Zwölftes Kapitel.
Wir frieren fest und gehen ins Winterquartier.

Während der letzten drei Tagereisen nahm die Strömung an Schnelligkeit zu; am 4. Dezember legten wir im Durchschnitt 1 Meter in der Sekunde zurück, bisweilen aber war die Fahrt beinahe unangenehm stark, und die Fähre strich längs der Ufer hin, daß es in den Eisrändern krachte. Der Pappelwald hört nach und nach auf, und bei Karaul, wo der Ugen-darja mündet (Abb. 50), ist das Land entweder ganz kahl oder mit Kamischfeldern, kleinen Sanddünen (Abb. 52) und Tamarisken bedeckt.

Wir lagerten bei Karaul, denn dort erwarteten uns Parpi Bai und eine große Zahl anderer Eingeborener. Mein alter, treuer Diener von 1896 eilte an Bord, ergriff meine Hände und führte sie an seine Stirn; er war so gerührt über das Wiedersehen, daß er lange kein Wort hervorbringen konnte. Wie Islam Bai war auch er gealtert und graubärtig geworden, aber er sah ebenso prächtig aus wie früher, um so mehr als er jetzt eine besonders kleidsame Tracht trug, eine mit Pelz verbrämte blaue Mütze und einen dunkelblauen Tschapan (Abb. 51).

Den nächsten Tag blieben wir in Karaul. Ich mußte eine astronomische Beobachtung vornehmen und die Wassermenge des Ugen-darja und des Tarim messen. Jener führte gar kein Treibeis, dieser aber war voll davon, und das Messen war schwerer als gewöhnlich. Der Hauptfluß hatte jetzt 55,7 Kubikmeter, der Ugen-darja nur einige wenige. Das Wasser des Ugen ist bis zu 69 Zentimeter Tiefe durchsichtig, das des Tarim bloß bis auf 8 Zentimeter. Noch 300 Meter unterhalb des Zusammenflusses kann man den Unterschied zwischen dem Wasser beider Flüsse deutlich wahrnehmen.

Der Aksakal von Korla kam mir hier auch entgegen und brachte ein paar Kisten mit Birnen und Trauben mit, sowie einige hundert Zigaretten, die der russische Konsul in Urumtschi mir vor vier Jahren geschickt hatte, die aber jetzt erst ihren Bestimmungsort erreichten.

Karaul ist der Punkt, wo der Tarim sein scharfes Knie macht, um nach dem Lop-nor abzubiegen. Die Richtung ist Südost, und zeitraubende Bogen kommen nicht vor. Die Stromgeschwindigkeit war stark, und als wir einmal gegen einen im Grunde steckengebliebenen Pappelstamm stießen, half das nachschiebende Treibeis der Fähre darüber hinweg. Es war aber eine ungemütliche Geschichte; die ganze eine Seite wurde über das Wasser gehoben, schrammte auf der Pappel entlang und knallte dann förmlich auf die Wasserfläche nieder.

Der 7. Dezember war der letzte Tag auf dem Tarim im Schifffahrtsjahre 1899, das wußten wir schon am Morgen, denn die Karawane erwartete uns bei Jangi-köll, wohin wir nur noch eine Tagereise hatten, und kurz unterhalb dieses Punktes war der Fluß seit zwei Tagen in seiner ganzen Breite zugefroren. Wir traten also die Fahrt mit gemischten Gefühlen an; die Lailiker freuten sich, daß die Stunde ihrer Befreiung geschlagen hatte, Islam und Kader sehnten sich nach ihren Kameraden und nach dem Leben auf festem Boden, ich selbst war froh, daß die Reise so gut geglückt war und an einem für meine Pläne so geeigneten Orte endete; andererseits begann ich aber die letzte Tagereise mit wehmütigen Gefühlen, denn ich würde die Fähre, die dritthalb Monate mein friedliches Heim gewesen, mit Bedauern verlassen.

Drei Beke von den nächsten Dörfern und eine unabsehbare Reiterschar begleiteten uns auf dem Ufer, doch an Bord durfte nur der Bek von Jangi-köll, mit dem wir später noch viel zu tun haben werden.

Die letzte Tagesfahrt war eine der interessantesten der ganzen Flußreise, denn sie führte uns in ganz anders geartete Gegenden, als wir bisher passiert hatten. Der Fluß strömt beinahe gerade nach Südosten. Links dehnen sich endlose Gras- und Kamischsteppen aus, auf denen sich sehr selten eine einsame Pappel erhebt, rechts türmt sich ununterbrochen der hohe, unfruchtbare Sand auf, dessen Basis vom Flusse bespült wird. Das Ungewöhnliche ist, daß dieser Sand nichtsdestoweniger einer ganzen Reihe höchst eigentümlicher, von lauter öden Dünen ohne Spur von Vegetation umgebener Seen Raum gewährt. General Pjewzoff hatte auf seiner Reise einige von ihnen bemerkt, aber weder er noch ich hatten geahnt, daß ihre Zahl so groß sei, und es gehörte daher jetzt noch zu meinem Reiseprogramm, sie näher zu untersuchen, eine Karte von ihnen aufzunehmen und sie auszuloten.

