundschaften für das ganze Leben. Die Kränze werden schließlich noch ins Wasser geworfen, um aus ihrem Verhalten in diesem einen Schluß auf die Zukunft zu ziehen. Den Dorfschönen, deren Kranz oben auf dem Wasser weiterschwimmt, steht in Bälde die Heirat in Aussicht; hingegen diejenigen, deren Kranz untersinkt, kommen noch nicht unter die Haube oder werden, falls sie doch heiraten sollten, schon frühzeitig Witwe werden. So gehen die Feste weiter bis zum Peter-Pauls-Tag, mit dem sie vorläufig ihr Ende finden; denn mit diesem Tage beginnt die Straba, die Arbeitszeit, die Zeit der Ernte (Abb. 421) und der Bestellung der Wintersaat.
Mit dem Weihnachtsfest beginnt dann ein neues Feiern. Die Sitte, einen Christbaum auszuputzen und anzuzünden, sowie die Familie und die Hausgenossen zu beschenken, hat in Rußland schon vielfach Eingang gefunden, selbst der Knecht Ruprecht stellt sich um diese Zeit ein, und zwar als „Weihnachtsgroßväterchen“. In manchen Gegenden Rußlands läßt man am Heiligen Abend einen Platz bei der Festmahlzeit unbesetzt für ungebetene Gäste, weil man annimmt, daß unter den Wanderern, die an diesem Abend möglicherweise um Nachtlager und Speise vorsprechen, sich der Herr Jesus in Verkleidung befinden könnte. Die Sage berichtet nämlich, daß in einzelnen Fällen solche Gäste von der Landstraße am anderen Morgen verschwunden waren, ohne daß die Tür oder das Fenster geöffnet wurde. Im allgemeinen ist Weihnachten in Rußland bei weitem nicht in dem Grade ein kirchliches Freudenfest wie bei uns. Es besteht vielmehr in einer Reihe von weltlichen Vergnügungen, die vom 25. Dezember bis zum 6. Januar dauern; an diesem Tage, den Drei-Königen, erreicht die Festesfreude ihren Höhepunkt. Besonders in Moskau geht es hoch her. Hier besteht der Weihnachtstrubel in allerlei Schießbelustigungen, Schlittenausflügen, Festgelagen und ähnlichem mehr. Gewerbe und Handel liegen in dieser Zeit ganz still danieder. — Überall ist zu Weihnachten das Wahrsagen beliebt, von dem man wohl gegen dreißig Arten kennt. In waldreichen Gegenden wird es in der Weise betrieben, daß ein Beil in einen Holzklotz geschlagen und dieser herumgedreht wird, wobei man die Namen der anwesenden Mädchen nennt; dasjenige, bei Nennung von dessen Namen das Beil zu wackeln beginnt, wird am ehesten der Freuden der Ehe teilhaftig werden. In anderen Gegenden suchen die Mädchen aus der Beschaffenheit eines Holzscheites, das sie mit verbundenen Augen aus einem Holzstoß hervorziehen, ihr eheliches Schicksal zu ergründen. Ein glattes Scheit mit dünner, gleichmäßiger Rinde zeigt einen hübschen und guten Bräutigam an, eines mit rauher Rinde einen häßlichen; ein Scheit mit dicker, aber gut erhaltener Rinde verkündet einen reichen, eines mit schadhafter Rinde einen armen, ein dickes Scheit einen dicken Zukünftigen; eines mit vielen Astansätzen endlich wird auf reichen Kindersegen gedeutet. Wieder in anderen Gegenden gehen die Mädchen nachts auf den Hof und lauschen auf Hundegebell. Aus der Richtung, aus der es ertönt, kommt der Bräutigam; hört man es leise, dann ist dieser ein schon älterer, erklingt es dagegen laut, ein junger Mann, und so fort. — In manchen Gegenden besteht auf dem Lande noch ein eigenartiger Weihnachtsbrauch, die Brautwahl der jungen Leute (Abb. 414). Am Heiligen Abend begeben sich die Dorfschönen zu dem Gemeindeältesten und setzen sich hier eine neben der anderen hin, worauf jede mit einem großen Tuch bedeckt und auf diese Weise unkenntlich gemacht wird. Die jungen Burschen kommen nach und nach in die Stube herein und gehen aufs Geratewohl auf eines der verhüllten Mädchen zu, machen ihm eine Verbeugung und lüften das Tuch. Das auf diese Weise zusammengekommene Paar gilt als verlobt. Natürlich ist das meistens eine schon vorher ausgemachte Sache. Das Mädchen hat mit seinem Liebsten ein Zeichen verabredet, das es ihm ermöglicht, die richtige herauszufinden.
