Caxton am Bur-
gundischen Hof.
Das erste eng-
lische Buch.

Nach der Vermählung des Herzogs von Burgund, Karl des Kühnen, mit der Schwester Edwards iv. von England, Margaretha, war es das eifrigste Bemühen der englischen Regierung, die zum Nachteil beider Länder erloschenen Handelstraktate wiederherzustellen. Caxton, der in Brügge lebte, wo die Engländer eine „Nation“ bildeten und eine angesehene Stellung als Geschäftsmann und Gouverneur (etwa Konsul) einnahm, war einer der drei Abgeordneten, die zum Zweck der Unterhandlung nach dem Burgundischen Hoflager gesandt wurden, wo er bald eine persona grata wurde, die namentlich bei der Herzogin so hoch in Gunst stand, dass sie ihn bewog, in ihren Dienst zu treten. In diesem fand Caxton Musse genug, mit litterarischen Arbeiten, denen er stets zugethan gewesen, sich zu beschäftigen. Im Jahre 1469 begann er die Übersetzung des schon erwähnten Buches Raoul le Fèvres: Histoires de Troyes und auch die englische Übersetzung fand, wie das Original, so grossen Beifall, dass Caxton den Entschluss fasste, es durch den Druck vervielfältigen zu lassen. So erschien in den Jahren 1473 bis 1474 im Druck das erste englisch geschriebene Buch: The recuyell of the historyes of Troy, 351 Folio-Seiten. Früher hielt man allgemein dafür, dass dies Buch den Pressen Ulrich Zells in Köln entstamme, doch sprechen viele äussere und innere Zeichen dafür, dass es ein Werk Colard Mansions in Brügge sei. Während des Druckes seiner Übersetzung scheint nun Caxton sich mit der Technik der Buchdruckerkunst vertraut gemacht zu haben und der Entschluss bei ihm gereift zu sein, seinem Vaterlande die Kunst zuzuführen. Nach einer Abwesenheit von 35 Jahren kehrte er nach LONDON zurück, den kostbaren Schatz einer Druckerei-Einrichtung mit sich führend.

Caxtons Thätig-
keit in London.

Das erste Buch von Caxton, welches von ihm mit einem vollständigen Impressum versehen wurde, ist: The dictes and sayings of the philosophers, das im November 1477 erschien. Seine Offizin war in Westminster gelegen, jedoch nicht in der Abtei selbst. 15 Jahre wirkte er noch als Drucker, zugleich als Übersetzer und Bearbeiter eines grossen Teils der von ihm gedruckten Schriften, deren Zahl 94 beträgt inkl. 7 Drucke, die er bereits in Brügge hat ausführen lassen, und 3, die erst nach seinem Tode erschienen. Da unter diesen nicht weniger als 33 Unica sind, zumteil nicht einmal im vollständigen Zustande, so ist anzunehmen, dass die Zahl der Erzeugnisse seiner Pressen eine noch wesentlich grössere gewesen ist. Die umfangreichsten sind: Chaucers Canterbury tales in zwei Auflagen von je 742 und 622 Seiten; Polychronicon, 890 Seiten; The noble history of King Arthur, 862 Seiten; und The golden Legend, 892 Seiten. Letzteres mit vielen Illustrationen versehene Buch, von dem kein vollständiges Exemplar erhalten wurde, muss als Caxtons Hauptwerk betrachtet werden. Die Technik sowohl als die Korrektur seiner Bücher waren höchst mangelhaft und die Holzschnitte sehr untergeordneter Natur, wie überhaupt damals von Kunst und Künstlern in England nicht zu reden war.

