Vierundzwanzigstes Kapitel.
Die letzte Reise der Fähre.

Den ganzen folgenden Tag tobte der Sturm, und geduldig mußten wir in Jekkenlik warten. Gegen Abend ließ er ein wenig nach, und ich machte in dem neuen Boote eine herrliche Segelfahrt über die offenen Flächen des Sees.

Am 27. Mai, der windstilles warmes Wetter brachte, wurde der Rest des Jekkenlik-köll bis an den Punkt zurückgelegt, wo sein Wasser in Kaskaden in das Bett des Tarim hinunterströmt. Wir waren umgeben von einer Flottille von 12 Booten mit 30 Mann Besatzung, die uns über die Fälle hinweghelfen sollten. Es war ein eigentümliches Gefühl, als die Fähre von Fallkamm zu Fallkamm sank; sie beugte sich mit ihrem Vorderteile vornüber, um im nächsten Augenblick von der aufgeregten Wassermasse in Empfang genommen zu werden. Es herrschte die größte Spannung, und die Leute schrien, daß einem der Kopf schwindeln konnte; aber es lief doch alles glücklich ab, und die Fähre glitt ruhig auf den Tarim hinaus.

Am folgenden Tage wurden alle unnötigen Gäste, mit dem alten Naser Bek an der Spitze, verabschiedet, und in ihrer Einwohnerzahl dezimiert, zog die Flottille langsam flußabwärts. Die Tage waren folgendermaßen eingeteilt. Bei Sonnenaufgang wurde ich von Schagdur geweckt und inspizierte dann das Lager mit einem „Guten Morgen, Kosaken“, was mit militärischem Honneurmachen und „Starovie schelajim vasche prevoschoditelstvo“ (wir wünschen Euer Exzellenz Gesundheit) erwidert wurde; an die Muselmänner wurde der gewöhnliche Gruß „Salam aleikum“ (Friede sei mit euch) gerichtet, der wie ein Echo von allen Lippen zurückschallte. Das Frühstück bestand aus Fisch, Eiern, Tee und Brot. Während des Tages stand das Teegeschirr in meiner Kajüte, und der Samowar war bei den Kosaken stets angeheizt. Die Hauptmahlzeit wurde gegen 8 Uhr abends eingenommen und bestand aus Reispudding, Fisch, Kaffee und Milch. Die Arbeit wurde, solange es Tag war, ununterbrochen fortgesetzt, und den Abend nahm das Eintragen der am Tage gemachten Beobachtungen in Anspruch.

Schagdur machte sich vortrefflich, und ich gewann diesen prächtigen Kosaken, zu dem ich unbeschränktes Vertrauen hatte, immer lieber. Er hatte schon ziemlich geläufig mit den Muselmännern sprechen gelernt und nahm aus eigenem Antrieb bei Sirkin Unterricht in meteorologischer Beobachtungskunst, sowie im Lesen und Schreiben in russischer Sprache, worin er sich während dieser Fahrt so vervollkommnete, daß er mir später bei mehreren Gelegenheiten, als wir getrennt waren, Briefe schreiben konnte. Hätten die Kosaken einen weniger guten Charakter gehabt, so wären sie vielleicht während der Reise verdorben worden, denn sie hatten sehr viel Freiheit, solange sie in meinen Diensten standen. Doch ihre Disziplin erschlaffte nicht um Haaresbreite, und nie vergaßen sie die Achtung, die sie dem ihnen zugeteilten Vorgesetzten schuldig waren.

Der Beste unter den Muhammedanern war Kirgui Pavan, der siebzigjährige Kameljäger aus Tikkenlik, ein durch und durch ehrlicher, anständiger Mensch, angenehm und munter im Umgang. Er hielt sich tagelang vor dem Schreibtisch im Vorderteile auf, wo er die Steuerbordstange führte, während Aksakal aus Jangi-köll, ein großer, starker, weißbärtiger Mann von 60 Jahren, die Backbordstange hatte. Es bereitete mir ein Extravergnügen, der Unterhaltung dieser beiden Greise über die Aussichten der Fahrt und die beständig größer werdenden Entfernungen, die sie von ihrer Heimat im Nordwesten trennten, zuzuhören. Sie zerbrachen sich den Kopf darüber, wie sie überhaupt wieder zurückkommen sollten, und ich mußte sie wiederholt beruhigen und ihnen versprechen, daß ich für ihre Rückkehr sorgen würde. Vorläufig war Kirgui Pavan das Land noch bekannt, und es war ein großer Vorteil, ihn beim Beginnen jedes neuen Kartenblattes nach der nächsten Hauptrichtung des Flusses fragen zu können, denn sonst geschah es leicht, daß die angefangene Zeichnung nach einer Weile über den Rand des Blattes hinausging.

