Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Aufbruch nach Tibet.

Das Warten dauerte uns schließlich zu lange, und mit sehnenden Blicken betrachteten wir die Kurve des Barographen, die durchaus keine Neigung zeigte, Sturm zu verkünden. Ich lag meistens auf meinem Bett, las Bücher von Selma Lagerlöf und Kipling und studierte die buddhistische Mythologie; doch die Bremsen hoben die Belagerung nicht auf, und der Wind gab uns keine Gelegenheit, einen Ausfall zu machen und ihre Umzingelungskette zu sprengen. Nun verlor ich die Geduld und beschloß, am Abend des 30. Juni auf jeden Fall aufzubrechen. Die Karawane sollte zu Land den etwa siebenstündigen Weg um die Sümpfe machen und mich in Joll-arelisch oder an dem Punkte, wo die Straße nach Sa-tscheo sich von der ins Gebirge führenden scheidet, wieder treffen. Ich selbst wollte zu Kahn über dieselben Seen wie im April fahren, und da Joll-arelisch bereits auf einer der Karten von jener Exkursion eingetragen war, entstand also dadurch keine Lücke in der Karte.

Im Laufe des Tages wurde alles gepackt, Kisten und Lasten wurden geordnet, die englische Jolle verstaut, alle Forderungen bezahlt und die Post nach Europa den Kosaken überantwortet, die beide ihre Pässe und je ein Geschenk von 2 Jamben, sowie das Versprechen erhielten, daß ich sie ihrem obersten Kriegsherrn, dem Zaren, aufs beste empfehlen würde. Sie nahmen auch einen Brief nach Tscharchlik an Dschan Daloi mit, in welchem ich diesen bat, sofort 3000 Dschin Mais (30 Esellasten) in das Hauptquartier zu schicken. Die Bezahlung für die Furage und den Transport konnte ich erst beim Empfang aushändigen, weil ich infolge des unvorhergesehenen Aufbruchs der Kosaken ganz leere Taschen hatte. Die Kasse befand sich im Hauptquartier am Tschimen-tag.

Um 5 Uhr nachmittags fing das Beladen an. Sobald die Kamele ins Freie gekommen waren, wurden sie von Tausenden von Bremsen umschwärmt. Sie benahmen sich indessen würdig, mit ihrer gewöhnlichen Geduld; bei jedem fertigbeladenen Kamele wurden vier Männer aufgestellt, welche die Insekten mit großen Kamischblättern fortwedelten. Als alles zum Aufbruch fertig war, stieg Turdu Bai zu Pferd und begab sich an die Spitze des Zuges, der sich eiligst entfernte.

Jetzt kam die Reihe an die Pferde, welche störrisch waren, ausschlugen und sich sogar zu Boden warfen; die Lasten mußten sehr fest gebunden werden, damit sie sie nicht abschütteln konnten. Mollah Schah, Kutschuk und Tokta Ahun, Kuntschekkan Beks Sohn, marschierten mit ihnen den Kamelen nach.

Der Klang ihrer Glocken und Schellen war schon verhallt, als uns auf einmal einfiel, daß die Hunde fehlten. Sie waren auf eigene Hand auf Entdeckungsreisen ausgegangen und wurden erst nach einstündigem Suchen erwischt, gebunden und Schagdur übergeben, der der Karawane folgte, nachdem er seinen Kameraden Lebewohl gesagt hatte.

Der große, bequem eingerichtete Kahn, der mich nach dem verabredeten Orte bringen sollte, lag mit Proviant, Filzdecken, Rauchgeschirr und Laterne bereit. Jetzt stand das schlimmste bevor: der Abschied von den Kosaken. Voller Rührung dankte ich ihnen für ihre Dienste, und nach einem kräftigen Händedruck und einem letzten Lebewohl sah ich sie ihre Rappen besteigen und auf dem Wege nach Tscharchlik, das sie am nächsten Morgen zu erreichen gedachten, verschwinden. Sie waren mit Empfehlungen an Ambane, Beke und Aksakale versehen und sollten längs des Gebirges über Kopa und Sourgak reisen und von dort während der Nächte über Chotan und Jarkent nach Kaschgar reiten.

Es war pechfinster, als ich allein mit meinen Ruderern die Bootfahrt antrat. Meine Karawanen, Diener und Güter waren jetzt zerstreut, und es galt, sie wieder aufzulesen und das Ganze zu vereinigen. Die Strömung half uns, und mit sausender Fahrt ging es den Fluß hinab, dessen dunkle Ufer hinter uns verschwanden. In Kum-tschappgan rasteten wir nur so lange, wie für den Rudererwechsel erforderlich war. Der Mond ging gerade unter, aber die Nacht war klar, und die Sterne leuchteten über den wandernden Seen hell wie Wachsfackeln.

Um 11 Uhr nachts verließen wir Tusun-tschappgan, von einem des Weges kundigen Manne in einem Einrudererkahne geleitet. Daß er in der Dunkelheit durch diese Labyrinthe von hohem dichtem Schilf, durch Tschappgane und enge Kanäle, Lagunen und Seen hindurchfand, war ein vollendetes Meisterstück. Die Männer ruderten ohne Zögern und Unterbrechung, als ob die Kähne auf unsichtbaren Schienen liefen. Sie sprachen nicht, sie ruderten nur, taktfest und stetig. In die dichten Hecken aber drangen die Lüfte der Sommernacht nicht; dort war es erstickend heiß, dumpfig und moderig, und Miasmen stiegen aus dem lauwarmen Wasser der Sümpfe auf. Ich schlummerte dann und wann ein wenig, und gegen Morgen begannen die Leute zu singen, um sich wach zu halten. Der Sate-köll war bedeutend seichter als im April, weshalb die Ruderer ausstiegen und mich weiterzogen; doch wir mußten bald den großen Kahn verlassen und uns des kleinen bedienen. Als auch dieser nicht weiter konnte, gingen wir zu Fuß durch den Schlamm und erreichten so das Ufer.

