So zogen wir durch das öde Tibet hin. Zwei Monate waren schon vergangen, ohne daß wir Spuren von Menschen gesehen hatten, und wir fingen an, uns zu den Unseren zurückzusehnen. Aber jeder Tagemarsch, den ich auf meiner Übersichtskarte mit Punkten verzeichnete, zeigte, wie langsam wir uns ihnen näherten und wie viele Tagereisen uns noch blieben. Über 400 Kilometer trennten uns noch von Temirlik.
Wir folgten dem Längentale nach Westen und blieben dadurch auf ein und demselben Niveau. Die Gegend ist außerordentlich wildreich. Schädel und Skeletteile von Yaken zeigen an, daß auch diese zähen Tiere sich der Macht des Todes nicht entziehen können.
Der dritte Marschtag hat seinen besonderen Reiz, denn dann wissen alle, daß wir morgen rasten dürfen. Den 20. September über blieben wir also im Lager Nr. 54 (4917 Meter) (Abb. 147). Tscherdon schoß mit Aldats Flinte einen fünfzehnjährigen Yak, der, bevor wir ihn abhäuteten und zerlegten, in mehreren Stellungen photographiert wurde (Abb. 148, 149, 151). Am Abend kam Tscherdon mit einer Orongoantilope heim, und nun wurde eine neue muselmännische Kur mit Aldat versucht. Der Kranke wurde entkleidet und in das noch weiche, warme Fell der Antilope gehüllt, das dicht an seinen Körper gedrückt wurde. Ich glaubte nicht recht an die Wirkung, und es tat mir bitterlich weh, daß ich ganz machtlos war und ihm nicht helfen konnte. Die letzten Abende gab ich ihm ein paar Zentigramm Morphium; er konnte sonst nicht einen Augenblick schlafen.
Auf dem Zuge nach dem Lager Nr. 55 hatten wir andauernd gutes Terrain. Ein paar Kilometer vom Ufer eines nicht unbedeutenden Sees, dem alle Bäche des südlichen Gebirges zuströmten, rasteten wir in einer ziemlich gastlichen Gegend. Der Boden war hier von Murmeltieren, deren Höhlen überall ihre gähnenden Eingänge zeigten, derartig zugerichtet, daß er wie wurmstichig aussah. Diese großen, starkgebauten Nagetiere sehen, wenn sie einzeln oder paarweise über dem Höhleneingang in der Sonne sitzen, unbeschreiblich drollig aus. Sobald wir uns nähern, rollen sie wie Billardbälle in ihre Löcher hinein, und sobald sie unsere schweigend und langsam dahinschleichende Karawane erblicken, lassen sie durchdringende, gellende Pfiffe ertönen, die von allen Seiten widerhallen. Die Karawane wird in diesem sonst so friedlichen Lande förmlich ausgepfiffen.
Ein alter Invalide, der taub gewesen sein oder sich von seiner sicheren Höhle zu weit entfernt haben muß, mußte diese Unvorsichtigkeit mit dem Verluste seiner Freiheit büßen. Er lag auf einem Abhange in der Sonne und sah prächtig aus, er hatte sogar Ähnlichkeit mit einem Menschen oder wenigstens mit einem Affen. Jolldasch flog wie ein Pfeil hin und störte das Murmeltier in seinem friedlichen Schlafe, und während es sich verteidigte, kamen die Männer, banden es und legten es unversehrt auf ein Kamel. Wir beabsichtigten, es zu zähmen; es lebte zwei Monate, blieb aber die ganze Zeit gleich wild. Sobald man sich ihm näherte, setzte es sich auf die Hinterbeine und war bereit, mit seinen messerscharfen Vorderzähnen, in denen es eine achtunggebietende Kraft besitzt, sofort zuzubeißen. Es biß große Späne aus den Stöcken, die man ihm hinhielt. Ein Biß von seinen Zähnen soll gefährlich sein und die Wunde sehr schwer heilen. In seine Höhle kehrte es nie wieder zurück, und es gewöhnte sich bald daran, auf dem Kamelrücken zu schaukeln.
