Am 14. November wurde die Tagereise mit einer mittleren Geschwindigkeit von 44 Metern zurückgelegt. Während der Nacht hatte sich Eis zwischen den Fahrzeugen der Flottille gebildet, die als festgefrorenes Ganzes am Ufer lag. Nur für die kleine Jolle war dies gefährlich, denn die scharfen Eisscheiben konnten wie Messer auf ihren straffgespannten Segeltuchrumpf wirken. Die Uferanschwemmungen sind steinhart und geben einen harten, scharrenden, fast klingenden Ton von sich, wenn sie mit den beeisten Stangen in Berührung kommen. Während des Tages wurde jedoch nur eine einzige Treibeisscholle beobachtet, die in dem trüben Wasser kaum zu sehen war. Noch geht der Erdfrost nicht tiefer als ein paar Zentimeter, wodurch gerade an der Uferlinie eigentümliche Leisten, Scheiben und Wülste entstehen, nachdem der darunterliegende lose Schlamm fortgespült worden ist. Doch sobald die Sonne etwas wärmende Kraft erhalten hat, werden sie wieder weich und fallen polternd ins Wasser. Wildgänse sind nicht mehr zu sehen.
In einiger Entfernung von uns standen vier Männer wie Bildsäulen und betrachteten uns. Als wir jedoch näherkamen, nahmen sie Hals über Kopf Reißaus, ihre Habseligkeiten und vier böse Hunde zurücklassend, die uns wohl eine Stunde unter wütendem Bellen verfolgten. Später sahen wir ihre Pferde weiden; auch diese folgten uns am Ufer.
Als es dunkel wurde, mußte Rehim Bai, der eine unserer Cicerones, mit dem Kahne vorausgehen und das Fahrwasser zeigen. Er hatte an einer schrägstehenden Stange eine gewaltige chinesische Papierlaterne, in der eine helleuchtende Öllampe brannte. Er mußte sich ein paar hundert Meter vor uns halten. Ich machte die Kompaßpeilungen an der Laterne ebenso sicher wie bei Tageslicht.
Gleich unterhalb des Lagers Teppe-teschdi passierten wir am Tage darauf die Grenze zwischen den Verwaltungsbezirken Schah-jar und Kutschar. Die Grenze war durch ein kegelförmiges Gebinde von Stangen und Stöcken bezeichnet; östlich davon dürfen nur Kutscharer Hirten ihre Schafe weiden.
In der Nähe von Källälik fanden wir inmitten mehrerer Schafhürden eine außergewöhnlich gut gebaute Lehmhütte. Ein Hund, eine Hühnerschar und einige Lämmer waren die einzigen Geschöpfe, die wir erblickten; aber wir sahen bald, daß die Bewohner die Flucht ergriffen hatten, sowie sich die Fähre an ihrem Ufer gezeigt hatte. Auf dem Herde in der Hütte brannte Feuer unter dem Topfe, und Kleidungsstücke und Werkzeuge lagen umher. Die benachbarten Dickichte wurden durchsucht, aber niemand gefunden. Schließlich zeigte sich von weitem ein Knabe, der nach einer energischen Treibjagd eingefangen wurde. Der Ärmste war aber so furchtsam, daß er nicht dazu vermocht werden konnte, den Mund aufzutun, noch weniger, uns Aufklärungen zu geben. Er zitterte an allen Gliedern und wagte nicht einmal aufzusehen.