Ördek, der sich so vortrefflich gemacht hatte, meldete sich krank und mußte zu Kahn nach seiner Heimat zurückgebracht werden. —

Wir hatten beim Einbrechen der Dunkelheit die Fähre vertäut, ich hatte zu Mittag gegessen und war mit meinem Tagebuch beschäftigt, als die Hunde zu bellen begannen und ein unbekannter Kahn im Dunkeln heranruderte und anlegte. Ich glaubte, ein Loplik wolle uns besuchen, doch es ertönten schnelle Schritte auf dem Seitengange der Fähre, die Filzvorhänge meiner Kajüte wurden zurückgeschlagen, und die wohlbekannten Züge des Dschigiten Musa zeigten sich. Er war in 33 Tagen mit Post von Kaschgar geritten und war uns von dem Lager in Jangi-köll, das er öde und leer gefunden, flußabwärts zu Boot gefolgt. Die Ankunft der Dschigiten bildete stets die großen Festtage der Reise, an denen die Verbindung mit der Heimat und der Außenwelt wieder angeknüpft wurde. Nachdem Pakete von Briefen, Büchern und Zeitungen auf dem Fußboden aufgereiht worden, wurde die Kajüte zugemacht, und ich legte mich hin und las bis um 3 Uhr morgens.

29. Mai. Mein alter Lotse Kirgui Pavan teilte mir wie gewöhnlich die Namen der Gegenden und einzelnen Stellen mit und erzählte mir alles, was er von dem Flusse aus früherer und aus jetziger Zeit wußte. An einen Hügel bei einer einsamen Pappel namens Kamschuk-tüschken-tograk (die Pappel, wo sich Kamschuken niederließen), knüpfte er eine dunkle Geschichte von Menschen unbekannten Stammes, aber obenerwähnten Namens, die vor mehreren Jahrzehnten von Korla gekommen und auf einigen aus Pappelstämmen zusammengefügten Flößen den Kontsche-darja hinuntergegangen waren. Es waren etwa fünfzig Familien mit Frauen und Kindern, aber verhältnismäßig wenig alten Leuten gewesen. Sie reisten langsam, rasteten hier und dort ein paar Tage, waren arm und tauschten sich gegen Flinten und Pulver Lebensmittel ein. Kirgui Pavan hatte sie in seiner Jugend selbst gesehen. Er erinnerte sich, daß sie geschickte Schützen gewesen, die sich von Fischen und Wildschweinfleisch ernährt haben. Ihr Führer hieß Jiwen (Iwan?) und hatte das Land vorher allein besucht, um zu sehen, ob es sich zur Ansiedelung eignete. Beim Schafschlachten hatten sie nicht ebenso verfahren wie die Muselmänner, sondern das Schaf erst durch einen Keulenschlag vor die Stirn betäubt. Ein älteres Mitglied ihrer Gesellschaft war von den Lopbewohnern Jeghalaghak, der „Weinende“, genannt worden; seine Gattin war gestorben und lag bei der obenerwähnten Pappel begraben. Auf Befehl Aschur Beks von Turfan hatten sie nach dreijährigem Aufenthalt im Loplande, wo sie bis Tscharchlik gekommen waren, auf demselben Wege wieder zurückkehren müssen. Die Rückreise hatten sie zu Land angetreten und waren in einer dunkeln Nacht von einem Buran überfallen worden. Hierbei verschwand ein junges Mädchen, die Braut eines Mannes namens Eweranj. Dieser war vor Gram beinahe wahnsinnig geworden und hatte seine Verlobte Tag und Nacht gesucht; da sie sich aber offenbar im Sturme verirrt hatte, hatten sie sie ihrem Schicksale überlassen und waren weitergezogen. Alle sprachen fließend „Turki“ und sagten, daß sie Flüchtlinge seien.

Diese unzusammenhängende, bruchstückhafte Erzählung war die einzige Raskolnikenüberlieferung, die ich im Loplande hörte. —

Gegen Abend begann der Fluß wieder unruhig und launenhaft zu werden; er teilte sich in mehrere Arme, unter denen wir unseren Weg mit großer Vorsicht auswählen mußten, und ergoß sich schließlich in den neuen See Sattowaldi-köll, wo wir auf einer kleinen Insel, dem einzigen in Sehweite befindlichen festen Boden, lagerten. Hier waren die Mücken noch lästiger als gewöhnlich, und ich hatte in meiner Kajüte ein brennendes Becken mit Kamischhäcksel, um Ruhe vor ihnen zu haben.

