Die Temperatur der Luft und des Wassers war in langsamem, aber stetigem Sinken begriffen, und es war klar, daß der Tag, an welchem das Treibeis seine größten Dimensionen annehmen würde, nicht mehr lange auf sich warten lassen konnte. Die Achterdeckspassagiere ließen sich von der Kälte nicht anfechten. Jetzt hatten sie immer ein größeres Feuer auf dem Herde und hockten in ihren Pelzen um die Glut herum, plaudernd, Märchen erzählend, Kader als Vorleser zuhörend oder Brot backend. Auch die Fährleute wärmten sich dort der Reihe nach ein bißchen, ich aber konnte meinen Schreibtisch nur zwischen langen Kompaßpeilungen verlassen, um ihrem Beispiele zu folgen.
Der Joll-begi versäumte nie, mir alle Namen oder Flußbettveränderungen mitzuteilen, doch heute, 2. November, war er unpäßlich. Er bekam eine Dosis Chinin und hatte sie kaum hinuntergeschluckt, als er auch schon versicherte, er fühle sich bedeutend besser. Die Einbildung tut viel hier auf Erden. Der gute Mann war gewiß ganz einfach seekrank infolge der rasenden Geschwindigkeit unserer heutigen Fahrt.
In der kalten, ruhigen Morgenluft, in welcher der Schall scharf und deutlich weithin über die Wasserflächen getragen wird, hörte es sich an, als würden in der Gegend eine Masse Häuser niedergerissen, denn unausgesetzt stürzten Sandmassen und Erdblöcke, die über Nacht gefroren, in der Sonne aber wieder aufgetaut waren, in den Fluß. Es ging prächtig. Nur einmal fuhren wir fest; es sah eigentümlich aus, als das Wasser plötzlich um die Fähre, die eben noch so schön mit dem Strome trieb, zu kochen und zu schäumen anfing. Es brauchte aber keiner hineinzuspringen, denn da das Vorderende aufgerannt war, drehte sich das ganze Fahrzeug im Kreise und wurde dadurch wieder flott.
Kasim geht wie gewöhnlich voran und unaufhörlich ruft er und warnt vor Untiefen, steckengebliebenem Treibholz, abgestürzten Uferwällen oder anderen kritischen Punkten. Palta führt das Kommando auf der großen Fähre; er ist stets kaltblütig und guter Laune, brüllt aber die Männer im Achter fürchterlich an, wenn ein schnelles Manöver ausgeführt werden muß, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Die anderen setzen blindes Vertrauen in seine Seetüchtigkeit; er hat aber auch mehrere Jahre die Fähre zwischen Lailik und Merket geführt.
Heute durfte keiner schlafen; alle standen mit festgefaßten Stangen spähend da, als ob sie eine Katastrophe erwarteten. Die Strömung ließ ihnen keine Ruhe, und immer schneller ging es den Tarim hinunter.
Ein einziges Mal, in einer scharfen Biegung, in der die Strömung die Fähre mit wilder Hast gegen das Ufer drängte, konnten sie nicht ausweichen. Das schwere Fahrzeug trieb gerade auf das steile Ufer los, und nun galt es, rechtzeitig mit den längsten Stangen das Vorderschiff abzustoßen, die Fähre in einen spitzen Winkel mit dem Ufer zu bringen und sie so zu drehen, daß sie wieder mit der Strömung parallel lag. Doch die Leute kamen nicht mehr dazu; es ging zu schnell, das Vorderende stieß mit aller Kraft auf, und ein paar Purzelbäume waren die Folge. Weiter geschah kein Unglück, nur ein paar Schaufeln Erde fielen auf das Deck. Wir legten jetzt 78 Meter in der Minute zurück.
Von der Walddüne Balik-ölldi (der tote Fisch) an wird die Stromgeschwindigkeit noch größer. Hier hat sich der Fluß auf einer Strecke von zwei Tagereisen seit drei Jahren ein neues Bett gegraben. Das alte, Kona-darja, bleibt trocken und verlassen zur Linken liegen, mit ihm auch der Wald.
