Dreizehntes Kapitel.
Eine französische Visite.

Der 12. Dezember, an dem die Exkursion beginnen sollte, setzte mit wenig einladendem Reisewetter ein, denn es stürmte heftig aus Südwest, und sobald man ins Freie trat, erstarrte man vor Kälte. Durch die Talsenkung des Basch-köll strich der Wind wie durch einen Flintenlauf. Die Kosaken, die sich wie Polarreisende eingehüllt hatten, nahmen unsere Jagdgewehre mit. An dem Ausfluge beteiligten sich außerdem nur Faisullah, Ördek und Pavan Aksakal (der weißbärtige Jäger), ein hochgewachsener, heiterer Greis aus dem Dorfe Jangi-köll, der bald einer unserer besten Freunde wurde und alles tat, um sich uns aufs beste nützlich zu machen. Die Karawane bestand aus vier Kamelen, auf denen wir abwechselnd ritten. Die Hunde Maschka und Taigun begleiteten mich zum ersten Male.

Meine Ausrüstung war so einfach wie nur möglich: eine kleine Kiste mit den notwendigen Instrumenten, Kodak, Fernglas und Küchengeschirr; ein Bündel Kissen, Filzdecken und Pelze bildeten mein Bett. Das Gepäck wurde in der kleinen Fähre hinübergebracht, die stets, solange es noch offenes Wasser gab, die Verbindung zwischen beiden Ufern aufrechterhielt und so fleißig benutzt wurde, daß wir eigens einen Loplik als Fährmann anstellen mußten. Die Kamele wurden auf dem rechten Ufer beladen; dann zogen wir nach dem Dorfe Jangi-köll. Ein Vorrat von Eis wurde mitgenommen, denn das Wasser des Basch-köll ist salzig, seit sein Kanal vor 10 Jahren abgesperrt wurde.

Das jetzt 20 Familien zählende Dorf lag früher am Kanale des Jangi-köll, als aber vor acht Jahren elf Einwohner an den Pocken starben, zogen die Überlebenden nach der Mündung des Basch-köll und nahmen den Dorfnamen mit. Erkrankt jemand an den Pocken, so ergreift alles, was in der Nähe ist, die Flucht.

Unsere Reise ging längs des Südostufers des Basch-köll weiter. Dieser war am Rande schon so fest zugefroren, daß er gerade einen Mann tragen konnte; im übrigen glich die Eisdecke einer sehr dünnen, schwankenden Scheibe, und in der Mitte des Sees sah man noch große, offene Stellen klaren, blauen Wassers, das jetzt in Wellen ging und den Eisrand zerfetzte. Daß der See nicht ganz zugefroren war, kam von seinem leichten Salzgehalte.

Einige Enten und Schwäne draußen auf dem Wasser hatten wohl das Fortziehen vergessen. Der See ist 20 Kilometer lang und an einigen Stellen nur einen, selten zwei Kilometer breit. Er zieht sich ganz gerade nach Südsüdwest hin und gleicht einem in die Sandwüste einschneidenden Fjord; in seinem fernen Hintergrunde erheben sich die Dünen kaum über den Horizont. Das Seeufer reicht jedoch nicht bis an die Basis der Dünen heran; ein Gürtel von sehr langsam abfallendem Erdreich liegt zwischen beiden und besteht aus mit Sand untermischtem Schlamm, in welchem man um die Sommerzeit einsinkt, der aber jetzt festgefroren war. Wenn man den Kanal, der vom Flusse nach dem See führt, jetzt öffnete, würde das Wasser um Manneshöhe steigen und diesen tiefliegenden Gürtel überschwemmen. Am Ostufer, wo wir wanderten, fallen die Dünen steil ab, am Westufer aber steigen sie treppenförmig auf, welches Verhältnis seinen Grund in dem im ganzen Loplande vorherrschenden östlichen Winde hat.

In einiger Entfernung vom Ufer sah man einige Brunnen, welche Schafhirten aus Jangi-köll gegraben hatten, weil das Brunnenwasser weniger salzhaltig sein soll als das des Sees. Diese Hirten besuchen auch von Zeit zu Zeit die Steppen am Kontsche-darja.

