Vierzehntes Kapitel.
Ins Herz der Wüste Takla-makan.

Mit dem Flusse zur Rechten und dem gewaltigen Sande zur Linken zogen wir gerade nach Westen. Der Tarim war auf dem ganzen Wege stromaufwärts fest zugefroren; wir verließen ihn aber bald und bogen in den Sand ein, dem Südostufer des Tana-bagladi-Sees folgend. Eine 20 Zentimeter dicke Eisscheibe bedeckte ihn; offenes Wasser war nirgends zu sehen. An unserem Ufer war die Tiefe so bedeutend, daß wir trotz des klaren Wassers nicht bis auf den Grund sehen konnten. Als wir die äußerste Seebucht im Süden erreichten, wurde eine kurze Rast gemacht; vier kleine Waken wurden in das Eis gehauen, und die Kamele durften noch einmal, das letzte Mal für längere Zeit, so viel trinken, wie sie konnten. Sie schienen zu wissen, daß sie Durst leiden würden, denn sie tranken lange und mit langem, saugendem Schlürfen. Nach jeder Wiederholung schnaubten sie und bewegten ihre weichen Lippen, daß die Wassertropfen weit umherspritzten und Eiszapfen in ihrem üppigen Winterbarte hingen. Sie waren ein wenig ängstlich davor, sich mit ihrem ganzen Gewicht über das spiegelblanke Eis zu beugen, das deshalb erst mit Sand bestreut werden mußte. Auch der kleine Schimmel von Kaschgar, die Hunde und die Männer benutzten die Gelegenheit, um sich ordentlich satt zu trinken; denn wenn wir auch für 20 Tage Eis mitgenommen hatten, konnte es dennoch sein, daß wir später mit dem kostbaren Getränke würden vorsichtig umgehen müssen.

So wurde denn dieses letzte Wasser verlassen. Wir gingen über die Dünen, welche das Seebecken im Süden begrenzen, und lagerten an einem zugefrorenen Salztümpel, in dessen nordöstlichem Teile Kamisch wuchs, in welchem die von ihren Lasten befreiten Kamele weiden durften.

In dem dichtesten Schilfe wurde ein kleiner, runder Aushau gemacht, in welchem wir uns niederließen, vor dem Winde geschützt, aber nur mit dem Himmel als Dach. Von dürrem Schilfe wurde ein Feuer angezündet das dann haushälterisch mit Spänen von dem ersten Holzklotze genährt wurde. Parpi Bai war Koch. Er wusch den Reis, legte ein Stück Fett in den Topf, in dem kleine Fleischstücke, Zwiebel und Suppenkraut kochten, streute den Reis hinein und fügte eine Kanne Wasser hinzu, worauf er den Topf mit einem Deckel zudeckte; der Pudding muß kochen, bis das Wasser teils verdampft, teils in den Reis eingezogen ist; so wird ein orthodoxer Reispudding bereitet. Einige nette Lopleute, die uns aus eigenem Antriebe begleitet hatten, überraschten uns abends mit je einem Armvoll Brennholz und Eis. Wir brauchten also unsere eigenen Vorräte von diesen beiden wichtigen Dingen nicht gleich am ersten Abend in Anspruch zu nehmen.

Als ich am folgenden Morgen aus meinem Bette kroch, tobte noch immer der Sturm aus Südwest, aber die natürliche Schilfhütte schützte uns vor ihm, und das Feuer verbreitete wohltuende Wärme in dem Halbdunkel. Die Tagereise ging in jeder Beziehung gut, da das Terrain wider Erwarten günstig war. Unser Weg war uns vollständig durch jene eigentümlichen Bajirmulden vorgeschrieben, die in einer Reihe nach Südwesten laufen. Im Südwesten unseres Lagerplatzes gehen wir über eine sehr niedrige, bequeme Sandschwelle nach der ersten Bajir, an deren Anfang einige von Salzkristallisationen umgebene Salzwassertümpel liegen — wie gewöhnlich in dem Teile der Bodensenkung, der dem Flusse zunächst liegt. Die zweite und dritte Bajir waren ein wenig kleiner. Man konnte fürchten, daß dies ein Zeichen des Aufhörens der Bajire sei und wir wieder in lauter Sand wie in der Takla-makan würden waten müssen, aber die Bajir Nr. 4 beruhigte uns; sie war ebenso groß wie die drei ersten zusammengenommen. Diese Mulden, deren Boden in gleicher Höhe zu liegen und vollständig eben zu sein scheint, sind voneinander durch schmale Landgürtel getrennt.