Wo Murmeltiere, Dawagan werden sie von den Muselmännern genannt, vorkommen, kann man beinahe sicher sein, auch Bären anzutreffen. Der tibetische Bär lebt zum größten Teile von diesen Nagetieren, die er mit Haut und Haar, Knochengerüst und allem auffrißt. Er belauert sie nicht, wie Jolldasch es tat, sondern überzeugt sich nur, wenn er auf Besuch nach der Höhle kommt, ob die Herrschaften zu Hause sind. Mit seinen starken Tatzen gräbt er die Erde an den Seiten des Ganges auf und erwischt schließlich sein Opfer. Er macht sich auf diese Weise noch tüchtig Bewegung vor dem Mittagessen. Ein gewaltiger Erdwall verrät schon von weitem, daß ein Bär dagewesen ist und Haussuchung abgehalten hat.
Kleinere Herden von Kulanen kreisten auf diesem breiten Talboden. Sechs Kulane begleiteten uns in nächster Nähe wohl eine halbe Stunde weit. Sie sind außerordentlich hübsch anzusehen (Abb. 150); ihre schlanken Formen besitzen vollendete natürliche Schönheit; sie laufen im Halbkreise, einen Winkel von 45 Grad mit dem Erdboden bildend, und bleiben plötzlich ein wenig vor und neben uns in einer Reihe stehen. Ihre Bewegungen sind so regelmäßig und so sicher, als trügen sie unsichtbare Kosaken auf dem Rücken.
Während dieses Tagemarsches hatte Aldat zu Pferde sitzen können, obwohl gut festgebunden und beaufsichtigt. Wir hofften alle auf Besserung, aber abends wurde es wieder schlechter mit ihm. Jeden Atemzug begleitete ein stöhnender Laut, und er atmete 58 mal in der Minute, was selbst in einer Höhe von 4838 Meter abnorm ist. Seine Temperatur war merkwürdig niedrig; von den Herzschlägen war nichts zu vernehmen, wie angestrengt man auch horchte, und ebenso schwach war der Puls. Sein Bewußtsein umnachtete sich. Er sprach davon, fortgehen und Yake schießen zu wollen. Obwohl es gegen die Marschordnung verstieß, blieben wir seinetwegen einen Tag liegen. Die Leute wollten indessen gern weiter, denn mit unseren Vorräten war es schlecht bestellt; das Brot mußte in ein paar Tagen zu Ende sein, und Pulver war nur noch für ein Dutzend Schüsse vorhanden.
Da der Zustand des Kranken auch am Morgen des 23. September so gut wie unverändert war, obgleich er jetzt nur 24mal in der Minute atmete, beschlossen wir aufzubrechen. Daß er nicht mehr lange leiden würde, war klar, aber wir konnten nicht länger warten. Er wurde zwischen zwei Feuerungssäcke auf ein Kamel gebettet und erhielt eine weiche Unterlage von Filzdecken. Die Beine wurden in Filzmatten eingepackt, und unter den Kopf wurde ihm ein zusammengerollter Pelz geschoben. Über das Ganze wurden Stricke gebunden; er lag so bequem wie in einem Bett.
Gerade als das Kamel sich zum Aufbruch erheben sollte, hörte Aldat auf, zu atmen. Seine gebrochenen Augen, schöne, graue afghanische Augen, schienen in der Ferne ein Land zu suchen, wohin unsere Blicke nicht reichen. Er, der früher mit leichten, schnellen Schritten in den Spuren der Yake über die Berge geeilt war, hatte den Strapazen erliegen müssen und ein Leben beendet, das an Freuden so arm gewesen war.
„Getti“ (er ist fortgegangen), sagten die Muselmänner und standen schweigend um dieses seltsame Totenlager herum. Turdu Bai aber betrachtete die Lage von der praktischen Seite und fragte mich, was wir mit der Leiche machen sollten. Ich wollte ihn nicht sofort begraben, und alle waren sichtlich zufrieden, als ich „Marsch“ kommandierte. Das Kamel hatte ihn schon so manchen Tag getragen, und er war eine leichte Last. Ich hatte den Leuten versprochen, daß wir Temirlik in 18 Tagen erreichen würden, wenn wir 6 Rasttage machten und täglich 24 Kilometer zurücklegten. Sie zählten daher die Kilometer mit steigendem Interesse und waren eifrig darauf bedacht, keine Zeit zu verlieren.