Bei den übrigen Slawenstämmen verlaufen die Feste in ziemlich ähnlicher Weise; hier und da gibt es noch besondere Gebräuche (Abb. 413). So veranstalten die Slowaken Mährens zu Pfingsten einen prächtigen Aufzug, das Königsreiten oder Königsuchen, auch Königsfahrt genannt (hierzu die farbige Kunstbeilage, in deren Unterschrift statt Slowaken irrtümlich Slowenen gesetzt wurde). Die jungen Burschen bitten sich für den Pfingstmontag aus einer der angesehenen Familien des Dorfes einen etwa vierzehn- bis fünfzehnjährigen Jungen als König aus und stellen ihm zwei tüchtige „Adjutanten“, drei „Abgesandte“ und ebensoviele „Ausrufer“ und „Einnehmer“. Man vereinigt sich darauf zu einem Festzug in die Dörfer. Die Reiter tragen weiße Schürzen mit roten Schärpen und rote Fähnchen in den großen Schaftstiefeln; der „König“ ist als Mädchen verkleidet, trägt einen Blumenkranz auf dem Kopfe und reitet meistens auf einem Schimmel. Die Pferde sind sämtlich mit bunten Bändern und Tüchern ausgeputzt. Im Galopp reitet die Schar nun in die nächstgelegenen Dörfer und sammelt hier unter umständlichen Förmlichkeiten allerlei Fleisch- und Wurstwaren, die dann abends im Hause des Königs oder im Wirtshaus gemeinsam verzehrt werden, wozu der Vater des Königs das nötige Bier spendet. — Während es bei den Russen am Weihnachtsfest lustig und üppig hergeht, wird dieser Tag von den Slowaken sehr ernst und erhebend begangen. An ihm ruht alle Arbeit, in vielen Dörfern wird nicht einmal gekocht. In einzelnen Orten verbindet die Bäuerin sogar den Rindern das Maul, um zu verhindern, daß das Geräusch des Wiederkauens die Feiernden in ihren Gebeten und in dem Absingen frommer Lieder störe.
Das russische Landvolk verharrt noch vielfach in ganz krassem Aberglauben und hält mit großer Zähigkeit an allerlei Gebräuchen fest, die altheidnischen Ursprungs sind. Ganz allgemein verbreitet ist der Glaube an die Damovoi, elfen- oder zwergähnliche Wesen, die man sich schwarz oder rot bekleidet und mit einem langen grauen Barte sowie mit flachsgelben Haaren und roten, leuchtenden Augen vorstellt und in jedem Hause als ständige Genossen anwesend denkt. Von ihnen hängt das Wohl und Wehe der Insassen ab. Daher pflegt man die Überreste des Abendbrots noch eine Zeitlang auf dem Tische stehen zu lassen, um sich dadurch die Hausgeister gut zu stimmen; sollte man ihnen diese Wohltat etwa nicht erweisen, dann würden sie sich zu rächen suchen und das Haus samt seinen Bewohnern ins Unglück stürzen. Der russische Bauer kennt noch verschiedene andere geisterähnliche Wesen, die bestrebt sind, den Menschen Böses zuzufügen. Um ihnen den Eintritt in die Häuser zu wehren, kritzelt man in die Wand und in die Türe das heilige Kreuz und malt es rot oder weiß aus.
In vielen Gegenden besteht auch die Sitte, daß der Pope bei Beginn des Frühlings die Häuser, Ställe, Scheunen, Wiesen und Äcker segnet, um dadurch die bösen Geister zu vertreiben, die etwa beim Aufbrechen des Eises aus dem Wasser auftauchen und sich an den genannten Orten einnisten könnten. Die Furcht vor Hexen, Teufeln, Zauberern und anderen übelwollenden Wesen ist unter allen Slawenvölkern sehr verbreitet; sie kommt in zahlreichen abergläubischen Vorstellungen und Handlungen bei wichtigen Lebensereignissen zum Ausdruck, hauptsächlich aber bei der Geburt eines neuen Weltbürgers.