Aus dem gesagten geht hervor, dass Caxton nicht einer der begeisterten Jünger Gutenbergs war, wie sie in anderen Ländern in nicht geringer Zahl getroffen wurden, welche die Kunst ihrer selbst wegen liebten. Er war ein praktischer Engländer und Geschäftsmann, der nicht den Wissenschaften Opfer brachte oder seine Ehre in korrekten, geschmackvollen Ausgaben der Klassiker suchte, sondern Bücher druckte, von welchen er einen tüchtigen Absatz und raschen Gewinn hoffen durfte. Kann aus den wenigen Exemplaren, die von seinen vielen Büchern auf die Gegenwart gekommen sind, auf die Aufnutzung geschlossen werden, so hätte er nicht falsch gerechnet. Im ganzen existieren 5-600 Exemplare seiner Druckwerke, die sich fast ausnahmslos in englischen Händen befinden und grösstentheils mit den höchsten Preisen erworben wurden. Für ein nicht vollständiges Exemplar von: The historyes of Troy wurde in der Versteigerung des Herzogs von Roxburgh 1060 £ Sterl. 10 s. über (21000 Mark) gezahlt.

Caxtons Tod.

Caxton starb, geehrt und geachtet, gegen Ende des Jahres 1491. Wenn die Engländer ihn und seine Werke, obwohl sie typographisch auf einer niedrigen Stufe stehen, so hoch halten und im Jahre 1877 sein vierhundertjähriges Jubiläum so glänzend begingen, so zeigten sie damit eine, sie selbst ehrende Dankbarkeit gegen einen Mann, der ihnen die Wohlthaten der Presse, die in keinem anderen Lande sich grösser als in England erwiesen, teilhaft werden liess.

Es erübrigt, einen Blick auf SKANDINAVIEN zu werfen.

„Der gothische Sprachstamm ist eine Lyra, deren Saiten zwischen den österreichischen Alpen und den skandinavischen Bergen gespannt sind, und es lässt sich nicht in Abrede stellen, dass Vieles, dessen Wert nicht hoch genug geschätzt werden kann, von Deutschland kam. Von dort erhielt der Norden die Buchdruckerkunst, von dort die Reformation.“

Die Runen.

Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen im Norden waren in Stein gemeisselte oder in Holz geschnittene Runen. Noch wichtiger für das spätere Kulturleben waren die Sagen und Lieder, die von Mund zu Mund, von Generation zu Generation sich verpflanzten. Selbst nach Einführung des Christentums hatte das neue Alphabet einen harten Kampf mit den Runen zu bestehen und noch im Jahre 1547 kamen Fälle der Benutzung solcher vor.

Dänemark.
Joh. Snell.

Nach DÄNEMARK[11] brachten deutsche Mönche die ersten Bücher. Die Bildung unter der dänischen Geistlichkeit war nicht gross, obwohl die Universität Paris stark von Dänen besucht wurde. Stationarii und librarii hatte Dänemark nicht aufzuweisen. Das erste Buch: eine lateinische Beschreibung der Belagerung von Rhodos, wurde in ODENSE auf der Insel Fühnen im Jahre 1482 von einem fahrenden deutschen Buchdrucker, Johann Snell, gedruckt.

G. van Gehmen.

Im Jahre 1485 druckte Steph. Arendes in Schleswig: Missale Slesvicense. Die Hauptstadt des Reiches, KOPENHAGEN, erhielt erst 1490 eine Offizin durch Godfred van Gehmen van Os, der früher in Gouda in Holland gewirkt haben soll. Nur 19 Bücher können mit Sicherheit als aus seinen Pressen hervorgegangen bezeichnet werden. Das bekannteste darunter ist: Dansk Rimkrönike, welche in den Jahren 1495-1508 viermal aufgelegt wurde und das einzige in dänischer Sprache gedruckte Buch aus dem xv. Jahrhundert ist. Gehmens Type ist eine sehr hübsche und sein Druck ein guter. In RIPEN in Jütland druckte 1504 Matthäus Brand aus Lübeck, der später nach Kopenhagen zog. Ihm folgte Povel Räff, früher Rektor der Universität, der erste Däne, der die Buchdruckerei betrieb.

Schweden.