So brachen wir denn auf und näherten uns dem Seeufer. Unsere Karawane hatte sich in einen Leichenzug verwandelt, der durch Tibets wüste Täler einen Kameraden zu Grabe trug. Keiner sprach; eine stille, feierliche Stimmung herrschte. Kulane und Yake weideten ungestört neben unserem Wege, und die schwarzen Totenraben folgten uns in weiten Kreisen.
Nun erreichten wir das Ufer, wo der Boden hart und vorzüglich zum Gehen war.
Der See nahm ein Ende, und wir zogen nach Nordwesten über eine langsam ansteigende kupierte Ebene, die von Furchen mit gefährlichem Schlammboden durchschnitten war (Abb. 152). In einer solchen fanden wir ein kleines Holzstück, das zu einem mongolischen Packsattel gehört hatte. Es war mürbe wie Rinde und stammte vielleicht von einer mongolischen Pilgergesellschaft, die sich aus den nördlicheren Tälern hierher verirrt hatte, oder auch von Hauptmann Wellbys und Leutnant Malcolms unglücklicher Karawane, deren Weg wir gerade heute gekreuzt haben mußten.
Während die anderen im Lager ihre gewöhnliche Arbeit verrichteten, gruben Mollah Schah und Nias ein Grab für Aldat. Ein Pelz wurde unter, ein zweiter über die Leiche gelegt, und so wurde er in dieser feuchten, heimtückischen Erde zur ewigen Ruhe bestattet.
Es war von allen Beerdigungen, bei denen ich zugegen gewesen bin, die einfachste; keine Zeremonien, keine Tränen, keine anderen Gebete, als die, welche ich stumm für die Seelenruhe des Toten in einer anderen, besseren Welt zum Himmel emporsandte. Das Grab wurde zugeschüttet und ein länglicher Hügel darüber aufgeworfen. Am Kopfende wurde eine Holzlatte eingerammt, an deren Spitze wir eine von Aldats eigenen Jagdtrophäen, einen Yakschwanz, als „Tugh“ festbanden, wie es die muhammedanische Sitte verlangt. Auf ein kleines Holzstück schnitt ich mit arabischen und lateinischen Buchstaben den Namen des Toten, das Datum und meinen eigenen Namen ein, für den Fall, daß das Schicksal jemand hierherführte, bevor alle Spuren des Grabes vertilgt sein würden.
Die Flinte des Toten, seinen noch nicht ausbezahlten Lohn und den Wert seiner Kleidung und seines Pelzes hatte ich später Gelegenheit, seinem Bruder, den wir im Tschimentale trafen, eigenhändig zu übergeben. Sein alter Vater besuchte mich ein Jahr später in Tscharchlik. Es war mir eine Beruhigung, daß die Mutter tot war und ihr der Kummer, einen so guten, prächtigen Sohn zu verlieren, erspart geblieben war.
Am 24. September wurde die Karawane außergewöhnlich früh fertig; meine Begleiter wollten gewiß möglichst schnell von diesem traurigen Friedhofe fortkommen. Die Muselmänner sprachen ein Dua (Gebet) am Hügel, dann wurde der arme Aldat in der großen Einsamkeit allein gelassen; keine anderen Pilger als die Tiere der Wildnis würden künftig nach seinem Grabe wallfahrten. Der schwarze Yakschwanz flatterte im Winde, wurde aber, als wir fortzogen, bald von den Hügeln bedeckt.
Wir mußten jetzt lange nach Norden ziehen und steuerten zuerst auf ein in der nördlichen Bergkette gähnendes Taltor los. Es war nicht leicht, dorthin zu gelangen. Der Boden besteht aus losem rotem Sand und wird von einer Menge 30–50 Meter tiefer Schluchten durchfurcht, nach deren Moorgrunde es steil hinuntergeht und in denen man leicht mit Mann und Maus ertrinken könnte, wenn nicht einer der Leute zuvor zu Fuß versuchte, ob der Moorboden trägt.