Während der Entbindung klopft im Gouvernement Wilna die Hebamme mit einem Besen an die Zimmerdecke. Früher war es in ganz Rußland allgemein üblich, einen Besen in einen Winkel der Stube zu stellen; man glaubte dadurch die Wöchnerin und ihr Kind gegen böse Geister zu schützen, diese sollten damit gleichsam hinausgekehrt werden. Jetzt noch pflegt man bei einer Geburt alles im Hause zu lösen, also auch alle Knoten. Bei den Weißrussen nimmt man aus diesem Grunde der Kreißenden sogar die Finger- und Ohrringe ab — sie sind auch etwas Gebundenes, Geschlossenes — und öffnet vor Beginn der Geburt alle Kästen, Schübe und selbst die Ofentüren, weil auch alles Verschlossene geöffnet werden muß; die Kreißende selbst ruft durch Klopfen mit der Ferse auf die Schwelle des Zimmers die Ahnengeister, deren Sitz dort angenommen wird, zu ihrem Beistande an.
Wenn das Kind geboren ist, muß man sehr darauf achten, daß es nicht vertauscht wird mit einem sogenannten Wechselbalg, einem mißgestalteten Wesen, das vom Teufel mit einer Hexe erzeugt sein soll. Derartige Wechselbälge sind nach dem Volksglauben dadurch gekennzeichnet, daß sie bis zu ihrem zwölften Lebensjahre weiter nichts tun als essen, trinken, schlafen und schreien, daß sie ferner geistesschwach sind, aber über ungeheure Körperkräfte verfügen und mit Ablauf der ersten zwölf Lebensjahre in den Wald zu entwischen trachten. Gelingt ihnen diese Flucht nicht, so müssen sie zeit ihres Lebens unter den Menschen bleiben; sie werden dann zu bösen Zauberern. Um das eigene Kind wiederzuerhalten, muß man eine heilige Messe lesen lassen, doch darf das entführte Kind bis dahin noch nicht von den Speisen des Waldgeistes genossen haben. Trifft diese Voraussetzung zu, dann bringt der Geist das Kind wieder zurück. Man kann sich der Wechselbälge auch auf andere Weise entledigen, indem man sie mit geweihten Ruten peitscht — auf ihr Geschrei hin bringt die Drude oder der Waldgeist das geraubte Kind dann wieder — oder die Wiege umkehrt, so daß der Balg herausfällt. — Der Aberglaube, daß böse Mächte, die bald Waldfrauen oder Waldgeister, bald Hexen, Druden, Alpe, Nixen, Zwerge, Unterirdische und ähnlich heißen, darauf ausgehen, ihre eigene Brut gegen Menschenkinder auszutauschen, hat sich besonders bei den Slawen bis in unsere Tage herein unerschüttert erhalten. Als einem solchen Tausch am meisten ausgesetzt gilt die Stunde des Ave-Maria. Man schützt die Wöchnerin und ihr Kind gegen die Belästigungen von seiten der bösen Geister, indem man das Kind möglichst schnell taufen läßt oder wenigstens den Segen über dasselbe ausspricht, ein Gesangbuch unter sein Kopfkissen steckt, einen hölzernen Hammer und einen Besen kreuzweise unter sein Bett legt, und durch andere derartige Maßnahmen. Auch darf die Frau ihr Kind niemals ohne Aufsicht lassen; daher versammeln sich bei den Südslawen Bekannte und Verwandte sofort nach der Geburt im Hause der Wöchnerin und bleiben stets um sie, wobei sie einander durch Erzählen und Singen die Zeit vertreiben.
