Dreißigstes Kapitel.
Über stürmische Seen und himmelhohe Berge.

Das Lager Nr. 36 am Flusse wurde jetzt zur Operationsbasis gewählt. Hier sollten Turdu Bai, Aldat und Nias mit allen Kamelen und vier müden Pferden zurückbleiben. Mich sollten Tscherdon, Mollah Schah und Kutschuk begleiten, und die Karawane aus dem Maulesel, sieben Pferden und den Hunden bestehen. Wir hatten Proviant für eine Woche und nahmen nur absolut notwendige Sachen, Filzdecken und Pelze mit. Meine Instrumente wurden in das Futteral des großen photographischen Apparates gepackt; in diesem von Seen überschwemmten Hochlande war auch das Boot unentbehrlich. Nur die Hälfte meiner Jurte wurde mitgenommen, d. h. die Holzgitter, die den unteren Teil ihres Gerüstes bilden. Das Gepäck war also leicht; es wurde zu Boot nach dem gegenüberliegenden Ufer gebracht. Die Pferde durchwateten den Fluß.

Darauf wurde die Karawane beladen, und wir setzten uns in Marsch. Doch wir waren noch nicht weit gelangt, als uns der Sund zwischen den Seen Halt gebot; wir mußten wieder alles abpacken, das Gepäck hinüberrudern und die Pferde über den Sund schwimmen lassen. Endlich standen wir jedoch auf der Spitze der Enge und konnten im Ernst darauf losgehen, indem wir dem Nordufer des Süßwassersees folgten. Bald erreichten wir jedoch einen Teil desselben, wo die Berge steil ins Wasser abfielen, ja sogar überhingen, so daß wir zu einem Umweg über den Kamm gezwungen wurden. Dort hatten wir sowohl links wie rechts weitgedehnte Wasserflächen.

An einem kleinen Bache wurde unsere sehr provisorische Jurte aufgeschlagen. Auf den Abhängen weidete 300 Schritt von uns entfernt eine Herde von elf großen schwarzen Yaken, die nicht die geringste Miene zur Flucht machten. Man konnte sich versucht fühlen zu glauben, daß sich Nomaden in der Gegend aufhielten und zahme Yake bei sich hätten. Doch als unsere Pferde auf die Weide geschickt wurden und allmählich nach den besseren Weideplätzen hinaufgingen, blähten die Yake ihre Nüstern auf, spähten aufmerksam nach unserer Richtung hin und bewegten sich dann in langsamem Trab über den Kamm nach dem Salzsee.

152. Blick nach Süden von Aldats Begräbnisplatz. (S. 364.)
153. Lager Nr. 60 in 5111 Meter Seehöhe. (S. 366.)

Meine Jurte war so eng, daß Tscherdon erst mein Bett zurechtmachen und dann die Gitter über dem Bett aufschlagen mußte. Ich mußte wie in eine Hundehütte hineinkriechen; sobald ich aber erst drinnen war, hatte ich es gut und warm, und Jolldasch half noch wärmen.

Nachdem wir über Nacht es bei einer Temperatur von −5,2 Grad hatten aushalten müssen, erwachten wir am 31. August an einem wirklich herrlichen Sommertage ohne ein Wölkchen oder einen Windhauch. Der See lag wie ein Spiegel da. Ein Kulan kam heran und besah sich die Pferde so ungeniert, als wisse er ganz genau, daß Tscherdons Patronen schon lange zu Ende waren. Auf dem Südufer erhoben sich zwei blendendweiße Schneeberge ohne Spur von Wolkenkranz und spiegelten sich im See wider. Ein mehrstündiger Marsch am Ufer entlang führte uns nach dem Ende des Sees, aber dieser wurde nur durch eine mehrere hundert Meter breite Landenge von einem neuen getrennt, der sich weit nach Osten erstreckte und dessen nördlichem Ufer wir ebenfalls folgten.

Eine Strecke weit gingen wir oben auf den Uferfelsen zirka 70 Meter über der Wasserfläche, einen Kulanpfad benutzend, der so dicht am Rande entlangführte, daß einem beinahe unheimlich zumute wurde. In dem tiefen Wasser sahen wir einen Schwarm ziemlich großer, schwarzrückiger Fische, die besonders Kutschuks lebhaftes Interesse erregten. Wir lagerten in der Nähe, weil wir versuchen wollten, einige von ihnen zu fangen. Jolldaschs Halsband lieferte Material zu Angelhaken, die in der Glut des Lagerfeuers eine entsprechende Gestalt erhielten. Für den Fall, daß es in der Gegend Wildgänse oder Enten geben sollte, wurde aus einer Holzlatte ein Bogen fabriziert. Wir lebten ungefähr wie Robinson Crusoe und mußten uns mit der dürftigen Ausrüstung, die uns gerade zu Gebote stand, weiterhelfen.

Der Abend war kalt und windig, und die Aussichten auf den nächsten Tag waren wenig hoffnungsvoll. Meine Jurte stand fest wie ein Berg, und ich lag darin wie ein Begrabener, aber es war dort so eng, daß die Toilette mit gewissen Schwierigkeiten verbunden war. Am nächsten Morgen machte ich in aller Frühe einen Spaziergang nach den nächsten Hügeln in der Nachbarschaft und hatte von dort aus einen großartigen Überblick über dieses eigentümliche Gebiet, das reicher an Wasser als an Land ist. Der innerste Teil des Sees erstreckte sich keilförmig nach Nordosten. Er liegt 4848 Meter über dem Meere. Wir waren hier wieder in verhältnismäßig tiefere Gegenden gelangt, und doch befanden wir uns noch höher als der Gipfel des Montblanc!

Unterdessen wurde das Boot ins Wasser gebracht und ausgerüstet, und nun ruderten wir dicht an die senkrechten roten Sandsteinfelsen heran, unter denen die Fische standen. Die Karawane zog um den See herum weiter, um an seinem Südufer gegenüber einem Berggipfel zu lagern (Abb. 139, 140).

Das Boot wurde ganz nahe am Ufer verankert. Die Blöcke der Bergwände schienen oft nur an einem Haar zu hängen; es war, als drohten sie herabzustürzen und uns zu zerschmettern.

