Einundzwanzigstes Kapitel.
Der frühere See Lop-nor.

Unsere Zelte wurden zwischen Tamarisken und Schilf unmittelbar neben der Quelle aufgeschlagen. Nach der Wüstenwanderung war dies ein reizender, einladender Lagerplatz, und ein Genuß war es zu sehen, wie die Kamele und mein Pferd in der üppigen Weide schwelgten und von Zeit zu Zeit an die Quelle kamen, um an der Eisrinde zu knabbern. Hier wollten wir einige Zeit bleiben, um die Tiere zu der bevorstehenden Wüstenreise nach Süden Kräfte sammeln zu lassen. Wir selbst litten beinahe Mangel an Nahrungsmitteln. Reis und Brot waren allerdings noch im Überfluß vorhanden, aber bekommt man weiter nichts, so wird das Menü sehr einförmig. Tschernoff und ich konnten uns nicht überwinden, Kamelfleisch zu essen, das den Muselmännern jedoch gut schmeckte.

Die Leute aus Singer sehnten sich nach Hause, aber es gelang mir dennoch folgendes Übereinkommen mit ihnen zu treffen. Melik und sein jüngerer Bruder sollten mit vier Kamelen in Altimisch-bulak bleiben, während Abdu uns mit den übrigen vier Kamelen zwei Tagereisen weit begleitete, um unseren Kamelen die Last zu erleichtern und Säcke mit Eis zu transportieren. Weiter wagte er nicht mitzukommen; er hatte riesigen Respekt vor der Wüste, die er nicht kannte.

Vom 23.–27. März blieben wir in dieser wunderbaren Oase, der herrlichsten, die ich je besucht hatte. Nach dem angestrengten Marsche von Jardang-bulak hierher war es schön sich auszuruhen. Die Atmosphäre war in Aufruhr, aber das genierte mich wenig; mein Zelt war von undurchdringlichem Kamisch und Tamarisken umgeben, und lieblich klang es, wenn der Wind durch das Dickicht ringsum sauste und pfiff.

Unsere Jäger streiften nach Wildenten und Antilopen umher, aber mit beiden Wildarten war es hier gleich schlecht bestellt. Ein einsames Kamel kam von Nordwesten nach der Quelle herunter; einige von Abdus Kamelen wurden, von ihren Packsätteln befreit, auf den Sai getrieben und gingen dem wilden neugierig entgegen. Es näherte sich vorsichtig, beobachtete unverwandt die unseren und hatte entschieden die Absicht, sich zu ihnen zu gesellen. Dann aber kam es auf andere Gedanken, kehrte um und verschwand im Westen.

Nur ein Fuchs, der an der Kamelleiche geschmaust hatte, wurde die Beute der Jäger. Er hatte ein großes Fleischstück im Maul und wollte damit wohl in seinen Bau gehen, als er statt dessen ins Gras beißen mußte.

Ich benutzte die Ruhetage zu einer astronomischen Beobachtung in mehreren Serien und zum Lesen. Die Luft fing an, frühlingshaft zu werden. Am 25. hatten wir mittags +17,2 Grad, obgleich die Minimaltemperatur in der Nacht vorher auf −7,1 Grad heruntergegangen war. Abdu Rehim bereicherte meine Kenntnisse in der Geographie der Gegend und zählte die Namen aller Quellen, die er kannte, auf, wobei er auch ihre Lage zueinander genau beschrieb. Von der Zuverlässigkeit seiner Angaben erhielt ich ein Jahr später deutliche Beweise. Er sagte mir nämlich, daß er nach Osten hin nur drei namenlose Quellen in einer Entfernung von zwei kleinen Tagereisen jenseits Altimisch-bulak kenne. Ich fand sie alle drei, und sie retteten uns im rechten Augenblick aus einer kritischen Lage. Ferner beschrieb er alle alten Wege, die er im Kurruk-tag kannte. Sie werden durch Steinpyramiden bezeichnet, welche die Singerleute „Ova“ (das mongolische Wort „Obo“) nennen. Ein solcher Weg führte über Singer nach Südsüdwest und ist wahrscheinlich mit dem alten Weg der chinesischen Steuereinnehmer nach dem Lop-nor identisch.

Nachdem alle Vorbereitungen getroffen, ein großer Eisvorrat und vier Tagare (Säcke) Kamisch beschafft worden waren, brachen wir am Morgen des 27. März wieder auf.

