Sechstes Kapitel.
Vierzig Kilometer zu Fuß.

In der Nacht auf den 1. Oktober fiel das Wasser noch um 1,7 Zentimeter. Im Norden zeigten sich schwache Umrisse, die man für aufsteigenden Nebel hätte halten können, wenn ihr gezähnter Rand nicht die Bergkette des Tien-schan angekündigt hätte. Der Masar-tag stand immer deutlicher vor uns; seine Lichter und Schatten und sein ganzer Bau zeichneten sich mit jeder Stunde schärfer ab. Ich saß bequem an meinem Schreibtische und trug den Gebirgsstock auf der Karte ein, wobei die kulminierenden, leicht erkennbaren Spitzen mit römischen Ziffern bezeichnet wurden.

Jetzt sind wir dicht bei dem nächsten Ausläufer des Berges, der auf dem Ufer selbst steht, so daß sein Fuß vom Wasser bespült wird. Dieser ungewöhnliche Anblick brachte eine angenehme Abwechslung in die Landschaft. Man hätte erwarten sollen, hier am Fuße der Felsen Schnellen und Fälle zu finden, doch es gab hier keine; der Fluß floß ebenso ruhig wie gewöhnlich dahin und machte nur einen Bogen nach Südosten, um dem Berge auszuweichen und dessen südliche Basis zu umgehen.

Wir biegen längs des Berges um. Am Ufer erscheinen Hütten und Menschen, auf einem Abhange vier Gumbes (Mausoleen), ein alter Guristan (Begräbnisplatz). Bei den Hütten von Kurruk-asste machten wir Halt (Abb. 28).

Der Begräbnisplatz, der auch ein heiliger Masar war, hieß Hasrett Ali Masar, welcher Name auch zur Bezeichnung des ganzen Berges dient. Der trockene Flußarm, der unmittelbar unter dem Masar hinläuft, ist derselbe Kodai-darja, den ich 1895 besuchte. Seit zehn Tagen lag das Bett trocken, raubte uns also kein Wasser mehr; doch von Mitte Juli bis zum 20. September hat es als Abfluß für einen Teil des Wassers des Jarkent-darja gedient, welches aber zum großen Schaden mehrerer Dörfer am Wege nach Aksu, die von diesem Arme ihr Berieselungswasser erhalten, viel weniger war als sonst.

Der Fluß zeigt also hier, wie sehr oft während seines Laufes, eine Tendenz, nach rechts überzufließen. Um diesem für das nächste Jahr vorzubeugen und die Ernte zu retten, hatte der chinesische Amban (Distriktsvorsteher) von Maral-baschi befohlen, quer über das Bett des Jarkent-darja einen Damm zu bauen, um das Wasser in den Kodai-darja abzuleiten. Fünf Mann lagen nun in Kurruk-asste, um ein Depot von 1000 Balken und Stämmen, die aus dem nächsten Walde auf Arben hierher gebracht worden waren, zu bewachen, und sobald der Fluß genügend gefallen war, sollten Leute aus der ganzen Gegend aufgeboten und der Damm gebaut werden. Zu unserem Glücke konnte die Arbeit erst nach einem Monat beginnen. Es mußte uns also gelingen können, einen so großen Vorsprung zu gewinnen, daß die Absperrung des Jarkent-darja auf unsere Reise nicht mehr einwirken konnte.

Wir beschlossen, in Kurruk-asste wenigstens einen Tag zu bleiben und der On-baschi des Ortes wurde beauftragt, sich sofort nach dem Basar von Tumschuk zu begeben, um dort Pelze und Stiefel für die Leute aus Lailik zu kaufen. Er sollte uns auch einen Vorrat von Reis, Mehl und Gemüse besorgen und am Abend des nächsten Tages wieder hier sein. Leider konnte keiner der Unseren ihn begleiten, da es in der ganzen Gegend nur ein Pferd gab, ich verließ mich aber auf den Mann und gab ihm Geld zu den Einkäufen.

Nachdem ich bis morgens 3 Uhr Platten entwickelt und dann ordentlich ausgeschlafen hatte, wurde der Tag zu dem sehr notwendigen Ausruhen bestimmt. Im allgemeinen hatte ich während der Flußreise einen sechzehnstündigen Arbeitstag, und von dem ständigen Stillsitzen am Tische tat mir oft der Rücken weh. Schön war es daher, während des Rasttages eine Fußwanderung zu machen (Abb. 26) und das Hasrett-Ali-Masar-Gebirge zu ersteigen, um von einer seiner Höhen herab die Gegend ringsumher zu betrachten: die unendliche Steppe, die gelbe Wüste mit ihren hohen, unheimlichen Dünenwellen, die auch hier Takla-makan genannt wird, den sich schlängelnden Fluß, der von meinem hohen Aussichtspunkte aussah wie ein Graben oder ein feines blaues glänzendes Band durch die Steppe.

In der Dämmerung wurde eine Flußmessung vorgenommen, die das glänzende Resultat ergab, daß wir jetzt 53,7 Kubikmeter Wasser in der Sekunde unter unserer Flottille hatten, also mehr als doppelt soviel wie bei der letzten Messung. Wir verdankten diesen reichlichen Zuschuß den beiden Armen des Jarkent-darja oberhalb Kurruk-asste, die aus einigen von dem Überschußwasser von Maral-baschi gespeisten Seen kommen.

Auch spät am Abend ließ der On-baschi nichts von sich hören, und uns begann der Gedanke aufzusteigen, ob er am Ende nicht mit dem Gelde durchgebrannt wäre; wir konnten ihn in diesem Falle nicht verfolgen, da wir keine Pferde hatten. Er kam auch am nächsten Tage nicht wieder, und wir mußten warten. Die aufgezwungene Ruhe hatte den Vorteil, daß ich noch einen Ausflug machen konnte, diesmal nach Nordwesten auf dem linken Ufer des Flusses.