In dem neuen Stromlaufe veränderte sich auf einmal der Charakter des Flusses. Er wurde schmal und gerade, und man sah alle Kennzeichen dafür, daß er von der Erosion des Wassers noch nicht genug ausgearbeitet worden war. Die Landschaft war öde, der Boden bestand aus Sand. Das Bett ist außerordentlich scharf markiert. Da wo die Krümmungen das Bett noch nicht haben erweitern können, gleicht es einem engen Korridor, und von den hohen, jähen Ufern stürzen Massen von Sand und ganze Blöcke in den Fluß, so daß es aussieht, als steige am Wasserrande Rauch auf. Wiederholt liefen wir Gefahr, von derartigen Erdrutschen ertränkt zu werden. Wenn je, so hieß es hier aufpassen; es ging mit schwindelnder Fahrt, und wir hatten das Gefühl, als würden wir widerstandslos in einen Strudel hineingerissen; doch es blieb uns nichts weiter übrig, als bereit zu stehen und die Stöße zu parieren.
Nun hörten wir Kasim der großen Fähre ein verzweifeltes Halt zurufen. Der Fluß war nur 20 Meter breit, mitten im Fahrwasser war eine treibende Pappel auf Grund geraten, und auf derselben hatte sich eine solche Masse von Reisig und Schilfwurzeln aufgehäuft, daß das Ganze einen kleinen Holm bildete. Weißschäumend wirbelte das Wasser um den Holm, und wäre die Fähre der Strömung gefolgt, so hätte sie unfehlbar anprallen müssen und wäre dann von der Wucht des Stoßes und dem nachdrängenden Wasser zum Kentern gebracht worden.
Nur 50 Meter trennten uns von der gefährlichen Stelle; die Katastrophe schien unvermeidlich. Die Angst schnürte mir die Kehle zusammen; ich fürchtete, daß in diesen kochenden Strudeln alles verloren gehen könnte, und an Bord herrschte ein entsetzlicher Wirrwarr. Im letzten Augenblick gelang es dem flinken Alim, mit einer Leine an Land zu springen. Das Ufer war sehr steil, und beinahe wäre er in den Strom hinuntergerutscht, faßte aber noch festen Fuß und zog die Leine aus Leibeskräften an, unterstützt von den anderen, die unter dem wilden Ruf „ja Allah“ die Stangen entgegenstemmten. Die Fähre machte kurz vor dem Holme Halt, und die Strömung kochte und wogte um sie herum.
Um Kasim rekognoszieren zu helfen, stieg ich in die Jolle, die ich mitten in der Strömung verankerte, um auch mit dem Strommesser die Geschwindigkeit zu messen. Doch in dem hier herrschenden Sog war dieses Manöver ziemlich gefährlich, ehe man es richtig ausführen konnte. Das erste Mal war ich drauf und dran zu kentern; das Boot war halb voll Wasser und das in Arbeit befindliche Kartenblatt durchweicht. Sowie der Anker Grund gefaßt hatte, legte sich die Jolle so schief, daß die eine Längsseite gegen die Strömung lag; doch nachdem das Ankertau in das Vorderteil gezogen worden war, legte sich das Boot parallel mit ihr, ängstlich wie ein Pendel schwingend. Der Strommesser zeigte 101 Meter in der Minute, welche Geschwindigkeit sich während der ganzen Tagereise nicht verminderte.
Unterdessen gelang es den Männern, den Vordersteven der Fähre von dem gefährlichen Holme abzuhalten, und nun ging es über die schäumende Stromschnelle hinweg. Nachher wurde die Fahrt durch dieses öde Land, wo kein lebendes Wesen an den Ufern zu sein schien, ungehindert fortgesetzt. Nicht weit südlich vom Jangi-darja sollen Jäger dann und wann Spuren von wilden Kamelen finden, doch an den Fluß selbst kommen diese scheuen Wüstentiere niemals.
