Fünfzehntes Kapitel.
Das endlose Wüstenmeer.

Das unfreundliche Wetter hielt noch immer an. Nach einer −21 Grad kalten Nacht erwachten wir am 28. Dezember wieder bei östlichem Winde, dicker Luft und bleischweren Wolken, an denen nicht einmal eine schwache hellere Färbung verriet, wie hoch die Sonne schon gestiegen war. Wir waren in das Land der ewigen Dämmerung hineingeraten. Auch am Kerija-darja hatte ich im Winter 1896 solches Nebelwetter gehabt; es muß wohl ein charakteristisches Zeichen des Winters der inneren Wüste sein. Man täuscht sich leicht in den Entfernungen und hält eine Bajir, in die man hinuntergekommen ist, für lang, weil ihr anderes Ende in weiter Ferne verschwindet; doch man ist noch nicht weit gelangt, so steigen schon die sie begrenzenden Dünenwände wie Gespenster aus dem Boden auf. Die Sandprotuberanzen vor uns gleichen im Staubnebel fernen Bergketten, und doch sind sie uns ganz nahe. Man täuscht sich beständig und weiß nicht, wohin man am besten seine Schritte lenkt, und auf dem Sattel wird man so vom Winde durchkältet, daß man vorzieht, zu Fuß zu gehen und das Pferd zu führen.

In der Anordnung des Sandes herrscht beständig dieselbe Regelmäßigkeit (Abb. 61). Gibt es auch sonst nichts in dieser Wüste, so treffen wir doch hier eine Kraft, die mit souveräner Allmacht aus diesem flüchtigen Material ein phantastisches Gebilde — ein Mittelding zwischen Gebirge und Meer — gestaltet. Jede einzelne Düne gibt die Form der großen Protuberanzen wieder, und die Form der Düne wiederholt sich in den unzähligen kleinen Wellen, die ihren Rücken kräuseln. Der tiefste Teil des Wellentales ist stets der, welcher der Basis der steilen Leeseite zunächst liegt, welches Gesetz auch für die Bajirmulden, die größte Wellentälerform der Wüste, gilt. Der Sand, der von granitharten Bergen stammt, muß treu denselben Gesetzen gehorchen wie das wenig beständige Wasser. Er wälzt sich in Wogen dahin, die denen des aufgeregten Ozeans gleichen; auch die seinen rollen unwiderstehlich vorwärts, nur ist die Bewegung unendlich viel langsamer.

In der Bajir Nr. 33 konnte ich ein gutes Stück vorausreiten. Mich lockte ein schwarzer Gegenstand, der sich höher erhob als das tote, vertrocknete Kamisch. Dieses ist selten mehr als ein paar Dezimeter hoch und sieht aus, als wäre es abgeweidet worden, obwohl es nur verkümmert und abstirbt, sobald seine Wurzeln nicht mehr zum Grundwasser hinabreichen. Der schwarze Gegenstand stellte sich als die erste Tamariske heraus. Noch lebte sie ein schwaches Leben, aber rund umher lagen längst abgestorbene, vertrocknete Zweige, ein willkommener Zuschuß zu unserem Holzvorrat.

Noch eine Stunde konnte ich reiten, ohne diese angenehme Bajir endigen zu sehen. Auch das Kamisch nahm kein Ende. Es lebt, ja besitzt sogar, besonders in der Nähe von Flugsand, vom Sommer her einen Anflug von Grün, ist aber auf ebenem Staubboden abgestorben. Es scheint beinahe, als sei der Sand für sein Gedeihen erforderlich oder trage dazu bei, es am Leben zu erhalten. Weitere Tamarisken sind nicht zu sehen; ich machte daher an einem Punkte Halt, wo das Schilf etwas dichter stand und gegen den Wind schützte; hier band ich das Pferd an und zündete ein kleines Feuer an.

Erst in der Dämmerung kam die Karawane herangezogen. Eines der Kamele, ein prächtiges Männchen, das beste von den fünfzehn Kaschgarern, war seit vier Tagen kränklich und ging daher langsamer als gewöhnlich. Einen Kilometer vom Lager hatten sie es, von der Last befreit, zurückgelassen, und Kurban war bei ihm geblieben. Doch, als es dunkel geworden, kam Kurban uns nach, weil es ihm allein bei dem kranken Tiere zu unheimlich geworden war. Nach dem Abendessen mußten Islam und Turdu Bai mit einer Laterne und einem Beutel voll Häcksel, der eigentlich für das Pferd bestimmt war, nach jenem Platze zurückkehren. Sie fanden jedoch das Kamel tot; es lag mit offenem Maule und halbgeschlossenen Augen da und war noch warm. Es war rührend, Turdu Bai Tränen vergießen zu sehen; er liebte die Kamele wie ein Vater und er war von allen Männern derjenige, der sich am wenigsten am Feuer sehen ließ, da er sich stets bei den Kamelen zu schaffen machte. Das Tier, welches zuerst auf dieser Reise verendete, erlag weder der Überanstrengung noch dem Mangel wie seine vielen Nachfolger. Die Muselmänner sagten: „Choda kasseli värdi“ (Gott hat ihm eine Krankheit gegeben), und wahrscheinlich würde es ebenso sicher auf den Steppen des Tarim gestorben sein wie hier in der Wüste. Die übrigen sechs Kamele befanden sich vorzüglich. Und doch war es der neunte Tag. In der Takla-makan waren gerade am neunten Tage zwei Männer, vier Kamele und das ganze Gepäck liegen geblieben, damals aber waren wir vor Hitze und Durst verschmachtet, jetzt erstarrten wir fast vor Kälte und hatten Wasser in genügender Menge.