Die nächste Tagereise führte ununterbrochen über Seen und durch ein Labyrinth von engen Kanälen, in denen wir nur mit Hilfe aufgebotener Leute vordringen konnten. Wir lagerten jedoch abends wieder auf dem alten Tarim, der hier 23,8 Kubikmeter in der Sekunde führte.

Nachdem am 1. Juni der Dschigit Musa mit der neu gefüllten Posttasche wieder zurückgeschickt worden war, setzten wir unseren Weg auf dem Flusse fort. Der Tarim fing an, unangenehm gewunden zu sein, und der Wind war uns hinderlich; bisweilen half nicht einmal das Arbeiten mit Rudern und Stangen, und erst am Abend des 2. Juni erreichten wir Ajag-argan, wo wir auf derselben Landzunge lagerten, wo unser Zelt schon zweimal aufgeschlagen gewesen war.

Hier blieben wir verschiedener Arbeiten wegen zwei Tage liegen. Die Muselmänner beschäftigten sich mit gründlicher Reinigung der Fähre. Ich maß die beiden Flüsse, die der Tarim bei Argan aus dem Tschiwillik-köll erhält und die zusammen 36,5 Kubikmeter Wasser führten. Wir würden also während der noch folgenden Tagereisen nicht über Wassermangel zu klagen haben. Der vereinigte Fluß, der von hier an auch Baba Tarim (Flußgreis) genannt wird, hatte jetzt 60,8 Kubikmeter in der Sekunde.

Die Strecke am 5. Juni war voller Biegungen und Windungen und führte durch ziemlich üppigen Wald, der jetzt in seiner größten Sommerpracht stand. Das Wasser des Flusses hatte 23,5 Grad. Sirkin pflegte oft von der Fähre hineinzuspringen und eine kleine Schwimmtour um sie herum zu machen. Ich selbst badete nur um Mitternacht und 7 Uhr morgens, hatte aber den ganzen Tag über einen großen Zuber mit Wasser in meiner Kajüte, um mich zwischen den Kompaßpeilungen erfrischen zu können. Jeden Abend legten die Kosaken ihre Netze aus, und wir konnten uns also selbst mit Fischen versorgen. Eines Morgens betrug der Fang zwanzig Stück, die so groß waren, daß ein Fisch gut für einen hungrigen Mann ausreichte.

Flußabwärts nehmen Bremsen, Mücken und Moskitos in beängstigendem Grade zu, und wo sie sich zusammentun, hat man keine sonderliche Freude am Dasein. Sie sind außerordentlich gesellschaftlich und übertreffen einander an Aufmerksamkeit. Doch gegen sie zu kämpfen, ist ganz vergeblich; man zieht dabei in jedem Falle den kürzeren. Die Stiche der Bremsen brennen wie Feuer, und jeden Abend liegen Hunderte dieser Insekten tot um den Schreibtisch herum, so daß täglich ausgefegt werden muß. Die Hunde führen einen verzweifelten Krieg mit ihnen und haben nur nachts Ruhe. Die Hütten, die wir gelegentlich passieren, sind unbewohnt, und Hirten fehlen, weil ihre Herden von den Bremsen vernichtet werden würden. Die Kaufleute, die in dieser Jahreszeit zwischen Tscharchlik und Korla reisen, reiten nur nachts und schützen ihre Tiere in Kamischhütten.

Wir rasteten bei Küjüsch, um dort unser Abendbrot zu essen und den Fluß zu messen, aber um 10 Uhr brachen wir wieder auf und hatten noch ein paar Stunden Nutzen vom Monde. Nachdem dieser untergegangen war, umgab uns tiefes Dunkel. Vor uns war nur die uns führende chinesische Papierlaterne zu sehen, die, an ihrer Stange schaukelnd, wie ein Elmsfeuer über das Wasser hinhuschte. Die Nacht war absolut ruhig und windstill; kein Laut war zu hören, kein Hauch zu spüren. Die Bremsen schlummerten längst zwischen Gras und Schilf, bisweilen plätscherte ein Fisch im Wasser, oder man hörte das leise Rauschen um einen steckengebliebenen Stamm.

