Mit einer Beschreibung des Netzes der Wasserwege, welche die Landstrecken durchkreuzen, über die wir den Rückzug nach Jangi-köll antraten, werde ich den Leser nicht ermüden. Eine verwickeltere, verworrenere Hydrographie läßt sich nicht denken. Namen, die auf „köll“, „tscholl“, „daschi“, „akin“, „kok-ala“ (= See, Tümpel, Salztümpel, Strom, Flußarm) endigen, kommen unausgesetzt vor, selbst da, wo das Land jetzt trocken liegt.
Das Dorf Scheitlar zählt drei Familien, die von Fischfang und Schafzucht leben. Eine alte Frau saß vor den Schilfhütten (Abb. 70) und schlug Pflanzenfasern (Tschigge, Asclepias), bis sie eine baumwollartig feine, weiche Masse bildeten, aus der ein grober, aber haltbarer Stoff gewebt wird. Sie erzählte, daß ihre Eltern am Tschiwillik-köll gewohnt hätten, der früher sehr viel größer gewesen sei als jetzt und noch der größte See sei, den die Leute hier überhaupt kennen.
Unser Weg führte jetzt nach Nordwesten. Bei Arelisch teilt sich der Kun-tschekkisch-tarim in zwei Arme, von denen der östliche nach dem obenerwähnten See geht; der westliche ist der Kok-ala, an dem wir zum Teil hingezogen sind. Die Tage werden immer frühlingshafter, obgleich die nächtliche Kälte noch auf −18,8 Grad herunterging. Am 21. Februar erreichten wir Dural, wo der Amban von Lop residiert, und am Tage darauf Tikkenlik, wo Kirgui Pavan zu mir stieß. Er war es, der mir 1896 den Weg nach den großen Seen im Osten gezeigt und mir dadurch Gelegenheit gegeben hatte, eine so bedeutungsvolle Entdeckung zu machen.
Im Lager Turduning-söresi wurden wir wieder vom Glück begünstigt. Ein Mann aus Singer im Kurruk-tag, Abdu Rehim, hatte sich dort mit acht Kamelen niedergelassen, um einige Tage im Walde zu rasten. Ich brauchte gerade für die nächste Expedition einen Führer nach dem trockenen Flußbette Kum-darja, dessen Vorhandensein sowohl der russische Reisende Kosloff wie ich festgestellt hatte, doch bisher nur dadurch, daß wir es an einigen Punkten berührt hatten. Es stellte sich jetzt heraus, daß Abdu Rehim derselbe Mann war, der Kosloff den Weg von Norden nach Altimisch-bulak gezeigt hatte, der Quelle im Kurruk-tag, die dem Kum-darja zunächst liegt.
Es war wirklich ein außergewöhnlich glückliches Zusammentreffen, daß ich gerade diesem Manne begegnen mußte, der einer von den zwei oder drei Jägern im ganzen Lande war, die nach Altimisch-bulak hinzufinden wissen. Ganz leicht ließ sich jedoch nicht mit ihm einig werden, denn er taxierte seine eigene Bedeutung ganz richtig, und als wir den Vorschlag machten, ihm seine Kamele abzukaufen, verlangte er unverschämte Preise. Islam Bai, der in seiner Art, mit seinen Glaubensgenossen umzugehen, etwas von Tamerlans rücksichtslosem Despotismus hatte, geriet infolgedessen in eine Schlägerei mit Abdu Rehim, der anfänglich den Eindruck eines Freibeuters und unbändigen Gesellen machte. Als dieser sich grollend entfernte, rief ich ihn zu mir, und nun machten wir die Angelegenheit unter vier Augen ab — ohne Handgreiflichkeiten. Er sollte mir sechs seiner Kamele für täglich ½ Sär pro Tier vermieten und mich durch das Bett des Kum-darja nach Altimisch-bulak führen, von wo er nach Singer, seiner Heimat, weiterziehen sollte. Seine Kamele trugen keine Lasten; er hatte seine Schwester und ihre Aussteuer einem Bek in Dural gebracht und kehrte jetzt mit leeren Händen wieder nach Hause zurück. Islam Bai prophezeite, daß mir dieser Mann Unannehmlichkeiten bereiten würde, aber er hatte unrecht. Einen besseren, zuverlässigeren, tüchtigeren Führer habe ich nie gehabt. Es war das erste Mal, daß ich Veranlassung hatte, mit Islam unzufrieden zu sein; es sollte aber noch schlimmer kommen.