65. Eine alte Tograk am Tschertschen-darja. (S. 182.)
66. Auf dem Eise des Tschertschen-darja. (S. 184.)
67. Am Ufer des Tschertschen-darja. (S. 184.)
68. Sattma in Araltschi. (S. 187.)
69. Tränken der Pferde an einer Wake. (S. 189.)
70. Schilfhütten in Scheitlar. (S. 193.)

Wir hatten jetzt den Abschnitt der Wüstendurchquerung erreicht, in welchem man die großen Schwierigkeiten hinter sich hat und jedes neue Anzeichen von Leben und Wasser mit Spannung und Interesse wahrnimmt. Derartige Zeichen blieben auch heute nicht aus. Wir hatten schon das erste Kamisch und die erste Tamariske passiert. Ich ritt jetzt als Vorhut über die große, lange Bajir Nr. 33, die sich noch immer wie ein ausgetrocknetes Flußbett vor mir hinzog.

Den Boden kreuzten in allen Richtungen Spuren von Hasen, welche Tiere des Wassers gar nicht zu bedürfen scheinen; auch Fuchsfährten waren zu sehen. Dann traten einige Steppenpflanzen, Grasflecke und „Tschigge“, eine am Lop-nor vielfach vorkommende Binsenart, auf. Schließlich zeigten sich wieder Tamarisken, teils frische, geschmeidige, teils abgestorbene, die auf den charakteristischen Kegeln thronen, die ihre längst verdorrten Wurzeln umschließen.

Das Terrain war eben und vorzüglich; wer hätte ahnen können, daß man ein solches im Herzen dieser Sandwüste finden würde! Es wehte jedoch aus Osten so kalt, daß ich bisweilen zu Fuß gehen mußte, um nicht Hände und Füße zu erfrieren.

Diese schöne Bajir endete jedoch in einer Sackgasse, und ein ziemlich hoher Sandpaß war ihr im Süden vorgelagert. Da das Terrain aussah, als könne hier das Grundwasser erreicht werden, beschloß ich, hierzubleiben und zu versuchen, einen Brunnen zu graben.

Islam und Ördek machten sich sogleich ans Brunnengraben, während Turdu Bai die Kamele versorgte und Kurban Holz sammelte. In einer Tiefe von 1,38 Meter stand Wasser. Es war fast ganz süß und hatte +8,2 Grad Temperatur, es quoll aber so langsam aus dem Boden des Brunnens, daß man bei der Verteilung Geduld haben mußte. Abends durften zwei Kamele nach Herzenslust trinken, jedes nämlich sechs Eimer.

Jetzt hatten wir alles, was wir brauchten: Wasser, Brennholz und Weide; es war eine wirkliche Oase in der Tiefe der Wüste. Zwei große Feuer loderten den ganzen Abend in dem intensiven Winde und erhellten mit ihrem rötlichen Scheine die Dünenkämme, von denen Flugsand auf uns herabregnete. Als die Männer meiner Spur folgten, hatten auch sie ein neues, erfreuliches Anzeichen besserer Gegenden erblickt: einen großen, schwarzen Wolf, der über die Dünen im Westen fortgelaufen war.

Dieser Ruhetag war für Menschen und Tiere außerordentlich schön und notwendig. Wir waren meistens zu Fuß gegangen, die Kamele hatten schwere Lasten schleppen müssen, und die Kälte greift den Körper an, wenn man nicht hinreichend Brennholz hat, um sich zu erwärmen.

Wir machten das Lager so gemütlich, wie es die Umstände erlaubten. Der weiße Filzteppich, auf welchem mein Bett ausgebreitet zu werden pflegte, wurde in ein improvisiertes, mit ein paar Tamariskenzweigen gestütztes Zelt verwandelt, das uns Schutz gegen den Sturm gewährte, der den ganzen Tag tobte. Auf der vor dem Winde geschützten Seite hatte ich ein gewaltiges Feuer. Die Leute kampierten auf dieselbe Weise. Während ich den Tag lesend auf meinem sandbedeckten Bette verbrachte, tränkten sie die Kamele, was geraume Zeit in Anspruch nahm.

Das während der Nacht hervorgesickerte Wasser war am Morgen gefroren, und die ausgegrabene Erde war steinhart. Aus den Stangen eines Packsattels wurde eine Leiter gemacht, die bis auf den Boden der Grube reichte, wo Ördek die Eimer mit einer Schale allmählich füllte. Die Kamele tranken nicht weniger als je neun Eimer, zwei von ihnen sogar elf, und man sah sie förmlich anschwellen, während sie sich die Flüssigkeit einverleibten. Ihre Stimmung veränderte sich sichtlich. Sie wurden munter, spielten miteinander, liefen umher und grasten dann tüchtig in dem spärlichen Schilfe.

Der letzte Tag des neunzehnten Jahrhunderts sah am Morgen, als es noch dunkel war, recht vielversprechend aus; ich sah die Sterne auf das Biwak herabfunkeln, wo die Tamarisken sich auf ihren Kegeln gespensterhaft erhoben. Als wir uns aber zum Aufbruch rüsteten, war das Wetter wieder ebenso unfreundlich wie gewöhnlich. Klare, ruhige Nächte und wolkenschwere, windige Tage charakterisieren den Winter und halten die Kälte an der Erdoberfläche fest.

Heute bedeckte sich die Karawane mit Ruhm; sie legte 24,3 Kilometer zurück, die längste Tagereise auf dem ganzen Wüstenzuge.

