Am Anfange unserer Fahrt vom 24. November machte der jetzt von Wald begleitete Tarim ein paar große Bogen und nahm darauf die Form eines ziemlich regelrechten W an. Dann und wann begegneten wir Lopfischern; an Stangen vor ihren provisorischen Hütten sahen wir lange Reihen von zum Trocknen aufgehängten Fischen. Hier und dort hing eine getrocknete Fischhaut an einer Stange am Ufer. Dies bedeutete, daß hier nicht von jedermann gefischt werden durfte und daß der, welcher herkömmlicherweise hier Anspruch auf die Fischereigerechtigkeit erhob, sein Wahrzeichen aufgerichtet hatte.
An einer gefährlichen Stelle hing es an einem Haar, daß wir Schiffbruch gelitten hätten. Es war eine scharfe Biegung, wo die ganze Strömung unmittelbar am Fuße der Erosionsterrasse entlang ging. Eine dadurch unterminierte gewaltige Pappel war über den Fluß gefallen und lag, etwa einen Meter über der Wasserfläche, wagerecht gerade über demjenigen Drittel der Breite, wo die Strömung war (Abb. 44). Die übrigen beiden Drittel nahm ein langsam kreisender Wirbel mit Gegenströmung ein. Ein Lopkahn konnte mit Leichtigkeit unter dem Stamme durchgleiten; wäre aber die Fähre damit in Kollision geraten, so wären Zelt, Kisten und schwarze Kajüte unfehlbar über Bord gefegt worden, und wäre die Fähre dabei in eine schräge Lage gekommen und hätte ihr Oberbau genügenden Widerstand geleistet, so wäre sicher die ganze Herrlichkeit gekentert. Es wäre zu einer Kraftmessung zwischen dem Oberbau und der Pappel gekommen, und der Baum war so massiv, daß er ganz danach aussah, es mit jedem aufnehmen zu können.
Gerade an diesem Punkte ging die große Fähre der Flottille voran und glitt sorglos auf ihrer ruhigen Bahn dahin, ohne an einen Hinterhalt zu denken, als Palta just in dem Augenblicke, da wir in den Sog der Strömung hineintrieben, einen verzweifelten Schrei ausstieß, denn wir hatten nur einige zehn Meter die Pappel wie eine Barriere vor uns. Die Stangen reichten hier nicht bis auf den Grund, weshalb die Männer paarweise zu den neugezimmerten Stoßrudern griffen. Das war ein Geschrei und eine Aufregung! Mit rascher Fahrt trieben wir auf die Pappel zu und sahen, wie ernst die Lage war. Die Strömung bildete gerade an dieser Stelle einen kleinen Wasserfall, und die Geschwindigkeit war so groß, daß ein Schiffbruch das Werk eines Augenblickes hätte sein können. Der Gedanke durchzuckte mich, daß ich wenigstens die fertigen Kartenblätter und die Notizbücher retten müßte, denn bei einem Schiffbruche in diesem Strudel würde alles in der trüben Wassertiefe verloren gehen. Die Leute arbeiteten mit grimmiger Kraft. Islam und der Bek standen vorn, bereit, die Pappel anzupacken und so den Stoß abzuschwächen. Da gelang es den Lailikmännern im letzten Augenblick, die Fähre mit Gewalt aus der Strömung heraus- und in den Wirbel hineinzustoßen, wo sie sich langsam im Kreise drehte und in die Gegenströmung hineinglitt. Natürlich wäre sie wieder nach der Pappel hingetrieben, wenn nicht Alim ins Wasser gesprungen, das nur 1,4 Grad warm war und ihm bis an die Achselhöhlen reichte, und mit einem Tau auf das linke, niedrige Ufer geklettert wäre. Er zog uns dann an der gefährlichen Stelle vorbei.
Während wir uns im Wirbel drehten, sausten Kasim und Kader mit der kleinen Fähre und der Jolle an uns vorbei, ebenfalls gerade auf die Pappel los. Sie führten jetzt ein geschicktes Manöver aus. Sie waren vor dem Ungetüm gewarnt worden und hatten rechtzeitig die Jolle losgemacht, die sie im Vorbeifahren mit einem kräftigen Stoße nach der großen Fähre hintrieben. Mit Hilfe ihrer Ruder war es ihnen gelungen, so dicht an das rechte Ufer heranzukommen, daß Kasim mit einer Leine an Land springen konnte. Die kleine Fähre war indessen schon bei der Pappel angelangt, und es fehlte nicht viel zu einer Havarie, um so mehr als Kasim sich an den Ästen festhalten mußte, um nicht über Bord gefegt zu werden.
Hätte dieses Abenteuer in dunkler Nacht stattgefunden, so wäre das Zufrieren des Flusses an der Unterbrechung der Wasserreise unschuldig gewesen. Doch auch diesmal hatten wir das Glück als Gast an Bord und trieben flußabwärts weiter. Mit jedem Tage stieg die Verwunderung der Lailikmänner. Sie meinten, der Fluß müsse doch einmal ein Ende nehmen, aber er eile immer weiter nach Osten. Es schwindelte ihnen beim Gedanken an die wachsende Entfernung, und sie konnten sich keinen klaren Begriff davon machen. Es war ihnen nur, als sei ihr Haus und Heim in Lailik in weiter Ferne hinter Stürmen und Nebeln, Sandwüsten und undurchdringlichen Wäldern verschwunden.