Jetzt folgte ein mehrstündiges Warten in der baumlosen, stillen, finsteren Einöde. Endlich ertönten Rufe, anfangs aus der Ferne, dann aus größerer Nähe; mit brennender Laterne gingen wir den Erwarteten entgegen. Es waren Schagdur und Tokta Ahun mit der Pferdekarawane. Sie hatten die Kamelkarawane bald überholt, und wir mußten nun auf diese warten. Die Lopleute gingen weit in den See hinaus, um eine Kanne süßen Wassers und einige Bündel Kamisch zur Feuerung zu holen, denn das Ufer war gänzlich ohne Vegetation.

Beim ersten Tagesgrauen kam die Kamelkarawane herangezogen; sie hatte sich in der Dunkelheit verirrt und war, durch einen Eselpfad irregeführt, zu früh nach dem Gebirge abgebogen. Sie zog jetzt weiter, ohne sich aufzuhalten; als die anderen mit dem Frühstück fertig waren, stiegen auch wir zu Pferde. Das Land ist entsetzlich öde; im Norden des Sumpfes geben wenigstens die Sanddünen der Wüste ein gewisses Relief, und der tote Wald verkündet, daß dort einst Leben geherrscht hat, hier aber gibt es gar nichts; die Erde ist eben wie ein Fußboden und besteht aus hartem, salzhaltigem Lehm, der einst unter Wasser gestanden hat.

Wir entfernen uns in spitzem Winkel vom Ufer, und die äußersten Seen des Tarim waren kaum noch wie eine dunkle, gleichsam über dem Horizont schwebende Linie sichtbar, als sich die Sonne im Osten erhob und ein Meer von Licht und Wärme über die Wüste fluten ließ. Das Tagesgestirn trat in seltener Schönheit auf. Seine Strahlen brachen sich in den feinen, leichten Wölkchen, die wie ein Schleier vor seinem Antlitz schwebten. Die Ränder der Wölkchen wurden von hinten erleuchtet und glühten wie Kränze von flüssigem Gold, die Mitte jeder Wolke aber färbte sich violett in verschiedenen Schattierungen. Die Luft war klar und still, und der Himmel prunkte in fleckenlosem, reinem Blau.

Noch schöner als dieses Schauspiel war jedoch das Gebirgspanorama, das in der schiefen, beinahe horizontalen Beleuchtung scharf und deutlich hervortrat; die Ketten zeigten abwechselnd hellbraune, rosa und violette Nuancen, die infolge der großen Entfernung nicht grell, sondern ruhig, gedämpft und harmonisch waren und einen entzückenden Hintergrund zu dieser dürren Wüste bildeten, wie ja auch der Sonnenaufgang viel schöner ist, wenn er auf eine schwüle, düstere Nacht folgt.

130. Allgemeines Trocknen an der Sonne. (S. 328.)
Von links nach rechts: Aldat, Nias, Kutschuk, Mollah Schah, Turdu Bai und Tscherdon.
131. Gletschermassiv im Südwesten vom Lager Nr. 27. (S. 329.)

Die Sonne hat aber auch ihre Schattenseiten. Kaum guckt sie über den östlichen Wüstenrand, so füllt sich die Luft mit Millionen Bremsen, die, Wolkensäulen vergleichbar, Pferde und Reiter begleiten und umgeben. Man muß sich verteidigen, so gut man kann, und die Pferde werfen und schlagen mit Kopf und Mähne.

Dunglik (die Hügel) ist eine kleine Oase auf dem Wege nach den Bergen und liegt gerade da, wo die flachen Schuttkegel der letzteren langsam anzusteigen beginnen. Von Abdall, das 838 Meter über dem Meere liegt, waren wir 203 Meter gestiegen. Alle waren müde von der durchwachten Nacht; ich selbst schlief unter der ersten besten Tamariske ein und wachte erst wieder auf, als mir die Sonne auf den Kopf brannte. Da siedelte ich in das Zelt über und setzte mich dort, sehr leicht gekleidet, zum Arbeiten hin.

Am folgenden Morgen wurde ich um 3 Uhr geweckt, Lichter und Laternen wurden angezündet und das aus Tee, Eiern und Brot bestehende Frühstück gebracht. Das Gepäck wurde geordnet und die Tiere beladen; es fing an, im Osten hell zu werden, und als wir um 4½ Uhr aufbrachen, wobei wir Wasservorrat für uns selbst und die Hunde mitnahmen, war es schon ganz hell, und geschäftig gingen die Bremsen an ihr Tagewerk. Ich schlug ein paar Hundert tot, die sich auf der nackten Haut der Kamele festgesogen hatten. Sie summten in Schwärmen um uns und folgten uns ein paar Kilometer weit, wie vor Wut erglühend, als die aufgehende Sonne durch ihre mit Blut gefüllten Leiber schien. Es knallt, wenn die Peitschenschnur den aufgeschwollenen Sauger trifft und er platzt. Doch bald wagten sie sich nicht weiter vom Vegetationsgebiete zu entfernen, und wir waren sie für den Rest des Tages los.