An dem Masar Ala Kunglei Busrugvar, wo sich einige Hirten aufhielten, erschien es uns passend, die Nacht zu bleiben, um so mehr, als die Männer dem Heiligen dafür danken wollten, daß er uns unbeschädigt über die Stromschnellen hatte kommen lassen.
Die Fähre mitten in der reißenden Drift zum Halten zu bringen, war nicht leicht. Ich landete zuerst mit der Jolle, Alim warf mir eine Leine zu, und dann zog ich die Fähre so dicht ans Ufer, daß er an Land springen und das übrige besorgen konnte (Abb. 36).
Als die Fähre vertäut war, rüttelte das Wasser an ihr; es knackte in ihrem Holzwerke, und um die Jolle herum, die vor dem Vordersteven angebunden war, brodelte weißer Schaum. Es dröhnt von den Jarufern, wo Blöcke herabstürzen, man hört den Sand sausend die Böschungen herunterrutschen, und es knistert in dem Lagerfeuer auf dem kahlen Ufer, sonst aber ist die Gegend friedlich, sogar die Hunde sind zur Ruhe gegangen, denn hier ist nichts anzubellen.
Am 3. November schlängelte sich das Bett mehr, die Fahrt war aber ebenso gut. Es wurde uns nur schwer, in scharfen Buchten mit Gegenströmung glatt durchzukommen. In einer solchen wäre die Jolle beinahe zwischen den beiden Fähren zerquetscht worden, wenn ich sie nicht noch im letzten Augenblick hätte retten können. Morgens früh war eine kleine Wasseransammlung am Ufer mit dünnem, spiegelblankem Eise bedeckt, dem ersten, was wir bisher gesehen. Schließlich passieren wir den Punkt am linken Ufer, wo der Jangi-darja wieder in den Kona-darja mündet; damit wird die Geschwindigkeit des Wassers wieder die gewöhnliche. In Tellpel, dem heutigen Lagerplatze, wohnen neun Hirtenfamilien mit 8000 Schafen.
Die Hirten dieser Gegend bedienen sich des folgenden Fischereigerätes. Es ist ein Netz, das fächerartig in einer dreizinkigen Gabel, die unmittelbar über der Wasserfläche an einer Achse befestigt ist, ausgespannt wird. Das Ganze gleicht einem Fledermausflügel, der mittelst einer Leine unter das Wasser herabgelassen und wieder in die Höhe gezogen werden kann. Wenn der Flügel heruntergelassen und aufgespannt ist, wird der Fisch in die Falle gejagt, und wenn man fühlt, daß er gegen das Netz stößt, schließen sich die Arme der Gabel, das Netz faltet sich wie eine Tüte und wird emporgezogen.
Der Joll-begi war verabschiedet worden; ein Hirt, der in der Geographie des Landes weniger gut als wünschenswert gewesen wäre, bewandert war, hatte uns nur einen Tag begleitet, aber in Tellpel fanden wir einen alten Ehrenmann, der für uns unschätzbar war. Er hieß Mollah Faisullah, war 54 Jahre alt, hatte einen großen weißen Bart und trug eine gewaltige Hornbrille; er war stets heiter und gesprächig und las den Achterdeckpassagieren vor.
Am 4. und 5. November nahm der Fluß wieder einen anderen Charakter an. Er war schmal, hatte ein deutlich ausgearbeitetes Bett und war ziemlich reißend. An beiden Seiten dehnte sich eine unendliche Steppe von gelbem Schilf, aus der einzelne, mit Tamarisken bewachsene Dünen wie Inseln hervortraten. Es war eine Zwischenstufe zwischen einem alten und einem neuen Bette, und tatsächlich sollte es auch erst acht Jahre alt sein. Der Tarim verändert also seine Lage, aber nur auf kurzen Strecken seines Laufes, und es ist interessant zu beobachten, daß wir die alten, verlassenen Flußbettstücke beinahe immer im Norden liegen lassen oder, mit anderen Worten, daß der Fluß nach rechts wandert. Daß an dem neuen Flußbette kein Pappelwald steht, ist natürlich, denn er hat noch nicht aufsprießen können. Doch an den verlassenen Strecken steht er dicht und üppig, obgleich er dort gewöhnlich zum Untergange verdammt ist, wenn das Wasser sich zurückgezogen hat.