Auch der böse Blick wird von den Slawen für kleine Kinder sehr gefürchtet. Als bestes Schutzmittel dagegen gelten Kohlen. In der Ukraine achtet man darauf, daß kein Besucher und selbst nicht einmal die Angehörigen sich über das gute Aussehen des Kindes äußern, ohne eine Zauber- oder Verwünschungsformel herzusagen und gleichzeitig dreimal auszuspucken. In Serbien besteht der Aberglaube, daß man beim Herausnehmen des Kindchens aus seinem Bett dreimal über dasselbe spucken müsse. — Die Mutter pflegt auch mancherlei zeremonielle Handlungen an dem Kinde vorzunehmen, um es vor bestimmten Krankheiten zu schützen oder für seinen künftigen Beruf brauchbar zu machen. So muß sie bei den Serben das erste Brot, das sie ißt, mit den Zähnen abreißen, damit das Kind bald selbständig zu essen anfange, bei den Polen Oberschlesiens in den ersten sechs Wochen ihrem Kinde vor dem Baden den Rücken abreiben und dreimal auf den Ofen spucken, um ihren Liebling vor Schwindsucht zu schützen, bei den Tschechen das Badewasser von Knaben den Pferden, das von Mädchen den Kühen zu trinken geben, damit die Kinder später einmal mit diesen Tieren gut umgehen; bei den Ruthenen Galiziens darf die Mutter die Wäsche der Tochter nicht mit einem Waschholz klopfen, damit diese nicht später in der Ehe von ihrem Gatten Schläge bekomme, und was derlei Gebräuche mehr sind.
Für die heranwachsende Jugend beider Geschlechter bieten sich viele Gelegenheiten zusammenzukommen und miteinander anzuknüpfen; so die zahlreichen Feste mit ihren Lustbarkeiten, von denen wir oben bereits sprachen, vor allem auch die Reigentänze, bei denen meistens die ungezügelte Leidenschaft zum Durchbruch kommt, sowie die Zeiten des Pilz- und Beerensammelns in den Wäldern. Da die sittlichen Anschauungen beim russischen Landvolk (und nicht minder bei der vornehmen Stadtbevölkerung) ziemlich lax sind, so feiert die Liebe in diesen „Nächten des Rausches“, wie sie heißen, ihre Orgien, aber selten führt dies zu einer festen Verbindung. Denn die Ehe ist nach Ansicht des russischen Bauern weniger eine Sache der Neigung als vielmehr ein richtiges Kaufgeschäft; bei dem patriarchalischen Zusammenleben in einer großen Familie erwartet der Vater, daß sein Sohn ihm eine tüchtige, gesunde, leistungsfähige Frau als Arbeitskraft zuführt. Bis in die Neuzeit herein gab es in verschiedenen Gegenden Rußlands noch wirkliche Heiratsmärkte, auf denen die jungen Männer die auf dem Markte oder dem Kirchplatz aufgestellten Mädchen in Augenschein nahmen und die ihnen passend erscheinenden aussuchten. Heutzutage ist diese Sitte, die sich übrigens auch bei anderen slawischen Stämmen findet, mehr und mehr in Abnahme gekommen. Jetzt kommt vielmehr eine Heirat meistens durch eine gewerbsmäßige Vermittlerin, die Svacha, zustande. Mit den Worten: „Wir haben einen Käufer, ihr eine Ware; wollt ihr nicht eure Ware verkaufen?“ findet sich die Svacha im Hause der Eltern der Zukünftigen ein und fängt ein regelrechtes Feilschen um den Kaufpreis an, der nicht allein in Geld, sondern auch in Pelzwerk, Stiefeln, Branntwein, Fleisch, Getreide und anderen Gegenständen besteht. Wenn man sich endlich auch über den Tag der Hochzeit geeinigt hat — die Vermittlerin spielt gleichzeitig die Rolle einer Wahrsagerin, die aus den Karten einen für die Ehe glückbringenden Tag herausliest — wird der Handel durch Handschlag und ein sich daran anschließendes Zechgelage festgemacht. Das Volk nennt dies „die Braut vertrinken“. Die Verlobung (Abb. 399) ist sodann eine recht feierliche Handlung, bei der der Bräutigam seiner Auserwählten neben Brot, Salz und Mandelkuchen noch einen mit Türkisen besetzten Ring überreicht. Dieses Unterpfand der versprochenen Ehe wird von der Braut und ihrer Familie in hohen Ehren gehalten und gleichsam als Erbstück aufbewahrt, darf aber nie wieder zu demselben Zweck benutzt werden.