An Bord war es wieder ruhig, und die Klänge des Symphonions beherrschten bei Sonnenuntergang die Stimmung. Islam brachte mir gerade einen Teller mit frischgekochtem Fisch, der delikat duftete: da ertönten wilde Hilferufe von flußaufwärts, wo Kasim und Kader hinter uns zurückgeblieben waren. Das Geschrei war so durchdringend und angstvoll, daß wir alle bestürzt waren. Ich gab Befehl sofort zu landen, aber die Fähre befand sich mitten auf dem Flusse, und es dauerte eine Weile, ehe die Leute sie ans rechte Ufer bringen konnten. Ich fürchtete, daß einer der Männer am Ertrinken oder schon ertrunken sei.
Sofort nach dem Landen eilten alle Männer durch Schilf und Gestrüpp das Ufer hinauf. Ich sollte unverzüglich Nachricht über das Vorgefallene erhalten. Bald kam einer der Lopmänner mit dem Berichte, daß die Proviantfähre an einem aus dem Flußgrunde aufragenden Baumstumpfe, der kaum bis an die Oberfläche reichte und nicht beachtet worden sei, gekentert sei. Da kein Menschenleben verloren gegangen, war ich wieder beruhigt und verzehrte meine inzwischen kaltgewordene Portion Fisch.
Jetzt folgte ein tragikomisches Schauspiel. Auf der Oberfläche der Strömung kamen viele unserer Sachen in vergnügtem Durcheinander fröhlich angetanzt; ihnen auf den Fersen folgten die Lopkähne, um aufzufischen, was sich noch retten ließe. Da sah man Eimer und Schüsseln, Kisten mit Mehl und Obst, Brotfladen, schwimmenden gelben Seerosen vergleichbar, Stangen, Ruder und andere leichte Dinge. Einige Sachen waren an der Unglücksstelle selbst, wo auch unsere beiden Schafe an Land geschwommen waren, gerettet worden, verschiedenes aber, wie eine Metallaterne, eine Axt, ein Spaten u. dgl., war unwiederbringlich verloren.
Jetzt lagerten wir da, wo wir waren, und Islam und Alim zündeten ein paar gewaltige Feuer an. Erst spät abends, nachdem ich mehrere Stunden in der Dunkelkammer gearbeitet hatte, kehrten die anderen mit den verunglückten Booten und deren klatschnassem Inhalt zurück. Kasim war sehr niedergeschlagen; er habe aber dem Mißgeschicke nicht vorbeugen können. Sie waren in einen Stromwirbel geraten, wo sie einem auf Grund gestoßenen Stamme auszuweichen versucht hatten, und waren darauf von der Strömung unwiderstehlich einem anderen zugetrieben worden, den sie nicht gesehen und vor dem sie sich nicht mehr hatten hüten können. Die Jolle erhielt den ersten Stoß und einen langen Riß an der einen Seite, glücklicherweise über der Wasserlinie. Kader, der nicht schwimmen konnte, hatte sich in die Jolle gerettet, als die Fähre kenterte, Kasim aber schwang sich auf den Stamm und blieb dort, um Hilfe rufend, sitzen, bis der Kahn anlangte. Sie hatten dann nach den verlorenen Sachen gesucht, das Wasser aus der Fähre und der Jolle geschöpft und sich schließlich zu uns begeben, wo Männer und Sachen an den Feuern nach und nach trocken wurden.
25. November. Die „Schang-ja“ oder Beke von Tschong-tograk und Arelisch erwarteten uns heute und hatten ein paar Kähne mitgebracht, so daß unser Geschwader jetzt zehn Fahrzeuge zählte, die in feierlicher Prozession den Fluß hinabglitten (Abb. 45). Die beiden Beke nahmen rechts und links von Palta Platz und halfen beim Rudern, so daß wir jetzt etwas schneller als die Strömung gingen. Meine eine Jollenhälfte wurde zur allgemeinen Heiterkeit von einem ungeübten Schiffer manövriert, während Islam damit beschäftigt war, ein Stück Leder über den Riß der anderen Hälfte zu nähen. Bei Tokkus-kum (neue Dünen) lagerten wir (Abb. 46). Unsere muhammedanischen Freunde glaubten, wenn das Wetter still bleibe, könnten wir die Reise noch 20 Tage fortsetzen; nach einem Buran aber könne der Fluß in einer einzigen Nacht zufrieren. Er gefriere von der Mündung aufwärts, also gegen die Strömung. Sie wollten beobachtet haben, daß das Wasser um so schneller fließe, je kälter es sei, was theoretisch richtig sein mag, für das Auge aber kaum bemerkbar ist.