Der Bajirboden ist selten fest; hier bestand er aus feinem, feuchtem Staube, in den die Kamele 40 Zentimeter tief einsanken, und die Wanderung war langsam und ermüdend; wir brauchten vier Minuten zu einer Strecke von 200 Meter, legten also nur 3 Kilometer in der Stunde zurück. Das erste Kamel hat es am schlimmsten, denn es muß einen Weg für die anderen auspflügen, das letzte dagegen geht beinahe wie auf einem angelegten Fußpfade, den ich auf meinem kleinen Schimmel auch benutzte. Meine Männer gingen zu Fuß, außer Parpi Bai, der auf einem Kamele oben auf einem Holzhaufen saß.

Der Gestalt nach sind alle diese Bajire einander gleich, und man findet, daß dieselben Naturkräfte sie alle gebildet haben. Denn dasselbe Relief kehrt mit bewunderungswürdiger Regelmäßigkeit wieder. Sie erstrecken sich von Nordosten nach Südwesten und sind im allgemeinen nur einen Kilometer breit. Wir wandern stets an einem der „Ufer“ hin, weil der Boden da, wo der Sand in den Staub übergeht, am härtesten zu sein pflegt. Gleich den Seen sind sie überall von Sand umgeben, aber die Dünen des südöstlichen Randes bilden eine fortlaufende zirka 33 Grad steil abfallende Wand, während im Nordwesten die Luvseitenabhänge der Dünen langsam zu einer Kulmination ansteigen, an deren Westfuße man sicher darauf rechnen kann, noch eine Bajir zu treffen. Es versteht sich von selbst, daß die von uns eingeschlagene Richtung die einzig mögliche war; sie mußte uns gerade auf unser Ziel, das Dorf Tatran am Tschertschen-darja, eine Tagereise unterhalb der Stadt Tschertschen führen. Nach Osten oder Westen zu gehen, ist in dieser Wüste sogar für einen Fußgänger beinahe ganz unmöglich.

Wir schreiten schwer und langsam beim Klange der Glocke des letzten Kameles dahin. Die Landschaft ist unsagbar tot und öde; selbst die Sandwüsten auf dem Monde, wenn es solche gibt, können nicht jeglichen organischen Lebens barer sein als diese hier. Es ist nichts, absolut nichts vorhanden, was darauf schließen ließe, daß hier je Leben in irgendeiner Gestalt existiert habe. Nur die Spuren der drei Kundschafter, die ich ausgeschickt hatte, bewirkten eine Unterbrechung der leblosen Einförmigkeit; auch sie hörten bald auf (Abb. 58).

Kurz vor dem Ende der Bajir Nr. 4 machten wir Halt — Lager Nr. 2 —, aber jetzt fehlte uns die Schilfhecke, und wir waren dem wirbelnden Flugsande völlig preisgegeben. Die Kamele wurden angebunden, damit sie nicht ihrer Gewohnheit gemäß nachts nach den üppigen Weideplätzen am Flusse durchbrannten. Zwei kleine Feuer wurden angezündet; es waren unser zu viele, um an einem Feuer Platz zu finden.

Das große, alles beherrschende Gesprächsthema ist: wie weit erstrecken sich diese gesegneten Mulden? Denn so weit sie reichen, hat es keine Not. Ich erklomm die nächste hohe Düne. Die Landschaft, die sich nach Osten hin aufrollt, ist geradezu unheimlich; dem Blicke begegnen auf dieser Seite nur die steilen Abhänge auf den südöstlichen „Ufern“ der Bajire, und man sieht nur ein aufgeregtes Sandmeer in riesenhaften Wogen, die im Begriffe gewesen zu sein scheinen, gerade auf den Zuschauer loszurollen, aber unterwegs erstarrt waren und jetzt nur eine erlösende Zauberformel abwarten, um nach Westen weiterzurauschen. Nach meinen topographischen Arbeiten von der vorigen Reise mußten wir bis Tatran 285 Kilometer haben, also beinahe doppelt so weit wie von den Seen des Masar-tag nach dem Chotan-darja, welche Entfernung hingereicht hätte, eine ganze Karawane zu töten! Islam und ich, die jene Reise nie vergessen konnten, sahen nur zu wohl ein, wie gewagt diese neue Wüstenwanderung tatsächlich war.