Wir kamen jetzt auf den offenen, wüsten, kiesigen und unfruchtbaren Sai hinaus, der langsam nach dem Gebirge ansteigt; hier gibt es keinen Grashalm, kein Insekt, keine Spur von Leben, nur auf asphalthartem Boden dünn verstreuten Kies und Sand.

In launenhaft wechselnden Abständen sind kleine Steinpyramiden errichtet, deren einzige Aufgabe es ist, als Richtschnur beim Sturme zu dienen. Die Asiaten finden, daß sie ihren Wegen und Stegen einen gewissen Dankbarkeitstribut schuldig sind, der den Pyramiden in Gestalt eines Zuschusses von einem oder mehreren Steinen gebracht wird. Ohne Weg würden sie nicht nach Quellen und Weiden hinfinden, und besonders denkt der glücklich einem Sturme entronnene Wanderer an die, welche ihm unter schwierigen Verhältnissen folgen, und liefert daher gern seinen Beitrag dazu, die Wegweiser noch deutlicher zu machen.

Mittlerweile begann die Tageshitze mit heißen Dämpfen und Luftbewegungen anzurücken. Ich wußte, daß der Weg nach der ersten Quelle Tattlik-bulak weit war, denn dieser Schuttkegel am Nordfuße des Kwen-lun war an allen Punkten, wo ich ihn früher überschritten hatte, unendlich breit gewesen. Doch wenn ich gehofft hatte, ziemlich bald ins Gebirge hineinzukommen, so wurde diese Illusion vernichtet, als wir zwei mächtige Steinhaufen, zwischen denen der Weg hindurchführte, passierten und damit nach Tokta Ahuns wenig erfreulicher Erklärung gerade die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten. Wir ritten schon sieben Stunden in ununterbrochenem Karawanentempo.

Die kleinen, fünf Monate alten Hunde waren schon zu Anfang des Marsches müde und in einem Korbe auf ein Kamel gesetzt worden, wo es ihnen sehr gut ging. Als die Sonne zu stechen begann, wurden sie mit einer Filzdecke zugedeckt, und wir hörten nichts weiter von ihnen, bis wir an unserem Bestimmungsorte anlangten, wo sie munter und gesund, nur etwas steifbeinig, aus ihrem Verstecke hervorkamen und die Gegend in Augenschein nahmen.

Maschka und Jolldasch waren empfindlicher gegen die Hitze und schienen vor Müdigkeit erschöpft zu sein, als wir die zweite Hälfte des Tagemarsches antraten. Obgleich sie ein paarmal Wasser bekamen, blieben sie doch zurück und mußten geholt werden. Schließlich wurden sie gebunden auf ein Kamel gelegt. Aber diese Art zu reisen war nicht nach ihrem Geschmack; sie wälzten sich herunter, sobald das Kamel sich in seinen wiegenden Gang setzte. Dann blieben sie wieder zurück, und Schagdur ritt mit der Wasserkanne zurück. Nach ziemlich langer Zeit sahen wir ihn mit Jolldasch zurückkehren; er war sehr niedergeschlagen und meldete, daß Maschka gestorben sei. Beide Hunde hatten sich an einer schattigen Terrasse in einem Hohlwege halb eingegraben. Maschka hatte alles Wasser, das in der kupfernen Kanne war, bekommen und es gierig verschlungen. Dann hatte Schagdur Jolldasch an der Leine geführt und Maschka vor sich auf den Sattel genommen; er war aber noch nicht weit mit ihnen gekommen, als der Hund aufgeregt wurde, das Pferd in den Hals biß und den Kopf fallen ließ. Die letzten Wassertropfen nützten nichts; der beste und klügste aller unserer Hunde war und blieb tot und mußte am Wegrande zurückgelassen werden.

Jetzt war das Wasser zu Ende, und ich fürchtete das Schlimmste für Jolldasch. Nach mehrfachem Fortlaufen band ich ihn selbst auf einer Kamellast fest, wo er halb tot und seekrank geschaukelt wurde.

Im übrigen hielten sowohl Menschen wie Tiere sich gut. Es war aber auch einer großen Anstrengung wert, dem stickigen Sommer drunten zu entfliehen. Des Reitens müde ging ich mehrere Stunden zu Fuß. Die Landschaft bleibt sich gleich; die Steigung ist unmerklich. Gegen Abend wurde das Terrain kupiert, und wir gelangten zwischen niedrige Hügel von Rollsteinkies, Sand und Lehm. Später tritt anstehendes Gestein auf, außerordentlich verwitterter und brüchiger hellgrüner Schiefer und Granit. Wir folgen einem ausgeprägten Trockentale aufwärts, das Seitentäler aufnimmt, und die Landschaft wird immer kräftiger ausgemeißelt von Regenbächen, die jetzt keinen Tropfen Wasser mehr enthalten.

Von dem oberen Teile einer schmalen, abfallenden Talfurche öffnet sich die Perspektive über die Oase, den Bach und die Herberge Hung-lugu, ein doppelt angenehmer Anblick nach einem solchen Tage. Sobald wir dort angekommen waren, wurden die Hunde nach dem Bache gebracht, und es folgte ein Trinken, das gar kein Ende nehmen wollte. Sie liefen in das frisch sprudelnde, schwach salzhaltige Wasser, das sie mit großer Begierde „löffelten“, wobei ihre Augen vor Freude strahlten. Manchmal ging es zu schnell, und das Wasser kam in die unrechte Kehle; dann husteten und räusperten sie sich, um sofort weiterzuschlürfen. Darauf legten sie sich der Länge nach ins Wasser, wälzten sich in dem am Ufer wachsenden Grase, bellten vor Freude und tranken von neuem.