Als Angelruten wurden Zeltstangen benutzt, als Köder kleine Stücke Yakfleisch, und eine leere Zündholzschachtel diente in tadelloser Weise als Kork. Die Fische bissen gut an, aber die Ausbeute war doch gering. Nur vier mittelgroße Asmane blieben an unseren Angelhaken hängen. Wir angelten nicht zum Vergnügen, sondern der Nahrung wegen, der Fang reichte jedoch nur gerade zu einer Mahlzeit für uns. Wenn unser Mittagsessen an diesem Abend auch nur dürftig ausfiel, so war es dafür aber wenigstens außergewöhnlich und delikat.

Während ich in Gedanken versunken saß und mich des Sonnenbades und der Ruhe erfreute, flogen die Stunden nur so hin, und es wurde Zeit, nach dem Sammelplatze zu steuern. Im Westen wurde es dunkel, und der Himmel überzog sich bald mit Wolken. Ein Sturm war im Anzug. Wir mußten uns entscheiden, ob wir ihn erst vorüberziehen lassen wollten, was sich nicht verlohnt hätte, da es schon 2 Uhr und die Karawane wahrscheinlich bereits am Vereinigungspunkte angelangt war, oder ob wir uns auf den See hinauswagen sollten; ich zog das letztere vor. Kutschuk brauchte nicht lange zu rudern, so kamen wir in den nordwestlichen Wind hinein, der uns großartig weiterhalf. Im Süden strichen schon blaugraue Wolken mit lang herunterhängenden, nachschleppenden Hagelfransen längs der Berge hin, die allmählich verschwanden, und hinter uns verdichtete sich die Luft auf dieselbe Weise. Der Sturm kam immer näher, der See ging immer höher, und um uns her waren die Wogen mit weißem Schaum bedeckt.

Jetzt schlug die Hagelbö nieder, und die großen Körner prasselten auf das Wasser. Das Innere des Bootes wurde binnen wenigen Minuten kreideweiß. Nach allen Seiten hin war nichts weiter zu sehen als Wasser und Hagelwolken, keine Spur vom Ufer und von den Bergen. Wir mußten der Wellen wegen, die der anschwellende Wind zu bedeutender Höhe aufpeitschte, scharf aufpassen; da sie aber mehrere Male so lang waren wie das Boot, wurden wir gut mit ihnen fertig. Die Jolle wurde wacker nach Südosten getragen, und der Schaum spritzte um den Vordersteven. Unmittelbar südlich von den Felsen hatte die Tiefe 48,67 Meter betragen, die größte von mir in Tibet gemessene, nach dem Südufer zu aber nahm sie schnell ab. Je weiter wir uns von diesen Felsen entfernten, desto mehr waren wir dem Sturme ausgesetzt, und ich fürchtete, daß der See so flach werden würde, daß unser Fahrzeug wie eine Nußschale von der Brandung umhergeworfen werden könnte.

Nachdem der Hagelschauer aufgehört hatte, tobte der Wind noch ärger; aber jetzt konnten wir wenigstens sehen, wo das Land lag (Abb. 141, 142). Wir hatten noch nicht den halben Weg zurückgelegt und steuerten nach einer Landspitze hin, hinter der wir im Windschutz sein würden. Die Wellen waren jetzt so hoch, daß wir das Ufer nicht sehen konnten, wenn wir uns in ihren Tälern befanden. Sie sahen unheimlich aus und waren, wenn die Sonne aus den Sturmwolken hervortrat, blank wie Delphinrücken und glänzten bald grün, bald blau, während die Sonnenstrahlen den spritzenden Schaum wie Juwelen funkeln ließen. Der Segeltuchrumpf der Jolle bauchte sich bei dem Stampfen aus; er war so gespannt, daß ein heftiger Seitenstoß ihn hätte sprengen können, und wir mußten das Boot jetzt mit beiden Rudern manövrieren und die Stöße parieren. Doch auch diesmal lief alles glücklich ab. Der Sturm ging vorüber, der Wind legte sich, die Einzelheiten des Ufers ließen sich erkennen, und wir änderten den Kurs, indem wir ihn jetzt gerade auf das Lager richteten. Der Sonnenuntergang war prachtvoll. Die Sonne selbst versteckte sich hinter einer kohlschwarzen Wolke, ihre reflektierten Strahlen aber glänzten wie Quecksilber auf der Oberfläche des Sees.

Wir hatten uns jetzt so weit von Turdu Bais Lager entfernt, daß wir an den Rückzug denken mußten. Nach meinem Besteck konnten wir nicht mehr weit von den Quellen des Jang-tse-kiang sein, und ich hatte den Gedanken an einen Versuch, sie zu finden, noch nicht gänzlich aufgegeben. Daß die drei großen Seen, die wir in dieser Gegend entdeckt hatten, mit ihnen nichts zu schaffen haben, war klar; diese Seen bilden ein abflußloses Becken für sich. Ganz sicher war ich meiner Sache jedoch noch nicht und ich beschloß daher, den 2. September einer Exkursion nach Süden zu opfern. Diese führten uns über wellenförmige Ebenen mit spärlichem Graswuchs und morastigem Boden, und nach einer Wanderung von 27 Kilometer machten wir am Ufer eines Flusses Halt, der sich in den nächsten See, einen südöstlich von den vorhergehenden liegenden kleinen Salztümpel, ergießt.

Weiter konnten wir mit unseren abgetriebenen Pferden und unseren zusammenschmelzenden Vorräten nicht gehen, sondern mußten am folgenden Tage wieder nach Westen ziehen, wobei wir in dem tückischen Boden beinahe steckengeblieben wären. Die Pferde sanken bisweilen 60 Zentimeter tief ein. Ein mächtiger, von den Bergen im Süden kommender Fluß strömte nach Norden, nach dem von uns übersegelten See hin; sein Bett bot uns guten, festen Boden zum Reiten dar.

Diese Gegend ist außerordentlich reich an Wild. Von Orongoantilopen sahen wir ein halbes Dutzend Herden von etwa je 20 Tieren; Yake und Kulane traten einzeln oder in kleinen Gruppen von ein paar Tieren auf; Feldmäuse, Murmeltiere und Hasen gab es überall, und am Seeufer schrien Gänse und Möwen. Die Karawane ritt in zwei Gruppen, zwischen denen eine Lücke von 50 Meter war. Gerade durch diese Lücke jagte Jolldasch drei Kulane, die in schmetterndem Trab vorbeisausten. Kaum war ich mit meinem kleinen photographischen Apparate in Ordnung, so waren sie schon fort. Eine Weile darauf verschwand der Hund, einer Orongoherde auf den Fersen folgend, und als er nach langer Abwesenheit wieder erschien, war er mit Blut befleckt und augenscheinlich übersatt. Es war ihm gewiß gelungen, eine der Antilopen zu erwischen, und er hatte an ihr eine ordentliche Mahlzeit gehalten. Auch Wölfe und Füchse streiften auf den Ebenen, die sich im Süden des Sees ausdehnen, umher.