Was dazu beitrug, die Einförmigkeit an Bord zu unterbrechen, waren die plötzlichen Einfälle der Hunde. Sie pflegten ins Wasser zu springen, an Land zu schwimmen und dann die Fähre am Ufer ganze Tagereisen zu begleiten. Was sie jedoch nie begreifen lernen konnten, waren die sich regelmäßig wiederholende Topographie des Flusses und seine Erosionsgesetze. Wenn die Fähre an einem konkaven Ufer entlang ging, liefen sie oberhalb des Zeltes nebenher; wenn dann aber die Wassermasse das Bett kreuzte, um am anderen Ufer einen ebensolchen Bogen zu beschreiben, schwammen sie hinüber, um wieder in unserer unmittelbaren Nähe zu sein. Dieses Manöver wiederholte sich überflüssigerweise bei jeder Biegung, und es war unmöglich, ihnen begreiflich zu machen, daß, wenn sie nur warteten, wir bald wieder an ihr Ufer zurückkehren würden. An einigen Tagen kreuzten sie den Fluß zwanzigmal und waren schließlich so erschöpft, daß sie heulten. Jolldasch war lustig anzusehen, wenn er im Wasser plätscherte, nach Atem rang und nach jedem kalten Schluck hustete.
Bei Initschke hatte der Fluß 80,6 Kubikmeter Wasser in der Sekunde, und es war deutlich zu sehen, daß er allmählich stieg — in einer Nacht um 5 Zentimeter. Diese letzte Messung erforderte dreistündige Arbeit bei Laternenschein. Der Fluß war zu breit, als daß wir, wie sonst, ein Tau von Ufer zu Ufer hätten spannen und das Boot an den Messungspunkten daran festbinden können. Die Strömung, die bis zu 86 Meter in der Minute betrug, war auch viel zu reißend, als daß sich das Tau überhaupt hätte hineinbringen lassen. Ich versuchte freilich, damit hinüberzurudern, doch gelang es mir nicht. Statt dessen wurde ein dünner, mit weißen Knoten eingeteilter Bindfaden von Ufer zu Ufer gespannt und an jedem Knoten die Jolle verankert.
In der Nacht auf den 5. November stieg der Fluß noch um 2 Zentimeter. Der Tarim fließt jetzt wieder nach Nordost. Auf einer sandigen Alluvialhalbinsel bei Hässemet-tokai saßen zwölf dunkelgraubraune, fast schwarze Geier, gewaltige, plumpe Vögel, die uns ruhig betrachteten und nur die Köpfe wie Sonnenblumen drehten, während die Fähre um ihre Landzunge herumfuhr. Sie hatten sich hier bei dem Kadaver eines Pferdes zusammengefunden. Die Geier waren entschieden satt; sie saßen in Gruppen in einiger Entfernung von dem Kadaver, schienen zu verdauen und ließen sich von einigen dreisten Raben Gesellschaft leisten. Etwas weiter unten passierten wir wohl 40 Geier, die auf den dürren Zweigen abgestorbener Pappeln thronten; sie saßen wie Höllengeister oder Todesdämonen in dem struppigen Walde da, und die Umgebung paßte gut zu ihrer unheimlichen Erscheinung.
Da war es angenehmer, den endlosen Karawanen der Wildgänse, die noch immer nach Westen zogen und aus Scharen von 80–100 Vögeln bestanden, mit den Blicken zu folgen. Sie fliegen in den feinsten Drachen- oder Pfeilspitzen, von denen gewöhnlich ein Flügel sehr lang und der andere kürzer ist. Stets sieht man an der Spitze einen Führer, der geradeaus fliegt und nie über die einzuschlagende Richtung unschlüssig zu sein scheint, während die Flügel, den Bewegungen des Führers entsprechend, hin und her wogen wie zwei im Winde flatternde Blätter.
