Kapitel-Anfang

X. KAPITEL. []

FRANKREICH.

Die Lage des Buchdruckers. Der Staat und die Presse. Die Xylographie, die livres d'heures. Anton Verard. Geofroy Tory. Jodocus Badius. Conrad Néobar. Berühmte Druckerfamilien. Die Stephane: Heinrich i., Robert i., Heinrich ii., Ende der Familie. Die Gründung der königlichen Buchdruckerei. Ant. Vitré. Savary de Brèves. Lyon: Seb. Gryphius, Jean de Tournes, Steph. Dolet. Die Schriftgiesserei. Die Buchbinderkunst.

Unterstützung
und Bevormun-
dung der Kunst.

W WENN auch die Unterstützung der Universität der Einführung der Buchdruckerkunst in Frankreich grossen Vorschub geleistet und ihr anfänglich auch materielle Vorteile gewährt hatte, so zeigten sich doch andererseits bald die Nachteile durch stete Bevormundung und die Kunst nahm, trotz einer Reihe von ausgezeichneten Druckerfamilien, unter welchen, wie in Italien, wieder Eine alle anderen überragt, nicht die freie Entwickelung, wie dort[1].

Vorteile der
Buchdrucker.

Nicht allein Bücher, sondern selbst das Material, als Schriften und Farbe, waren abgabenfrei. Aber man wollte als Ersatz für diese Begünstigungen, dass die Bücher auch äusserlich mit Sorgfalt behandelt würden; man verlangte, dass sie sowohl mit guter Schrift als auch auf gutem Papier gedruckt werden sollten, worüber Inspektoren zu wachen hatten. Buchdrucker, Korrektoren oder Autoren wurden für die Fehler verantwortlich gemacht und mussten nötigenfalls Cartons drucken lassen. Wollten sie sich gegen Versehen Anderer schützen, so mussten sie die, von ihnen korrigierten Bogen kontrasignieren und deponieren. Die Bücher, die nicht im Besitz der vorgeschriebenen Eigenschaften waren, wurden vernichtet und die Unachtsamen bestraft.

Auch auf mässige Preise hatten die Inspektoren zu halten, die anfänglich zwar von den Druckereien aus eigenem Antrieb innegehalten wurden, später aber nicht. Nicht weniger wurde der Zustand des Materials überwacht. Das Abspenstigmachen eines Korrektors seitens der Konkurrenten unterlag einer Strafe. Mit den auf Subskription ausgegebenen Werken nahm man es sehr streng. Jeder Prospektus musste von einem Probebogen begleitet sein, welcher ganz genau Format, Papier und Schrift, sowie Umfang und Preis des Werkes angab. Bei Übertretungen musste den Subskribenten der doppelte Betrag dessen, was sie schon gezahlt hatten, vergütet werden, abgesehen von der sonstigen gerichtlichen Brüche.

Das Zunftwesen.

Um als Buchdrucker oder Buchhändler aufgenommen zu werden war es notwendig, vier Jahre gelernt und drei Jahre gedient zu haben, Zeugnisse seiner Fähigkeiten im Lateinischen und Griechischen, seiner Moralität und seiner Rechtgläubigkeit beizubringen, ausserdem bei einem Examen zwei Drittel der Stimmen der acht Examinatoren für sich zu haben. Die Meister waren berechtigt, den guten Arbeitern höher als nach der Taxe zu zahlen, ohne dass diejenigen, welche diese Vergünstigung wegen mangelhafter Arbeit nicht genossen, sich beschweren konnten. Sowohl Lehrlinge als Gehülfen und Korrektoren wohnten in den Häusern der Meister.

Der Pergament- und der Papierhandel unterlag ebenfalls der Kontrolle, und der Universität waren in Bezug auf Ankauf Vorrechte eingeräumt. Später bestimmte ein Reglement für die Papierfabrikation, dass alles Papier geleimt sein müsse, und setzte strenge Strafen auf das Untermengen der Masse mit Kalk oder anderen ätzenden Stoffen.

Fesseln verschie-
dener Art.

Aber solche Schutzmassregeln konnten selbstverständlich unter den zerrütteten politischen und finanziellen Verhältnissen, und in Ermangelung der Freiheit der geschäftlichen Bewegung und der Presse, ebensowenig in Frankreich wie anderswo ein Zurückgehen der Kunst verhindern. Fesseln der verschiedensten Art wurden der Presse angelegt und das Schwert des Damokles hing fortwährend über den Häuptern der Buchdrucker und Buchhändler.

Franz i., der Typographie persönlich wohlgesinnt, bestätigte alle vorhandenen Privilegien und stand, als die Sorbonne 1521 ein fulminantes Verdammungsurteil über die Lutherische Lehre ausgesprochen hatte und dadurch Gefahren über manche Buchdrucker und Buchhändler heraufbeschworen wurden, zuerst auf deren Seite, liess sich jedoch später verleiten, den strengsten Massregeln zuzustimmen. Zugleich wurde die Zahl der Buchdruckereien in Paris auf nur 12 festgesetzt. Die Thätigkeit der 12 auserwählten nahm dafür einen um so grösseren Umfang an, so dass sogar Mangel an Arbeitern eintrat, was bereits damals von den Gehülfen benutzt wurde, um einen wohlorganisierten Strike mit gegenseitigen Unterstützungskassen in Scene zu setzen, welchem erst 1539 durch polizeiliche Massregeln ein Ende gemacht wurde.