Der Fluß war jetzt ganz mit Treibeis erfüllt, und nur ein Drittel der Fläche, wo sich die Stromfurche hinzog, war eisfrei, sonst war alles zugefroren. An einigen Stellen kamen wir nur mit Mühe hindurch auf Kosten der Eisränder, die klirrend wie Glas zersplitterten. Den Eisschollen wurde der Platz knapp; sie prallten aneinander und schoben sich übereinander, wobei sie Miniaturterrassen oder auf dem Eisbande der Ufer weiße Wälle bildeten. Die ganze Masse trieb mit unwiderstehlicher Kraft vorwärts; die Blöcke, die nicht mitkommen konnten, waren auf sich selbst angewiesen, während wir uns mitten in der Bahn hielten und sicher auf das Ziel losgingen.

Tus-algutsch-köll, der „See, wo Salz genommen wird“, ist die erste der langen Reihe von Wüstenlagunen, die gleich Trauben an einem Stengel am rechten Ufer des unteren Tarim hängen. Obgleich ich später reichlich Gelegenheit finden werde, diese seltsamen Gebilde zu besuchen, konnte ich mich nicht enthalten, schon jetzt an Land zu gehen, um wenigstens einen Blick auf den See zu werfen. Der Kanal, der den See mit dem Flusse verbindet, war an der Mündung mit Lehm und Reisig verstopft. Das Wasser wird auf diese Weise 2–3 Jahre lang isoliert, und die darin eingeschlossenen Fische sollen fett und schmackhaft werden, sobald das Wasser einen schwachen Anflug von Salz bekommen hat. Der zweite See ist der Seit-köll; er zieht sich beinahe eine Tagereise weit landeinwärts in den Sand hinein; seine drei Kanäle waren ebenfalls abgesperrt worden, um das nächste Hochwasser zu verhindern, mit dem See in Verbindung zu treten.

In der Nähe der Mündung dieser Seen sahen wir mehrere verlassene Dörfer. Die aus Pappelholz und Kamisch gebauten Hütten (Abb. 53) standen noch da und sahen ziemlich neu und brauchbar aus, aber nicht ein einziges lebendes Wesen war zu sehen, und in dem Sand, der sich ringsumher schneewehenartig angehäuft hatte, war nicht einmal eine Fußspur zu entdecken. Mir wurde erzählt, daß die Bewohner dieser, wie auch die einer ganzen Reihe anderer, weiter flußabwärts liegender Dörfer vor sieben Jahren fortgezogen seien, nachdem die Pocken (Tschitschek) die Bevölkerung in schrecklicher Weise dezimiert hätten. Den Überlebenden wurden von den chinesischen Behörden Wohnsitze auf dem linken Ufer angewiesen. Sie hatten vorher hauptsächlich vom Fischfang gelebt, nun aber wurde ihre Lebensweise eine ganz andere; sie bestellten ihr Feld, säten Weizen und erwarben sich ihren Unterhalt auch mit Viehzucht. Der Boden ist jedoch mittelmäßig, und obwohl sich ohne Schwierigkeit Kanäle vom Flusse ziehen lassen, reicht der Ertrag des Bodens doch nicht für ihren Unterhalt aus, und sie müssen oft ihre Schafe verkaufen, um sich Mehl aus Korla zu verschaffen. Die reichsten Eingeborenen besitzen bis zu tausend Schafen, aber die meisten sind arm und begeben sich im Sommer nach ihren alten Seen, um dort zu fischen. Hierbei bewohnen sie jedoch nicht ihre alten Hütten, an denen für die meisten so traurige Erinnerungen hängen, sondern lagern unter freiem Himmel. Jetzt haben die Chinesen Zwangsimpfung eingeführt, welcher die skeptische Bevölkerung sich und ihre Kinder unterwerfen muß.

52. Kleine gebundene Dünen bei Karaul. (S. 126.)
53. Verlassene Hütten am Seit-köll. (S. 128.)
54. Unser Hauptquartier Tura-sallgan-ui. (S. 135.)
55. Winterquartier in Jangi-köll mit meinen Leuten. (S. 133.)

Auch am Seit-köll gingen wir an Land und bestiegen eine hohe Düne, von der man eine prächtige Aussicht über den See hat, der sich nach Südsüdwesten hinzieht und einem Fjorde zwischen steilen Felsen gleicht.

Die Flußkrümmung, an welcher der Seit-köll liegt, ist außerordentlich energisch in den Sand eingeschnitten, wo sie gleichsam eine vorgeschobene Bucht des Flusses bildet. Früher hatte das Sandmeer sich weit nach Nordosten erstreckt, war aber nach und nach von dem Flusse, der also auch hier nach rechts zu wandern scheint, zurückgedrängt worden.

