Neunundzwanzigstes Kapitel.
Eine lange Seefahrt.

Am 17. August brachen wir auf, um die nächste, von Osten nach Westen gehende Bergkette zu überschreiten. Der Anstieg macht sich unseren müden Tieren bald recht fühlbar. So, wie wir jetzt zogen, waren wir gezwungen, unnötigerweise über drei Pässe zweiter Ordnung zu gehen, ehe wir den Hauptpaß erreichten. Hinten im Westen erhebt sich der mächtige Gebirgsstock mit den Gletschern und den ewigen Schneefeldern im Osten erscheint ein Tafelberg, dessen Kammlinie so gerade ist, als sei sie mit einem Lineale gezogen worden; wahrscheinlich war der Berg mit dem porösen Tuff, der in diesen Gegenden allgemein vorkommt, bedeckt. Vom Passe führte ein zwischen roten Hügeln eingeschnittenes Tal langsam nach Süden. Sein Bach mündet schließlich in einen wohl 10 Kubikmeter Wasser führenden Fluß vom nächsten Gletscher. In der Nähe des Zusammenflusses hatte sich die Karawane auf einem mageren Rasenplatze, wo der sandige Boden wenigstens trocken war, im Lager Nr. 28 niedergelassen (Abb. 132).

Jetzt hatten wir nur noch zwei Schafe, von denen hier eines dem Hunger geopfert werden mußte. Das letzte blökte ängstlich und suchte vergeblich seinen toten Kameraden. Schlimmer war, daß Aldat, als er auf eine Orongoantilope schoß, seine Flinte ruinierte; eine hinten am Laufe befindliche Stahlschraube wurde losgesprengt und hätte ihn beinahe ins Gesicht getroffen. Zum Glück fand er die Schraube wieder; sie wurde nun mit Stahldraht und einem Lederriemen in ihrer Lage so festgemacht, daß die Flinte im Notfalle benutzt werden konnte.

Als wir am Tage darauf gerade aufbrechen wollten und die Tiere schon zum Beladen bereitstanden, verdunkelte sich der Himmel in beunruhigender Weise, weshalb wir es für das klügste hielten, noch eine Weile zu warten; wir wären in ein paar Minuten durch und durch naß geworden. So warteten wir denn einen Regenguß nach dem anderen ab, und auf diese Weise ging der Tag hin. Um 2 Uhr klärte es sich auf, aber nun war es zum Aufbrechen zu spät. Statt dessen begab ich mich mit dem großen photographischen Apparat nach der nächsten Gletscherzunge und wollte mich gerade anschicken, ein paar Aufnahmen zu machen, als der Himmel wieder seine freigebigen Schleusen öffnete. Gleichzeitig näherte sich von Süden her, schwarz wie die Nacht, ein Hagelsturm, der sich wie eine dicke Masse über die Erde hinwälzte und ihre Oberfläche hinter sich weiß färbte.

Es war uns einerlei, wohin uns unser Weg das Flußtal abwärts führte, die Hauptsache war, daß wir niedrigere Gegenden mit Weide erreichten. Wir folgten dem Flußlaufe über 30 Kilometer weit, lagerten aber eine ziemliche Strecke von seinem Westufer entfernt. Zu Anfang des Marsches hatten die Leute einen recht ungewöhnlichen Fund gemacht, nämlich ein Stück eines alten Muhammedanerhemdes, ein Tauende und ein Holz mit Kerben, wie es beim Beladen der Tiere gebraucht wird. Ob diese Sachen von einer mongolischen Pilgerkarawane oder von Hauptmann Wellbys Reise herstammten, ließ sich nicht feststellen; letzteres ist jedoch nicht unwahrscheinlich. Wellby und Malcolm reisten 1896 gleichzeitig mit mir durch Nordtibet, von Westen nach Osten, von Ladak nach Zaidam und wählten das Längental, welches meiner Route nach Süden hin zunächst liegt. Sie machten eine denkwürdige, schöne Reise. Ein paar Jahre darauf fiel Wellby im südafrikanischen Kriege, in dem auch Malcolm schwer verwundet wurde.

Der größere Teil des Tages wurde von einigermaßen gutem Wetter begünstigt; die Regenschauer fielen in solchen Pausen, daß wir dazwischen wieder trocken wurden, doch kaum war dies geschehen, so goß es wieder vom Himmel herunter, daß das Wasser von den Lasten rieselte und unsere Anzüge vor Nässe glänzten. Jolldasch fing ein ganz kleines Wölflein, einen wütenden, kleinen Teufel, der gebunden mitgenommen wurde und die verzweifeltsten Versuche zur Wiedererlangung seiner Freiheit machte.

Am 20. August war der Boden im großen ganzen so eben, daß sich keine Rinnsale oder Erosionsfurchen bilden, sondern sich das Wasser in zahllosen kleinen, trüben Lachen ansammelt. Die Grasvegetation wird allmählich besser, als wir sie bisher in Nordtibet gesehen haben, und hier und dort wächst üppiger wilder Lauch. Die Kamele fressen diese Pflanze mit Begierde, und auch in unseren Suppen schmeckte sie gut.

