Drittes Kapitel.
Die Schiffswerft in Lailik.

Jetzt folgte eine knappe Woche für die Vorbereitungen zu der langen Flußreise. Islam hatte in Merket eine längere Unterhandlung mit Beks und Kemitschi (Fährleuten). Ich hatte gefürchtet, daß die Chinesen Mißtrauen gegen mein Vorhaben hegen würden und daß die Erfahrungen der Wüstenreise des Jahres 1895, deren Ausgangspunkt Merket ebenfalls gewesen, die Dorfbewohner abschrecken würden, uns beim Aufbrechen zu helfen. Denn damals war der Bek zum Dao Tai gerufen, verhört und getadelt worden, weil er mir nicht einen zuverlässigen Führer mitgegeben. Nun aber hatte Merket einen neuen Bek erhalten, dem der Dao Tai Befehl erteilt hatte, uns weiterzuhelfen und uns wie vornehme Leute zu behandeln. Islam kehrte denn auch bald mit dem Bescheid zurück, daß ein Fährmann uns sein Fahrzeug für 1½ Jamba zu verkaufen bereit sei.

Mit dem Kosaken Sirkin unternahm ich eine Probefahrt in dem englischen Segeltuchboote auf dem kleinen, abgeschnürten Flußarme, an dessen Ufer unser Lager aufgeschlagen war. Auch von Mast und Segel machten wir Gebrauch. Bei der schwachen Brise kam die vortreffliche kleine Jolle gut vorwärts; sie schien ein ziemlich sicheres Boot zu sein. Bei einem kleinen Nebenarme führten wir das Boot nach dem Hauptflusse hinaus, wo es ruhig und elegant, aber ziemlich schnell dahinglitt. Nur unbedeutende, langsam tanzende Wasserringel waren auf der Oberfläche des Flusses zu sehen und von Stromschnellen war nichts zu hören. Es war ein Genuß, sich so forttragen zu lassen, ein Vorgefühl des Behagens, womit die Flußfahrt später auf Hunderte von Meilen hin verknüpft sein sollte. Die Vereinigungsstelle des Seitenarms mit dem Hauptflusse schien noch fern zu sein, und wir hielten es für an der Zeit umzukehren. So schleppten wir denn das Boot in dem weichen, zähen Lehm bis an unseren Seitenarm. Doch auch in diesem herrschte eine Strömung, die kräftig genug war, um das Flußaufwärtsrudern zu schwer zu machen. Sirkin ging daher an Land und holte einen Mann und zwei Pferde. Mitten im Wasser reitend, zog er das Boot an einem Stricke nach. Manchmal blieb das Pferd in dem zähen Lehme beinahe stecken, und die Tiefe war stellenweise bedenklich groß. Einmal erreichte das Pferd den Grund nicht mehr; es wurde von der Strömung fortgerissen und war nahe daran sich zu überschlagen; der Reiter sprang ab und schwamm auf das Boot zu, das ich ihm entgegensteuerte. Doch ihm erschwerte die Kleidung die Bewegungen, und gerade als er nach dem Ruder griff, das ich ihm hinhielt, versank er ganz im Wasser. Endlich gewann er jedoch Halt am Bootrande und hätte die kleine Jolle beinahe umgerissen, als er sich hineinschwang. Alles ging so schnell vor sich, daß ich kaum dazu kam, mich zu beunruhigen. Doch was hätte es für ein Unglück geben können, wenn mein Kosak einen Starrkrampf bekommen hätte oder des Schwimmens unkundig gewesen wäre! Am Ufer war das Pferd, das seinen eigenen Weg geschwommen war, nahe daran, in dem zähen Schlamme umzukommen, aber es arbeitete sich ebenfalls wieder heraus. Sirkin war nach dem Bade ganz matt und angegriffen, aber seine kleine Schwimmtour hatte so einladend ausgesehen, daß ich mich entkleidete und ein erfrischendes Bad nahm.

Unser Versuch, wieder nach dem Lager zu kommen, war also gescheitert; glücklicherweise waren aber einige unserer Leute am Ufer flußabwärts gegangen, um uns zu suchen. Sie mußten uns vom Ufer aus an einer langen Leine ziehen, während ich das Boot mit dem einen Ruder in der Stromrinne hielt.