Unsere Kamelhengste waren nach der Erwerbung dieser neuen weiblichen Gesellschaft für die Karawane kaum mehr zu regieren. Besonders ein kräftiges baktrisches Kamel war störrisch und wollte seine Kameraden unaufhörlich beißen. Es war wild geworden, und der Schaum stand ihm vor dem Munde, als sei es von einem Barbiere eingeseift worden. Es brüllte und seufzte den ganzen Weg in den sehnsüchtigsten, schwermütigsten Tönen. Sobald wir lagerten, mußte es mit dem Nasenstricke und starken Verschnürungen um die Füße an einer Pappel verankert werden.
Auf dem letzten Tagemarsche (24. Februar) begegneten uns ganze Scharen von Dorfbewohnern der Gegend, Beke mit Gefolge, Kundschafter und Kuriere. Alle waren ebenso froh wie erstaunt, uns lebendig wiederzusehen, nachdem wir spurlos und still in der Tiefe der Wüste verschwunden waren. Noch feierlicher aber war es, als drei Kosaken auf schwarzen, schnaubenden Pferden heransprengten. Es waren Sirkin und die beiden neuen Kosaken aus Transbaikalien; sie waren wie zur Parade gekleidet, in dunkelgrüner Uniform, das Wehrgehenk über der Schulter, mit schwarzen Lammfellmützen und blanken Reiterstiefeln! Trotz ihrer ausgeprägt mongolischen Züge sahen sie auf ihren hohen Pferden, die sie mit überlegener Sicherheit lenkten, stattlich aus. Ich kam mir neben ihnen ganz zerlumpt vor. Sie hielten vor mir, grüßten militärisch und statteten in vorschriftsmäßiger Weise Rapport ab.
Sirkin, der Höchstkommandierende im Winterquartier, meldete, daß ein Kamel durchgebrannt und einer der Windhunde auf der Jagd von einem Wildschweine schwer verwundet worden sei; im übrigen stehe im Lager alles gut. Der älteste der beiden neuen Kosaken rapportierte, ihm und seinem Kameraden sei von ihrem kommandierenden General in Tschita Befehl erteilt worden, sich zu mir nach dem Loplande zu begeben.
Dann hielten wir unseren festlichen Einzug in Tura-sallgan-ui, wo Tschernoff und eine große Anzahl unserer Nachbarn sich auf dem Markte versammelt hatten (Abb. 71). Das Lager sah größer aus, der Stall hatte einen Anbau, und ein neues Zelt war aufgeschlagen. Alles war sauber und zu unserer Heimkehr geschmückt, mein Haus gereinigt und der Ofen im Zelte geheizt. Alle befanden sich wohl, die Maulesel waren dick und fett, und die Kamele und das Dromedar hatten an Umfang zugenommen, aber wild waren sie, namentlich das letztere, das auf eine „unterirdische“, unheimlich dumpf rollende Weise brüllte, mit den Zähnen knirschte und schäumte, daß ihm der Geifer in großen Flocken vom Maule herabtropfte; es rollte die Augen und versuchte zu beißen. Wehe dem, der ihm zu nahe kam! Es duldete nur Faisullah in seiner Nähe. Doch seine Füße waren mit einem Tau festgebunden, das um einen in die Erde gerammten Pflock geschlungen war, und die Bestie konnte sich nicht von der Stelle bewegen.