Nach Süden hin ist das Land bis ins Unendliche offen, und keine mächtigen Bergketten stellten sich uns mehr in den Weg. Am Horizont zeigten sich allerdings Bergkämme, aber sie sahen ganz unschuldig aus. Das Land hatte Plateaucharakter angenommen, und wir wanderten über unabsehbare Hochebenen hin. An dem Ufer eines Tümpels weideten drei große schwarze Yake. Sie setzten uns in schwerem Galopp nach, wahrscheinlich in dem Glauben, daß wir zu ihren alten Bekannten gehörten. Als sie nur noch 200 Schritt entfernt waren, erkannten sie ihren Irrtum und kehrten in langsamem Trabe um. Im Südosten erblickten wir einen ungeheueren See, an dessen Nordwestufer die Weide ziemlich gut war, weshalb wir das Lager Nr. 30 dort aufschlugen.

Der 21. August wurde zur Ruhe und zu astronomischer Observation bestimmt. Das Wetter war herrlich, wirklich warm, und Fliegen summten wieder in der Luft. Wir hatten die Zelte unweit des Ufers auf sandigen Hügeln, die das Regenwasser aufsaugen und davon nicht schlammig werden, aufgeschlagen. Der Strand selbst war flach und kiesig, und ein 50 Zentimeter hoher Kieswall zeigte, wie weit die Wellen zu dringen pflegten. Das Wasser war bittersalzig, aber in der Nähe gab es glücklicherweise eine süße Quelle. An Feuerung litten wir keinen Mangel, denn hier wuchsen Jappkakstauden in ziemlicher Menge; einige Männer brachten ganze Arme voll davon ins Lager. Ihnen war unheimlich zumute, denn sie hatten ganz seltsame Klagelaute gehört und glaubten, es seien Menschenstimmen gewesen. Doch Aldat, der von der Jagd zurückkam, erklärte, es seien Wölfe. Außer sich warf er seine Flinte hin, die ihm noch nie so schlechte Dienste geleistet. Er hatte einen Kulan und einen Yak verwundet, aber beide hatten die Flucht ergriffen. Gestern hatte er eine Orongoantilope angeschossen, deren Skelett wir später auf dem Marsche fanden; das Fleisch und die Eingeweide waren von Wölfen gefressen worden. Es fing an Zeit zu werden, daß Aldat uns etwas Fleisch verschaffte, denn wir lebten jetzt meistens von Reis und Brot. Ein paar Konservendosen hatte ich noch, und Tscherdon bewirtete mich täglich mit einer vortrefflichen Suppe von grünen Erbsen, wildem Lauche und Liebigs Fleischextrakt, der mir auf dieser Reise große Dienste leistete.

Jetzt wurde folgende Verabredung getroffen. Am 22. August sollte Kutschuk mich schräg über den See nach einem ziemlich bedeutenden Gipfel, der sich im Südosten zeigte, hinrudern. Gleichzeitig sollte die Karawane nach Westen und Süden um den See herummarschieren und am Ufer vor dem erwähnten Gipfel Halt machen. Da ich fürchtete, daß es ihnen vielleicht unmöglich sein möchte, auf diesem Wege hinzugelangen, ließ ich Mollah Schah auf Rekognoszierung dorthin reiten. Er kam am Abend wieder und versicherte, daß keine Hindernisse vorlägen. Im Westen hatte er einen zweiten, ebenso großen See gesehen, in den sich wahrscheinlich das Schmelzwasser des Gletscherstockes ergoß. Die Sache lag also klar, und ich hielt es für selbstverständlich, daß die Karawane vor uns an dem verabredeten Platze eintreffen würde, da Tiefenlotungen und andere Beobachtungen naturgemäß ziemlich viel Zeit kosteten. Tscherdon wurde daher ermahnt, bei der Ankunft ein Feuer anzuzünden, das uns abends als Leuchtfeuer dienen sollte und nach welchem wir, wenn es nötig wäre, unseren Kurs rechtzeitig ändern könnten.

Warm und klar brach der Tag an; nur einige leichte Wölkchen segelten an dem türkisblauen Himmel, und spiegelblank lag der See. Während die Karawane beladen wurde, brachten wir das Boot am Ufer in Ordnung. Segel, Ruder und Rettungsbojen wurden mitgenommen, im übrigen nur die notwendigen Instrumente. Wir fuhren eine gute Weile vor der Karawane ab, sahen aber nachher ihre lange Reihe am Ufer entlang schreiten.

Mit der Uferlinie beginnt die zusammenhängende Salzkruste, die den ganzen Seeboden bedeckt und hier anfänglich 2–4 Zentimeter dick war. Sie bricht unter unseren nackten Füßen. Wir mußten das Boot nämlich erst 1½ Kilometer in den See hineinziehen, ehe es schwamm, und in dieser Entfernung vom Strande betrug die Tiefe noch kaum 50 Zentimeter. Jetzt steuerten wir erst nach einer kleinen Insel in Ostsüdosten. Kutschuk brauchte nicht zu rudern, sondern schob das Boot vorwärts; das Ruder scharrte wie auf Stein, wenn es die allmählich immer fester werdende Salzkruste berührte.