Das Lager bot bei unserer Ankunft ein lebhaftes Bild dar. Die Zelte waren von einer ganzen Volksversammlung von Besuchern umgeben (Abb. 16). Ich fand dort viele alte Freunde von 1895 wieder, Lailiks On-baschi (Bezirkshauptmann, eigentlich Chef von 10 Mann) und Örtängtschis (Gastwirte), verschiedene Bewohner von Merket und Frauen in langen Hemden von dünnem, rotem Zeuge mit ihren Kindern auf dem Arme.

Nachdem die Unterhaltung sich eine gute Weile um jene unglückliche Wüstenreise gedreht, wurden die Flußreise und die Fährfrage Gegenstand einer Diskussion. Um die Sache abmachen zu können, ritt ich mit einem großen Gefolge nach der Fährstelle zwischen Lailik und Merket, wo die von Islam vorgeschlagene Fähre lag. Ich fand sie vorzüglich, von kernfesten, ungehobelten Planken, die von mächtigen eisernen Krampen zusammengehalten wurden, neu erbaut und ganz dicht. Sie kam mir nur ein bißchen groß und schwer vor, was hier oben gewiß vorteilhaft ist. Doch wer konnte wissen, ob der Fluß überall gleich tief und wasserreich wäre, und viel wahrscheinlicher war es, daß es schwierig sein könnte, diesen schweren Koloß wieder flott zu machen, wenn er mit Unterwasserbänken in allzu innige Berührung gekommen wäre. Die Frage wurde mit den Lailiker Fährleuten von allen Gesichtspunkten aus erörtert; die meisten rieten uns, das „Schiff“ zu nehmen, wie es war.

Der Beschluß, der gefaßt und schon am folgenden Morgen ins Werk gesetzt wurde, bestand darin, das Schiff nach einem Punkte am rechten Ufer, unserem Lager gerade gegenüber, zu bringen (Abb. 17). Wir mußten eine Schiffswerft anlegen, wo eine Ausrüstung und Rekonstruktion mit wirklichem Vorteil stattfinden konnte. Bei unserem Lager auf dem linken Ufer ließ sich dies nicht machen, denn dort floß nur ein Seitenarm, der vom Hauptflusse durch eine tiefliegende, feuchte Schlammzunge, hinter der das Wasser zunächst seicht war, getrennt war. Auch das rechte Ufer war insofern ungeeignet, als es infolge der Erosion des Flusses eine anderthalb Meter hohe steil abgeschnittene Wand bildete. Häkim Bek aus Merket bot neunzig Landleute auf, die mit ihren Spaten einen nicht allzusteilen Abhang herstellten, auf den Bretter gelegt wurden; auf dieser Unterlage wurde die Fähre unter Gesang und Geschrei mit vereinten Kräften aufs Trockene gezogen. Der Bek, dessen Adern reicher an chinesischem als an muhammedanischem Blute waren, stand die ganze Zeit über mitten auf der Fähre; sie wurde dadurch gerade nicht leichter, aber er imponierte durch seine hohe Gegenwart, hielt eine lange Rute in der Hand, klatschte und schlug nach allen Seiten und kommandierte wie ein Zirkusdirektor. Die Kinder des Wüstenrandes verdoppelten ihre Kräfte, und der schwere Prahm wurde ruckweise auf ebenen Boden gezogen, wo er zwischen den Hagedornbüschen auf einigen Querbalken ruhte.

Als wir soweit gekommen waren, überlegten wir eine Weile, denn jetzt sollte der Beschluß gefaßt werden, der für den Ausgang der ganzen Reise wichtig sein konnte. Ein Mann erzählte nämlich, daß der größere Teil der an Lailik vorüberströmenden Wassermasse sich in einem breiten, seichten Arme in die kleinen Seen von Maral-baschi ergieße, deren Wasser durch Kanäle auf die Felder dieser Oase geleitet werden. Das eigentliche Bett des Jarkent-darja dagegen habe einen östlicheren Lauf nach Tschahrbag zu und sollte nur wenig Wasser in einem schmalen Bette mit großem Gefälle haben. Infolge dieser Aufklärungen wurde für den Anfang beschlossen, die oberste Planke an den beiden Längsseiten und die entsprechenden Teile vorn und hinten zu entfernen, wo dann mittelst der eisernen Zapfen neue Querhölzer festgemacht werden sollten. Für den Fall, daß wir infolge zu geringer Wassermenge die große Fähre würden im Stiche lassen müssen, wurde eine kleine Reservefähre gebaut. Zu dieser wollten wir im Notfalle unsere Zuflucht nehmen, damit wir die Flußreise nach dem Lop-nor, die ich um jeden Preis ausführen wollte, nicht abzubrechen brauchten.