Man bedenkt sich erst noch, ehe man aus den Pelzen kriecht, wenn ein frischer westlicher Buran weht und die Luft mit Flugsand erfüllt ist, so daß sich das Tageslicht in Dämmerung verwandelt und wenn es obendrein −11 Grad kalt ist. Auf dieser ganzen Expedition, die zwei Monate dauerte, schlief ich jede Nacht, außer in Tschertschen, unter freiem Himmel, was mir in keiner Weise schlecht bekam. An den Holzspänen und Eisstücken wurde schon jetzt gespart.

Parpi Bai war kränklich, und ich wollte ihn schon vom Lager Nr. 2 zurückschicken, aber er konnte in seinem schweren Pelze nicht gehen und Tura-sallgan-ui in einem Tage nicht erreichen; eines der Kamele mußte sich seiner erbarmen. Es war die einzige meiner Wanderungen, an der er teilnahm; seine Tage waren gezählt.

Heute wurden 22,4 Kilometer zurückgelegt, größtenteils auf ebenem Bajirboden; die Sandengen zwischen den Mulden wurden nach und nach höher und breiter. Das einzige nicht recht Gute war, daß die Depression sich fortlaufend nach Südwesten erstreckte; hielt diese Richtung an, so würden wir in das grenzenlose Sandmeer hineingeraten und in die diagonale Richtung nach Nija hinüber gezwungen werden, was mehr wäre, als eine Karawane auch unter den günstigsten Verhältnissen würde aushalten können. Andererseits aber wäre es töricht gewesen, von der von den Bodensenkungen vorgeschriebenen Richtung abzuweichen, denn ein günstigeres Terrain konnte man sich in einer Sandwüste nicht wünschen.

Die schwindelnd hohen, unendlichen Sandmassen, die sich in diesem Teile des inneren Ostturkestan ausbreiten, gleichen in ihrer Anordnung einem Netze, in dessen Maschen die Bajire liegen. Wo wir auch vom Flusse aus die Reise angetreten hätten, stets wären wir in eine ununterbrochene Rinne von Mulden hineingeraten, die alle auf derselben Linie nach Südsüdwesten liegen. Die Depressionen erleiden schon jetzt eine deutliche Veränderung. Ihr Boden wird härter und bequemer für die Kamele, trockener und sandreicher. Ferner tauchen an den „Ufern“ Lehmränder in Gestalt von 1½ Meter hohen Tafeln und Terrassen oder nur unter dem Sande hervorspringenden Leisten auf; sind sie kein Gebilde der Winderosion, so können sie ihre Entstehung nur dem Wasser verdanken; sie gleichen uralten Uferlinien, die auf Seen oder Flüsse schließen lassen. Für die Annahme, daß die Bajirmulden alte Seedepressionen anzeigen, spricht ihre Beckenform und die konzentrisch angeordneten Gürtel von Terrassen aus mit Salz gemischtem Staube (Schor) und Salz, welches Aussehen auch die jetzigen Uferseen Jangi-köll, Basch-köll, Tana-bagladi usw. erhalten würden, wenn sie austrockneten.

Ich selbst neige mehr zu dem Glauben, daß wir jetzt auf dem Grunde eines riesigen Binnensees wanderten. Dafür sprechen die Niveauverhältnisse des ganzen Tarimbeckens, die Stromrichtung des Tarimflusses und des Tschertschen-darja und die Lage der Bajirketten; denn jede Bajirreihe bildet einen Bogen, dessen Mittelpunkt zwischen dem alten Lopsee und dem Kara-koschun, wo wir auch die tiefste Depression des Tarimbeckens finden, gelegen ist.

Von der sechsten Bajir an wurde der Boden so, daß man die Depression an jedem Punkte überschreiten konnte; die vorhergehenden waren in ihren inneren Teilen so weich und tückisch gewesen, daß man in ihnen spurlos hätte versinken können, wenn man sich zu weit vom Rande entfernt hätte. Ein interessanter Fund wurde in der Bajir Nr. 8 gemacht: einige poröse spröde Skeletteile von einem wilden Kamele.