Über die Bildung der Wüstenseen gaben mir die Landeskinder ziemlich phantastische Aufklärungen. Sie behaupteten, erst seien die Kanäle gegraben worden, dann habe sich der Fluß während der Hochwasserperiode durch sie neue Bahnen gesucht; große Wassermassen hätten sich in den Sand hineingewälzt, die Dünen verdrängt und jene großen Seen gebildet, die gewöhnlich nach dem Manne heißen, dem sie ihre Entstehung verdanken sollen. Es versteht sich von selbst, daß trotz alles Grabens keine Seen entstehen würden, wenn es in der Plastik des Bodens nicht schon gewisse notwendige Vorbedingungen gäbe. Auch der Dasch-köll ist in hydrographischer Hinsicht sehr eigentümlich. Dieser See liegt ganz dicht am Ufer des Flusses, ist aber noch durch einen bedeutenden Sandwall von ihm getrennt. Neulich hat der Fluß einfach die ganze Düne fortgespült, und seine Wasserfläche hängt jetzt unmittelbar mit dem Spiegel des Sees zusammen. Die Fläche des Sees steigt und senkt sich mit der des Flusses. —

An einem Punkte namens Arelisch begegneten uns Tschernoff und Faisullah und weiter abwärts Nias Hadschi und mehrere der Karawanenleute und begleiteten uns auf dem Ufer mit einer ganzen Reihe neuangeschaffter Hunde. Ihre Freude, uns gesund und munter auf der alten Fähre wiederzusehen, läßt sich nicht beschreiben. Sie hatten es kaum für möglich gehalten, daß mich dieses Ungetüm Hunderte von Meilen würde transportieren können, während sie auf staubigen Wegen so manchen ermüdenden Schritt getan. Jetzt konnten wir bleiben, wo wir wollten, denn wir waren wieder mit der Karawane in Verbindung. Da mir aber Tschernoff sagte, wir hätten nur noch ein paar Stunden bis an einen Punkt, wo das Treibeis sich zusammengepackt habe und zu einer dichten Masse zusammengefroren sei, durch die nicht hindurchzukommen sei, beschloß ich, beim Scheine der Laternen weiterzufahren.

Die letzte Nacht unserer Flußreise war schon einige Stunden unter ihrem schwarzen Schleier dahingeschritten, als ein großes Feuer am linken Ufer aufflammte. Es war von unseren Karawanenleuten an einem geeigneten Landungsplatze gleich oberhalb der Eisbarre angezündet worden. Hier legten wir zum letztenmal an und gingen müde und frierend nach dem Feuer hinauf, wo wir bald in lebhaftem Gespräche mit den Unseren waren.

So hatte denn diese märchenhafte, friedvolle Reise ihr Ende erreicht! Wie im Traume konnte ich zurückblicken auf alle die verflossenen Tage mit ihren reichen Erfahrungen, auf unser einsames Leben an Bord, unsere Abenteuer und Exkursionen, unsere venezianischen Abende und den endlosen Wald, der unseren Weg mit seinen gelben Blättern bestreute. Nie hat sich eine Reise so glücklich und bequem ausführen lassen; sie bildete in der Tat einen passenden Übergang zwischen dem stillsitzenden Leben in Stockholm und den mühevollen Jahren, die jetzt vor mir lagen. Ich war wie auf einem Triumphwagen mitten in das Herz von Asien geführt worden und nun war ich dort; und wohin ich mich wendete, lockte das Unbekannte mit magischer Anziehungskraft. Es war ein eigentümliches Zusammentreffen, daß uns das Eis gerade an dem Punkte, an dem sich die Karawane befand, den Weg versperrte. Sie war vor drei Tagen hier angekommen und hatte durch ausgesandte Kundschafter Kenntnis vom Herannahen der Fähre erhalten, worauf sie im ersten besten Dorfe geblieben war. Es war durchaus keine Enttäuschung, daß wir den anfangs bestimmten Vereinigungspunkt Argan nicht vor dem Zufrieren des Flusses erreicht hatten, sondern im Gegenteil ein großer Vorteil. Es stellte sich nämlich heraus, daß Jangi-köll der vorzüglichste Ausgangspunkt für die großen, gefährlichen Expeditionen war, die ich nach den Wüsten im Osten und Westen plante, und daß es überdies noch den Vorzug hatte, nicht sehr weit von Korla entfernt zu liegen, der nächsten Stadt, wo wir das, was wir zur Ausrüstung der Karawane brauchten, finden konnten.

Jetzt war keine Eile mehr nötig, und es war zu schön, am Morgen des 8. Dezember ruhig ausschlafen zu dürfen. Die Kosaken suchten einen sehr geeigneten Platz für das Winterquartier aus, der einige hundert Meter oberhalb des Punktes, an dem wir Halt gemacht hatten, ebenfalls auf dem linken Ufer des Flusses lag. Dorthin wurde das ganze Gepäck der Karawane gebracht, und hier schlugen die Leute ihre Zelte auf. Dort war ein vorzüglicher, jetzt fest zugefrorener kleiner Hafen mit steilen Ufern, dessen Eis mit Äxten und Stangen aufgebrochen wurde. Die Fähre, die während der Nacht auch tüchtig festgefroren war, wurde aus ihren Banden befreit und nach dem Hafen gezogen, wo sie am Ufer vertäut wurde, welche Vorsichtsmaßregel jedoch überflüssig war, da sie sehr bald von fußdickem Eise eingeschlossen war. Im Laufe des Winters gefror das Wasser hier zum Teil bis auf den Grund, und unsere weitgereiste Wohnung lag wie auf einem Bette von Granit.