Um jeden Augenblick vom Lager nach der Werft hinüberkommen zu können, mieteten wir eine der Fähren, die die Verbindung zwischen den Ufern auf dem Wege von Lailik nach Merket aufrechthalten. Ich befand mich meistens bei der Werft, um die Arbeit zu überwachen und die Fähre so zu bekommen, wie ich sie wünschte, bequem und gemütlich, wie mein schwimmendes Heim für lange Monate sein mußte.

Die Werft entwickelte sich allmählich zu einer Werkstatt, wo frisch gearbeitet wurde (Abb. 19). Schreiner aus Merket und sachverständige Leute aus Jarkent versammelten sich hier mit ihren Werkzeugen und verdienten so gut wie kaum je zuvor. Eine Schmiede mit einer kleinen, aus Ziegelsteinen aufgemauerten Esse und einem Blasebalge wurde zwischen den Büschen angelegt, und die Funken sprühten von den eisernen Krampen, die gerade gehämmert wurden. Der Bek war allgegenwärtig und führte mit milder Hand das Regiment über die, welche an der Arche zimmerten.

Aus dünnen Planken von trockenem, starkem Pappelholz sollte das Vorderdeck der Fähre gebaut werden, eine Plattform, auf der mein Zelt aufgeschlagen werden sollte und von deren vorderem Teile aus ich einen freien Ausblick auf den Fluß haben würde.

Hinter dem Vorderdeck wurde aus Stangen und Zweigen das Gerippe einer würfelförmigen Kajüte erbaut, die ich anfänglich zum Schlafzimmer für mich bestimmte; sie mußte in den kalten Herbstnächten leichter warm zu halten sein als das Zelt (Abb. 18). Sie erhielt jedoch schon während des Ganges der Arbeit eine ganz andere Aufgabe zu erfüllen, indem sie als photographische Dunkelkammer eingerichtet wurde. Drei kleine, mit Scheiben versehene längliche Fensterrahmen wurden in die Wände der Kajüte eingesetzt. In den einen Rahmen, mitten in der Wand, die an das Zelt grenzte, kamen dunkelrote Glasscheiben. Wenn ich nachts an diesem Fenster mit Entwickeln beschäftigt war, wurde draußen ein Stearinlicht davor, d. h. in das Zelt hinein, gestellt; vor Zug und Wind wurde die Flamme teils durch das Zelttuch, teils mittelst einer Holzkiste, die es wie ein Schilderhaus umgab, geschützt.

Die beiden anderen Fenster mit weißem Glase wurden an der Außenwand und an der Hinterwand angebracht; wenn man aufrecht stand, hatte man bei Tag durch sie die Aussicht auf den Fluß und das rechte Ufer; sie waren aber so eingerichtet, daß sie beim Entwickeln vollständig bedeckt werden konnten. An der Hinterwand lief eine niedrige Bank entlang, auf der vier ziemlich große, eigens zu photographischen Zwecken gekaufte Zuber mit reinem Wasser standen. Was das Waschen der Platten anbetraf, so wurde folgende praktische Einrichtung getroffen. Auf der vorderen Backbordecke des Kajütendaches wurde auf eine verstärkte Plattform ein Bottich gestellt, von dessen Boden ein Gummischlauch in die Kajüte hinabführte und in einen Samowar mündete, unter dessen Hahn ich die Platten bequem abspülen konnte. Wenn der Samowar gefüllt war, wurde der Zufluß mittelst einer Klemme am Schlauche abgesperrt, und wenn der Bottich leer wurde, brauchte ich nur der Wache zuzurufen, ihn wieder zu füllen. Das Flußwasser, das stets trübgrau von Schlamm und Staub ist, war natürlich für photographische Zwecke unbrauchbar, doch ganz kristallklares Wasser zu finden, war keine Kunst; es gab solches längs des ganzen Weges flußabwärts in kleinen, abgeschnürten Uferlagunen. Dagegen konnte das gebrauchte Waschwasser nicht entfernt werden; es überschwemmte nach meinen Arbeitsnächten den Boden der Fähre und machte am nächsten Morgen ein Ausschöpfen notwendig. Mich selbst belästigte der feuchte Boden der Kajüte gar nicht, denn ich hielt mich meistens im Zelte auf, dessen Fußboden einen Meter über dem Boden der Fähre schwebte.