Heinrich ii. erliess ein Verbot, theologische Schriften ohne Autorisation der theologischen Fakultät zu drucken, auch musste der Name des Autors und des Druckers auf jedes Werk gedruckt werden. Karl ix. verwehrte 1563 unter Androhung der strengsten Strafe, überhaupt etwas ohne Erlaubnis zu drucken; alle Bücher mussten von seinem Geheimrate geprüft werden. Ludwig xiii. erteilte 1616 dem Grosssiegelbewahrer die Vollmacht, die Zensur jeder tauglichen Person zu übertragen. Zur Handhabung der inneren Polizei ward ein Syndikat, bestehend aus fünf Mitgliedern (les gardes de la librairie), 1618 errichtet.

Ludwig xiv. und
die Presse.

Der Geschmack an der nationalen Litteratur, welcher schon zu Ende der Regierung Ludwigs xiii. namentlich durch die Gründung der Akademie und durch die Werke Corneilles Nahrung gefunden hatte, gewann allgemeine Verbreitung in der Glanzperiode der Litteratur und der Kunst während der Regierung Ludwigs xiv. und äusserte seine Wirkung auch auf die Buchdruckerei, der der König, sowie sein Minister Colbert, sehr zugethan war, was sie jedoch nicht verhinderte, die beschränkenden Massregeln fortzusetzen. Die Zahl der Pariser Buchdruckereien wurde auf 36 festgesetzt. Zugleich wurde bestimmt, dass jede Druckerei wenigstens vier Pressen und acht Sorten Antiqua- und Cursiv-Schriften haben müsse.

Die Aufhebung des Edikts von Nantes (1683) hatte zur Folge, dass die französischen Papiermacher nach England gingen, wo die Papierfabrikation noch keine hohe Stufe einnahm. Als Ludwig xiv. die Fortschritte der englischen Papierfabrikation bemerkte, wendete er grosse Summen auf, um die Arbeiter zur Rückkehr zu bewegen, was ihm auch gelang; jedoch, die Fabrikation, die einmal dort Fuss gefasst hatte, entwickelte sich trotzdem auf das glänzendste.

Im Jahre 1723 wurde von Ludwig xv. ein Dekret erlassen, durch welches die Pressverhältnisse geordnet wurden und das bis zum Beginn der Revolution Bestand hatte.


Die
Xylographie.

Wenden wir unsere Aufmerksamkeit auch in Frankreich zuerst der Xylographie zu, so finden wir, dass die Verhältnisse hier nicht ganz so wie in Deutschland lagen. Dort war sie nicht, wie es hier der Fall war, eine Lieblingsmanier der Künstler, um selbständige Kunstwerke oder Kunstblätter herzustellen, sondern diente fast nur dem Illustrationszweck, namentlich nur der Ornamentierung der Bücher. Die Aufgabe, zu zeigen, was in letzterer Beziehung geleistet werden konnte, fiel besonders den Andachtsbüchern zu. Die sehr beliebten illustrierten Chroniken und Ritterromane enthielten fast nur rohe Umrisse, bestimmt von den Künstlern ausgemalt zu werden, die öfters, wenn die Vorwürfe ihnen nicht gefielen, die Stellen mit ganz anderen Kompositionen ausfüllten und die vorhandenen Illustrationen ganz übermalten.

Die
livres d'heures.

Die Andachtsbücher (livres d'heures) wurden anfänglich fast nur auf Pergament gedruckt, damit die Miniaturisten, von welchen Paris eine Anzahl der gepriesensten besass, grössere Kompositionen und Initialen, für welche Platz gelassen worden war, hineinmalen konnten. Die bunten Figuren, nach byzantinischer Art auf Goldgrund gemalt, boten einen prächtigen Anblick dar. Später versuchte man durch Holzschnitte die Kunst der Miniaturisten, so weit dies ohne Farbe möglich war, zu ersetzen und hatte es um 1486 soweit gebracht, solche Bücher, dem Geschmack des Publikums angemessen, durch Hülfe allein der Druckerpresse herstellen zu können.

Die
Livres d'heures.

Ein Teil der bekanntesten Herausgeber der Livres d'heures, als: Pigouchet, Simon Vostre, Giles Hardoyn, Marnef, Michel le Noir u. a., nahmen die gothischen Schriften und den strengeren deutschen Stil an, und manche Illustrationen verraten unverkennbar den Einfluss Dürers, namentlich aus der Zeit seines Aufenthaltes in Venedig, so dass öfters Dürersche Figuren, von italienischer Architektur oder Ornamenten umgeben, vorkommen. Andere Herausgeber als: Guyot, Marchand, Gourmont, Simon de Colines, Janot, Anabat, vor allen Geofroy Tory standen ganz unter dem Einfluss des italienischen Geschmackes und adoptierten folglich als Druckschrift die Antiqua.

Die schöne Ausführung dieser Bücher und ihr, im Vergleich zu den Manuskriptenpreisen sehr wohlfeiler Ankaufspreis hatten einen bedeutenden Absatz zur Folge. Man wandte sich von allen Seiten mit Aufträgen nach Paris, wodurch die Buchdruckereien einen grossen Aufschwung nahmen. Mit der zunehmenden Menge und Billigkeit liess aber auch die Vortrefflichkeit der Ausführung nach. Die Feinheit der Vignetten scheint auf Metallhochschnitt hinzuweisen, was durch den Buchdrucker Jean Dupré, 1488, bestätigt wird, der von Vignetten, imprimées en cuyvre, spricht. Wie hoch diese Bücher jetzt von den Sammlern geschätzt werden, geht daraus hervor, dass die Preise seit dem Beginn des Jahrhunderts bis auf das fünfzigfache gegen damals gestiegen sind.

In wie weit die obengenannten und andere, deren Namen in Verbindung mit den illustrierten Büchern gebracht werden, Drucker, Herausgeber oder ausübende Künstler waren, ist nicht immer genau festzustellen.

Anton Verard.