Unsere Absicht war, die Lopwüste von Norden nach Süden zu durchqueren und dabei einen klaren Überblick über die Ausdehnung des früheren Sees und unwiderlegliche Beweise für das Vorhandensein des Seebeckens zu erhalten. Schon durch den Marsch im Bette des Kurruk-darja und die Feststellung, daß dieser schließlich in einen See mündete, war die Richtigkeit der chinesischen Karten, sowie der Ansichten v. Richthofens und meiner eigenen in dieser geographischen Streitfrage bewiesen worden; es blieb nur noch übrig, ein Profil der Gegend, wo der See sich früher ausgedehnt hatte, zu erlangen.

Mit eigentlichen Gefahren war diese neue Wüstendurchquerung nicht verknüpft. Die Entfernung nach dem Kara-koschun, wo wir Wild und weiter westwärts auch Lopfischer finden sollten, ließ sich in einer Woche zurücklegen, und selbst wenn der mitgenommene Wasservorrat sich als unzureichend erwies, würden wir kaum vor Durst verschmachten können. Die Tagare waren so dicht mit Eis gefüllt, daß alle Ecken straff gespannt waren; doch wie wir sie auch vor der Sonne zu schützen suchten, ein paar Eimer vertropften wohl während des ersten Tagemarsches.

Wir zogen das Bett des Rinnsals von Altimisch-bulak hinunter nach Ostsüdost. Der Quellbach verschwindet schon etwa 100 Meter vom Lager unter Sand und Schutt. In einer gleich links liegenden Rinne, wo auch eine kleine Quelle aufsprudelte, ließ sich gerade, als wir dort vorbeizogen, eine Schar Enten nieder. Tschernoff schlich sich mit der Doppelflinte dorthin und erlegte fünf Stück mit einem Schusse; sie waren recht fett und eine willkommene Verstärkung unseres mageren Proviants.

Die 30 Kilometer lange Tagereise führte uns vom Fuße des Gebirges auf die ebene Wüste hinunter, wo Tonformationen drei verschiedene Stockwerke bilden. Das unterste bilden die Bodenfläche oder die Rinnen, in denen wir nach Südwesten hinziehen, das mittlere die gewöhnlichen Jardang von 2 bis 3 Meter Höhe, welche die Hälfte des ganzen Wüstenareales einnehmen; das oberste besteht aus mächtigen Tischen, Türmen und Würfeln von rotem Tone, die sich 15–20 Meter über den Boden erheben und östlich von unserem Wege am zahlreichsten sind. Sie stehen hier in langen Reihen und sehen Mauerruinen so täuschend ähnlich, daß wir sie ein paarmal ganz nahe betrachten mußten, um uns vom Gegenteil zu überzeugen.

Es ist beachtenswert, daß die Rinnen zwischen den Jardangrücken in jeder Hinsicht den Bajiren der Tschertschenwüste entsprechen. Beide eigentümliche Terrainformationen verdanken ihre Entstehung dem Winde.

Nach Osten hin erscheint keine eigentliche Fortsetzung des Kurruk-tag, sondern nur ein isolierter Bergstock. Ich hatte allen Grund, die gewaltige Bergkette, die in dieser Richtung auf unseren Karten des innersten Asien angegeben ist, schon jetzt als apokryph zu betrachten.

Die Wüste ist gänzlich unfruchtbar, nicht einmal dürres Holz kommt vor. Schnecken liegen hier und dort, aber nirgends so zahlreich wie weiter westlich.

Während des Marsches am 28. veränderte sich das Aussehen des Seebeckens. Schnecken wurden immer zahlreicher, und toter Wald trat wieder ziemlich häufig auf. In den Tonablagerungen sind noch zwei Stockwerke zu unterscheiden. Sie lassen verschiedene Perioden und den verschiedenen Wasserstand in dem früheren See erkennen und enthalten auch Schneckenschalen. In dem Maße, wie der Wind an dem Tone frißt und zehrt, fallen die Schnecken heraus, und der Boden ist oft ganz weißpunktiert von ihnen. Eine dünne Sandschicht, selten einen Fuß dick, bedeckt stellenweise den Boden. Eine kleine eiserne Tasse wurde gefunden, und Scherben von Tongefäßen sind so häufig, daß wir ihnen gar keine Aufmerksamkeit mehr schenken. Darüber steht toter Wald in einem Gürtel, den man deutlich nach beiden Seiten verfolgen kann und der eine wichtige, lange bestehende Uferlinie des Lop-nor bezeichnet.