Wir machten am Südende des Sees, wo es gutes Brennholz gab, Halt, und das Biwak unter freiem Himmel — wir hatten kein Zelt mitgenommen — war wirklich gemütlich. Was machten wir uns daraus, daß es in der dunkeln Nacht um uns herum stürmte. Wir hatten in der Dunkelheit einen gewaltigen Arm voll trockener Tamariskenzweige gesammelt. Die Kosaken hatten ein vortreffliches, aus Rebhühnern, Reispudding und Tee bestehendes Mittagessen bereitet, und nachdem ich die auf dem Marsche gemachten Beobachtungen in das Tagebuch eingetragen hatte, legten wir uns schlafen, von dem Zufußgehen ziemlich müde. Sirkin deckte mich so sorgfältig zu, daß ich mir wie ein in Papier eingewickelter Hering vorkam.

Am nächsten Morgen war die ganze Landschaft mit einer gewaltigen Reifschicht überzogen, und die Dünen sahen wie beschneit aus. Die aufgehende Sonne drang nicht bis zu uns, sie wurde von den mächtigen Dünen im Osten verdeckt, und es war ein etwas ungemütliches Aufstehen, da wir 8 Grad Kälte hatten.

Im Süden des Sees steigt der Sand in nicht allzu steilen Absätzen an, und die Vegetation hört mit einem Schlage auf. Von der Höhe sieht man im Westen eine Bodeneinsenkung (Bajir), die etwa 1 Kilometer lang und ½ Kilometer breit sein mochte, mit feuchtem, unfruchtbarem Salzboden in der Mitte und vereinzelten Grasbüscheln am Rande. Sie hat die Form eines Kessels, da sie auf allen Seiten von kolossalen, steilen Dünen umschlossen ist, und gleicht dem Boden eines alten Sees, den der Flugsand sorgfältig zu vermeiden scheint.

Im Süden und Südwesten erscheint ein Meer von Sand mit außerordentlich markierten Protuberanzen oder kulminierenden Anhäufungen von Dünen, die den Wellen des Ozeans gleichen. Man kann sich vorstellen, daß in den zwischen ihnen liegenden Tälern zahlreiche Bajire liegen müssen. Die Protuberanzen sind hier näher aneinander als in den westlichen Teilen der Takla-makan, und oft sind die Dünen auf beiden Seiten steil, was eine Folge wechselnder Winde ist. Jedoch zeigen die großen Sandwogen, daß der Ostwind vorherrscht und kräftiger ist als alle anderen. Nachdem ich einen Überblick über das Terrain erhalten hatte und zu der Überzeugung gelangt war, daß dieser Punkt sich nicht eignete, um von hier aufzubrechen, da die Bajir des Basch-köll uns nur eine kurze Strecke weit bequemen, ebenen Boden bot, beschloß ich, für die große Wüstendurchkreuzung einen anderen Ausgangspunkt zu wählen und längs des Sees Jangi-köll nach Tura-sallgan-ui zurückzukehren.

Wir wandten uns also nach Osten, in welcher Richtung die steilen Seiten der Dünen uns zugekehrt lagen. Wir mußten über alle diese abschüssigen Treppenstufen hinüber und machten lange Umwege, um die Kamele über die Riesenwelle, welche die beiden Seebecken scheidet, hinüberbringen zu können. Die Tiere hatten vor dem unsicheren Boden Angst, und über die höchsten Pässe rutschten zwei von ihnen auf den Knien, wohl um dem Boden näher zu sein, wenn sie fallen sollten.

Während die Karawane weiterzog, führte mich Pavan Aksakal auf eine gut 100 Meter hohe Düne hinauf, die das ganze Land weit umher beherrschte und von der aus die Kamele in der Tiefe wie kleine Käfer aussahen. In der südwestlichen Verlängerung des Jangi-köll zeigten sich drei große, durch ansehnliche Sandmassen getrennte Bajire. Im Nordosten trat der See selbst mit graublauem, glänzendem Eise hervor und in größerer Ferne der mächtige Sandwall, der sich zwischen dem Jangi-köll und dem rechten Ufer des Tarim erhebt.