Parpi Bai, der sich sofort, als das entlaufene Kamel vermißt worden war, aufgemacht hatte, um es zu verfolgen, kehrte unverrichteter Sache wieder zurück. Dieses Kamel, eines der fünfzehn, verschwand auf rätselhafte Weise vom Schauplatze. Es spukte nachher noch lange in der Gegend. Bald dieser, bald jener versicherte, es gesehen zu haben; es sei stets verschwunden, sobald man versucht habe, sich ihm zu nähern und es einzufangen. Parpi Bai hatte seine Spur ein paar Wochen hindurch bis nach Schinalga verfolgt, von wo das Tier ins Gebirge hinein, dann aber wieder abwärts in der Richtung nach Kutschar gelaufen war, wo Parpi Bai diesem fliegenden Holländer noch einen ganzen Tag in gestrecktem Galopp nachgesetzt war. Dann aber hatte er das Tier völlig aus den Augen verloren, und keiner der Bewohner der Gegend hatte ihm Auskunft über dasselbe geben können. Nur bei Tschadir hatte ein Jäger es gesehen, für ein wildes Kamel gehalten und gerade schießen wollen, als er den Packsattel gewahrte. In diesem Augenblick hatte das Tier seinen Verfolger erblickt und war hinter dem nächsten Berge verschwunden. Bei Schinalga war ihm ein anderer Reiter ganz nahe gewesen; als sich aber das verängstigte Kamel nur noch einen Steinwurf vor dem Lasso, den der Mann bereithielt, befand, war es auf einmal dahingestürmt, als habe es Feuer hinter sich, und war wie der Wind entflohen. Gegen Ende des Frühlings wurde uns erzählt, es sei nach dem Juldustale gelaufen und dort von Kalmücken aufgegriffen worden. Wir sahen es nie wieder.
Es ist weder vorher noch nachher je vorgekommen, daß mir ein Kamel aus der Karawane einfach entlaufen ist, aber Turdu Bai und Faisullah, die die Lebensgewohnheiten der Kamele aus langjähriger Erfahrung kannten, sagten, es komme gelegentlich vor, daß das Kamel, wenn es von Wildschweinen oder Tigern erschreckt werde, vor Angst ganz von Sinnen sei. Es sei dann so verwirrt und verängstigt und fliehe, als sei der Teufel und sein ganzer Anhang ihm auf den Fersen. Etwas Derartiges hatte augenscheinlich unser Kamel betroffen.
Daß der Tiger auch hier vorkommt, davon erhielt ich einen beinahe lebenden Beweis. Nicht weit vom Lager hatte Mirabi, einer unserer Freunde, kürzlich in einer Falle einen Tiger gefangen, der jetzt mit Haut und Haar, gefroren und steif wie ein Turnpferd, mitten auf dem Markte paradierte. Nachdem er im Frühling aufgetaut war, bewahrten wir uns das Fell auf.
Da gerade von den Tieren die Rede ist, will ich noch erwähnen, daß meine Menagerie sich um eine Katze und zwei neugeborene Hündchen, die wir von Pavan Aksakal bekamen, vergrößert hatte. Sie wurden Malenki und Maltschik (der Kleine und das Bübchen) getauft, weil sie so klein und niedlich waren. So hießen sie auch noch, als sie schon ausgewachsen und ein paar Riesen ihrer Gattung geworden waren. Sie waren in der Karawane geboren, verbrachten ihr Leben in der Karawane und wurden vorzügliche Karawanenhunde und meine besonders guten Freunde, die alle ihre Kameraden überlebten. Wir hatten jetzt auch eine Menge Hühner, die dazu beitrugen, das ländliche Bild noch gemütlicher zu machen; der Jagdfalke hatte sich eingewöhnt, und die Lailiker Gans, unsere Reisegefährtin von der Flußfahrt, hatte es in jeder Beziehung gut. Sie schien ihre früheren Verwandten vergessen zu haben und schenkte den Wildgänsen gar keine Aufmerksamkeit mehr.