Es war meine Absicht gewesen, am Tage darauf nach Norden über den See zu rudern, um eine neue Lotungslinie zu erhalten, aber wir erwachten unter höchst ungewöhnlichen Witterungsverhältnissen. Der Himmel war ganz klar, die Sonne schien in all ihrem Glanze, dabei aber wehte ein halber Sturm aus Norden, und die Wogen rauschten gegen das langsam abfallende Ufer. Aus einer Seefahrt konnte demnach nichts werden. Wir ritten daher westwärts weiter, immer am Ufer entlang, das hier so weich ist wie ein großes Moorbad, ein Schlammpfuhl, ein abscheulicher Sumpf, worin man bei jedem Schritt Gefahr läuft zu versinken. Ein seltsames, unwirtliches Land! Sogar die Erde scheint gleich der Luft verdünnt zu sein, ja selbst die Berge sind porös wie Bimsstein. Alles ist in einer Art Auflösungszustand; auf das Wetter ist hier gar kein Verlaß, und es ist lebensgefährlich, sich den Seen anzuvertrauen.

An einigen Stellen trägt der Boden, geht aber in Wogen und schwankt unter dem Gewichte der Pferde. Endlich nimmt der See ein Ende, und sein Wasser ergießt sich durch einen breiten, ziemlich großen Flußarm in den unteren süßen See. Hier hatten sich Hunderte von Wildgänsen niedergelassen, die in kurzen Kreisen ihre neugefiederten Flügel erprobten und sich zu der bevorstehenden Reise nach wärmeren Himmelstrichen vorbereiteten. Ein einsamer Königsadler beobachtete sie.

In der Nähe des Punktes, wo der Fluß in den unteren See mündet, wurde das Lager Nr. 62 aufgeschlagen. Von hier aus konnten wir von dem Hauptquartiere, wo Turdu Bai wartete, nicht mehr als eine Tagereise längs des südlichen Seeufers entfernt sein. Während Mollah Schah und Tscherdon zu Land weiterzogen, fuhr ich mit meinem sicheren Ruderer Kutschuk diagonal über den See. Ich trat die Fahrt im herrlichsten Wetter bei günstigem östlichem Winde an. Der Wind wurde stärker, schlug nach einer Weile aber wieder um. Die gewöhnlichen Vorboten des Sturmes, die schwarzen Wolken, verdunkelten den Himmel im Westen. Sie teilten sich in zwei Abteilungen. Die eine zog über die Berge im Süden hin und ließ eine weiße Schneedecke hinter sich zurück, die andere eilte uns über den See entgegen. Wieder erhoben sich die unruhigen Wellen, denen hier nie Ruhe gegönnt ist. Das Klügste wäre gewesen, mit dem Sturme zu treiben; aber dann hätten wir uns von den Unseren entfernt, die uns vom Nordufer, von welchem sie der breite Sund trennte, nicht hätten abholen können.

Wir beschlossen, mit Aufbietung aller unserer Kräfte gegen Wind und Wellen anzurudern. Schon stampfte das Boot greulich, und ich, der vorn saß, nahm das Spritzwasser jeder hohen Welle in Empfang und war bald klatschnaß (Abb. 143). Ein Gußregen tat das Seine, um die Situation noch unbehaglicher zu machen. Wir arbeiteten mit je einem Ruder, daß diese knackten, aber die Wellen warfen uns immer wieder zurück. Das Boot schwebt auf einem Wogenkamme oft zur Hälfte über dem Wasser und plumpst dann in das Tal mit einem Knalle hinunter, der leicht ein Sprengen des schwachen Fahrzeuges verursachen könnte.

Jetzt trat ein neuer, unheilvoller Umschlag in der Windrichtung ein; der Wind sprang mit ungeheurer Geschwindigkeit nach Süden um, so daß ein neues Wogensystem, welches das bisherige kreuzte, entstand. An den Kreuzungspunkten bilden sich Wellenpyramiden von doppelter Höhe. Es gilt ihnen entgegenzutreten, sie zu parieren und möglichst auf den verhältnismäßig ebenen Wasserflächen zwischen ihnen zu bleiben. Doch ehe man sich besinnen kann, wird die Jolle auf einen Wellenkamm gehoben, und balanciert man dann nicht, so kann man leicht kentern. Lotungen konnten nicht mehr vorgenommen werden. Man darf sich freuen, wenn man von diesem Abenteuer mit dem Leben davonkommt, und wir fragen uns unwillkürlich, ob diese oder die nächste Welle unser Boot umreißen wird.

So arbeiteten wir anderthalb Stunden, ehe sich die Sturmbö und mit ihr auch die Wellen legten. Doch der Himmel sah noch immer unheilverkündend aus. Überall sah man Sturmzentren, die Tromben mit schwarzen, hängenden Wolkendraperien glichen. Das Ufer schien noch immer gleichweit entfernt, als die zweite Bö kam und uns mit Massen von Schnee und Hagelkörnern, die uns gerade ins Gesicht schlugen, überschüttete. Man mußte den Kampf aufnehmen, denn ein unvorsichtiger Augenblick des Erschlaffens konnte bewirken, daß eine Welle die Gelegenheit benutzte und das Boot umkehrte. Den ganzen Tag arbeiten wir wie Galeerensklaven.

Während der Pause, die jetzt eintrat, beeilten wir uns Terrain zu gewinnen, denn der Himmel verfinsterte sich zum dritten Male, und die dritte Sturmbö sauste mit strömendem Regen auf uns los. War das Innere des Bootes vorher kreideweiß von Schnee und Hagel gewesen, so stand jetzt in beiden Hälften Wasser, das mit den Wellen im Takte plätscherte.

