Aus den erwähnten Jahreszahlen ist bereits ersichtlich, dass Ludwig xiv. nicht die Vollendung der von ihm angeregten Verbesserungen erlebte. Für die Anstalt blieb dies ohne weitere Folgen, denn der Regent sowohl als der junge König Ludwig xv. waren der Druckkunst wohlgesinnt. Der letztere hatte sogar in den Tuilerien für seinen persönlichen Gebrauch eine kleine Buchdruckerei, aus der ein Werkchen: Cours des principaux fleuves et rivières de l'Europe composé et imprimé par Louis XV, roy de France et de Navarra. Paris 1718, stammt.
Die griechischen Typen des Néobar und Stephanus wurden restauriert, hebräische geschnitten und die Anfertigung chinesischer Typen unter der Aufsicht des Herrn de Fourmont angeordnet, womit der Anfang schon 1742 gemacht wurde, während die Vollendung des im ganzen missglückten Unternehmens sich jedoch weit über die Grenze unserer Periode hinauszog.
Wie Ludwig xiv. die Vollendung des sorgfältig Angebahnten nicht erlebte, so auch nicht der verdienstvolle Direktor Sebastian Cramoisy. Er starb i. J. 1669; sein Nachfolger und Enkel Marbre-Cramoisy, ein eben so tüchtiger Mann wie der Grossvater, 1687. Diesem folgte der bekannte Lyoner Buchdrucker Jean Anisson, der 1709 sein Amt zugunsten seines Schwagers und Associés, Claude Rigaud, niederlegte; nach ihm traten wieder die Anissons ein.
Die grossartigen Werke alle aufzuzählen, die aus der königlichen Anstalt hervorgegangen sind, ist nicht möglich, erwähnt seien nur die Biblia sacra in 8 Folio-Bänden; die Concilia generalia etc., 37 Bde.; Scriptores historiæ Byzantinæ, 29 Bde.; Gallia christiana, 13 Bde., alle in Folio; Buffon, histoire naturelle, 33 Bände in Quarto.
Als ein Zeichen des Ansehens, worin die Buchdruckerkunst stand, kann es gelten, dass die Sitzungen der von Richelieu gegründeten französischen Akademie bei ihrem Buchdrucker und Buchhändler, Jean Camusat, stattfanden, der öfters als Repräsentant der Akademie verwendet wurde. Bei seinem Tode 1639 veranstaltete dieselbe eine Leichenfeier, ausserdem ehrte man sein Andenken, indem man seiner Witwe die Funktionen als Buchdrucker der Akademie liess, gegen den Willen Richelieus, welcher diesen Posten Cramoisy zugedacht hatte.
Doch, wie erwähnt, das wahre belebende Prinzip, die allgemeine gesunde freiheitliche Bewegung, fehlte und konnte nicht durch persönliche Vorliebe der regierenden Häupter ersetzt werden; der Verfall der Buchdruckerei in Frankreich wurde zwar lange aufgehalten, konnte jedoch nicht abgewendet werden, als die Revolution und dann die Reaktion über Frankreich hereinbrachen.
In Frankreich spielte ausserhalb Paris nur Lyon[8] eine wichtige Rolle in der typographischen Geschichte Frankreichs, namentlich durch die Produktion einer grossen Anzahl illustrierter Werke. Es entstand eine besondere Holzschneiderschule, deren berühmtestes Mitglied Salomon Bernard war. Auch Werke deutscher Künstler erschienen in Lyon, vor allen anderen zu nennen Holbeins „Totentanz“ und dessen Illustrationen zu dem Alten Testament. Von der Bedeutung des dortigen Druckgewerbes kann man sich daraus eine Vorstellung machen, dass bei dem Einzug Heinrichs ii. in Lyon, 1548, nicht weniger als 413 Drucker, prachtvoll kostümiert, ihn im festlichen Aufzug empfingen.
Ausser durch seine illustrierten Werke zeichnete Lyon sich durch schöne Schriften aus. Jean Grandjon lieferte 1558 eine Cursivschrift, die berühmt geworden ist. Er suchte die Feinheit der Federzüge nachzumachen in ähnlicher Weise wie es in der Theuerdanktype der Fall war. Auch das Binden der Bücher erreichte, namentlich durch das Interesse, welches Joh. Grollier daran nahm, hier eine grosse Vollkommenheit (vergl. S. 215).
Zu den bedeutendsten Buchdruckern Lyons zählte Sebastian Gryphius (1528-1566). Er war zu Reutlingen geboren und einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit, der eine grosse Anzahl nützlicher Bücher in lateinischer, griechischer und hebräischer, dagegen nur wenige in französischer Sprache herausgegeben hat. Sein Sohn Anton, ebenfalls ein sehr unterrichteter Mann, aber im Geschäft unpraktisch, starb arm.
