DIE VERBREITUNG DER BUCHDRUCKERKUNST IM AUSLANDE.
Italien: Subiaco und Rom. Venedig. Foligno. Mailand. Florenz. Spanien und Portugal. Frankreich: Paris. Lyon. Die Niederlande: Die Histoires. Colard Mansion. England: William Caxton. Skandinavien: Dänemark. Schweden. Die slawischen Länder. Ungarn. Die Türkei.
V VOR allen fremden Ländern gebührt ITALIEN der hohe Ruhm, die Buchdruckerkunst zuerst aufgenommen, sie wesentlich verbessert, vervollkommnet und in edelster Weise verwendet zu haben, und mit diesem Ruhm, den man den Italienern in vollstem Masse zollen muss, könnten sie wohl zufrieden sein. Wenn sie jedoch noch im Jahre 1868 soweit gingen, ihrem Landsmann Pamphilo Castaldi als dem Erfinder der Buchdruckerkunst in seinem Geburtsorte Feltre ein Denkmal zu errichten, so verfielen sie aus missverstandenem Patriotismus in einen Irrtum, zu dessen Entschuldigung sich noch bei weitem weniger sagen lässt, als für die Ansprüche der Holländer.
Wie für die klassischen und bildenden Künste war Italien auch für die Poesie das gelobte Land und hatte bereits seinen Dante, Boccaccio und Petrarca hervorgebracht. Es waren namentlich die Höfe der Mediceer in Florenz und der Herzöge von Este in Ferrara, welche die Mittelpunkte der Kultur bildeten, an welchen die genannten grossen Sterne und noch manche zweiten Ranges glänzten. Die nach der Eroberung von Konstantinopel (1453) nach Italien geflüchteten Gelehrten nährten noch mehr den Sinn für die klassische Litteratur und fanden Unterstützung bei den aufgeklärten Fürsten, welche Pflanzschulen für die Wissenschaften und Bibliotheken gründeten und die Werke der griechischen Klassiker übersetzen liessen.
So war in Italien wie in keinem andern Lande der Boden für die neue Kunst geebnet. Bereits im Jahre 1480 hatten vierzig Städte Buchdruckereien, zumteil hervorragender Art, die namentlich mit der Herausgabe der Klassiker beschäftigt waren, während in dem Mutterlande der Typographie noch immer Gebetbücher und trockene Kompendien die hauptsächlichsten Druck-Erzeugnisse bildeten.
Conrad Sweynheim und Arnold Pannartz, wahrscheinlich zwei der überall hin verstreuten Schüler Gutenbergs, gründeten die erste Druckerei Italiens in dem Kloster SUBIACO. Das Städtchen Subiaco mit dem berühmten Stammkloster der Benediktiner liegt in unwirtlichster Berggegend 14 Stunden von Rom. Entfernt von der Stadt auf den höchsten nackten Felsen ragt das nur mit grossen Schwierigkeiten zu ersteigende Kloster. Der Kommandaturabt desselben, der Kardinal Johannes a Turrecremata, ein eifriger Bewunderer der Buchdruckerkunst, veranlasste durch einige Mönche deutscher Nation die Einberufung Conrads aus Schweinheim, bei Mainz, und Arnold Pannartz' aus Prag. Sie kamen 1464 an. Zuerst entstand ein Donatus, dann des Lactantius De divinis institutionibus (1465), des heiligen Augustinus De civitate dei (1467), und wahrscheinlich auch 1465 Ciceros De oratore[1].
Der Lactantius war das erste Buch, welches in römischer Schrift gedruckt wurde. Die Kalligraphie hatte in Italien bereits zu den Zeiten der Römischen Kaiser eine hohe Stufe erreicht. Durch den Wechsel der herrschenden Völker in Italien änderte sich auch die Schrift vielfach. Als die Gothen im v. Jahrh. sich zu Herren Italiens machten, fingen die römischen Kapital-Buchstaben schon an, eine veränderte Gestalt anzunehmen; die eigentliche kleinere runde Kurrentschrift kam jedoch erst im viii. Jahrhundert auf. Nichts natürlicher, als dass Sweynheim und Pannartz sich dem nationalen und gefälligen Schriftsystem zuwendeten und für ihr Werk die römische Schrift annahmen, der sich die jetzige Antiqua fast ganz anschliesst. Ein in Paris befindliches Manuskript, welches 1459 in Italien geschrieben wurde, des heiligen Augustinus De civitate dei, zeigt ganz die Schrift, wie sie in dem Lactantius verwendet wurde. In dem ersten Bogen des Werkes ist, um die griechischen Zitate hineinzuschreiben, Raum gelassen; in den späteren Bogen wurden zum erstenmal griechische Typen verwendet, denn die Zitate in Schöffers Princeps-Ausgabe von Ciceros De officiis waren Holzschnitte.
Es zeigten sich jedoch bald die Schwierigkeiten einer so abgelegenen, schwer zugänglichen Lage und Sweynheim und Pannartz folgten daher gern der Einladung der beiden Brüder Pietro und Francesco Marquis von Massimi, nach ROM zu kommen; in deren Palast sie 1467 installiert wurden, zunächst um Ciceros Briefe zu drucken. In dieser Ausgabe findet man zum erstenmale die reine Antiqua, wie sie schon in den Manuskripten des viii. u. ix. Jahrh. vorkommt.