Dieser umfangreiche See ist nur ein kolossaler Salztümpel ohne Spur von Leben. Keine Schwimmvögel, keine Wassertiere, keine Algen waren zu sehen. Auch der Uferstreifen ist, soweit der Wellenschlag reicht, unfruchtbar; nur auf den sandigen Hügeln, welche die Wasserfläche um einige Meter überragen, wächst Gras.

Wir landeten an der kleinen, birnförmigen Insel, deren größte Höhe 5 Meter über dem Wasserspiegel nicht übersteigt. Sie liegt wie eine Semmel im See und hat vortreffliches, geschütztes und unberührtes Weideland. Das Gerippe eines Vogels war das einzige Lebenszeichen, das wir finden konnten. Die Aussicht aber ist großartig und orientierend. Nach Westen und Osten erstreckt sich völlig offenes Land, auf dem bis an den Rand des Horizontes auch nicht der kleinste Berggipfel sichtbar ist. Im Nordwesten glänzt das mächtige Firnmassiv, vor dessen Gletscherzungen wir vor ein paar Tagen lagerten. Im Süden erscheinen flache, weich abgerundete Landrücken und im Norden die sich hie und da bis zu Schneebergen erhebende größere Kette, die wir zuletzt überschritten hatten.

Darauf steuerten wir nach Südosten in der Richtung des vereinbarten Sammelplatzes. Nur in einem Ringe um die Insel herum lag Kies auf plastischem blauem Ton, dann aber setzte die Salzkruste wieder ein. Die Tiefe nahm ein wenig zu, so daß Kutschuk das Boot nicht mehr mit dem Ruder weiterstoßen konnte, sondern rudern mußte.

Die Tiefenverhältnisse in diesem See waren höchst unerwartet. Der Boden ist beinahe ganz eben, und die größte Tiefe betrug nur 2,33 Meter. Der See liegt also wie eine papierdünne Wasserschicht über der Salzkruste und ist nur halb so tief wie die Kara-koschun-Sümpfe. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Lotungsstellen beliefen sich auf einen oder ein paar Zentimeter. Ich hatte eine mehrere hundert Meter lange Lotleine mit Bleigewicht mitgenommen, doch meistens genügte das 2,13 Meter lange, in Dezimeter und Zentimeter eingeteilte Ruder.

Gerade im Osten schien sich der See bis ins Unendliche zu erstrecken, einer Meeresbucht vergleichbar; dies beruhte aber auf einer durch Luftspiegelung hervorgerufenen Sinnestäuschung.

Es war ein wunderbarer, in Wahrheit höchst außergewöhnlicher Tag, den wir auf diesem Salzsee zubrachten. Das Wetter war prächtig; kein Lüftchen regte sich, und der Himmel spiegelte sich deutlich im Wasser wieder. Nur um die Randgebirge herum lag ein Kranz von dichteren weißen Wolken. Die Sonne, ein seltener Gast in diesen Gegenden, wärmte ordentlich; man freute sich, wieder etwas vom Sommer zu sehen, und träumte von den entflohenen Annehmlichkeiten dieser Jahreszeit. Es war schon wohltuend, das Gesicht in der Strahlenflut baden zu können und nach all der Nässe und Kälte in der Nachbarschaft des Arka-tag einmal wirklich das Gefühl des Trockenseins zu haben, aber ohne die giftigen Insekten, die tiefer unten die treuen Sommerbegleiter der Sonne bilden. Um uns herum ist es so still wie im Grab; keine Fliege summt in der Luft, kein Fisch plätschert im Wasser, das leblos daliegt wie eine chemische Lösung, überall war es still und friedlich wie an einem Sonntage. Die vor kurzem noch so unruhigen Geister der Luft und des Wetters hatten sich einen freien Tag gemacht, wahrscheinlich nur, um sich zu neuem wildem Streitgetümmel auszuruhen.

Die Landschaft hat in dieser reinen, verdünnten Luft einen ganz ungewöhnlichen, leichten Ton. Man könnte sie mit einer Braut in weißer und hellblauer Seide vergleichen; es ist das duftigste Aquarell in den zartesten Farben, denn alles ist ätherisch und durchsichtig wie eine Luftspiegelung oder ein Traum. Nur unmittelbar beim Boote schimmert das Wasser grün, sonst ist es hellblau vom Widerscheine des Himmels.

Welch herrliche Art, nach dem nächsten Lagerplatze zu gelangen, verglichen mit dem Reiten mit der schwerfälligen, müden Karawane! Ich saß im Vorderteile des Bootes so bequem wie in einem Lehnstuhl und machte meine Beobachtungen und Aufzeichnungen wie vor einigen Monaten auf der Fähre. Der Kurs war ein für allemal gegeben, und ein Blick nach dem Berggipfel genügte zur Kontrolle der Richtung. Die Geschwindigkeit wurde alle fünf, die Tiefe alle zehn Minuten gemessen, und Kutschuk sang und summte zu den Ruderschlägen allerlei Weisen. Er ruderte das Boot mit einem Ruder, das bald an der Backbord-, bald an der Steuerbordreling senkrecht ins Wasser getaucht wurde. Mast und Segel waren in der Mitte des Bootes querüber festgebunden, um uns nicht im Wege zu sein. Mäntel hatten wir nicht mitgenommen; hätte ich mich erwärmen müssen, so würde ich mit dem zweiten Ruder geholfen haben, nun aber freute ich mich untätig meines Daseins, aller Hagelschauer uneingedenk. Die Temperatur stieg auf 14 Grad und betrug im Wasser 17,1 Grad; es war ordentlich warm.

