Das Kamel starb während der Nacht und war schon steif gefroren, als Turdu Bai es aufsuchte. Es wurde der Preis, den die Götter des Togri-sai-Tals für den Brennholzraub forderten. Jetzt blieb uns gerade noch die Hälfte der ursprünglichen Zahl der Karawanentiere, 6 Kamele, 3 Pferde und 1 Maulesel. Da auch diese Tiere sich in jämmerlicher Verfassung befanden, mußten alle Mann zu Fuß gehen.
Es ist lehrreich, die Kamele zu beobachten (Abb. 155). Sie sind prächtige Tiere, stets ruhig und geduldig in ihrem harten, ermüdenden Dienste, und es ist ein Vorbild für den Menschen, einen solchen Riesen ohne einen traurigen Blick in seinem erlöschenden Auge, ohne einen Klagelaut über den Verlust eines Lebens, dessen einzige Befriedigung mit frischen, sättigenden Weideplätzen verknüpft gewesen ist, zusammenbrechen zu sehen. Das Tier machte seinen Tagemarsch, solange es noch konnte; es ging mit schwankenden Füßen, aber hocherhobenem Kopfe, es suchte nicht mehr nach Gras zwischen diesen unfruchtbaren Granitfelsen; würdig und majestätisch blieb es bis an die Stelle, wo sein Gebein im Tale bleichen wird. Als es nicht mehr imstande war, noch einen Schritt weiter zu tun, als die Schatten des Todes sein Bewußtsein umflorten, nahm es einen letzten Abschied von dem entfliehenden Tage und legte sich so bequem nieder, wie das Schuttbett es erlaubte. Den anfeuernden Schlägen setzte es stolze Verachtung entgegen; einige Peitschenhiebe mehr oder weniger bedeuteten für das Tier nichts mehr, das jetzt im Begriffe stand, das irdische Leben für immer zu verlassen.
Das Tal erweitert sich immer mehr. Nach Weide suchen nützte nichts, und die Tiere konnten nicht weit gehen. Wir mußten Halt machen, um sie ruhen zu lassen, und die letzten Packsättel wurden ihres Strohpolsters beraubt.
Langsam, müden Schrittes wanderten wir am 10. Oktober nach Nordnordost in demselben Tale weiter. Auch ich ging zu Fuß, um das mir noch zur Verfügung stehende Pferd zu schonen. Der Fluß ist nach den −18,8 Grad in der Nacht fest zugefroren. Ich ging nach der rechten Talseite hinüber, um das Gestein zu untersuchen, und fand dort durch reinen Zufall einige sehr interessante Zeichnungen. Sie sind auf von Wind und Wetter blankgeschliffenen, dunkelbraun gewordenen Flächen von sonst hellgrünem Schiefer angebracht, und dadurch, daß sie mit einem spitzen Werkzeug durch die äußerste Rindenschicht hindurch eingehauen sind, treten sie deutlich in hellen Linien auf dunkelm Grunde hervor. Ihr Alter muß bedeutend sein, denn einige Teile der Bilder sind verwischt.
Die dargestellten Szenen sind alle dem Leben eines Jägers entnommen. Dieser Jäger ist ein vielseitiger Mensch gewesen. Er hat Yake, Kulane, Orongoantilopen und Wölfe im Gebirge, Enten, Gänse und Tiger am Lop-nor gejagt. Besonders beachtenswert ist der Umstand, daß alle fünf abgebildeten Schützen sich des Bogens bedienen. Die Felsenzeichnungen rühren also von einem Meister her, dem Feuerwaffen noch unbekannt waren, denn sonst hätte er die Flinte auf ihrer Stützgabel abgebildet. Die langen Pfeile haben nach vorn gerichtete Widerhaken und gleichen dem Dreizacke Neptuns.
Obgleich nur mit ein paar Konturlinien ausgeführt, sind die verschiedenen Tiere charakteristisch und leicht erkennbar gezeichnet. Die Schützen sind in verschiedenen Positionen dargestellt, bald stehend, bald kriechend, bald liegend; derjenige, welcher seinen Pfeil gegen den Tiger richtet, hat es für das Sicherste gehalten, im Sattel sitzenzubleiben. Die drei Felsplattenflächen, denen der Meister seine Kunstwerke anvertraut hat, sind 1½ und 1 Meter hoch und die Bilder ungefähr 3 Dezimeter lang. Gewiß stammen sie aus der Zeit, als Mongolen am Lop-nor wohnten und wahrscheinlich einen Teil des Sommers im Gebirge zubrachten.