Im Lager Nr. 3 wurde versuchsweise ein Brunnen gegraben, der schon auf 1,2 Meter Tiefe reichlich Wasser von +4,8 Grad gab, es war aber bitteres, konzentriertes Salz. Der Boden ist nirgends gefroren, obwohl die Feuchtigkeit bis an die Oberfläche reicht; er ist aber auch überall stark mit Salz vermischt.

23. Dezember. Heute weckte uns wieder ein richtiger Buran. Der Himmel war mit Wolken bedeckt und die Luft so mit Flugstaub gesättigt, daß die Landschaft, wenn man diese Heimat der Todesstarre so nennen kann, auf einige hundert Meter Entfernung verschwand und nur die nächsten Gegenstände seltsam und unheimlich hervortraten (Abb. 59). Die einzigen menschlichen Gäste, welche diese Wüste je gehabt, erstaunten darüber, daß der Flugsand, der besonders während der Frühlingsstürme in Menge treiben muß, die Bajire nicht ganz und gar ausfüllt und sie ganz von der Erdoberfläche vertilgt. Doch in Wirklichkeit scheint jedes Sandkorn ebenso treu, wie der elektrische Strom durch sein Kabel eilt, gewissen Bahnen zu folgen, die ihm nicht erlauben, sich in den Depressionen niederzulassen, sondern es zwingen, sich auf einem der Dünenabhänge niederzulassen. Es ist, als scheute der Sand die nackten Flächen. Natürlich werden diese Verhältnisse vom Winde diktiert.

Vom Lager Nr. 3 wurde die Richtung der Bajirreihe Südsüdwest, und ich hielt immerfort den Kurs auf das Dorf Tatran. Es war jedoch deutlich, daß wir uns immer höher werdendem Sande näherten; schon jetzt wuchsen die Engen zwischen den Bajiren an Höhe und Breite, und wir gingen längere Strecken in diesem Sande als auf ebenem, nacktem Boden. Ein paarmal suchten wir sogar vergebens nach einer Bajir; wir waren offenbar vom Wege abgekommen und hatten uns auf Protuberanzen zwischen Depressionen, die wir in der dicken Luft nicht sahen, verirrt. Die Karawane mußte Halt machen, während wir einen Übergang suchten und darauf die anderen anriefen.

61. Das endlose Wüstenmeer. (S. 159.)
62. Karawane auf dem Astin-joll. (S. 174.)
63. Hirtenhütten in Schudang. (S. 176.)
64. Das alte Bett des Tschertschen-darja. (S. 182.)

Die Bajire 9–12 waren tief wie Kessel, aber so klein, daß sie unsere Wanderung wenig erleichterten, um so mehr, als ein System von kleinen Dünen in der Richtung von Nordosten nach Südwesten ihren Boden kreuzte. Als wir die zwölfte Depression gekreuzt hatten, sah es bedenklich aus; wir keuchten lange auf dem Wege über die nächste Schwelle, die kein Ende nehmen wollte, und die Kamele blieben immer öfter stehen; aber schließlich erreichten wir den höchsten Rücken, der uns einen angenehm überraschenden Anblick bot: vor uns und tief unter uns dehnte sich die dreizehnte Depression aus; ihr Boden war ganz sandfrei, und ihr anderes Ende verschwand im Staubnebel; sie mußte uns also ein gutes Stück weiterhelfen. In der Mitte dieser großen Bajir erhoben sich einzelne Terrassen von Tonerde in horizontalen Schichten, aus der Ferne Häuser- und Mauerruinen gleichend.

Wir lagerten zwischen zwei solchen Blöcken. Solange der Kochtopf und die Teekanne auf dem Feuer brodeln, hocken wir alle um dasselbe herum; nach dem Abendessen plaudern die Muselmänner über die Aussichten für den nächsten Tag, während ich beim Scheine einer Laterne meine Aufzeichnungen mache. Nur drei Holzstücke dürfen in jedem Lager draufgehen, zwei am Abend und eines am Morgen, sonst würde der Vorrat nicht zwei Wochen reichen.