Mit Mühe lotsten wir die Kamele über einen gewaltigen Sandrücken und stiegen dann nach der großen viereckigen Bajir hinab, die dem innersten Teile des Jangi-köll am nächsten liegt. Ihr Boden ist ganz sandfrei und besteht aus konzentrischen Ringen. Zu äußerst, an der Basis der Dünen, haben wir weiche Stauberde, in welche die Tiere fußtief einsinken, dann folgt ein Ring sumpfigen Bodens, und zuletzt schneeweiße Salzkristallisationen. Im nordöstlichen Teile der Senkung finden wir einen großen und mehrere kleine Tümpel mit bitterem Salzwasser. Im Nordosten breitet sich ein Gürtel von zwei Meter hohem Schilfe aus; dort fanden wir einen vorteilhaften Lagerplatz mit einer Menge trockenen Brennholzes.

Vom See ist unsere Bajir durch eine 30 Meter hohe Sandenge getrennt, an deren Basis süße Quellen sprudeln; das Wasser derselben wird aber salzig, nachdem es sich im Grunde der Senkung gesammelt hat. Die ungewöhnliche Landschaft gewährte, vom Sandrücken aus gesehen, einen außerordentlich ansprechenden Anblick. Der Jangi-köll ist so lang und gerade, daß sein nördliches, dem Flusse zunächst gelegenes Ende, an dem es keinen Sand gibt, gar nicht zu sehen ist, und man hätte ebensogut glauben können, an einem Fjord mit dem Meere vor sich zu stehen wie an einem Wüstensee, der von gewaltigen Dünen eingefaßt wird. Das Wasser ist süß und soll höchstens 7 Meter tief sein. Es ist zwei Jahre abgesperrt gewesen und sollte, zum Besten des Fischfanges, noch sieben bis acht Jahre isoliert bleiben. Einige kleine, im Nordosten offengebliebene Stellen ließen jedoch auf unterirdische Quellen schließen. Doch der Zufluß durch sie hält nicht gleichen Schritt mit der Abnahme des Sees; daß sein Spiegel fällt, sieht man schon an den Rändern der Eisscheibe, die an den Ufern umgebogen zu sein scheinen.

Wir folgten dem Westufer nach Nordnordost. Der See hat dieselbe Form und Größe, sogar dasselbe Aussehen wie der Basch-köll und gleicht einem breiten Flusse. An einem Fischereiplatze mit Feuerspuren lag etwa ein Dutzend Kähne eingefroren am Ufer. Streckenweise wanderten wir auf dem Eise, das rein und durchsichtig wie Spiegelglas über kristallklarem Wasser lag. Bis in drei Meter Tiefe traten die kleinsten Einzelheiten auf dem Grunde hervor, und anfangs fühlte man sich unsicher, als sollte man über das Wasser einer ruhigen Bucht gehen. Es glich einem riesengroßen Aquarium mit Algen, die regungslos waren wie Korallen, und mit großen schwarzrückigen Fischen, die in den Algenbüschen schlummerten und von den Kosaken durch Stampfen aus ihrem starren Winterschlafe aufgeweckt wurden. Sie bewegten dann langsam die Flossen und zogen sich ruhig und gemächlich in die Tiefe zurück. Die kleinen Fische schossen in ganzen Schwärmen am Ufer entlang, wo das Eis 10,2 Zentimeter dick war, während es nur hundert Schritte weiter seeeinwärts bloß 3 Zentimeter Dicke hatte. Nie habe ich einen so wunderbar schönen Eisspiegel gesehen. Ich fühlte mich beinahe versucht, mich hier für den Winter niederzulassen, nur um in einer provisorischen Eisjacht über seine glatte Bahn hinzusegeln, statt mich in den mörderischen Sand hineinzuwagen!