Charakteristisch für diesen Teil des Tarimlaufes war auch die Menge des steckengebliebenen Treibholzes und der auf Grund geratenen Pappelstämme. Viele von diesen gehen mit der Zeit unter, andere befinden sich in einem Stadium abnehmender Tragkraft. Nur das eine Ende ist untergegangen, während das andere noch in der Richtung der Strömung liegt und nickend über der Oberfläche auf und nieder steigt. Oft sah ein solcher Pappelstumpf wie eine auf uns zuschwimmende Seeschlange aus. Doch nur das um das Hindernis herum kochende Wasser täuschte das Auge; wir waren es, die sich näherten und darüber hinwegglitten, während der Stumpf wie ein Wasserkobold gegen den Boden der Fähre schlug.
Aus dem Hirtengehöfte Bostan nahmen wir am 6. November einen neuen Cicerone, einen Jäger, mit, aber Mollah Faisullah durfte trotzdem bei uns bleiben, denn er war lustig und heiter und las den anderen vor von den Taten und Leiden der Helden und von sagenhaften Städten mit tausend Toren und tausend Wächtern an jedem Tore. Die Bewohner von Bostan wollten uns Melonen schenken, wir nahmen sie aber nicht an, da solche Delikatessen jetzt nachts gefrieren. Dagegen ließen wir uns einen großen weißen Hahn gefallen, der kaum an Bord gebracht war, als er auch schon auf den alten Hahn losfuhr und ihn über Bord drängte. Da der neue Passagier entschieden alleiniger Herr im Hause sein wollte, mußte mein bisheriger Morgenwecker von Kasim in Obhut genommen werden. Von nun an waren sie die besten Freunde — aus der Ferne; krähte der eine, so antwortete der andere sogleich; es klang ganz ländlich.
In Kara-daschi, dem Lager vom 6. November, waren wir dicht bei dem Punkte, wo wir nach dem gefährlichen Zuge durch die Wüste nördlich vom Kerija-darja im Jahre 1896 zuerst Wasser gefunden hatten.
7. November. Daß wir uns bevölkerten Gegenden näherten, sah man daran, daß hier und da Schilfhütten und sogar Lehmhäuser vorkamen und an den Ufern nicht selten Kähne angebunden lagen. Diese ähnelten immer mehr dem Lop-nor-Typus; sie waren aus einer einzigen Pappel ausgehauene, langgestreckte, schmale Fahrzeuge, die sich von den Lop-nor-Kähnen dadurch unterschieden, daß der Vorderrand in eine Art von durchbohrtem Handgriffe mit einer Leine auslief und das Hinterteil eine kleine Plattform, einen Sitzplatz, bildete (Abb. 37). Das Ruder ist schaufelförmig.
Die Fährleute nahmen einen kleinen Kahn in Beschlag. Alim führte eine förmliche Wasserpantomime auf mit seinen verzweifelten Versuchen, des Bootes Herr zu werden; wie er auch ruderte, er konnte es nicht dazu bringen, gerade vorwärtszugehen, war aber desto öfter nahe daran, zu kentern. Bei Tschong-aral wurde das Boot gegen ein größeres vertauscht. Es war nicht unsere Absicht, den Kahn zu stehlen und so die friedlichen Ufer zu brandschatzen, wir bezahlten ihn vielmehr noch an demselben Abend. Islam und Mollah trieben nun in dem Kahne, und die Flottille hatte sich also um ein Fahrzeug vergrößert.
In der Gegend von Gädschis mündet links ein Arm des Schah-jar-darja (Mus-art), der vom Chan-tengri kommt. Er ist in der Mündung 29 Meter breit, und, soweit das Auge flußaufwärts reicht, sieht es nicht aus, als ob diese Breite sich verminderte. Das Bett war mit stillstehendem Wasser von 78 Zentimeter Durchsichtigkeit gefüllt, während das des Tarim nur bis 4 Zentimeter durchsichtig war. Das Wasser hatte infolgedessen eine herrliche rein blaue Farbe, und die Grenze war ziemlich scharf.