In SCHWEDEN druckte (1483) der aus Dänemark gekommene Johann Snell das erste Buch: Dialogus creaturum moralizatus. Auf Snell folgte Johann Fabri mit dem Breviarium Strengnense 1494, während Fabris Witwe 1496 das Breviarium Upsalense vollendete. Von da ab tritt eine Unterbrechung von über 50 Jahren ein, in welcher man von der Kunst in Schweden keine Spuren findet.


Auch Ungarn und die Slawischen Länder[12] eigneten sich bald die neue Erfindung an.

Ungarn.

UNGARN stand zur Zeit der Erfindung unter dem Scepter des aufgeklärten und sich für die Wissenschaften sehr interessierenden Königs Matthias Corvinus. Derselbe hatte mit grossen Kosten unter Mitwirkung des bekannten Joh. Regiomontanus seine berühmte Bibliothek einrichten lassen. Wenn auch die Angabe der Bändezahl auf 50000 jedenfalls eine äusserst übertriebene ist, so war sie doch für damalige Zeit eine höchst bedeutende. Berühmt waren auch die vorzüglichen Einbände, die noch heute als grosse Schätze bei den Sammlern gelten.

Der Kanzler Ladislas Gerab berief einen, damals in Italien weilenden deutschen Buchdrucker Andreas Hess nach OFEN, wo er auf Kosten des Königs die Chronica Hungarorum (1473) druckte. Der Typencharakter dieses gut ausgeführten Werkes ist der der Antiqua. Da man von Hess nur noch ein sehr mittelmässiges Buch ohne Datum: Magni Basilii de legendis poetis libellus kennt, so wird man versucht, diesen Druck für einen früheren als die Chronica zu halten.

Unter den Nachfolgern des Matthias schwand die geistige Blüte. Auch die berühmte Bibliothek ging nach und nach zurück und litt durch Vernachlässigung, Diebstahl u. s. w. grosse Verluste, so dass sie bereits sehr von ihrem Glanze heruntergekommen war, bevor die Eroberung Ofens durch den Sultan Soliman den Prächtigen ihr den vollständigen Ruin brachte, indem vieles verwüstet, der Rest nach Konstantinopel geführt wurde, von wo aus später einiges, namentlich als Geschenke der Sultane, nach Wien und Pest zurückkam.

Böhmen.

Auch BÖHMEN und POLEN standen zur Zeit der Erfindung der Kunst auf einer hohen Stufe der Kultur. Prag liess sich in der Aufnahme der Kunst von PILSEN überflügeln, von wo aus schon aus dem Jahre 1475 ein Neues Testament in böhmischer Sprache stammt. Zwar trägt ein Buch, Guido de Colonnas trojanischer Krieg, die Jahreszahl 1468, doch bezieht sich diese wohl nur auf die Zeit der Abfassung des Manuskripts. Die Schriften in diesem Werk sind eben so schön, wie die Ausführung eine liederliche ist. PRAG folgte im Jahre 1478 mit: Statuum utraquestorum articuli. 1488 erschien die erste Bibel in der Landessprache; die zweite, mit Holzschnitten illustriert, wurde 1489 in der kleinen Bergstadt KUTTENBERG durch den gelehrten Martin von Tissnova gedruckt, der später Dekan der philosophischen Fakultät in Prag wurde. An diese Stadt knüpft sich eine der lächerlichsten Gutenberg-Legenden, nach welcher Johann Faust das Licht der Welt in Kuttenberg erblickte, eine Legende, die noch im J. 1840 Verteidiger aus missverstandenem Patriotismus fand. Dieser Faust soll in Prag studiert, in Mainz aber seiner Vaterstadt zu Ehren sich Johann Kuttenberger genannt haben.

Polen.

In KRAKAU, dem Sitz der Wissenschaften und der Kunst in Polen, druckte zuerst Swaybold Frank 1491; er lieferte auch russische Werke. In RUSSLAND soll 1493 in TSCHERNIGOW gedruckt worden sein und zwar Werke in illyrischer Sprache mit cyrillischen Schriften. Diese Schrift, deren sich die Süd- und Ostslawen schon im ix. Jahrh. bedienten, war von dem Bischof Cyrillus und seinem Bruder Methodus erfunden.