Als das Holzgerippe der Kajüte fertig war, wurde es mit einer doppelten Schicht von schwarzen Filzmatten, die festgenagelt wurden, bekleidet; auch die Türöffnung konnte mit an ihrem oberen Teile befestigten Filzvorhängen verdeckt werden. Noch in der Mitte des September war die Hitze in der schwarzen Kajüte bei Tag unerträglich; es dauerte aber nicht lange, bis der Herbst dafür sorgte, daß dieser Unannehmlichkeit abgeholfen wurde. Bei Tage hatte ich dort selten zu tun, es sei denn, um zum Trocknen aufgestellte Platten zu überwachen oder Instrumente und andere im Laboratorium verwahrte Sachen zu holen.

In der Mitte des Schiffes, hinter der Kajüte, wurden etwas Proviant, ein paar Sättel und die Sachen der Leute aufgestapelt; für meine Diener war reichlich Platz im Achter der Fähre, wo eine kleine, runde Herdplatte von Lehm aufgemauert wurde, die Küche. Da es im Spätherbst und noch mehr im Anfang des Winters sehr kalt wurde, zündeten die Männer dort ordentliche Scheiterhaufen an.

So kleideten sich denn nach und nach meine Pläne in die Gestalt der Wirklichkeit, und schneller, als ich es zu hoffen gewagt, lag das stolze Drachenschiff fertig auf seinem Bette und sehnte sich, in sein Element zurückkehren zu dürfen. Während seiner Instandsetzung waren wir auf anderen Gebieten auch nicht untätig gewesen. In der Schmiede schmiedete Sirkin ein Paar fester Anker oder richtiger Dregganker mit sechs Armen, die uns später oft von großem Nutzen waren; namentlich war der kleinere Anker, der für die englische Jolle bestimmt war, jedesmal nötig, wenn die Geschwindigkeit des Wassers mitten im Flusse gemessen wurde und das Boot also still liegen mußte. Die kleinere Fähre wurde auch bald fertig. Ziemlich beunruhigend war es, zu sehen, wie der Wasserstand mit jedem Tage, der dahinging, ein paar Finger breit fiel; wir beeilten uns aber desto mehr und hofften, daß, wenn es uns nur gelänge, glücklich an den schmalen Stellen bei Maral-baschi vorbeizukommen, wir auch bis ans Ende des Flusses gelangen würden.