Was für phantastische Sagen und Märchen in den Wäldern des Tarim über unsere Fähre und ihre weite Reise wohl in Umlauf sein mochten! Wie oft passierten wir leere, verlassene Hütten, deren Einwohner sich eben erst aus dem Staube gemacht hatten! Was sollten diese einfachen Hirten denken, wenn sie ein solches Ungetüm herannahen sehen, ein ungeheueres Wassertier, das mit nach vorn und hinten ausgestreckten Fühlhörnern lautlos wie ein Tiger schleicht? Viele liefen kopflos davon, als sei ihnen der Böse selbst auf den Fersen, andere blieben in gemessener Entfernung am Waldrande stehen, um zu sehen, was hieraus werden würde, und noch andere liefen außer sich herum, als habe ein Waldgeist sie erschreckt. Doch wie dem auch sei, wenn man die Anlage der Orientalen für Übertreibungen und Aberglauben kennt, kann man davon überzeugt sein, daß in dem Kielwasser unserer Fähre eine ganze Menge Legenden und Geschichten entstanden, die, von der Tradition geschützt, mit der Zeit noch zu einer ungeheuerlichen Erzählung von dem den Tarim hinab erfolgten Siegeszuge des Flußgottes, des Wüstenkönigs oder des Waldgeistes verbessert werden.
Im Lager Chade-dung wurden am 16. November die Führer aus Tschimen entlassen, weil sie die Gegend und die Namen der Wälder hier nicht mehr kannten. Als wir das Lager verließen, hatten wir also keinen anderen Wegweiser als den gewundenen Lauf des Flusses, und es galt, um jeden Preis einen Mann zu finden, der mitkommen wollte. Endlich sahen wir einen Hirtenknaben mit seiner Herde und kamen ihm ziemlich nahe, ehe er uns gewahr wurde; da lief er aber auch schon davon, so schnell ihn seine Beine trugen. Wir mußten ihn jedoch haben, und so wurde wieder eine zeitraubende Treibjagd angestellt, die damit endete, daß er erwischt wurde. Er teilte uns mit, daß die Gegend Sarikbuja heiße und wir weiter unten auf dem linken Ufer noch vor Abend dort ansässige Menschen finden würden. Die Auskunft war richtig, und wir erhielten bald einen kundigen Lotsen.
Jetzt tauen die Eisscheiben, die sich auf den ruhigen Uferlagunen ausbreiten, nicht mehr in der Sonne auf; sie nehmen ungestört an Dicke zu und tragen die Hunde, denen es auf ihren Schwimmtouren oft ordentliche Mühe macht, ein von dünnem Eis eingefaßtes Ufer zu erklimmen. Diese Eisränder werden jetzt sichtlich größer und scheinen stillschweigend übereingekommen zu sein, daß sie eine Brücke über den ganzen Fluß spannen und uns unerbittlich den Weg versperren wollen.
Es wurde jetzt Regel, daß die Fahrt jeden Tag mindestens zwölf Stunden dauerte, und die Papierlaterne half dem Monde abends beim Leuchten. Heute abend loderte in der Ferne ein einsames Feuer am Ufer; es war in Dung-kotan, welchen Punkt ich 1896 berührt hatte und der aus diesem Grunde für die Karte von Bedeutung war. Der hier wohnende Bai Kader erteilte mir manche wichtige Auskunft über die mit der Jahreszeit wechselnden Eigenschaften des Flusses.