In den Bajiren Nr. 34, 35 und 36 kam andauernd Vegetation vor, aber die Tamarisken standen dort zerstreuter. Von dem Grenzpasse der letzten Mulde scheint sich eine Bajir nach Südosten zu erstrecken; sie lag aber nicht auf unserem Wege und wurde links liegen gelassen. Ich merkte allerdings, daß es eine Enttäuschung für die Leute war, sie nicht benutzen zu dürfen, sondern nach Südsüdwest abbiegen und einen hohen Paß erklettern zu müssen, doch ihre Überraschung war ebenso groß wie die meine, als wir von der Höhe herab die Bajir Nr. 37 erblickten, die groß, breit und offen wie ein Feld war und nicht mehr den Eindruck einer geschlossenen Arena machte. Der sie im Süden begrenzende Paß sah aus wie eine sehr niedrige Schwelle, und hinter ihm erhob sich kein Sand mehr, was ich der bedeutenden Entfernung und der unklaren Luft zuschrieb. Als wir diese Schwelle endlich überschritten hatten, zeigte sich vor uns die Depression Nr. 38 ebenso groß und offen. Es war herrlich; eine unsichtbare Hand schien eine Riesenfurche durch den Wüstensand gepflügt zu haben, um der Karawane den Weg zu bahnen.

Wir lagerten vorn in der Mulde, wo wir reichlich Brennholz fanden. Islam wollte uns von der letzten Kamellast Holz befreien, aber Turdu Bai, der ein vorsichtiger General war, schlug vor, sie noch eine Tagereise weit mitzunehmen, eine kluge, verständige Rede.

So ließen wir uns denn in dieser wunderbaren Neujahrsnacht in Ruhe und Frieden an zwei großen Feuern nieder in einer Gegend, die so still und ungestört war, daß nicht einmal die Stille eines weit abseits vom Wege liegenden vergessenen Grabes ihr darin gleichkam. Unsere Freunde wußten nicht, wo wir waren, und in Tura-sallgan-ui waren sie ganz gewiß in Aufregung über unser Schicksal, um so mehr, als ihre Phantasie durch Islams haarsträubende Beschreibungen über unseren früheren Wüstenzug und Parpi Bais Schilderung unserer ersten Wüstentage schon erhitzt worden war. Auch die Kosaken hatten während der Rekognoszierung gesehen, wie es dort aussah, und gestanden nachher, sie hätten gefürchtet, daß der Sand uns auf allen Seiten den Weg versperren werde und wir von unserem eigenen Mute verurteilt seien, vor Durst, Müdigkeit und Kälte umzukommen. Meine vier Begleiter sagten diesen Abend, daß sie erst jetzt, nun wir in sicheres, eine Küste anzeigendes Fahrwasser gekommen, von ihrer Unruhe befreit seien; sie konnten aber nicht begreifen, wie ich die Entfernung nach Tatran mit solcher Sicherheit zu beurteilen imstande war. Sie glaubten entschieden, daß meine Versicherungen und Versprechungen eigentlich nur wohlwollende Versuche seien, sie zu beruhigen.

Und nun ging die Sonne in diesem Jahrhundert zum letztenmal unter — das konnte man nur daran sehen, daß der trübe, neblige Tag in nächtliche Schatten überging, die das erste Morgenrot des zwanzigsten Jahrhunderts verjagen sollte.

Wenn der erste Tag eines neuen Jahres oder noch mehr der eines neuen Jahrhunderts eine Vorbedeutung enthalten oder ein Wahrzeichen zukünftiger Dinge sein soll, so sah die Zukunft an diesem 1. Januar 1900 für uns in Wahrheit düster aus. Der Himmel war in ein schwarzes Trauergewand gehüllt, und von Morgenrot war nichts zu sehen. Die Temperatur ging um 7 Uhr jedoch bis −15 Grad hinauf, und als ich aufstand und mich ankleidete, befand ich mich dank dem großen Feuer in einem noch gemäßigteren Klima.

Das einzige, was die Neujahrsstimmung hob, war, daß unsere 38. Bajir sich vor uns bis ins Unendliche hinzog, und leichten Schrittes zogen wir in ihrer Mitte dahin. Die Leute hegten sogar die eitle Hoffnung, dies sei der Anfang der Steppen, die sich am Ufer des Tschertschen-darja ausdehnen. Die Vegetation wurde jedoch magerer, nur hie und da ein Grasbüschelchen, einige Schilfstengel oder eine Tamariske, und zwischen kleinen Löchern in dem hier mit Sand untermischten Boden huschten Feldmäuse, von den Muselmännern „Säghisghan“ genannt, hin und her.

Von dominierenden Punkten aus spähten wir vergebens nach der nächsten Bajir, doch diese Bildungen schienen jetzt aufgehört zu haben. Der Blick reichte weit nach Süden: das Sandmeer war wie in der Takla-makan mehr kompakt, die gewaltigen Sandwände, die wir bisher zur Linken gehabt hatten, fehlten, weitere Depressionen waren nicht zu sehen, die ganze Bauart hatte sich mit einem Schlage verändert, aber die Dünen lagen glücklicherweise immer noch im Norden und Süden.

Wir hatten es bisher gut gehabt, wir hatten es gehabt wie ein Schiff, das von der offenen See in Gürtel von Treibeis und Tang hineingekommen ist. Die Wogen gingen haushoch, und wir kamen verzweifelt langsam vorwärts, es ging bergauf und bergab über große Dünen. Die Vegetation hörte beinahe ganz auf. Ich fing wieder an zu vermuten, daß die Oasen, die wir eben durchquert, von den äußersten in die Wüste vorgeschobenen Vorposten des Kara-muran herrührten und daß diese Landstrecke auch wohl bald im Sande begraben sein würde. In diesem Falle konnten wir uns darauf vorbereiten, bis in die Nähe des Tschertschen-darja nur schwieriges Terrain zu finden.