Das Wasser ist so salzig, daß die ins Boot fallenden Tropfen wie Stearin erstarren. Nachdem das Wasser verdunstet ist, bleibt eine kreideweiße dünne Glocke zurück, die jedoch gewöhnlich einfällt. Das Lotungsruder wird so weiß, als wäre es angestrichen, unsere Hände werden weiß und rauh, unsere Kleider von Spritzern weißgetüpfelt, und der Strommesser glitzert mit tausend Facetten. Die Ränder und der Boden des Bootes sehen aus, als wäre es kürzlich zu einem Mehltransport benutzt worden.

Während der ersten Stunden sahen wir die Karawane am Westufer entlang schreiten, und ich beobachtete mit dem Fernglase ihren gewöhnlichen ruhigen Gang und ihre Marschordnung. Sie beschrieb einen Bogen, während wir in gerader Linie nach dem Sammelplatze ruderten. Zuerst entfernten wir uns demnach voneinander, darauf verschwand die Karawane hinter den Uferhügeln, mußte aber bald am südlichen Ufer wieder auftauchen, und dann würden wir uns einander wieder nähern und schließlich an demselben Punkte zusammentreffen. Aber sie erschien nicht wieder. War sie vielleicht auf schwankenden Boden gestoßen und mußte einen Umweg machen, sammelten am Ende die Leute unterwegs noch Brennholz oder war gar Wildbret geschossen worden, das erst abgehäutet, zerlegt und eingepackt werden mußte?

Kilometer auf Kilometer blieb die Tiefe 1,88 Meter. Stunde auf Stunde schien sich der Abstand zwischen uns und dem Südufer nicht zu verringern. Aber, wie gewöhnlich, verging die Zeit auf dem Wasser schnell. Am Nachmittag bedeckte sich der Himmel mit leichten, dünnen Wolken, und die blaue Wasserfläche nahm eine marmorierte Schattierung an. Das Boot schoß in gerader Linie nach Südosten, und das Wasser plätscherte um das Ruder; dies war der einzige Laut, der die Stille auf diesem tibetischen „Toten Meere“, dessen Spiegel 4765 Meter über dem Weltmeere liegt, unterbrach.

Um 4 Uhr guckte die Sonne wieder hervor. Unter der sinkenden Sonne schien sich der See am weitesten nach Westen auszudehnen; es ist die Strahlenbrechung, die diese Sinnestäuschung hervorruft. Die Karawane war nicht zu sehen, aber die Entfernung war auch bedeutend, und sie mochte wohl hinter einigen Uferhügeln marschieren.

Gegen Abend sah der vor kurzem noch so klare, blanke Wasserspiegel beim Südufer mattgeschliffen aus. Ein brausendes Geräusch ließ sich immer deutlicher vernehmen und wurde von Kutschuk für das Rauschen eines in der Nähe mündenden Flusses gehalten. Bald wurde uns jedoch klar, daß das Brausen von einem sich erhebenden Winde herrührte, in dessen Bahn wir bald hineingerieten. Der Wind kam von Osten; es ruderte sich schwer, und als er stärker wurde, hißten wir Segel und änderten den Kurs in Südwest ab. Mit reißender Fahrt und in hohem Seegange strichen wir nach dem Ufer hin, wo sich die Brandung weißschäumend und donnernd über scharfkantige Kiesel wälzte, die das Segeltuchboot aufzuschlitzen drohten. Das Segel wurde rechtzeitig gerefft, Kutschuk sprang ins Wasser, ich half mit dem Ruder, und so brachten wir das Fahrzeug unverletzt an Land und zogen es hoch am Ufer hinauf.

Bevor die Dämmerung in Dunkelheit überging, eilten wir nach den nächsten Hügeln hinauf, um nach der Karawane auszuspähen. Doch von Menschen und Tieren war keine Spur zu entdecken! Die ganze Gegend lag schweigend und ausgestorben, beinahe unheimlich vor uns, und mir war zumute wie beim Eintreten in eine Klosterruine, in der seit tausend Jahren niemand gewesen ist. Während Kutschuk Jappkakbüschel sammelte, ging ich weiter in die Hügel hinein, wurde aber von ein paar Buchten und Lagunen aufgehalten, deren nur von einer außerordentlich dünnen Wasserschicht bedecktes Salz wie Eis glänzte. Ein Kulanschädel lag, verwittert und gebleicht, an einem Abhange, und in dem losen Erdreiche stand eine Bärenspur eingedrückt. Ich lauschte und rief, aber die Karawane war und blieb verschwunden.