An den Kanälen des Jangi-köll vorbei begaben wir uns längs des rechten Tarimufers nach dem Ausgangspunkte der Exkursion, wo der Fährmann uns mit seinem Fahrzeuge erwartete und Islam Bai und Parpi Bai uns in Empfang nahmen. Im Lager war alles ruhig.

Der Tagesbefehl für den 15. Dezember lautete, daß Tschernoff, Islam und Ördek zu Pferd den Seit-köll untersuchen und nachsehen sollten, ob das Land in seiner südwestlichen Verlängerung sich zum Ausgangspunkte der Wüstenreise eignete. Sie führten ihren Auftrag schnell und gut aus. Tschernoff und Ördek, die beide Rekognoszierungen mitgemacht hatten, konnten infolgedessen Vergleiche über die Güte beider Wege anstellen. Nach anderthalbtägiger Abwesenheit kehrten sie mit einer in großen Zügen entworfenen Kartenskizze über ihre Tour zurück. Meine Kundschafter versicherten, daß solcher Sand, wie wir ihn am Jangi-köll gesehen, dort weit und breit nicht zu erblicken sei und daß die Anhäufungen, welche die Bodensenkungen trennen, sogar zu Pferde passiert werden können. Von ihrem äußersten Südpunkte aus hatten sie noch einige Bajirmulden sich nach Südwest hinziehen sehen; durch diese würden uns wenigstens die ersten Tagereisen in hohem Grade erleichtert werden. Auch jetzt waren die Dünen weißbereift gewesen, und Ördek sprach den Gedanken aus, daß man bei Wassermangel seinen Durst mit Reif stillen könne. Ich vermutete indessen, daß der Reif nur in der Nähe des Flusses so reichlich sei und nach den zentralen Teilen der Wüste hin abnehmen werde.

So wurde denn beschlossen, das Seebecken des Tana-bagladi zum Ausgangspunkte der Wüstenreise zu wählen.

Bei meiner Rückkehr von der Rekognoszierung hatte sich das Aussehen des Tarim in einiger Hinsicht verändert. An der Fährstelle war jetzt nur noch ein Drittel der Breite offen, und das Treibeis hatte sich noch mehr vermindert, seit sowohl oberhalb wie unterhalb des Lagers große, ruhige Strecken des Flusses zugefroren waren. Das Wasser wurde klarer und war auf 19 Zentimeter durchsichtig, aber es war im Fallen begriffen und in einer Woche 24 Zentimeter gesunken, so daß die Eisfläche eine Schale mit klaffenden Rissen bildete.

In Tura-sallgan-ui verbrachte ich wieder ein paar herrliche Ruhetage, und die Hütte wurde zu einer behaglichen Wohnung eingerichtet. Das innere Zimmer, wo meine Kisten, Instrumente, Schreibsachen usw. geordnet wurden und das von dem äußeren durch einen von einem Dachbalken herabhängenden, dicken Vorhang von rotem Filz getrennt wurde, war jedoch nicht warm zu bekommen. Inmitten all dieses trockenen Schilfes wagte ich nicht einen Ofen aufzustellen, da es nur einiger Funken aus seinem Rohre bedurfte, um das Ganze in Brand zu setzen. Daher wurde in die Hinterwand des Gemaches eine Tür gebrochen und unmittelbar vor dieser das Zelt aufgeschlagen; hier war die Benutzung des Ofens nicht mit Feuersgefahr verbunden. Die Außenseite des Zeltes wurde zusammengenäht, und rundherum schütteten wir einen Wall auf, um alle Zugluft abzusperren. Hier wurde mein Bett ausgebreitet; auf einem Tische hatte ich einige Arbeitsgeräte usw. Ich residierte demnach in einer Wohnung von drei Zimmern und fühlte mich in meinem eigenen Dorfe so wohl, daß es einer guten Portion Energie bedurfte, um alles zu verlassen und das Weihnachtsfest in der Wüste zu feiern.