Anton Verard, geboren zu Paris gegen d. J. 1450, gestorben 1512, anfänglich Kalligraph und Miniaturist, hatte jedenfalls selbst eine Buchdruckerei, obwohl es auch Bücher giebt, die bei Anderen für seine Rechnung gedruckt wurden. Er widmete sich ganz besonders der Herausgabe von Chroniken und Rittergeschichten. Ihm verdankt man die ersten Ausgaben von Froissart und Monstrelet. Er wurde von der kunstsinnigen Königin Anna von Bretagne sehr begünstigt und in verschiedenen seiner Verlagswerke sieht man ein Bild, auf welchem er knieend der Königin ein Exemplar überreicht. Die Zahl der von ihm herausgegebenen Werke ist eine sehr grosse. Ist auch der künstlerische und litterarische Wert dieser Bücher kein bedeutender, so trugen sie doch mächtig bei, den Sinn für ritterliche Ehre und Ritterpflichten zu nähren, bis das Erscheinen des Don Quixote dem Enthusiasmus einen mächtigen Dämpfer aufsetzte. Von da ab haben diese Romane nur für den Bibliophilen Wert.

Geofroy Tory.

Unter den Herausgebern illustrierter Bücher, überhaupt unter den Reformatoren der Kunst und der Schriftsprache in Frankreich, nimmt Geofroy Tory einen ganz hervorragenden Platz ein[2]. Geboren in Bourges um das Jahr 1480, widmete er sich mit Erfolg den Studien, begann zugleich um 1505 das Zeichnen und die Holzschneiderei. Eine zeitlang trieb er diese und die Philosophie friedlich nebeneinander, er war jedoch kein Mann der Halbheit, gab deshalb seinen Lehrstuhl auf und widmete sich ganz der Kunst.

Champ-fleury.

Ein Werk des Italieners Sigismund Fanti über die Verhältnisse der Buchstaben (Venedig 1514) gab Tory die Anregung zu seinen späteren Arbeiten, auch waren ihm die Werke Dürers, in welchen dieser sich mit Schrift beschäftigt, bekannt. Er liess sich in die Zunft der Buchhändler aufnehmen, zu welcher er als Illuminator und Holzschneider gehörte, und bereitete für ein Andachtsbuch eine Serie von Einfassungen in antikem Stile vor. Während seiner Arbeiten, die jedoch fast zwei Jahre durch den Schmerz über den Tod seiner geliebten Tochter, Agnes, unterbrochen wurden, reifte bei ihm die Idee zu einem linguistisch-typographischen Werke, das 1529 unter dem Titel erschien: „Champ-fleury, au quel est contenu L'art et science la deue et vraye Proportion des lettres Attiques, qu'on dit autrement Lettres antiques et vulgairement Lettres Romaines, proportionees selon le Corps et Visage humain“.

Das Werk zerfällt in drei Abteilungen. Die erste enthält die Anweisung zu dem rechten Gebrauch der Sprache; die zweite behandelt die Entstehung der Kapitalschrift und die Belehrung, wie die Kapitalbuchstaben in Übereinstimmung mit dem Körper und dem Gesicht eines wohlgebildeten Menschen stehen. Geistreiche Illustrationen in Holzschnitt dienen zur Versinnlichung der Theorie, die zwar kaum für etwas anderes als ein Paradoxon erklärt werden kann, jedoch in der sinnreichsten Weise durchgeführt ist. Der dritte Teil wendet sich der Praxis zu, und giebt genaue Zeichnungen der Buchstaben und begleitet sie mit Untersuchungen über die Aussprache. Den Schluss machen 13 Alphabete, vier Gattungen französischer Schriften: Cadeaulx, Forme, Bâtard, Tourneure, mehrere orientalische Schriften, grosse Kapitalbuchstaben (Imperiales, Bullatiques), Phantasiebuchstaben (Utopiques) mit Arabesken, verzierte Initialen u. s. w.

Einfluss Torys.

Das Werk, welches 1529 erschien, veranlasste eine wahre Revolution in der französischen Typographie und Orthographie. In der Technik wurde es eine Hauptveranlassung zur vollständigen Beseitigung der gothischen Type und zu einem neuen Schnitt der Antiqua. Robert Stephanus fand sich veranlasst, alle seine Schriften zu verwerfen und andere einzuführen, die sich nun in ihrer neuen Gestalt beinahe bis zum Anfang des xix. Jahrhunderts unverändert erhielten. Noch wichtiger waren die Veränderungen in philologischer Hinsicht, da von nun an die Accente, Apostrophe und Cedillen, so wie eine verbesserte Orthographie eingeführt wurden.

Tory wird Hof-
buchdrucker.
Torys Tod.
Seine Nachfolger.

Dies konnte von dem, die Wissenschaften und die Typographie so sehr liebenden König Franz i. nicht unbemerkt und unbelohnt bleiben. Er ernannte Tory, 1530, zum königlichen Hofbuchdrucker, ein Titel, mit dem reelle Einnahmen verbunden waren, auch wurde ihm zuliebe eine 25. Stelle als Universitätsbuchhändler geschaffen, da die festgesetzte Zahl 24 bereits voll war. Torys Todestag ist nicht genau bekannt, er muss aber vor dem Jahre 1534 liegen, da seine Witwe, Perette le Hulin, um diese Zeit das Geschäft fortführte. Im Jahre 1535 gingen die verschiedenen Offizinen auf Olivier Mallard über; nur die Holzschneiderei behielt die Witwe. Mallard, der das Zeichen Torys, die zerbrochene Vase mit der Umschrift non plus, wahrscheinlich eine Anspielung auf seine durch den Tod seiner Tochter vernichtete Lebenskraft, fortführte, starb 1542. Das Material kam in die Hände Thielemann Kervers. Der berühmte Schriftgiesser Claude Garamond, ein Schüler Torys, war wieder ein Lehrer der nicht weniger berühmten Wilh. le Bé und Jacques Sanleque.