Nach achtstündiger angestrengter Arbeit erreichten wir endlich das Ufer; es war ein schönes Gefühl, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Von einem Hügel sah ich Mollah Schah, der uns an einer Landspitze mit vier Pferden erwartete. Wir steuerten dorthin und hielten zur Messung der Wassermengen in dem Sunde an, den wir vor einer Woche passiert hatten. Die Breite und die Tiefen wurden gemessen, aber nur drei Geschwindigkeiten konnten bestimmt werden, als die vierte Sturmbö kam. Obgleich die Sonne noch über dem Horizont stand, wurde es so dunkel wie bei Nacht, und nur zackige Blitze erhellten das unheimliche Chaos. Nur mit Aufbietung der äußersten Kräfte konnten wir über den 60 Meter breiten Sund hinüberkommen. Es war ein gründlicher Abschiedsgruß des entfliehenden Sturmtages. Wir hatten wirklich genug davon. Segel, Mast, Ruder und Rettungsbojen wurden am Ufer unter das umgekehrte Boot gelegt, ich verteilte die Instrumente unter uns, dann stiegen wir zu Pferd und trabten langsam nach Hause.

Das Reiten war gar zu schön nach all der anstrengenden Ruderarbeit. Jetzt glänzte der Mond zwischen zerrissenen Wolken hervor, und sein Licht vermischte sich in phantastischer Weise mit den zuckenden Blitzen, die einander unaufhörlich ablösten.

Ganz erschöpft kamen wir endlich in unseren kalten Hütten an, wo alles gut stand. Aldat hatte vier Orongoantilopen geschossen; wir hatten daher Proviant für ein paar Wochen. Die Kamele und die abgetriebenen Pferde waren fetter geworden und hatten sich ausruhen können. Doch der Sturm jagte noch immer über die Erde hin, als wir uns in Morpheus’ Arme warfen.

Der 6. September, an dem wir im Hauptquartier verweilten, hatte beinahe den Charakter eines Winterabends. Kein Schimmer war von der Sonne zu sehen, und die Hagelschauer folgten dicht aufeinander. Ich beschäftigte mich mit den Ergebnissen der Exkursion, Tscherdon und Kutschuk gingen auf ziemlich erfolgreichen Fischfang aus, und die anderen präparierten Orongoskelette. Eine der vier Antilopen hatte, schwer verwundet, die Flucht ergriffen und Aldat hatte sie verloren gegeben, Turdu Bai aber verfolgte die Spur und fand das Tier tot an einem Tümpel liegen, bewacht von einem Adler, der schon ein paarmal in die von der Kugel verursachte Wunde gehackt hatte. Er wurde jetzt eine leichte Beute.

Vielleicht erwähne ich in dieser Reisebeschreibung viel zu oft solcher Dinge und Verhältnisse, die dem Leser als reine Bagatellen erscheinen mögen; es geschieht jedoch, um ihm einen Begriff zu geben von dem Leben, das der einsame Wanderer in diesen öden, unbewohnten Gegenden führt. Aneinandergereiht können sie ein vollständiges Bild liefern von dem Verlaufe der Tage durch Monate und Jahre hindurch in dem kleinen Gemeinwesen, das unsere Welt ausmachte. Letztere ist nicht groß und sie lebt unter einförmigen Verhältnissen; dieselben Beschäftigungen kehren regelmäßig mit dem Glockenschlage wieder, und nur das Land, das wir durchwandern, hält mit seinen beständigen Veränderungen das Interesse wach.

Mit der Wahl meiner Diener hatte ich allen Grund zufrieden zu sein. Turdu Bai sorgt mit stoischer Ruhe für die Kamele, als wären es seine eigenen Kinder. Tscherdon ist ordentlich, pünktlich und aufgeweckt und überdies ein sehr komischer Geselle mit seiner eigenen kleinen Philosophie. Mollah Schah pflegt die Pferde tadellos, ist aber ein bißchen wortkarg, brummig und verschlossen. Während des Marsches wird die halbe Pferdekarawane von Kutschuk geführt, der, wenig über zwanzig Jahre alt, ein Riese ist, stets heiter und zufrieden, besonders wenn er auf dem Wasser sein kann, denn seit seiner Kindheit hat er die Ruder geführt. Ohne Aldat wäre unsere Lage jetzt recht besorgniserregend gewesen. Er hat uns mit frischem Fleische versorgt und läuft stets hinter Wildbret her. Sowohl im Lager wie auf dem Marsche mag er am liebsten allein sein, und er redet nur wenig. Nias verrichtet die gröberen Arbeiten, trägt Wasser, wenn wir lagern, sammelt Feuerung, treibt morgens die Tiere ein und hilft beim Beladen.

Am besten haben es die Hunde; sie erhalten frisches Fleisch im Überfluß und haben weiter nichts zu tun, als Wache zu halten; bellen sie einmal des Nachts, so gilt es nur Yaken, Kulanen oder unseren eigenen Tieren. Sie spielen mit dem letzten Schafe, das zu schlachten keiner übers Herz bringen kann; treu zu den Kamelen haltend, weidet es mit ihnen und ruht nachts zwischen ihren wärmenden Leibern.

Das Lager Nr. 43 wurde ein Wendepunkt. Weiter südlich konnten wir nicht gehen, da unsere Vorräte nur für 2½ Monate berechnet und wir schon 1½ Monate unterwegs waren. Reis hatten wir noch genug, aber mit dem Mehl mußte mit der größten Sparsamkeit umgegangen werden. Es war davon zuviel draufgegangen, als wir versuchten, das Kamel, welches starb, zu retten. Der Winter würde nicht lange auf sich warten lassen, und wir mußten daher in einem großen westnordöstlichen Bogen nach dem Hauptlager im Tschimentale eilen.

Ich wollte, bevor wir diesen Teil von Tibet verließen, noch eine der latitudinalen Bergketten, die in einem im Südwesten sich erhebenden gewaltigen Bergmassiv mit ewigem Schnee kulminierte, überschreiten. Im Lager Nr. 44 (4888 Meter) beschlossen wir also, die Karawane zu teilen. Turdu Bai sollte mit dem größeren Teile nach Westsüdwest durch das sich in dieser Richtung öffnende Längental ziehen. Er hatte Befehl, uns auf offenem Lande unmittelbar nordwestlich von dem Bergmassive, um dessen Südseite ich herumgehen wollte, zu erwarten. An dieser Exkursion, deren mutmaßliche Dauer auf vier Tage berechnet war, sollten Tscherdon und Aldat teilnehmen. Wir hatten nur sechs Pferde, die kleinen provisorischen Jurten, Proviant für eine Woche und Feuerung für zwei Tage. Ich würde mich mittelst meines Besteckes und des Kompasses schon zurechtfinden, aber von dem Gesichtspunkte aus, daß sich die Muselmänner verirren konnten, war das Ganze doch etwas abenteuerlich. Indessen mußten die Spuren der einen Gesellschaft doch immer der anderen als Leitschnur dienen, und gab es in der zum Sammelplatze ausersehenen Gegend gar keine Spuren, so sollte die zuerst angelangte Gesellschaft dort warten. Für den Fall aber, daß alle Spuren durch Schnee oder Regen bald verwischt werden würden, sollte Turdu Bai, wenn wir nach einer Woche noch nichts von uns hören ließen, alle Nachforschungen aufgeben und sich nach Norden nach dem großen Hauptquartiere durchzuschlagen suchen. Ihr Proviant reichte im Notfalle aus, und was uns betraf, so würde uns Aldat wohl mit Fleisch versorgen können.