So schritten wir zwischen den Tonrücken hin, während das Wasser in beunruhigender Weise aus den Eistagaren tropfte. Es war erst 3 Uhr, als Tschernoff und Ördek, die zu Fuß vorausgingen, um den besten Weg auszusuchen, stehenblieben und uns zu sich riefen. Sie hatten die Ruinen einiger Häuser gefunden!

Die Rinne, der wir gefolgt waren, hatte uns gerade zu dieser merkwürdigen Entdeckung hingeführt; wären wir einige hundert Meter westlicher oder östlicher in die Wüste hineingezogen, so hätten wir die Ruinen nicht sehen können, um so mehr als sie dem gewöhnlichen toten Walde so sehr glichen, daß man dicht davor stehen mußte, um zu erkennen, was es war: menschliche Wohnungen am Nordufer des Lop-nor!

Natürlich schlugen wir sofort das Lager auf und sahen uns den Platz erst flüchtig an, um einen allgemeinen Überblick zu gewinnen. Drei Häuser hatten hier gestanden, aber ihre mächtigen Balken und Pfosten, ihre Dächer und Bretterwände waren eingestürzt, arg von der Zeit und den Stürmen mitgenommen und teilweise im Sande begraben. Die Grundbalken hatten jedoch ihre Lage noch beibehalten, so daß ich leicht einen Grundriß der Häuser zeichnen und ihre Maße nehmen konnte.

Ein Umstand, der sogleich ein recht bedeutendes Alter angab, war, daß die Gebäude auf Tonsockeln (Abb. 83) standen, die 2½ Meter hohe Hügel bildeten, an Areal und Form gleich der unteren Fläche der Häuser. Ursprünglich waren diese auf ganz ebenem Boden erbaut gewesen, welcher aber, nachdem er ausgetrocknet, vom Winde so ausgehöhlt und abgefeilt worden war, daß nur die von den Häusern geschützten Teile stehenblieben. Scherben von Tongefäßen und kleine irdene Tassen, wie sie noch heute vor den Buddhabildern oder an anderen heiligen Orten hingestellt werden, lagen massenweise umher. Auch einige chinesische Münzen und ein paar eiserne Äxte wurden gefunden.

Bei dem östlichsten dieser drei Häuser fanden wir beim Graben verschiedene merkwürdige Holzschnitzereien, die zur Verzierung seiner Wände gedient hatten. Darunter war das Bild eines Königs mit einer Krone auf dem Kopfe und einem Dreizacke in der Hand, sowie ein Mann mit einem Kranze, außerdem allerlei Muster und Ornamente, Gitter und Lotosblumen, alles kunstfertig geschnitzt, aber sehr von der Zeit mitgenommen. Von den verschiedenen Mustern wurden Proben beiseite gelegt, die um jeden Preis mitgenommen werden mußten.

In Südosten erhob sich ein Tora, das wir besuchen mußten, um nachzusehen, ob auch dort Entdeckungen zu machen wären. Es war kuppelförmig und teilweise eingestürzt; wahrscheinlich war es ein Weg- oder Signalzeichen gewesen (Abb. 84). Drei andere ebensolche bildeten mit dem ersten dieselbe Figur wie die vier Hauptsterne im Sternbilde des Löwen; die Entfernungen zwischen ihnen betrugen 5–7½ Kilometer. Weitere Spuren von alten Häusern trafen wir nicht. Die Nacht hatte schon ihren dunkeln Schleier über die Wüste gebreitet, als wir nach dem großen Signalfeuer des Lagerplatzes zurückkehrten, müde und erschöpft von dreistündiger Wanderung auf ungünstigem Terrain, denn alle die unzähligen Jardang mußten unter rechten Winkeln gekreuzt werden.

Indessen hatten wir so durch eine glückliche Fügung die Fortsetzung des Kömur-salldi-joll gefunden, jenes alten Weges, der von Korla am Nordufer des Lop-nor entlang nach Sa-tscheo und Peking führte.