In den fünf folgenden Jahren entwickelten Sweynheim und Pannartz eine grosse, jedoch weit über ihre Kräfte gehende Thätigkeit, die sie dem geschäftlichen Ruin entgegenführte. Aus ihren Pressen gingen hauptsächlich Ausgaben der Klassiker hervor, unter anderen ein Livius (1469), von welchem ein Exemplar, 1815, mit nahe an 20000 Mk. bezahlt wurde. Rom war zwar ein Sitz der Gelehrsamkeit, lag aber ausserhalb des grossen Verkehrskreises. In dem Verhältnis, wie sich das Bücherlager von Sweynheim und Pannartz füllte, leerte sich ihre Kasse, und als sie den 5. Band der Bibelerklärungen des Nikolas de Lyra gedruckt hatten, waren sie ganz ohne Mittel. Der Herausgeber des Werkes, ihr Freund der Bischof Andr. Bussi, empfahl sie zwar dringend der Unterstützung des Papstes Sixtus iv. Das Gesuch, welches für die Buchdruckergeschichte deshalb ein besonderes Interesse hat, weil man daraus erfährt, dass die gewöhnliche Auflage eines Buches 275 Exemplare gewesen, von den populären Werken 550, hat jedoch entweder gar keinen oder keinen genügenden Erfolg gehabt und die Vereinigung ward aufgelöst. Sweynheim scheint sich nach der Trennung hauptsächlich mit Schriftschneiderei beschäftigt zu haben und machte auch die ersten Versuche, Landkarten für die Buchdruckerpresse in Kupfer hoch geschnitten herzustellen, um damit die Geographie des Ptolomäus zu drucken, erlebte aber nicht die Vollendung dieses ausgezeichneten Unternehmens, dessen letzte Platten von Arnold Bucking angefertigt wurden. Von Sweynheim hört man nach 1473 nichts mehr. Pannartz druckte bis 1476, um welche Zeit beide Teilnehmer gestorben zu sein scheinen.
Noch vor der Übersiedelung der Genannten nach Rom war Ulrich Han (Gallus) durch den Kardinal Torquemada nach dort berufen worden. Han druckte mit gothischer Schrift das erste Buch mit Holzschnitten in Italien, Torquemadas Meditationes (1467).
Nach VENEDIG kam die Buchdruckerei erst 1469, überflügelte jedoch in dem mächtigen Stapelplatz des Handels, wo zugleich Wissenschaft und Kunst blühten, bald die aller anderen Städte Italiens. Auch hier traten Deutsche als die ersten Buchdrucker auf. Johann von Speyer (Johannes de Spira) druckte 1469 als erstes, zugleich als Musterwerk, Ciceros Briefe. Sehr geschätzt ist auch sein Plinius, von dem ein Exemplar 1781 in Paris für ungefähr 4500 Mk. verkauft wurde. Seine Type nähert sich der Antiqua; in der Interpunktion wendet er Punktum, Kolon und Fragezeichen an. In einer Ausgabe des Tacitus, die jedoch möglicherweise von seinem Nachfolger herrührt, kommen arabische Zahlen als Pagination vor. Seine Verdienste wurden von dem Dogen, Pasquale Malipiero, so hoch geschätzt, dass man ihm das Privilegium als alleinigem Drucker auf venetianischem Territorium erteilte. Von diesem Privilegium, das glücklicherweise für die Verbreitung der Kunst nur ein persönliches war, sollte er jedoch keinen Nutzen ziehen, indem er 1470 starb. Sein Bruder Johann Wendelin von Speyer setzte das Geschäft fort und druckte viele elegante Klassikerausgaben; auch die erste italienische Bibel. Er verband sich mit Johann von Köln (1471-1487), der sich wieder später mit Nikolaus Jenson vereinigte.
Nach dem Erscheinen der Gutenbergschen Bibel war die Kunst in Paris nicht unbeachtet geblieben. Auf direkte Veranlassung des Königs Karl VII. erging am 3. Okt. 1458 eine Ordre an die königlichen Münzmeister, einen erfahrenen Mann nach Mainz zu senden, der die neue Kunst erlernen sollte. Die Wahl fiel auf Nikolaus Jenson, einen geschickten Graveur, dem es auch wirklich gelang, die Kunst sich zu eigen zu machen. Er kehrte jedoch nicht nach Paris zurück, sondern ging nach Venedig, wo er als einer der berühmtesten Buchdrucker von 1470-1481 wirkte. Er erkannte sofort die grosse Verwendbarkeit der Römischen Schrift, dabei jedoch auch die Mängel der vorhandenen Muster. Letztern half er ab, gab der Schrift noch mehr Rundung und brachte die schöne „lateinische Schrift“ zustande, die schnell zur allgemeinen Geltung kam und noch in solcher steht und stehen bleiben wird. Jensons Schrift wurde erst die venetianische genannt; in den italienischen Schriftproben heisst sie lettera antiqua tonda. Die Italiener behielten den Namen Antico. Deutschland und das nördliche Europa benannten sie Antiqua, Frankreich und Holland Romain (auch droit) Romeyn, England Roman.