Denys Janot.
St. Groulleau.

Die eigentliche illustrierte Litteratur, in der der Schriftsteller, wenn nötig, sich der Illustration unterordnet, wurde von Denys Janot (1530-1545), noch mehr von seinem Nachfolger Stephan Groulleau (1547-1565) in System gebracht. Als Schriftsteller unterstützte sie Gilles Corrozet mit seiner geschmackvollen Feder und als Künstler Jean Cousin mit seinem grossen Zeichnertalent. Es ist schwer die Stellung der einzelnen Teile dieses vierblätterigen Kleeblattes genau festzustellen. Die Begierde des Publikums nach ihren Produktionen war eine so grosse, dass es nicht immer möglich war, sie zu befriedigen. Man musste deshalb, in Ermangelung der schönen Renaissance-Vignetten, öfters zu Zeichnungen älteren Datums greifen und so findet man, sogar in einem und demselben Buch, oft neues und geschmackvolles neben altem und stillosem.

Janots letztes Werk, l'Amour de Psyché et de Cupidon, erst durch seine Witwe, aus der berühmten Buchdruckerfamilie de Marnef stammend, herausgegeben, ist zugleich sein schönstes. Die Witwe heiratete 1547 Stephan Groulleau, der viele der zierlichsten illustrierten Ausgaben lieferte. Gilles Corrozet, geb. 1510, starb 1568. Jean Cousin, ebenfalls 1510 geboren, 1590 gestorben, war Zeichner, Goldschmied, Bildhauer und Geometer.

Andere Künstler.

Von Zeichnern und Holzschneidern sind noch zu nennen: Mercure Jollet, Pierre Wojiriot, nach seinem Geburtsort de Bouzey genannt, ein Schüler Cousins und vielseitiger Künstler. Die Prinzessin Marie von Medici (geb. 1573, gest. 1642) war nicht allein eine grosse Gönnerin der Kunst, sondern soll auch die Xylographie in tüchtiger Weise geübt haben.

Jean Papillon (geb. 1660, gest. 1710) war der Stammvater einer Holzschneider-Familie, die eine gewisse Berühmtheit erlangt hat, ohne eigentlich grosse Ansprüche darauf machen zu können. Am bekanntesten ist Jean Papillon durch seinen: traité historique et pratique de la gravure sur bois (2 Bde. Paris 1766) geworden, ein Werk, das zwar ohne Kritik geschrieben ist, jedoch eine Menge von Nachrichten über zeitgenössische Künstler enthält, die man sonst nicht haben würde.

Von den Papillons ab sank der Holzschnitt vollständig und nur der Kupferstich wurde zur Bücher-Illustration benutzt, nicht allein durch Beigabe besonderer Blätter, sondern auch indem man Vignetten in den Text eindruckte[3].

Jodocus Badius.
Mich. Vascosan.

Unter den zugleich gelehrten und tüchtigen Buchdruckern ist zu nennen Jodocus Badius[4] (1498-1535), nach seiner Vaterstadt Asch bei Brüssel auch Ascensius genannt. In Lyon hatte er bei Trechsel als Korrektor fungiert und dessen Tochter geheiratet. Er druckte über 400 Werke, die sich durch Schönheit und Korrektheit empfehlen, und versah viele Klassiker-Ausgaben mit seinen Anmerkungen. Er war zu gleicher Zeit Buchhändler, Buchdrucker, Schriftschneider und Schriftgiesser. Seine drei Töchter verheirateten sich mit drei der berühmtesten Typographen, Michael Vascosan, Joh. Roigny und Robert Etienne. Der Sohn, Conrad Badius, ebenfalls ein tüchtiger Gelehrter und Buchdrucker, ging, als Calvinist verfolgt, 1549 nach Genf, wo er litterarisch und typographisch fortwirkte. Sein Schwager Vascosan, dessen Bücher in Druck und Papier gleich schön und grösstenteils mit Antiqua gedruckt sind, wurde 1566 königlicher Typograph und lieferte, ungerechnet neue Auflagen, 297 Werke.

Die Familien
Morel u. Wechel.

Der Schwiegersohn Vascosans, Friedrich I. Morel (1571-1583), ist Stammvater einer gelehrten und berühmten Druckerfamilie, von welcher der Sohn des Genannten, Friedrich ii. Morel, das bedeutendste Glied war. Seine Kommentare zu den Psalmen sind noch heute hoch geschätzt.

Eine andere berühmte Familie war die Wechelsche, begründet 1522 von Christian Wechel aus Basel. Derselbe druckte öfters den Flavius Vegesius, von dem mehr als 50 Ausgaben existieren, und gab die Werke Dürers in lateinischer Sprache heraus. Maittaire verzeichnet 335 von ihm verlegte Werke, durch welche er vorzugsweise die Medizin, die Anatomie und die Chirurgie förderte. Er beschäftigte die berühmtesten Korrektoren seiner Zeit, Friedr. Sylburge und Joh. Obsopäus. In religiöse Streitigkeiten verwickelt, zog er es vor nach Frankfurt a. M. zu gehen, wo er 1554 starb. Sein Sohn Andreas (1535-1573) war ebenfalls ein ausgezeichneter Drucker. Wie der Vater, nur noch im höheren Masse, war er der Religion wegen Verfolgungen ausgesetzt. In der Bartholomäusnacht entging er zwar der Todesgefahr, aber sein Eigentum wurde konfisziert. Er zog, 1573, mit seiner Familie nach Frankfurt (vergl. S. 131).

Die Familie Ste-
phanus.