Diese hatten schon im Februar angefangen, von Westen her wiederzukommen. Es sind dieselben Scharen, die wir im Herbst nach Indien ziehen sahen, in der entgegengesetzten Richtung, aber auf demselben Wege, über dieselben Seen und Flüsse hin, vorbei an denselben Pappeln und Waldgruppen, die sie seit Generationen kennen. Der Tarim ist ihre große Heerstraße, und sie scheinen selten den geraden Weg über die Wüste einzuschlagen. Sie flogen jetzt massenweise über Tura-sallgan-ui hinweg; wir hörten ihr Geschrei und ihre schnatternde Unterhaltung zu jeder Tages- und Nachtzeit, bei jedem Wetter, in pechfinsterer Nacht, wenn die Wolken Mond und Sterne hinderten, die Erdoberfläche zu erhellen; wir sahen sie am Tage bei Windstille wie bei Sturm, wenn die Sonne verhüllt war oder zwischen zerrissenen Wolken hervorguckte; sie zogen in eilender Fahrt vorbei, ohne Rast und Ruh. Die Lopleute sagten, daß dieselben Scharen Jahr für Jahr nach denselben Nistplätzen zurückkehren und gerade so wie die Loplik selbst bestimmte Gesetze über das Besitzrecht haben. Durch ihre viermonatige Abwesenheit entgehen sie der kontinentalen Kälte, die alle Seen und Flüsse verschließt.
An Wild litt ich also keinen Mangel. Täglich gingen die Kosaken auf die Jagd, und nie kehrten sie mit leeren Händen heim. Sie erlegten mehrere Wildschweine und brachten uns Fasanen, Enten und Gänse, gelegentlich auch ein Reh. Von allen Seiten erhielten wir landwirtschaftliche Erzeugnisse, Eier, Milch, Sahne, Schafe, Hühner, Heu usw., und Fische hatten wir stets im Überfluß.
Tura-sallgan-ui war ein Marktplatz, ein im ganzen Loplande bekannter Ort von Bedeutung geworden. Außerhalb unserer eigenen Grenzen entstanden kleine „Vorstädte“, in denen Tischler, Schmiede und andere Handwerker sich niederließen. Ali Ahun, ein Schneider aus Kutschar, gründete ein wohllöbliches Etablissement, in dem eine kleine Nähmaschine den ganzen Tag rasselte. Parpi Bai, der gelernter Sattler war, hatte seine Werkstatt neben dem Stalle und war damit beschäftigt, vorzügliche Packsättel für Kamele und Maulesel anzufertigen. Von Kutschar und Korla kamen Kaufleute mit Waren, die wir, wie sie wußten, brauchen konnten, wie Zucker, Ziegeltee, chinesisches Porzellan, russische Teekannen, Zeugstoffe usw. Ein Kaufmann aus Andischan baute sich hier sogar ein eigenes Haus, eine Strohhütte, deren Wände mit rotem russischem Kattun tapeziert wurden und in welcher ganze Stapel von Zeugballen, Tschapanen, Mützen und Stiefel standen, ganz wie in den Läden der Basare. Dieser „Laden“ wurde sehr beliebt, und man sah dort unsere Muselmänner und Kosaken oft plaudern, Tee trinken, rauchen und kaufen.
Und erst alle die Reisenden, die hier vorbeizogen! Die große Landstraße führte freilich über Dschan-kuli, aber der dortige Herbergsvater hatte in uns einen gefährlichen Konkurrenten bekommen, und der Weg fing allmählich an, über Tura-sallgan-ui zu gehen. Alle Reisenden wollten natürlich in unserem Dorfe übernachten; für sie war es ein willkommenes Tama-schah, beobachten zu können, wie es bei uns aussah. Reiter ritten täglich in das Dorf ein und boten auf dem Markte Pferde aus, von denen mehrere gekauft wurden.
So wuchs die Bedeutung unserer kleinen Stadt mit amerikanischer Schnelligkeit, und noch am späten Abend war es ein ewiges Kommen und Gehen und ein Lärm ohnegleichen. Die einzige Laterne des Marktes mußte brennen, bis der letzte Fremdling abgezogen war. Dann hörte man nur noch die Schritte des Nachtwächters und das Bellen der Hunde.