Um dem Geschmack der Zeit Rechnung zu tragen, schnitt Jenson jedoch auch gothische Schriften, die sich ebenfalls durch ihre Schönheit auszeichnen. Auch eine griechische Schrift, jedoch ohne Versalien, rührt von ihm her. Seine Werke sind alle typographische Meisterstücke. Er starb reich und angesehen im Sept. 1481; selbst der Papst ehrte ihn und verlieh ihm den Titel eines Pfalzgrafen.
Unter den deutschen Buchdruckern in Venedig gehört in die erste Reihe Erhard Ratdolt (1476-1486), der bereits oben unter den Augsburger Buchdruckern genannt wurde; sein „Euklid“ (1482) in gothischer Schrift und reich ornamentiert, gilt als ein Meisterwerk ersten Ranges und verschaffte ihm nach vielen Seiten den ehrenvollsten Ruf. Dieses Werk ist das erste mit mathematischen Figuren ausgestattete. In den Prachtexemplaren davon kommt auch zum erstenmale Golddruck vor. Seinen Kunstsinn zeigte Ratdolt besonders durch Anwendung schön verzierter Initialen, die unter dem Namen litteræ florentes bekannt sind, und durch seine sehr fein in Holzschnitt ausgeführten Randverzierungen. Er war zugleich der erste, der Titelblätter in modernem Sinn allgemein aufnahm. Auch musikalische Werke mit beweglichen Typen führte er aus. Im Jahre 1486 folgte er dem Rufe des Bischofs Johann von Werdenberg und kehrte nach Augsburg zurück, wo er nur bis 1516 wirkte, wenigstens finden sich nach dieser Zeit keine Spuren einer geschäftlichen Thätigkeit.
Noch ist Christoph Valdarfer, der später nach Mailand übersiedelte, zu nennen. In Venedig druckte er noch das Decamerone des Boccaccio, von welchem ein Exemplar im Jahre 1812 nach dem Tode des Herzogs von Roxburgh für 2260 £ Sterl. (über 45000 Mk.) verkauft wurde, die höchste Summe, die je für ein Buch gezahlt wurde.
Am Schluss des Jahrhunderts (1494) ging noch ein typographischer Stern erster Grösse in Venedig auf: Aldus Pius Manutius, dessen Glanz die nächste Periode erfüllt. Zu dieser Zeit waren gegen 150 Druckereien auf einmal in Venedig in Betrieb. Über 3000 Werke hatten bis dahin hier das Licht erblickt. Nimmt man die Auflage eines Werkes durchschnittlich auf nur 300 Exemplare an, und jedes Werk durchschnittlich zu zwei Bänden, so macht dies gegen zwei Millionen Bände.
Das Städtchen FOLIGNO im Kirchenstaate ist durch Zufall zu einer typographischen Rolle gekommen. Johann Numeister, ein Schüler Gutenbergs, suchte sein Glück in Italien und kam auf seiner Reise nach Rom durch Foligno. Ein angesehener Bürger dort, Emilianus de Orfinis, veranlasste ihn (1470), seine Presse in Foligno aufzuschlagen. Im Jahre 1472 erschien seine Prachtausgabe von Dantes Divina commedia. Numeister verwendete anfänglich die römische Schrift, später eine gothische, der Gutenbergschen Bibelschrift ähnliche.
MAILAND und FLORENZ bekamen die ersten Pressen durch Eingeborene. Über die Einführung in Mailand ist viel gestritten worden; es scheint jedoch unzweifelhaft, dass sie durch Philippus de Lavagna (1469) geschah. In Florenz lebte ein Goldschmied, Bernardo Cennini, der mit an Ghibertis berühmten Thüren gearbeitet hatte. Es schmerzte ihn, dass Italien gänzlich von Deutschland in der Buchdruckerkunst abhängig sein sollte. Er studierte deshalb genau die Drucke und Manuskripte und ging nun selbst daran, Stempel, Schriften, Pressen u. s. w. herzustellen, was ihm zwar gelang, jedoch unter solchen Opfern, dass er bald wieder zu drucken aufhören musste. Es scheint, als habe er die griechischen Schriften für den Homer geliefert, womit Demetrius Chalcondylas, ein von Candia ausgewanderter Grieche, im J. 1488 hervortrat[2]. Es dauerte aber nicht lange, dass kunsterfahrene Deutsche nach Florenz kamen, darunter Nikolas von Breslau, der 1477 Bellinis Monte Sancto di Dio druckte, das erste Werk mit Illustrationen in Metallplatten, da Sweynheims Ptolomäus noch nicht erschienen war. Noch bedeutender ist seine Ausgabe von Dante. Die Wirksamkeit der berühmten Familie Giunta gehört der folgenden Periode an.
Nach GENUA kam als erster Drucker Matthias Moravus („aus Olmütz“, 1474), die Schreiber petitionierten jedoch gegen die Konkurrenz und Moravus ging nach Neapel. In SONCINO druckte Abraham Colorito 1488 eine schöne hebräische Bibel mit reichen Ornamenten und Einfassungen. Die erste Offizin Siciliens wurde in MONTREALE bei Palermo 1472 angelegt. In FANO druckte 1514 Gregor Gregorio das erste arabische Buch.
Fünf Jahre nach der Ankunft Sweynheims und Pannartz' in Subiaco war die Kunst überall in Italien und zwar fast nur durch Deutsche eingeführt.