Am folgenden Tage trieben wir gerade auf die höchsten Partien von Tokkus-kum zu, riesenhafte, außerordentlich imponierende Anhäufungen von gelbem Flugsand. Sie sind ein Ausläufer der großen Wüste, die hier bis an das rechte Ufer des Flusses heranreicht: die Basis der Dünen wird vom Wasser zerfressen und unterwühlt. Es war die gewaltigste Sandanhäufung, die ich gesehen habe. Die Fähre legte am linken Ufer an, und wir ruderten in Kähnen hinüber und erstiegen die losen Abhänge, auf denen man in den Sand einsinkt und mit ihm abrutscht. Endlich erreichten wir doch den Kamm der äußersten Düne, die sich wie eine steile Wand über dem Flusse erhebt. Hier liegt dem Beschauer eine selten großartige Landschaft zu Füßen, und man erstaunt über die eigentümlichen Formen, in welchen die tätigen Kräfte der Erdrinde Gestalt angenommen haben. Wohl bin ich früher durch das Meer der Wüste und über berghohe Dünenkämme gewandert und habe über ihre erstarrten Wogen von Sand und wieder Sand hingeschaut, und nach Süden hin breitete sich auch jetzt eine solche Landschaft aus. Hier aber standen wir an der nördlichsten Grenze der Sandwüste, und zwar an einer so scharfen Grenze, wie man sie nur an den Küsten eines Meeres oder an den Ufern eines Sees findet. Die äußerste Dünenreihe bildet eine Mauer, einen Wall, einen geschweiften Bogen von lauter Sand, der in einem Winkel von 32 Grad unmittelbar nach dem Wasser abstürzte. Die Feuchtigkeit, die das Flußband sowohl in Gestalt reichlicher fallenden Taus wie als mechanisch aufgesogene Nässe begleitet, verleiht hier dem Sande kräftigeren Halt als im Inneren der Wüste; dadurch entsteht das eigentümliche Relief von Einsenkungen, Terrassen und Kegeln, das man auf der Abbildung 46 sieht. Die Erosion an der Basis der Düne verursacht unaufhörlich Sandrutsche; der Sand stürzt hinunter und bildet Kegel. Der fortgeschwemmte Sand lagert sich nicht weit davon ab und bildet Bänke und Anschwemmungen. Wenn man diese Sandmauer von dem gegenüberliegenden linken Ufer betrachtete, sah sie ganz senkrecht aus, und man glaubte, die Männer würden sich den Hals brechen, als sie ungestüm den Abhang hinunterliefen und neue Abstürze und Rutsche des Sandes verursachten. Die Dünen waren hier ungefähr 60 Meter hoch; die Männer oben auf dem Kamme erschienen verschwindend klein.
Die Aussicht über den Fluß war großartig. Tief unter uns schlängelte sich das Wasser wie in einem Kanal und verschwand im Osten in bizarren Bogen. Auf der östlichen Flanke dieser kolossalen Sandanhäufung war die Grenze ebenso scharf; dort setzte ohne jeden Übergang Tograkwald ein, und die Pappeln standen in üppigen Gruppen unmittelbar am Fuße der Ostabhänge der Dünen.
In Al-kattik-tschekke wohnt Bek Istam und mit ihm zehn Familien in Hütten von Stangen und Kamisch (Abb. 47). Die Hütten liegen alle auf einem Haufen, um Kälte, Wind und Sommerhitze möglichst abzuhalten. Die ganze Bevölkerung — etwa 40 Personen, Männer, Weiber und Kinder in schreienden Farben, zerlumpt und häßlich — wurde auf einer Platte verewigt; darunter war ein neunzigjähriger Greis, der vor 60 Jahren vom Kara-köll hierher gekommen war. Er kauerte am Feuer, war blind und klagte darüber, daß er seine Söhne verloren habe und sich jetzt niemand seiner annehme. Er erzählte von den wechselnden Betten des Tarim, aber das Gedächtnis hatte nachgelassen, und seine Angaben waren daher nicht zuverlässig.
Nachdem wir den Fluß gemessen hatten, der jetzt 75,4 Kubikmeter Wasser in der Sekunde führte, fischte Istam Bek in einer mit 4 Zentimeter dickem Eise bedeckten Bucht innerhalb einer Schlammbank. Die Fischerei wurde wie Seite 106 angegeben betrieben, mit dem Unterschiede, daß jetzt zwei Netze benutzt wurden. Das erste wird in die Mündung gelegt, dann wird ein etwa 10 Meter breiter Eisgürtel aufgehauen; an dem neuen Eisrande wird das zweite Netz hinabgesenkt und mit dem ersten verbunden. Das Wasser ist nur einen Meter tief. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß sich die Fische bei dem Lärm in den innersten Teil der Bucht zurückziehen. Nun wird wieder ein Gürtel von 10 Meter Breite aufgehauen und an dem neu entstandenen Eisrande das erste Netz ausgespannt. Dieses Manöver wird so lange wiederholt, bis nur noch der innerste Teil der Bucht freibleibt; es ist dann leicht, alle dort vorhandenen Fische zu fangen. Das Netz wird durch am unteren Rande angebrachte Steine und am oberen befestigte trockene Binsen im Wasser vertikal gehalten. An dem Schwanken dieser Binsen sieht man, wenn ein Fisch sich in den Maschen gefangen hat; dann wird der verdächtige Teil des Netzes behende mit dem Ruder emporgehoben und der Fisch mit einem Knüppel auf den Kopf geschlagen und ins Boot geworfen.