Am 8. September brachen die beiden Abteilungen gleichzeitig aus dem Lager Nr. 44 auf. Nachdem wir den Fluß, der vor einigen Tagen unseren Marsch nach Süden gehemmt hatte, in seinem oberen Laufe überschritten hatten, gingen unsere Wege auseinander. Wir eilten nach Südsüdwesten. Nach einem mehrstündigen schnellen Ritt gelangten wir an eine Hügelreihe, der Quellen entsprangen, die kleine Becken kristallhellen Wassers bildeten und von niedrigem, dichtem, intensiv grünem Grase von der Weichheit eines indischen Rasens umgeben waren. Da nach Süden hin keine Weide zu erblicken war und wir in der Nähe der Quellen reichliche Feuerung fanden, weil Yake und Kulane sie zu besuchen pflegten, blieben wir dort in einer Meereshöhe von 4973 Meter.

Während des Rittes hatten wir Gesellschaft von ein paar großen, ganz hellgelben Wölfen, die uns mit gespannter Aufmerksamkeit beobachteten. Jolldasch, der sie in die Flucht jagen wollte, mußte an die Leine genommen werden; er wäre ihnen ein willkommener Bissen gewesen. Das Wetter war natürlich abscheulich. Es war der achtzehnte Tag mit Schnee- und Hagelsturm aus Westen; die Nacht aber war wie gewöhnlich windstill und sternklar.

154. Unser Lager in Togri-sai am 8. Oktober. (S. 370.)
155. Die Kamelkarawane. (S. 372.)
156. Das Illwe-tschimen-Gebirge aus dem Tschimental. (S. 374.)
157. Obo beim Lager Nr. 71 im untern Togri-sai. (S. 373.)

Auch am 9. ritten wir bei starkem Wind nach Südwesten. Es geht bergauf und bergab über eine Menge Hügel. Wir nähern uns immer höheren Regionen. Ein aus lauter Moor bestehender Ausläufer mußte umgangen werden, bevor wir wieder nach Westen abschwenkten und das Schneemassiv vor uns hatten. Steifgefroren und abgespannt lagerten wir auf dem letzten Grasplatz.

Als das Lager fertig war, meldete Aldat, daß ein großer Yak in der Nähe weide, und bat, auf die Jagd gehen zu dürfen, was erlaubt wurde. Ich beobachtete ihn, wie er katzengleich in den Bodensenkungen hinschlich, um auf genügende Treffweite an das nichts Böses ahnende Tier heranzukommen. Er hatte dem starken Gegenwinde zu danken, daß er sich dem Yak bis auf 30 Schritt nähern und die Flinte auf die Gabel legen konnte. Der Schuß krachte, und der Yak machte einen Satz, daß der Sand hoch aufwirbelte, lief dann noch ein paar Schritte, blieb stehen, taumelte, versuchte sich im Gleichgewicht zu halten, fiel, stand wieder auf und wiederholte diese Bewegungen mehrere Male, bis er schließlich wie ein Klotz auf die Erde fiel und liegenblieb. Aldat lag noch, unbeweglich wie eine Statue, hinter seiner Flinte, um nicht die Aufmerksamkeit des sterbenden Tieres zu erwecken.

Tscherdon und ich begaben uns nun dorthin. Alle drei bis vier Schritte bleibt man stehen und hat das Gefühl, als müsse man in dieser ungeheuer verdünnten Luft von der Anstrengung sofort einen Herzschlag bekommen. Der gefallene Yak war ein großer fünfzehnjähriger Stier. Die Messer wurden hervorgeholt, der Kopf vom Rumpfe getrennt und die Eingeweide herausgenommen; dann blieb das Tier bis zum nächsten Morgen liegen, da das uns besonders nötige Fett erst dann geholt werden sollte. Betrübten Herzens mußte Aldat das prächtige Fell zurücklassen, das ihm in Tschertschen eine hübsche Summe eingebracht hätte, aber wir hatten nur drei Lastpferde, und ich versprach ihm, seinen Meisterschuß zum vollen Werte zu bezahlen.

Der 10. September war ein harter Tag. Vor Sonnenaufgang trieb Aldat die Pferde ein, die sich bis weit ins Tal hinunter verirrt hatten; dann ging er wieder fort, um das Fett und den Yakkopf in das Lager zu holen. Der Westwind, unser schlimmster Feind, verschlief sich und stellte sich erst um 9 Uhr ein; er entschädigte sich aber für den Zeitverlust, denn so arg hatte er selten getobt. Das Lager lag auch sehr offen und in einer Höhe von 5143 Meter, so daß der Wind in den hohen Regionen freien Spielraum hatte. Im Westen zeigte sich der auf der Südseite des Schneegebirgsstockes liegende Paß, über den wir hinüber sollten. Man bebte zurück vor dieser unheimlichen Schwelle, deren Höhe bedeutend sein mußte. Gefährlich sah der Paß jedoch nicht aus.

Da Aldat noch immer nicht kam, schickte ich Tscherdon aus, um tragen zu helfen. Erst um 11 Uhr kehrten sie zurück. Tscherdon hatte den jungen Jäger krank neben seinem Opfer liegend gefunden, außerstande, seine Arbeit fortzusetzen. Der Kosak half ihm nach dem Lager zurück und brachte einen Teil des Yakfettes mit. Der arme Jäger sah wirklich sehr angegriffen aus und hatte heftiges Kopfweh und Nasenbluten. Er mußte sich ruhig verhalten, während ich und Tscherdon das Zelt abbrachen und unsere Tiere beluden.