SPANIEN[3]. Obwohl die Gelehrsamkeit und die Wissenschaften in Spanien hoch in Ehren gehalten wurden, so fand die Einführung der Buchdruckerkunst doch verhältnismässig spät statt. Sie geschah dort, wie fast überall, durch Deutsche, die Lehrlinge unter den Eingeborenen ausbildeten, bis diese nach und nach die Plätze der Lehrmeister einnahmen.
Trotz aller inneren Kriege und der Strenge der geistlichen Zensur muss die Buchdruckerkunst doch manche Aufmunterung seitens hochgestellter und wissenschaftlich gebildeter Männer gefunden haben. Früher wurde allgemein die Historia Hispanica des Roderic Sanctius de Arevalo, Erzbischofs von Valencia, als das erste in Spanien gedruckte Werk betrachtet; es stammt jedoch aus den Pressen von Ulrich Han in Rom. Nachdem im J. 1470 VALENCIA eine Universität erhalten hatte, liess die Druckkunst nicht lange auf sich warten. Das älteste dort gedruckte Buch ist mutmasslich die, 1474 erschienene Sammlung von 36 Gedichten zur Ehre der heiligen Jungfrau; 1475 folgten ein Sallust und ein Dictionarium linguæ latinæ in fol.; sämtlich ohne Nennung des Druckers.
Der erste datierte Druck ist eine Biblia sacra in fol. von Lambert Palmert (Palomar), einem Deutschen, begonnen im Febr. 1477, beendigt im März 1478. Von diesem Werk sind nur die vier letzten Blätter in einem Exemplar in den Archiven des Domes zu Valencia entdeckt worden. Wahrscheinlich ist die Auflage nach geistlicher Ordre auf das gründlichste vernichtet. Als Protektor oder Mitarbeiter Palmerts wurde der ausgezeichnete Astronom Alfons Fernandes von Cordova genannt. Palmert druckte bis 1494, um welche Zeit sich nicht wenige deutsche Drucker in Valencia etablierten.
Aus SARAGOSSA findet sich ein, 1475 von Matthias Flander, wahrscheinlich einem fahrenden Buchdrucker, geliefertes Buch: Guidonis de Monte-Rocherii, manipulus curatorum vor. Der erste, fest in Saragossa etablierte deutsche Buchdrucker war Paulus Huros aus Constanz (1485-1499).
In SEVILLA traten die ersten einheimischen Buchdrucker: Anton Martinez, Bartholomäus Segur und Alphons del Puerto zusammenwirkend auf zum Druck eines Sacramentale. 1480 fällt schon der Name Martinez weg; 1482 ist Alphons del Puerto allein zurück. Später folgen mehrere Deutsche, als: Paul von Köln, und Joh. Pegnizer aus Nürnberg. Das Tribunal der Inquisition hatte i. J. 1500 eine eigene Druckerei, aus welcher die Ordonnanzen des Grossinquisitors Didacus Deca hervorgingen.
Aus BARCELONA ist mutmasslich: Th. von Aquino, commentar. in libros ethicor. Aristotelis von Petrus Brunus et Nicolaus Spindeler (1478) das erste Buch. SALAMANCA zeigt trotz seiner berühmten Universität erst zu Ende des xv. Jahrh. Drucke auf.
Unter Basel wurde bereits mitgeteilt, dass Friedr. Biel nach BURGOS ging und dort 1485-1517 druckte. Er war ein sehr tüchtiger und erfahrener Mann.
In dem Kloster auf dem Berge MONSERRAT druckte ein Deutscher Joh. Luschmer in den Jahren 1499-1500, und ging dann nach Deutschland zurück. Madrids Buchdruckergeschichte gehört der folgenden Periode an.
PORTUGAL verdankt den Juden die Einführung, den Deutschen die Fortbildung der Druckerkunst. Die portugiesischen Juden wurden seit jeher von ihren Stammesgenossen als eine Art Aristokratie betrachtet und hatten zu Ende des xv. Jahrhunderts durch ihre Bildung und Wohlhabenheit eine grosse Bedeutung erlangt.
Der Jude Mestre (Magister) Abraham d'Ortas druckte 1484 zu LEIRIA den Almanach. perpetuus ecclesiasticus astronomi Zacubi, den ältesten Druck Portugals. Ob der Sephar Orach Chaim (1485) in Leiria oder in Ixar in Spanien gedruckt wurde, ist wohl nicht ganz zu entscheiden. 1489 druckten die Rabbis Eliezer und Samuel Zorba in Lissabon des Rabbi Mosis Nachmanidis hebräischen Kommentar zum Pentateuch und das Sepher Thephilod (1495). Eliezers Sohn Zacchäus setzte das Geschäft fort.