Der erste Abend im Winterlager führte eine jener unangenehmen Entdeckungen herbei, die jedoch etwas ganz Gewöhnliches sind, wenn man so naiv oder gutmütig ist, allzu großes Vertrauen auf die Ehrlichkeit eines Muhammedaners zu setzen. Nias Hadschi hatte in Lailik 4½ Jamben bekommen, mit denen er teils den Lebensunterhalt der Karawane bestreiten, teils allerlei Einkäufe machen sollte. Die Summe war so reich bemessen, daß ein hübsches Stück Geld hätte übrigbleiben müssen. Statt dessen aber hatte mein Karawan-baschi unterwegs noch eine Anleihe von gegen 4 Jamben gemacht. Jetzt wurde am Feuer Gericht abgehalten; ich hatte auf dem Richterstuhle — einem Mehlsacke — Platz genommen, und der angeklagte Sünder, seine Ankläger, die Zeugen und Zuhörer standen um mich herum; es war feierlich und tragisch, und gern hätte ich noch ein paar Jamben dazubezahlt, wenn ich mit meinem Diener nicht hätte ins Gericht zu gehen brauchen. Doch um ein Exempel zu statuieren, den anderen zur Warnung, und die Autorität, die der Führer haben muß, aufrechtzuhalten, nahm ich Nias Hadschi vor und verlangte von ihm Rechenschaft darüber, wie er die ihm anvertrauten Gelder verwaltet habe. Wie er diesem Verlangen nachkam, wird jeder sagen können, der je mit Muhammedanern zu tun gehabt hat; er suchte mir auseinanderzusetzen, daß nicht ein Tenge unnötig ausgegeben sei und daß er ehrlich und treu seinen Auftrag ausgeführt habe — aber er log. Sirkin hatte auf meinen Befehl auf der Reise Buch geführt, und es war leicht, die Ausgaben zu kontrollieren. Außerdem wurde ihm zur Last gelegt, daß er hochmütig und stolz gegen die anderen gewesen sei. In Aksu hatte er seine eigenen, in Korla seines Sohnes Schulden bezahlt, und dieses Herrchen hatte er mir noch obendrein als Geschenk mitgebracht. Ich wollte ihm nicht an diesem Tage, der für mich so glückbringend gewesen, ein zu strenges Urteil sprechen; überdies hatte ich ihn ja selbst in Versuchung geführt, indem ich ihm soviel Geld anvertraut hatte. Das Urteil lautete auf Entlassung; im Laufe des folgenden Tages sollte er das Lager verlassen.

Eigentümlich sind diese Muselmänner; man wird nie recht klug aus ihnen. Dieselben Männer, die ihn eben noch angeklagt hatten, legten nun Fürbitte für ihn ein und baten, ich möchte ihn doch nur degradieren und als Koch der Muselmänner behalten. Es nützte ihnen jedoch nichts; das Urteil war gesprochen, und ich wollte meinen Entschluß nicht ändern. Es tat mir freilich leid, den alten Mann, den Mekkapilger, den Freund des Propheten und Prschewalskijs einstigen Diener, allein in den öden Winter hinauszuschicken. Ich versprach, der ganzen Geschichte nicht mehr zu gedenken, und als er abzog, gab ich ihm noch eine halbe Jamba mit auf den Weg, die seine Tränenfluten stillte. Hiermit war seine kurze Geschichte zu Ende, und er war sicher der Ansicht, noch gut davongekommen zu sein. Er hatte bei unserer herumziehenden Theatertruppe von Karawane als ein Schauspieler figuriert, der nur im ersten Akte auftritt. Doch im Laufe des Stückes werden immer neue Schauspieler die alten ablösen und ihre Rollen mit wechselndem Glück spielen. Der Souffleur ist das Gewissen, die Bühne das innerste Asien, und die Zuschauer sind die Sterne des Himmels und die am Tage heulenden Stürme. Wenn man den Himmel als Zuschauer hat, muß man gut spielen und muß mild gegen schlechte Spieler sein. —

Während der drei Tage vom 9. bis zum 11. Dezember wurde das Lager und die Zusammensetzung der Karawane für die nächste Zukunft geordnet. Chalmet Aksakal erhielt den Auftrag, uns von Korla eine Verstärkung einiger unserer Vorräte, zwei mongolische Filzzelte und fünf Maulesel zu besorgen, sowie einige Silberbarren in Kleingeld umzuwechseln, und zwar in Tengestücke aus Jakub Beks Zeit, die zwischen Korla und Tscharchlik noch gangbar sind und von denen 21 auf 1 Sär gehen. Musa Ahun sollte ihn nach Korla begleiten und mit den Sachen zurückkehren. Ferner sollte Chalmet Aksakal meine große Post mitnehmen und nach Kaschgar weiterschicken.

Die vier Männer aus Lailik, unsere guten, prächtigen Fährleute, traten jetzt vom Schauplatze ab und kehrten in ihre ferne Heimat zurück. Ihr vereinbarter Monatslohn wurde verdoppelt, und ich bezahlte ihnen die Heimreise. Ihre Dankbarkeit war groß, und mit Tränen in den Augen beteten sie „Dua“ und „Allahu ekbär“ für mich; mit Bedauern trennte ich mich von diesen Männern, die in jeder Hinsicht ein gutes Andenken hinterließen. Sie wollten zu Fuß nach Korla gehen, wo der Aksakal ihnen beim Einkaufen guter Reitpferde helfen sollte. Ich habe nachher nichts wieder von ihnen gehört, hoffe aber, daß sie glücklich nach Hause gelangt sind.