Fern im Osten schien es noch Depressionen zu geben, aber diese lagen außerhalb unseres Weges. Nach Süden hin war alles gleichmäßig hoher Sand, nur hie und da dominierten pyramidenhohe Dünenkämme, und der Horizont glich einem Sägeblatt mit gezähnter Schneide. Noch tauchte gelegentlich eine verdorrte Tamariske auf ihrem Kegel zwischen den Dünen auf, aber die Entfernungen zwischen diesen abgestorbenen Bäumen wurden immer größer. Als wir nach einer mühsamen Wanderung von nur vierzehn Kilometer wieder eine von etwas Kamisch und trockenen Zweigen umgebene Tamariske trafen, machten wir daher Halt.

2. Januar 1900. Als ich bei Tagesanbruch geweckt wurde, umgab mich eine vollständige Winterlandschaft; es schneite leicht, der Boden war kreideweiß, und die Dünen hätten ebensogut kolossale Schneewehen sein können, denn vom Sand war gar nichts zu sehen. Islam war so vorsichtig gewesen, eine Decke über meine Kiste zu legen, auf deren Deckel Instrumente und Aufzeichnungsbücher nachts gewöhnlich liegen blieben. Es war noch halbdunkel, als das Morgenfeuer vor meinem Bette angezündet wurde, und seine Flammen ließen die feinen Schneekristalle wie Diamanten glitzern und funkeln. Es waren nicht gewöhnliche Schneesternchen, sondern Nadeln, als wenn Reif in außerordentlicher Menge gefallen wäre.

Während der ersten Marschstunden blieb die Landschaft auf allen Seiten blendend weiß; ich hatte noch nie Sanddünen in diesem ungewöhnlichen Gewande gesehen, in diesem weißen Leichentuche, das nur dazu beitrug, ihre totenähnliche Einsamkeit und Nacktheit zu erhöhen. Gegen Mittag verschwand die dünne Decke von allen nach Süden gekehrten Abhängen, und gleich nach Mittag hatten auch die anderen ihren gewöhnlichen gelben Farbenton wieder angenommen; nur hier und dort in Vertiefungen lag noch ein kleiner, weißer Streifen.

Der Sand wurde immer beschwerlicher, und es tauchte keine Bajir mehr auf, die uns einige ermüdende Schritte hätte ersparen können; alles war jetzt Sand. Freilich lagen die steilen Leeabhänge stets nach Süden und Westen, auf zwei ein Netz von Vierecken bildende Dünensysteme deutend, aber alle Depressionen waren hier längst versandet. Augenscheinlich herrschten hier weniger regelmäßige Windverhältnisse als in der nördlichen Hälfte der Wüste. Es war ein Glück, daß wir den Marsch nicht von Süden her begonnen hatten, denn dies wäre nie gegangen; wir hätten uns zur Umkehr gezwungen gesehen, und auch noch so große Feuer hätten den in diesem Winter herrschenden Nebel auf größere Entfernung hin nicht durchdringen können.

Um 4 Uhr begann es zu schneien, jetzt aber ordentlich. Wir waren nicht verurteilt, an Wassermangel zu sterben. Es herrschte ein regelrechtes Schneetreiben mit Wind aus Südsüdwest. Welch ein Unterschied gegen die Sandstürme in der Takla-makan! Nach einer halben Stunde war die Landschaft wieder kreideweiß, und die Schneedraperien schienen von den Wolken herab auf dem Boden zu schleppen. Die Dämmerung breitete sich über diesem Chaos von Sand und Schnee aus, und wir suchten und spähten nach einem Platze, wo wir die Kamele über Nacht anbinden konnten. Endlich erschien im Süden in einer Entfernung von zwei Kilometer ein schwarzer Punkt; dorthin mußten wir um jeden Preis. Eine gutgemessene Stunde gehörte dazu, und es war pechfinster, als wir bei einer Tamariske anlegten und Brennholz fanden.

Der fallende Schnee zischte nicht einmal im Feuer, er verwandelte sich in Dampf, ehe es dazu kam, aber auf den Blättern meines Tagebuches ließ er sich häuslich nieder. Die freundlichen Oasen hatten gänzlich aufgehört, und um uns herum lag lauter unfruchtbarer Sand. Ein paar Stunden lang waren wir an zwei Fuchsfährten entlang gegangen, einer älteren, nach Norden gehenden, und einer frischen, welche die Rückkehr des Fuchses nach dem Tschertschen-darja anzeigte. Was mochte er in der Wüste gesucht haben? Er mußte doch wohl am Flusse ein viel einträglicheres Jagdrevier haben.

Ich konnte Ördeks Gedankengang verstehen, wenn ihm in dieser Wüste, die gar kein Ende nahm, in der nicht einmal die Sonne schien, und in die wir uns immer tiefer hineinverirrten, unheimlich zumute wurde. Er sprach mit Begeisterung von den Ufern des Tarim, den Seen, den Kähnen und den Fischnetzen wie von einem Paradiese, in das er nie zurückkehren würde. Er sprach von den Schwänen, jenen himmlischen, gefühlvollen Vögeln, welche die Seen zu besuchen pflegen. „Wird das Männchen erschossen,“ erzählte er, „so grämt sich das Weibchen zu Tode und weicht nicht von dem Platze, wo sein Beschützer ermordet worden ist.“ Er habe einmal einen Jäger eine Kugel in eine fliegende Schar hineinschicken sehen, worauf zwei Schwäne herabgestürzt seien. Das Männchen sei tödlich getroffen gewesen, und das Weibchen sei ihm gefolgt, sich in der Verzweiflung mit dem Schnabel die Brust zerfetzend.