Der Sturm legte sich während der Nacht, und als ich in aller Frühe aus meinem Pelzneste guckte, warf der Mond seine silberglänzenden Strahlen auf unser stilles Lager, wo alle fest schliefen und nur die schweren Atemzüge der Kamele das tiefe Schweigen unterbrachen. Ich mußte daran denken, daß der Mond, wenn er überhaupt die Fähigkeit besäße, auf menschliche Weise zu sehen und zu reflektieren, sich sehr über die armen Würmer wundern würde, die sich in den ewigen Sand hinein verirrt haben und die in ihrem Trotze über Teile der Erdoberfläche ziehen, die nicht für Menschenkinder geschaffen sind. Ich dachte mit Neid an seinen erhöhten Platz im Weltraume, der ihm nicht nur auf dieses Sandmeer im innersten Asien hinabzusehen erlaubte, sondern auch auf mein Heim im Norden, nach welchem meine Gedanken gerade an diesem Abend mit ganz besonderer Sehnsucht eilten, war doch heute der heilige Abend.

Müde von dem anstrengenden Sandmarsche des gestrigen Tages schliefen wir uns alle gemütlich aus, und die Sonne stand schon über den Kämmen der Dünen, als ich am Morgen erwachte. Alle Wolken und aller Flugstaub waren fortgezaubert worden, und das Sandmeer um uns herum glühte wie ein Lavastrom. Die Kamele, die stets dicht zusammengedrängt lagen, um sich aneinander zu wärmen, warfen lange, grelle Schatten auf den Boden, jenen seltsamen, öden Boden, auf dem man ein hilfloser, linkischer Gast ist und den zu betreten man sich kaum berechtigt fühlt. Es ist, als gehörte er einem anderen Planeten an.

Jetzt wurde es im Lager lebendig; das Gepäck wurde wieder geordnet, aber die Auslese war schon so gründlich getroffen, daß nichts mehr entbehrt werden konnte. Parpi Bai, Faisullah und Chodai Verdi kehrten mit den drei Reservekamelen zurück. Es war die Rede davon, daß Kurban mit ihnen ziehen sollte, aber er war so heiter und vergnügt, daß das Weihnachtsfest ohne ihn noch einsamer geworden wäre, weshalb er bleiben durfte. Die Leute schienen ebenso verhext zu sein wie ich, sie wollten alle mit durch die Wüste.

Die Zurückkehrenden erhielten ein paar Eisstücke, einen Holzklotz und einige Brotfladen, eine sehr knappe Beköstigung für den heiligen Abend; sie sollten die Entfernung in zwei Tagereisen zurücklegen und versuchen, den Seit-köll zu erreichen, welcher von hier aus der nächste Punkt war, an dem es Wasser gab. Im Sande waren unsere Spuren verweht, in den Bajiren würden sie jahrelang erhalten bleiben. Gefahr war nicht vorhanden; wohin sie sich auch nach Norden wendeten, stets würden sie an den Tarim gelangen. Es war mir eine Beruhigung, sie in Sicherheit zurückkehren zu wissen, und auch für uns war ein großer Vorteil dabei; der Wasservorrat würde nun länger reichen, da sechs Personen weniger davon zehrten. Bald entschwanden sie unseren Blicken wie schwarze Punkte auf dem Gipfel der nächsten Sandenge.

Unsere sieben übrigen Kamele wurden nun mit schweren Lasten beladen, die jedoch mit jedem Tage leichter werden sollten. Bis der Proviant sich nicht bedeutend verringert hatte, durfte keiner reiten.

Rasch durchschritten wir den Rest der dreizehnten Bajir. Ihr Boden ist leicht gekörnt, knisternd, hart und trocken, hier und dort mit einer dünnen, reifähnlichen Salzschicht bedeckt. Doch gräbt man nur ein paar Dezimeter tief, so stößt man auf ein ziemlich mächtiges Lager von gediegenem Salze, das deutlich das Bett eines verschwundenen Salzsees anzeigt. Die Tafeln und die Terrassen, die selten mehr als 2 Meter Höhe erreichen, sind mit einer völlig horizontalen Schicht von gelbrotem, beinahe steinhartem Tone von ein paar Dezimetern Dicke bedeckt.

Die fünfzehnte Bajir war im Südwesten von gewaltigem Sand abgeschlossen. Wir arbeiteten uns hinauf; es war eine harte Anstrengung für die Kamele, diese zahllose Folge von Abhängen hinauf und hinunter zu überwinden.