Auf der Kommandobrücke saßen die Kosaken, rauchten ihre Pfeifchen und amüsierten die Gesellschaft mit der Spieldose, wodurch sie auch die Leute wachhielten, was jedoch infolge der Furcht derselben vor dem Anprallen gegen überhängende Pappeln und dem Aufgrundgeraten eigentlich überflüssig war. Sirkin hatte eine gewaltige Ölfackel angezündet, um die Ufer zu beleuchten, und er und Schagdur berichteten mir ständig von dem Aussehen der Ufer, z. B. „rechts dichter Wald am Ufer, links Kamischfelder, Gesträuch und junger Wald“ usw. Die Kompaßrichtungen wurden nach der Laterne gepeilt.

So gleiten wir denn, von stiller Nacht umgeben, diesen endlosen Fluß hinab. Alle freuen sich nach einem glühend heißen Tage der erquickenden Kühle und können jetzt ihre sommerlich dünnen Kleidungsstücke öffnen, ohne juckende Stiche befürchten zu müssen. Ich begleite am Schreibtische mit der Flöte die wohlbekannten Melodien der Spieldose, die Kosaken qualmen ihre Schifferpfeifen, Kirgui ruft dann und wann sein: „Chabardar“ (gebt acht), wenn er besondere Wachsamkeit für nötig hält, und Stunde auf Stunde gleiten wir den gewaltigen Fluß hinab, seinem Grabe in der Wüste entgegen. Das Stundenglas ist bald abgelaufen; es sind die letzten Pulsschläge, denen wir folgen, und mit einem Gefühle des Bedauerns sehe ich eine Flußbiegung nach der anderen hinter uns verschwinden.

Wenn dann die Musik den Reiz der Neuheit eingebüßt hat, stellen sich Müdigkeit und Schlaflust ein. Die Spieldose verstummt, die Fackel darf erlöschen, Sirkin pufft Aksakal, dessen geneigter Kopf bedenklich hin und her schwankt, wird aber selbst eine Weile darauf überrascht, wie er, den Rücken an die Reling gelehnt und den Kopf über den Rand hinaushängend, mit weitgeöffnetem Munde eine Serenade zu Ehren des Sandmannes anstimmt. Hinterlistig gerät seine Mütze ins Gleiten und fällt ins Wasser, er fährt auf und ist eine Weile munter wie ein Fisch.

Um 2 Uhr nachts erbarmte ich mich meiner müden Diener, die nicht von denselben Interessen wachgehalten werden konnten wie ich. Wir vertäuten die Fähre am Ufer, und nach fünf Minuten herrschte an Bord lautlose Stille.

Wir hatten jedoch nicht lange geruht, als ein neuer Buran heransauste und meine Filzdecken losriß; er tobte den ganzen Tag und machte uns das Aufbrechen unmöglich. Erst um 10 Uhr abends nahm er ab und gönnte uns Zeit zu einer dreistündigen Fahrt. Aber am 8. und 9. Juni hielt uns der wütende Sturm wieder fest. Kleine Flugsanddünen lagerten sich überall in der Kajüte ab; man braucht beim Schreiben kein Löschpapier; ich selbst bin wie mit Puder überschüttet, in der Teetasse kann man, wenn man sie zuzudecken vergißt, alluviale Gebilde und sedimentären Schlamm studieren, und Schagdurs Frühstückskotelette sind mehr sandig als gesalzen.

Ganz passend, um mir während dieses gezwungenen Wartens Beschäftigung zu geben, langte noch ein Dschigit an, und ich dachte mir gleich, daß er mir wichtige Nachrichten bringen würde, denn er war ein Extrakurier, dessen Absendung nicht vereinbart worden war. Konsul Petrowskij teilte mir denn auch mit, er habe vom Generalgouverneur von Turkestan ein Telegramm bekommen, daß die beiden Kosaken Sirkin und Tschernoff unter den jetzigen unruhigen Verhältnissen an mehreren Grenzen Asiens nicht länger zu entbehren seien, sondern nach Kaschgar zurückgeschickt werden müßten.

Diese Nachricht traf mich sowohl wie Sirkin, der uns danach in einigen Tagen verlassen mußte, wie ein Donnerschlag. Wir sprachen lange darüber und mutmaßten, daß an der sibirischen Grenze ernste Unruhen ausgebrochen seien; von den wahren Verhältnissen, dem Kriege in China, hatten wir ja keine Ahnung. Zunächst schickte ich sofort einen Eilboten mit einem Briefe an Tschernoff, daß er sich unverzüglich nach Abdall zu begeben habe. Sirkin mußte ja seinen Kameraden erwarten, einzeln konnte ich sie nicht reisen lassen. Als ich nun vor dieser gezwungenen Trennung stand, freute ich mich, daß ich in einem von Jangi-köll an den russischen Kaiser abgegangenen Briefe ausführlich von diesen beiden Kosaken und den unschätzbaren Diensten, die sie mir geleistet, gesprochen hatte.