Während der letzten zwei Tage in Lailik wurden alle Vorbereitungen abgeschlossen. Das Gepäck wurde geordnet, und es handelte sich jetzt darum, nur das Allernotwendigste mitzunehmen, das jedoch drei große Kisten füllte. Als alles fertig war, erhielten die Schmiede und Schreiner, die uns behilflich gewesen, reichlichen Lohn; der Bek aber war zugegen und sah zu, daß keine unberechtigten Forderungen gestellt wurden. Am 15. September liefen beide Fähren von Stapel; mit der größeren machte ich eine kleine Probefahrt, die in jeder Hinsicht befriedigend ausfiel. Es war ein Festtag für die Dörfler der ganzen Gegend, die sich bei der Werft massenweise versammelten, um dem feierlichen Stapellaufe beizuwohnen. Alle brachten „Geschenke“ in natura mit, Schafe, Hühner, Eier und Brot, Melonen, Trauben und Aprikosen; auf diese Weise wurden wir auf mehrere Tage verproviantiert. Abends veranstaltete ich den Vornehmeren des Dorfes und unseren Arbeitern ein Gastmahl; es gab Reispudding und Schaffleisch, Tee und Obst, und während der Mahlzeit hatten wir Tafelmusik von unserem großen Symphonion. In der Dunkelheit wurden zwischen den Zelten Papierlaternen aufgehängt, und nun ertönten die bizarren Töne der Nagara (Trommel), Dutar (zweisaitige Gitarre) und anderer Saitenspiele schwermütig durch die klare, stille Nacht und riefen meine alten Erinnerungen aus dieser Gegend wieder ins Leben. Auch 1895 hatte ich eine bedeutungsvolle Reise mit Lailik und Merket als Ausgangspunkt angetreten. Doch wie verschieden waren die beiden Reisen. Damals waren wir nach dem unheimlichen, mörderischen Wüstenmeere aufgebrochen, jetzt schlugen wir eine Richtung ein, wo wir wenigstens nicht an Wasser Mangel leiden würden. Und dieselben Spielleute weihten auch die neue Reise ein, und Tänzerinnen in langen weißen Hemden, die dicken schwarzen Zöpfe über den Rücken herabhängend, mit kleinen Zipfelmützen und nackten Füßen tanzten zum Takte der Musik ihren stoßweisen, langsamen Kreistanz. Sie wurden am Tage darauf photographiert, nahmen sich aber im Tageslicht weniger vorteilhaft aus als bei dem verschönernden Lichte der Lampions (Abb. 20).

Noch ein Tag wurde Lailik geopfert wegen verschiedener Messungen und zur Feststellung einiger Werte, die uns späterhin von Nutzen sein konnten. Mit Bandmaßen wurde längs des rechten Ufers, dessen scharf abgeschnittener Rand 2½ Meter über der Wasserfläche lag, eine Basislinie von 1250 Meter Länge abgesteckt. Um diese Strecke zu treiben, brauchte die Fähre 26 Minuten, die kleine Jolle 22 Minuten 17 Sekunden; der Unterschied beruhte darauf, daß sich die Fähre nicht während der ganzen Zeit in der stärksten Strömung halten ließ, in deren Sauggebiete man jedoch die kleine Jolle leicht festhalten konnte. Die Strömung betrug also auf dieser Strecke zirka 50 Meter in der Minute oder etwas über 80 Zentimeter in der Sekunde. Um die gemessene Wegstrecke in gewöhnlichem Marschtempo zurückzulegen, brauchte ich 13 Minuten 45 Sekunden und machte im Durchschnitt 1613 Schritte; also waren 64 von meinen Schritten 50 Meter. Die Wassermenge des Flusses betrug hier bis zu 98,2 Kubikmeter in der Sekunde, die Maximaltiefe war 2,74 Meter (ganz dicht am rechten Ufer), das Bett war 134,70 Meter breit, und die größte Stromgeschwindigkeit betrug 0,893 Meter in der Sekunde. Für die Karte nahm ich als Norm an, daß 1 Minute Drift 50 Meter Weglänge und 1 Millimeter auf der Karte entspräche; es versteht sich aber von selbst, daß die Drift später bedeutend variierte, was auf die berechneten Entfernungen jedoch nicht einwirkte, da ich auf der ganzen Fahrt täglich mehrmals die Stromgeschwindigkeit maß.

Der Orientierung halber teile ich auch die wichtigsten Dimensionen der Fähre mit. Sie war 11,51 Meter lang, 2,37 Meter breit und 0,83 Meter hoch, wovon 0,23 Meter unter der Wasserlinie lagen, wenn das Schiff volle Last hatte und bemannt war. Bei 20 Zentimeter Wassertiefe mußten wir also festfahren, was auch täglich geschah. Die Reservefähre war 6 Meter lang und 1 Meter breit. —