Trotz dieser großen Verminderung des Karawanenpersonals bot das Lager doch ein außerordentlich lebhaftes Bild dar. Die mir am nächsten im Range Stehenden der Leute waren die Kosaken und Islam Bai als unser Karawan-baschi. Parpi Bai wurde zum Oberaufseher der Pferde ernannt und benutzte seine freie Zeit zur Falkenjagd. In Friedenszeiten wurde der Falke mit lebendigen Hühnern gefüttert, ein greuliches Schauspiel. Turdu Bai und Faisullah waren für die Kamele verantwortlich und hielten abwechselnd an den Weideplätzen derselben Wache. Kurban, ein sechzehnjähriger, hübscher, offener und heiterer Junge aus Aksu, war Laufbursche, führte die Pferde zur Tränke und brachte denen, die draußen die Kamele hüteten, Essen. Ein mit diesen Gegenden außerordentlich gut bekannter Loplik, der treffliche Ördek, wurde für die grobe Arbeit im Lager, wie Wassertragen für die Küche, Holzfällen in dem nächsten dürren Walde und Futterholen für die Pferde, angenommen. Im Hafen wurde eine Wake aufgehauen und ständig offengehalten, das Kochwasser aber wurde stets aus dem Flusse geholt, wo es, weil fließend, frisch und rein war. Die Kamele trugen das Brennholz ins Lager, und unsere nächsten Loplik-Nachbarn verschafften uns auf Veranlassung des Beks der Gegend schon am ersten Tage tausend Bündel Klee und tausend Bündel Heu. Auch ein Schmied wurde für diverse Arbeiten angenommen; er mußte anfangs Sirkin helfen, mir Schlittschuhe zu machen. Ich hatte mir nämlich gedacht, mit diesem Transportmittel über die Seen zu ziehen, doch sie fielen nicht so aus, daß ich sie zu etwas anderem hätte benutzen können, als mir in der Nachbarschaft Bewegung zu machen.

Das Lager bekam Besuch von ganzen Scharen von Lopliks (Abb. 55). Sobald unsere Nachbarn gehört, daß wir uns in ihrem Lande niedergelassen und in der Wildnis ein kleines Dorf angelegt hatten, wallfahrteten sie scharenweise dorthin; sie brachten stets Geschenke mit und gaben uns so viele Aufklärungen, wie sie nur konnten. Es war ein fortwährendes Kommen und Gehen, und wenn ich an Bord im Zelte arbeitete, hörte ich ein ununterbrochenes Stimmengewirr wie von einem Marktplatze.

Das Zelt der Leute war unter der einzigen Pappel, die es im Lager gab, aufgeschlagen; dahinter lagen alle Kamellasten auf ihren Saumleitern aufgestapelt. Die Küche der Leute war ein Feuerherd unter freiem Himmel, umgeben von einer hohen Einfriedigung von Brennholz, die mit dem Winterbedarfe an Umfang zunahm. Das Ganze wurde von fünf Hunden bewacht, denn die Karawane hatte fünf Hunde aus Kutschar und Korla mitgebracht. Zwei von diesen waren unübertreffliche, schöne, sympathische Windhunde; sie wurden Maschka und Taigun genannt und waren schon vom ersten Tage an meine erklärten Günstlinge. Sie waren groß, hochgewachsen, weiß und sehr kurzhaarig, so daß sie im Winter beständig das Feuer aufsuchten und nachts bei mir in eigens für sie angefertigten Mänteln aus weißem Filz schliefen. Es war komisch zu sehen, mit welcher Gewandtheit sie ohne Hilfe in die Mäntel kriechen lernten und wie dankbar sie waren und wie wohlgefällig sie stöhnten, wenn man sie zudeckte. Auf dem Kriegspfade aber waren sie unüberwindlich und verbreiteten geradezu Entsetzen unter den Hunden der Umgegend. Ich habe nie Hunde auf so raffinierte Weise Krieg führen sehen wie Maschka und Taigun. Sie umkreisten ihren Gegner, bis sie ihn an einem Hinterbeine packen konnten, drehten ihn daran um sich selbst und ließen ihn erst los, wenn die Geschwindigkeit so groß war, daß der Ärmste kopfüber eine Strecke weit hintaumelte und dann heulend auf drei Beinen davonhinkte. Beim Füttern wagte keiner der anderen Hunde die Fleischstücke auch nur anzusehen, solange die Windhunde sich noch nicht sattgefressen hatten. Mir waren sie Gesellschafter und ein guter Ersatz für den ersten Dowlet, leider waren aber auch ihre Tage gezählt. Nach ihrer Ankunft im Lager fiel Jolldasch zwar nicht in Ungnade, er zog sich aber freiwillig ins Privatleben zurück und wagte mein Zelt nie zu betreten, wenn die Neuen dort waren. Er schlief aber getreulich vor dem Zelte, und wenn ich ihn beim Hinausgehen streichelte, sprang und bellte er vor eitel Dankbarkeit und Entzücken. Jollbars, der „Tiger“, war ein kolossaler schwarzbrauner Hund, ein Sohn des Lopdschungels mit Wolfsblut in den Adern, der immer an einer eisernen Kette bei den Kamellasten lag und so wild war, daß sich niemand in den Radius der Kette hineinwagte. Er war ein Hofhund furchtbarster Art, ein Ritter von den mörderischsten Reißzähnen, aber ich wurde selbst mit ihm bald gut Freund. Er spielte eine gewisse Rolle in der Karawane, begleitete mich auch auf dem Wege nach Lhasa, und als er zwei Jahre später spurlos verschwand, trauerten alle um ihn. Ich liebe die Hunde; sie gehen mit ihrem ganzen Wesen in den Mühen des Karawanenlebens auf und tun stets ihre Pflicht.