Um für den Druck christlicher Werke nicht auf Juden angewiesen zu sein, liess die Königin Eleonora, Gemahlin Johanns ii., die Buchdrucker Valentin aus Mähren (Valentin de Moravia oder Valentin Fernandes Allemão) und Nikolaus aus Sachsen nach LISSABON kommen. Valentin wirkte von 1495-1513 und wird servidor e empremidor de sua Alteza genannt. Er nahm durch seine Bildung eine angesehene Stellung ein, ward Sekretär für die lateinische Korrespondenz des Königs, Dom Manuel, und verfasste nach den Berichten des Seefahrers Diego Gomes zwei Schriften über dessen Reisen. Als 1496 das Edikt erschien, nach welchem es jedem Nichtchristen unter Todesstrafe verboten wurde, im Lande sich aufzuhalten, mehrte sich die Arbeit seiner Pressen, auch gaben die umgestalteten Justizverhältnisse, der rasch steigende Handelsverkehr und die Kolonialverwaltung, sowie die rege Missionsthätigkeit für die Kolonien viel zu thun. Eine seiner ersten Arbeiten war die, im Verein mit Nikolaus von Sachsen gedruckte Vita Christi des Karthäusermönches Ludolfo de Sachsonia (1495), welche auf direkte Veranlassung der königlichen Familie unternommen wurde. Nur ein einziges vollständiges Exemplar in der Lissaboner Bibliothek existiert. Unter den vielen Werken Valentins befindet sich eine, von ihm selbst besorgte Übersetzung der Reisen des Marco Polo. Nach 1506 verringert sich seine Thätigkeit und sein Name verschwindet 1513, ohne dass es bekannt ist, ob Tod, Geschäftsaufgabe oder Rückreise Veranlassung gewesen.
Im Jahre 1509 hatte sich Hermann von Kempen (Armão de Campos, Alemã) in Setuval niedergelassen. Später zog er nach Lissabon mit dem Titel empremidor und bombardeyro d'El Rei. Die Bombardiere bildeten eine aus hundert Mann bestehende Leibgarde des Königs, die viele Vorteile, als Freiheit von Steuern, vom Kriegsdienst, von Einquartierung, ausserdem einen nicht geringen Sold hatte. Da hauptsächlich Metallarbeiter, die selbst ihre Munition anfertigen konnten, wozu sie das Rohmaterial erhielten, in diese Garde gewählt wurden, so ist Hermanns Beruf als Schriftgiesser wahrscheinlich bei seiner Aufnahme bestimmend gewesen. Sein Hauptwerk ist das von Garcia de Resende herausgegebene Cancioneiro Geral, ein berühmtes Liederbuch, das die Poesien von 275 höfischen Dichtern enthält. Der Druck ist sauber und geschmackvoll in gothischer Schrift. Von diesem Buch sind nur ganz wenige unverstümmelte Exemplare übrig geblieben. Der König, Dom Fernando, übersandte das in seinem Besitz befindliche dem Stuttgarter Verein der Bücherfreunde behufs einer von Dr. v. Kausler 1846-1849 veranstalteten Ausgabe, welche dieses wichtige Werk der portugiesischen Nation erhalten hat.
Als Valentins Wirksamkeit zu stocken begann, berief der König, Dom Manuel, Jakob Kromberger aus Sevilla nach Lissabon (1508) und verlieh ihm, wie allen fremden Buchdruckern, die sich in Portugal niederlassen wollten, den Titel Ritter des königlichen Hauses. Sie mussten jedoch den Besitz von 2000 Dublonen in Gold nachweisen und Altchristen (christãos velhos) sein.
Ob Johann Gerling, der 1494 in BRAGA druckte, auch auf königliche Veranlassung berufen wurde, oder ob er ein fahrender Buchdrucker war, lässt sich nicht bestimmen. Das von ihm gedruckte Brevier von Braga, seine einzige Leistung, ist deshalb besonders wichtig, weil es die Gebete und Hymnen nach dem Ritus der Mosaraber, einer Christengemeinde, die unter der Maurenherrschaft fast ohne jede Verbindung mit Rom fortbestanden hatte, enthält. Schliesslich siedelte noch im xvi. Jahrhundert Joãs Blavio de Colonia Agrippina (1554) als Hofbuchdrucker nach Lissabon über und druckte (bis 1556) 36 Werke.
Die älteren portugiesischen Drucke gehören zu den grössten bibliographischen Seltenheiten. Unter 739 Inkunabeln der Lissaboner Bibliothek sind nur 4 portugiesische. Die Bibliothek zu Oporto zählt 109 Inkunabeln, davon bloss 2 portugiesische.
Dass FRANKREICH[4], wo die Universität PARIS eine so grosse Anziehungskraft auf die ganze wissenschaftliche Welt ausübte, mit der Einführung der Buchdruckerkunst zurückblieb, muss hauptsächlich den ungünstigen politischen Verhältnissen nach dem Tode Karls vii. und der Thronbesteigung seines grausamen Sohnes Ludwigs xi. zugeschrieben werden, obwohl dieser, nach seiner Art, ein Freund der Wissenschaft war. So begünstigte er unter anderen auch Jean Fouchet von Tours, den bedeutendsten Illuminator damaliger Zeit, dessen Miniaturen in Josephus' „Jüdischen Altertümern“ in ihrer Art unerreicht sind. Dass der König an Schöffer einen Ersatz von 2425 Thaler für sein, von dem Gerichte mit Beschlag belegtes Bücherlager gewährte, zeugt auch von Interesse für die Kunst.