Kader erzählte uns auch, daß der Tiger in der Gegend ziemlich häufig vorkomme. Ich kaufte von ihm das schöne Fell einer großen Bestie, die hier vor vierzehn Tagen erlegt worden war. Man erstaunt darüber, daß diese einfachen Waldmenschen mit ihren primitiven Vorderladern es fertig bringen, einem Tiere wie dem Tiger den Garaus zu machen. Ohne List würde es jedoch nicht gehen; denn der Tiger ist zu stark für sie. Er raubt ein Pferd, eine Kuh oder ein Schaf und schleppt seine Beute ins Schilf hinein. Hier frißt er sich satt und läßt den Rest bis auf weiteres liegen, und wenn er seiner Wege geht, benutzt er stets einen ausgetretenen Hirtenpfad. Infolge dieser Eigentümlichkeit wird er Joll-bars (joll = Weg, Steig, bars = Tiger) genannt. Aus der Fährte sieht man, wohin er gegangen ist und von woher man ihn erwarten kann, und an den Resten der Beute erkennt man, ob er zurückzukommen beabsichtigt, wenn er wieder hungrig wird. Dann wird auf dem Wege das Fangeisen oder die Falle (Kappgan oder Tosak) aufgestellt, unter ihr eine 50 Zentimeter tiefe Grube gegraben und das Ganze sorgfältig mit Zweigen, Reisig und Blättern bedeckt. Der Tiger tritt, wenn er Pech hat, in das Eisen und sitzt dann fest. Die Falle ist von Stahl und so schwer, daß der Gefangene sie nur mühsam mitschleppen kann, wenn er sich zurückzieht. Sie loszuwerden ist unmöglich, denn sie packt sehr fest und ist mit scharfen Widerhaken versehen. Die Spur ist sehr deutlich und leicht zu verfolgen, doch die Jäger lassen ihn mindestens eine Woche damit gehen, bevor sie sich ihm zu nahen wagen. Der Tiger, der jetzt der Fähigkeit, sich frei zu bewegen, beraubt ist, kann sich nicht länger Nahrung verschaffen und ist ausgehungert und elend. Er muß die unschuldige Kuh, die er ins Dschungel geschleppt hat, verwünschen und fühlt, wie ihm die Tatze abstirbt. Endlich wagen sich die Männer zu Pferd mit geladenen Flinten an ihn heran und schießen nun gewöhnlich vom Sattel aus, um weniger angreifbar zu sein, wenn der Tiger es mit dem Reste seiner Kraft versuchen sollte, sich auf sie zu stürzen. Der Tiger, dessen Fell ich jetzt kaufte, war ganz erschöpft gewesen, als sich die Jäger bis auf 40 Meter Schußweite an ihn herangewagt hatten, und nach der ersten Kugel, die ihm ins linke Auge ging, hatte er sich auf die Seite gelegt. Doch solchen Respekt hatten sie vor ihm, daß sie ihm vom Sattel herab noch fünf Kugeln gaben, ehe sie sich ihm zu nähern wagten. Man kann sich ihre Befriedigung denken, als sie den ärgsten Feind ihrer Herden getötet hatten.
Der Tosak ist ein sinnreiches Instrument, ein Tellereisen oder richtiger eine Kneifzange, deren beide Bogen mittelst zweier stählerner Federn von großer Spannkraft zum Zusammenklappen gebracht werden. Die Schneiden der beiden Bogen tragen scharfe ineinandergreifende Zähne. Die Federn spannen mit so großer, elastischer Kraft, daß man sich aufs äußerste anstrengen muß, um beide Bogen in die Lage zu bringen, die sie beim Aufstellen der Falle haben müssen. Die Bogen liegen nun an dem Stahlringe und werden einfach durch einen Bindfaden und einige Holzpflöckchen in dieser Lage festgehalten. Der Bindfaden bildet den Durchmesser des Rings; auf ihn muß der Tiger treten, wenn die Zange augenblicklich zusammenklappen und seine Tatze festklemmen soll. Einmal war ein Tiger nur mit den Zehen darin sitzengeblieben, hatte diese abgerissen und war, wenn auch als Krüppel, doch noch entkommen.
Nach dem Lop zu tritt der Tiger häufiger auf, besonders auf dem Südufer; bei Tage zeigt er sich selten, doch nachts streift er geisterhaft auf den Hirtensteigen umher.
Der Tigertöter begleitete uns am 17. nach Ostnordosten. Der Fluß ist schmal und gewunden, und seine nächsten Umgebungen bilden ein Gewirr von Altwassern, Armen, die sich nur während der Hochwasserperiode füllen, und von Uferseen, umgeben von Schilf und Wald. Im großen und ganzen ist meine Karte über den Fluß eine Augenblicksphotographie, denn kein Jahr vergeht, ohne daß neue Arme entstehen, alte Krümmungen verlassen werden und Uferlagunen sich bilden oder austrocknen. Es ist ein unruhiger Fluß; das Land ist flach, und das Bett verändert launenhaft seine Lage.