Die Kamele waren jetzt so angegriffen, daß wir ihnen einen Ruhetag gönnen mußten. In einer Tiefe von 1,13 Meter fanden wir Wasser mit schwach bitterem Beigeschmack, und Schnee war auch genug da. Der Boden war 33 Zentimeter tief gefroren. Es schneite den ganzen Tag heftig in dichten, großen Flocken. Die Leute machten kleine Entdeckungsreisen in die Nachbarschaft, und in der Dämmerung kam Turdu Bai mit zwei Kamelen zurück, die je eine volle Last trockenen Brennholzes, das er in der Nähe gefunden hatte, trugen. Die Flocken prasselten auf die uralte Zeitung, die ich in der Hand hielt, und glitten an ihr herunter. Oft mußte ich das Blatt schütteln, um die Worte unterscheiden zu können. Auch um die Mittagszeit herrschte Halbdunkel, und Dünen, Erdboden und Himmel verschmolzen zu einem einzigen, weißen, wirbelnden Durcheinander in höchst unangenehmer, matter, ungleichmäßiger Beleuchtung. Noch am späten Abend dauerte das Schneewetter an.

Die Nacht wurde für uns im Freien Liegende recht kalt; das Minimumthermometer zeigte −30,1 Grad, um 7 Uhr −27 Grad und um 8½, als ich aufstand, −24 Grad. Das ist recht kühl für ein Toilettenzimmer, besonders, da ich mich stets entkleidete und im Schlafrocke schlief. Am scheußlichsten ist das Waschen und Anziehen, wenn man auf der Feuerseite +30 Grad und im Rücken −30 Grad hat. Die ganze Nacht schneite es gleich stark, und am Morgen war ich so vollständig im Schnee begraben, daß Islam mich mit Spaten und Kamischbesen aus der Schneehülle befreien mußte. Dafür hatte der Schnee aber dazu beigetragen, mein Nest warm zu halten; ich hatte gar nichts von der nächtlichen Kälte gemerkt. Es ist zu schön, wenn man erst einmal in den Kleidern steckt und mit dem Pelze über den Schultern vor dem Feuer sitzt und seinen Tee trinkt!

Der Schnee fiel den ganzen Tag, und die Temperatur brachte es nur zu −13 Grad, was bitterkalt ist, wenn man den Wind gerade entgegen hat. Das Terrain war nicht unvorteilhaft. Wir konnten oft zwischen den schlimmsten Dünen hindurchkreuzen, und schließlich zeigten sich wieder einige kleine Mulden, die jetzt nach Südsüdost gerichtet und voller Sand waren. In einer solchen, Nr. 43, lagerten wir, obwohl dort keine Spur von Feuerungsmaterial war. Wir besaßen jedoch noch eine halbe Kamellast von unserem ursprünglichen Vorrat; da alle halb erstarrt waren, mußte sie diesen Abend draufgehen, geschehe, was da wolle.

Auf den nach Süden gerichteten steilen Dünenabhängen vermag sich der frischgefallene Schnee nicht lange zu halten. Nur auf den Nordseiten der Dünen bleibt er liegen, und in den Dünentälern ist er mehrere Zentimeter tief. Wirft man einen Blick nach Norden, so sieht man fast nur Sand, nach Süden bloß Schnee.

5. Januar. Endlich hatten die Wolkenmassen, die uns während der ganzen Wüstenreise verfolgt hatten, sich entschlossen, sich von ihrem Inhalte zu trennen, denn der Schnee fuhr die ganze Nacht fort, lautlos wie Watte zu fallen, und am Morgen waren sogar die Stellen, wo unsere Feuer gebrannt hatten, verschneit. Alle unsere Sachen mußten unter dem Schnee hervorgesucht werden. Auch die Kamele lagen überschneit im Kreise da und sahen mit den kleinen Schneewehen auf dem Rücken, Puder in der Perücke und Eiszapfen im Kinnbarte und am Maule ganz barock aus.

Jetzt war nicht einmal ein Streifen gelben Sandes zu sehen. Am Vormittag lagen die steilen, nach Westen gerichteten Abhänge im Schatten und hatten eine prachtvolle Färbung — stahlblau in verschiedener Schattierung, je nach der wechselnden Abschüssigkeit des Hanges, — zu oberst aber wölbten sich die weißen Kuppeln der Dünen, intensiv von der Sonne beleuchtet.

Die hohen Sandprotuberanzen hatten auffallende Ähnlichkeit mit dem in ewigen Schnee gehüllten Kamme einer Bergkette; ich glaubte hier ein Miniaturbild des Transalai mit dem durch eine hohe Dünenpyramide dargestellten Pik Kauffmann wiederzuerkennen. Das blaßblaue Farbenspiel war dasselbe. Es blendete die Augen. Ich hatte eine doppelte Schneebrille, und alle Männer trugen dunkle Brillen. Doch war die Luft nicht rein, wie sie es im Gebirge an klaren Tagen ist. Die feinen Kristallnadeln erlaubten uns nicht, Umrisse und Formen über eine Entfernung von einem Kilometer hinaus deutlich zu unterscheiden; weiter fort verschwindet alles in undurchdringlichem Schneenebel. Und das war gut, denn das Terrain war nach Süden hin wenig ansprechend. Lauter immer höher werdende Berge von Sand, kein sandfreier Fleck von auch nur einem Quadratmeter Größe, keine Vegetation, weder lebende, noch tote.