Die Erde war bei −6 Grad Kälte gefroren; in der vorhergehenden Nacht hatten wir sogar −10,7 Grad gehabt; dies waren deutliche Anzeichen des Winters. Aldat war so schwach, daß er ohne Hilfe nicht in den Sattel kommen konnte; schließlich aber waren wir mit allem in Ordnung und konnten uns auf den Weg nach dem abscheulichen Passe machen. Rechts von uns defilierten alle bisher aus der Ferne erblickten Schneegipfel vorbei, jetzt aber in unserer unmittelbaren Nähe. Als die Sonne kräftiger wurde, taute der Boden wieder auf, und wir mußten mühsam durch den Schlamm patschen. Stundenlang ging es bergauf; wir glaubten unaufhörlich, den Paß dicht vor uns zu haben, aber immer wieder war er in die Ferne gerückt. Neue Höhen, neue kleine Schwellen erheben sich vor uns; wir überschreiten sie und müssen dann sehen, daß die Aussicht nach Westen schon wieder von einer neuen Höhe verdeckt wird.

Die Pferde sinken in den Schlamm ein. Der lockere Boden ist mit Schieferplatten bedeckt; die armen Tiere gleiten auf ihnen aus, geraten in den Schlamm daneben und verletzen sich die Beine an den scharfen Kanten. Im Schutze eines großen Felsblockes rasten wir eine Viertelstunde, um unsere steifgewordenen Glieder wieder geschmeidig zu machen. Etwa 10–20 Meter nördlich von unserem Wege enden zwei scharfabgeschnittene Gletscherzungen. An ihnen entlang gingen ebenso langsam wie wir zwei Yake. Jolldasch lief hin und bellte sich heiser, aber sie schenkten ihm nicht die geringste Aufmerksamkeit. Manchmal blieben sie stehen und betrachteten uns, hielten uns aber sichtlich für ungefährlich. Diese großen Tiere bewegten sich auf diesem Moorboden und in dieser dünnen Luft mit beneidenswerter Leichtigkeit und Gewandtheit. Auf dem Passe zeigten die Aneroide eine Höhe von 5426 Meter; man hat dort genau die halbe Höhe der Atmosphäre unter sich!

Das Thermometer stieg an diesem Tage nicht einen halben Grad über Null, und der Wind drang uns durch Mark und Bein; Pelze und Lederwesten nützten gar nichts. Könnte man gehen, so wäre es leicht, die Körperwärme wieder zu erhalten, aber man kann nicht gehen, man hockt auf den vorwärtstaumelnden Pferden und sehnt sich nach einem leidlichen Lagerplatze. Der einzige Trost, den wir hatten, war, daß es wieder bergab ging, nachdem wir den Paß endlich erreicht hatten. In einer Höhe von 5263 Meter, 450 Meter über dem Gipfel des Montblanc, lagerten wir in einem vom Passe nach Südwest führenden Tale. Dort wuchsen einige erbärmliche Grashalme, und wir hatten nur noch eine Handvoll Feuerung. Aldat konnte nicht auf den Beinen stehen; er mußte an der Stelle, wo er vom Pferde heruntersank, bleiben und wurde sofort in Filzdecken eingepackt; wir konnten ihn nicht einmal dazu bewegen, ein wenig heißen Tee zu trinken, und er stöhnte die ganze Nacht.

Am folgenden Morgen erschien im Südwesten ein neues Schneemassiv und in seiner Südostverlängerung ein ganzer Kamm von schneebedeckten Bergen, gewiß die Tang-la-Kette. Von Osten nach Westen erstreckt sich ein Haupttal, in welches alle Flüsse und Bäche der Gegend einmünden. Um nicht alle ihre Täler überschreiten zu müssen, beschlossen wir, in dieses Längental hinunterzugehen. In der Nähe des Bergfußes erhob sich ein kleiner isolierter Hügel, auf dem Tscherdons scharfe Augen einige dunkle Punkte entdeckten, die er für Menschen oder Yake hielt. Wir machten Halt und beobachteten sie mit dem Fernglase. Etwas war es, denn sie bewegten sich, aber der eine Punkt schien unförmlich groß; vielleicht war es eine Yakkuh mit ihren Kälbern.

Angeregt von diesem Anblick schlugen wir die Richtung nach dem Hügel ein. Der arme Aldat befand sich jetzt so schlecht, daß er festgebunden werden mußte, um nicht herunterzufallen. Er redete unzusammenhängende Worte, schien zu phantasieren und bat unaufhörlich, wir sollten ihn zurücklassen. Als wir weiter unten am Abhange waren, konnten wir in den schwarzen Punkten zwei Männer erkennen, die Steine zu einer Pyramide sammelten. Noch ein bißchen weiter und wir sahen, daß die beiden Männer unsere Freunde Turdu Bai und Kutschuk waren, die sich am Abend vorher hierher begeben hatten, um nach uns auszuspähen. Da sie keine Spuren von uns hatten finden können, hatten sie beschlossen, in ihr Lager zurückzukehren, vorher aber noch ein Wahrzeichen für uns zu errichten. Für eine künftige Expedition wird die Pyramide, die über zwei Meter hoch ist, ein gutes Merkmal und ein leicht wiederzuerkennendes Zeichen sein.

Nach einem sehr notwendigen Ruhetage im Lager Nr. 48 (5073 Meter) zogen wir am 13. September nach Westen weiter (Abb. 144). Es war nicht unsere Absicht, einen Kranken den Strapazen der Reise auszusetzen, aber unsere knappen Vorräte erlaubten uns nicht, noch länger zu verweilen. Aldat hatte die ganze Nacht phantasiert, gestöhnt und Lieder in persischer Sprache gesungen. Die Behandlung, die ich für geeignet gehalten hatte, wirkte nicht. Er hatte die Herrschaft über seinen Körper und seinen Geist verloren, verfiel sichtlich und starrte mit wirrem Blicke ins Leere. Während des Marsches lag er auf einem Bett, das ihm auf einem Kamel zwischen ein paar Säcken zurechtgemacht worden war. Er hatte ein Kopfkissen, war mit Filzdecken zugedeckt und mußte festgebunden werden, um nicht herunterzugleiten (Abb. 145).