Eine kräftige Stütze für die Richtigkeit dieser Annahme erhielt ich an dem Punkte, wo wir am linken Ufer des Flusses auf ziemlich gutem Weidelande lagerten (4067 Meter). Hier fanden wir einen mongolischen Obo, einen zusammengetragenen Steinhaufen mit Schieferscheiben, in welche alle „Om mani padme hum“ (O das Kleinod im Lotos, Amen), das Fundamentaldogma des Lamaismus, in tibetischen Buchstaben eingehauen war (Abb. 157).
Wegen dieser Menschenspur war uns die Stelle sympathisch, und wir hielten uns noch einen Tag bei dem Obo auf. Dieser Tag brachte eine große, erfreuliche Veränderung in unserer Lage hervor. Tscherdon hatte dicht beim Lager mit Aldats letztem Schusse einen jungen Kulan erlegt, als Mollah Schah atemlos zu mir gelaufen kam und mir sagte, er habe fern im Osten zwei Jäger zu Pferd gesehen. Er wurde sofort beauftragt, ihnen nachzusetzen und sie um jeden Preis ins Lager zu bringen. Sie kamen und waren anfangs ein wenig scheu, wurden aber bald zutraulich. Drei Monate hatten sie im Gebirge zugebracht und die Goldgräber mit Kulanfleisch versehen. In Temirlik waren sie nicht gewesen; wir schwebten also noch immer in Unkenntnis über unser Hauptquartier.
Durch diese unerwartete Berührung mit Menschen nach 84tägiger Isolierung hob sich die Stimmung. Ich kaufte sofort ihre beiden Pferde, die, mit den unseren verglichen, wie englisches Vollblut aussahen. Ein kleiner Sack Weizenmehl kam uns ebenfalls vortrefflich zupasse. Was uns aber am meisten interessierte, war die abends am Lagerfeuer geführte Unterhaltung. Mollah Schah hatte sich schon erboten, zu Fuß nach Temirlik zu gehen und eine Entsatzkarawane aufzubieten, doch das war jetzt nicht mehr nötig. Togdasin, so hieß der eine Jäger, kannte die Gebirgspfade genauer und sollte auf seinem eigenen, eben an mich verkauften Pferde nach dem Hauptquartier reiten und eine Entsatzkarawane holen. Er sollte in zwei Tagen dort sein und Islam Bai den Auftrag bringen, uns mit 15 Pferden und Proviant bis an die Quellen von Supa-alik, zwei Tagereisen westlich von Temirlik im Tschimentale, entgegenzukommen.
Um 11 Uhr in der Nacht sprengte Togdasin fort. Er nahm ein paar leere Konservenbüchsen mit, um seine Legitimation als mein Kurier zu bekräftigen und Islam begreiflich zu machen, daß er mir neue Büchsen von derselben Art mitzubringen habe. Togdasins ganzer Proviant bestand aus einem kleinen Stück Kulanfleisch. Ich beneidete ihn nicht um seine nächtliche Reise; die letzte Nacht hatten wir −20,2 Grad gehabt; es war ihm aber eine ansehnliche Vergütung versprochen, wenn er seinen Auftrag gut ausführen würde. Er konnte sich natürlich mit dem Pferd aus dem Staube machen, aber ich vertraute ihm, obwohl er uns fremd war, und er vertraute uns.
Die beiden folgenden Tagemärsche führten uns aus dem Togri-sai hinaus eine gute Strecke ostwärts im Tschimentale. Der Piaslik, die mächtige Bergkette, die sich auf der Südseite des Tales erhebt und die Fortsetzung des Tschimen-tag bildet, sandte eine ganze Reihe wilder, felsiger Kulissen nach Norden in das Tal hinein. Am 14. Oktober brachen wir in ungewöhnlich heiterer Stimmung auf, die dadurch, daß fast alle zu Fuß gehen mußten, nicht herabgedrückt wurde. Nach unseren Berechnungen mußten wir am Abend mit der Rettungsexpedition zusammentreffen.