Abdu Rehim sollte uns jetzt verlassen und seine Bezahlung erhalten. Sein Lohn belief sich auf 1½ Jamba, was allerdings viel war, aber durch seine vortrefflichen Dienste und die unschätzbaren Aufklärungen, die er mir gegeben hatte, mehrfach aufgewogen wurde. Chodai Kullu erhielt den Auftrag, ihn nach Altimisch-bulak und Singer zu begleiten und sich von dort mit den Holzschnitzereien auf irgendeine Weise nach Tura-sallgan-ui zu begeben. Er entledigte sich seines Auftrages wie ein ganzer Mann und erreichte das Hauptquartier lange vor uns. Als er dort ankam, erzählte er, er habe in Altimisch-bulak ein Kamel getötet, wurde aber gehörig ausgelacht, da man dies für erlogen hielt; keiner von uns hatte ihn auch nur einen Hasen töten sehen. Er hatte jedoch später Gelegenheit, nicht nur zu beweisen, daß er die Wahrheit gesprochen, sondern auch, daß er ein sehr guter Schütze war.

Am folgenden Morgen zogen die beiden Männer nach Norden. Sie sollten versuchen, in einem Tage nach Altimisch-bulak zu kommen, denn sie erhielten keinen Tropfen aus unserem Vorrat, der schon so klein war, daß ich leider nicht noch einen Tag an dieser interessanten Stelle bleiben konnte. Die Karawane war jetzt noch mehr zusammengeschmolzen. Ich hatte nur Tschernoff, Faisullah und Ördek, vier Kamele, ein Pferd und zwei Hunde bei mir.

Wir brachen sehr spät auf, denn der halbe Tag ging mit verschiedenen Nacharbeiten bei den Ruinen hin. Einige Einzelheiten wurden abgezeichnet, ein paar Ansichten aufgenommen und die Maße gemessen.

Das kleinere Haus, das, seiner Ausschmückung und dem Vorkommen der Opfertassen nach zu urteilen, ein Tempel gewesen war, maß an den Seiten 5,6 und 6,6 Meter.

Das größere Haus hatte in seinem Grundriß die Dimensionen 52,4 × 18 Meter; seine Längsrichtung war Südwest nach Nordost. Seine Grundbalken waren über den Hügel, an dem der Wind ständig zehrt, vorgeschoben. Das Haus war in mehrere Zimmer von verschiedener Größe geteilt gewesen. Wie der Sand das Bauholz konserviert, sah man leicht daran, daß verschüttete Teile sehr gut erhalten, die freiliegenden aber übel zugerichtet, porös und oft an den Enden besenförmig aufgesprungen sind. An viereckigen Löchern in Balkenrahmen (Abb. 85), in welche vertikale Eckpfosten hineinpaßten, sah man sogar die Striche des Stiftes, mit dem die Form der Löcher einst aufgezeichnet worden war. Mehrere solche Pfosten waren hübsch verziert und so rund gedrechselt, daß sie einer Menge übereinandergestellter Kugeln und Scheiben glichen.

Einer der äußeren Räume hatte wahrscheinlich als Schafstall gedient, denn dort lag eine fußdicke Schicht von Schafdung. Dieser wird von den Chinesen zur Feuerung benutzt, aber in einer so holzreichen Gegend, wie die Uferwälder des Lop-nor es gewesen sind, wäre eine solche Sparsamkeit überflüssig gewesen. Alle Dachteile lagen in je einem Haufen auf der Westseite der Häuser. Der letzte Oststurm, dem sie nicht länger hatten widerstehen können, hatte sie dorthin geschleudert. Alles Bauholz war Pappelholz aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Nach der Bodengestalt zu urteilen, hatten diese beiden Gebäude und ein drittes, das beinahe zerstört war, auf einer Halbinsel in einem See oder auf einer Landenge zwischen zwei Seen gelegen. Man hat allen Grund zu der Vermutung, daß der Verlauf der Uferlinie beim Lop-nor ebenso unregelmäßig und launenhaft gewesen ist wie beim Kara-koschun.

Man wird fragen, welchen Zweck diese Häuser erfüllt und was für Leute sie erbaut und dort gelebt haben. Mein erster Eindruck war, daß sie eine „Örtäng“ oder größere Poststation auf der Straße nach Dung-chan (Sa-tscheo) gebildet haben. Eingehenderes darüber behalte ich mir für ein späteres Kapitel vor.