Das Geschlecht, welches neben den Aldi zu den höchsten typographischen Ehren gelangte und durch das ganze sechzehnte und einen Teil des siebzehnten Jahrhunderts eine grossartige litterarisch-typographische Thätigkeit entwickelte, war die Familie Etienne[5] oder nach damaliger Sitte Stephanus, die mit dem Heinrich Stephanus als Stammvater begann.

Heinr. i. Stepha-
nus.

Sein Geburtsjahr kennen wir nicht, wissen auch nichts von seiner Jugendgeschichte und in welcher Weise er die Fähigkeiten erwarb, die ihm einen hervorragenden Platz unter den tüchtigsten und gelehrtesten Buchdruckern sicherten. Eine kurze Zeit (1502 bis 1504) arbeitete er zusammen mit einem gelehrten deutschen Buchdrucker Wolfgang Hopyl, dessen Ausgaben bis 1489 zurück- und bis 1522 heraufgehen.

Die Ausgaben Heinrich i. Stephanus' erreichen, so weit bekannt, die Zahl von gegen 130, wovon einige in Gemeinschaft mit andern Buchdruckern oder für fremde Rechnung, 107 aber für eigene Rechnung ausgeführt wurden. Die meisten waren in Folio und mit grosser Sorgfalt gedruckt. Der Inhalt ist beinahe ausschliesslich theologisch und philosophisch, denn die klassische Litteratur war noch immer Domaine der Italiener und hatte sich noch nicht nach Frankreich den Weg gebahnt.

Heinrich, welcher 1520 im August oder September starb, hatte drei Söhne, Franz, Robert und Carl, welche alle Buchdrucker oder Buchhändler wurden. Die Witwe Heinrichs verheiratete sich das Jahr nach dessen Tod mit Simon de Colines (Colinäus), der mutmasslich schon Teilhaber des Geschäfts gewesen war und nun Besitzer der Buchdruckerei wurde, deren Schriftenvorrat er vermehrte, namentlich durch eine, grösstenteils von ihm selbst geschnittene Cursiv. Er machte sich durch seine schöne Klassikerausgabe berühmt.

Robert Stepha-
nus i.

Robert, der zweite Sohn, war 1503 geboren. Über seine Jugend wissen wir nichts, wahrscheinlich ist er im väterlichen Hause geblieben, wo er auch nach der Verheiratung seiner Mutter mit Colines arbeitete. Robert heiratete Perette, die Tochter von Jod. Badius, die eine gelehrte Bildung hatte und das Lateinische fliessend sprach. Überhaupt war durch den steten Verkehr der Gelehrten in Roberts gastfreiem Hause, das öfters durch die Besuche Franz i. und Margarethas von Navarra geehrt wurde, das Lateinische die tägliche Umgangssprache geworden, die selbst den Dienstboten geläufig war. Perette ward die Mutter von acht Kindern und starb gegen 1550, worauf Robert Margaretha Duchemin heiratete.

Seine Wirksam-
keit.

Roberts Wirksamkeit richtete sich auf die Herausgabe der so sehr notwendigen Elementarbücher für das Studium der alten Sprachen und auf korrekte Ausgaben der Klassiker; die Angabe, dass er seine Korrekturbogen öffentlich aushing, gehört jedoch in das Gebiet der Dichtung. Vor allem beschäftigte ihn die Herausgabe der heiligen Schriften, lateinisch, griechisch und hebräisch. Schon die, 1523 in Sedez gedruckte, sorgfältig revidierte lateinische Ausgabe des Neuen Testaments erregte das Missvergnügen der Sorbonne gegen den jugendlichen Herausgeber auf Grund der Emendationen, welche er notwendig fand, und gab das Signal zu den Verfolgungen, unter welchen er sein lebenlang zu leiden hatte. Jede neue Ausgabe der Bibel brachte ihm zwar neue Ehren, aber auch neue Sorgen und Anfeindungen, gegen welche ihn die Gunst Franz i. nur wenig zu schützen vermochte.

Thesaurus linguæ
latinæ.

Die Zahl seiner Drucke beträgt über 600. Sein Hauptwerk, welches allein als Ehrendenkmal für ihn genügend gewesen sein würde, ist der Thesaurus linguæ latinæ (1532). Die vergeblichen Versuche, ein altes Vocabularium des Calepin zeitgemäss zu korrigieren, gaben dazu die Veranlassung. Alle Gelehrten, die Robert anging, ein neues Lexikon zu liefern, schreckten vor der Arbeit zurück, an die nunmehr Robert selbst unter Beihülfe eines bescheidenen Gelehrten Joh. Thierry mit einem solchen Eifer ging, dass das grosse Werk nach zweijähriger Arbeit vollendet war. 1536 erschien eine zweite, verbesserte Auflage, eine dritte 1543 und später noch weitere Ausgaben.

Conr. Néobar.

Bei Gelegenheit des Druckes seiner hebräischen Bibel (1539-1546) wurde Robert am 24. Juni 1539 vom König Franz i. zum königlichen Drucker für die lateinischen und hebräischen Schriften ernannt, wozu noch im J. 1545 die Erhebung zu demselben Posten für das Griechische kam, welchen zuerst Conrad Néobar inne gehabt hatte. Es war der Aufmerksamkeit Franz i. nicht entgangen, dass die griechischen Drucke Frankreichs trotz der Anstrengungen des gelehrten François Tissard im Verein mit dem tüchtigen Praktiker Gilles de Gourmont, die zuerst 1507 ein griechisches Buch in Frankreich gedruckt hatten, weit den italienischen nachstanden. Dem wollte der König abhelfen und glaubte in Conrad Néobar (1538-1540) den rechten Mann gefunden zu haben. Durch Patent vom 17. Januar 1538 wurde er zum königlichen Drucker für das Griechische ernannt mit einem Jahresgehalt von 100 Goldthalern nebst den Vorteilen der Universitäts-Angehörigen, auch sollten alle von ihm zuerst gedruckten Werke auf 5 Jahre Schutz geniessen. Die Schriften sollte Claude Garamond schneiden. Dies erlebte Néobar nicht, der schon nach zwei Jahren starb, in der kurzen Zeit sich aber bereits einen berühmten Namen erworben hatte.