Der Anblick der gedruckten Bücher, die gebotene Möglichkeit, z. B. eine gedruckte Bibel für 50 Kronen kaufen zu können, veranlasste Wilhelm Fichet, Doktor an der berühmten theologischen Fakultät, der sogenannten Sorbonne, den Rektor der Universität Johann Heinlein, nach seinem Geburtsort Stein bei Constanz Johann von Stein genannt, zu bewegen, für die Einführung der Kunst Schritte zu thun. Stein berief demzufolge seinen Landsmann Ulrich Gering aus Constanz nach Paris. Gering, der die Kunst in Mainz gelernt hatte, brachte Martin Crantz von Basel und Michel Friburger von Colmar mit sich und errichtete die erste Buchdruckerei Frankreichs in den Gebäuden der Sorbonne. Das erste Buch, welches dort gedruckt wurde, waren die Briefe von Gasparino di Bergamo (1470), denen später ein rhetorisches Werk Fichets und mehrere Klassikerausgaben mit Kommentaren von Stein folgten. Für diese Werke bediente sich Gering, vielleicht unter dem Einflusse seiner Gönner von der Sorbonne, einer, der römischen Type Jensons ähnlichen Schrift. Als er aber später die Räume der Sorbonne verliess und seine Offizin nach der rue St. Jacques verlegte, nahm er die allgemein beliebte gothische Type an, die man Allemand, oder auch, nach den gebrochenen Ecken, lettres de forme nannte. Die kleinere Schrift, mit der man Schulbücher druckte, wurde nach der: Summa St. Thomæ, einem solchen Buche, lettres de somme genannt. Die grössern Anfangsbuchstaben hiessen lettres cadeaux, die runden Anfangsbuchstaben der Kapitel lettres tourneurs. Die gothische Schrift wurde auch von Peter Kaiser (Caesaris) und Johann Stoll, ebenfalls zwei Deutschen, die sich kaum drei Jahre nach Gering in Paris etabliert hatten, angewendet. Später bildete sich eine halbgothische Schrift aus, bis Jod. Badius 1501 die römische Type wieder einführte, die nun endgültig die herrschende blieb.
Durch das Beispiel mit Schöffers Faktor klug geworden, hatte Gering schon 1474 um Naturalisation nachgesucht, die ihm auch gewährt wurde. Crantz und Friburger gingen 1478 wieder nach Deutschland zurück und Gering nahm später Berthold Remboldt zum Teilnehmer, dessen Virgil so sorgfältig korrigirt war, dass er als fehlerfrei gilt. Ein Meisterwerk ist sein Corpus juris canonici, in fünf Spalten, mit verschiedenen Schriften, rot und schwarz, gedruckt. Gering erwarb sich ein bedeutendes Vermögen und vermachte dasselbe bei seinem Tode (1510) grösstenteils der Sorbonne.
Das erste „französisch“ in Frankreich gedruckte Buch Les grandes chroniques de la France stammt nicht aus Gerings Presse, sondern wurde 1476 von Pasquier Bonhomme gedruckt. Einmal aufgenommen, verbreiteten sich die Buchdruckereien rasch, es sind deren bis zum Jahre 1500 in Paris 66 bekannt.
In LYON führte Bartholomäus Buyer die Kunst (1473) ein. Das erste Werk war das „Compendium“ des Kardinal Lothar. Der eigentliche Drucker war jedoch nicht Buyer, sondern Wilh. Leroy, trotz des französischen Namens wahrscheinlich ein Deutscher (König). Mit dem Jahre 1477 verschwindet dieser Name und kommt erst 1488 wieder zum Vorschein. Einen bedeutenden Platz nimmt Joh. Trechsel ein, der, selbst ein gelehrter Mann, mit einer grossen Zahl von Gelehrten auf dem besten Fusse stand. Seine Tochter Thalie, die eine gelehrte Erziehung, wie es mit den Töchtern der Buchdrucker damaliger Zeit öfters der Fall war, genossen hatte, war mit dem berühmten Buchdrucker Joh. Badius verheiratet, der zusammen mit Joh. Lascaris als Korrektor für Trechsel gewirkt hatte.
Die Druckkunst nahm in Lyon einen sehr schnellen Aufschwung und die Stadt hatte zu Ende des xv. Jahrhunderts schon 50 Buchdruckereien, aus denen gegen 400 Werke hervorgegangen waren. Viele hunderte von Setzern, Druckern und Giessern fanden dort Beschäftigung. Die Mehrzahl der Drucker waren deutschen Ursprungs. Die Papiermühlen produzierten grosse Quantitäten des vortrefflichsten Papiers. Der Buchhandel in der freien Messstadt Lyon war ein sehr bedeutender, welches damals dem Buchhandel das war, was ihm Leipzig heute ist, und mit Ausnahme von Venedig lieferte keine Stadt dem Buchhandel eine grössere Zahl von Büchern. Von dem Nachdruck hielt sie sich nicht frei, namentlich hatte Aldus unter diesem zu leiden.
Nach BORDEAUX brachte Michel Svirler aus Ulm 1486 die Druckerkunst.