Ich ging zu Fuß voraus, aber von einer Bajir war nichts zu sehen; ich hoffte eine wirklich große, ebene Fläche als Weihnachtsgeschenk zu erhalten, aber immer höher ging es hinauf in immer tiefer werdendem Sande, und schließlich erkannte ich, daß ich auf die Protuberanz zwischen zwei Depressionen geraten war.

Unvergeßlich ist mir das Gefühl des Ärgers, das mich überkam, als ich von der 60 Meter hohen, abschüssigen Düne unsere sechzehnte Bajir erblickte, die wie ein kohlschwarzer Topf unter mir gähnte; ihr Boden war bis an die Oberfläche durch und durch naß, um ihren Rand herum lief ein Ring von weißem Salze und ringsumher erhoben sich hohe Dünen; es war ein Höllenpfuhl, ein Loch, das ganz gut ins Reich der Toten hätte hinabführen können.

Doch nachdem mich die Karawane eingeholt, rutschten wir an dem Sandabhange nach dieser unheimlichen Mulde hinunter (Abb. 60) und folgten, wo der Boden trug, ihrem Rande. Nach einem Marsche von 15½ Kilometer hatten wir genug und lagerten an der südlichen Dünenschwelle der Bajir.

Wie düster der Tagemarsch auch gewesen sein mag, sobald ich Halt geboten habe, wird die Stimmung immer gleich fröhlicher. Islam macht sofort mein Bett am Feuer zurecht, Kurban sorgt für mein Reitpferd, Turdu Bai und Ördek laden die Kamele ab, deren Lasten so gelegt werden, daß sie sich am folgenden Morgen bequem wieder aufladen lassen. Darauf werden die Kamele in unserer unmittelbaren Nähe angebunden, die beiden Holzklötze in kleine Scheite zerspalten, Feuer angemacht und die Eisstücke zum Schmelzen in den Eisentopf und in einen eisernen Eimer gelegt, dann bereitet Ördek den Reispudding. Das Wasser, in welchem der Reis gewaschen wird, erhalten das Pferd und die Hunde; kein Tropfen darf umkommen. Nachdem das letzte Holzscheit des Abends verbrannt ist, bleibt nichts weiter übrig, als in die Koje zu kriechen. Wenn die Kamele nicht gar zu durstig werden, haben wir noch Wasser für 15 Tage und Holz für 11 Tage.

Nie habe ich den heiligen Abend in einer düsterern, einsamerern Umgebung zugebracht. Nichts weiter als die Kälte erinnerte an dieses frohe Fest, an dem sich alle Erinnerungen aufrollen und an dem Blicke, der sich in der ersterbenden Glut des Lagerfeuers verliert, vorüberziehen. Das fröhlichste, glücklichste aller Feste verbrachte ich in einem Höllenloche, wo nur der Tod oder der Mangel jeglichen Lebens einen seiner größten Triumphe feierte. Wie Fledermäuse im Winter saßen wir zusammengekauert um das spärliche Feuer, über dessen Kohlen nur noch die letzten blauen Flammen züngelten; wir hüllten uns dichter in die Pelze, um den eisigen Pfeilen der Mittwinternacht die Spitze abzubrechen, doch der Weihnachtsengel ging an uns vorüber, obwohl ihm alle Türen weit geöffnet waren. Es war ein Weihnachtsfest der Wüste, und selbst am Pol kann es nicht einsamer verlaufen.

Während des ersten Festtages war das Terrain so günstig, daß wir 18,2 Kilometer zurücklegen konnten. Hinter der Sandenge des Weihnachtslagers kamen drei kleine Mulden, aber die Bajir Nr. 20 lag groß wie ein Tal vor uns. Ihre Längsrichtung ging gerade nach Süden, und ihre östliche Sandmauer stieg bis gegen 100 Meter hoch direkt vom „Ufer“ auf. Wenn nur Ostwinde in der Gegend herrschten, würde man diese Regelmäßigkeit verstehen, doch im Winter waren südliche und nördliche Winde häufiger, und man sollte denken, daß diese die Mulden mit der Zeit ausfüllen mußten. In der westlichen Takla-makan hatten wir nur in dem dem Chotan-darja am nächsten liegenden Teile Flecke mit freiem Boden gefunden, also in einer Gegend, wo östlicher Wind vorherrscht.