Als ich am Morgen des 10. aus dem Zelte trat, das noch immer an Bord stand, fand ich zu meinem Erstaunen das Holzgerüst zu einem ganzen Hause am Ufer aufgeschlagen. Der Bek von Jangi-köll hatte diese vorzügliche Idee gehabt; er hatte seine Leute aufgeboten, Bauholz besorgt und die Arbeit beim Morgengrauen anfangen lassen. Das Gerippe, das aus Pfählen, schmalen Stangen und Latten bestand, wurde im Laufe des Tages mit vertikal gestellten Schilfbündeln ausgefüllt, und sogar die Dachbalken wurden mit Kamischgarben bedeckt. Es wurde eine ideale Hütte von der im Loplande üblichen Bauart; sie enthielt zwei große Zimmer. Die Männer hatten sich das eine als meine Küche und Backstube, das andere als Aufbewahrungsort für mein ganzes Gepäck gedacht. Mir fiel jedoch ein, wie der bekannte Afrikaforscher Schweinfurth einmal Aufzeichnungen und Sammlungen von vielen Jahren dadurch eingebüßt hat, daß er sie in einer sehr feuergefährlichen Hütte aufbewahrte; ich ließ das Gepäck daher den ganzen Winter im Freien, es wurde aber mit Segeltuch und Filzdecken zugedeckt. Hätte es in meiner Absicht gelegen, in Jangi-köll zu überwintern, so hätte ich natürlich ein vollständiges, bequemes Holzhaus, in das die Fenster der Dunkelkammer hätten eingesetzt werden können, bauen lassen, aber ich hatte andere Pläne und sollte bloß einige Tage, zu drei verschiedenen Malen, an diesem schönen Orte Gastfreiheit genießen. Doch während dieser Tage kam mir die Hütte sehr zustatten, und sie erlangte einen gewissen Ruf im ganzen Loplande. Unser Lagerplatz wurde allgemein Tura-sallgan-ui (das von dem Herrn erbaute Haus) genannt (Abb. 54), und mir ist von Lopliks versichert worden, daß dieser Name sich für alle Zeiten in der geographischen Nomenklatur der Gegend einbürgern werde, geradeso wie eine Stelle am Kuntschekkisch-Tarim noch heute Urus-sallgan-sal oder „Der Russe baute eine Fähre“ heißt, weil dort einst Kosloff auf einem Floße von dürren Tograkstämmen den Fluß überschritten hat.

Die Hütte sollte jedoch die Vergänglichkeit aller anderen irdischen Dinge teilen. Als die nächste Frühlingsflut das Bett des Tarim füllte, überschwemmte er hier seine Ufer und zerstörte nicht nur den Bootshafen, sondern riß auch unsere Hütten und die Pappel mit fort; da waren wir aber schon abgezogen und hatten unsere Penaten auf festerem Boden aufgestellt. Es war dies jedoch eine schlagende Bekräftigung meiner auf jahrelange Beobachtungen gegründeten Theorien über die hydrographischen Unberechenbarkeiten in den unteren Teilen des Tarimsystems; nicht ein Stück blieb von Tura-sallgan-ui übrig, keine einzige Spur wird in Zukunft von unserem langen Besuche an diesem reizenden, aber trügerischen Ufer Zeugnis ablegen.

Wie friedlich vergingen mir die Tage in Tura-sallgan-ui! Ich hätte als Gast des Schahs von Persien in den Spiegelhallen und Marmorsälen seines Palastes nicht in gehobenerer Stimmung sein können als hier zwischen den Kamischmauern dieser luftigen Wohnung, wo der Wind seine unendlich melancholischen Trauermärsche in den Schilfstengeln pfiff, dem Klagen unzähliger, friedloser Luftgeister vergleichbar.

Für unsere acht Pferde wurde aus demselben Material ein geräumiger Stall erbaut, dessen eine Längsseite nach dem Hofe zu offen blieb. Unsere Hühner erhielten neue Kameraden, und wir kauften auch Schafe und Kühe, die uns mit Milch versahen. Das Ganze wurde schließlich der reine Gutshof, der, wenn er auch gerade nicht als Muster eines solchen gelten konnte, doch der gemütlichste und behaglichste war, mit dem ich je zu tun gehabt habe. Zwischen den Hütten, dem Zelte, den Kamellasten, der Küche und dem Hafen entstand ein freier Platz, der Markt des Dorfes; dort brannte Tag und Nacht ein Feuer, um das herum Matten ausgebreitet waren und Gäste empfangen wurden; dies war der „Klub“. Das Feuer durfte erst im Mai des folgenden Jahres ausgehen; es wurde nicht von jungfräulichen Vestalinnen, sondern von bärtigen Barbaren unterhalten. Die Nachtwachen, die alle zwei Stunden abgelöst und von den Kosaken kontrolliert wurden, speisten die Flammen während der nächtlichen Stunden und wärmten sich dort in den kalten Winternächten.