Während meiner Abwesenheit hatte Sirkin das meteorologische Journal mit musterhafter Genauigkeit geführt, und da es ein großer Vorteil war, einen festen Punkt für die Beobachtungen zu haben, erhielt er Befehl, es während der nächsten Exkursion fortzusetzen und auch dann Chef im Winterquartier zu sein. Tschernoff wurde zu meinem Leibkoch ernannt und bereitete kleine vorzügliche Koteletten und Pilmen (Fleischklöße). Er sollte mich auf der nächsten Reise begleiten.
Streng genommen hätte ich diese beiden Kosaken, die dem Konsulatskonvoi in Kaschgar angehörten, jetzt zurückschicken müssen, denn ich hatte nur das Recht, sie bis zur Ankunft der beiden Burjaten zu behalten. Doch ich hatte sie so liebgewonnen und gesehen, wie ehrlich und gewissenhaft sie die ihnen anvertrauten Aufträge ausführten, daß ich mich mit dem Gedanken, mich von ihnen zu trennen, nicht vertraut machen konnte. Ich schrieb daher an Generalkonsul Petrowskij und bat ihn, sich an die betreffende Behörde mit dem Gesuche zu wenden, daß ich die Kosaken noch behalten dürfe, und überzeugt, daß mein Gesuch bewilligt würde, behielt ich Sirkin und Tschernoff bis auf weiteres.
Islam Bai sollte im Lager als Oberbefehlshaber der Muselmänner bleiben. Er und Sirkin erhielten den Auftrag, sich nach meiner Abreise nach Korla zu begeben, um 25 Pferde, einige Maulesel und Proviant für die Sommerkampagne in Tibet zu kaufen.
Die beiden neuen Kosaken waren Vollblutburjaten. Ihre Sprache unterscheidet sich nur wenig vom Mongolischen, aber sie sprachen auch fließend Russisch, und während der Zeit, die sie in meinem Dienste waren, lernten sie ganz vorzüglich Dschaggataitürkisch. Der Religion nach sind sie Lamaisten, und ihre Augen strahlten vor Begeisterung, als ich ihnen einmal anvertraute, daß wir später südwärts nach dem heiligen Tibet ziehen würden.
Nikolai Schagdur und Tseren Dorschi Tscherdon (Abb. 72) waren jeder 24 Jahre alt und gehörten dem transbaikalischen Kosakenheere an, das zu nicht geringem Teile aus Burjaten besteht. Ihre Dienstzeit ist vier Jahre, von denen meine beiden Kosaken erst die Hälfte hinter sich hatten, als sie diesen außergewöhnlichen, verlockenden Auftrag erhielten, der ihnen Gelegenheit geben sollte, eine ihnen unbekannte Welt zu sehen. Ihren Sold für zwei Jahre hatten sie in 1000 Goldrubeln erhalten, denn der russische Kaiser hatte bestimmt, daß die Eskorte mich nichts kosten solle. Ich nahm indessen ihr Gold in Verwahrung, gewährte ihnen freie Station, solange sie bei mir waren, und gab ihnen nachher, außer anderen Geschenken, ihre 1000 Rubel wieder, so daß die Abkommandierung ihnen noch bedeutenden pekuniären Gewinn brachte. Aber ihre Dienste waren auch unschätzbar, und ihre Aufführung war über jedes Lob erhaben.
Sie hatten die Reise von Tschita hierher in 4½ Monaten gemacht, mit der Eisenbahn, mit der Post, zu Pferde und zuletzt in der Arba. Als Kosaken in Dienst hatten sie auf russischem Gebiete freie Reise. Die Reise war über Irkutsk, Krasnojarsk, Kuldscha und Urumtschi gegangen, an welch letzterem Orte sie von dem großen Sinologen, dem nunmehr verstorbenen Konsul Uspenskij, zwei Monate aufgehalten worden waren, weil dieser meine Spur verloren und nicht gewußt hatte, wohin er sie schicken sollte.