Im Laufe des Tagemarsches erlitt die Schneedecke gewisse Veränderungen. Trotz des Schmelzens und der Verdunstung wurde sie um so dicker, je weiter wir nach Süden gelangten, was seinen Grund darin hat, daß die Schneemenge mit der Entfernung von den Bergen, denen wir uns jetzt langsam näherten, abnimmt. Manchmal hatte der Schnee eine harte Kruste, und man hätte lange Strecken auf den Schneeschuhen zurücklegen können. Wer hätte geglaubt, daß dies in einer Sandwüste möglich sein würde!

Im allgemeinen wurde unser Marsch durch den Schnee erleichtert, denn infolge der Regelierung an den Berührungsflächen des Schnees und des Sandes wurde die Tragkraft des Bodens größer. Namentlich waren alle Kämme hart wie Eis, und auf die steilen Abhänge brauchte man nur den Fuß zu setzen, so rutschten schon Schollen von 20 Quadratmeter Größe hinunter. Jetzt hätte nicht einmal der heftigste Buran den Sand aufzuwirbeln vermocht, denn der Schnee wirkte wie Öl auf die Wellen.

Am 6. Januar blieb das Sandmeer sich gleich, ja seine Wogen gingen wenn möglich noch höher. Islam wandert an der Spitze, wird aber müde und besteigt ein unbeladenes Kamel. Turdu Bai ist unermüdlich, er führt die Karawane wie eine Lokomotive ihre Güterwagen. Wenn ich gehe, um mich warm zu halten, darf Kurban auf meinem munteren Pferdchen reiten.

Der Lagerplatz war von allen, die wir bisher gehabt hatten, der schlechteste, eine Grube im Sandmeere, in der nicht einmal ein vom Winde verschlagenes Blatt zu entdecken war. Es ist im Bette, wenn man sich schlafen legt, beinahe −20 Grad kalt, und man muß sich eine Weile gedulden, ehe die Glieder wieder so elastisch werden, daß man sich der Situation gewachsen fühlt und alle die Diebslöcher, durch welche die Nachtkälte eindringt, zustopfen kann. Diese Nacht ließen die Kälte und der Wind uns kaum schlafen, und am Morgen hatten wir der −24 Grad starken Kälte nur noch ein paar Scheite entgegenzusetzen. Die Leute lagen auf einem Haufen, um sich aneinander zu wärmen, und waren von der Bekanntschaft mit diesem unheimlichen Lande, in das wir uns wie Holzwürmer in eine Planke hineingebohrt hatten, völlig entmutigt.

Am nächsten Morgen waren wir erst um 10 Uhr hinreichend aufgetaut, um unseren Weg fortsetzen zu können. Die Luft war außergewöhnlich klar, und im Süden zeigte sich zum ersten Male die äußerste, Tokkus-dawan genannte Kette des Kwen-lun. Im Norden war der Himmel rein und blau, im Süden aber zogen tiefhängende weiße Wolken, die man oft kaum von den beschneiten Dünen unterscheiden konnte.

71. Meine Kosaken Tschernoff, Sirkin und Schagdur. (S. 195.)
72. Meine burjatischen Kosaken Tscherdon und Schagdur mit tibetischer Jagdbeute. (S. 198.)
73. Basch-tograk. (S. 202.)
74. Tamariskendickicht. (S. 203.)
75. Der Teich bei Kurbantschik. (S. 204.)

Von dem Gipfel einer Düne aus machte ich eine erfreuliche Entdeckung. Als ich den fernen südlichen Horizont mit dem Fernglase musterte, fiel mir etwas auf, das sich gegen den Schnee wie schwarze Baumstümpfe abhob und nichts anderes sein konnte als toter Wald. Die Stelle lag etwas aus unserem Wege, gegen Südost, aber ich ließ die Karawane nichtsdestoweniger dorthin ziehen, und wir schlugen am Abend unser Lager unter Massen von abgestorbenen, verdorrten Pappelstämmen auf.

Mit vermehrter Lebenslust und frischem Mute gingen die Leute an die Arbeit. Sie schaufelten den Schnee fort und ließen die Äxte zwischen den Tograkbäumen tanzen, so daß wir bald ganze Stöße von Brennholz hatten. Ein unmittelbar neben dem Lager stehender Stamm war zum Fällen zu dick; er wurde deshalb, so wie er war, in Brand gesteckt und beleuchtete wie eine Riesenfackel das weiße Leichentuch der Wüste. Quer über mein Feuer wurde eine hohle Pappel gelegt, durch welche die Flammen wie durch ein Rohr leckten. Sie glühte, krachte, wurde von innen erleuchtet und glänzte wie Rubine, bis die Rinde platzte und sich wie in Verzweiflung unter der rasenden Gewalt des losgelassenen Elementes wand. Gewaltige Rauchsäulen stiegen zum Monde empor, der jetzt seit langer Zeit zum ersten Male wieder aus seinem Wolkenversteck hervortrat. Meine Leute überlisteten diesen Abend die nächtliche Kälte; sie schaufelten Gruben in den Sand, füllten sie mit glühenden Holzkohlen, schütteten sie wieder zu und legten sich dann darauf nieder. Die Kamele haben seit zwei Tagen kein Futter erhalten, und die Hunde bekommen nur Brot.

Am 8. Januar sollten wir aus der Macht der Wüste befreit werden. Als wir aufbrachen, sagte ich den Leuten, daß sie diese Nacht am Ufer des Tschertschen-darja schlafen würden. Wir nahmen kein Brennholz mit, da wir vor uns überall dürre Stämme sahen, doch sie wurden immer vereinzelter, und bei dem letzten, wo der hohe Sand wieder anfing, beluden wir ein Kamel mit Holz.