Rob. Stephanus,
kgl. Typograph.

Stephanus übernahm nun die weitere Leitung. Die Zeichnungen zu der Schrift rühren von dem berühmten Kalligraphen Angelus Vergecius (Auge Vergece) her, zumteil auch von dessen damals erst fünfzehnjährigen Schüler Heinrich, dem Sohne Roberts. Diese Schriften sind kaum durch irgend eine spätere Produktion übertroffen und wurden bis in die neueste Zeit in der kaiserlichen Druckerei in Paris verwendet. Auch der berühmte Schriftschneider und Schriftgiesser Wilhelm le Bé wurde von Robert, namentlich für die hebräische Bibel, beschäftigt. Dafür, dass die hebräischen Schriften ebenfalls für königliche Rechnung geschnitten wären, liegen keinerlei Beweise vor.

Robert geht
nach Genf.

Der fortwährenden Verfolgungen durch die Sorbonne müde, ging Robert 1550 oder 1551 nach Genf, um dort in der Ruhe, die er in Frankreich nicht hatte finden können, mit den Reformatoren Calvin, Theodor Beza u. a. zusammenzuleben, ihre Werke zu drucken und die Bibelausgaben ungestört fortzusetzen. Es scheint, als habe Robert mit Standhaftigkeit und Kraft die mit der Übersiedelung verbundenen Verluste und das Ungemach aller Art ausgehalten. Seine Wirksamkeit in Genf war gleich eine bedeutende, das Pariser Geschäft wurde jedoch nicht geschlossen und 1556 beginnt sein Sohn Robert ii. dort seine Ausgaben.

Die griechischen
Schriften.

Dass die Genfer Robert unentgeltlich als Mitbürger aufnahmen, konnte ihm seinen Verfolgern gegenüber, gegen die er eine bittere Rechtfertigungsschrift veröffentlichte, als eine Genugthuung gelten. Es ist ihm vielfach zum Vorwurf gemacht, dass er die berühmten königlichen griechischen Schriften mit nach Genf nahm. Sein Biograph Renouard hat mit schlagenden Gründen ihn gegen den Verdacht, als habe er damit etwas unrechtmässiges gethan, verteidigt. Im Jahre 1621 wurden die Schriften, welche für 1500 Goldthaler dem Rate von Genf von Roberts Enkel, Paul, verpfändet waren, von der französischen Regierung für 3000 Livres gekauft und von Paul nach Paris gebracht. Bei den Verhandlungen deutet nichts darauf hin, als sei Paul nicht rechtmässiger Besitzer der Matern gewesen. Seit 1774 befinden sie sich in der Staatsdruckerei in Paris.

Seinem lateinischen Wörterbuch wollte Robert ein griechisches folgen lassen. Mit den Vorarbeiten beschäftigte er sich lebhaft, wurde aber dabei vom Tode überrascht. Den Zustand dieser Vorarbeiten kennen wir nicht, doch müssen dieselben nach der Aussage des Vollenders, seines Sohnes Heinrich, weit vorgeschritten gewesen sein.

Franz i.

Robert starb am 7. Sept. 1559, 56 Jahre alt. Von seinen acht Kindern werden Heinrich ii., geb. 1528; Robert ii., geb. 1530, und Franz ii. Gegenstand weiterer Besprechung sein. Von Roberts i. Bruder Franz i. ist wenig zu sagen; man kennt das Datum seiner Geburt nicht, weiss auch nicht, ob er verheiratet war. Wahrscheinlich war er nur Buchhändler; ein Buch von ihm später als aus dem J. 1548 kennt man nicht, schliesst deshalb auf seinen frühen Tod um diese Zeit, der vielleicht auch nur Schuld gewesen sein wird, dass er keine grössere Berühmtheit erlangte; denn seine kurze Wirksamkeit zeugt von grosser Tüchtigkeit.

Karl.

Der jüngste Bruder Roberts i., Karl (geb. 1504 od. 1505), war ein tüchtiger Arzt, geschickter Buchdrucker und ausgezeichneter Gelehrter. Der Wegzug Roberts von Paris war der Grund, dass Karl wider seinen Willen das Geschäft übernehmen musste; er setzte aber dabei seinen ärztlichen Beruf fort. Die Druckerei übte er nur bis zum Jahre 1561, produzierte aber in der kurzen Zeit eine Reihe von guten Ausgaben, die einen ehrenvollen Rang unter den Erzeugnissen der Familie einnehmen. Er starb 1564 im Gefängnis, worin er sich, einige behaupten wegen religiöser Ansichten, andere wegen Schulden, befand; Thatsache ist, dass er vieles verloren hatte und dass man seit 1561 geschäftlich nichts weiter von ihm hörte.

Robert ii.

Nach dem Tode Roberts i. fiel das Geschäft dem Sohne Heinrich ii. zu und Robert ii. wurde enterbt; doch scheint dies keineswegs ein Akt der Rache gegen Robert gewesen zu sein, der dem katholischen Glauben treu geblieben war, sondern eine aus Klugheit getroffene Massregel; denn wir sehen Robert ii. seine Wirksamkeit auf Grundlage des früheren Pariser Geschäfts beginnen und in freundschaftlichem und geschäftlichem Verkehr mit seinem Bruder bleiben. Er starb 1571. Seine Witwe heiratete Mamert Patisson, einen tüchtigen Buchdrucker.

Heinrich ii.