Während ich und Tschernoff mit Messungen beschäftigt waren, hatten die beiden anderen Männer von frühmorgens an die Umgegend abgestreift, ohne noch mehr Entdeckungen zu machen. Daher wurden die Kamele beladen, und wir zogen nach Südwesten, in einer durch die Lage der Jardang mit absoluter Notwendigkeit vorgeschriebenen Richtung; wir mußten den zwischen ihnen vom Winde ausgemeißelten Furchen sklavisch folgen. Die Schwellen werden jedoch allmählich niedriger, und unausgebildete Dünen treten auf. Toter Wald ist sehr häufig, aber er steht in Gehölzen, die sicher Inseln in dem alten See gewesen sind. Welch ein Unterschied gegen den Kara-koschun, an dem es jetzt keine einzige Pappel gibt. Milliarden von Schnecken liegen umher, und die harten, scharfen Kamisch- und Binsenstoppeln sind nicht gut für die Fußschwielen der Kamele. Solche Kamischstoppeln werden auch stehenbleiben, wenn der Kara-koschun einst austrocknet.

Darauf hört der Sand wieder auf; es war nur ein erster Gürtel, den wir eben gekreuzt hatten. Alles ist tot und öde, erstickt und verdorrt in dieser Gegend, die früher so reich bewässert und so reich an üppiger Vegetation war.

Nach einer Wanderung von 20 Kilometer blieben wir in einer unbedeutenden Bodensenkung, wo ein paar lebende Tamarisken wuchsen und wir also Hoffnung hatten, an das Grundwasser zu kommen. Als aber der Brunnen gegraben werden sollte, stellte sich heraus, daß der Spaten bei den Ruinen vergessen worden war. Ördek, der sich diese Nachlässigkeit hatte zuschulden kommen lassen, erbot sich sofort, ihn zu holen.

Ich hatte großes Bedenken, ob ich ihm erlauben sollte, allein einen so weiten Gang zu machen, noch dazu in einer Jahreszeit, wo man nie vor Sandstürmen sicher ist; da aber unser Wasservorrat gering war und der Spaten für uns alle noch von unschätzbarem Nutzen sein konnte, sagte ich ihm, er solle sich aufmachen und unseren Spuren folgen. Doch sollte er sich erst durch ein paar Stunden Schlaf stärken, und ich ermahnte ihn, wenn er uns nicht wiederfände, nur gerade nach Süden zu gehen, da er dann früher oder später das Ufer des Kara-koschun erreichen würde. Wir selbst konnten nicht auf ihn warten, um ihm aber seine Aufgabe zu erleichtern, gab ich ihm das Pferd. Nach einem tüchtigen Abendessen ritt er um Mitternacht durch die Wüste nach Norden zurück.

Was ich gefürchtet hatte, trat schon gegen 2 Uhr morgens ein; ein halber Sturm aus Nordost weckte mich und hielt den ganzen Tag mit Sandgestöber und Staubnebel an. Man sah nicht weit vor sich, und die Spuren konnten nicht lange erhalten bleiben. Ich hoffte jedoch, daß Ördek bei Beginn des Sturmes so klug gewesen sei, den Spaten seinem Schicksal zu überlassen und sofort umzukehren.

Uns, die wir nach Südwesten weiterzogen, war der Sturm willkommen; er schob uns, erleichterte das Gehen und nahm einen Teil der stechenden Glut der Mittagssonne fort. Die Wüste wurde jetzt immer öder; sogar der tote Wald hörte fast ganz auf, der Sand wurde zusammenhängend und nur selten von kleinen Bajiren unterbrochen, die Dünen waren aber nur noch 5 Meter hoch. Von ihnen aus sieht man, daß der Sand gegen Westen und Südwesten, wohin der Wind ihn beständig trägt, immer höher wird. Das tote Kamisch, an dem wir dann und wann vorüberziehen, ist vom Winde nach Südwesten niedergeschlagen, als sei es mit einer Riesenbürste nach dieser Seite niedergebürstet worden.

An einem Punkte, wo wir ein paar Holzstücke fanden, wurde das Lager Nr. 18 aufgeschlagen. Während wir noch damit beschäftigt waren, stellte sich der prächtige Ördek wieder ein; er brachte den Spaten mit und führte das Pferd, das, wie er selbst, von dem 60 Kilometer weiten anstrengenden Ritte auf schlechtem Terrain vor Müdigkeit beinahe umfiel. Das Allermerkwürdigste aber war die wichtige Neuigkeit, die Ördek, nachdem er sich eine Weile ausgeruht hatte, zu erzählen wußte.