Der folgende Tagemarsch führte uns über mehrere parallele kleine Ketten. Als wir sie endlich überschritten und die Freude hatten, im Norden offenes, flaches Land, ein breites Längental, zu sehen, war dort keine Spur von Vegetation zu erblicken. Obgleich wir eine gute Tagereise hinter uns hatten, setzten wir daher unseren Weg quer über das Tal fort. Wir ritten stundenlang, ehe wir einige Grashalme und einen Süßwassertümpel fanden. Wir waren offenbar in ein vegetationsloses Gebiet gekommen und würden uns jetzt mit jedem Tage in immer unfruchtbarer werdenden Gegenden befinden.
Die verdünnte Luft dieses Hochlandes, das 5000 Meter über dem Meere liegt, tat mir nichts; ich hatte mich an sie gewöhnt, und auch meine Leute hielten sich tapfer. Vermeidet man alle Anstrengungen, so kann man die Luftverdünnung sicherlich ziemlich lange ertragen.
Je mehr wir uns in den folgenden Tagen dem Arka-tag näherten, desto wüster wurde das Land. Am 27. September suchten wir vergebens nach einem Grashalm; keine Spur von Pflanzen- oder Tierleben war zu erblicken. Es ging bergauf und bergab, über Berge und Täler, die jetzt stets durchquert wurden. Kaum ist man nach einem Flusse hinuntergelangt, so muß man sich schon wieder an der anderen Seite hinaufarbeiten, und obgleich diese Höhenunterschiede nur 100 Meter betragen, so werden sie doch durch die unaufhörliche Wiederholung mörderisch. Nach vielen zeitraubenden Bogen und Rasten erreichten wir endlich den Hauptpaß dieser neuen Bergkette (5203 Meter). Unmittelbar nördlich davon erhob sich ein einzelner Bergrücken, der auf der östlichen oder auf der westlichen Seite umgangen werden mußte. Ich entschied mich für die letztere und ritt der Karawane weit voraus. Als es dunkelte, mußte ich jedoch Halt machen und die anderen erwarten. Sie kamen todmüde in kleinen Partien an und hatten einen Schimmel aus Jangi-köll in hoffnungslosem Zustand zurückgelassen.
Nach dem Abendessen inspizierte ich mit der Laterne, wie gewöhnlich, besonders nach schwereren Tagereisen, das Lager (5111 Meter) und die Tiere. Sowohl die Kamele wie die Pferde waren geknebelt, damit sie nicht auf die Suche nach Weide gingen. Die Leute schliefen, müde von den Strapazen des Tages. Ich selbst wollte gerade einschlafen, als der Türvorhang der Jurte von einem heftigen Windstoß in die Höhe gerissen wurde und feiner Schnee hereinwirbelte.
Am nächsten Morgen waren wir wieder von Winterlandschaft umgeben (Abb. 153). Doch die Wolken verzogen sich bald; es wurde ruhig, und die Sonne glühte mit intensiver Kraft.
Unsere Straße ging jetzt nach Nordwesten ein schmales, von roten Felsen, Sandstein und Schiefer eingefaßtes Tal hinab, das in ein Längental ausmündete. Solange wir uns in dem engen Durchgange befanden, dessen Bach über Nacht zu Eis gefroren war, hatten wir Schutz vor dem Winde, sobald wir aber die Hügel hinter uns hatten, fuhr der Wind, der sich eben erhoben hatte und bald zu einem vollständigen Orkan aus Westen anschwoll, über die Karawane her. Man muß die Knie ordentlich andrücken, um nicht aus dem Sattel geworfen zu werden. Pferde, Reiter und Kamele beugen sich nach der Windseite hinüber und liegen auf dem Winde; die ganze Karawane sieht schief aus, alle leichten Gegenstände, die Pferdeschwänze und die Kleider der Leute stehen auf der Windseite wie Flaggen ab. Die Atmung wird erschwert, man erstickt beinahe. Die Kamele schwanken in ihrem wiegenden Gange. Das erste beste Weideland sollte das Signal zur Rast geben, denn lange kann man in solch einem Winde nicht gehen; wer es nicht selbst erprobt hat, kann sich keinen Begriff davon machen.