Im Norden erhebt sich der Illwe-tschimen mit seinen schneebedeckten Gipfeln (Abb. 156); über alle die zahllosen, jetzt trockenen Schluchten, die seine Abhänge durchfurchen, mußten wir hinüber, und sie machten uns viel Mühe. Mollah Schah verbürgte sich dafür, daß wir die Quellen von Supa-alik, wo wir Islam am Abend treffen sollten, noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen würden, aber er wußte in der Gegend offenbar nicht Bescheid, und der zweite Jäger hatte uns nur zwei Tagereisen weit begleitet und war dann wieder umgekehrt.
Es wurde dunkel, es wurde pechfinster, ohne daß wir einen Schimmer von den Quellen erblickten. Wir verloren den Pfad, dem wir bisher gefolgt waren. Hier und dort wuchsen Jappkakbüsche, Gras aber fehlte. Dank dem festen Boden hielten jedoch die Tiere diese lange Wanderung aus. Nachdem wir, müde und schläfrig, anderthalb Stunden in rabenschwarzer Nacht marschiert waren, blieben Mollah Schah und Nias, die vorangingen, stehen und signalisierten ein Feuer in der Ferne. Dieser Anblick elektrisierte uns alle, und wir beschleunigten unsere Schritte. War das Feuer klein, so konnte es in der Nähe brennen, war es aber groß, so würden wir es über Nacht nicht mehr erreichen. Jedenfalls war es klar, daß der Kurier in Temirlik gewesen war und daß Islam sofort mit der Hilfsexpedition aufgebrochen, spornstreichs hierher geritten und vielleicht gerade angekommen war, Feuer zum Abendessen angezündet hatte und bis zum Ausgange des Mondes zu rasten beabsichtigte, um uns dann noch weiter entgegenzugehen. Er mußte sich sagen, daß unsere Lage, da wir uns so verspäteten, kritisch sein konnte und daß wir, von allem entblößt, schneller Hilfe bedurften. Jetzt endlich fühlten wir uns wirklich erleichtert; es war uns, als hätten wir das Ende unserer Mühen und Entbehrungen gerade vor uns und brauchten uns nur wenig anzustrengen, um es zu erreichen. In später Nachtstunde würden wir dieses gleich einem Leuchtturme freundlich lockende und leitende Feuer erreichen, wir würden bald um seine Glut herumsitzen und uns mit den Unsrigen unterhalten, würden erfahren, wie es ihnen gegangen, und von unseren Abenteuern erzählen, während eine prächtige, heißersehnte Mahlzeit für unsere ausgehungerten Mägen zubereitet würde.
In schwarzer Nacht gingen wir gerade auf das Feuer zu, das bisweilen verschwand, jedoch bald wieder aufloderte. Wir hatten einen Lotsen, der uns vor allen gefährlichen Schluchten warnte. Ich hielt mich an dem Boote, das von einem Kamel getragen wurde, und ging immer nach der anderen Seite hinüber, wenn mir die Hand zu erfrieren begann; dann hielt ich mich mit der anderen, bis auch diese alles Gefühl verloren hatte und die erste inzwischen wieder warm geworden war.
Während einer langen Strecke war das Feuer nicht sichtbar, unsere Hoffnung erlosch, und die Müdigkeit kam wieder. Vielleicht lagerten dort nur einige Goldgräber. Wir blieben stehen und riefen und sammelten Jappkakbüschel, mit denen wir ein gewaltiges Feuer anfachten. Doch kein Zeichen von Verständigung ließ sich wahrnehmen. Aus dem Revolver wurden ein paar Schüsse abgefeuert, die in der dunkeln Nacht klanglos verhallten, ohne auch nur von einem Echo beantwortet zu werden. Mit verhaltenem Atem lauschten wir; still wie ein Grab lag die Gegend, und das Feuer zeigte sich nicht mehr. Vielleicht waren sie von einem forcierten Ritt todmüde und schliefen fest.
Als wir unser eigenes Feuer, an dem wir eine halbe Stunde gerastet und uns für eine Weile erwärmt hatten, verließen, war die Dunkelheit vor uns noch undurchdringlicher als vorher. Ein Blinder kann keine schwärzere Nacht vor Augen haben, und unwillkürlich blickte ich zu den Sternen empor, um mich zu überzeugen, daß ich mein Augenlicht nicht verloren hatte. Stunde auf Stunde marschierten wir nach Osten weiter und zogen unsere müden Tiere, die Weide zu wittern schienen, da sie sich nicht weigerten, uns zu folgen.