In den NIEDERLANDEN druckte wahrscheinlich Dierik Martens[5] 1473 zu AALST in Ostflandern das erste Buch, jedoch noch lange erhielt sich die Anfertigung der Manuskripte neben dem Druck von Büchern, die sich mit ihren rohen, ungeschlachten Holzschnitten nicht mit den prachtvollen Miniaturen messen konnten. Ein Zentralpunkt der Manuskriptmanufaktur war die reiche Handelsstadt BRÜGGE. Kunstlosere Manuskripte wurden zu sehr billigen Preisen hergestellt, während die kostbar ausgestatteten einen hohen Wert behielten. Jacques Raponde erhielt z. B. 500 Goldkronen für La legende dorée, ystorié de belles ystories. Ein Werk mit Miniaturen illustrieren, die sich auf den historischen Inhalt bezogen, nannte man historier, die Bilder selbst hiessen histoires. Eine grosse Stütze fanden die Illuminatoren in dem kunstsinnigen Burgundischen Hofe, namentlich war der mächtige Herzog Philipp der Gute ein grosser Liebhaber, der überall seine Agenten hatte, um seltene Bücher zu erwerben; auch unterstützte er die Umarbeitung älterer Werke in das neuere Französisch. Fraglich ist es sogar, ob er nicht die neue Kunst zuerst in Belgien einführte. Raoul le Fèvre hatte eine Bearbeitung der Iliade: Histoires de Troyes, geschrieben und 1464 dem Herzog ein prachtvolles Exemplar überreicht. Es fand so vielen Beifall, dass die Schreiber und die Illuminatoren nicht genug Exemplare schaffen konnten, und es ist nicht unmöglich, dass das Werk unmittelbar am Hofe des Herzogs gedruckt wurde. Karl der Kühne, der Sohn und Nachfolger Philipps, war zwar auch ein Freund schön ausgestatteter Manuskripte, aber seine kriegerischen Unternehmungen machten es ihm unmöglich, den Künsten des Friedens dieselbe Unterstützung zu gewähren, wie es sein Vater gethan.
In Brügge war ein hervorragendes Mitglied der Künstlergilde, Colard Mansion[6], der Gründer der ersten Presse (1476). Er war als Illuminator, Autor und Drucker thätig und bediente sich in seinen Drucken einer eigentümlichen, nach französischen Handschriften gebildeten, semigothischen Type. Die holländischen Schriften damaliger Zeit waren im ganzen sehr roh. Nur Richard Paff in Deventer zeichnet sich durch eine schöne nationale Schrift (Duits) aus, die den Leistungen des berühmten Schriftschneiders Fleischmann im xviii. Jahrhundert wenig nachsteht.
In DEVENTER entstand auch die Vereinigung der Brüder des gemeinsamen Lebens, welche um die Verbreitung des Sinnes für Bücherwesen und Buchdruckerkunst wesentliche Verdienste sich erworben hat. Zu den Städten, die durch ihre Beteiligung bei dem Bunde der Hansa eine Bedeutung erlangt hatten und wo ein frisches Leben blühte, gehörten die drei Hauptorte Oberyssels: Deventer, Zwolle und Kampen. Namentlich genoss Deventer ein gutes Ansehen.
Hier lebte Gerhard Groote (Gerhardus magnus)[7], geboren 1340 aus einer dortigen Patrizier-Familie. Gerhard bildete sich erst in Paris, dann in Köln aus, trieb scholastische Philosophie, Gottesgelahrtheit und Magie und lehrte in uneigennützigster Weise unter einem ansehnlichen Zulauf. Da fasste er plötzlich den Entschluss der Welt abzuschwören, ohne jedoch in einen geistlichen Orden zu treten, denn er wollte „keine Seele eines Menschen auf seine Verantwortlichkeit nehmen“. Öffentlich verbrannte er seine kostbaren magischen Bücher und nahm ein einfaches Diakonat an, welches ihn berechtigte öffentlich zu lehren.
Seine Hauptaufgabe ward es nun, den, das Volk verdummenden Einfluss der Bettelmönche zu untergraben. Seine Predigten in Deventer und an anderen Orten waren so stark besucht, dass die Kirchen die Menge nicht fassen konnten und er im Freien reden musste. Selbstverständlich war die Wut der Bettelmönche gegen ihn eine grosse, und es gelang ihnen auch, ein Verbot gegen das Predigen Grootes zu erwirken. Dieser unterwarf sich demütig, um durch Übersetzen und Unterweisung der reiferen Jugend zu wirken. Er lehrte seine Schüler Bücher abzuschreiben und damit etwas Geld zu ihrem Unterhalte zu verdienen. Bei der steigenden Arbeit hatte er in Floris Radewynzoon (Florentinus Radewini) eine vortreffliche Stütze. Was dieser mit den Schülern verdiente gab er an Groote ab. „Was hindert uns“ — rief Florentinus einmal aus —, „dass wir und diese Brüder vom guten Willen (fratres bonæ voluntatis) die Früchte unserer Arbeit zusammenlegen und uns als Brüder zu einem frommen gemeinsamen Leben (fratres vitæ communis) verbinden?“
Hiermit war der Gedanke einer freiwilligen Vereinigung ohne klösterliches Gelübde ausgesprochen, um zugunsten der Bildung und der Wissenschaft die Zeit zu verwenden und das Erworbene in eine gemeinschaftliche Kasse niederzulegen, aus welcher die Bedürfnisse aller bestritten wurden. Auch eine gleichmässige Kleidung bezeichnete die Brüder als solche.
Groote selbst sollte die eigentliche Ausbildung der Gesellschaft der Brüder nicht erleben; er starb, indem er liebevoll andere pflegte, an der Pest am 20. Aug. 1384. Die Stiftung in Deventer hob sich mehr und mehr. Florentinus fand in dem gebildeten Gerhard von Zütphen eine wesentliche Hülfe. Andere Städte folgten dem Beispiel Deventers, so Delft und Münster. Der Neid veranlasste Verfolgungen; die Brüder wurden bei dem Papste Martin v. als der Todsünde schuldig, als Mörder und als falsche Propheten denunziert, jedoch freigesprochen, und eine Bulle Eugens iv. aus dem Jahre 1431 bedrohte denjenigen, der dem Wirken der Brüder etwas in den Weg legte, mit dem Banne.