Der 17. September war der große Tag der Abreise, und in früher Morgenstunde wurde die Karawane beladen. Die Kosaken und Nias Hadschi erhielten Auftrag, sie über Aksu und Korla nach Argan am untersten Laufe des Tarim zu führen, wo sie nach dritthalb Monaten eintreffen mußten und wo es uns nicht schwer werden konnte, durch Kuriere voneinander Nachrichten zu erhalten. Sie hatten Empfehlungsbriefe von Generalkonsul Petrowskij an die Aksakale (Konsularagenten) der beiden genannten Städte und ein paar gewaltige Pässe vom Dao Tai mit und wurden von ein paar chinesischen Untertanen, gewöhnlich muhammedanischen Beks oder Gendarmen, von Stadt zu Stadt eskortiert. Sirkin erhielt den Auftrag, ein kurzgefaßtes Tagebuch zu führen; er und Tschernoff bekamen ein Geldgeschenk und sollten, solange sie die Karawane eskortierten, ganz freie Station haben, so daß sie bei der Rückkehr nach Kaschgar ihren stehengebliebenen Lohn ohne Abzug einstreichen konnten.

Die Kamele befanden sich in bestem Wohlsein und hatten sich in dem jungen Walde fettgegrast. Auf dem Wege nach Lop sollten sie mit der größten Sorgfalt gepflegt und nicht überanstrengt werden; wir waren der Ansicht, daß sie beim Eintreten des Winters in wenigstens ebenso guter Verfassung wie jetzt sein und den Feldzügen in den Sandwüsten ohne Schwierigkeit entgegengehen könnten. Nias Hadschi erhielt 4½ Jamben zum Unterhalt der ganzen Karawane und zum Einkaufen großer Vorräte an Reis, Mehl und anderen Dingen, deren wir später bedürfen würden. Sirkin sollte über die Ausgaben der Karawane Buch führen. Als alles fertig war, nahmen sie Abschied, schwangen sich auf den Sattel und verschwanden langsam im Unterholz, bis das Glockengeläute nach einer Weile in der Ferne erstarb.

Mich begleiteten nur Islam, Koch, Bedienter und Faktotum in einer Person, und Kader, der eigentlich ein muhammedanischer Schreiber war, meistens aber als Islams Laufbursche fungierte. Die Besatzung der Flottille bestand aus vier mit langen, starken Stangen bewaffneten Männern (Sutschi, Wassermännern oder Kemitschi, Boots- oder Fährmänner). Einer hatte seinen Platz im Vorderschiffe, zwei im Achter der großen Fähre. Von ihnen wurde ununterbrochenes Aufpassen verlangt, denn an Stellen mit starker Strömung und scharfen Ecken zeigte die Fähre Neigung, gegen den stark unterwaschenen Uferwall zu stoßen, und dann mußte rechtzeitig von den Stangen Gebrauch gemacht werden. Der vierte Kemitschi führte die kleine Fähre und ging an der Spitze der Flottille, um die Tiefe zu untersuchen und uns vor seichten Stellen zu warnen; diese Fähre war vollgeladen mit Proviant, Mehl, Reissäcken und Früchten. Die Fährleute, die sich die ganze Zeit über vortrefflich führten, hatten 10 Sär (30 Mark) im Monat und alles frei, doch war es nicht leicht, sie zu überreden, mit nach Lop zu kommen; sie hegten eine kindische Furcht vor diesen fernen Gegenden, von denen sie noch nie hatten reden hören.

11. Ein Seiltänzer in Kaschgar. (S. 20.)
12. Aufbruch der ersten Karawane aus Kaschgar. (S. 20.)
Von links nach rechts: die beiden Kosaken Tschernoff und Sirkin, der junge Kader, der Verfasser und Islam Bai.