Schon acht Tage nach der Verlobung (hierzu die farbige Kunstbeilage sowie Abb. 422) findet die Hochzeit (Abb. 412, 417 und 418) statt, die, obwohl die Ehe eigentlich eine rein geschäftliche Sache ist, doch sehr festlich begangen wird und große Kosten verursacht, denn die Eltern halten darauf, daß die Tochter bei der Trauung möglichst kostbare Gewänder trage; diese selbst pflegt außerdem meistens noch der Jungfrau Maria der Kirche, in deren Bezirk sie wohnt oder die Trauung stattfindet, ein neues, prächtig besticktes Gewand darzubringen. In Südrußland erhält der Pope von ihr ein paar schneeweiße Tauben als Geschenk. Die kurze Zeit bis zur Hochzeit muß die Braut damit zubringen, mehrmals am Tage ihr grausames Geschick, das sie aus dem Hause der Eltern entführt und zwingt, „einem fremden Fremdling aus der Fremde“ zu folgen, mit Tränen und wehmütigen Liedern zu beklagen; Freundinnen und Verwandte wachen dabei streng darüber, daß sie dies auch in gehöriger Weise tue. Am „Jungfernabend“, der etwa unserem Polterabend entspricht, finden sich die Freundinnen der Braut ein. Diese löst ihren Zopf auf, der das Abzeichen des unverheirateten Mädchens ist, und schmückt mit den Bändern und Blumen aus ihrem Haar eine ihrer Freundinnen, meistens ihre jüngere Schwester, worauf diese sie ins Bad begleiten. Nach dem Bade setzen die Freundinnen ihren ganzen Stolz darein, der Braut das Haar wieder recht schön in Ordnung zu bringen und sie aufs beste herauszuputzen, wobei sie Lieder von der Liebe und dem Eheglück singen.
Am Hochzeitstage erwartet die Braut verhüllten Hauptes unter Absingung von Klageliedern ihren Zukünftigen. Wenn sich der Zug des Bräutigams nähert, öffnet der Brautvater die bis dahin verrammelte Tür. Ehe man aber die Gäste hereinläßt, spielen sich noch lustige Gespräche zwischen ihnen und dem Druzka (dem „Freundchen“) ab, einer Art Witzbold, der auf keiner Hochzeit fehlen darf; namentlich gibt dieser Rätsel zum Raten auf, die unter dem russischen Volke sehr beliebt sind. Der Bräutigam und der Brautvater müssen darauf ihren Platz neben der Braut sich durch Geldstücke erkaufen. Dann erst findet die Bewirtung der Gäste statt, bei der die Braut den „fremden Fremdling aus der Fremde“ noch einmal fragt, wie er heiße und woher er stamme. Ehe man sich zur Kirche begibt, wirft sich die Braut noch vor ihren Eltern auf die Knie, bittet sie um Verzeihung für alle ihnen bereitete Sorge und küßt sie sowie die Heiligenbilder. Sie bleibt noch immer verschleiert, bis ihr in der Kirche bei der Trauung, einer langatmigen, aber sehr anziehenden Zeremonie, bei der unter anderem wieder die Heiligenbilder geküßt werden, die Brautleute dreimal um den Altar herumgehen und so fort, der Schleier endlich abgenommen wird. Gleichzeitig spielt sich hier auch die Haubung ab, das heißt der lange Zopf wird in zwei kleinere geflochten und der Neuvermählten das Abzeichen der verheirateten Frau angelegt. Darauf begibt sich der Hochzeitszug, meistens zu Pferde, nach dem Hause des jungen Ehemanns. Hier wird das junge Paar von den Eltern mit Salz und Brot empfangen, womit der Wunsch angedeutet werden soll, daß es in dem neuen Haushalt nie an dem Nötigsten zum Leben fehlen möge. — Bei den Weißrussen müssen beide Eheleute nach der Rückkehr aus der Kirche, wie schon vorher beim Verlassen des elterlichen Hauses, über einen brennenden Scheiterhaufen reiten oder fahren, in den sie einige kleine Münzen werfen; offenbar soll damit ein Reinigungsopfer angedeutet werden und zugleich eine Abwehrmaßnahme gegen böse Geister, die dem jungen Paare etwa folgen könnten. — In Bosnien macht die junge Frau im neuen Heim drei feierliche Verbeugungen vor der Türschwelle, küßt diese und opfert einige Silbermünzen; die Schwelle wird, wie schon oben erwähnt, als der Sitz der Ahnen aufgefaßt. — Vielfach fährt die Hochzeitsgesellschaft in flottem Trabe von der Kirche heim; das für Rußland bezeichnende Fahrzeug ist das Dreigespann, die Troika (Abb. 419).