Unsere Tage waren jetzt gezählt, das war sonnenklar; denn wenn sich auch die Temperatur des Wassers bei Tag ein wenig über Null hielt, so war sie doch nachts unter dem Gefrierpunkt, und morgens waren die Fähren eingefroren und mußten erst losgehauen werden. Die Lopleute hatten uns darauf vorbereitet, daß, sobald das erste Treibeis sich zu zeigen anfinge, es nur noch zehn Tage bis zum gänzlichen Zufrieren dauern würde. Mit steigender Spannung erwarteten wir diesen Augenblick. Er trat am 28. November ein. Als ich am Morgen aus dem Zelte kam, fand ich den ganzen Fluß mit porösem, weichem Eisschlamme übersät, kleinen Nadeln und Kristallen, die sich auf dem Grunde, jedenfalls unter der Wasserfläche bilden und sich zu Fladen und Schollen, die auf der Oberfläche oft schneeweiß sind, vereinigen. Dieses Treibeis, welches ein sicheres Anzeichen des nahe bevorstehenden Zufrierens des Flusses ist, wird „Kömul“ oder „Kade“ genannt. Es treibt die Fische aus dem Flusse in die Buchten und die Uferlagunen. Wenn sich Kömul zeigt, weiß man also, wo man mit größter Aussicht auf guten Fang die Netze auslegen muß. Dann sind auch alle Lopleute draußen, um ihren Vorrat für den Winter einzusammeln.
Der Morgen war düster und kalt und der Himmel umwölkt. Mit Beilen und Brechstangen wurden die Boote aus ihren nächtlichen Banden befreit, doch sie hatten an der Wasserlinie einen Eisrand, der den ganzen Tag sitzenblieb. Um ihre Kähne zu schützen, ziehen die Lopmänner sie nachts aufs Land. Alles ist gefroren; unsere Seile sind hart wie Holz, und der Strommesser steckt in einer Eishülse, die vor der Benutzung aufgetaut werden muß. Wir heizten vorn und im Achter und froren trotzdem, aber die Leute waren guten Mutes und sangen den ganzen Tag; ich argwöhne, daß die Männer von Lailik gar nichts gegen das Einfrieren hatten, für sie bedeutete es ja, daß die Reise zu Ende war und sie wieder nach Hause zurückkehren konnten.
Wir schoben die Fähre in das Treibeis hinaus und folgten seinen tanzenden Schollen. Das Beobachten ihrer Bewegungen bot eine Abwechslung, ein neues Interesse für die Besatzung. Wie die Fähre waren auch die Schollen gehorsame Sklaven der Launen der Strömung. Sie wurden in die Stromfurche hineingezogen, wo sie stets am zahlreichsten waren; sie gerieten in Wirbel hinein, wo sie sich im Kreise drehten, bis es dort so voll wurde, daß einige wieder in die Strömung hinausgedrängt wurden; sie blieben stecken, wo Bänke unmittelbar unter der Oberfläche lagen, und sie sagten uns oft, nach welcher Richtung die Fähre gesteuert werden müsse. Munter, kleinen Inseln gleich, trieben sie den Fluß hinab, mit einem schnarrenden Geräusche schlugen sie gegeneinander, sie stießen gegen unsere Boote, zerschellten, taten sich wieder zusammen, trieben gegen die Ufer und drehten sich dort wieder im Kreise. Das Treibeis nahm jedoch im Laufe des Tages ab; um 1 Uhr war der größte Teil verschwunden, und um 4 Uhr sahen wir keine einzige Scholle mehr. Wir hatten jedoch die erste Warnung erhalten; in zehn Tagen würde der Fluß zugefroren sein.
Während dieser Tagesfahrt war der Tarim außergewöhnlich launenhaft. Er erstreckte sich erst auf vielversprechende Weise nach Nordosten, dann aber machte er ganz unerwartet einen Bogen nach links, bis er auch am linken Ufer auf mächtigen Sand stieß, der ihn zwang, sich in tollen Krümmungen nach Nordnordosten zu wenden.
In der Gegend Siwa rasteten wir des Flußmessens wegen eine Weile. Vermutlich war es das letzte Mal, daß ich diese Arbeit nach der alten Methode ausführen konnte, denn die kleine Jolle, welche die Muhammedaner Kagas-kemi, das Papierboot, nannten, vertrug es nicht, zuviel mit dem Treibeise in Berührung zu kommen. Die Messung ergab 72,45 Kubikmeter Wasser. Stellt man unter Berücksichtigung der vom Hochwasser stehengebliebenen Anzeichen eine annähernde Berechnung an, so findet man, daß der Fluß hier in der Hochwasserperiode mindestens 173 Kubikmeter in der Sekunde führen muß.
29. November. An diesem Morgen hatte der Winter wieder einen großen Schritt vorwärts gemacht. Die Kälte stieg jetzt nachts bis auf −16 Grad, und das Wasserthermometer zeigte null Grad. Der Fluß sah seltsam fremd aus; seine Oberfläche war so mit weißen Treibeisschollen belastet, daß man glauben konnte, er sei über Nacht zugefroren und dann mit einer dicken Schneeschicht bedeckt worden. So schlimm war es jedoch nicht. Die weiße Masse war in unausgesetzter Bewegung wie eine rotierende Stufenbahn; es war wieder „Kade“ oder „Kömul“, das von Tag zu Tag mehr und größer wurde. Stand man am Ufer und fixierte diesen vorbeieilenden, weißglänzenden Streifen, so schwindelte es einem vor den Augen, bis der Streifen unbeweglich erschien, während man anscheinend selbst den Fluß hinabglitt.