Am Abend des 9. waren wir sehr in Unruhe um Schagdur, der gegen 5 Uhr auf die Jagd gegangen war. Als er um die Abendbrotzeit, um 9 Uhr, noch nicht da war, zündeten wir an verschiedenen Punkten des Ufers sechs Feuer an, die malerisch und unheimlich leuchteten und den feinen Staub, der noch immer die Luft erfüllte, rot färbten. Doch er kam nicht, und es war klar, daß er sich verirrt hatte. Ich schickte nun alle Mann mit Öl- und Kienfackeln nach verschiedenen Seiten aus. Ich hörte ihre Rufe in der Ferne verhallen und dachte an die Gefahren, die einen einzelnen Fremdling unter Flugsanddünen, Tigern und Wildschweinen umlauern können. Es wäre schlimm gewesen, drei von den vier Kosaken auf einmal zu verlieren.

Die Kundschafter kehrten einer nach dem anderen unverrichteter Dinge zurück. Um Mitternacht kam Schagdur selbst und berichtete, daß er ein Reh verwundet habe, das nach Westen in den Sand hinein geflohen sei. Er habe seine Beute stundenlang verfolgt, und als er beim Eintreten der Dunkelheit umgekehrt sei, habe er seine Spur verloren, sei aber gerade nach Osten gegangen. Dann sei er längs des Flusses am Ufer weitermarschiert, bis er endlich eines der Feuer erblickt habe.

Am 10. konnten wir weiterfahren. Tuga-ölldi (das Kamel starb) ist eine Gegend auf dem linken Ufer. Mongolen, die zu Jakub Beks Zeit nach Lhasa pilgerten, pflegten aus Furcht vor Jakub Beks Leuten auf dem linken Ufer hinzuziehen. Auf einer solchen Reise war eines ihrer Kamele an diesem Punkte gestorben. Ein längst vergessenes, unwichtiges Ereignis bleibt so durch den Namen der Nachwelt erhalten. Jetzt benutzen die Mongolen stets die große Karawanenstraße, die am rechten Ufer entlang geht.

Bei Schirge-tschappgan hielten wir abends an, um den Fluß an demselben Punkte wie am 18. April zu messen; die Wassermasse betrug 68,3 Kubikmeter; der Fluß fällt also in dieser Jahreszeit sehr bedeutend. Nachdem der letzte Dschigit von hier nach Kaschgar zurückgeschickt worden war, fuhren wir nachts weiter und hatten mehrere Kähne vor uns, welche die Ufer mit Fackeln erhellten. Es war ein seltsamer Fackelzug, der in stiller Nacht den Tarim hinabzog, während die Kahnleute ihre eintönigen, schwermütigen Liebeslieder sangen.

Von der Strecke von Schirge-tschappgan bis Tscheggelik-ui hatte ich 1896 eine Karte aufgenommen, und als wir am 11. Juni Ak-köll passierten, sah ich, daß die früher hier befindliche große Flußbiegung verlassen worden war und der Fluß sich quer durch die Landzunge gearbeitet hatte.

126. Aussicht vom Passe nach Ost zu Nord (3. Aug. 1900). (S. 317.)
127. Aussicht vom Passe nach Norden (3. Aug. 1900). (S. 317.)

Im Laufe des Tages hörte der Wald auf, und das Land war nach allen Seiten hin offen und flach. Die Luft war still, aber noch herrschte nach all den Stürmen Halbdunkel. Einige Kähne begegneten uns; in dem ersten saß Temir Bek von Tscheggelik-ui. Er wurde an Bord eingeladen und teilte mir unter anderem mit, daß es unmöglich sei, mit der Fähre jenseits seines Dorfes weiterzukommen, denn der Semillaku-köll sei ganz mit Schilf zugewachsen. Obgleich ich mich nach der frischen Gebirgsluft und meine Ruderer sich nach Hause sehnten, dachten wir doch mit einer gewissen Wehmut daran, daß dies die letzte Fahrt unserer alten Fähre war. In später Nacht vertäuten wir unser Fahrzeug zum letztenmal am linken Tarimufer, Tscheggelik-ui gerade gegenüber.