Als wir den Gipfelpunkt eines dominierenden Dünenkammes erreicht hatten, zeigte sich im Südosten das erste Anzeichen des ersehnten Zieles: eine dunkle Linie am Horizont, die sich scharf gegen die ewige, weiße Schneedecke abhob. Das mußte der Waldgürtel am Tschertschen-darja sein!

Nachdem wir noch eine Stunde marschiert, gelangten wir an die ersten Tamariskenkegel; ihre Grenze war außerordentlich scharf, kein einziger Strauch überschritt sie, und der Sand, dessen letzte Abhänge langsam nach dem Vegetationsgürtel abfielen, hörte ebenso plötzlich auf. Nun zogen wir in ein vollständiges Labyrinth von Tamarisken hinein; sie standen so dicht, daß zwischen ihnen nur schmale, gewundene Gänge waren; auf diesen zwängten wir uns in unzähligen Zickzackbiegungen durch, wobei die Kamellasten so dicht an den trockenen Zweigen vorbeischrammten, daß diese krachten.

Die Leute wollten gern in einem Haine von uralten Pappeln bleiben, wo alles, dessen wir bedurften, im Überfluß vorhanden war; ich gab ihnen jedoch die Versicherung, daß, wenn sie sich noch eine Weile geduldeten, wir am Flußufer selbst lagern würden. Nach einer Viertelstunde erreichten wir auch den Weg, der von Tschertschen nach dem Lop führt und auf dem wir im Schnee frische Spuren von Kühen und Schafen erblickten. Wir folgten diesem Wege eine Strecke, bis er das Flußufer berührte, und schlugen hier auf einem kleinen Hügel, von dem wir die schneebedeckte, 100 Meter breite, in dem Rahmen der dunkeln Uferwälder kreideweiß erscheinende Eisdecke des Tschertschen-darja überschauen konnten, das Lager auf. Es war sehr angenehm, am Fuße dieser gewaltigen Bäume rasten und die schöne Aussicht genießen zu können. Die Berge zeichneten sich scharf und deutlich ab, und der Schnee glitzerte im Mondschein. Am allerbesten war es jedoch, daß unsere sechs Kamele und das Pferd sich jetzt in die Schilffelder vertiefen konnten, nachdem sie die Probe so rühmlich bestanden hatten. Meine Leute waren verwundert, daß ich die Entfernung fast bis auf eine „gulatsch“ (Klafter) hatte berechnen können, und erklärten, daß sie mir jetzt überallhin folgen würden, ohne sich auch nur einen Moment zu bedenken.

Der Punkt, an dem wir den Fluß erreichten, liegt nach meiner früheren Karte (Petermanns Mitteilungen Ergänzungsheft Nr. 131) 285 Kilometer von dem Punkte entfernt, an dem wir den Tarim beim Tana-bagladi verlassen hatten. Nach dem jetzt aufgenommenen Bestecke betrug die Entfernung 284,5 Kilometer. Eine größere Genauigkeit kann man bei solchem Terrain nicht verlangen.

Es war mir also gelungen, die große, breite Tschertschen-Wüste zu durchqueren, und zwar ohne weitere Verluste als den eines Kameles und ohne die übrigen, die noch wohlbeleibt waren, zu überanstrengen. Den höchsten Sand hatten wir im Norden gehabt, den schwersten aber im Süden, wo sich die Dünen auf keine Weise hatten umgehen lassen. Daß alles so gut gegangen, hatte seinen Grund in dem unerwarteten Vorkommen von Mulden, die etwa zwei Drittel des Weges ausmachten, sowie darin, daß wir mitten in der Wüste Wasser, Brennholz und Kamisch gefunden hatten. In einer älteren Auflage der Karte des russischen Generalstabs über die südlich von der sibirischen Grenze liegenden Gebiete hatte ich einen Weg eingetragen gefunden, der diese Wüste von Tatran nach einem Punkte im Westen von Karaul kreuzt. Diese Angabe, die wohl begründet sein mußte, hatte mich zuerst auf den Gedanken gebracht, diese gefährliche, lange Wüstenwanderung zu versuchen, und ich halte es jetzt nicht für unmöglich, daß ein solcher Weg früher wirklich hat vorhanden sein können.

Die Kamele verdienten einen ganzen freien Tag in den üppigen Kamischfeldern; dies traf sich auch insofern gut, als ich eine astronomische Beobachtung machen mußte, die den ganzen Tag und Abend in Anspruch nahm. Die Temperatur erhob sich nicht über −14 Grad, und da es obendrein noch leicht aus Norden wehte, konnte ich mit dem Theodoliten nicht arbeiten, ohne mir zwischen den Ablesungen die Hände am Feuer wieder geschmeidig zu machen. Als ich am Abend bei −25,1 Grad den Sirius observierte, klebten meine Fingerspitzen an dem Instrumente, das sich glühend heiß anfühlte, fest.

Ördek machte sich auf die Suche und fischte wirklich einen von Kopf bis zu Fuß in Schaffelle gehüllten Hirten auf. Dieser war über so unerwartete Gäste in seinem friedlichen Walde ganz verdutzt. Wir wurden aber bald bekannt und gute Freunde; er verkaufte uns ein Schaf, das eine angenehme Abwechslung in unseren Küchenzettel brachte, und erschien abends noch mit einer Kanne Milch für uns. Die ergiebigen Schneefälle der letzten Tage waren für die 400 Schafe, die er und seine beiden Kameraden hüteten, verhängnisvoll geworden; mehrere waren erfroren, und die übrigen hatten nur mit Schwierigkeit an ihre Weide gelangen können. Die Waldgegend nannte er Keng-laika (das breite Überschwemmungsgebiet). Der Fluß war schon 20 Tage zugefroren und würde es noch 2½ Monate bleiben. Der Tschertschen-darja friert also bedeutend später zu als der Tarim, er hat aber auch ein größeres Gefälle und liegt südlicher.