Bei dem nun stattfindenden Gastmahl geht es hoch her, und besonders wird dem Wodka gut zugesprochen. Die Eheleute werden gegen Abend von der Svacha und den Brautführern ins Hochzeitsgemach geleitet, wo die Frau dem Manne feierlich die Schuhe auszieht. Die Gäste feiern indessen mit Essen und Trinken weiter und fahren darin am nächsten Tage an dem „Fürstentisch“ fort, dem Gastmahl, das die Neuvermählten ihnen geben. Bei dieser Gelegenheit findet unter den Verwandten ein allgemeines Abküssen statt. In einzelnen Teilen des Reiches ist es Sitte, daß man bei der Hochzeit alle Türen, Fenster und selbst den Schornstein geschlossen hält, um den bösen Geistern den Zutritt zu verwehren.
Neben dieser legitimen Erwerbung der Braut kennt das Landvolk in Rußland noch die Raubehe. Haben sich die beiden Liebenden zur Flucht verabredet und den Popen durch Geld bestochen, daß er sie traue, so wählen sie eine dunkle Nacht zu ihrem Vorhaben aus; möglichst schnell suchen sie die nächste Kirche zu erreichen, wo dann die Trauung stattfindet, die nach dem Gesetz unanfechtbar ist. Für gewöhnlich glückt ihnen dies, worauf am nächsten Morgen die Neuvermählten ihre Eltern aufsuchen, um sich vor ihnen auf den Boden zu werfen und ihre Verzeihung zu erbitten. Diese bestrafen die beiden Ungehorsamen zunächst wohl durch Bearbeitung mit Peitsche und Ofengabel für ihr Vergehen, lassen sich dann aber doch versöhnlich stimmen und bewirten schließlich das junge Paar. Sollte aber die Sache ruchbar werden, bevor die Fliehenden das nächste Kirchdorf erreicht haben, dann machen sich der Vater der Braut und ihre übrigen Angehörigen auf die Verfolgung; holt man die Flüchtigen ein, dann versucht man die Braut „herauszuhauen“, wobei es selten ohne Blutvergießen abgeht.
Bei den Serben geht der Vater eines Jünglings, der sich verheiraten will, mit zwei Personen, meist Verwandten, auf die Freite. Sie bringen einen flachen, weichen Kuchen und einen Strauß Blumen mit; einer von ihnen ist auch mit einer Flinte oder Pistole ausgestattet, um das freudige Ereignis, wie es bei den Slawen vielfach Sitte ist, sogleich mit Schießen zu feiern. Die Brautwerber richten es so ein, daß sie zum Abendbrot dableiben. Während des Essens setzt einer von ihnen in passender Weise den Grund ihres Besuches auseinander. Darauf bringt der Vater des jungen Mannes den mitgebrachten Kuchen zum Vorschein und legt ihn auf den Tisch, daneben den Blumenstrauß und etwas Geld. Der Vater des Mädchens geht hinaus, um sich angeblich mit seiner Frau und Tochter zu besprechen, meistens haben aber schon vorher Unterredungen darüber zwischen ihnen stattgefunden. Nach einem Weilchen kehrt er zurück, gefolgt von seiner durch einen ihrer Brüder oder nächsten männlichen Verwandten hereingeführten Tochter. Diese geht zuerst zu ihrem zukünftigen Schwiegervater, verbeugt sich vor dem Tisch und küßt jenem die rechte Hand, worauf sie gegenüber den anderen Anwesenden ebenso verfährt. Darauf händigt ihr der Vater des Bewerbers den Blumenstrauß nebst den Münzen aus, indem er zugleich seinen Glückwunsch darbringt. Das Mädchen verbeugt sich zum Dank noch einmal vor ihm und küßt ihm wieder die Hand. Von diesem Augenblick an gilt es für die Verlobte des jungen Mannes. Schließlich legt der Schwiegervater noch ein Geldstück auf den Kuchen, das gleichsam den Brautpreis („das Geschenk für das Haus“) versinnbildlichen soll.