Doch wer konnte der „Urus Tura“ (der russische Herr) sein, der sich unseren Gegenden nähern sollte? Da ich wußte, daß Charles Eudes Bonin von China aufgebrochen war, um den Kontinent über Sa-tscheo, Lop und Urumtschi zu durchqueren, nahm ich an, daß er es sein müsse, und schickte ihm daher einen Eilboten entgegen, mit der Einladung, zu mir zu kommen und bei mir zu wohnen. Dieser Auftrag wurde Parpi Bai anvertraut, weil es Bonin interessieren mußte, einen Mann zu sehen, der den Prinzen von Orléans und Bonvalot auf ihrer Reise durch Tibet begleitet hatte und der Zeuge der Ermordung von Dutreuil de Rhins gewesen war.

Am Abend des 16. kam Parpi Bai mit einer von französischer Artigkeit überfließenden Antwort wieder. Bonin — er war es in der Tat — war in dem 10 Kilometer nördlich von unserem Dorfe gelegenen Örtäng (Gasthause mit Posthalterei) von Dschan-kuli angekommen. Bei hellem Mondschein ritt ich dorthin und fand den berühmten Reisenden, von seinen anamitischen, französisch sprechenden Dienern umgeben, in einer Gaststube, die ein mitten auf dem Fußboden brennendes Feuer mit Rauch erfüllte.

Auf einer langen Reise durch öde Gegenden kann es nichts Angenehmeres geben, als einen Europäer zu treffen. Jetzt war es mehr als je der Fall, denn Bonin war ein reizender, heiterer, witziger und gelehrter Herr, und es war für mich ein unvergleichliches Vergnügen, seinen interessanten Erfahrungen und Hypothesen zu lauschen. Er hatte eine alte Pilgerstraße über den Astin-tag nach Tibet gefunden und eine ehemalige Heerstraße, die von Sa-tscheo nach der Gegend führte, wo der alte Lop-nor gelegen hatte, und in betreff der Wanderung dieses Seebeckens hatte Bonin dieselben Ansichten wie ich.

Bonin lud mich zu einem vortrefflichen Abendessen ein; am folgenden Morgen nach dem Frühstück begaben wir uns nach Tura-sallgan-ui, wo wir einen außerordentlich gemütlichen Tag verlebten (Abb. 56). Mein französischer Gast nahm mit großem Interesse das Dorf und seine Sehenswürdigkeiten, die Hütten, den Klub und den Hafen mit den eingefrorenen Booten in Augenschein. Die ganze Karte über den Tarim mit seinen zahllosen Krümmungen passierte Revue, und als der Mond aufging, machten wir sogar eine kleine Bootfahrt zwischen dem Treibeise.

59. Sandsturm in der Wüste. (S. 152.)
60. Abstieg über den steilen Abfall einer Sanddüne. (S. 155.)

Doch als der Abend kalt wurde, lud ich meinen Gast in das Zelt ein, und nun wurde im Ofen so eingeheizt, daß es in dem eisernen Rohre krachte. Ein „lukullisches“ Mahl wurde aufgetragen und alles, was das Haus vermochte, hergegeben, alle Speicher und Vorratskammern gebrandschatzt. Die Hauptgerichte waren schwedische Kaisersuppe, tatarischer Schißlick und turkestanischer Reispudding, dann folgte eine ganze Reihe Konserven, die wir mit dem Inhalte der einzigen, meinen ganzen Weinkeller bildenden Flasche, die Oberst Saizeff in einem unbewachten Augenblick in eine meiner Kisten eingeschmuggelt hatte, anfeuchteten; nach dem Essen gab es Tee und Zigarren. Es war der vergnügteste Abend, den ich im innersten Asien verlebt habe; erst nach Mitternacht endete das Gelage, das auch durch Tafelmusik verschönt wurde; Bonin machte es sich im Zelte bequem, und ich übernachtete im kalten „Salon“.