Er hatte sich während des Sturmes verirrt, unsere Spuren verloren und einen Tora erreicht, in dessen Nähe er die Ruinen mehrerer reich mit geschnitzten Planken verzierter Häuser gefunden hatte (Abb. 86, 87). Dort hatten auch irdene Tassen, Spieße, Beile, Metallstücke, Münzen und dergleichen gelegen, von denen er einiges mitgenommen hatte und uns nun zeigte. Er hatte auch zwei geschnitzte Planken mitgenommen, und zwar die besten der vorhandenen, und dann das Suchen nach der ersten Ruinenstelle fortgesetzt, die zu finden ihm schließlich auch gelungen war. Vergebens hatte er die Bretter auf das Pferd zu binden versucht; dieses scheute so davor, daß er sie schließlich selbst hatte tragen müssen. Seine Schultern waren noch blutig von den Stricken. Als er unser Lager Nr. 17 erreicht hatte, versuchte er wieder, seine Last dem Pferde aufzubürden, dieses riß sich aber los und ging durch. Nach vielen Bemühungen gelang es ihm, das Pferd wieder einzufangen; er war aber so müde, daß er die Bretter liegen ließ und uns aufsuchte.

Daß diese Nachricht das Programm für das nächste Jahr umgestalten würde, war mir sofort klar. Zunächst wurde der arme Ördek beauftragt, den zurückgelassenen Fund am nächsten Morgen zu holen, welcher Auftrag schon ausgeführt war, bevor wir aufbrachen. Die Planken waren sehr gut erhalten und mit geschnitzten Blumen und Girlanden verziert. Ich hatte jetzt sehr große Lust zum Umkehren, was jedoch eine Torheit gewesen wäre, da unser Wasservorrat nur noch für ein paar Tage reichte und die warme Jahreszeit mit großen Schritten nahte.

105. Sandsturm auf dem Beglik-köll. (S. 263.)
106. Die Fähre sitzt auf dem Tuwadaku-köll im Schilfe fest. (S. 261.)
107. Frauen und Kinder in Tscheggelik-ui. (S. 273.)
108. Stall in Tscheggelik-ui. (S. 273.)

Nein, der ganze Reiseplan mußte geändert werden. Nach den Ruinen mußte ich zurückkehren, koste es was es wolle, aber den Sommer über wollten wir nach Tibet gehen und uns im Winter dann wieder nach dem Lop-nor begeben. Würden wir die Stelle in dieser ebenen Wüste, wo das Auge vergebens nach einem einzigen Anhaltspunkte sucht, auch wiederfinden? Ich zweifelte nicht daran, denn ich vertraute fest auf meine Ortsbestimmungen. Wenn ich es nur übernähme, den Weg nach Altimisch-bulak zu zeigen, so würde Ördek, wie er fest behauptete, die von ihm so glücklich entdeckten Ruinen ganz bestimmt wiederfinden. Schon jetzt sehnte ich mich dorthin zurück, mußte mich aber noch acht Monate gedulden. Ich segnete den Spaten, der vergessen worden war und dadurch Veranlassung zu dieser großartigen Entdeckung gegeben hatte.

31. März. Die Temperatur ist nachts noch unter 0 Grad, bei Tage aber steigt sie bedeutend. Der Sturm hatte aufgehört, und die Luft war klar, der Himmel prunkte in der reinsten türkisblauen Farbe, die grell gegen die trostlos graugelbe Wüste absticht. Der tote Wald hat aufgehört; Bruchstücke, die sein ehemaliges Vorhandensein ahnen lassen, kommen nicht mehr vor; wir haben das Vegetationsgebiet des Lop-nor hinter uns gelassen. Ich gehe zu Fuß voraus und gewinne dadurch Zeit; denn mein Vorsprung übt eine gewisse Zugkraft auf die Karawane aus, und außerdem trage ich als Führer die Verantwortung. Wir pflegten den Marsch barfuß anzutreten, aber die Füße sind auf dem erhitzten Boden bald wie verbrannt, und man muß wieder Schuhe anziehen. Abkühlung spürt man nur, wenn man als letzter im Zuge in die Spuren der Kamele tritt, die den nachtkalten Sand aufgewühlt haben.