In dem Längentale gingen wir über eine niedrige Schwelle (5107 Meter) und folgten dann einem Bett, dessen Boden aus Sand bestand; es war ein vortrefflicher Untergrund, der die Tiere trug. Vor uns ging in aller Gemächlichkeit ein Yakstier, dessen schwarzer Fransenbehang die Erde berührte und der wie ein mit einer Trauerdecke versehenes Turnierroß aussah. Jolldasch lief ihm nach und zupfte ihn an den hinteren Zotteln. Der Yak drehte sich um, richtete den Schwanz in die Höhe und senkte die Hörner zum Angriff, worauf Jolldasch auskniff, um das Spiel nach einer Weile wiederzubeginnen. Eine Herde von 20 Archaris oder wilden Schafen verschwand wie der Wind, als Tscherdon mit Aldats Flinte sie zu beschleichen versuchte.

Das Tal, dem wir gefolgt waren, mündete in eine Ebene, in der wir an dem ersten Süßwassertümpel (4903 Meter) lagerten.

Von nun an wurde meine Jurte sowohl abends wie morgens geheizt. Der Deckel des großen Eisentopfes oder, wenn dieser gebraucht wurde, meine Waschschüssel wurde mit glühenden Kohlen auf einem Bett von Asche in die Jurte gestellt; dies war bei dem ewigen Winde, der über das Hochland hinstrich, wirklich notwendig.

Am 14. September konnten wir infolge des vorteilhaften, wenig kupierten Terrains volle 30 Kilometer zurücklegen. Die Landschaft wird durch zahllose kleine Salztümpel charakterisiert, von denen jeder das Zentrum eines ganz kleinen abflußlosen, sehr oft auch keinen sichtbaren Zufluß erhaltenden Beckens bildet. Wir suchten lange nach süßem Wasser und blieben bei einer kleinen Quelle, die mit spärlichem Graswuchs umgeben war. Das Wetter war zu Anfang des Tages herrlich gewesen, nachmittags aber kamen die gewöhnlichen Stürme, jetzt der Abwechslung halber von Osten. Es hagelte und gewitterte. Gerade als wir lagerten (4890 Meter), begann ein ärgeres Schneetreiben, als wir es je erlebt hatten. Das kurze Gras war bald unter dem Schnee begraben. Auf der Windseite meiner Jurte türmte sich eine ganze Düne von Schnee auf. Es war nicht leicht, um 9 Uhr die gewöhnliche meteorologische Ablesung auszuführen, denn es war so dunkel wie in einem Sacke, und man wurde in kompakte Wolken von wirbelndem Schnee gehüllt. Die Ablesungslaterne ist invalid geworden, denn drei ihrer Glasscheiben sind durch Pappe ersetzt, und die vierte ist in zwanzig Stücke zersprungen, die durch Papierstreifen und Syndetikon zusammengehalten werden. Der Schnee knirscht unter unseren Füßen, und man braucht sich nur ein paar Minuten im Freien aufzuhalten, um einem Schneemanne zu gleichen. Das Zelt der Leute schlägt und knallt im Winde; ich kann daraus entnehmen, wo es steht, denn obwohl es nur ein paar Meter entfernt ist, kann ich es im Schneegestöber nicht sehen. Man kann sich indessen noch freuen, daß man sich bei solchem Wetter unter Dach befindet, während die armen Tiere müde und frierend, die Schwänze gegen den Wind gekehrt, draußen stehen müssen. Es ist unheimlich in einem Lande, das nichts weiter als Wasser bietet, eingeschneit zu werden. Die Aussichten für die Zukunft sind auch nicht gut; all dieser Schnee kann schmelzen und den Boden in einen Schlammpfuhl verwandeln. Schon um 9 Uhr abends war die Temperatur auf −2,1 Grad heruntergegangen, nachdem wir um 1 Uhr +11 Grad gehabt hatten. Wir waren jetzt jedoch so von Schnee umgeben, daß sowohl das Zelt wie die Jurte die Nacht über warm gehalten wurden.

Die Stimmung wurde durch den Zustand des armen Aldat noch gedrückter. Er war von einer schweren Krankheit befallen, auf die ich mich nicht verstand. Er klagte über Schmerzen im Herzen und im Kopfe, und seine Füße waren kalt und hart wie Eis und sahen schwarz aus. Ich rieb sie tüchtig, um das Blut in Umlauf zu bringen, aber ohne Erfolg. Sie waren wie tot, und man konnte mit einer Stecknadel hineinstechen, ohne daß er es fühlte. Dieser Zustand schritt nach und nach immer höher an den Beinen hinauf. Spät am Abend gab ich ihm ein warmes Fußbad, das ihm gut zu bekommen schien. Merkwürdig kam es uns jedoch vor, daß er sozusagen verrückt geworden war. Während der Märsche schwatzte er ununterbrochen und rief seinem Kamele zu, es solle sich legen, und noch eine gute Weile, nachdem er im Zelte in sein Bett gelegt worden war, bat er die andern in der herzbewegendsten Weise, doch das Kamel halten zu lassen. Mollah Schah, der ihn von Tschertschen her kannte, erzählte uns, daß er früher verrückt gewesen, aber von einem gewissen Abdurrahman Chodscha, einem Ischan (Arzt), geheilt worden sei, welch letzterer in das Haus von Aldats Eltern gekommen sei, dort Gebetformeln über diesen gesprochen und ihn mit Koranversen beschriebene Papierzettel habe verschlucken lassen. Es war herzzerreißend, diesen vierundzwanzigjährigen, vor kurzem noch so kräftigen Mann in seinen Fieberphantasien von seinem Vater und seinen Brüdern in Tschertschen sprechen zu hören. Jetzt wurde nachts stets bei ihm Wache gehalten, und wir taten alles, um ihn zu retten. Doch dazu ist nicht viel Aussicht vorhanden, wenn man einen Sterbenden durch eisige Schneestürme und über himmelhohe Berge schleppen muß!

Von Hunger getrieben gingen die Pferde über Nacht auf Grasentdeckungsreisen aus, und es dauerte am Morgen ziemlich lange, bis wir sie wieder alle hatten. Jetzt schien die Sonne warm auf die 30 Zentimeter dicke Schneedecke, die durch ihre glänzend reine Weiße blendete. Der Tag wurde jedoch kalt und rauh, denn ein häßlicher Westwind wehte über die Schneefelder hin. Wenn er gelegentlich aussetzte, war es richtig heiß in der Sonne, aber schon nach ein paar Minuten waren wir wieder mitten im Schneegestöber. Dieses dauert zwar nie lange, und die Sonne tritt bald wieder aus den Wolken hervor, aber der Wind macht kalt. Es ist Winter und Sommer in brüderlicher Vereinigung, ein charakteristisch tibetisches Wetter.