Wir hatten am Abend vorher einen sehr unglücklichen Lagerplatz gewählt, eine kleine Bucht, die am Morgen so fest zugefroren war, daß man ungehindert um die Boote herumspazieren konnte. Es dauerte infolgedessen eine ziemliche Zeit, bis ein Kanal in dem Eise nach dem Flusse hinaus aufgehauen war. An dem äußeren Rande der Eisscheibe leckte die Strömung, die auf ihm einen ganzen Wall von Treibeis auftürmte, der kreideweiß glänzte wie Schnee. Die Eisschollen waren größer und kompakter als gestern und wenn sie aneinander stießen, klirrte es wie zerbrochenes Porzellan. Auf der ganzen Fahrt klang es heute um uns herum wie das Glockenspiel einer fernen Kirche, und Millionen von Eiskristallen funkelten und spielten wie Diamanten im Sonnenschein. Das ununterbrochene Sausen und Pfeifen, das durch das Schmelzen der Eisnadeln entstand, und der blendende Lichtschein, der von ihnen ausging, wirkten betäubend, fast hypnotisierend auf die Sinne.
Betrachtet man das „Kade“ genauer, so findet man, daß es aus lauter kleinen, außerordentlich dünnen, zusammengeballten Schuppen und Nadeln von Eis besteht, die nur da, wo sie sich über die Wasserfläche erheben, schneeweiß werden, unter dem Wasser aber dieselbe Farbe haben wie dieses. Die aus diesem leichten, wassergetränkten Materiale bestehenden Treibeisschollen haben selten mehr als einen Meter Durchmesser und eine runde Form, was von ihrem unaufhörlichen Reiben aneinander und an den Ufern kommt. Aus demselben Grunde trägt jede Scholle an der Peripherie einen etwa 10 Zentimeter hohen Wall, der weiß glänzt, während das Innere in der Höhe des Wasserspiegels eine gleichmäßige, blaugraue Fläche bildet und nach und nach zu einem festeren Fladen zusammenfriert.
Wir sind von zahllosen weißen Ringen umgeben, den Grabkränzen des Flusses, welche verkünden, daß er bald unter seinem kalten Leichentuche zur Ruhe gehen wird (Abb. 48). Wie wir monatelang das Leben des Tarim mitgelebt haben, werden wir auch an seinem Begräbnis teilnehmen.
Auch heute zehrte die Sonne energisch an den Eiskränzen, aber noch um 12 Uhr war die halbe Oberfläche des Flusses mit Treibeis bedeckt, und es verschwand nicht mehr; es fuhr fort zu schwimmen, wenn auch in gelichteteren Reihen.
Der Fluß hat hier dieselben Charakterzüge wie der Jarkent-darja unterhalb Lailik; die großen, breiten Alluvialhalbinseln und Holme treten wieder auf, das Bett ist breit und wird von kräftigen Erosionsterrassen, auf denen dichter, alter Wald steht, eingeschlossen.
Ansasch-kum ist eine hohe, unfruchtbare Sandpartie am rechten Ufer, so genannt nach einem alten, längst verstorbenen Pavan, der diese Düne zu besteigen pflegte, um nach Antilopen und wilden Kamelen auszuschauen. Letztere, die sich jetzt nie an den Ufern des Tarim zeigen, waren früher dann und wann durch die Wüste an den Fluß gekommen. Die Hirten in den Wäldern des Tarim haben keine Kenntnis von dem Vorhandensein des wilden Kamels; nur wenn man sie danach fragt, pflegen sie manchmal zu antworten, sie hätten gehört, daß es tief drinnen in der Wüste ein solches Tier gebe.
Wohl eine Stunde trieben wir im Dunkeln bei Laternenschein, aber es gab ein nervenangreifendes Rufen und Schreien bei jeder Bank und jeder Untiefe. Als ich abends am Schreibtisch die Aufzeichnungen für den Tag machte, prallte jede vorbeitreibende Scholle gegen die Fähre, die dabei jedesmal knackte und erschüttert wurde.
Längs der Ufer hat das feste Zufrieren endgültig begonnen, und die Eisränder nehmen täglich an Breite zu. Sie beschränken jedoch ihr Gebiet einstweilen noch auf stille Ufer, an denen keine Strömung entlang geht, oder auf Anhäufungen von im Flußbett steckengebliebenem Treibholz und Reisig.
30. November. Das Treibeis fuhr die ganze Nacht fort, gegen die Fähre zu klirren und zu scheuern, aber es störte mich nicht in meinem ruhigen Schlafe. Der Fluß war kaum zur Hälfte damit bedeckt, und merkwürdigerweise verschwand es größtenteils, obgleich der Himmel bewölkt war und die Einwirkung der Sonne also fehlte. Der Tarim strömte außergewöhnlich schnell dahin; wir machten eine lange Fahrt und hatten zur Rechten immerfort den hohen Sand, der einer Bergkette glich, deren Formen an die nordtibetischen Ketten erinnerten. Menschen waren nicht zu sehen, auch kein Rauch, nur einige aufgerichtete Stangen, auf denen ein Pavan geschossene Antilopen aufzuhängen pflegt, um sie vor den Raubtieren zu schützen. Ein Fasan, ein Falke und einige Raben waren das einzige Leben, das wir bemerkten. Wildenten und Gänse sind schon längst spurlos verschwunden.