Als wir die ganze Bajirreihe hinter uns hatten, gerieten wir wieder in gewaltigen Sand hinein, auf dem es beständig bergauf ging. Auf beiden Seiten unseres Kurses sahen wir Mulden; da sie uns aber nichts nützen konnten, zogen wir auf dem höchsten Kamme der Protuberanz weiter. Wenn man auf dem Kamme selbst bleibt, wo der Sand eine feste, zusammengepackte Masse bildet, wird der Marsch leichter, doch lag der Sand an mehreren Stellen so ungünstig, daß für die schwerbeladenen Kamele mit dem Spaten ein Pfad gegraben werden mußte. Obgleich wir uns alle durch Gehen warm zu halten suchten, erstarrten wir beinahe vor Kälte in dem heftigen Südwestwinde, der keinen Augenblick nachließ. Straußenfedern vergleichbar wirbelte der Sand von den Dünenkämmen, und alles verschwand in graugelbem Nebel. Man sieht, wie die scharfen Kammlinien unter der Einwirkung des Windes ihre Lage verändern. Der Sand durchdringt alles; er juckt auf der Haut des ganzen Körpers, er knirscht zwischen den Zähnen, und noch heute fallen Sandkörner aus meinem Tagebuche, wenn ich darin blättere.

Am 26. Dezember überschritten wir nicht weniger als acht Bajire, aber sie waren alle klein und von keinem Nutzen für uns, da wir erst nach ihnen hinunter und dann auf der anderen Seite gleich wieder hinauf mußten. Es tat mir leid zu sehen, wie dies die Kamele anstrengte, aber ich hoffte, daß ihre Kräfte ausreichen würden, und ihr Lohn sollte groß sein, wenn wir erst die üppigen Weiden des Tschertschen-darja erreichten. Wir wanderten also meistens zu Fuß im Sande, und nur auf ebenem Bajirboden benutzte ich die Gelegenheit, ein paar Kilometer zu reiten.

Die Sandengen werden auf Kosten des ebenen Bodens immer höher und breiter; für uns ist es ein Glück, daß ihr steiler Abhang immer nach Süden und ihr allmählich ansteigender nach Norden liegt. Bei jeder neuen Bajir gelangen wir an den Rand einer solchen jähen Sandklippe. Ohne sich zu besinnen, lassen sich die Kamele beinahe Hals über Kopf den Abhang hinabgleiten. Der Sand fängt dann an nachzugeben und gleitet wie in einem Wasserfall hinab, in dem sie mit steifen Beinen hinunterrutschen. Sie sind schon daran gewöhnt, balancieren sicher und fürchten sich nicht mehr vor den hohen Dünenkämmen.

Islam, mein alter erfahrener Wüstenlotse, geht gewöhnlich voraus und sucht die Kurve, die unser Weg bildet, soviel wie möglich auf derselben Ebene zu halten. Auf jedem neuen Kamme, nach welchem wir uns mühsam hinaufgearbeitet haben, machen wir Halt und schauen uns um, stets hoffend, in der Richtung des Weges eine neue Bajir zu finden, sehen uns aber meistens in der Hoffnung getäuscht und folgen dann den besten Dünenkämmen.

Im Lager Nr. 7 konnte ich meinen Dienern zu ihrer Beruhigung mitteilen, daß wir schon 2 Kilometer über die Hälfte des Weges nach dem alten Bette des Tschertschen-darja hinaus waren, von dessen Vorhandensein der russische Reisende Roborowskij vor einigen Jahren hatte erzählen hören und das nach seiner Karte etwa 65 Kilometer nördlich von dem jetzigen Flußbette liegen mußte. Noch besaßen wir 2½ Kamellasten Eis, was ausreichen mußte; dafür aber war zu befürchten, daß uns das Brennholz ausgehen und uns damit die Möglichkeit genommen werden könnte, das Eis zu schmelzen.

Am 27. Dezember brachen wir früh auf; die Leute fühlten sich in dieser endlosen Wüste entmutigt und hielten es für das beste, den Marsch zu beschleunigen, um in gastfreundlichere Gegenden zu gelangen, ehe unsere Vorräte gar zu sehr zusammenschmolzen. In der Nacht sank die Temperatur unter −20 Grad, und als wir aufbrachen, war es noch −18 Grad kalt. Doch der Sonnenaufgang war schön und der Himmel klar. Das Tagesgestirn war aber noch nicht viele Grade über den Horizont emporgestiegen, als auch schon die gewöhnlichen Wolkenbänke heraufzogen, um die Nachtkälte, die die Sonne noch nicht hatte vertreiben können, auf der Erdoberfläche festzuhalten.