148. Tscherdons Yak. (S. 361.)
Von links nach rechts: Mollah Schah, Turdu Bai, Kutschuk.
149. Ein erbeuteter Yak. (S. 361.)
150. Ein junger Kulan. (S. 362.)
151. Kopf und Seitenfransen des Yaks. (S. 361.)

Als ich nach dem Landungsplatze zurückkehrte, war es schon dunkel. Kutschuk hatte einen gewaltigen Armvoll Jappkak zur Feuerung zusammengesucht, und ich half ihm den Vorrat noch vergrößern. Jetzt war es ganz klar, daß sich den anderen irgendein unerwartetes Hindernis in den Weg gestellt haben mußte, sonst wären wenigstens ein paar Reiter nach dem Sammelplatze gekommen, um uns Bescheid und — was für uns das Wichtigste war — Essen, Wasser und warme Kleider zu bringen. Erst überlegten wir, ob wir nicht den heftigen, günstigen Wind benutzen und westwärts segeln sollten; aber in der Dunkelheit wäre dies doch zu gewagt gewesen, besonders da der Wind immer heftiger wurde. Vielleicht hatte die Karawane auch einen so weiten Umweg machen müssen, daß sie noch gar nicht hier sein konnte.

Es blieb uns also kein anderer Ausweg, als uns auf beste Weise für die Nacht einzurichten. Ein ebener Fleck wurde für das Lager aufgesucht, der ganze Feuerungsvorrat dort aufgestapelt, alle Sachen aus dem Boote geholt und dieses selbst in seine beiden Hälften auseinandergenommen. Letztere wurden aufgerichtet und bildeten so vorzügliche Schilderhäuschen, die uns gegen den Wind schützten. Wir waren gerade in Ordnung, als es zu regnen begann. Nun wurden die Boothälften, gegen je ein Ruder gelehnt, in einem Winkel von 45 Grad aufgestellt; wir hatten sowohl ein Dach über dem Kopfe wie Schutz vor dem Winde. Ich nahm die eine Rettungsboje, Kutschuk die andere, und mit diesen als Kopfkissen gelang es uns, solange die Luft noch warm war, eine Weile zu schlafen.

Um 9 Uhr zog ich die Chronometer auf und besorgte eine meteorologische Ablesung, während Kutschuk Feuer anmachte. Dann blieben wir noch ein paar Stunden sitzen und stellten philosophische Betrachtungen an. Es wäre zu schön gewesen, wenn wir eine Tasse heißen Tee und ein bißchen Brot oder wenigstens einen Becher Wasser gehabt hätten. Ich zog mir aus dieser Fahrt die Lehre, mich künftig nie ohne Proviant und warme Decken für die Nacht aufs Wasser zu begeben!

Als alle Feuerung verbrannt war, krochen wir in die Koje; jetzt kamen uns die Boothälften wieder vorzüglich zustatten. Erst wurde das Segel auf dem Kiese ausgebreitet, der dadurch auch nicht viel weicher wurde, dann wurde die Rettungsboje zur Hälfte in den Boden eingegraben, darauf legte ich mich entsprechend zusammengekrümmt nieder und zuletzt deckte Kutschuk die eine Boothälfte über mich. Alle Ritzen, durch die Zug kommen konnte, verstopfte er mit Sand, wobei er ein Ruderblatt als Spaten benutzte. Der Boden des Bootes war nur 1–2 Zoll über meinem Kopfe, und ich lag wie eine Leiche in ihrem Sarge, welcher Gedanke sich um so mehr aufdrängte, als Kutschuk draußen stand, Sand aufgrub und um mich herumschüttete. Drinnen war es so eng, daß ich mich in meinem Grabe nur mit Mühe umdrehen konnte, und ebenso dunkel wie in der Ruhestätte der Toten.

Ein ganzer, auf dem Wasser zugebrachter Tag greift an und macht hungrig, und wenn man nichts zu essen bekommt, friert man leicht; aber in unseren kleinen „Zelten“ wurde es bald warm. Kutschuk packte sich auf dieselbe Weise ein. Ein prächtiges Boot, das uns erst den ganzen Tag getragen hatte und uns hinterdrein noch als Zelt diente! Die Annehmlichkeit wurde noch größer, als es wieder zu regnen begann und die schweren Tropfen auf dem straffgespannten Bootboden wie Trommelwirbel schmetterten. Wir unterhielten uns eine Weile; Kutschuks Stimme klang durch die beiden Segeltuchwände wie eine Stimme aus dem Grabe, und auch meine tönte dumpf und hohl. Doch die Müdigkeit machte sich geltend, und wir schliefen, Wölfe, Bären und unsere eigene treulose Karawane vergessend, auf unserem Kirchhofe ein.