Wir hatten nur noch 7 Kilometer bis Tatran; nach dem Bestecke hätte die Entfernung ungefähr eine Tagereise mehr betragen müssen. Der Unterschied beruht auf der Mißweisung des Kompasses, die in dieser Gegend 6 Grad nach links von der Richtung des Weges ausmacht, d. h. daß man, wenn man nach dem Kompasse z. B. direkt nach Süden zu gehen glaubt, in Wirklichkeit nach Süden 6 Grad Osten geht.

Der 10. und 11. Januar brachten uns auf dem Wege, den ich von meiner vorigen Reise her kannte, nach Tschertschen.

Zu meiner Freude hörte ich, daß Tschertschen vor einem Monate einen Bek erhalten hatte, der kein anderer war als mein alter Freund aus Kapa, Mollah Toktamet Bek. Nach seinem Hause begaben wir uns und wurden dort herzlich empfangen. Er war mit seinen 72 Jahren und seiner aristokratischen Erscheinung noch ganz derselbe sympathische, liebenswürdige Greis wie früher und stellte uns sofort sein Haus zur Verfügung. Ich ließ mich an dem offenen Herde in einem Hinterzimmer nieder, die Leute mit dem Gepäcke in einem vorderen. Dies war das erste von den wenigen Malen, die ich auf der ganzen Reise im innersten Asien unter einem Dach schlief.

Die Einwohnerschaft von Tschertschen war jetzt auf etwa 500 Familien angewachsen. Unter ihnen rasteten wir vom 12. bis zum 15. Januar, denn sowohl die Leute wie die Tiere bedurften der Ruhe. Ich benutzte jedoch die Zeit gut und zog Erkundigungen über die umliegenden Gegenden ein. Unaufhörlich erreichten uns unbestimmte Gerüchte von in der Wüste begrabenen Städten und Schätzen und besonders von einer alten Stadt, die am unteren Andere-terem, 170 Kilometer westlich von Tschertschen, liegen sollte. Doch wie ich auch die Eingeborenen verhörte, bestimmte, zuverlässige Angaben konnte ich nicht erhalten. Sie fürchten, man könne dorthin gehen und all das Gold finden, das ihre Phantasie so freigebig unter den Dünen ausbreitet, zugleich aber glauben sie auch, daß die alte Stadt der Wohnsitz der Wüstengeister sei und nach deren Belieben ihre Lage verändere. Ein Mann erzählte, er habe sich nach dem Andere-terem begeben und dort einen 15 Klafter hohen, zylinderförmigen Turm von blauer Fayence gesehen; dieser habe ihm aber so seltsam und unheimlich ausgesehen, daß er es nicht gewagt, näher heranzugehen. Nachdem er sich beruhigt habe und, fest entschlossen, drinnen nach Gold zu suchen, dorthin zurückgekehrt sei, sei der Turm verschwunden gewesen. Er wollte es daher nicht unternehmen, mich dorthin zu führen, denn er war felsenfest davon überzeugt, daß der Turm in der Wüste umherwanderte und alle Nachforschungen vereiteln würde.

Die Gegend zwischen Tschertschen und Andere war eine der wenigen Landstrecken Ostturkestans, die ich noch nicht bereist hatte; ich beschloß daher, einen Abstecher dorthin zu machen, obschon es sich um einen anstrengenden Ritt von 340 Kilometer handelte. Außer dem Führer, den der Bek zum Mitkommen zwang, wollte ich nur drei Diener mitnehmen, Ördek und Kurban, sowie Mollah Schah, einen Einwohner von Tschertschen, der mit Littledale durch Tibet gereist war. Drei neue Pferde wurden gekauft und ebenso viele für unser Gepäck gemietet. Islam Bai, Turdu Bai, die Kamele, das Wüstenpferd und Dowlet II sollten in Tschertschen bleiben und sich ordentlich ausruhen, während Jolldasch seinem Herrn, wohin dieser auch ging, treu folgte.

Vorher wartete meiner in Tschertschen noch eine große Freude. Am Morgen des 13. Januar traf einer der Winterdschigiten des Konsuls dort ein, Musa, derselbe Mann, der 1896 in Chotan mein Dolmetscher bei den Chinesen gewesen war. Er brachte eine gutgefüllte Posttasche mit. Ich hatte also reichliche Lektüre an Briefen und Zeitungen aus der Heimat und verschlang ihren Inhalt mit großem Genusse vor dem lodernden Herdfeuer im Hause des Beks. Wie es Musa gelungen ist, mich so leicht zu finden, ist mir noch heute ein Rätsel. Es war verabredet worden, daß die Kuriere über Aksu nach der Lopgegend gehen sollten; aber Musa erklärte einfach, er habe „es im Gefühle gehabt“, ich müsse im südlichen Teile des Landes sein. Islam Bai wollte gehört haben, daß Musa in Tschertschen eine Herzallerliebste habe und diese wohl auf dem Wege habe besuchen wollen. Gesegnet sei die Schöne, wenn ich ihr meine Post verdankte! Wäre Musa zwei Tage eher angekommen, so hätte ich die Post erst bei der Ankunft in Tura-sallgan-ui in Jangi-köll erhalten, denn weder der Bek noch sonst jemand in Tschertschen hatte die geringste Ahnung davon, daß wir aus der Tiefe der Wüste auftauchen würden, und Musa hätte dann seinen Weg nach Osten fortgesetzt.