Ich arbeitete täglich 14 Stunden von 6½ Uhr an, zu welcher Zeit das erste Kohlenbecken ins Zelt gebracht wird. Das Frühstück, gekochter Fisch, wird erst gegessen, wenn wir wieder abgestoßen haben, und auch das Mittagmahl wird an Bord serviert, weil das Geschirr dort nahe bei der Hand ist und die Landungsplätze in der Dunkelheit nicht immer leicht zugänglich sind. Die Zeit war jetzt so kostbar, daß keine Minute verloren gehen durfte. Mein „Friseur“ Islam mußte mir sogar am Schreibtische die Haare schneiden.
1. Dezember. Der Tarim verändert seinen Charakter nicht. Er fließt in weitem Bogen nach Nordosten, von üppigem Wald begleitet, hinter welchem der gelbe Sand noch mächtiger zu werden scheint. Der Wasserstand ist derselbe geblieben. Wir gingen in einer Biegung an Land und machten von der Höhe des Sandes aus ein paar photographische Aufnahmen, von denen eine hier (Abb. 49) beigefügt ist. Der Unterschied zwischen den verschiedenen Teilen des Flusses tritt hier schärfer als je hervor. Das eigentliche Strombett ist grau und reich an weißen Eisringen; die Lagunen an den Seiten und innerhalb der Schlammablagerungen sind klar grünblau und mit 10 Zentimeter dickem, glashellem Eis bedeckt, das knackt und klingt, wenn man darauf geht. Im Südosten verliert sich der Blick in unendlich weite Ferne über unzählige Dünenkämme, und auch im Nordwesten zieht sich ein Sandgürtel hin, der jedoch nicht besonders umfangreich sein kann. Zwischen diesen beiden Gebieten erreicht die Breite des Vegetationsgürtels höchstens zwei Kilometer, obwohl einzelne Tamarisken sich hie und da ein wenig weiter fort vom Ufer verirren. Unmittelbar am Flusse hat das Ufer gewöhnlich einen Schilfrand.
Ich wurde in aller Frühe von einem gewaltigen Knattern gegen den Boden der Fähre geweckt; es war das aufsteigende „Kade“. Es steigt fast gleichzeitig mit der aufgehenden Sonne; nachts ist es nicht zu sehen. Wenn man frühmorgens mit einer Stange auf dem Grunde entlang fährt, ist dieser hart und glatt wie Eis, später am Tage aber fühlt er sich weich und uneben wie gewöhnlicher Sand an. Dann ist das Kade bereits hochgegangen. Wenn das Treibeis an den Seiten der Fähre entlang schrammte, klang es ungefähr, als ob man mit einer Zuckerschneidemaschine Zucker zerkleinerte. Anfangs waren die Hunde auf diese neue, unerklärliche Erscheinung wütend und bellten die unschuldigen Eisschollen ohne Unterschied an, bald aber gewöhnten sie sich daran und liefen, als diese zahlreicher und dichter geworden, sogar auf ihnen an Land.
Oft werden wir von dem Treibeise gewarnt. Es geht ebenso tief wie die Fähre und bleibt selbst stehen, häuft sich an, knattert und kracht, sobald das Wasser nicht tief genug ist. Die Lopmänner behaupteten, das Kade erhöhe die Geschwindigkeit des Wassers, was ich jedoch bezweifle, da diese ewigen Kollisionen eher die entgegengesetzte Wirkung haben müssen.
Am 2. Dezember legten wir bei einer Geschwindigkeit von 66 Zentimeter in der Sekunde 23,17 Kilometer zurück, und die Windungen waren so unbedeutend, daß die Luftlinie nicht viel kürzer sein dürfte. Der Fluß stieg über Nacht ein wenig, aber das Wasser war noch immer ebenso trübe, was wohl zu einem nicht geringen Teile der auf dem Grunde vor sich gehenden Eisbildung zugeschrieben werden muß. Die äußerste Dünenwand des Sandmeeres tritt etwas zurück und ist schließlich nicht mehr zu sehen. Uferlagunen kommen noch immer vor; sie stehen mit dem Flusse durch einen schmalen Kanal in Verbindung, aber die Mündung des Kanals ist jetzt verstopft, so daß die dem Kade entflohenen Fische in einer Falle sitzen. Die kleinen Seen sind beinahe immer nach ihren Besitzern genannt, die hier allein das Fischrecht haben.
Zur Linken war es jetzt nicht weit nach dem früher von mir besuchten Tarimarme Ugen-darja, den mächtige Wälder umgeben. Das nördliche Sandgebiet hat auch aufgehört, und die Waldgebiete beider Flüsse bilden jetzt eine zusammenhängende Waldgegend.
Eine schwache Brise genügte, um die Kälte fühlbar zu machen; die über dem Kohlenbecken erwärmte Luft wurde fortgetragen, und die Tinte gefror unaufhörlich in der Feder. Den Himmel bedeckten dichte Wolken, die wie Tücher über der Erde lagen, ohne eine Schneeflocke von sich zu geben. Abends aber glänzte die Sonne wie eine Kugel von glühendem Golde unter diesem düsteren Thronhimmel hervor, und ihre Strahlen erzeugten großartige Lichtwirkungen. Die ganze Lufthülle schien wie ein brennbares Gas Feuer gefangen zu haben; die Schilffelder leuchteten purpurn, die Pappeln breiteten ihre Zweige wie geöffnete Arme aus und schienen sich an dem Abschiedskusse der untergehenden Sonne zu berauschen, und die untersten Teile des Himmels glänzten in intensiv violetten Schattierungen. Das schöne Schauspiel währte jedoch nur einige Minuten, dann kam die Dämmerung und hüllte alles in ihren gedämpften, eisengrauen Ton ein, und die Schilfstauden, die eben noch ihre langen Speere wie eine Leibgarde zu Fuß bei festlicher Parade geschultert hatten, standen wieder so einförmig und langweilig da wie Gartenzäune bei uns zu Hause.