Während ich damit beschäftigt war, den Arm von der Jolle aus zu untersuchen, erschien der Joll-begi von Tschimen, ein alter Mann in veilchenblauem Tschapan. Er brachte Briefe von Nias Hadschi und den Kosaken mit, die uns mitteilten, daß es der Karawane gut gehe.
Bei dem Dorfe Teres erwarteten mich am Ufer eine Menge Geschenke, wie Schafe, Früchte, zwei Kisten Birnen aus Kutschar, eine mit Granatäpfeln, ferner Hasen, Fasanen, Hühner, Eier und Milch, kurz eine willkommene Verstärkung des Proviants. Unser Transportmittel hat vor Kamelen den Vorzug, daß es nie knurrt, wenn man ihm auch noch soviel aufpackt; es geht darum doch ebenso weit und ebenso gut.
Wir lagerten an dem Punkte, wo der Weg von Kara-dasch und Kungartschak-bel nach Tschimen, Schah-jar und Kutschar über den Fluß führt. Es war genau dieselbe Stelle, wo wir 1896 den zugefrorenen Fluß kreuzten. Chalil Bai, der alte Ehrenmann, in dessen Hause ich damals zu Gaste war, kam mir, auf einen Stock gestützt, trotz seiner 73 Jahre entgegen. Es ist stets ein großes Vergnügen, alte Freunde wiederzusehen; es ist ein Band, das wiederangeknüpft wird. Ich saß lange mit dem Alten in gemütlicher Unterhaltung am Feuer.
Während der zwei Rasttage, die wir am Ufer von Tschimen zubrachten, wurde wie gewöhnlich eine astronomische Ortsbestimmung nebst verschiedenen Nacharbeiten ausgeführt und der Fluß gemessen. Hier fand uns Abdurahman, der erste Dschigit aus Kaschgar; er hatte in seiner versiegelten Posttasche lauter gute Nachrichten. Er nahm meine Post und außerdem noch einen hermetisch verlöteten Blechkasten mit Negativen mit nach Kaschgar zurück. Ein neuer Jäger wurde angenommen und ein Vorrat von Öl gekauft, für den Fall, daß nächtliche Fahrten mit Fackeln in Frage kommen würden.
Der 10. November war der erste wirkliche Wintertag. Der Morgen war bitterkalt, feuchter Nebel lag über der Erde und verteilte sich erst unter dem recht scharfen Südwestwinde, der sich jetzt erhob und unsere Fahrt sehr beschleunigte. Der Boden war weiß bereift, und auch die Fähre und die schwarze Kajüte waren weiß. Die Luft war grau und neblig, der Himmel mit Wolken bedeckt, und die ganze Landschaft mit blauweißen, winterkalten Tinten gefärbt.
Noch um 10 Uhr vormittags hatten wir −2 Grad und nachmittags um 5 Uhr wieder −1 Grad; nur fünf Stunden erhob sich die Quecksilbersäule ein wenig über den Nullpunkt. Das waren trübe Aussichten, denn wenn der Fluß jetzt zuzufrieren begann, wurden wir unvermeidlich vor Beendigung der Flußreise vom Eise eingeschlossen. Wir sehnten uns von diesem offenen, kahlen, jedem Wind und Wetter preisgegebenen Tschimen, wo das Brennholz sehr knapp ist, fort. Abdurahman, der Kurier, wurde in dem Kahne über den Fluß gesetzt, sein Pferd schwamm nebenher; ich war herzlich froh, als ich ihn mit der kostbaren Posttasche glücklich auf dem anderen Ufer sah.
Der Bek von Schah-jar, der mit Reitergefolge hierher gekommen war, um mir seine Aufwartung zu machen (Abb. 40), schenkte mir einen Hund, ein junges Tier, das wie ein Fuchs aussah, den Namen Dowlet erhielt und ein komischer vierbeiniger Clown war. Gleich vom ersten Tage an hielt er wütende Wache an Bord und wurde der auserkorene Liebling aller zweibeinigen Passagiere mit Ausnahme des Hahnes.