Ein Schüler von S. Gryphius war Jean de Tournes (geb. 1504, gest. 1564). Er stattete seine Bücher reichlich mit künstlerischem Schmuck aus. Besonders hervorzuheben sind: Delectus amicorum; Ovid; mehrere Ausgaben der Bibel und des Neuen Testaments. Er starb an der Presse arbeitend. Der Sohn Jean de Tournes war noch gelehrter als der Vater, kam ihm aber als Buchdrucker nicht gleich. Der Reformation ergeben, wurde er eingekerkert, sein Haus geplündert, seine Bücher verbrannt und seine Papiere verwüstet. Zwar kam er mit dem Leben davon, als aber Heinrich iii. Todesstrafe über die Bekenner der neuen Lehre aussprach, zog er nach Genf und gründete dort eine Buchhandlung und Buchdruckerei, die bald in Flor kamen.
Das Leben des unglücklichen Stephan Dolet[9] (1508/09-1546) gehört mehr der Litteratur-, als der typographischen Geschichte an. Dolet stammte aus einer angesehenen Familie in Orleans, genoss einer ausgezeichneten Erziehung, und zählte unter die gelehrtesten Männer damaliger Zeit. Sein stürmischer Charakter und die Kühnheit seiner religiösen Ansichten stürzten ihn in Ungelegenheiten aller Art. Von Toulouse verbannt, flüchtete er nach Lyon und wurde Korrektor in Gryphius' Offizin, wo er wahrscheinlich die Kunst lernte. Bereits 1536-1538 druckte Gryphius das bedeutendste Werk Dolets: Commentarii linguæ latinæ. Nachdem er in einem Streit den Maler Henri Guillot getötet hatte, war er gezwungen, Lyon zu verlassen, erhielt jedoch durch die Protektion der Königin Margaretha von Valois und vieler mächtigen Freunde die Erlaubnis, nach Lyon zurückzukehren, wo er 1537 eine Druckerei errichtete, aus der viele geschätzte Werke hervorgingen. Seine scharfe Feder schaffte ihm überall Feinde, mit seiner Kollegenschaft überwarf er sich, indem er in Lohnstreitigkeiten sich auf die Seite der Gehülfen stellte. Mehrmals eingekerkert, flüchtig geworden, dann wieder zurückgekommen, wurde er angeklagt, Schriften zugunsten der Reformation gedruckt zu haben, und am 3. Aug. 1546 in Paris lebendig verbrannt.
Ein ebenso gewandter Buchdrucker als Buchhändler war Guillaume de Roville aus Tours. An Geschmack wetteiferte er mit de Tournes, und seine Druckwerke enthalten viele schöne Illustrationen. Er erwarb sich grosses Ansehen und grosse Reichtümer. Die Gebrüder Jean und François Frellon (1520-1570) sind namentlich als Drucker Holbeinscher Illustrationen bekannt. Ausser den genannten hat Lyon auch im xvii. Jahrh. noch manche tüchtige Buchdrucker aufzuweisen, unter diesen die Mitglieder der Familie Anisson, deren bekanntestes, Jean Anisson, in Verein mit seinem Bruder Jacques druckte, bis er zum Direktor der königlichen Druckerei im Louvre ernannt wurde. Anissons Druckerei war die letzte von künstlerischer Bedeutung in Lyon, sie fabrizierte jedoch später auch nur gewöhnliche Ware.
Von den Provinzstädten ist noch Rouen zu erwähnen, wo namentlich ein grosses Druckgeschäft mit Missalen stattfand, welche nach England ausgeführt wurden, und Sedan, wo eine, noch heute geschätzte, Sammlung von Klassikern mit einer sehr kleinen Schrift, Sedanoise, von Jean Jannon, gedruckt wurde.
Aus dem, was oben über die Schriften der kgl. Druckerei, der Stephane und anderer in Paris und Lyon gesagt wurde, geht bereits hervor, dass Frankreich in der STEMPELSCHNEIDEREI und SCHRIFTGIESSEREI den Vorrang behauptete.
Die älteste der Privatschriftgiessereien ist die von Guillaume le Bé. Mit den von ihm selbst geschnittenen Schriften vereinigte er 1561 einen grossen Teil der Stempel des verstorbenen Garamond. Die le Bé folgten sich in vier Generationen. 1730 kam das Geschäft in die Hände von Fournier l'ainé.
Die Anfänge der zweiten Giesserei durch Jacques Sansleque, Schüler des le Bé, reichen bis auf das Jahr 1596. Auch dieses Geschäft erbte durch vier Generationen auf Jacques, Louis und Louis Eustache Sansleque.
1736 begann Fournier le jeune, Bruder des Besitzers des le Béschen Geschäfts, eine Schriftgiesserei eigentümlicher Art, indem er selbst alle Schriften derselben zeichnete, schnitt, abschlug und justierte, wozu er etwa 30 Jahre gebrauchte. Er schrieb das bereits erwähnte Manuel typographique (2 Bde. Paris 1764), dessen zweiter Band, fast nur systematische Schriftproben enthaltend, uns ein ziemlich klares Bild von dem damaligen Stande des Typenwesens giebt. In dem ersten Band entwickelt Fournier sein, 1737 aufgestelltes, System des typographischen Punkts, welches, später von Didot fortentwickelt, die Einheit in der französischen Schriftgiesserei zuwege brachte[10]. Zwar bestand ein Reglement v. 28. Febr. 1723 sowohl in Betreff der Schrifthöhe als der Progression der Schriftkegel. Dieses wurde hinsichtlich der Höhe (10½ geom. Linien) nicht beachtet, so dass letztere bis auf 10% differierte, und für die Kegel fehlte eine „Normal-Einheit“, von welcher man auszugehen verpflichtet war, so dass das Reglement gar keinen Nutzen erzielte.