Nach beendeter Dienstzeit, während welcher sie in Sprache und Disziplin völlig russifiziert werden können, kehren die burjatischen Kosaken in ihre Stanitzen (Dörfer) zurück, nehmen die Tracht und die Sitten ihrer Heimat wieder an und leben hauptsächlich von Viehzucht. Schagdurs und Tscherdons Stanitza war Ataman Nikolajewska, 200 Kilometer nordwestlich von Troizkosawsk. Diese beiden Männer wären für mich in den Tod gegangen, und ich schloß mich ebenso an sie an wie an ihre russischen Kameraden. Besonders Schagdur war das Ideal eines Menschen und ein guter, treuer Diener. —
Während meines kurzen Aufenthalts in Tura-sallgan-ui war das Wetter noch recht winterlich. Schon am 25. Februar tobte der erste wirkliche „Kara-buran“. Es war schön, im Hause sitzen zu können, während der Sturm um unsere Schilfhütten heulte und unsere einzige Pappel umzubrechen drohte. Flugsand und Staub trieben über das Eis des Tarim hin, und die Dünenwand im Süden war im Nebel gar nicht zu sehen. Am 26. fiel Schnee in Gestalt von runden Körnern, die knatternd auf das Zelttuch schlugen. Die Landschaft wurde wieder kreideweiß, und die Dünenwand sah aus wie eine schneebedeckte Bergkette. Schließlich aber wurde das Wetter schön, und ich konnte mich an die astronomischen Observationen machen; für die Kartenarbeit war Tura-sallgan-ui der wichtigste Knotenpunkt der ganzen Reise.
Am 4. März stieg die Temperatur auf +7 Grad. Der feste Eispanzer des Flusses begann allmählich porös zu werden, und das Schmelzwasser stand nicht nur hoch auf dem Eise, sondern strömte auch in nicht unbedeutenden Mengen von den Ufern hinab. Die im ersten Eise festgefrorene Fähre lag infolgedessen mit ihrer Reeling in gleicher Höhe mit dem auf dem Eise stehenden Wasser und war schon halb vollgelaufen.
Wo die Stromgeschwindigkeit groß war, öffnete sich wieder eine Rinne im Eise. Sirkin und die anderen wurden ermahnt, wenn die erste Frühlingsflut komme, sehr vorsichtig zu sein. Meine Kisten sollten für den Fall, daß dem Lager eine Überschwemmung drohte, an Bord gestellt werden. Falls auch die Fähre in Gefahr sein würde, sollte sie an einen sicheren Platz gebracht werden.
Kurban, der Unglücksrabe, wurde jetzt entlassen und verschwand, sobald er seinen Lohn erhalten hatte. Der junge Spitzbube verstand, sich seine Heimreise nach Kaschgar besonders bequem einzurichten. In Kutschar war er in das Serai der Andischaner gegangen und hatte sich dort als mein Expreßkurier an den Konsul vorgestellt, worauf ihm die freundlichen Kaufleute alles, was er verlangte, gegeben hatten. In Aksu war er zu der jungen Frau eines Beks in recht intime Beziehungen getreten und hatte Prügel bekommen, war aber vom chinesischen Amban, der sicher gedacht hatte, gegen den Kurier eines Europäers müsse man klugerweise höflich sein, gut behandelt worden. Aus der letztgenannten Stadt verschwand er auf einem gestohlenen Pferde. In Kaschgar erreichte seine Frechheit den Höhepunkt, indem er dem Konsul einen ganzen Räuberroman auftischte. Er hatte den Verzweifelten gespielt und erzählt, daß er von mir beauftragt worden sei, dem Konsul eine besonders wichtige Post zu überbringen, auf dem Wege aber von Banditen überfallen worden sei, die ihm die Postsachen und alles Geld geraubt hätten. Doch Petrowskij war an Räubergeschichten gewöhnt und setzte den Jüngling hinter Schloß und Riegel, um ihm Gelegenheit zu geben, über sein hartes Schicksal nachzudenken! Weiteren Gewinn hatte er von seinem Wagestücke nicht, und die Armen, die sich unterwegs von ihm hatten beschwindeln lassen, mußten allein für ihre Unvorsichtigkeit büßen und ihre Ansprüche, so gut sie konnten, mit dem jungen Kurban ausmachen.