Wir sehnten uns nach Menschen, denn die Ufer waren so traurig still. Gab es denn keine Hirten in dieser verlassenen Gegend? Das Wissen unserer Wegweiser ging auf die Neige, und wir bedurften neuer Leute, die das Land besser kannten.
Als die Dunkelheit undurchdringlich wurde, kommandierte ich Halt. Die Kähne huschten wie Irrlichter über das Wasser, die Laternen schaukelten auf ihren Stangen hin und her, und ihre Bilder im Wasser beleuchteten die Stromringel auf der Oberfläche des Flusses und glänzten auf den Eisschollen. Man sieht nichts weiter als diese Lichtpunkte vor sich. Sie bleiben stehen und scheinen wie Leuchtkäfer auf das Ufer hinaufzufliegen und dort im Schilfe umherzuhuschen. Wir folgten den Kähnen und wählten einen Lagerplatz aus, der jedoch nicht recht für uns paßte, da es dort an dürrem Holze fehlte. Um die Landschaft zu erhellen und mit besserem Erfolge nach Brennholz suchen zu können, steckten die Männer das ungeheuer dichte Schilf, welches die Uferterrasse bedeckte, in Brand. Wie Bambusrohr knisternd, knallend und pfeifend wurde dieses dürre Kamisch von den entfesselten Flammen verzehrt. Es wurde ein riesenhaftes bengalisches Feuer, und sein wilder, gelbroter Schein fiel auf das dunkle Wasser, wo er die Tausende von Treibeisschollen, die in rastlosem Zuge vorbeitrieben, scharf beleuchtete. Diese schienen auf der Pilgerfahrt nach einem gemeinschaftlichen Wallfahrtsorte begriffen zu sein; sie folgten alle derselben großen Heerstraße, auf der sie geboren werden und sterben, aber sie wetteiferten nicht miteinander, sie gingen in schönster Ordnung, alle in demselben Takte. Sie zogen vorbei wie Wassergeister, welche jeden Abend eine muntere Polonaise tanzten, um die Beendigung der Jahresarbeit des Flusses zu feiern und sich vor dem langen Winterschlafe noch gründlich zu amüsieren. Sie glitten dahin wie eine Prozession friedloser Muselmänner mit weißen Turbanen um die Köpfe, wie Freier, geschmückt mit Kränzen von kleinen weißen Immortellen aus vergänglichem Eise.
Recht eigentümlich wirkte die große Fähre sowohl auf dem Fluß wie auf das Ufer unseres Lagerplatzes Ilek ein. Das Treibeis trieb gerade gegen ihre eine Längsseite und strich so an ihr entlang, daß es nachher eine ganze Strecke flußabwärts eine ganz gerade Richtung beibehielt, die jedoch nach und nach wieder eingebüßt und in der Strömung zerstört wurde. Gegen die 1,35 Meter hohe Uferterrasse erzeugte die Fähre, die wie ein Wellenbrecher dämpfte, einen Stromwirbel, der schon an demselben Abend begann, das lose Erdreich der Terrasse zu unterminieren, so daß es nach und nach ins Wasser plumpste. Ich fürchtete, daß es zu einem verhängnisvollen Rutsche kommen würde, aber die Terrasse hielt.
Am 3. Dezember war der Fluß zu drei Vierteln mit Treibeis bedeckt, welches Verhältnis natürlich im Laufe des Tages unaufhörlich wechselt. Wo der Fluß schmal ist, wird die ganze Masse so zusammengedrängt, daß vom Wasser gar nichts zu sehen ist; dann scheint es, als lägen die Fahrzeuge eingefroren in einem treibenden Eisfelde. Was macht es uns jetzt aus, ob es weht, wir werden von dieser nachdrängenden Schlange, die sich zwischen den Ufern hinwindet, widerstandslos mitgenommen. Dort jedoch, wo der Fluß wieder breiter wird, zerstreuen sich auch die Eisschollen, und offenes Wasser kommt wieder zum Vorschein.
Die Eisschollen klirren munter gegen die gefrorenen Ufer; man wird nicht müde, die streifige Marmorierung, diese glänzenden Eismuster, diese Schlingen, Girlanden und langsamen Karusselle zu betrachten, lauter wechselnde Muster, die von dem gesetzmäßigen Laufe des Stromes vorgeschrieben werden. Die Geschwindigkeit war den ganzen Tag über die beste, und wir schwebten ungehindert an üppigen Wäldern und mächtigen Sandausläufern vorbei, die sich beständig in neuen, wunderbaren Perspektiven zeigten. Doch es war nicht mehr so wie früher auf dem ruhigen, spiegelblanken Jarkent-darja; jetzt erfüllte die Luft ein Sausen, das immer stärker wurde, je mehr sich der Fluß verschmälerte, und das von diesen Massen von Treibeis verursacht wurde. Die Eisränder der Ufer näherten sich einander immer mehr, und es kann nur noch ein paar Tage dauern, bis die Brücke fertig ist. Jetzt liegen sogar die Teile des Flusses, in denen das Wasser langsam fließt, unter einer Eisdecke, die so hell wie Glas schimmert. Der Wald wird wieder dünn, der Fluß breiter, die Landschaft offener; man hat nach allen Seiten hin freie Aussicht. Oft scheint der Fluß vor uns gar kein Ende zu nehmen; er erstreckt sich geradeaus in die weite Ferne wie ein wunderbares, weißes Band, eine wahre Milchstraße.