So lichteten wir denn unsere Anker und glitten fort von denen, die am Ufer standen und uns mit staunenden Blicken nachschauten. Die Flottille bestand jetzt aus vier Fahrzeugen. Da wir jetzt gewöhnlich zwei Wegweiser hatten, mußte der eine mit dem Kahne vorausgehen und Kasim mit der schwer belasteten Proviantfähre hinterdrein fahren. Die Tagereise wurde lang, aber der Wind half schieben. Das offene Bett erstreckte sich in Krümmungen nach Osten. Hier und da berührten wir Wälder auf beiden Seiten, sonst war das ganze Land eine Kamischsteppe mit ausgedehnten Hochwasseranschwemmungen.
Es war schön, an diesem Abend die steifgefrorenen Glieder am Feuer wärmen zu können. Der Sicherheit halber wird jetzt stets ein kleiner Holzvorrat an Bord genommen, falls es dort, wo man lagert, kein Brennholz geben sollte.
Am 11. November passierten wir verschiedene Hirtenlager, und am 12. begann der Uferwald wieder häufig und schön zu werden. Alle geschützten Buchten und Arme waren jetzt morgens überfroren, und manchmal sahen wir kleine Eisscheiben, die sich am Ufer gebildet hatten, auf dem Wasser schwimmen.
Der Fluß heißt hier Ugen oder Ögen, aber auch Terem oder Tarim. Die Kähne haben schon genau dieselbe Form und dasselbe Aussehen wie im Loplande. Mehrere tausend Wildgänse schwebten täglich über unseren Häuptern hinweg. Oft waren die Flügel der Pfeilspitze mehrere hundert Meter lang, und manchmal schien der Führer den anderen um etwa 30 Meter voranzufliegen. Wahrscheinlich waren es die letzten Pilger, die sich durch die Kälte der letzten Tage hatten zum Aufbruch bestimmen lassen. An den Pappeln sitzt kaum noch ein einziges Blatt; sie haben ihr gelbes Herbstgewand abgeworfen und warten auf den Winter.
Am nächsten Tage passierten wir den Punkt, wo der Intschikke-darja von links gerade in einer scharfen Biegung nach Norden einmündet. Es fängt an, im Zelte grimmig kalt zu werden, und ich pflege in der Jolle Platz zu nehmen, um mich ein bißchen der Sonne zu erfreuen. Die Temperatur des Wassers ist jetzt mittags nur 2 Grad über Null, und die langen Stangen haben unten eine Eishülse. In Biegungen, in denen die Südsonne nicht ankommen kann, ist die Uferlinie von einem fußbreiten, höchstens 12 Millimeter dicken Eisrande eingefaßt, der jetzt ein wenig über der Wasserfläche schwebt, die gefallen war, seit er sich gebildet hatte.
Wir mußten im Dunkeln lange nach einem geeigneten Lagerplatze suchen. Islam und Nasar gingen zu Fuß und waren bald außer Sicht. Doch spät abends leuchtete in der Ferne ein Feuer. Sie hatten an einer Uferstelle Halt gemacht, wo eine alte Sattma stand, und nährten nun, ohne Rücksicht auf die Hütte und ihren Besitzer, das Feuer mit dem dürren Holze.