Ein paarmal wachte ich von der eindringenden Nachtkälte auf, schlief aber wieder ein, und als endlich das Morgenlicht unter den Bootrelingen hereinflutete, sah ich zu meinem Erstaunen, daß es schon 7 Uhr war. Kutschuk wurde gerufen und mußte den Sargdeckel öffnen; richtig stand die Sonne schon hoch über dem Horizont. Wir waren starr vor Kälte und sammelten schleunigst Feuerung, die mit den letzten Zündhölzern in Brand gesteckt wurde und uns wieder neues Leben gab. Es wehte frisch und gleichmäßig aus Osten, und da von der Karawane nichts zu sehen und zu hören war, blieb uns nichts weiter übrig, als westwärts zu gehen und sie zu suchen.

Also wurde das Boot wieder zusammengefügt, getakelt, ins Wasser gesetzt und bemannt, das Segel wurde aufgespannt, das eine Ruder diente als Segelbaum, das andere als Steuer, und mit sausendem Winde strichen wir längst des Südufers hin. Der Wind war ziemlich stark, der See ging hoch, die Jolle rollte ordentlich, und Kutschuk, der vorn im Boote saß, wurde seekrank. Die Geschwindigkeitsmessungen und die Lotungen wurden fortgesetzt und die Route eingetragen. Nachdem wir eine gute Stunde unterwegs waren, konnte ich mit dem Fernglas am Westufer des Sees zwei weiße Punkte wahrnehmen, die wir für die Jurte und das Zelt hielten. Kleine schwarze Punkte, die beide umgaben, mußten unsere Leute und Tiere sein. Nach drei Stunden waren wir dort. Tscherdon und Aldat wateten uns entgegen, um die Jolle vorsichtig ans Land zu ziehen. Der Karawane war richtig von einem mächtigen Fluß, den zu durchwaten unmöglich war, der Weg abgeschnitten worden. Der Fluß kam von einem großen See im Westen. Sie waren daher nach der Quelle zurückgekehrt, bei der wir sie fanden, und hatten die ganze Nacht auf einem Hügel ein Feuer unterhalten, das uns als Richtschnur dienen sollte, wenn wir draußen auf dem See umherirrten. Aldat hatte einen Kulan geschossen, denn frisches Fleisch war uns hochnötig. Das Wölflein hatten sie jedoch so freigebig damit traktiert, daß es an Überfütterung starb.

Sobald wir an Land gekommen waren, mußte Tscherdon mir ein Frühstück mit Kaffee bereiten; der Rest des Tages wurde zu verschiedenen Nacharbeiten benutzt. Jetzt handelte es sich darum, nach welcher Seite wir zunächst unsere Schritte lenken sollten. Gingen wir nach Westen, so brauchten wir drei Tage zur Umgehung des dort liegenden Sees, und im Osten hatten wir unseren großen Salzsee. Im Süden versperrte uns der Fluß, der von dem westlichen, entschieden süßen See Wasser nach dem salzigen führte, den Weg. Von Umkehren konnte noch keine Rede sein; dies durfte erst geschehen, wenn das morastige Hochland so fest gefroren war, daß der Boden trug. Ich beschloß daher, die ganze Karawane mit der Jolle über den Fluß zu führen.

Die Karawane mußte also nach der schmalsten Stelle des Flusses ziehen, während ich mit Kutschuk nach dem Mündungsgebiete ruderte. Die Breite beträgt hier etwa 300 Meter, und unmittelbar vor der Mündung lag eine Bank mit nur 50 Zentimeter Wasser, die eine prachtvolle Furt gewesen wäre, wenn sie nicht in der Mitte eine schmale Rinne von 2,56 Meter Tiefe gehabt hätte. Wir fuhren nach dem schmalen Übergange, wo die anderen warteten und alles Gepäck abluden. Auch hier ist das Wasser scharf salzig, obwohl die Strömung von dem Süßwassersee ziemlich stark ist; man sieht, wie sich süßes und salziges Wasser miteinander vermischt, wobei Flockenbildungen und Wirbel entstehen wie bei Zuckerwasser.

Die beiden Ufer bestanden aus hartem Kies. Die schmalste Stelle, wo die Überführung stattfinden sollte, war 58 Meter breit. Die größte Schwierigkeit war das Ausspannen eines Taues zwischen beiden Ufern. Beinahe alle Stricke, mit denen die Packlasten auf Kamelen und Pferden festgebunden wurden, mußten dazu genommen und aneinandergebunden werden. Am linken Ufer wurde das eine Ende festgemacht, dann wurde das Seil flußabwärts gezogen, worauf ich aus allen Kräften in einem Bogen hinüberruderte, während Kutschuk mit dem anderen Ende bereitstand, am rechten Ufer ans Land zu springen. Wir trieben indessen, da das Seil sich als zu kurz erwies, an der hier vorspringenden Landspitze vorbei und mußten uns wieder zurückschleppen und noch ein Ende anbinden, worauf dasselbe Manöver mit besserem Erfolge wiederholt wurde. Das Tau wurde nun auch an diesem Ufer festgebunden und so straff gezogen, daß es die Wasserfläche nicht mehr berührte.