Am Südufer des Sees lagerten wir an einem kleinen Bache.
Bei der veränderlichen Temperatur und dem ewigen Witterungswechsel wird die Haut empfindlich. Besonders Nase und Ohren sind übel daran und blättern unaufhörlich ab. Die Nägel werden spröde wie Glas und springen ein, und beständig hat man Schmerzen in den Fingerspitzen.
Mehrere Pferde waren jetzt kränklich, und Mais hatten wir nur noch für zwei Tage. Daher wurde der Reisvorrat hervorgesucht; alles, was wir davon entbehren konnten, sollte den Tieren gegeben werden. Unser kleinster Maulesel wäre uns in diesem Lager Nr. 61 (4907 Meter) beinahe gestorben, wurde aber von Tscherdon, der ihn auf burjatische Weise behandelte, gerettet. Das Tier schwoll unförmlich auf und krümmte sich am Boden. Nachdem der Kosak durch Befühlen eine passende Stelle ausgesucht hatte, nahm er einen Pfriemen und rannte ihn dem Tiere mit einem kräftigen Stoße bis an den Stiel in den Leib. Da strömte Gas heraus, aber kein Tropfen Blut. Dann wurde der Maulesel gezwungen, aufzustehen. Ein Strick wurde um sein Hinterteil geschlungen. Ein Mann zog ihn vorwärts, und ein zweiter prügelte ihn mit einer Holzlatte. Jedesmal, wenn er hinten ausschlug, zogen zwei Männer an dem Stricke, so daß der Esel von rechts nach links gerissen wurde. Über die Methode selbst mag man sagen, was man will, aber diese echte Pferdekur hat dem Tiere geholfen. Es wurde gesund, war mit auf dem Ritte nach Lhasa, zog mit durch ganz Tibet nach Ladak, ging über den Kara-korum nach Kaschgar und befand sich ausgezeichnet, als ich Ende Mai 1902 in letzterer Stadt von ihm Abschied nahm.
Nach einem Rasttage zogen wir uns an dem kalten letzten Tage des September recht warm an, um die Verschanzungen des Arka-tag zu erstürmen. Wir folgten dem Ostufer des Sees und gingen nach Norden, wo sich ein vorteilhafter Paß zeigte. Dann aber zwang uns eine Bucht, die der See nach Osten ausschickt und in die sich ein Fluß ergießt, zu einem bedeutenden Umwege.
Bald gelangten wir an ein Erosionstal, das uns einen guten Weg nach den Höhen bot. Ich ritt mit Tscherdon und Mollah Schah voraus nach dem Passe hinauf. Von der Südseite, auf der wir uns befanden, war der Paß leicht zu ersteigen, und wir erreichten bald seine Schwelle; auf der Nordseite aber, wo die Schichtköpfe zutage treten, fiel er sehr steil ab.
Gerade auf diesem Kamme, der fast die ganze Erdrinde überragt und wie ein Schwungbrett in den Weltenraum hinauszeigt, tobte der Schneesturm mit solcher Wut, daß man das Gefühl hatte, verloren zu sein. Ich hatte kaum die Kraft, die nötigen Beobachtungen auszuführen. Die Hände werden steif und ganz gefühllos. Die Höhe betrug 5203 Meter. Da die Karawane auf sich warten ließ, gingen die beiden Männer wieder zurück. Ich kehrte dem Sturme den Rücken zu und kauerte mich nach Möglichkeit zusammen. Nach dem Abgrunde im Norden zu ist jetzt nichts weiter zu sehen als wirbelnde Schneewolken, ein kochender Schneekessel; es heult und stöhnt auf allen Seiten, es pfeift, wenn der Wind sich über den scharfen Paßkamm wälzt.