Heinrich ii., dessen Ruhm denjenigen der übrigen Mitglieder der Familie noch überragte, war 1528 geboren, in demselben Jahre, in welchem die berühmte lateinische Folio-Bibel seines Vaters erschien. Er wurde von dem Lehrer des Dauphin, Pierre Danis, auf das sorgfältigste im Griechischen unterrichtet; auch schrieb er das Griechische ebenso kalligraphisch schön wie sein Lehrmeister Angelus Vergecius und trieb eifrig Mathematik, selbst Astrologie. Von 1546 ab liess ihn der Vater an den litterarischen Arbeiten teilnehmen, die er mit der Redaktion des Dionysius von Halikarnass begann. Nach dreijährigen Reisen in Italien, wo er die Bibliotheken durchsuchte und Italienisch wie ein Eingeborener sprechen und schreiben lernte, kam er 1549 nach Paris zurück, reiste aber schon 1550 nach England und 1551 nach Flandern, wo er das Spanische studierte. Wahrscheinlich folgte er dem Vater nach Genf, kehrte aber bald nach Paris zurück und ging dann wieder nach Rom.

Seine typographische Laufbahn begann Heinrich erst 1557. Zwar nennt er sich Typographus Parisiensis, welches aber nicht ausdrücken soll, dass seine Offizin in Paris war; die Bezeichnung sollte ihm nur ein grösseres Gewicht in den Augen des Publikums verschaffen. Wahrscheinlich auf Grund seiner Reisen und der Kosten des Etablissements kam Heinrich bald in Verlegenheit, wurde aber durch ein Mitglied der berühmten Familie Fugger, Hulderich, unterstützt und erhielt von ihm eine jährliche Rente. Er nannte sich deshalb auch zehn Jahre lang Fuggerorum Typographus. Dies hörte aber, zugleich mit der Freundschaft, 1568 auf.

Thesaurus linguæ
græcæ.

Mit grosser Energie ging Heinrich an die Fortsetzung der Wirksamkeit des Vaters, in einer Weise, die seine körperlichen Kräfte überstieg. Wenn auch die typographische Ausstattung ein wenig hinter der der Pariser Ausgaben zurückbleibt, so kann ihnen dies doch den inneren Wert nicht rauben. 1572 erschien das Werk, welches seinen Arbeiten die Krone aufsetzte, der Thesaurus linguæ græcæ, aber er hatte damit seine pekuniären Kräfte erschöpft. Den grössten Schaden that ihm Johann Scapula durch einen Auszug. Obwohl Scapula an der Korrektur von Stephanus' Werk und an der Redaktion teilgenommen hatte, entblödete er sich nicht zu erklären, dass er nur zufällig den Thesaurus gesehen habe und dass seine Arbeit ganz dem eigenen Geiste entsprungen sei. Eine editio posterior, die Heinrich einige Jahre nachher veranstaltete, ist nur durch Umdruck einzelner Blätter eine neue Ausgabe.

Von jetzt ab fängt Heinrich ein nomadisierendes Leben an, das erst mit seinem Tode aufhören sollte. Er folgte darin zumteil seinen Neigungen, beabsichtigte aber auch seine grossen Lagervorräte an den Mann zu bringen. Namentlich Deutschland und seine Büchermessen besuchte er regelmässig, kam auch nach Wien und selbst nach Ungarn; war ebenso öfters in Paris, wo er vom König Heinrich iii. gut aufgenommen wurde.

Heinrich ii. stirbt
in Lyon.

1597 wollte Heinrich von Genf aus wieder Frankreich besuchen. Er verblieb eine zeitlang in Montpellier, wo seine Tochter Florence an den gelehrten Isaak Casaubon verheiratet war, dem er seine Mitwirkung bei dessen litterarischen Arbeiten anbot. Diese scheint abgelehnt worden zu sein und Heinrich setzte nun seine Reise weiter fort, kam krank nach Lyon und liess sich in das Spital bringen, wo er in den ersten Tagen des März 1598, gegen 90 Jahre alt, starb. Heinrichs finanzielle Lage war zwar nie glänzend gewesen, doch haben wir nicht nötig anzunehmen, dass ihn die Armut in das Spital führte. Seine Verlegenheiten gingen nicht so weit, dass seine Existenz gefährdet war, und der Verkauf seiner Werke deckte nicht allein seine Schulden, sondern liess auch noch etwas für die Witwe übrig und erhielt die Druckerei seinem Sohne Paul.

Paul.

Paul war zwar ein tüchtig gebildeter Mann, besass jedoch nicht die geschäftliche Energie des Vaters, betrieb das Geschäft in wenig hervorragender Weise und verkaufte dasselbe 1627 an die Gebr. Chouet. Ein Sohn Pauls, Antonius, entwickelte Tüchtigkeit und Thätigkeit in Paris, war jedoch nicht vom Glück begünstigt und starb 1674 schwach und erblindet, 84 Jahr alt, im Hôtel-Dieu.

Franz ii.

Der jüngste Bruder Heinrichs ii., Franz ii., kam schon jung mit seinem Vater nach Genf, wurde dort in der protestantischen Konfession erzogen und wissenschaftlich ausgebildet. Im Jahre 1562 hatte er in Genf eine Druckerei, die bis zum Jahre 1582 fortbetrieben wurde, jedoch keine besondere Thätigkeit entwickelte. Später zog er nach der Normandie.

Das grossartige Wirken der 1713 gegründeten Didot'schen Buchdruckerei gehört der folgenden Periode an.


Die kgl. Buch-
druckerei.