GRÖSSERES BILD

Nun wurde die letzte Hand an die Ausrüstung und Möblierung der Fähre gelegt, das Gepäck an Bord gebracht und das Küchengeschirr in der Nähe des Herdes auf dem Achterdeck geordnet. Das Zelt wurde auf der Plattform aufgeschlagen, seine herabhängenden Säume an den Außenrändern des Bretterfußbodens festgenagelt und im Inneren ein in munteren Farben gehaltener Teppich ausgebreitet. Das Möblement wurde so eingerichtet, daß das Feldbett an die Backbordlängsseite gestellt wurde und an seinem Fußende eine der Kisten stand; die beiden anderen standen auf der Steuerbordseite und dienten auch als Tische, auf denen stets eine Menge Instrumente, Karten und andere Dinge in malerischer Unordnung umherlagen. Am vorderen Rande der Plattform, in der Zeltöffnung selbst, hatte ich meinen aus der Proberöhrenkiste bestehenden Arbeitstisch, dessen Untergestell ein Koffer mit Winterkleidern bildete. Das Futteral des großen photographischen Apparates diente mir als Arbeitsstuhl. Öffnete ich die hintere Zelttür, so hatte ich freien Zutritt zum Kajütendach, auf dem allerlei Sachen, die nicht vom Wind fortgeweht werden konnten, wie Segel und Ruder, Strommesser u. dgl., aufbewahrt wurden. Hier war auch das Wetterhäuschen aufgestellt. Es umschloß den Baro- und Thermographen, die Maximal- und Minimalthermometer, das Psychrometer und drei Aneroide. Der Windmesser stand obendrauf; doch was er während der Flußreise mitzuteilen hatte, war von geringer Bedeutung, denn das Flußtal war durch Wälder und hohe Ufer geschützt, die den Wind zum großen Vorteile für den ungestörten Gang des Schiffes abhielten. Was Baro- und Thermograph auf vierzehntägigen Streifen aufzeichneten, war von größerem Interesse: man sah deutlich, wie das Barogramm das langsame Abfallen des Flusses nach Osten angab, während die gezähnte Linie des Thermogrammes immer niedriger wurde, je weiter der Herbst vorschritt und je mehr der Winter herannahte.

Die Fähre lag dem linken Ufer so nahe, als es die hier angehäufte Sandbank erlaubte. Doch um dorthin zu gelangen, mußte man eine ziemliche Strecke in dem seichten Wasser waten. Mit aufgekrempelten Kleidern zog eine ganze Karawane von Dörflern und Kindern zum letzten Lebewohl hinaus und bestürmte uns noch einmal mit Geschenken, die eiligst bezahlt wurden (Abb. 21).

Das Bild, das sich dem Blicke an Bord darbot, war so ansprechend und urgemütlich, daß ich die, welche im Wasser stehen blieben und uns lautlos die große Wasserstraße hinunterziehen sahen, beinahe bedauerte. Sie hatten den Vorbereitungen mit skeptischer Miene zugesehen und waren erstaunt darüber, wie gut sich schließlich alles gestaltet hatte. Es war Punkt 2 Uhr, als ich Befehl zum Aufbruch gab. Die Fährleute stießen das Schiff mit ihren langen Stangen in die Stromrinne hinaus, die Ufer glitten vorbei, und nach der ersten Biegung verschwanden die erinnerungsreichen Gegenden von Lailik und Merket.

Ich ließ mich sofort am Schreibtische nieder, wo ich monatelang wie festgenietet sitzen sollte; hier hatte ich meine Kommandobrücke und meinen Observationsplatz (Abb. 23). Ein Stück weißes Papier lag bereit; das erste Kartenblatt, Kompaß, Uhr, Diopter, Zirkel, Feder, Messer, Gummi, Fernglas usw., alles war zur Hand, und der Tisch stand so weit vor in der Zeltöffnung, daß ich sowohl nach vorn wie nach den Seiten freie Aussicht auf die Landschaft hatte. Jolldasch und Dowlet fühlten sich vom ersten Augenblick an völlig heimisch; während der heißen Stunden des Tages lagen sie keuchend unter Deck, in der Dämmerung aber kamen sie hervor und leisteten mir im Zelte Gesellschaft.