Nun ertönten die Kamelglocken ganz in der Nähe. Die Tiere zogen wie Schatten an mir vorüber, ihre Tritte waren nicht zu hören. Turdu Bai ging vornübergebeugt, den einen Arm zum Schutze erhoben, als arbeite er sich durch ein Dickicht hindurch. Jetzt galt es, auf der Nordseite des Passes hinunterzusteigen; es war, als sollte man sich auf gut Glück in einen unbekannten Abgrund stürzen, dessen Boden nicht zu sehen ist.
Um bei der Hand zu sein, sobald die Kamele der Hilfe und Stütze bedurften, gingen alle zu Fuß. Kutschuk geht voran und untersucht den Weg. Er nimmt die Wand in unzähligen Zickzacklinien. Wir müssen alle zehn Schritte stehenbleiben, damit uns nicht das Gesicht erfriert. Wir gleiten und rutschen auf dem Schnee hinunter. Ein Kamel gleitet aus und fällt, rollt noch ein halbes Mal herum, aber bleibt in so vorteilhafter Stellung liegen, daß es aufstehen kann, ohne erst abgeladen werden zu müssen.
Jetzt war der Tag zu Ende, und es wurde dunkel; aber wir gingen trotzdem weiter, bis wir den steilen Abhang hinter uns hatten. In finsterer Nacht lagerten wir auf einer Halde (4977 Meter), wo es keinen Grashalm gab; Feuerung hatten wir auch nicht, nur Wasser in Gestalt von Schnee und Eis, davon aber im Überfluß.
Als die Sonne am 1. Oktober aufging, konnten wir sehen, wie sich die Gegend, in der wir in der Dunkelheit Halt gemacht hatten, ausnahm. Vollständiger Winter umgab uns auf allen Seiten, und dabei schneite es noch immerfort. Die Tiere waren steifbeinig und hungrig; daher rasteten wir schon nach wenigen Kilometern auf einer Halde mit leidlichem Graswuchse (4899 Meter). Mit wehem Herzen gab ich Befehl, das letzte Schaf zu schlachten; es kam mir wie ein Mord vor.
Am 2. Oktober zogen wir 30 Kilometer nordwärts bergab. Noch eine Tagereise half uns dieses freundliche, langsam abfallende Tal weiter. Die Luft war klar geworden, und wir sahen das Tschimengebirge in einer Entfernung von gewiß 100 Kilometer vor uns liegen. Doch bevor wir aufbrachen, war schon wieder der Westwind im Gange, um uns auf unseren elenden Kleppern vor Kälte erstarren zu lassen.
Das Tal erweitert sich, und wir sehen im Norden den See Atschik-köll. Wir hätten bleiben sollen, wo der Bach, dem wir bisher gefolgt waren, endete, aber wir hofften, den See bald zu erreichen und dort Quellen zu finden. Die armen Tiere waren ganz erschöpft. Das Pferd, auf dem ich nach Andere geritten war, blieb mit Nias zurück, und ein zweiter Schimmel wurde mit Kutschuk als Pfleger zurückgelassen. Sie sollten uns langsam nachkommen. Wir ritten nach Norden weiter, es dämmerte und wurde dunkel, aber der Mond erhellte mit seinem bleichen Lichte die kalte Einöde. Wasser war nicht zu sehen, und der See blieb eine ziemliche Strecke östlich von unserem Wege liegen. Frierend ging Turdu Bai zu Fuß voraus. Wir waren seelenfroh, als er endlich stehenblieb und uns zurief, wir hätten einen sich in den See ergießenden Fluß erreicht. 37½ Kilometer täglich war ungefähr das meiste, was die Tiere nunmehr aushalten konnten. Die kranken Pferde erreichten wirklich noch dieses Lager Nr. 65 (4251 Meter), aber erst gegen Mittag und nachdem sie die Nacht in einiger Entfernung vom Lager zugebracht hatten. Sie wurden dann aufs beste gepflegt und mit Reis traktiert.
Ein eigentümlicher, kalter, feuchter Nebel lag am 6. Oktober über dem Seebecken, und durch seinen Schleier zeichnete sich die nördliche Bergkette matt und schwach, aber doch malerisch ab. Sie schien leicht auf die Leinwand des Himmels hingeworfen zu sein, und zu oberst leuchtete der Schnee halbklar hindurch. Infolge der gedämpften Nuancen schien die Kette noch mindestens eine Tagereise entfernt zu liegen.