Es ist mehrfach angenommen worden, König Franz i. habe die königl. Buchdruckerei gestiftet; dem ist nicht so, und das Verhältnis der „Königlichen Buchdrucker“ zu ihm ist schon oben klargelegt. Er förderte die Kunst durch Unterstützung einzelner hervorragender Drucker in dieser oder jener Richtung, wo es über die Kräfte des einzelnen gegangen wäre, die notwendigen Opfer zu bringen. Das Verdienst, die königliche Buchdruckerei gegründet zu haben, gehört Ludwig xiii. und dem Kardinal Richelieu[6].

Im Jahre 1631 hatte der zuletzt Genannte den Druck der liturgischen und heiligen Schriften in verschiedenen, auch orientalischen Sprachen, einem Consortium von Pariser Buchdruckern übergeben, unter der Bedingung, dass eine Anzahl von Exemplaren zu Missionszwecken der Regierung gratis zur Disposition gestellt würde. Der Verein veröffentlichte auch mehrere solche Bücher in arabischer Sprache, die Muselmänner wollten sie aber nicht annehmen, und Selim i. erneute das strenge Verbot Bajazet ii. (vgl. S. 76). Der Verein entsprach überhaupt nicht den Absichten des Kardinals und hatte selbstverständlich zunächst seinen eigenen Vorteil vor Augen. Richelieu fasste nun 1640 den Entschluss, eine Staatsanstalt, Die königliche Buchdruckerei, zu errichten.

Die königliche
Buchdruckerei.

Eine Grundlage war schon in den griechischen Schriften Franz i. vorhanden gewesen, welche durch die Erwerbung der orientalischen Schriften Savary de Brèves' bedeutend vermehrt worden war. Der Genannte war 1589 als französischer Gesandter nach Konstantinopel gegangen, lebte dort eine lange Reihe von Jahren und hatte grosses Interesse für orientalische Litteratur gefasst, eine bedeutende Manuskripten-Sammlung angelegt und arabische, persische und syrische Typen schneiden lassen, im ganzen über 1600 Stempel. Von Konstantinopel zurückgekehrt, liess er mit seinen Typen 1613 in Rom, 1615 in Paris drucken, wo mehrere Werke ex typographia Savariana erschienen.

Savary de Brèves starb bereits 1627. Von mehreren Seiten erstrebte man die Erwerbung der Typen, es gelang jedoch 1632 dem Buchdrucker Antonius Vitré, diese und die Manuskripte im geheimen Auftrag des Königs, der früher vergeblich 27000 Livres geboten hatte, für die höchst mässige Summe von 4300 Livres anzukaufen.

Zwischen Vitré einerseits und den Erben de Brèves' und der Regierung andererseits entstanden sehr langdauernde unerquickliche Differenzen; schliesslich kamen die Typen nach dem Tode Vitrés 1691 definitiv in den Besitz der königlichen Druckerei, welche sie den Pariser Buchdruckern zur Disposition stellte. Die Typen waren bereits von Vitré zum Druck der Polyglott-Bibel des Präsidenten le Jay benutzt. Diese Bibel in hebräischer, samaritanischer, chaldäischer, griechischer, syrischer, lateinischer und arabischer Sprache ist eins der merkwürdigsten Druckerzeugnisse des xvii. Jahrhunderts. Jay opferte mehr als 100000 Thaler für dieses Werk und ruinierte sich vollständig. Es lag, wie man berichtet, ganz in seiner Hand, diesen Schlag abzuwenden, wenn er sich dazu verstanden hätte, dem Kardinal Richelieu die alleinige Ehre als Urheber einzuräumen; er wollte jedoch diese sich nicht nehmen lassen.

Die königliche Buchdruckerei ward auf das beste im Louvre eingerichtet und Sebastian Cramoisy zum Direktor ernannt. Richelieu hatte namentlich Missionszwecke vor Augen und man begann daher mit dem Drucke von Andachtsbüchern, die gratis verteilt werden sollten. Die Wirksamkeit nahm aber bald eine typographisch grossartigere Richtung an und man lieferte in dem ersten Jahrzehnt an 100 Werke, die mit dem grössten Luxus und aller Sorgfalt ausgeführt, teilweise mit Stichen und Vignetten der besten Künstler, selbst eines Nic. Poussin, geschmückt waren.

Die königliche
Buchdruckerei.

Im Jahre 1692 bestimmte Ludwig xiv., der sich nicht weniger als sein Vorgänger für die kgl. Druckerei interessierte, dass ein grosses Werk: Description et perfection des arts et des metiers, von welchem der erste Band die Buchdruckerei, die Schriftgiesserei und die Buchbinderkunst umfassen sollte, herauszugeben sei. Dieser Band, der einzige, welcher überhaupt erschien, entsprach jedoch gerechten Erwartungen nicht. Wichtiger war die Bestimmung des Königs, dass eine besondere französische Schrift gezeichnet und geschnitten werden sollte, welche nur in der königl. Druckerei Verwendung finden dürfe. Zwar waren die, s. Z. von Claude Garamond geschnittene, vortrefflich, man fand jedoch den Duktus etwas veraltet. Eine Kommission von Akademikern wurde ernannt, die sich mit dem Schriftschneider Philipp Grandjean in Verbindung setzte, in welcher ihm erst sein Schüler Jean Alexandre 1723, dann dessen Schwiegersohn Louis Luce folgten. Die neue prachtvolle Schriftengarnitur, welche 1745 vollendet wurde, leidet an einer kleinen Geschmacklosigkeit. Die Schrift sollte, wie erwähnt, nur für die kgl. Druckerei sein; man musste deshalb für sie etwas eigentümliches erfinden. Dies bestand in einigen Strichelchen, welche einer Anzahl Buchstaben angehängt wurden. Diese Geschmacklosigkeit hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Die erste Verwendung fand diese Schrift 1702 in einem Prachtwerke Médailles sur les principaux événements du règne de Louis le Grand[7].