Die Vegetation ist in diesem herrlichen Tale üppig und besteht hauptsächlich aus prächtigen, zu wirklichen Bäumen entwickelten Tamarisken, im übrigen aus Gras, Kamisch und allerlei Kräutern; in einer Erweiterung des Tales steht sogar eine Gruppe alter knorriger Pappeln. Wir zogen talaufwärts weiter. In einem herrlichen Tamariskenhaine fanden wir die Pferdekarawane, die den ganzen Tag bedeutenden Vorsprung gehabt hatte, und eine kleine Karawane von sieben Eseln und sieben Schafen, die Numet Bek einen Tag vorher von Abdall geschickt hatte, um uns mit Proviant zu unterstützen.

Nichts kann herrlicher sein, als nach 14½stündigem, angestrengtem Marsche durch eine Wüste von 70 Kilometer Breite eine solche Oase zu erreichen. Hier wurde auch in der Dämmerung eines der gemütlichsten Lager, die ich je gehabt habe, aufgeschlagen. Meine Jurte wurde zum ersten Male am Außenrande des Tamariskenwaldes aufgerichtet und war mit Bett, Teppich und Kisten so nett, sauber und einladend, daß ich die Fähre und ihre behagliche Kajüte nicht länger vermißte. Schagdur, Turdu Bai und Mollah Schah pflanzten ihr weißes Zelt unter den Tamarisken auf, die anderen kampierten in einem Dickicht, das einer Laube glich. Um 9 Uhr zeigte das Thermometer +20 Grad und im Wasser +12,8 Grad, so daß mir die gewöhnliche Abenddusche nach all der Hitze ziemlich kalt vorkam. Schon hier befanden wir uns in einer Höhe von 1953 Meter, 1115 Meter über Abdall.

Alle waren entzückt über den Tagesbefehl für den 3. Juli, der auf Ausruhen an der Tattlik-bulak (süßen Quelle) lautete. Über die Hitze brauchten wir uns nicht länger zu beklagen; die Sonne stach mittags allerdings, aber es wehte aus Südwest, nicht gleichmäßig und ununterbrochen wie in der Ebene, sondern stoßweise, manchmal so heftig, daß die Jurte umzufallen drohte, manchmal hörte der Wind auf und machte der Windstille Platz. An der linken Talseite steht ein kleiner senkrechter Wall von Rollsteinen, und aus dieser Wand sprudelt mit einer Temperatur von +10 Grad die kristallklare süße Quelle hervor. Auf dem Walle oberhalb erhebt sich eine Steinpyramide mit ein paar Stangen. Auf einer derselben las ich: P. Splingaert 1894 und C. E. Bonin 1899.

Die Vegetation ist reich, obwohl sie nur in wenigen Arten auftritt. Von Tieren kommen nur einige kleine Vögel, Ameisen, Spinnen, Fliegen, Zecken und Käfer vor. Ein paar Bremsen hatten sich hierher verirrt; sie waren vielleicht von unseren eigenen Kamelen mitgebracht. Wir genossen unser Glück in vollen Zügen, und alles wäre gut gewesen, wenn wir nicht Maschka, den Liebling aller, verloren gehabt hätten. Beim Aufbruch von diesem herrlichen Ruheplatze wurden einige Veränderungen mit dem Gepäck vorgenommen. Die Jolle wurde in eine Filzdecke genäht, um vor dem Scheuern geschützt zu sein, und die Jurte wurde auf die Pferde geladen, die immer zuerst nach dem Lagerplatz gelangten. Von nun an sollte ich schon bei der Ankunft mein Haus fertig finden.

Der Weg führt zwischen Felsen von schwarzem Schiefer in dem Tale des Baches von Tattlik-bulak aufwärts. Die Tamarisken stehen gerade in Blüte, und ihre prachtvollen Blütentrauben mit ihrer reinen violetten Farbe erheitern sozusagen die sonst eintönige, braungraue Berglandschaft (Abb. 114). Unaufhörlich kreuzen wir den kleinen Bach, dessen frisches Wasser in unmittelbarer Nähe zu haben uns sehr angenehm war, da der Tag heiß wurde. Im Winter ist dieses ganze Tal mit Eis bedeckt. Der Bach friert nach und nach zu, und diejenigen, welche dann hier durchkommen, müssen auf dem Eise gehen. Man vermeidet dann diesen Weg, weil die Tiere sich leicht die Beine brechen können. Hier lag noch ein totes Kamel von einer mongolischen Pilgerkarawane, die diesen Weg im Winter gemacht hatte; es war auf dem Eise ausgeglitten und hatte ein Bein gebrochen. Gleich hinter Tattlik-bulak steht eine kleine Gruppe von Pappeln, und zwischen ihren Ästen lagen Stangen, die eine Art Bahre bildeten. Hier sollen früher Kameljäger ihr erlegtes Wild auf die Bäume gelegt haben, um es vor Hunden und wilden Tieren zu schützen. Jetzt kommen selten wilde Kamele in diese Gegend.