Türkei.

Selbst die TÜRKEI, wo die Ausübung der Buchdruckerei durch den Sultan Bajazet ii. 1483 unter Todesstrafe verboten war, hat Drucke aus dem xv. Jahrh. aufzuweisen, die von Juden ausgeführt wurden. Eine hebräische Geschichte des Josephus Ben Gorion trägt das Impressum Konstantinopel 1490.

[1] Nach Charles Fumagalli: Dei primi libri a stampa in Italia. Lugano 1875 soll Cicero vor dem Lactantius von Sweynheim und Pannartz gedruckt sein. — Ed. Frommann: Aufsätze zur Gesch. d. Buchhandels. 2. Heft. Jena 1881.
[2] F. Fantozzi, Notizie di B. Cennini. Florenz 1839.
[3] Francesco Mendez, Tipografia española. 2. Ed. Madrid 1861-66. — J. F. Nee de la Rochelle, Recherches historiques et critiques sur l'établiss. de l'art typographique en Espagne et en Portugal. Paris 1830. — Vincent Salva, Catalogue of Spanish and Portuguese books. 2 vols. London 1826-1829. — Deutsche Buchdrucker des xv. u. xvi. Jahrh. in Portugal (Augsb. Allgem. Zeit. 1878, Nr. 49).
[4] P. Lacroix, E. Fournier et F. Seré, Hist. de l'impr. et des arts et professions, qui se rattachent à la typogr. Avec fig. Paris 1852.
[5] J. de Gand, Recherches sur la vie etc. de Thierry Martens. Aalst 1845. — A. F. van Iseghem, Biogr. de Th. Martens. 2. Ed. Aalst 1856. — J. W. Holtrop, Th. Martens. Haag 1867.
[6] de Praet, Notice sur C. Mansion. Paris 1829. — C. Mansion et les imprimeurs Brugeois du XV siècle. Brügge 1848.
[7] G. H. M. Delprat, Verhandeling over de Broederschap van G. Groote etc. Utrecht 1830. In deutscher Bearbeitung von Dr. G. Mohnike. Leipzig 1840.
[8] Dass die „Brüder des gemeinsamen Lebens“, nach ihren hohen Kopfbedeckungen auch „Kogelherren“ genannt, die früher Gutenbergische Druckerei nach Bechtermünzes Tod erwarben, lasen wir schon S. 35.
[9] G. Meermann, Origines typr. 2 Bde. Haag 1765. Ausserdem eine grosse Anzahl mehr oder weniger wertvoller Parteischriften, deren Aufzählung nur für wenige Leser Interesse haben dürfte.
[10] W. Blades, The biogr. and typogr. of W. Caxton, 2., einfachere Ausg. London 1877. — W. Blades, How to tell a Caxton. London 1870. — Caxton Celebration 1877. London 1877. — F. C. Price, Facsimiles illustrating the labours of W. Caxton. London 1877. — Fast alle Hauptwerke Caxtons sind entweder in typographischen oder in photographischen Reproduktionen erschienen.
[11] C. Nyrop, Bidrag til den danske Boghandels Historie, 2 Bde. Kopenhagen 1870. — G. F. Ursin, Bogtrykkerkunstens Opfindelse og Udvikling. Kopenhagen 1840. — J. H. Schröder, Incunabula artis typ. in Svecia. Upsala 1842.
[12] Ludw. Fischer, König Matthias Corvinus und seine Bibliothek. Wien 1878. — Joh. Németh, Mem. Typographiarum inclyti regni Hungariæ et magn. principatus Transsilvaniæ. Pest 1818. — Jos. Dobrowsky, Über die Einführung und Verbreitung der B. in Böhmen. Prag 1782. (Abhdl. einer Privatgesellsch. V. Bd.) — G. S. Bandtkie, De primis Cracoviæ etc. incunabulis dissert. brevis. Krakau 1812. In polnischer Sprache lieferte Bandtkie mehrere wertvolle Werke über die Typographie Polens.
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