Jetzt flammte das Feuer wieder auf, und die eben noch stumm einherwandernden Männer sprachen wieder eifrig miteinander. Wir passierten die ersten Malgunsträucher, deutliche Vorboten nahen Wassers; wir konnten nicht mehr weit von den Quellen entfernt sein. Dann wurde dieser falsche Feuerschein wieder matter und erlosch. Die Männer riefen alle fünf Minuten mit der ganzen Kraft ihrer Lungen, aber ihre Stimmen verhallten ungehört in der Nacht. Ich hätte mich versucht fühlen können zu glauben, ein Irrlicht wolle uns foppen, es schwebe vor uns her und entferne sich in dem Maße, wie wir uns näherten.
Unsere Geduld war auf eine zu starke Probe gesetzt worden, unser mit dem Feuer entflammtes Interesse erschlaffte wieder, als jenes erlosch, und die Müdigkeit erhielt von neuem die Oberhand. Als wir den nächsten Gürtel von Buschholz und Gestrüpp erreichten, kommandierte ich zu allgemeiner Zufriedenheit Halt. Wir waren über 12 Stunden gewandert, hatten aber dennoch nicht mehr als 43 Kilometer zurückgelegt.
Menschen und Tiere waren so erschöpft, daß die Karawane sich beim Scheine des in aller Eile angezündeten Feuers höchst kläglich ausnahm. Der Atem der Kamele bildete in der Kälte Wolkensäulen, die Leute saßen jeder da, wo er stehengeblieben war, auf der Erde, und die fehlgeschlagene Hoffnung ließ uns unsere Erschöpfung doppelt fühlen.
Doch auch eine erfreuliche Entdeckung wurde in dem Feuerscheine gemacht. Es stellte sich heraus, daß unser Glücksstern uns nach einem vorzüglichen Weideland mit gutem, hohem Gras und Brennholz in Hülle und Fülle geführt hatte. Eine Kanne Flußwasser war noch da, und es reichte zu einer Tasse für die Person. Tee und ein paar Stücke Kulanfleisch, die über dem Feuer geröstet wurden, waren alles, was wir noch besaßen. Das Lager wurde ganz provisorisch aufgeschlagen, da wir am folgenden Morgen auf jeden Fall früh aufstehen und die Quellen suchen wollten. Das trügerische Feuer ließ sich nicht wieder sehen, aber der Mond schien, und für den Fall, daß die Unsrigen sich in der Nähe befänden und in der Nacht weiterzureiten gedächten, unterhielten wir noch anderthalb Stunden lang ein großes Signalfeuer. Und dann fielen wir unter dem klaren, sternenfunkelnden Himmelsgewölbe in einen todähnlichen Schlaf. Wir befanden uns hier wieder auf einer Höhe von nur 3471 Meter.
Am Morgen des 15. Oktober fanden die Männer eine nur ein paar hundert Meter entfernte Süßwasserquelle, und da das Lager in jeglicher Hinsicht vortrefflich war, beschlossen wir, hier den Gang der Ereignisse abzuwarten. Mollah Schah, der auf Kundschaft ausgewesen war, erklärte, das gestrige trügerische Feuer sei von Jägern angezündet worden, die jetzt mit ihren gesammelten Fellen nach Tschertschen zurückkehrten und uns augenscheinlich absichtlich auswichen, weil sie nicht wissen konnten, was für Leute wir sein würden. Wir waren also wieder auf uns selbst angewiesen und wußten nicht, was wir von der Hilfsexpedition und der Zuverlässigkeit des Kuriers Togdasin denken sollten. Tscherdon hatte von ihm etwas Pulver und Blei erhalten und war den ganzen Morgen fort, um uns eine Antilope zu verschaffen. Den Tieren ist jedoch in dieser von Jägern oft besuchten Gegend schwer beizukommen.
Um 2 Uhr kam er mit leeren Händen wieder. Dafür aber sagte er, daß er im Westen etwas Schwarzes sehe, von dem er erst geglaubt habe, es sei eine Kulanherde, das er jetzt jedoch für Reiter halte, die sich unserem Lager näherten.