Als wir am Abend auf der kleinen Weide von Basch-kurgan ankamen, war mein tragbares Hotel schon fertig und möbliert, ganz wie ein Wirtshaus an der Landstraße (Abb. 116). Doch darf ich dort nicht eintreten, um mich ausschließlich der recht notwendigen Ruhe hinzugeben. Nein, erst werden Thermo- und Barograph ausgepackt, dann die heute unterwegs gesammelten Gesteinproben etikettiert und eingepackt, darauf die Kartenblätter gezeichnet und zuletzt die Aufzeichnungen und Beobachtungen eingetragen. Um diese Zeit ist das Mittagessen fertig; ihm folgen um 9 Uhr die gewöhnliche meteorologische Ablesungsreihe und das Ablesen des Hypsometers; wenn dann auch noch die Chronometer aufgezogen und verglichen sind, gehe ich ins Freie, um eine Weile mit den Hunden zu spielen und sie zu füttern. Vor 11 Uhr ist die Tagesarbeit selten zu Ende; dann lese ich noch eine halbe Stunde im Bett, bevor ich in der frischen, gesunden Gebirgsluft fest einschlafe.

Um die Höhen nicht zu schnell zu nehmen, hatten wir beschlossen, während des Rittes nach dem Hauptquartier oft Rasttage einzuschieben; so wurde auch Basch-kurgan ein Tag geopfert. Hier treffen drei Täler zusammen, die in das lange Tal von Tattlik-bulak übergehen. Der Name „Festung des Talkopfes“ schreibt sich von der Ruine eines auf einem isolierten Hügel thronenden kleinen chinesischen Forts her. Schagdur und Mollah, mein Sekretär von Abdall, machten einen weiten Ausflug nach Osten, auf welchem ersterer nach einiger Unterweisung im Gebrauch von Kompaß und Uhr eine rohe Kartenskizze von dem Lande zu machen beauftragt war. Es war das erstemal, daß er eine solche Aufgabe löste, und wenn die Karte auch nur als Kroki verwendbar war, gab sie mir doch einen guten Begriff vom Verlauf der Bergketten und Täler in jener Richtung. Schagdur vervollkommnete sich später zu einem bedeutenden Grade von Sicherheit in der Auffassung des Terrains.

Bei Basch-kurgan kreuzten wir die untere Kette des Astin-tag, welche das Tal von Tattlik-bulak durchbricht; ein Paßübergang ist daher unnötig. Der nächste Tagemarsch führt uns weiter aufwärts nach dem Hauptkamme desselben Bergsystems. Dorthin gelangten wir jedoch nicht in einem Tag, sondern wir lagerten unterwegs schon in Basch-joll, einem kleinen Weideplatz mit einer herrlichen Quelle (+5,8 Grad) und den Ruinen einer chinesischen Festung.

Am 8. Juli hatten wir einen langen Wüstenweg vor uns und nahmen Wasser mit. Um 6½ Uhr brachen wir auf und zogen immer höher nach dem Kamme des Astin-tag hinauf. Auf beiden Seiten erheben sich steile, wilde, zackige Felsenmassen. Der Hohlweg erweitert sich und führt nach einem bequemen, hügeligen Passe hinauf, der merkwürdigerweise keinen anderen Namen als „Dawan“, der Paß, hat. Der bisher nach Osten führende Weg bog jetzt nach Süden ab. Doch auch ostwärts erstreckt sich zwischen felsigen Bergen ein Tal, in welchem zwei wilde Kamele davonflüchteten. Dies ist im innersten Asien das dritte Gebiet, wo ich wilde Kamele getroffen habe, und ich bin, nach den Beobachtungen, die später gemacht wurden, in der Lage, eine Karte ihrer Verbreitung zu geben.

Auf dem Passe sprühregnete es leicht; als wir aber hinuntergingen und das breite, flache Längental, das den Astin-tag vom Akato-tag trennt, überschritten, begann es tüchtig zu regnen, und der Donner rollte über den Bergen. Das Land ist eine Wüstenei; man sieht keine Spur von Leben. Wir waren über 13 Stunden geritten, als wir endlich die namenlose Steppe erreichten, wo die Karawane Halt gemacht hatte und die Tamariskenbüsche Feuerung gaben, wo aber weder Wasser noch Weide zu finden war.

Am Morgen des 9. Juli war der Himmel völlig klar und die Temperatur auf +0,7 Grad heruntergegangen. Die jetzt herrschende Marschordnung war folgende: voran gingen die Esel und die noch übrigen Schlachtschafe. Ihnen folgten Mollah Schah und Kutschuk mit den Pferden, und da sie schneller ritten als alle anderen, waren sie stets die ersten an den Lagerplätzen. Dann kamen Turdu Bai und Mollah mit den Kamelen und zuletzt ich mit Schagdur und Tokta Ahun. Letzterer war mein Cicerone, da er die Gegend sehr gut kannte. Schagdur hielt mein Pferd, wenn ich Berggipfel anpeilte oder Gesteinproben abschlug, deren Einpacken in Zeitungspapier seine Sache war. Infolge all des dadurch verursachten Aufenthalts langten wir stets ein, zwei Stunden später im Lager an als die anderen.

Im Südwesten leuchten die Firnfelder eines prachtvollen Bergmassivs, Illwe-tschimen genannt; an der uns zugekehrten Seite desselben liegen zwei kleine Salzseen, der Usun-schor und der Kalla-köll.