Die Pferde sollten hinübergetrieben werden, aber sie ließen sich nicht dazu bringen, ins Wasser zu gehen. Es gelang erst, als wir eines von ihnen hinüberbugsiert hatten. Am schlimmsten war das Übersetzen der Kamele (Abb. 133, 134, 135). Sie ließen sich nicht bewegen, selbst hinüberzuschwimmen. Wir mußten sie einzeln mit dem Boote holen. Dabei wird das Kamel ins Wasser getrieben, und ein Strick wird ihm um den Kopf geschlungen. Diesen hält Turdu Bai, der im Achter des Bootes sitzt, über Wasser. Ich ziehe das Boot an dem ausgespannten Seile entlang quer über den Fluß. Da es dem Kamel aber durchaus nicht einfällt zu helfen, sondern es sich ganz bequem im Wasser ziehen läßt, habe ich die ganze durch die unaufhörlich saugende Strömung verursachte Wucht auf meinen Händen ruhen, und ich muß beim Weiterschieben alle meine Kräfte aufbieten, um das Seil nicht loszulassen, in welchem Falle natürlich die ganze Bescherung nach dem See hinuntergetrieben wäre und das Kamel leicht hätte verloren gehen können. Ich brachte es jedoch nach dem anderen Ufer hinüber, wo es eine Weile zappelte, bis es festen Boden unter sich fühlte und für gut fand, sich wieder auf eigene Füße zu stellen. Das Wasser strömte von seinen Seiten, als es dort in der Einsamkeit stand und sich verwundert nach seinen Kameraden umsah.

Nach dem zweiten und dritten Kamel wurde das Tau so schlaff, daß es ins Wasser hing; es mußte mit den übrigen Laststricken verstärkt werden, so daß es doppelt wurde und straffer war. Mitten in dieser Arbeit riß das erste Seil, und wir konnten wieder von vorn anfangen. Meine Hände waren schon ganz abgeschürft. Tscherdon mußte die Überführung der drei übrigen Kamele besorgen; endlich hatten wir alle Tiere unversehrt drüben. Das letzte Schaf, das sich daran gewöhnt hatte, bei den Kamelen zu kampieren, schwamm von selbst hinüber.

Schließlich wurde das Gepäck hinübergebracht; dann wurde das Lager auf dem rechten Ufer aufgeschlagen. Die Wassermenge dieses Flusses betrug 47,5 Kubikmeter in der Sekunde. Es war der größte Fluß, den ich bisher in Nord- und Mitteltibet gesehen hatte. Verschiedene Wassertierchen wurden von der Strömung aus dem Süßwassersee mitgeführt, um, sobald die Salzmischung ihnen zu stark wird, einem sicheren Untergang entgegenzugehen.

Ein Kamel und zwei Pferde hatten wundgescheuerte Stellen auf dem Rücken und trugen daher während der nächsten Tage kein Gepäck. Auch mein alter Wüstenschimmel bedurfte der Ruhe, und ich bestieg deshalb ein anderes Pferd. Gewöhnlich pflegte ich meine Reitpferde so zu dressieren, daß sie stillstanden, sobald ich eine Kompaßpeilung vornehmen wollte. In dieser Beziehung war das Wüstenpferd vorzüglich. Ich brauchte nur die Hand in die Kompaßtasche zu stecken, so stand es ohne weitere Aufforderung unbeweglich still.

Wir zogen die aus lauter weichem Material, ohne Spur von festem Gestein bestehenden Hügel, welche die beiden großen Seen im Süden begrenzten, hinauf. Hier und dort wuchs an den Bächen vortreffliches Gras, das nebst Quellen und brennbaren Sträuchern zum Rasten aufforderte; aber die Tiere waren jetzt so ausgeruht, daß wir unseren Weg fortsetzten. Ein niedriger Kamm wird überschritten; südlich davon erscheint ein neuer See, der keinen sichtbaren Abfluß hat, aber doch süß ist.

Zwischen den Hügeln im Südwesten des Sees grasten 18 Yake, und höher hinauf sah man eine Yakherde von über hundert Tieren, alten und jungen; der Boden erschien von ihnen ganz schwarz punktiert. Während wir sie beobachteten, wurde es sowohl im Westen wie im Osten dunkel, und das Rollen des Donners, das wie das Brüllen des Löwen ein tyrannisches Warnungssignal zum Aufpassen ist, verkündete, daß ein Sturm im Anzuge war. Der Hagelschauer schlug mit überwältigender Macht nieder, die Yake verschwanden im Nebel, und Aldat, der mit der Flinte auf der Schulter nach den Höhen auf der anderen Seite des Tales geeilt war, ebenfalls. Er wurde sich selbst überlassen, während wir längs des Sees weiterzogen und an einem einige Kilometer von seinem Südufer gelegenen Tümpel das Lager aufschlugen.

Gegen 9 Uhr ertönten Rufe durch die Dunkelheit, und ein paar Leute wurden ausgeschickt, um Aldat entgegenzugehen, der ganz müde nach Hause kam und unter der Last eines großen Fleischstückes und eines Yakschwanzes keuchte. Er hatte geglaubt, daß wir am See bleiben würden, und deshalb Pelz und Flinte liegen lassen, um sie später zu holen. Sein Opfer war ein ziemlich großes Yakkalb, das beim ersten Schuß zusammengebrochen war. Die anderen Tiere hatten nicht die Flucht ergriffen, sondern sich nur ein wenig höher auf die Hügel hinaufbegeben. Aldat hätte leicht noch einige schießen können, hatte es aber für unnötig gehalten.