Nach Sonnenuntergang stieg der Mond rotgelb an einem blauen Himmel auf, der jedoch immer dunklere Schattierungen annahm, während der Mond immer weißer und heller wurde. Gegen diesen Hintergrund stachen die Umrisse der Ufer so scharf ab, als seien sie aus schwarzem Papier ausgeschnitten; alles sah in dem winterlich farblosen Tone, der in der Natur herrschte, kalt und frostig aus. Der Tarim lag blank und glänzend da, und nur um steckengebliebene Treibholzstücke herum war die Strömung zu erkennen. Wenn der Mond tief stand, schien seine Scheibe vom einen Ufer zum anderen zu rollen, je nachdem der Fluß einen Bogen nach rechts oder nach links machte.
Am 18. November trafen wir bei Lämpa-akin die ersten Lopleute. Es war ein Greis mit seinen beiden Söhnen, die in drei Kähnen mit Netzen und anderen Geräten auf dem Wege flußaufwärts waren, um zu fischen. Sie waren ganz verdutzt, als wir sie mitten in einer Biegung überraschten, gewannen es aber nicht über sich, davonzurudern, obgleich dies mit ihren schnellen, leichten Nußschalen eine Kleinigkeit gewesen wäre. Die Jünglinge durften weiterfahren, den Alten aber nahmen wir nach vielem Wenn und Aber mit. Er kannte die Gegend bis in die kleinsten Einzelheiten.
Bei Koral-dung (Wachthügel) wurde auf dem rechten Ufer längere Rast gemacht. Hier ist die Grenze zwischen Kutschar und Lop. Unmittelbar im Süden des Hügels glänzt im Sonnenscheine der Koral-dungning-köll mit grünblauem, kristallhellem Wasser, zur Hälfte mit Eis bedeckt und von Tamariskenhecken und außerordentlich dichten Kamischfeldern umgeben, in denen zahlreiche Tigerspuren von den nächtlichen Wanderungen des schwarzgestreiften Raubtieres Zeugnis ablegen (Abb. 38). Im Sommer werden diese Felder überschwemmt, und der Boden war noch feucht; aber jetzt stehen nur noch die seichten Uferseen voll Wasser. Der Fluß, der von hier an Jumalak-darja (der runde Fluß) genannt wird, zieht sich nach Nordosten, macht aber bald wieder einen Bogen nach Südosten und gleicht einem schmalen Bande zwischen den Schilffeldern (Abb. 39, 41).
Hinter Atschal veränderte er wieder sein Aussehen und schrumpfte auf nur 20 Meter Breite zusammen, war 7 Meter tief und hatte keine Spur von Anschwemmungen. Die Uferterrassen sind steinhart gefroren, und stößt die Fähre dagegen, so ist es, als schramme sie an einem Marmorkai entlang. Hier haben wir rechts den Ufersee Ak-kumning-jugan-köll (der große See im weißen Sande), der zwischen unfruchtbaren Dünen eingebettet liegt und so groß ist, daß die Stimme vom einen Ufer nicht bis zum anderen dringt. Auch am 19. passierten wir eine Reihe Uferseen, und es ist ein charakteristisches Zeichen des Tarim, daß diese immer zahlreicher werden, je mehr er sich dem Lop-nor nähert.
Der Sonnenuntergang rief merkwürdige Beleuchtungen hervor. Die ganze Steppe leuchtete in so intensivem, feurigem Gelb, als wäre das Schilf ringsumher in Brand geraten. Dunkel und schweigend schlängelte sich der Jumalak-darja mit pechschwarzem Wasser durch die Schilfdickichte, in denen der Königstiger hinterlistig versteckt liegt. Es pfeift und knistert in den Eisscheiben, die alle Lagunen bedecken. Manchmal leuchtet es in dem dunkeln Wasser vor uns wie ein Blitz auf, wenn eine vorher unsichtbare Treibeisscholle sich in einem Wasserwirbel querstellt und sich eine glashelle Ecke, in der die Strahlen der untergehenden Sonne sich widerspiegeln und wie in einem Prisma spielen, über die Oberfläche des Wassers erhebt. Kahl und schwarz stehen die Pappelstämme da und strecken ihre knorrigen, dürren Arme über den Fluß hin, noch im Tode seine lebenspendende Flut segnend.