Ich eilte mit dem Fernglase hinaus. Eine berittene Schar sprengte wirklich in einer Staubwolke heran. Von einem Hügel beobachteten wir die Schar mit größter Spannung. Sie war noch weit, weit entfernt, aber über den Vegetationsgürtel hinweg, den sie noch nicht erreicht hatte, gut zu sehen. Infolge der Luftspiegelung schien sie etwas über dem Erdboden zu schweben, doch an den auf und nieder hüpfenden Bewegungen merkte man, daß die Männer im Galopp ritten. Jetzt verschwanden sie zwischen der dunkleren Vegetation, aber die Staubwolke erhob sich noch über den Büschen. Es mußten die Unseren sein, die unser Signalfeuer nicht bemerkt hatten, sondern erst in der Frühe weitergeritten waren, bis sie die Spur der Kamele gefunden hatten und dann umgekehrt waren, um uns ausfindig zu machen.
Die Spannung erreichte ihren Höhepunkt, als zwei Reiter diesseits des Gebüsches auftauchten; dann erschienen noch zwei und eine ganze Herde von Pferden, die jene vor sich her jagten. Sie ritten in Karriere. Jetzt erkannte ich Islam an seinem Lederbaschlik. Er ritt auf einem Schimmel an der Spitze. Er trieb sein Pferd zu noch schnellerem Laufe an, so daß er einige Minuten vor den anderen ankam, stieg in einiger Entfernung ab und grüßte. Er sah gesund und munter aus und meldete, daß im Hauptquartier alles in Ordnung sei. Die übrigen waren Musa aus Osch, Chodai Värdi und Tokta Ahun aus Abdall.
Es war ihr Feuer gewesen, das wir gesehen hatten. Sie waren richtig in aller Frühe aufgebrochen und scharf nach Westen geritten, bis sie unsere Spuren gesehen und erkannt hatten, daß wir aneinander vorbeigegangen waren.
Islam hatte 15 fette, starke Pferde, sowie Proviant mit und brachte mir lauter erfreuliche Nachrichten. Der Postdschigit Jakub war aus Kaschgar gekommen, und mit einem Schlage wurde ich durch Brief- und Zeitungspakete meiner Heimat und der Zivilisation wieder ganz nahegerückt. Kurz nach unserem Aufbruch von Mandarlik hatten sie das Lager nach Temirlik verlegt, wo sie sich bei mongolischen Erdhöhlen niedergelassen hatten. Der Amban von Tscharchlik hatte in eigener hoher Person dort einen Besuch abgestattet, ebenso der Mongolenhäuptling Pschui aus Zaidam, aber beide hatten wieder heimkehren müssen, ohne mich zu sehen. Ersterer hatte 30 mit Mais beladene Esel mitgebracht. Seit ein paar Wochen hatten die Daheimgebliebenen unsertwegen in der größten Unruhe geschwebt, da wir versprochen hatten, höchstens 2½ Monate fortzubleiben, und nur für diese Zeit Proviant mit hatten.
Hunderte von Fragen und Antworten kreuzten einander, und erst spät in der Nacht kam ich zur Ruhe. Die Männer saßen lange plaudernd an einem großen, flammenden, jetzt von vielen Händen unterhaltenen Feuer; sie hatten einander so viel zu erzählen, und alle waren froh und zufrieden über das Wiedersehen. Welch ein Unterschied gegen den Abend vorher, an dem wir, von allem entblößt, aufs Geratewohl Halt gemacht hatten! Die Raben des Elias waren wiedergekommen, und unsere dreimonatigen Mühen und Strapazen hatten ihr Ende erreicht.
Eine Veranlassung zur Trauer war Aldats Tod. Sein Bruder Kader Ahun hatte sich selbst nach Tschimen begeben, um ihn zu treffen, und erhielt jetzt eine eingehende Beschreibung von der Krankheit und dem Tode seines Bruders. Er erkannte auch, daß wir gut gegen Aldat gewesen waren, alles getan hatten, um ihn zu retten, und daß alle sein Hinscheiden beklagten. Kader Ahun sagte, daß er auf die Trauerbotschaft vorbereitet gewesen sei. Vor einiger Zeit habe er geträumt, daß er über eine große Ebene reite und meiner Karawane begegne. Vergebens habe er unter den Leuten seinen Bruder gesucht, und als er erwacht sei, habe er gewußt, daß Aldat ein Unglück zugestoßen sein müsse. Wir rechneten aus, daß der Traum genau mit Aldats Tod zusammentraf, und daß er nicht erdichtet war, konnte Schagdur konstatieren. Kader Ahun hatte dem Kosaken nämlich lange, bevor Nachrichten von uns eingelaufen waren, sein Gesicht mitgeteilt und hinzugefügt, daß Aldat sicher tot sei. Dies war der einzige Fall von Telepathie, der mir auf meinen Reisen vorgekommen ist.