Schon am folgenden Morgen schickte ich Kirgui Pavan auf Rekognoszierung nach den Seen. Er kam mit der Nachricht zurück, daß die Fahrstraße für die große Fähre unpassierbar sei. Um seine Ansicht zu bekräftigen, brachte er ein Bündel Kamischstengel mit, deren Länge die Tiefe des Wassers in den seichtesten Stellen angab. Er glaubte jedoch, daß wir mit 25 Mann in 4 Tagen einen fahrbaren Kanal herstellen könnten. Dieser Vorschlag wurde nicht angenommen, weil es bis Abdall nur noch drei Tagereisen waren. Ich beschloß daher, einige Tage in Tscheggelik-ui zu bleiben, weil ich der Dunkelkammer noch einmal zum Entwickeln bedurfte und ein paar neue Fahrzeuge hergerichtet werden sollten.

So brachten wir denn in diesem friedlichen Fischerdorfe eine behagliche Ruhewoche zu (Abb. 107). Wir lagen am westlichen Ufer und hatten Aussicht auf das Dorf mit seinen Kamischhütten, auf seine offenen Ställe (Abb. 108), wo Rinder, Pferde und Esel von Millionen Bremsen gepeinigt wurden, und den Strand, wo kleine nackte Kinder umherliefen und zwischen den Kähnen spielten. Der Hintergrund dieses lebhaften Bildes war ein memento mori, der Begräbnisplatz des Fischerdorfes mit seinen Stangen und Wimpeln, die über den Wohnungen der Toten im Winde flatterten.

Jede Nacht arbeitete ich bis 4 Uhr in der Dunkelkammer; Sirkin war dabei mein Gehilfe, er holte reines Wasser und trocknete die Kopien. Das Wetter war eigentümlich, denn es stürmte beinahe ununterbrochen aus Nordosten. Wer sich einen ganzen Frühling und Vorsommer inmitten dieser ewigen Burane aufgehalten und ihre Gewalttätigkeit und Kraft, ihre umgestaltende Arbeit kennen gelernt hat, wundert sich nicht mehr darüber, daß die Verteilung der Wüsten, Seen und Flüsse in diesem Lande eine ständige Veränderung erleiden muß. Die Arbeit wurde von dem Heulen des Sturmes begleitet; beim Plätschern der Wellen und dem klagenden Sausen des Windes im Schilf legte man sich zum Schlafen nieder, und wenn man erwachte, hatte man wieder dasselbe wohlbekannte Pfeifen, dieselbe staubgesättigte Atmosphäre um sich herum. Einen Vorteil hatte dieses Wetter aber doch: es verscheuchte Bremsen und Moskitos und kühlte die Luft angenehm ab. Bisher hatten wir nur zweimal über +40 Grad im Schatten gehabt, jetzt zeigte das Thermometer selten über 25 Grad, nachts sogar nur +9,3 Grad und 11 Grad.

Die Kosaken machten kleine Ausflüge, um zu jagen und Fische zu fangen, beschäftigten sich im übrigen aber mit der Herstellung unserer neuen Fähren, die aus je drei langen Kähnen bestanden. Meine Pontonfähre wurde etwas ganz Außergewöhnliches (Abb. 110). Ein Bretterfußboden wurde quer über die Kähne gelegt und darauf ein prismatisches Gitter von Latten gestellt, das mit Filzdecken überzogen einem Zelte glich. Als ich am 18. Juni zum letztenmal auf der großen Fähre zu Mittag gespeist hatte, traf diese das Gesetz der Veränderung; die Kajüten wurden abgerissen, alle Nägel verwahrt und die mit Sand und Staub bedeckten Filzdecken ausgeklopft; meine Kisten wurden in die neue schwimmende Wohnung gebracht, die 26 Mann trug, also für mich, meine vier Ruderer und das Gepäck mehr als ausreichend war (Abb. 109). Ein Teil des Proviants wurde unter den Bretterfußboden in die Kähne gelegt, den Rest beförderten einzelne Kähne, die uns begleiten sollten. Wir hatten freilich weniger Platz als bisher, aber das neue Zimmer war doch außerordentlich gemütlich. Die Kosaken wohnten ebenso auf der zweiten Pontonfähre.