Während der kurzen Rast an einem Quellbecken am Fuße des Akato-tag veränderte sich plötzlich das Wetter; der Himmel überzog sich, und es gab einen Platzregen; wir waren augenscheinlich schon mitten im Klima Tibets, wo Sonnenschein, Wind und Regen miteinander in wenigen Minuten abwechseln.

Von der Quelle gehen wir durch eine trockene Rinne nach Südwesten. Hier erhob sich ein heftiger Südweststurm, der keinen Regen brachte, aber Staub und Sand aufwirbelte und uns so das Gesicht peitschte, daß die Haut schmerzte. Er kam wie eine kompakte gelbgraue Wand von lauter Wirbeln angezogen und hüllte uns in einen Nebel ein, der die Landschaft auf allen Seiten verschwinden ließ. Nichts als der Weg ist sichtbar; man schwankt im Sattel und kann nur mit Mühe seine Aufzeichnungen machen, wobei die Marschroutenblätter beinahe zerrissen werden. Nach zwei Stunden endete der Orkan ebenso plötzlich, wie er losgebrochen war. Wir waren sozusagen durch einen Fluß von Wirbelwind gewatet. Im Gegensatz zu den Stürmen des Tieflandes klärte sich die Luft sofort auf und wurde wieder ebenso rein und durchsichtig wie vorher. Daß der Flugsand von diesen heftigen Bergwinden wirklich weitergetragen wird, sahen wir sofort; auf dem leichten Doppelpasse des Akato lagen kleine Dünen angehäuft, die südwestliche Winde dorthin geführt hatten.

Auf dem Südabhange, den wir südostwärts kreuzten, wiederholte sich dasselbe orographische Relief, das wir beim Astin-tag gesehen hatten. Der Sai, der harte Schuttkegel, fällt langsam nach einem neuen Riesentale ab, das sich von Westen nach Osten zieht und im Süden von einer neuen Bergkette, dem Tschimen-tag, begrenzt wird. Der Sai geht in Kakir, horizontalen, im Wasser nach Regen abgelagerten Tonschlamm, über. Hier lagen die Gerippe der beiden Pferde, die von Tscherdons und Faisullahs Karawane gestorben waren. Endlich hob sich vom Ufer eines kleinen Sees, der nur den Namen „Köll“ führt, einen halben Kilometer Durchmesser hat und von Rasen umgeben ist, die Jurte ab.

Seltsamerweise traten jetzt wieder Mücken und Bremsen auf, und namentlich die ersteren plagten uns sehr, bis wir das Hauptquartier in Tschimen-tag verlassen hatten. Sobald man einen Augenblick stillsteht, wird man von ihnen umschwärmt; Pferde und Hunde werden ebenso heftig angegriffen, aber die Haut der Kamele ist für ihre feinen Folterwerkzeuge zu dick. Hier in den Bergen leben und regieren die Mücken jeden Sommer 2½ Monate. Man wundert sich, daß ihre Larven die hier im Winter herrschende strenge Kälte überdauern können.

Am 10. Juli zogen wir schräg über das Tal nach Südosten und kreuzten dabei verschiedene Rinnen, bis wir an die Schlucht Temirlik kamen, wo wir an einigen von frischer Weide umgebenen Quellen rasteten.

Es war eine wahre Feuerprobe, am folgenden Morgen mitten im ärgsten Mückentanze die astronomischen Beobachtungsreihen auszuführen; die Mücken nahmen immer die Gelegenheit wahr, wenn ich an den Schrauben drehte und mich nicht verteidigen konnte.

Temirlik (2961 Meter über dem Meere) sollte später während der Reise ein wichtiger Punkt werden. Auch jetzt stellten sich mehrere Gäste in unserem Lager ein. Gleichzeitig mit uns kamen vier Goldgräber aus den Gruben von Bokalik an; sie hatten sich ein paar Monate im Gebirge aufgehalten, aber nicht so viel Gold gefunden, daß es der Rede wert war, und kehrten daher mißmutig nach Chotan zurück. Während des Ruhetages stieß die in Tscharchlik bestellte Maiskarawane mit ihren fünf Führern und einem artigen Briefe des Ambans, den ich S. 284 mitgeteilt habe, zu uns. Schließlich kamen auch Boten aus dem Hauptquartier, wohin wir noch zwei Tagereisen hatten, mit der Nachricht, daß dort alles gut stehe.

Der eine war Chodai Värdi, „der von Gott Gegebene“, wie der Name besagt, tatsächlich aber ein unangenehmer Kerl aus Jangi-köll, der mir später einmal beinahe einen verhängnisvollen Streich gespielt hätte. Der andere hieß Aldat und war afghanischen Stammes, wohnte aber in Tschertschen. Er hatte in den Bergen überwintert, um Yake zu schießen, deren Haut er an Kaufleute aus Kerija verhandelte. Er war ein prächtiger, hübscher junger Mann, der jährlich als Nimrod in diesem wilden Gebirge umherstreifte. Er wandert im Herbste hierher und nimmt großen Munitionsvorrat mit. Die Flinte und der Pelz sind das einzige, was er sonst noch zu tragen hat, und dann streift er den ganzen Winter wie ein halbwilder Bergbewohner ohne Zelt und Proviant umher und lebt von dem Fleisch der Yake, die er schießt, und stillt seinen Durst aus den Quellen, die der ewige Schnee speist. Im Sommer kommen dann seine Brüder mit Eseln, um die Yakfelle von seinen verschiedenen Stapelplätzen abzuholen; sie schneiden die brauchbaren Stücke aus und bringen sie nach Tschertschen. Islam hatte ihn engagiert, weil er alle Gebirgsgegenden bis an den Fuß des Arka-tag genau kannte; weiter südlich war Aldat aber nie gewesen.