Wieder wurde der Fluß so krumm, daß ich täglich oft ein paar hundert Kompaßpeilungen machen mußte, um alle Bogen auf der Karte eintragen zu können. Wir hatten noch einen Lopmann als Cicerone angestellt, der uns in einer mit Eis bedeckten Lagune im Vorbeifahren einige Fische fing. In derartigen klaren, stillen Wasseransammlungen pflegen die Fische sich gern aufzuhalten. Das Netz wird quer vor der Mündung der Bucht ausgespannt, und es war lustig anzusehen, wie geschickt der Fischer seinen Kahn führte. Im Achter stehend trieb er den Kahn mit dem breitblätterigen Ruder in sausender Fahrt über das Netz hinweg auf das in der Mündung spröde Eis, das unter dem Gewichte des Kahnes brach und dann mit dem Ruder bis ans Binnenende der Bucht zerschlagen wurde. Die Schollen wurden in die Strömung hinausgeschoben und die Fische mit dem Ruder nach dem Netze hingejagt, das dann in den Kahn gezogen wurde. Ist das Eis zu stark, so werden die Fische nur durch Ruderschläge gegen seine Decke aufgescheucht. In den großen Uferseen wird der Fischfang auch im Winter und selbst wenn sie ganz vom Flusse abgeschnürt sind, betrieben.
Am 20. November führte die Richtung des Jumalak-darja auf der letzten Strecke der Tagereise ganz gerade nach Ostnordost. In weiter Ferne entdeckten wir mit dem Fernrohre etwa zehn Männer am Strande, bei denen wir Halt machten. Es waren die Beks der in der Nähe des Flusses liegenden Ortschaften Tograk-mähälläh und Kara-tschumak. Sie teilten uns mit, daß sie von Fu Tai, dem Generalgouverneur von Urumtschi, Befehl erhalten hätten, einem „Tschong mähman“ oder vornehmen Gaste, der den Jarkent-darja herunterfahre, entgegenzukommen. Die Chinesen behielten uns also, wenn auch sehr von weitem, im Auge, und das Gerücht von der Reise auf dem Wasser hatte sich weit verbreitet. Doch niemand wußte, woher wir kamen und wo unsere Reise enden sollte; alle fanden nur, daß wir sehr sonderbare Geschöpfe seien. Mehr als zwei Jahre später fragten mich indische Kaufleute in Ladak, ob ich nichts von einem weißen Manne wüßte, der mehrere Monate lang einen großen Fluß im Norden hinabgesegelt sei; auf dem Indus, erklärten sie, würde eine solche Fahrt unmöglich sein.
Junus Bek, der vornehmste unserer neuen Freunde, erwartete uns seit mehreren Tagen und war schon flußaufwärts geritten, aber wieder umgekehrt, da er von einer Fähre nichts hatte erblicken können.