An der Kanalmündung Daschi-köll überraschten uns zwei Reiter am Ufer. Hassan Bek von Teis-köll hatte sie ausgeschickt, um uns ausfindig zu machen. Der Sohn des Beks mit einem Gefolge von zehn anderen Männern erwartete uns eine ziemliche Strecke weiter unten bei Momuni-ottogo. Er hatte mit den beiden Spähern verabredet, daß diese, falls sie uns träfen, ihn durch angezündete Feuer davon benachrichtigen sollten. Sie ritten nun wieder zurück, und wir sahen eine Rauchsäule nach der anderen aufsteigen, und als wir Momuni-ottogo erreichten, brannte dort ein Feuer, und die ganze Gesellschaft erwartete uns mit einem Dastarchan.
Hassan Beks Sohn brachte wichtige Nachrichten. Meine Karawane hatte sich drei Tage in Teis-köll aufgehalten und sollte gestern nach Jangi-köll und von dort weiter nach Argan, dem in Lailik festgesetzten Vereinigungspunkte, ziehen. Da wir aber jeden Augenblick einfrieren konnten und es von Wichtigkeit war, die Kamele nahe zur Hand zu haben, schickte ich an Nias Hadschi und die Kosaken einen reitenden Eilboten mit dem Befehl, sie sollten da, wo sie sich gerade befänden, bleiben. Ferner erfuhr ich, daß sich mein alter Freund Chalmet Aksakal aus Korla bei der Karawane befinde und Parpi Bai mich in Karaul erwarte.
Über die Eigenschaften des Flusses in diesen Gegenden wurde mir mitgeteilt, daß er von Anfang Dezember bis Anfang März zugefroren und dann noch einen halben Monat mit porösem Eise bedeckt sei. Das Hochwasser erreiche diese von den Quellen so weit entfernten Gegenden erst Anfang August und stehe Ende September oder Anfang Oktober am höchsten. Nachher falle der Wasserstand täglich, sei aber einige Zeit vor dem Zufrieren keinen Veränderungen unterworfen. Wenn der Fluß zugefroren sei, steige das Wasser, was seinen Grund darin haben solle, daß das Treibeis sich nach der Mündung hin zusammenpacke und zu einer Art Damm aufstaue. Wenn dieses sich wieder verteilt habe, falle das Wasser von neuem. Während des Juni habe es seinen tiefsten Stand, und man könne dann an mehreren Stellen den Fluß zu Pferd durchwaten.
Es versteht sich von selbst, daß die Unterschiede zwischen dem Hochwasser und dem niedrigsten Wasserstande im unteren Tarim, der so weit vom Gebirge liegt, viel unbedeutender sein müssen als z. B. im Jarkent-darja bei Jarkent oder im Aksu-darja bei Aksu. Je weiter abwärts wir kommen, desto mehr gleichen sich diese Unterschiede aus, und die Wassermenge wird auch in wesentlichem Grade von jenen unzähligen Lagunen und Uferseen reguliert, welche die Ufer des Tarim wie Schmarotzer, die sein Blut aufsaugen, begleiten. Die im Jarkent- und Aksu-darja, im Chotan-darja und Kisil-su so gewaltige Frühlingsflut verliert daher unterwegs nach und nach ihre ungestüme Überschwemmungskraft. Denn erst müssen die Lagunen, die im Sommer ausgetrocknet sind, neu gefüllt werden, wozu ungeheure Wassermengen gehören. Erst nachdem sie den ihnen zukommenden Anteil erhalten haben, macht sich das Hochwasser in den unteren Regionen fühlbar. Wenn der Zufluß von oben sich verringert und aufhört, wirken diese Behälter wieder als Reservoire. Um die Zeit, als wir Lailik verließen, hatte das Hochwasser Momuni-ottogo und Karaul erreicht, jetzt aber, Anfang Dezember, hatte es schon vor ein paar Monaten seine trübe Flut in die äußersten Seen des Tarimsystems ergossen.
Bei Momuni-ottogo waren wir wieder mit freundlichen, dienstwilligen Eingeborenen in Berührung gekommen. Die Nacht war dunkel und bitterkalt, und der eintönige Zug des Treibeises wurde dann und wann von einem eigentümlichen Laute übertönt, der dadurch hervorgebracht wurde, daß unsichtbare Kräfte neue Netze von glashellem Eise über die ruhigen Flächen des Flusses spannten. Der Tag war im ganzen hell und freundlich gewesen; wir hatten eine lange lehrreiche Fahrt gemacht und erfreuliche Nachrichten von den Unseren erhalten. Es war aber auch schon der erste Adventsonntag, und wir standen auf der Schwelle des Grabgewölbes des Tarim, das immer mehr mit Kränzen von weißen Immortellen überhäuft wurde.