Aldat war ein seltsamer, aber sympathischer Mensch, hatte eine Adlernase und einen Vollbart, sowie den harmonisch geformten Schädel der arischen Rasse, ein Typus, dessen edle Züge durch keinen Tropfen mongolischen Blutes verdorben waren. Das einsame, düstere, an Entbehrungen reiche, aber dennoch fesselnde Leben, das er auf den Bergketten und in den engen Tälern des Kwen-lun zu führen gewohnt war, spiegelte sich wider in seinem wehmütigen Blicke, der zu grübeln und zu fragen schien. Er war noch nicht lange bei uns, als er sich auch schon gut zurechtfand. Er redete nie unnötigerweise, antwortete kurz und klar auf Fragen und ging, die Flinte auf der Schulter, beinahe stets für sich allein. Sein Gang war königlich; er schien über den Boden hinzuschweben, wurde nie müde und verspürte nichts von dem ermattenden Einflusse der Luftverdünnung.

Ich fand großen Gefallen an Aldat und schlug ihm vor, sich an unserer ersten Tibetexpedition zu beteiligen, was er ohne Zögern annahm. Das Leben, das er führte, erschien mir ebenso unerklärlich wie verlockend. Ich fragte ihn, was er anfange, wenn die Jagd fehlschlage und er nichts zu essen habe. „Dann hungere ich,“ antwortete er, „bis ich wieder einen Yak finde.“ Wo er schlafe? In Klüften und Schluchten, manchmal auch in Höhlen. Ob er sich vor Wölfen fürchte? Nein, er habe Zunder, Stahl und Stein und zünde allabendlich ein kleines Feuer an, an dem er sein Yakfleisch brate; überdies vertraue er auf seine Flinte. Sich verirren? Nein, das könne er nicht; er kenne alle Pässe und habe die Täler unzählige Male durchstreift. Und das beständige Alleinsein falle ihm durchaus nicht schwer; er habe keine anderen Freunde, die ihm fehlen könnten, als seinen alten Vater und seine Brüder.

132. Aussicht nach Süden vom Lager Nr. 28 aus. (S. 330.)
133. Bugsierung eines Kamels über den Fluß. (S. 339.)
134. Fester Boden unter den Füßen. (S. 339.)
135. Ein glücklich über den Fluß gebrachtes Kamel. (S. 339.)

Ein unruhig umherirrender Geist in Menschengestalt! Ich kann mir kaum ein Land denken, in dem das Alleinsein unheimlicher ist als Tibet; die Wüste wäre nicht schlimmer. Bei Tag geht es noch an, aber nachts, wenn die Kälte die Haut schmerzen macht und die dunkeln Bergketten sich unheimlich drohend im Mondschein erheben! Armer Aldat, wie manches Mal war er müde und matt nach fehlgeschlagenen Hoffnungen an die einsame Quelle gekommen, wo nur die Antilopen zu trinken pflegten, und hatte sich, in seinen Pelz gehüllt, am Rande ihres Bettes hingelegt und dort den langsamen Gang der Stunden der Nacht abgewartet. Und wenn die Sonne, seine einzige Freundin in der Wildnis, endlich aufging, geschah es nur, um ihn zu ermahnen, die Jagd nach wilden Yaken ohne Rast und Ruh wie ein Spürhund fortzusetzen. Sein Leben war in Wahrheit gefährlich, arm und groß, und, als er schon lange tot war, konnte ich nicht verstehen, wie er es ausgehalten hatte; noch heute ist er mir ein Rätsel. Ich hatte alles, dessen ich bedurfte, Diener, eine Leibwache von Kosaken, Wächter und Hunde, aber dennoch war mir, wenn der Schneesturm klagend um die Jurte sauste und die Wölfe in den Bergen heulten, oft ganz wunderlich zumute.

Die Leute, die mich auf dieser Reise nach dem Hauptquartier im nördlichen Tibet begleiteten, sollten sich alle auf die eine oder andere Weise auszeichnen. Turdu Bai war, wie schon erwähnt, der beste Muselmann, den ich in meinem Dienste gehabt habe, und wenn er zugegen war, war ich stets der Kamele wegen beruhigt. Schagdur war über jedes Lob erhaben, und ich kann nicht Worte genug finden, um die Dienste, die er mir leistete, zu würdigen. Er lernte alles, vergaß nichts und brauchte nie erinnert zu werden, und ich hatte ihn stets gern in meiner Gesellschaft. Es war ein gewisses Etwas an ihm, das ihn so sympathisch machte. Ich bewunderte hauptsächlich seinen wilden, verwegenen Mut in Gefahren und die Ruhe, mit der er schwere Aufgaben übernahm. Zweimal hatte er später Gelegenheit zu zeigen, wie gern er sein Leben für mich hingegeben hätte. Es war ein ebenso erhebendes wie wohltuendes Gefühl, sich von solcher Treue in der blindesten, uneigennützigsten Gestalt, die ich je kennen gelernt, umgeben zu wissen; daher hielt ich sehr viel von diesem jungen burjatischen Kosaken, der in seiner Heimat vor den Götzen des Lamaismus gekniet hatte, ihnen jetzt aber verächtlich den Rücken kehrte. Es war nicht mein Verdienst, daß dies geschah, denn ich fühlte mich nicht berufen, den Glauben der Asiaten zu erschüttern, wohl aber gab das Leben in meiner Karawane sowohl Schagdur wie den anderen mancherlei zu denken, wovon sie früher nie geträumt hatten.