Nach weiteren zwei, der Ruhe, Lektüre und astronomischen Beobachtungen gewidmeten Tagen ritten wir am 18. Oktober fast 50 Kilometer ostwärts über kahle Einöden und Sandgürtel. Unsere Kamele und letzten Pferde wurden unbeladen langsam nachgeführt. Es war sehr behaglich, wieder auf einem großen, fetten, ausgeruhten Pferde zu sitzen, und ich freute mich, daß unsere überlebenden Tiere jetzt über ein halbes Jahr in Frieden weiden und der Ruhe pflegen würden; sie hatten es verdient.
Bag-tokai (der Gartenwald) ist der Name einer kleinen, armseligen Oase, die von Quellen aus dem sonst ganz sterilen Erdreich hervorgezaubert worden ist. Hier trafen wir acht Männer aus Bokalik, die auf dem Heimwege nach Tschertschen 11 Yake, 4 Kulane und 2 Orongoantilopen geschossen hatten. Sie konnten beim Verkauf der Felle auf guten Verdienst rechnen. Wir gaben ihnen so viel Reis, wie wir entbehren konnten; sie hatten den ganzen Sommer nur von Yak- und Kulanfleisch gelebt, und wir wußten selbst, was es heißt, es schlecht zu haben, und wie schön es ist, wenn der Speisezettel ein wenig Abwechslung bringt.
Unsere Karawane war wieder zu einer ansehnlichen Reiterschar angewachsen, als wir am 20. Oktober die Richtung nach Nordosten, nach Temirlik, einschlugen. Die bösen Geister des Westwindes hatten sich wieder verschworen, uns noch einmal tüchtig durchzubleuen, bevor wir bei den Fleischtöpfen des Hauptlagers anlangten.
Auf halbem Wege begegnete mir Schagdur; mit militärischer Haltung saß er wie aus Erz gegossen auf seinem Pferde. Unser Zusammentreffen war freudig, und wir hatten einander viel zu erzählen. Die meteorologischen Ablesungen hatte er vortrefflich besorgt, und die selbstregistrierenden Instrumente waren fehlerlos gegangen. Es dämmerte schon, als wir die Quellen von Temirlik erreichten. Hier kamen mir Faisullah und Kader, der mit auf der Fähre gewesen war, entgegen und zeigten mir unsere sechs ausgeruhten Kamele, die den ganzen Sommer ungestört geweidet hatten. Am rechten Ufer des kleinen Baches, der von den Quellen gebildet wird, stiegen die Funken mehrerer Feuer in die Luft empor; hier stand das neue Hauptquartier wie ein Dörfchen. Dort sah man zwei Zelte und die große mongolische Jurte, eine von Schilf und Zweigen erbaute Hütte, ganze Stapel von Maissäcken und den schwereren Teil der Kamellasten (Abb. 158). Ali Ahun, der Schneider, und Jakub, der Postdschigit, begrüßten uns hier, und dazu noch viele Leute, die ich noch nie gesehen hatte und die nur zufällige Gäste waren.
Auf dem linken Ufer steht eine doppelte Lößterrasse. Auf dem unteren Absatz war bereits meine kleine Jurte aufgeschlagen und der angeheizte Ofen hineingesetzt. In die obere Terrasse, die eine lotrechte Wand bildet, haben die Mongolen in alten Zeiten Grotten hineingegraben, die vorzügliche Zimmer abgeben (Abb. 159). Eines von ihnen hatte Schagdur schon als eine vortreffliche photographische Dunkelkammer eingerichtet, und sämtliches photographisches Zubehör stand dort bereit zur Benutzung beim Entwickeln der Platten, die während der tibetischen Expedition aufgenommen worden waren.
Damit war diese mühevolle Reise beendet, und wir konnten uns mit gutem Gewissen ein paar Wochen der Ruhe hingeben. Die Reise hatte zu großartigen geographischen Entdeckungen geführt, aber sie hatte auch bedeutende Opfer an Strapazen, Leiden und Leben gekostet. Von den 12 Pferden lebten nur noch 2 und von den 7 Kamelen Los 4. Eines von ihnen erreichte glücklich Temirlik und stand zwei Tage stolz aufrecht in dem gelbgewordenen Grase; am dritten Tage legte es sich hin und starb, ohne die Weide auch nur angerührt zu haben. Und auch ein Menschenleben war verloren gegangen.