Am Morgen des 18. fuhr Bonins weitgereister chinesischer Karren vor; die Abschiedsstunde schlug, und wir trennten uns: er, um in sein Vaterland zurückzukehren, ich, um in der Tiefe der Wüste zu verschwinden. Er hatte sein gut ausgeführtes Tagewerk hinter sich, vor meinem Blicke wogte in undurchdringlichem Nebel eine ganze Welt von Rätseln. Als alles fertig war, wurden Bonin und seine Diener unter der großen chinesischen Laterne, die an einem Pfahle in der Mitte des Marktes hing, photographiert (Abb. 57). Er trug einen langen, roten Mantel und ein ebenfalls rotes Baschlik und glich einem lamaistischen Pilger. Ein kräftiger Handschlag, und au revoir! Er verschwand in seinem Karren, der zwischen den Gebüschen fortrollte. So war ich denn wieder allein, aber ich bewahrte unser Zusammentreffen als eine der angenehmsten Episoden der ganzen Reise in meinem Gedächtnis. Ein Hauch aus Europa war mit der Morgenröte über den Lop-nor zu mir gedrungen und mit der untergehenden Sonne wieder im Westen verschwunden. —

Der stolze Tarim machte jetzt seine letzten Anstrengungen, um vor dem langen Winterschlafe noch ein bißchen zu leben. Gleich oberhalb des Lagers war der Fluß jedoch schon so fest zugefroren, daß man auf dem Eise hinüberreiten konnte, und infolge der großen Wassermassen, die auf diese Weise in dem Bette gebunden worden waren, fiel der Wasserstand am Lager immerfort. Wenn dieses kompakte Wintereis an der Lenzsonne schmilzt, entsteht eine erste Frühlingsflut, die „Mus-suji“ (Eiswasser) genannt wird; diese reichliche Flut war es, die der Fähre im nächsten Jahre weiter nach Südosten verhelfen sollte.

Der 19. Dezember war für längere Zeit unser letzter Tag in Turasallgan-ui und verging unter Vorbereitungen zur Wüstenreise. Nach den Rekognoszierungen hatten wir den Tana-bagladi zum Ausgangspunkte bestimmt; doch lange hatten wir hin und her überlegt, ehe wir soweit gelangt waren. Die Eingeborenen, denen das Ganze als ein unheimliches, wahnsinniges Unternehmen erschien und die augenscheinlich nicht wünschten, daß Selbstmörder gerade von ihren friedlichen Hütten aus aufbrächen, rieten mir, die Wüste zu umgehen und die Durchquerung von Tschertschen aus nach dem Jangi-köll hin zu beginnen, und auch meine eigenen Leute fanden, daß dies ein kluger Vorschlag sei — sie könnten uns dann mit einer kleinen Entsatzexpedition entgegenkommen und von einem bestimmten Tage an, wenn unsere Ankunft bevorstehe, allabendlich auf einer himmelhohen Düne einen Holzstoß anzünden, der unsere Schritte in die rechte Richtung lenken würde. Der Gedanke an diese Fackel der Winternacht, die auf der äußersten Klippe des Wüstenmeeres brennen und wie ein Leuchtturm ihren blendenden Schein über die Dünenkämme werfen sollte, war malerisch, phantastisch und recht verlockend. Wie festlich könnte dann unser Einzug in die warmen Hütten von Jangi-köll sein, wenn wir erschöpft, auf dem Schiffe der Wüste schaukelnd gerade auf das freundlich lockende gelbe Licht zusteuerten, dessen Schein uns das Ende unserer Mühsal verkündete! Doch ich ließ mich dadurch nicht verlocken; es war besser, mit ausgeruhten Tieren und von einem festen, sicheren Punkte aus aufzubrechen, und dabei blieb es.

Mein alter erfahrener Diener aus den Takla-makan-Tagen, Islam Bai, wurde auch jetzt Karawan-baschi; die übrigen Teilnehmer waren Turdu Bai, Ördek und Kurban. Wir hatten nur sieben Kamele und ein Pferd, und von den Hunden durften nur Jolldasch und Dowlet II mitkommen, da ich die empfindlichen Windhunde der Mittwinterkälte unter freiem Himmel nicht aussetzen wollte.

Eine aus Parpi Bai, Faisullah und einem Loplik namens Chodai Verdi nebst drei Kamelen bestehende Hilfskarawane sollte uns die vier ersten Tage begleiten und dann nach Hause zurückkehren.