Die Karawane ist im Sterben, und im Begräbnistempo schreiten wir die langsame Steigung hinan. Kulane und besonders Orongoantilopen kommen zu Hunderten vor. Jolldasch erbeutete eine der letzteren, die er über die Nase biß und sie dann festhielt, bis Tscherdon hinzukam und sie erstach; dadurch erhielten wir eine sehr notwendige Verstärkung unseres Proviantes.
Die Steigung nimmt zu; wir überschreiten zahllose Schluchten und Pässe; oft müssen wir eine Weile rasten, um die Tiere Atem schöpfen zu lassen. Bald wird gemeldet, daß ein Pferd nicht weiterkann. Kaum ist es erstochen worden, als sich schon ein zweites hinlegt, um nicht wieder aufzustehen. Ehe wir diesen abscheulichen Paß erreichten, der für eine ausgeruhte Karawane eine Bagatelle gewesen wäre, waren noch zwei Pferde verlorengegangen, unter ihnen mein treuer Wüstenschimmel, der mich nach Tschertschen und Altimisch-bulak getragen hatte.
Die Aussicht vom Passe war ebenfalls nicht erfreulich. Auf beiden Seiten hatten wir kleine Gletscherzungen und im Norden ein Gewirr von Bergen. Merkwürdigerweise bekamen wir die Kamele hinüber, worauf wir in einer Kluft lagerten, in der jedoch weder von Gras noch von Brennmaterial die geringste Spur zu finden war.
Soviel Reis, wie nur irgendwie entbehrt werden konnte, wurde an die letzten Pferde verteilt, die angebunden und mit Filzdecken zugedeckt wurden. Am Morgen lag eines von ihnen tot in der Reihe mit vorgestrecktem Halse, starren Augen und schon steif gefroren. Keiner hatte gemerkt, wann und wie seine Qual zu Ende gewesen war, und die noch vorhandenen Pferde schenkten ihm keine Aufmerksamkeit. Sie waren zu erschöpft und ermattet, um Teilnahme zu zeigen; sie schienen sich nur nach Ruhe zu sehnen, und sie starben ohne einen Seufzer, ohne einen Klagelaut, während es mich unsagbar schmerzte, ihren Untergang auf meinem Gewissen zu haben.
Bewundernswert in ihrer Resignation lagen die Kamele wie gewöhnlich regungslos in derselben Stellung, in der wir sie am Abend vorher verlassen hatten. Sie waren mit Reif bepudert und blickten sehnsüchtig nach dem Tale hin, dem wir dann nach Nordosten folgten. Sehr lange konnten wir es nicht mehr aushalten. Die Tagemärsche wurden immer kürzer, und die Kräfte der Tiere waren bis aufs äußerste erschöpft.
Die Nacht auf den 8. Oktober war ruhig, kalt und klar, und die Minimaltemperatur sank bis auf −18,3 Grad. Eiskalte Luft strömte durch das Tal herunter; es war der gewöhnliche Nachtwind, der wie Wasser in seinem Bett strömt. Schon um 8 Uhr hatte er aufgehört zu wehen, und wenn kein Sturm losbricht, kehrt er im Laufe des Tages um. Diesem scharfausgeprägten Tale folgten wir nach Nordosten. Eine frische Karawane könnte von hier in vier Tagen nach Temirlik gelangen, mit uns aber ging es langsamer. Nur sechs kleine Stücke Brot waren noch da, und Reis hatten wir für drei oder vier Tage. Es hatte den Anschein, als würden wir während der letzten Strecke hungern müssen. Es wäre schön gewesen, wenn wir hätten Brennmaterial finden können, aber diese Gegend wird nicht von Yaken besucht.