Ketschik, der Punkt, an dem wir jetzt lagerten, ist von großem Interesse. Der Name bedeutet „Furt“, weil hier die Straße zwischen Kakte und Karaul den Fluß kreuzt, wie gewöhnlich an einer geraden Stelle, wo der Grund keine tiefen Gruben hat. Hier gähnt links ein mächtiges, mit Schlamm gefülltes Bett. Ich erfuhr, daß dieses Bett der frühere Lauf des Tarim gewesen und der Fluß darin mindestens 50 Jahre geströmt habe, da die Greise es schon in ihrer Kindheit gekannt hätten. Vor vier Jahren habe der Fluß seinen Lauf verändert und dieses alte Bett so vollständig verlassen, daß nicht einmal während der Hochwasserperiode ein Tropfen dort hineinlaufe. Der neue Lauf, dessen Wiedervereinigung mit dem alten Bette wir erst nach mehreren Tagen erreichen sollten, zieht sich nach Südosten durch öde Gegenden, wo es früher nur Uferseen gegeben hatte. Es ist eine neue Illustration der Veränderungen der Gewässer dieser Gegenden, die zunehmen, je weiter abwärts wir kommen und je geringer der Fallwinkel des ganzen Tarimbeckens wird. Wenn der Fluß schließlich im Lop-nor-Gebiete selbst in völlig ebenes Terrain übergeht, hört alle Ordnung auf, und eine Karte hat nur während der Zeit ihrer Aufnahme Gültigkeit. Flüsse wie Seen verändern hier ihre Lage und Wassermenge von Jahr zu Jahr, und derjenige, welcher den Lauf des Flusses bis zu seiner Auflösung und Vernichtung mitgelebt hat, versteht, daß auch sein Endpunkt, der Lop-nor, ein wandernder See sein muß, ein See, der periodisch von Norden nach Süden und von Süden nach Norden wandert, ganz wie das Messinggewicht am Ende eines schwingenden Pendels. Das Pendel hier ist der Tarim. Es mag sein, daß die Perioden ein paar hundert Jahre lang sind, aber in der Geschichte der Erde verschwinden sie wie Schwingungen des Sekundenpendels.
Die seltsame Gegend, die wir in den folgenden Tagen durchstreifen sollten, war auch den meisten Eingeborenen ein unbekanntes Land, denn dort hätten sie nichts zu tun, erklärten sie. Doch so viel wußten sie, daß der neue Wasserlauf an einigen Punkten Gefahren und Schwierigkeiten biete, und Junus Bek hatte daher einige Kundschafter mit Kähnen vorausgeschickt, um uns da, wo es aufpassen hieß, zu warnen (Abb. 42).
Der 21. November war unser erster Tag auf dem neuen Flusse, wo die Stromgeschwindigkeit manchmal 100 Meter in der Minute überstieg. Die Beks mit allen ihren Geschenken wurden an Bord verstaut, und vor uns gingen zwei Lopkähne, der eine davon mit vier Ruderern. Dieser sah von hinten prächtig aus, denn er war schmal wie eine Wanne, alle Männer ruderten im Stehen, aber nur der letzte Mann war sichtbar, und die vier Ruder wurden ohne Takt ins Wasser getaucht. Noch wuchs das Schilf ziemlich dicht aber struppig durcheinander und stand in Gürteln und unterbrochenen Feldern. Die Richtung des Bettes ist unbestimmt; große, abgerundete Bogen gibt es nicht, wohl aber kleine, die sozusagen nach dem einzuschlagenden Kurse umhersuchen und tasten. Die Wassermasse teilt sich unaufhörlich um kleine Holme, wo man den verkehrten Weg einschlagen könnte, wenn nicht die Kähne vorausgingen und die Ruderer mit den Rudern sondierten (Abb. 43). Enge Passagen, steckengebliebene Pappelstämme, Anhäufungen von Kamischwurzeln und Reisig, scharfe Ecken und rauschende Stromschnellen halten uns in beständiger Spannung. Daß das Bett sich neugebildet hat, sieht man auch daran, daß hier und dort mitten darin frische Pappeln stehen, die aber zum Tode verurteilt sind. Sie waren so gefährlich und drohend, daß wir das Zelt und das meteorologische Häuschen abnehmen mußten. Rechts hatten wir eine ganze Reihe Seen; der letzte von ihnen heißt Buja-köll und mündet wieder in den Hauptfluß ein; der Vereinigungspunkt bildet ein Labyrinth von kleinen Eilanden.
Hinter dieser Stelle tritt die Tschong-ak-kum, wie die große Sandwüste hier genannt wird, auf. Die Dünen rücken uns auf beiden Seiten immer näher, und der Vegetationsgürtel schrumpft plötzlich zusammen.