Schon seit unserer Ankunft hatte ich Erkundigungen über die Wüste im Südwesten eingezogen, aber die Bevölkerung wußte von den Geheimnissen, die sich hinter dem hohen Sande verbargen, herzlich wenig. Längs des rechten Ufers erstreckte sich eine berghohe Wand von unfruchtbaren Dünen und lockte mich mit geradezu unwiderstehlicher Gewalt. Das einzige, was ich gewiß wußte, war, daß ich jetzt einen gefährlichen Streich auf ihre Verschanzungen wagen, einen Kampf auf Leben und Tod mit dem breitesten Gürtel der Wüste Takla-makan beginnen würde. Aber, wie gesagt, irgendwelche Auskunft von Wert konnte ich nicht erhalten. Was mich am meisten in Erstaunen setzte, war das Entsetzen, mit dem das Volk von der Wüste sprach, die gewöhnlich schlechtweg Kum, Tschong-kum oder, nach einer sagenhaften Stadt, die in ihrem Inneren begraben liegen soll, Schahr-i-Kettek-kum genannt wurde. Man hielt es für das Schlimmste, was einem Menschen passieren könne, wenn er sich freiwillig oder unfreiwillig dorthin verirrte; keiner war je dort gewesen; ehemalige Kameljäger und die heutigen Goldsucher hatten sich nur zwei Tagereisen weit vom Flusse zu entfernen gewagt und waren dann stets schleunigst wieder umgekehrt, von Entsetzen über diesen unheimlichen, gar kein Ende nehmenden Sand überwältigt. Wir wurden für Selbstmörder angesehen, als wir dorthin zu wollen erklärten, und man prophezeite uns, daß wir nie mehr zurückkehren würden. Ich beruhigte die Leute jedoch ein wenig, indem ich ihnen erzählte, es sei nicht das erste Mal, daß ich mich erdreiste, den Kampf mit der Sandwüste aufzunehmen.

Von Tura-sallgan-ui sah man im Südwesten eine Unterbrechung in dem Sandwalle. In ihr sollte das Becken des Basch-köll liegen, und am Ufer davor ist ein Dorf Jangi-köll-ui, in dem mehrere unserer Lieferanten und neuen Freunde wohnten. Das Wenige, was mir erzählt wurde, erhöhte nur noch mein Verlangen, die Wüste zu besuchen. In der Verlängerung der Seen in dieselbe hinein sollten sich offene, kahle Bodeneinsenkungen hinziehen, die trockenem Seeboden glichen, nach Ansicht der Eingeborenen aber durch Nordostwinde, die den Sand fortfegen, entstanden waren. Diese Senkungen werden „Bajir“ genannt, doch wie weit sie gehen, wußte niemand. Man hatte nur von früher gehört, daß vor vielen hundert Jahren fern im Südwesten ein heidnisches Volk unter dem Herrscher Atti Kusch Padischah gewohnt habe. Heilige Imame hätten sich zur Verbreitung des Islam dorthin begeben; da das Volk aber die neue Lehre nicht annehmen wollte, hätten die Imame den Fluch und die Rache des Himmels über das ganze Land herabgerufen; dann habe es tagelang Sand geregnet und Land, Volk und Städte seien darunter begraben worden.

56. Zusammentreffen mit dem Franzosen Bonin. (S. 144.)
57. Bonin im Hauptquartier. (S. 145.)
58. Parpi, Palta und Islam auf den äußersten Dünen des Sandmeeres am Jangi-köll. (S. 150.)

Bevor ich endgültig aufbrach, wollte ich eine kürzere Versuchsexkursion machen, um zu rekognoszieren, und berief daher abends alle nach dem „Klub“, wo ich folgenden Tagesbefehl für den 11. Dezember erteilte. Die Kamele, die die Exkursion mitmachen sollten, mußten über den Fluß geführt werden, der notwendige Proviant war zu ordnen, und die Verbindung zwischen beiden Ufern offen zu halten. Während meiner Abwesenheit sollte die Hütte wohnlich eingerichtet werden. Das große, dem Flusse zugekehrte Zimmer sollte in zwei kleine geteilt werden, von denen das innere doppelte Kamischwände erhalten und mit Filz ausgeschlagen werden sollte, um es zugfrei zu machen. Der Fußboden sollte mit Binsen und Teppichen belegt werden, in der Mitte aber eine Feuerstelle und darüber ein Loch im Dache sein. Das neue Haus war bis zu meiner Rückkehr fertigzustellen.