Wenn der Leser sich wundert, weshalb ich eigentlich diese Flußreise unternahm, und fragt, welchen Gewinn in geographischer Hinsicht ich von ihr erwartete, so antworte ich, daß dies erstens der einzige Weg durch ganz Ostturkestan war, den ich noch nicht kannte, und daß zweitens bisher noch nie eine Karte vom Laufe des Tarim aufgenommen worden war. Von Maral-baschi bis Jarkent waren Pjewzoff, ich und noch ein paar andere Reisende auf dem Karawanenwege am Flusse hingezogen, zwischen Schah-jar und Karaul waren Carey und Dalgleish und später auch ich durch die Uferwälder gegangen, und längs des untersten Teiles des Laufes war zuerst Prschewalskij, dann Prinz Heinrich von Orléans und Bonvalot, Pjewzoff, Littledale und zuletzt ich entlang gewandert. Aber die Wege und Stege, die dem Flusse folgen, berühren nur hin und wieder seine Krümmungen: die Wege sind, als wären sie zwischen den äußersten Kurven der Flußbiegungen auf einem der Ufer gezogen worden. Durch sie erhält man keinen Begriff von dem Verlaufe, dem Aussehen und den sonstigen Eigentümlichkeiten des Flusses. Unsere Kenntnis des Tarim war bisher auf derartige flüchtige Beobachtungen von geringem Werte gegründet gewesen. Als ich schließlich meine große Karte vom Tarim fertig hatte, fand ich, wie unähnlich ihr das bisherige Bild des Flusses war. Es war dies eine geographische Eroberung, die der Monate, die ihr geopfert worden, wohl wert war. Nie ist die Karte eines außereuropäischen Flusses so genau aufgenommen worden. Und wie interessant war es, das ganze Leben des Flusses so eingehend zu studieren, sein Steigen und Fallen, sein von verschiedenen Ursachen herrührendes Pulsieren, seine launenhaften Formationen und sein wechselndes Aussehen in verschiedenem Terrain! Nicht allein, daß ich so in täglicher, ununterbrochener Arbeit Material zu einer außerordentlich eingehenden Monographie über den größten Fluß des innersten Asien sammelte und einen Weg wählte, dem bisher noch nie jemand gefolgt war, sondern ich machte auch eine so idyllische, so angenehme Reise wie noch nie. Wenn man gewohnt ist, zu Pferd zu reisen oder die Gegenden von dem Rücken eines sich wiegenden Kameles aus zu betrachten, ist es ein Genuß sondergleichen, sich von der Strömung eines ruhigen, friedlichen Flusses befördern zu lassen, die ganze Zeit an seinem Arbeitstische im Schatten zu sitzen und sich die Landschaft entgegenkommen zu lassen, die sich selbst aufrollt wie ein ständig wechselndes Panorama, dem man wie von seiner abonnierten Theaterloge aus folgt und zusieht. Und es war ein großer Genuß, die ganze Zeit zu Hause zu sein, sein Arbeitszimmer, seine Schlafstube und seine Instrumente Tag und Nacht bei sich zu haben und sein Haus wie eine Schnecke durch das ganze innerste Asien mitzunehmen.

Meiner Ansicht nach hatte ich es weit besser und gemütlicher als auf einem europäischen oder amerikanischen Flußdampfer. Denn erstens war ich allein und brauchte mich vor niemand zu genieren. Wenn es mir zu heiß wurde, konnte ich mich entkleiden und vom Schreibtische direkt ins Wasser springen, was auf einem europäischen Dampfer nicht üblich ist, und ich konnte bleiben, wo und wie lange ich wollte, wenn wir an einer Stelle vorbeiglitten, die in irgendeiner Beziehung einladend aussah. Meine Mahlzeiten wurden mir am Schreibtische serviert, wann es mir paßte, und wenn sie auch weniger lukullisch waren als die europäischen, so haben mir diese dagegen selten so gut geschmeckt wie die an Bord meiner eigenen Fähre. Frisches Wasser und eine Luft, die der balsamische Duft der Pappeln alle Augenblicke erfüllte, hatten wir reichlich zur Verfügung. Ich hatte Bilder von denen, welche ich liebte und für die ich betete, in meiner Nähe aufgestellt und begegnete täglich ihren Blicken, die mich auf meiner einsamen Wanderung mit ihrer Liebe und guten Wünschen begleiteten, und es war herrlich, sich außer Hörweite der Verleumdung und der eingebildeten Klugheit zu wissen, welche der Unternehmungslust ebenso treu und sicher folgen wie die Delphine im Kielwasser eines Schiffes. Auf den provisorischen Tischen, die jedoch ihren Zweck vollständig erfüllten, lagen Bücher; ich hatte aber selten Zeit, darin zu lesen, denn jede Minute war von Arbeiten, die getan werden mußten, in Anspruch genommen. Und diese Arbeiten interessierten mich in solchem Grade, daß der Fluß doppelt so lang hätte sein können.