Nachdem ich meinen Morgentee eingenommen, brach ich, gut eingehüllt, als Vorhut auf. Es wehte nicht, und mir wurde bald so warm, daß ich den Ulster fallen ließ, damit die Karawane, die meinen Spuren folgte, ihn mitnehme. Über zahllose Kämme hinweg erreichte ich endlich die Höhe der Schwelle, wo ich überlegend stehenblieb und das Terrain mit dem Fernglase untersuchte. Hinten in der Richtung des Kurses erschien eine Bajir, deren Boden ein außergewöhnliches Aussehen hatte und ganz schwarzpunktiert war. Voller Neugierde, was dies sein möchte, eilte ich von den Dünen hinab, und meine Verwunderung wurde noch größer, als ich vom Winde verwehte Kamischblätter und die Spuren eines kleinen Nagetieres fand, das nicht größer sein konnte als eine Ratte. Als ich näherkam, sah ich zu meiner Freude, daß in dieser Bajir Kamisch wuchs, wenn auch dünn und in welken, verdorrten Stauden. Doch es gab dort auch lebendes, gelbes Schilf; es hatte sich nur gegen die ebenso gelben meterhohen Dünen, welche die Bodensenkung in der Diagonale kreuzten, von fern nicht abgehoben.

Mich an dem Anblicke von Leben freuend, erwartete ich die Karawane. Die Männer waren froh, als sähen sie vor sich ein Paradies winken, und die Kamele blähten, die Weide witternd, ihre Nasenlöcher auf. Jetzt hielten wir Rat; Turdu Bai schlug vor, hierzubleiben, damit sich die Tiere ordentlich satt fressen könnten. Da wir jedoch vermuteten, daß die nächste Bajir noch besser sein würde, mußte Islam vorausgehen, um zu rekognoszieren, indes wir langsam seiner Spur folgten und die Kamele im Gehen fressen ließen. Der Kundschafter gab uns ein Zeichen ihm nachzukommen, und wir lagerten mitten in der Bajir Nr. 31, obwohl sie nicht besser war als die vorige.

Es war eine in hohem Grade unerwartete, staunenswerte Entdeckung, mitten in der Wüste, 120 bis 140 Kilometer vom nächsten Wasser entfernt, Vegetation zu finden. Daß dies nicht die äußerste „Strandinsel“ des Tarim sein konnte, lag auf der Hand, denn stark salzhaltiger Untergrund und wüstester Sand trennten uns von diesem Flusse. Ebensowenig konnte es einer der Vorposten des Tschertschen-darja sein, denn bis an diesen Fluß hatten wir noch 150 Kilometer. Vielleicht befanden wir uns in einer Gegend, welche einst der Fluß Kara-muran durchzogen hatte. Wie dem auch sei, alle lebten wieder auf, und wir sahen die nächste Zukunft in den hellsten Farben.

Die Kamele erhielten jedes seinen Eimer mit 30 Liter Wasser, das sie austranken wie unsereiner eine Tasse Tee. Es war ein tiefer Griff in unseren Eisvorrat. Die Blöcke wurden im Eisentopfe über Kamischfeuer geschmolzen, und die Lasten wurden dadurch leichter. Bei Tagesanbruch durften die Kamele auf die Weide gehen. Auch wir zogen aus dem dürren Schilfe Nutzen. Solange es noch Tag war, sammelten wir ganze Haufen davon und brauchten abends die vorgeschriebenen drei Holzklötze nicht in Anspruch zu nehmen.

Der Sonnenuntergang war an diesem Abend von einer ungewöhnlichen Farbenpracht. Die schweren Wolken, die den Himmel den ganzen Tag erfüllt hatten, verzogen sich; sie waren oben grauviolett mit einem goldglänzenden Rande, aber ihre Unterseite war ebenso schmutziggelb wie die Dünen, und man glaubte, das Spiegelbild der Wüste am Himmelsgewölbe widerscheinen zu sehen.