Während ich am 11. meine wissenschaftlichen Beobachtungen machte, wurden Anstalten zum Überführen der Kamele getroffen, was durchaus nicht leicht war. Unsere Annahme, daß das Eis tragen würde, erwies sich als unrichtig. Ein heftiger Wind hatte die gefrorenen Stellen wieder aufgerissen; darauf war der Fluß in der letzten Nacht von neuem zugefroren, aber das Eis war noch nicht genügend tragfähig. Die Kamele hinüberschwimmen zu lassen, wäre ihr Tod gewesen. Der einzige Ausweg war, sie auf der großen Fähre zu transportieren, aber diese lag so fest wie in einem Schraubstock. Die Kosaken wußten aber Rat; sie boten Leute auf, die eine Rinne durch die fußdicke Eisdecke in unserer kleinen runden Bucht schlugen. An einer schmalen Stelle unmittelbar oberhalb des Lagers wurde ein Tau viermal über den Fluß gespannt. Die Strömung betrug hier beinahe einen Meter in der Sekunde, und gerade dieser Punkt war der letzte, der im Winter zufror. Die Stelle war bis auf ein ziemlich breites Eisband an dem niedrigen rechten Ufer noch vollständig offen. Die Fähre wurde an dem Tau hinübergezogen und nahm ein Kamel auf dem Achterdeck mit. Sie landete an der Eisdecke des rechten Ufers, die so fest war, daß sie die Kamele trug.

Gegen Abend besuchte mich ein chinesischer Siah (Schreiber); er war von dem Amban von Kara-schahr hergeschickt, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen, eigentlich aber war er ein unschädlicher Spion, der ausfindig machen sollte, was für ein Kunde ich sei. Nasar Bek, mein alter Freund und Wirt von Tikkenlik, kam spät abends und blieb über Nacht, so daß wir lange gemütlich miteinander plaudern konnten. Er teilte mir allerlei Interessantes mit. Zuerst wußte er zu erzählen, daß ein Russe von Dung-chan (Sa-tscheo) nach Tscharchlik gekommen sei und in einer Woche ungefähr hier sein werde; ich ahnte, daß dies kein Russe, sondern der französische Reisende Bonin sei.

Nasar Bek erzählte auch, daß sich in der Nachbarschaft von Jing-pen und Tikkenlik in der letzten Zeit einige Male wilde Kamele gezeigt hätten, und einmal hatte der Bek selbst eine Herde von fünf Tieren in der Nähe der Straße nach Turfan gesehen. Er wußte, daß zu den Zeiten seiner Vorfahren Beke aus Turfan gekommen waren, um von der Lopbevölkerung einen Tribut von Otterfellen für die Chinesen einzufordern. Sie pflegten östlich um den Bagrasch-köll über den Kurruk-tag und den Kum-darja, dann bei Turfan-köbruk über den Ilek zu gehen und am Kara-köll Halt zu machen. Aus chinesischen Quellen wissen wir, daß diese Angabe mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Der Otter (Kama) kommt im Tschiwillik-köll und mehreren andern Seen der Gegend vor, dagegen aber, soviel ich habe erfahren können, im Kara-koschun nicht; man muß sich dies merken, denn es läßt vermuten, daß die nördlichen Seen mit den südlichen, die ein ganz neues Gebilde ausmachen, nicht in Verbindung gestanden haben. Der Otter wird des Felles wegen mit einer Art Fischgabel (Sendschkak) auf dem Eise nach Schneefall gefangen. Man sieht dann in dem Schnee, dessen Menge in diesen Gegenden übrigens sehr unbedeutend ist, wo ein Otter gegangen ist; hat er sich z. B. in eine Wake begeben, um Fische zu fangen, so lauert der Jäger mit der Fischgabel an dem Loche oder er hat rings um das Loch eine Schlinge gelegt, die zugezogen wird, sobald das Tier wieder den Kopf aus dem Wasser steckt. Gibt es mehrere Waken, so werden an allen Schlingen gelegt und Wachen ausgestellt, da man nicht wissen kann, wo sich der Otter zu zeigen gedenkt.

Nasar Bek war vor ein paar Jahren in Tusun-tschappgan gewesen und hatte dort von einem Hügel herab ungefähr einen Tagesritt weit nach Nordosten eine Wolke oder Nebelwand (Bulut) gesehen, die seiner Meinung nach von einem im Norden des Kara-koschun liegenden unbekannten See herrühren mußte. Er glaubte, daß der Kum-darja, das ausgetrocknete Bett am Südfuße des Kurruk-tag, früher in diesen See gemündet habe, welche Vermutung von guter Urteilskraft zeugte und, wie ich später nachweisen konnte, vollkommen richtig war.

Vor 18 Jahren war der Bek in drei Tagen von Argan nach Lop geritten, wobei er das trockene Bett des Ettek-tarim als Straße benutzte. Vor 12 Jahren kamen noch wilde Kamele von Westen her an dieses Bett. Damals gingen öfters Kameljäger von Wasch-schahri nach Argan durch die Wüste, in der noch Tamarisken waren; über das Innere der Tschertschenwüste konnte aber auch Nasar Bek keine Auskunft geben.

Dies und vieles andere erzählte der dicke Nasar Bek, und ich merkte mir seine Worte; sie sollten nicht ohne Einfluß auf meine künftigen Pläne bleiben.