Da der folgende Tag, ein Sonntag, zur Ruhe bestimmt wurde, begab er sich mit Kutschuk nach der Stelle, und beide holten eine ganze Ladung Fleisch, das eine unschätzbare Verstärkung unseres sehr kümmerlichen Proviants war. Tscherdon briet mir ein paar Schnitzel, die nicht schlecht waren; es war aber auch ein junges Tier mit zartem Fleisch.

Am 27. August ritten wir direkt nach Süden. Auch an diesem Abend lagerten wir im Lager Nr. 35 am Ufer eines großen Salzsees, wo es in der Nachbarschaft eine Quelle gab und wo die Weide zu gut war, als daß wir hätten vorbeiziehen können (Abb. 136, 137, 138).

Am 28. August wurden wir wieder von einem Labyrinth von Tümpeln, Seebuchten und Wasserläufen aufgehalten. Einer der letzteren war recht bedeutend und hatte eine starke Strömung. Mollah Schah versuchte es, an ein paar Stellen hinüberzukommen, aber das Wasser war zu tief.

Jetzt standen wir von neuem da, von einem unüberschreitbaren Flusse gehemmt, und bereiteten uns gerade vor, an seinem linken Ufer hinaufzuziehen, um weiter aufwärts nach einer Furt zu suchen. Doch über uns lauerte ein anderer, wohlbekannter alter Feind. Obwohl Ostwind wehte, verfinsterte sich der westliche Horizont, und bleischwere Wolkenmassen wälzten sich über das Land wie eine Schlagwelle, die auf ihrem Wege alles zu begraben droht. Das Ganze glich einem riesenhaften Netzzuge oder einem Heere, dessen beide Flügel in gleichmäßigem Takt zum Angriff stürmten. Die Wolken des linken Flügels hatten dunkelrot gefärbte Ränder, die auf dem rechten waren rabenschwarz. Die alleräußersten Vorposten waren in die unglaublichsten, von einem dämonischen Sturm gejagten Gestalten zerrissen. Noch badet sich die Landschaft im Osten in Licht und Sonnenschein. Doch von Westen her schnürte sich das unheimliche Netz immer dichter um uns zu. Wir beschlossen also, schleunigst zu lagern, aber ja nicht zu nahe an dem Ufer dieses Flusses, der vielleicht von den heftigen Niederschlägen anschwellen würde. Wir halfen alle beim Aufrichten des Jurtengestelles und hatten gerade ein paar Filzdecken über die Dachlatten gezogen, als der Sturm über den Teil der Erdoberfläche, auf dem wir uns befanden, hinfuhr und die Hagelschauer an der Erde entlangfegten. Es schmerzt im Gesicht und an den Händen, als sei jedes Hagelkorn aus einem Blasrohr geschossen, und man läuft buchstäblich Spießruten, ehe man unter Dach kommt.

Am anderen Morgen war das Wetter wenig angenehm. Im Norden hatten wir jetzt den letzten Salzsee und im Süden einen neuen See von achtunggebietenden Dimensionen. Von diesem strömt das Wasser, wie auch der von Westen kommende Fluß, nach dem ersteren hin. In seinem Unterlaufe erweitert sich der Fluß zu nicht unbedeutenden Becken. In ein solches ruderten wir aus Unkenntnis der Flußrichtung hinein und gerieten dort in eine Sackgasse. Auf dem innersten Ufer saßen ungefähr 50 Gänse, die vermutlich auf ihrer Winterreise nach Indien hier Rast hielten. Alle flogen langsam und niedrig, außer einer, die auf dem Wasser liegenblieb und untertauchte, als wir an sie heranruderten. Wir verfolgten sie nahezu eine Stunde. Das Untertauchen dauerte immer kürzere Zeit, und als sie nur 10 Meter vom Boote auftauchte, begann ich, sie mit der einzigen vorhandenen Waffe, dem Ruder, zu harpunieren. Mehreremal wurde sie von dem Blatte gestreift und schließlich mit einem gutgezielten Schlage getötet, worauf sie gerupft wurde, um uns eine angenehme Abwechslung im Speisezettel zu bereiten.

Nachher fanden wir die Mündung des Flusses in dem sehr breiten Arme, der vom Süßwassersee in den salzigen geht. Wir bestiegen am anderen Ufer einen Hügel und sahen uns dort beinahe auf allen Seiten von ansehnlichen Wasserflächen umgeben. Gerade nach Osten erstreckte sich die Landenge, auf deren äußerster Zunge wir uns befanden, im Norden dehnte der Salzsee seinen großen Wasserspiegel aus, und im Süden lag der neuentdeckte süße See. Die Mittelpartie dieser Landenge bestand aus einer kleineren Bergkette, an deren Südfuß es gute Weide und reichlich Wildbret zu geben schien. Ehe wir noch in dunkler Nacht nach dem Lager zurückkehrten, hatte ich schon den Plan zu einer besonderen Exkursion um diesen neuen See gefaßt.