Die Lopwüste ist öder als die Tschertschenwüste, denn dort fanden wir wenigstens Weide und Brunnenwasser; hier hätte das Graben nirgends Erfolg gehabt. Bei einer toten Tamariske lagerten wir. Die Kamele sind müde und matt, denn seit fünf Tagen haben sie nicht getrunken; am Morgen des 1. April aber erhielten sie jeder einen Eimer Wasser, worauf der Vorrat nur noch einen Tag reichte. Auch den letzten Kamischsack durften sie leer fressen. Wir mußten nach dem Kara-koschun eilen, wohin es noch 60 oder 70 Kilometer sein mußten. Wie gewöhnlich brach ich früher auf und ging direkt nach Süden. Wüste Dünen auf allen Seiten, dieselbe trostlose Wüstenperspektive, die ich schon so oft gesehen hatte.

So erreichte ich eine hohe Düne, auf der ich mich ermüdet niedersetzte und den Horizont mit dem Fernglase absuchte. Lauter Sandrücken. Doch was war dies! Im Südosten breiteten sich zwischen Dünen und Jardangterrassen große Wasserflächen aus. Wasser in dieser Wüste! Ich traute kaum meinen Augen; es mußte eine Luftspiegelung sein!

Jetzt mußte ich mich sputen und eilte sofort dorthin. Nein, es war richtig ein See mit den bizarrsten Einschnitten, Buchten, Inseln, Holmen und Sunden, dem tollsten Gewirre von Wasserflächen, wie sie nur auf ebenem Terrain zwischen Dünen und vom Winde ausgearbeiteten Terrassen entstehen können. Außer ein paar jungen Tamariskensprossen auf dem weichen sumpfigen Uferrande und etwa 20 Kamischstengeln war die Gegend jedoch ebenso unfruchtbar wie bisher.

Ich ging an dem gebuchteten Ufer entlang nach Südwesten. Der See verengerte sich manchmal bedeutend, erweiterte sich aber bald wieder zu größeren Flächen. Das Wasser hatte einen leichten Anflug von Salz, wurde aber von allen Tieren gern getrunken. Darauf wandte sich unser Ufer nach Norden, und wir mußten ihm dorthin folgen, denn eine Furt fanden wir nicht, und die Kamele wären im Schlamme versunken.

Der See streckte seine schmalen Buchten wie Finger nach Nordosten aus, die uns ärgerliche Umwege verursachten. Der Boden ist feucht und schwankt unter den ängstlichen Kamelen; er geht auf und nieder, als sei eine Gummihaut über ein verborgenes Wasser gespannt, und man hat das Gefühl, als bedürfe es nur eines Loches darin, um die Karawane in den Fluten verschwinden zu lassen.

Das Land ist gänzlich unfruchtbar. Der See zeigt einen auffallenden Parallelismus mit Bajirmulden und Jardangterrassen, mit Dünen, Dünentälern und Windfurchen; alles zieht sich von Nordosten nach Südwesten, und ziemlich oft sieht man die Jardangrücken unter dem Wasser.

Daß dies nicht der Anfang des Kara-koschun sein konnte, schien mir keinem Zweifel zu unterliegen, denn sonst hätte es hier Kamisch im Überflusse gegeben. Doch woher kommt dann dieses Wasser? Sein geringer Salzgehalt zeigte, daß es ziemlich neu war. Wäre es alt, so sähe man hier schon junges aufkeimendes Kamisch, das sich so unglaublich schnell mit dem Wasser verbreitet. Ich vermutete, daß der See von dem neugebildeten Arme von Schirge-tschappgan herrührte.

So merkwürdig diese Entdeckung auch war, indem sie mich der Lösung der verwickelten Lop-nor-Frage einen Schritt näher führte, so hatten wir doch unter den gegenwärtigen Umständen wenig Nutzen davon; wir bedurften jetzt vor allem der Weide für die Tiere und der Lebensmittel für uns selbst, denn wir hatten nur noch Reis und Tee, und bei so kärglicher Kost konnten wir nicht anders als hungrig sein. Statt die Schritte rasch südwärts nach dem Kara-koschun zu lenken, hatten wir uns von diesem unfruchtbaren See aufhalten lassen — ein richtiger Aprilscherz!