In der STEREOTYPIE hatte der Buchdrucker Valeire bereits zu Anfang des xviii. Jahrh. Versuche gemacht und einen Kalender von Messingplatten gedruckt. Die Typen wurden in Thon eingepresst; da die Tiefe jedoch nicht gleichmässig war, konnten die Platten es auch nicht werden.
Eine hohe Stufe erreichte die Buchbinderkunst. Als Förderer derselben steht obenan der erwähnte Jean Grollier, Vicomte d'Aguisy (1479-1565), Schatzmeister unter mehreren französischen Königen. Er hatte in Italien schöne Einbände lieben gelernt, ahmte sie nach und veredelte sie. Er liess die Bücher in seinem Hause binden und legte selbst Hand mit an. Die Bände Grolliers mit der Devise: J. Grolliero et amicis gelten noch heute als Edelsteine der Buchbinderkunst und werden mit den höchsten Preisen bezahlt. Mit Grollier übernimmt Frankreich die Führung in der Buchbinderei und behauptet sie. Ausgezeichnet in seinen Bänden war der Zeitgenosse Grolliers, Geoffr. Tory. Als würdiger Förderer gegen Ende des xvi. Jahrh. erwies sich Ch. A. de Thou, Direktor der königlichen Sammlungen. Während Grolliers und Torys Bände phantastische arabische Ornamente zeigten, sind die Fonds der meist in Maroquin ausgeführten Bände de Thous hauptsächlich mit an die Natur sich anschliessenden Verzierungen: Lorbeer-, Öl- und Eichenzweige gefüllt, während die Ornamente in die Zwischenräume der Ranken verwiesen sind. Die Bände de Thous sind ausserordentlich gesucht und mit bis zu 15000 Fr. bezahlt. Ebenfalls geschätzt und selten sind die bei weitem einfacheren gleichzeitigen Bände des Königs Franz i. Sie sind meist in schwarzes Leder oder Sammet gebunden, nur mit der königlichen Chiffre und einem Salamander in Gold geschmückt.
Prächtig und sehr geschmackvoll sind die Bände des Königs Heinrich ii., namentlich diejenigen, welche er für seine Geliebte, die geistreiche Diana von Poitiers, herstellen liess. Das für sie mit Aufwand aller künstlerischen Ausschmückung eingerichtete Schloss Anet enthielt eine Sammlung von gegen 800 in Ziegen- oder Schafleder gebundenen Bänden. Sie sind reich mit Symbolen der Liebe ornamentiert, z. B. den verschlungenen Anfangsbuchstaben H und D, zu welchem letzteren noch galanterweise das Zeichen der jungfräulichen Göttin Diana, die Mondsichel, gefügt wurde.
Unter den späteren Meistern ist le Gascon, der Buchbinder der Königin Anna von Österreich, berühmt geworden. Er war durchaus originell, verzichtete auf die Wirkung verschiedener Farben und wendete nur einfache Goldpressung auf dem einfarbigen Untergrund an; die leeren Stellen zwischen den Linien wurden mit Punkten oder kleinen Ornamenten ausgefüllt. Seine Hauptepoche fällt in die Zeit von 1640-1655.
Als Ersatz für die Vielfarbigkeit suchte man dem Leder durch künstliche Texturen und neue Färbungen Abwechselung zu geben; so erhielt der rote Maroquin den Charakter der schuppigen Schlangenhaut, in welcher Weise die Bücher des Ministers Colbert gebunden wurden, man ahmte Marmor, Granit, Stoffe nach, verliess die Pflanzenornamente und die Arabesken, imitierte durch Punkte Spitzenmuster oder überspannte die Decken wie mit goldenen Spinnengeweben.
Zu Anfang des xvii. Jahrh. wirken du Seuil, Padeloup und Derome. Die Goldpressung wird übermässig angewendet. In der Ornamentierung herrscht Zerfahrenheit. Um 1750 tritt noch eine anmutige Art der Goldpressung auf: Vögel, die sich in Ranken wiegen oder um diese herumflattern. Der Üppigkeit der Zeit gemäss werden die Deckel mit Atlas oder Sammet überzogen und mit Gold-, Silber- und anderen Stickereien geschmückt, sogar die Gobelins werden der Buchbinderei dienstbar. Man verfällt aber nach und nach in Geschmacklosigkeit und geht in dieser so weit, beide Deckelseiten und den Rücken mit einem fortlaufenden Bild zu überziehen. An Stelle des reichen Vorsatzes tritt farbiges marmoriertes, gefedertes oder verschiedene Stoffe nachahmendes Luxuspapier. Schon zu Anfang des xviii. Jahrhunderts macht sich der Papierüberzug als Ersatz für das Leder bemerkbar und die Periode des Halbfranzbandes beginnt.