Kirgui Pavan, Aksakal und unsere alten Ruderer erhielten ihre Entlassung. Eines Abends gaben wir ihnen zu Ehren ein prächtiges Gastmahl; mehrere Schafe wurden geschlachtet, und die Reispuddinge dampften auf gewaltigen Holzschüsseln. Sie bekamen ihren Lohn in bar, ein paar Kähne und Proviant für die ganze Heimreise und bedankten sich dafür nach der Sitte des Landes mit Gebeten für mein Wohlergehen. Als ich am folgenden Morgen bei Sonnenaufgang aus der Laboratoriumhütte trat, standen sie alle in Reih und Glied und sprachen ihr Morgengebet. Bevor ich mich schlafen legte, sah ich sie noch ihre Boote bemannen und nach einem letzten Lebewohl die Heimreise antreten.

Beim Zurücklassen der Fähre war mir zumute, als sollte ich einen sicheren Haltepunkt verlieren und ein altes Heim verlassen. Sie hatte uns unter wechselndem Geschick treu den Fluß hinabgetragen und ihren Zweck auf vortreffliche Weise erfüllt. Sie wurde jetzt der Bevölkerung von Tscheggelik-ui geschenkt, die über das vorzügliche Beförderungsmittel — besonders für Viehtransporte über den Fluß und das Hinüberschaffen von Gütern und Karawanen — ganz entzückt war. Später hörten wir, daß der Amban befohlen habe, sie nach Argan zu schaffen, wo die Karawanenstraße den Tarim überschreitet und wo bisher nur eine sehr mangelhafte Fähre zur Verfügung stand. Kommt ein europäischer Reisender dorthin, so wird er sie gleich wiedererkennen, sei es auch nur an der Etikette. Schagdur hieb nämlich in ihre Seiten meinen Namen in großen lateinischen Buchstaben und die Jahreszahlen 1899–1900 ein.

Erst am 19. Juni gegen Mittag verließ unsere neue Flottille mit vielen neuen Ruderern und Beken Tscheggelik-ui. Ohne weitere Schwierigkeit ruderten wir mit prächtiger Fahrt über die Seen und durch ihre schmalen Durchgänge, in denen das Vordringen mit der großen Fähre unmöglich gewesen wäre. Nachdem wir bei dem Dorfe Tokkus-attam gelagert hatten, gingen wir am folgenden Tag über den Semillaku-köll, dessen Tiefe nirgends 1 Meter überstieg. Der See Kara-buran war noch mehr gefallen und würde, wie man mir sagte, in zwei Monaten vollständig austrocknen; Anfang Oktober füllt ihn die Herbstflut wieder. An der Mündung des Tschertschen-darja wurde der Messungen wegen eine Weile gerastet. Obwohl das Flußbett scharf ausgeprägt, tief und mit Wasser gefüllt war, betrug sein Tribut an die Kara-koschun-Seen nur 4 Kubikmeter in der Sekunde.

Die letzte Tagereise auf dem Tarim war kurz und wurde zum Versöhnungsfest mit dem Winde, der uns vorher so oft Abbruch getan hatte. Jetzt wehte es gerade von Osten mit 11 Meter in der Sekunde und kühlte frisch und herrlich ab; die Ruderer brauchten tüchtig ihre Arme und fanden gute Hilfe an der Strömung (Abb. 112). Die Bremsen, die sich bei solchem Wetter hinausgewagt hatten, ließen sich in meinem Zelte nieder. Es wäre für beide Teile besser gewesen, wenn wir Waffenstillstand geschlossen hätten; hätten sie mich mit ihren Stichen verschont, so würde ich sie nicht totgeschlagen haben.

In Abdall trafen wir unsere alten Freunde Numet Bek und Tokta Ahun (Abb. 113). Letzterer hatte die Pferdekarawane und die Kamele bis an den Tschimen-tag begleitet und konnte mir mitteilen, daß in dem neuen Hauptquartier alles gut stehe. Die von uns im Frühling zurückgelassenen Kamele und mein kleiner Grauschimmel waren, fett und ausgeruht, mit ins Gebirge genommen worden. Der Kurier mit dem Briefe hatte schon lange sein Ziel erreicht, und in einigen Tagen mußten Tschernoff und die Karawane, die mich ins Gebirge führen sollte, hier sein.