Die Kisten, die in der Hütte gestanden hatten, wurden für den Winter an Bord der Fähre gebracht, um gegen Feuersgefahr geschützt zu sein, und auf dem Dache der Dunkelkammer hatte das meteorologische Häuschen seinen ständigen Platz; dort arbeiteten der Thermograph und der Barograph ununterbrochen den ganzen Winter hindurch. Sirkin hatte es lernen müssen, mit ihnen umzugehen, und hatte seit dem 7. Dezember gründlichen Unterricht in meteorologischer Beobachtungskunst erhalten. Er wurde Oberhaupt und Leiter des Winterlagers; sein meteorologisches Journal führte er so genau, daß die Daten desselben als Stütze meiner eigenen, auf der Reise gleichzeitig ausgeführten Beobachtungen von großem Werte waren. Die Kosaken, die ich blutenden Herzens als Bedeckung des Lagers zurücklassen mußte, logierten in ihrem Zelte, in das sie den Ofen setzten, erhielten zwei Jamben zur Bestreitung der Haushaltkosten und hatten Überfluß an Proviant. Sie übernahmen auch die Verantwortung für den Wachtdienst und die Pflege unserer zurückbleibenden Tiere, deren Zahl sich um drei junge Maulesel vergrößert hatte, die wir für den außergewöhnlich billigen Preis von 70 Sär bekommen hatten und die 3½ Jahre aushielten.

Die Ausrüstung wurde mit größter Sorgfalt gewählt; es galt, mit leichtem Gepäck in den hohen Sand hineinzugehen, nichts Überflüssiges durfte mitgenommen werden. Wir hatten Reis und Mehl für zehn Tage, fertiggebackenes Brot für vierzehn Tage und für ebensolange „Talkan“, geröstetes Weizenmehl, das so wie es ist verzehrt wird. Ich nahm einige Konservenbüchsen, Tee, Zucker und Kaffee mit, die Männer einen Block chinesischen Ziegeltee. Der Proviant sollte also nur bis Tschertschen reichen, wo wir unsere Vorräte leicht erneuern konnten.

In der einzigen Kiste, die ich mitnahm, lagen das Universalinstrument mit Stativ, meteorologische Instrumente, Nivellierspiegel, Kodak, Marschroutenbücher, Bandmaße, Proberöhren, Karten über Ostturkestan, eine Menge Kleinigkeiten und Kleider. Die Chronometer trug ich stets bei mir.

Am 20. Dezember morgens um 7 Uhr weckte mich Islam mit der Frage, ob wir reisen wollten, da es heftig aus Südwest stürme. Es war dies deutlich zu merken, denn das Zelt blähte sich wie ein Gummiball und der Rauch drang aus dem Ofenrohre in meine Behausung; aber der Aufbruch war auf diesen Tag festgesetzt, und es ist nicht klug gehandelt, eine einmal beschlossene Sache auf die lange Bank zu schieben. Ich aß also ein letztes Frühstück in meinem warmen Zelte, dann wurde das Gepäck nach dem rechten Ufer gebracht, wo sich die Beke und die Bevölkerung der Gegend versammelt hatten, um uns zu einem Abenteuer aufbrechen zu sehen, von dem wir, wie sie fest glaubten, nie wieder zurückkehren würden!

Das Beladen der Kamele begann. Meine Instrumentkiste, mein Bettsack und die Kiste mit dem Küchengeschirr bildeten eine Kamellast, der Hauptproviant und die Kleider der Leute eine zweite; das dritte Kamel war mit massiven Holzklötzen beladen, das vierte mit Mais für die Tiere und die drei übrigen mit Eis, das in kompakten Klumpen in Tulumen (Schläuchen von Ziegenfell) verwahrt wurde. Die drei Reservekamele hatten tüchtige Lasten, die aus lauter Holz und Eis bestanden. Alle Reisenden waren mit guten Winterkleidern und warmen Pelzen ausgerüstet.