Wir hielten jetzt konsequent nordwestliche Richtung ein und brauchten daher keine mächtigen Bergketten zu überschreiten. Das Land war nach dieser Seite ziemlich offen. Die Temperatur blieb den ganzen Tag unter Null, und der gefrorene Boden trug. Aber der Schnee verbarg die unglaublich dicht nebeneinanderliegenden Murmeltierlöcher, in welche die Pferde oft traten und dann fielen. Unsere Marschregel lautete jetzt: drei Tage Wanderung, den vierten Rast. Der 16. September, ein Sonntag, war solch ein herrlicher Ruhetag mit gutem Wetter (in 4997 Meter Höhe). Tscherdon hatte vorsorglich einige Patronen aufgespart, gab sie nun aber für einen jungen Yak hin, der uns einen großen Sack voll prächtigen Fleisches einbrachte; gut schmeckt es nicht, aber man ist wenig wählerisch, wenn einem nichts anderes geboten wird. Er schoß auch einen jungen Wolf, der es augenscheinlich auf unser letztes Schaf abgesehen hatte. Der Kadaver wurde eine willkommene Speise für einige Raben, die unsere immer müder werdende Karawane seit einigen Tagen begleiteten; vielleicht ahnten sie, daß es nicht mehr lange dauern konnte, bis jemand zurückgelassen werden würde.

Abends bat Aldat, die Nacht im Freien zwischen zwei Kamelen zubringen zu dürfen. Die Muselmänner glauben nämlich, daß die von diesen Tieren ausströmende Körperwärme einen Kranken, dessen Kräfte im Abnehmen begriffen sind, zu heilen und zu stärken vermag. Er wurde gut eingepackt in den Kreis gelegt, und Mollah Schah und Nias leisteten ihm Gesellschaft.

Am 17. September wurde ich frühmorgens durch einen entsetzlichen Lärm im Lager geweckt; die Hunde bellten, daß ihnen der Atem ausging, und die Männer überschrien sich förmlich. Ich guckte hinaus und sah kaum 50 Schritt vom Zelte einen großen Bären forttraben. Aus den Spuren im Schnee erkannten wir, daß er das Lager gründlich besichtigt und eine Runde um meine Jurte gemacht hatte. Als die Hunde anschlugen, hatte er es für gut befunden, den Rückzug anzutreten.

Das Wetter war jetzt gut, aber das Terrain geradezu abscheulich. Die kupierte Landschaft scheint mit kantigen, unangenehmen Tuffstücken in allen Größen bedeckt zu sein. Nicht ein Quadratfuß ist frei davon. Und gibt es eine kleine freie Stelle, so haben Feldmäuse und Murmeltiere sie benutzt, um dort ihre tückischen Höhlen zu graben. Unsere Tiere stolperten unausgesetzt gegen die spitzen Steine, und zwei von den Kamelen verletzten sich die Fußsohlen derartig, daß sie bluteten.

Dann folgte eine Strecke losen Bodens, der am Vormittag an der Oberfläche noch so fest gefroren war, daß die dünne Kruste die schweren Kamele trug. Doch allmählich taut diese obere Schicht auf, und dann gehen wir wie auf schwachem Eise. An einer Stelle waren die fünf Kamele in allerschönster Ruhe eben darüber hinweggeschritten, als das sechste, das letzte, mit beiden Vorderfüßen durchtrat. Es saß im Schlamme fest und sank immer tiefer hinein (Abb. 146). Die anderen gingen weiter, der Nasenstrick riß, und das Kamel brüllte vor Schmerz. Wir eilten herbei und nahmen ihm die Last ab. Dabei fiel es auf die Seite; der Boden wurde immer weicher, und schließlich schwamm es im Schlamme wie ein Stück Butter in einer Breischüssel. Wir banden Stricke um seine Beine, um sie nacheinander herauszuziehen, aber was wir auch mit ihm anstellten, es sank immer tiefer ein und hielt sich überdies ebenso regungslos still wie im Wasser. Ich fürchtete schon, daß wir sechs Männer es nicht würden herausholen können. Der Packsattel hatte sich im Schlamme festgesogen und wurde abgeschnallt. Schließlich kam ich auf den Gedanken, unter jedes Bein, das wir herausgezogen hatten, eine Filzdecke zu breiten, und dann wälzten wir es in die Höhe, bis es seine gewöhnliche Liegestellung einnahm. Nachdem es sich so eine Weile ausgeruht hatte, brachten wir es dazu, eine verzweifelte Kraftanstrengung zu machen; es taumelte nach dem festen Boden hin, während ihm der Schmutz klumpenweise von den Beinen und den Seiten fiel. Es war mit einem Schlammpanzer bedeckt, der mit Messern abgeschabt wurde, und stand zitternd da, außer Atem und kollerig.

Darauf erreichten wir ein eigentümliches Tal, das sich nach Ostnordost bis zu einem in 10 Kilometer Entfernung sichtbaren See erstreckte. Nordöstlich von diesem erhebt sich ein gewaltiges Schneemassiv, das wir den ganzen Tag auf der rechten Seite gehabt hatten und das entschieden der riesige Gebirgsstock war, dessen Nordseite ich 1896 umwandert und den ich König-Oskar-Gebirge genannt hatte.

Im Talboden stehen tafelförmige, mit 15–20 Meter dicken Tuffbetten bedeckte Terrassen, und der Boden ist dicht mit Tuffblöcken besät.

Am folgenden Tag hatte die Sonne ihre Herrschaft wiedererlangt, und die Stürme schwiegen. Der Rest des letzten Schnees schmolz und verdunstete. Um 1 Uhr stieg die Temperatur bis auf +12 Grad. Es geht auf günstigem Terrain nach Nordwesten. Zur Linken zieht sich eine kleinere Bergkette hin, fern im Nordosten eine mächtigere und zwischen beiden ein Längental von dem gewöhnlichen Aussehen. Vor uns erhebt sich ein gewaltiges Schneemassiv, dessen Firnfelder in der Westsonne wie Silber glänzen, während die hügeligen schwarzen Seiten einem Panzerturme gleichen.

158. Aus dem Hauptquartier in Temirlik. (S. 379.)
159. Das Hauptquartier bei Temirlik. (S. 380.)
Auf dem andern Ufer des Baches meine Jurte und die Terrassen mit den Höhlen, im Hintergrund der Akato-tag.