In pfeifendem Schneegestöber zogen wir durch dieses Tal, das sich bald zu einem Hohlwege zusammendrängt, dessen Boden mit ganzen Mauern und Stapeln von herabgestürzten, teilweise rundgeschliffenen Blöcken bedeckt ist. Es ist ein außerordentlich energisch in den Granit eingesägtes Durchbruchstal, und die Landschaft trägt die gewöhnlichen wilden, felsigen, malerischen und launenhaften Charakterzüge des Granits. Ich saß buchstäblich festgeschneit auf meinem stolpernden Pferde, die meisten der Leute aber mußten zu Fuße gehen, da ihre Reittiere gefallen waren. Unaufhörlich kreuzten wir den Fluß, um möglichst auf den ebeneren Erosionsterrassen bleiben zu können. Oft trägt das Eis des Flusses sogar die schweren Kamele und muß dann mit Sand bestreut werden; da aber, wo es nicht trägt, wird es vorher mit Steinen und Stangen zertrümmert. Manchmal brechen die Tiere ein und fallen. Die alten Kamele bewährten sich auf diesem schwierigen Terrain vorzüglich, trotzdem sie nun auch noch die Lasten der toten Pferde tragen mußten.
Das Tal trägt den Namen Togri-sai (das gerade Tal) (Abb. 154) und ist den Goldgräbern aus Tschertschen und Kerija wohlbekannt; hier gibt es nämlich ein Goldfeld, das wir auf dem heutigen Marsche passierten. Vor ungefähr einem Monat sollten die letzten Goldgräber abgezogen sein; jetzt gab es im Tale keine frischen Spuren von menschlichen Besuchern mehr. Wir hatten ungefähr die Hälfte unseres Weges zurückgelegt, als wir die drei ersten, aus Granitstücken erbauten Hütten passierten. In der Nähe sahen wir eine Menge Gruben in den Schuttbetten, umgeben von Sand- und Schuttwällen, welche die Goldgräber aufgeworfen hatten. Selten sind diese Gruben mehr als 2½ Meter tief. Man kann sie zu mehreren Hunderten zählen; die meisten sind längst verlassen, einige aber scheinen während des letzten Sommers bearbeitet worden zu sein. Die Hütten sind sehr provisorisch, viereckig mit 2–3 Meter langen Seiten; die Mauern sind von Blöcken ohne das geringste Bindemittel aufgetürmt, und das Dach besteht im besten Falle aus grober Leinwand oder einer Filzdecke, unter die eine Stange gelegt wird. Hier und dort laufen in diesem asiatischen Klondike Gänge und Zäune zwischen den Schutthaufen hin, und an einigen Gruben waren Zeichen aufgerichtet, z. B. ein Antilopenschädel oder eine Kulanhaut auf einer Stange, wodurch das Besitzrecht angezeigt wird. Manchmal hat der Besitzer sein Gebiet noch besonders mit einer niedrigen Mauer von Granitstücken eingefriedigt.
Einige Hütten besaßen sehr einfache Öfen zum Brotbacken. Die Goldgräber bringen einen Vorrat von Mehl mit, leben im übrigen aber von Yak-, Kulan- und Antilopenfleisch, das ihnen von den Jägern, die um des Verdienstes willen in dieser Wildnis mit ihnen kampieren, für eine geringe Summe überlassen wird. Die Vorräte werden auf Eseln hierher befördert, die für die Zeit von zwei Monaten, während welcher in den Gruben gearbeitet wird, in die tiefer gelegenen Täler, wo es Weideland gibt, hinuntergeschickt werden. Nur in zweien der Hütten fanden wir einiges Hausgerät, ein paar plumpe Harken, um den Schutt von den goldhaltigen Gesteinarten zu entfernen, eine Bahre, ein paar Dachfirststangen und einen Trog zum Backen oder Goldwaschen. Wir machten uns kein Gewissen daraus, dieses vortreffliche Holz, das uns mehrere Tage ein prächtiges Feuer liefern sollte, mit Beschlag zu belegen.
Eines der Kamele verfiel sichtlich und wurde zurückgelassen, sollte aber am folgenden Morgen in das Lager geholt werden. Bei kaltem Wetter mit Schneegestöber und −3 Grad zogen wir außerordentlich langsam abwärts. Erst um 11 Uhr lagerten wir in 4515 Meter Höhe nach diesem anstrengenden, aber interessanten Tage; eben war der Mond wieder aus der Nacht der Schneewolken hervorgetreten.