Während des Aufenthalts in Abdall (Abb. 111) hatten wir anfangs gutes Wetter, d. h. Wind, der bis auf 16 Meter in der Sekunde anschwoll. Ich blieb daher an Bord der Pontonfähre wohnen, die ich beinahe nie verließ; es war der reine Stubenarrest. Ich saß die ganzen Tage am Schreibtisch und machte eine gewaltige Post fertig, welche die Kosaken nebst fertigen Platten mitnehmen sollten. Draußen heulte der Wind im Schilfe, der Bretterfußboden knackte von der Dünung und rieb sich an den Kähnen, und der Wellenschlag plätscherte gemütlich um die letzteren. Während der Windpausen machte ich astronomische Beobachtungen. Groß war mein Erstaunen, als ich, hiermit beschäftigt, eines Morgens einen Reiter nach den Hütten von Abdall sprengen sah und bald meinen prächtigen Tschernoff erkannte, der nach Empfang meines Briefes sofort in unglaublich kurzer Zeit aus dem Gebirge hierher geritten war. In den letzten 35 Stunden hatte er überhaupt nicht geschlafen, war aber geradeso munter und aufgeweckt wie gewöhnlich. Als ich ihn nachher zu einer längeren Segeltour einlud, berichtete er mir von dem neuen Hauptquartier, das für den Rest des Jahres meine Operationsbasis werden sollte. Es schmerzte ihn tief, uns gerade jetzt, da ein neues Kapitel dieser Reise begann, verlassen zu müssen.

Ein paar Tage darauf langten Turdu Bai und Mollah Schah mit vier Kamelen und zehn Pferden bei uns an. Obgleich sie, seitdem sie das Gebirge verlassen hatten, nur nachts marschiert waren, waren doch die Hälse und Beine der Kamele von den Bremsen blutig gestochen; die anderen Körperteile waren durch Filzdecken geschützt gewesen.

Jetzt trat ein unangenehmer Umschlag im Wetter ein. Der Wind hörte auf, und es folgte drückende Hitze. Wir mußten die Kamele mit größter Vorsicht und Sorgfalt schützen, denn die Luft wimmelte buchstäblich von Bremsen. Ich ließ daher ihretwegen eine Sattma ausräumen, die Wände derselben gut dichtmachen und stets ein paar Leute bei ihnen aufpassen, die nichts weiter zu tun hatten, als die Bremsen totzuschlagen, die sich dort einschlichen, um die armen Tiere zu stechen. Nachts durften sie auf die Weide gehen. Eines Morgens wurden sie vermißt, und Turdu Bai, der seine Schutzbefohlenen kannte, ahnte sofort, daß sie von diesem scheußlichen Orte durchgebrannt seien. Sie hatten sich, ihrer eigenen Spur folgend, auf den Weg nach dem Gebirge gemacht, wo, wie sie wußten, ihre Kameraden sie erwarteten und sie sich nicht von der Hitze und schmerzhaften Insektenstichen plagen zu lassen brauchten; sie wurden aber rechtzeitig wieder eingefangen und mußten sich in ihr Schicksal finden. Jeden Abend wurden sie im Flusse gebadet, was ihnen sehr gefiel.

Im Filzzelte auf der Pontonfähre war es bei dieser Hitze unerträglich. Draußen ertönte unausgesetzt ein summendes Brausen, und als ich den Filzvorhang zurückschlug, füllte sich das Zelt mit Bremsen. Ich nahm meine Dusche und kleidete mich schleunigst an; darauf wurde die Fähre nach dem rechten Ufer hinübergerudert, und ich eilte wie durch einen Kugelregen nach Tokta Ahuns Hütte. Dort war es schön; es war mindestens 6 Grad weniger heiß als im Zelt, und die Sonnenglut vermochte die dicken Kamischgarben des Daches nicht zu durchdringen. Die Hunde hielten den Umzug für eine brillante Idee; sie siedelten sich in je einer Ecke an und schlugen dadurch den Bremsen, die ihnen nicht folgen konnten, ein Schnippchen.

Inzwischen vergingen die Tage, und es wurde Zeit zum Aufbruch. Ich mochte gar nicht an die Trennung von Sirkin und Tschernoff denken; ohne sie würde es so leer und öde sein. Wir warteten nur auf den nächsten Sturm, der uns von den Bremsen befreien würde, denn bei dem jetzt herrschenden Wetter wurden wir von diesen unangenehmen Tieren buchstäblich belagert. Doch der Sturm kam nicht, und die Tage gingen hin. Wir versuchten freilich einmal, auf jeden Fall aufzubrechen, aber daraus wurde nichts; die Kamele warfen sich in Verzweiflung auf die Erde und wälzten sich die Lasten ab. Ich wollte der Kartenarbeit wegen nicht in der Nacht reisen; so warteten wir denn wieder, und ich schob den Augenblick der Trennung von Tag zu Tag hinaus.