Als die Dämmerung hereinbrach, siedelte ich in die Jolle über und folgte dem Geschwader der Lopleute. Mit schwindelnder Fahrt ging es über kleine Wasserfälle, und man befand sich in ununterbrochener Spannung. Als wir in die Sandwüste hineinkamen und auf beiden Seiten hohe Dünen hatten, wurde es Nacht, und wir machten Rast. Die Lopleute hatten Treibholz in ihren Kähnen gesammelt, und bald erhellten zwei schöne Feuer die Wüstenlandschaft und ihren unverhofften Gast, den Jumalak-darja. Der Fluß wird hier auch Tärim, Jangi-darja oder Tschong-darja genannt.
22. November. Der Jumalak-darja fließt nach Südosten; sein vier Jahre altes Bett bohrt sich durch die peripherischen Teile des öden Wüstenmeeres, und die Dünen, die es gewagt haben, sich ihm in den Weg zu stellen, sind von unwiderstehlichen Wassermassen über den Haufen geworfen worden. Der Sand ist ohnmächtig dieser wilden Kraft gegenüber, die, den Fallgesetzen gehorchend, die tausendjährige Wüste durchbricht, sich zwischen den aufgestellten Sandwogen einen Weg bahnt und an ihrer Basis zehrt.
Auf beiden Seiten erheben sich Dünen bis zu 15 Meter Höhe, auf dem rechten Ufer aber, wo der Sand mächtiger ist, ist er oft auch unfruchtbar. Dann und wann passieren wir eine einsame Pappel, während die Tamarisken, diese Kinder des Wüstensandes, recht zahlreich auftreten und schmale Kamischbänder sich meistens an beiden Ufern hinziehen. Es ist merkwürdig, daß die Dünen eine so feste Basis haben können, daß sie aus der Wasserfläche als ganz senkrechte Wand emporsteigen können; dies kommt daher, daß sie unten feucht sind. Höher hinauf ist der Sand ebenso lose wie gewöhnlich; er rieselt in kleinen Furchen an der Düne herunter und bildet da, wo die senkrechte Wand anfängt, kleine Kaskaden und Fälle, und er fährt so lange fort zu rinnen, als er von oben herab Zufuhr erhält; läuft aber das Stundenglas ab, so ist die Düne tot und von Wind und Wellen fortgetragen. Doch unter anderen Formen wird sie wieder auferstehen und ihre rastlose Wanderung fortsetzen. Auch das Wüstenmeer hat sein Leben, das hier ebenso gesetzmäßig pulsiert wie im Schatten der Palmen.
Auf diesen unglaublich öden Ufern sah alles tot aus; keine Menschen, keine Tiere, nicht einmal Raben und Geier, diese Gäste der Einöden. Nur ein „Saldam“ war in einer Pappel zu sehen; es ist eine aus Ästen und Zweigen geflochtene Art Nest, in dem sich der Schütze versteckt, wenn er auf die Antilopen wartet, die bei Sonnenaufgang zur Tränke kommen. Wieder sind wir von Friedhofstille umgeben; kein Gruß dringt aus der Tiefe der Wüste zu uns, nur die Strömung singt dem Sande ihr murmelndes Lied, das auf den Lippen des Tarim bald im Froste erstarren wird.
Dieselbe Strömung führt uns mit jeder verrinnenden Stunde immer tiefer in die Dünen hinein. Mit seltsamen Gefühlen gleitet man in diesem unbekannten Lande, das nicht einmal unsere Lopmänner je besucht hatten, auf dem Wasser dahin. Jetzt, wenn jemals, dienten sie als Avisos. Sie senken die Ruder ins Wasser und verschwinden in der nächsten Biegung, sie sind eine Weile außer Sicht, tauchen aber wieder vor uns auf, sobald sie eine kritische Stelle bemerkt haben. Sie umfahren uns wie Schaluppen eine Fregatte, gehen dann voraus und zeigen das Fahrwasser. Und die schwere Fähre gleitet ruhig den Jumalak-darja hinab. Wunderbar, diese Sandwüste — auf dem Wasser zu durchkreuzen; einst war ich in derselben Wüste aus Mangel an Wasser fast verschmachtet!