Da der See sich immer weiter nach Westen hinzog, beschloß ich Halt zu machen, um zu sehen, ob sich keine Furt würde entdecken lassen. Wir standen augenscheinlich an einem ganz neuen Wasserarme des Tarim und mußten hinüber. Eine Strömung war allerdings nicht wahrzunehmen, wohl aber eine ganz frische Wasserlinie, die zeigte, daß der Wasserspiegel um einen Meter gesunken war, was seinen Grund im Fallen des Tarim während des Winters hatte. Die bedeutenden Dünen, die den See auf allen Seiten einrahmen, ja bisweilen kleine Inseln bilden, beweisen, daß sie sich an Ort und Stelle befunden haben, als diese Überschwemmung das Land unter Wasser setzte. Die Anordnung der Dünen würde sonst eine ganz andere sein; sie hätten im Süden und im Südwesten des Sees gefehlt, wo sie nun statt dessen am höchsten waren.

2. April. Tschernoff gab sich nicht eher zufrieden, als bis er eine 90 Zentimeter tiefe Furt mit tragfähigem Sandboden gefunden hatte. Den Kamelen gefiel das Bad. Auf der anderen Seite drangen wir wieder in hohe Dünen ein, und der See entschwand uns bald aus den Augen. Der Sand wurde immer gewaltiger; 8–11 Meter hohe Dünenkämme wurden mit dem Nivellierspiegel gemessen.

Die Muselmänner waren mißmutig und glaubten, der See, den wir verlassen hatten, sei der Kara-koschun gewesen. Ich selbst begann unwillkürlich darüber nachzugrübeln. War es so, dann waren wir verloren! Die Kamele keuchten in dem weichen Sande und sahen so melancholisch aus, als zerbrächen sie sich den Kopf darüber, warum wir den See sogleich verlassen hatten. Die Hitze war unerträglich, und die Sonne schien uns gerade ins Gesicht.

So gefährlich war es jedoch nicht. Das Terrain veränderte sein Aussehen in erfreulicher Weise. Der Sand nahm ab, ein Gürtel von toten Pappeln wurde durchquert, und dann kam einer von lebenden Tamarisken. Vor uns erhob sich ein 5 Meter hoher Hügel. Ich sagte Faisullah, er solle mich hinaufbegleiten, um den Kara-koschun in Augenschein zu nehmen. Und richtig! Von dieser Anhöhe sah man im Südwesten, Süden, Südosten und Osten große und kleine Flächen reinen, blauen Wassers, die durch gelbe Kamischfelder voneinander getrennt waren.

Auf einer Landzunge in dem nächsten großen See wurden die Zelte unmittelbar am Strande aufgeschlagen. Mit Genuß betrachtete ich von meinem Zelte aus durch das Fernrohr die Scharen von Gänsen, Enten und Schwänen, die auf dem See schwammen und tauchten. Ein Wüstenreisender kann sich keine schönere Aussicht träumen. Leider waren die Schwimmvögel zu weit vom Ufer entfernt. Aus ihrer Art zu tauchen konnte man schließen, daß der See nicht sehr tief war. Sein Wasser war ganz süß.

Das Zelttuch flatterte im Seewinde. Welch ein Unterschied gegen den Wüstenwind und seinen Staub! Das Wasser plätscherte so herrlich am Ufer, und halb träumend lag ich da, über diese jetzt so glücklich beendete Fahrt nachdenkend. Das Vorhandensein des Seebeckens des alten Lop-nor war festgestellt, ein ehemals bewohnter Ort war entdeckt, ein neuer See in der Wüste angetroffen worden. Weder Menschen noch Tiere waren dabei verloren gegangen.

Was das Profil quer durch die ganze Lopwüste betraf, so fand ich, daß es nicht genügte. Man kann die Ergebnisse des Kochthermometers und des Aneroids in einem Lande mit so unbedeutenden Höhenunterschieden nicht verwerten. Mein schon gefaßter Entschluß, diese Gegend noch einmal zu untersuchen, wurde nur noch fester, denn nur ein Präzisionsnivellement des Beckens konnte über die äußerst unbedeutenden Höhenunterschiede zwischen dem Lop-nor und dem Kara-koschun Auskunft geben. Ich hatte nach meiner früheren Reise gerade deshalb betont, daß der Lop-nor ein wandernder See sein müsse, weil dieses ganze Gebiet nahezu in ein und derselben Fläche liege.