Nach der Erfindung der Buchdruckerkunst nahmen die Brüder, statt des Abschreibens, das Drucken in die Hand und erwarben sich namentlich in Holland, in Westfalen und in den Nordwestmarken Deutschlands grosse Verdienste um die Anlegung von Druckereien. In Deventer, wo die Schule zum Schluss des ersten Drittels des XVI. Jahrhunderts ihre höchste Blüte erreichte, war dies zwar nicht der Fall, vielleicht weil Paffs Druckerei einen ausgezeichneten Rang einnahm, dagegen in Gouda, Brüssel, Löwen, an welchem letzteren Ort die Druckerei jedoch nicht reussierte, sodass die Brüder sich wieder dem Abschreiben zuwendeten[8].
HAARLEM erhielt 1483 seinen ersten Buchdrucker Jakob Bellaert. Nach einem langen Zeitraume, in welchem Haarlem keine Buchdruckerei hatte, associiert sich 1561 Jan van Zuren mit Dirk Volckharts Coornhert zur Errichtung einer solchen. In einem Empfehlungsschreiben an den Rat zu Haarlem vindiziert letzterer der Stadt die Ehre der Erfindung und auch sein Socius erzählt hiervon, jedoch ohne den Namen des Erfinders zu nennen. Zu diesen gesellt sich ein Florentiner Luigi Guicciardini, der sich 1550 in Antwerpen aufhielt und eine Beschreibung der Niederlande herausgab, in der viele Erzählungen von Meermännern und Meerweibern, die in Haarlem gelebt haben, enthalten sind. Auch dieser berichtet, dass die Buchdruckerkunst in Haarlem erfunden sei, lässt jedoch die Wahrheit dahingestellt.
Diese Nachrichten wurden nun oft nachgeschrieben und jeder neue Abdruck als ein neuer Beweis für Haarlem ausgebeutet. Indes wären diese Mythen wahrscheinlich längst vergessen, wäre nicht Hadrianus Junius (Adrian de Jonghe), Doktor und Rektor zu Haarlem, aufs neue als Vertreter der Erfindungsrechte Haarlems aufgetreten und zwar unter genauer Angabe des Namens, Zunamens, der Wohnung des Erfinders und der Jahreszahl der Erfindung. In seinem, auf Veranlassung der Deputation der Stände von Holland geschriebenen Werke: Batavia, das von grossartigen Fabeln wimmelt, erzählt er, dass Laurenz, Johanns Sohn, mit dem Beinamen Koster (Küster), beim Spazierengehen in einem Wäldchen bei Haarlem Buchstaben aus Baumrinde als Spielzeug für seine Enkel geschnitzt habe. Ein zufälliger Abdruck eines solchen Buchstabens veranlasste ihn, der ein Mann von grossem Verstand war, mit seinem Schwiegersohne Thomas Peter weitergehende Entwürfe zu machen und schliesslich die Buchdruckerkunst in optima forma zu erfinden und zu betreiben.
Das Geschäft erweiterte sich und warf reichlichen Gewinn ab. Unter seinen Gehülfen befand sich jedoch ein ungetreuer Diener, „Johannes, wahrscheinlich Faust“. Dieser steckte am Christabend, während der Meister und seine Familie in der Kirche war, die Offizin in den Sack, und fort war er, als man nach den Feiertagen die Druckerei wieder eröffnete. Hadrianus Junius erinnert sich ganz genau, dass ein alter ehrwürdiger Mann mit langen weissen Haaren, Namens Nikolaus Gelius, erzählt habe, wie „er“ sich wieder erinnere, in „seiner“ Jugend von einem gewissen Buchbinder, Cornelius, damals ein Mann von 80 Jahren, die Geschichte gehört zu haben, und dass letzterer, wenn er von dem Räuber erzählte, jedesmal bitterlich geweint habe.
Das ist die Koster-Legende, die so viele Federn in Bewegung gesetzt, so viele Bitterkeit hervorgerufen und Kosters Manen zwei öffentliche Denkmäler eingebracht hat. Die Holländer haben, wie aus dem nächsten Abschnitt hervorgehen wird, so viele wahrhaft grosse Verdienste um die Buchdruckerkunst, die von der ganzen gebildeten Welt freudig anerkannt werden, dass sie ohne Nachteil ihren Koster-Missgriff zugeben können[9].
Nachdem über die Einführung der Kunst in ENGLAND vieles hin und her gestritten worden, kann es jetzt als feststehend betrachtet werden, dass sie im Jahre 1477 durch Caxton stattfand.
William Caxton[10] wurde in der Grafschaft Kent geboren. Da er im Jahre 1438 bei einem der angesehensten Kaufleute der City, Robert Large, in die Lehre kam und eine solche Lehre gewöhnlich sieben Jahre dauerte und mit dem 24. Jahre endigte, so ist, wenn wir diese Zahlen für Caxton gelten lassen, sein Geburtsjahr etwa 1421.