Tokta Ahun aus Abdall war ein durchaus ehrlicher Naturmensch, ein verständiger Kerl, der mir von großem Nutzen war. Ich habe vorher erwähnt, daß er sowohl die Pferde wie die Kamele nach Temirlik begleitete und jetzt mit uns zum dritten Male in zwei Monaten die Reise nach dem Hauptquartier hinauf machte, das kürzlich der Mücken halber von dieser Quelle nach Mandarlik (3437 Meter) verlegt worden war. Da er bei einer späteren Expedition eine hervorragende Rolle spielen wird, sage ich jetzt nichts weiter über ihn.

Auch mit Kutschuk wird der Leser bald genauere Bekanntschaft machen; er war ein prächtiger, außergewöhnlich tüchtiger Mensch. Auch Mollah Schah war mit in Nordtibet.

Bleibt also nur noch Mollah, der „Herr Doktor“, eine klassische Erscheinung von fünfzig Lenzen, ein kleines, dürres, verhutzeltes Männchen, ohne ein Härchen auf Kinn und Lippen, weshalb wir ihn manchmal scherzend fragten, ob er nicht eigentlich ein verkleidetes Weib oder im besten Falle ein Mongole sei, welche Reden für die Gläubigen des Propheten gerade nicht schmeichelhaft sind. Er redete mit einer Stimme, die scharf wie ein Pfriemen war, und schwatzte immer, sogar abends, wenn keiner zuhörte. Doch er war sehr lustig, wußte gut Bescheid und war bei allen beliebt. Auch Mollah Schah werde ich noch genauer vorstellen, denn er begleitete mich auf der zweiten Expedition nach dem Lop-nor.

Der Abend wurde durch ein rasendes Gewitter aus Westen verherrlicht, und die Windstöße drückten beinahe die Jurte nieder, die auf allen Seiten verankert werden mußte. Ein strömender Regen durchweichte unsere Wohnungen und machte den Boden schlüpfrig, und die Leute, die den Mais gebracht hatten, kauerten sich unter den Filzstücken und Sackleinwandstreifen, die sie zur Hand hatten, wie Murmeltiere zusammen. Die jungen Hunde bellten wütend bei den Donnerschlägen, die sie jetzt zum ersten Male hörten und wohl für irgendeinen unerlaubten Spektakel in den Bergen hielten. Doch da es fortfuhr zu donnern, beruhigten sie sich allmählich und knurrten nur noch leise. Schließlich schienen sie dahinterzukommen, daß der Donner zum Stück gehöre und sich durch Hundegebell nicht erschrecken lasse.

Am 12. Juli gingen wir nach Osten über das Tal Usun-jar. Hinter der trockenen Schlucht Basch-balgun verlassen wir den Vegetationsgürtel und reiten auf hartem, unfruchtbarem Kiesboden weiter; links aber sehen wir noch immer den hellen Grasgürtel, der sich bis an den Geröllfuß des Akato erstreckt, von wo aus die Karawane von ein paar Kulan- oder wilden Eselherden neugierig betrachtet wird.

Östlich von der Quelle Kumutluk sieht man im Nordosten die bedeutende Wasserfläche des Gas-nor einen großen Teil des Talgrundes einnehmen. Die Ufer sind von so heimtückischen Sümpfen umgeben, daß man nur an einem einzigen Punkte an den See gelangen kann. Sie glänzen hier und dort kreideweiß wie von Schnee, und das Wasser ist scharf salzig. Im Westen des Gas-nor liegt eine kleine Süßwasserlagune, Ajik-köll genannt, weil sich dort Bären von den Früchten der Sträucher ernähren sollen.

Bei Tschiggelik (Binsenstelle, 2977 Meter) oder Dundu-namuk (mittelste Quelle), wie die Mongolen den Platz nennen, wachsen „Boghana“-Sträucher, Kamisch und Binsen; hier war die Luft buchstäblich voll von Mücken und Moskitos, die uns ärger peinigten als je am Tarim und ein Jucken wie von einem Ekzem hervorriefen.

Jetzt hatten wir nur noch eine Tagereise vor uns. Wir ritten gegen Süden das Tal von Mandarlik hinauf, das sich zwischen 8 Meter hohen Geröllterrassen scharf markiert und höher oben von einem kristallhellen Bach durchrauscht wird. Wir treten in dieses Quertal auf dem Nordabhange des Tschimen-tag ein; die äußersten Felsausläufer lassen wir hinter uns zurück, die Granitmassen mit ihren wilden, bizarren Vorsprüngen rücken einander immer näher. Wendet man sich im Sattel um, so sieht man wie durch ein breites Tor den Gas-nor und dahinter in der Ferne den Kamm des Akato-tag. Das breite Tschimental läuft im Osten in das Zaidambecken aus.

In einer Erweiterung des Mandarliktales weiden unsere Pferde, Maulesel und Kamele. Tscherdon, Islam, Faisullah und die anderen kommen uns zu Fuß entgegen, und bald darauf sind wir wieder daheim in einem großen, gut ausgestatteten Hauptquartier (Abb. 117, 118, 119).