Unsere Tage flossen ruhig, still und einförmig dahin. Das Eintreten des Winters veränderte unsere Lebensweise nur wenig. Es ging nur mehr Brennholz drauf, aber unser Lieferant brummte nicht; es handelte sich bloß darum, im Dunkeln passende Stellen mit trockenem Holze zu finden, denn mit solchen, wo nur junge Bäume wuchsen, war uns wenig gedient. Ich wurde jetzt erst um 6½ Uhr geweckt, und es war wenig angenehm, bei 11–12 Grad Kälte aufzustehen und die eiskalten Kleider anzuziehen. Die Toilette wurde daher mit einer virtuosenhaften Geschwindigkeit abgefertigt, zu der die Gründlichkeit in umgekehrtem Verhältnis stand. War man angekleidet und hatte man um 7 Uhr die ersten meteorologischen Ablesungen gemacht, so war es um so schöner, nach dem Feuer eilen zu können, das in der Morgenkälte lebhaft brannte, nachdem es über Nacht den Boden um sich herum erwärmt hatte. Wenn ich ans Ufer komme, begrüßt mich von allen Seiten ein freundliches, höfliches „Salam aleikum“. Die Männer sitzen dann gewöhnlich beim Frühstück, das aus gekochtem Schaffleisch mit Bouillon, worin Brotstücke schwimmen, und Tee besteht. Auch ich verzehre nun mein Frühstück am Feuer. Darauf werden die gewöhnlichen Ufermessungen vorgenommen, und wenn alles fertig ist und die Lebensgeister wieder angeregt sind, kommandiere ich „Mangele“ (Weiterfahren!), und in einem Augenblick sind die Taue gelöst, die Stangen im Wasser, und die Fähre setzt ihren langen Weg den Tarim hinab fort.
Der Fluß ist glücklicherweise so tief, daß wir nur selten auf Grund stoßen, und in den meisten Fällen können wir uns mit den Stangen wieder flottmachen. Das Achterdeck gewährt einen recht malerischen Anblick. Männer, Schafe, Hühner, Säcke, Kisten durcheinander, und eine Rauchsäule zieht von ihrem Feuer über den Fluß hin, so daß die Fähre von fern wie ein Dampfer aussieht. Dort wird Brot gebacken, meine gewaschene Wäsche an ausgespannten Leinen getrocknet, schmutziges Geschirr abgewaschen und Werkzeuge und Hausgerät angefertigt. Naser war damit beschäftigt, mit dem Beile ein gewaltiges Steuerruder zurechtzuhauen, mittelst dessen man mit der in Gegenströmung geratenen Fähre würde ausbiegen können. Kasim und Kader haben sich in den Besitz zweier Kähne gesetzt, mit denen sie die kleine Fähre manövrieren, wenn die Stangen nicht bis auf den Grund reichen. Wenn der Tag einförmig zu werden beginnt, wird von allen Seiten ein Lied angestimmt, das in dem Schweigen der Wälder recht stimmungsvoll erklingt. Gegen Abend erstirbt jedoch der Gesang. Alle sehnen sich nach dem großen Lagerfeuer, aber wir fahren noch eine ziemliche Weile nach Sonnenuntergang im Mondschein weiter. Keine Feuer leuchten an diesen einsamen Ufern, nur die Reflexe des Mondes folgen geschäftig den Ringeln auf der Wasserfläche, und das Achterdeckfeuer wirft einen matten Schein auf das Schilf am Uferrande.
Wenn ich endlich „Indi toktamiß“ (Anhalten) kommandiere, wird es an Bord lebendig. Im Nu wird die Fähre festgemacht, einige Feuerbrände und alles notwendige Küchengeschirr an Land getragen, in einem gewaltigen Topfe der Asch (Reispudding) mit Fleisch und Gemüse zubereitet und die Kiste mit meinem Service, Tee, Gewürzen und Konserven neben das Feuer gestellt, wo jetzt auch ich mein spätes Mittagessen zu verzehren pflege. Alle Zutaten zum Pudding sind an Bord vorbereitet worden, und es dauert daher auch nicht lange, bis Islam mit der Meldung „Asch taijar“ erscheint. Nicht lange währt es, so legen sich die Männer um das Feuer herum in ihren Pelzen schlafen; solange jenes groß und hoch ist, lassen sie den Pelz vorn offen, doch sobald sie schläfrig werden, hüllen sie sich ganz darin ein und kriechen näher an das verkohlende Feuer heran, das nachts sich selbst überlassen bleibt. Sie schnarchen schon eine gute Weile, ehe ich mit den Tagesaufzeichnungen fertig bin und ihrem Beispiele folgen kann.