Einmal verkündeten die Kahnleute, daß sich der Fluß in fünf Arme teile. Sie führten uns nach demjenigen, den sie für den größten hielten. Das Wasser schäumte weiß zwischen ein paar Reisigholmen; es galt, den rechten Kurs zu halten. Die Fähre glitt in den Durchgang hinein, schrammte auf beiden Seiten, gelangte wieder in offenes Wasser und stieß dort auf Grund. Das Bett war querüber gleichmäßig seicht, aber vorwärts mußten wir, und wir kamen auch über diese Stelle hinweg, dank den wenigen Zentimetern, die das Wasser während des letzten Tages gestiegen war; wäre es um ebensoviel gefallen, so wäre es uns schlimm gegangen. Wie oft streifte der Boden der Fähre unmittelbar über Bänke und Untiefen hin, ohne daß wir es ahnten! Vielleicht oft so dicht, daß nicht ein Blatt Papier dazwischen Raum gefunden hätte. Noch war uns aber der Fluß gewogen, noch führte er uns vorwärts, dem Ziele entgegen.
In einem Tograkhaine, wo wir eine Weile landeten, waren sehr viele Tigerspuren. Wir gingen eine Strecke landein und hielten von Hügeln Ausschau, doch ist es mir nie geglückt, dieses grausame, in seiner imponierenden Kraft dennoch fesselnde Tier zu Gesicht zu bekommen.
Der ganze Jangi-darja oder „neue Fluß“ gibt uns wieder einen Beweis für die Neigung des Flusses, nach rechts zu drängen. Am linken Ufer finden wir, daß das Wasser nach dem Flusse zurückstrebt, am rechten, daß es sich von ihm zu trennen sucht, um das Terrain immer weiter nach rechts hin vorzubereiten. In alten Zeiten ergoß sich der Tarim in den alten, nördlichen See Lop-nor, jetzt mündet der Fluß in den südlichen; diese Verlegung der Mündung war ein Riesenschritt nach rechts.
Während der letzten Tage sahen wir nicht viel Eis; die Strömung war zu reißend, als daß es sich hätte ansetzen können. Doch ging die Temperatur schon gegen 8 Uhr auf −6 Grad herunter. Mit jedem Tage wird der Wettlauf zwischen uns und dem Zufrieren des Flusses immer interessanter. Viele Tage konnten wir nicht mehr vor uns haben, denn die Kälte wurde von Nacht zu Nacht größer. Doch so lange wir die Fähre behalten durften, war es herrlich, und mit Zittern und Zagen dachte ich an den Tag, an welchem wir gezwungen sein würden, uns von unserem gesicherten Heim zu trennen und unsere schwimmende Wohnung im Stiche zu lassen. Wie man das Haus liebt, in dem man lange behaglich gewohnt hat, so würde ich diese Flotte, die uns so treu durch Ostturkestan getragen hatte, vermissen. Ich würde die große Annehmlichkeit vermissen, Tag und Nacht das Lager aufgeschlagen zu wissen, alles fertig und alles bereit zu haben, keine Arbeit zu haben mit Belasten und Abladen, Zeltaufschlagen und Füttern der Karawanentiere. Jeden Augenblick hatte ich die Dunkelkammer zur Verfügung und brauchte nur meine Hand mit einem Becher auszustrecken, um ihn mit süßem, kaltem Wasser gefüllt zurückzuziehen.
Am 23. November hatten wir noch immer 70,7 Kubikmeter Wasser. Es langte also noch, aber das Eis — wann würde dieses uns den Weg abschneiden? Wir wollten vorwärtsgehen, bis wir die Eisfesseln nicht mehr sprengen konnten, und wenn wir dann einfrören, würden wir ins Winterquartier gehen, ein großes Lager anlegen und die Karawane aufsuchen. Landeten wir in einer waldlosen Gegend, so sollte der Rumpf der Fähre Stück für Stück als Brennholz verwendet werden. Die alte, gute Fähre! Es sollte ihr Lohn sein, daß sie uns, nachdem sie uns ans Ziel getragen, auch im Loplande an den Winterabenden Licht und Wärme spendete!