Ich begab mich nach den obenerwähnten Armen, um zu sehen, wie unser Kasim Fische fing. Am Fangplatze vereinigen sich drei Abflüsse des unmittelbar oberhalb der Stelle liegenden Sees Schor-köll, den ebenfalls der Überschuß des Wassers von Maral-baschi speist. Der Schor-köll ist ein Steppensee oder, wenn man so will, ein Sumpfgewässer; man kann nicht an seine Ufer gelangen, denn in dem weichen, nassen Boden, in dem Kamisch und Gras üppig gedeihen, würde man versinken. In diesem zersplitterten, unregelmäßigen See mit seinen Tausenden von Ausläufern, Buchten, Inseln und Landzungen bleibt das Wasser stehen und klärt sich; daher ist es in den beiden Armen kristallklar und blau.

Die Fische, Asmane, stehen hauptsächlich in dem Strudel unterhalb des Falles, in welchem sich das Wasser des östlichsten Armes am Fischplatze hinabstürzt, zeigen sich aber oft über dem Wasser, wo sie sich mit einer geschickten, elastischen Bewegung den Fall hinaufzuschnellen versuchen, gerade wie der Lachs bei uns. Sie werden mit einem Geräte gefangen, das einer Fischgabel gleicht und aus einem 5 Meter langen, feinen, geschmeidigen Speere oder einer Gerte (Sapp) besteht, die unten von zähem Tamarisken-, oben von biegsamem Weidenholz ist. Da, wo der untere Teil endet, sitzen die beiden Haken (Satschkak) mit nach unten gerichteten Spitzen und nach aufwärts gekehrten Widerhaken so am Schaft, daß sie leicht von ihm abspringen können, wenn sie treffen. Doch hängen sie noch mittelst einer 50 Zentimeter langen, starken Schnur an dem oberen Teile der Gerte.

Kasim fing innerhalb einer Minute zwei gewaltige Asmane und dann noch eine ganze Menge. Er stand am Rande des Wassers, hielt das Fanggerät wie ein Speerwerfer und schnellte, sobald er einen Fisch erblickte, die Fischgabel, daß sie durch das Wasser pfiff (Abb. 27). Man sah den Speerschaft zittern, es spritzte und wirbelte im Schaume, und im nächsten Augenblick zog er einen zappelnden Asman ans Ufer, ein großes Ding, das am Ende der Gerte baumelte, als wäre es dorthin gezaubert (Abb. 29).

Wir besuchten dann eine in der Nähe liegende Sattma (Hirtenhütte), die aus Stangen und Kamisch erbaut war und ein luftiges Zimmer mit offener Veranda bildete. Hier wohnten zwei Frauen mit sechs Kindern. Sie empfingen uns ohne Furcht und setzten uns ganz vorzügliche saure Milch vor. Im Sommer wohnen sie hier, um Vieh, das mehreren Leuten aus der Gegend gehört, zu hüten; im Winter halten sie sich auf dem rechten Ufer auf, wo sie besser gebaute Häuser und Höfe haben.

Spät am Abend kam endlich der On-baschi angeritten und brachte alle ihm aufgetragenen Sachen mit. Er besorgte uns auch einen neuen Führer, einen Jäger, der sein Gewehr mitbrachte.

4. Oktober. Während der Nacht herrschte heftiger Wind; es knackte in den Zeltstangen, und das Tauwerk schlug gegen das Deck. Der Tag wurde auch unangenehm durch den hemmenden Ostnordostwind, der so stark war, daß sich die Oberfläche des Flusses zu weißschäumenden Wellen kräuselte, die da, wo sie die Strömung trafen, kurz und abgeschnitten waren. Hierdurch wurde das Lotsen erschwert, da man nicht sehen konnte, wo die Strömung ging. Die Wellen plätschern und schlagen melodisch an den Vordersteven der Fähre; aber ihr klangvoller Gesang ist verräterisch und hält uns zurück; sie sind feindlich gesinnt und wollen unser Vorwärtskommen hindern. Das Zelt wirkte wie ein Segel, das die Fähre unaufhörlich nach der Leeseite hinüberdrängte, und wurde daher abgenommen, nachdem alle losen Gegenstände, die bei mir umherlagen, eingepackt worden waren. Nur im Schutze der Ufer war die Fahrt normal; sonst ging es nur langsam, was unsere Geduld sehr auf die Probe stellte. Wenn es wenigstens einmal einen Tag aus Westen wehen wollte, daß wir günstigen Wind hätten; aber immer hatten wir Gegenwind!

Auch heute wurde ein Bogen gemacht, der sich einem Kreise näherte. Wir hörten im Walde unweit des Ufers hellen, wohlklingenden Hirtengesang; doch als wir nach Norden abbogen, verhallte der Gesang in der Ferne. Dann machte der Fluß einen neuen Bogen, der Gesang wurde wieder deutlicher und ertönte schließlich ganz dicht bei uns. Der Hirt hatte seinen Platz nicht verlassen; er saß im Walde und hütete seine Schafe, die zwischen den Bäumen weideten, aber der Fluß hatte eine Schlinge beschrieben, um uns noch einmal dem lebensfrohen Sange lauschen zu lassen.

Im Osten tauchen jetzt neue, isolierte Berge über dem Horizont auf: der Tschokka-tag und der Tusluk-tag, von denen aus ich 1895 die unglückliche Wüstenreise angetreten hatte. Der See, an dem wir damals rasteten, trägt den Namen Jugan-balik-köll (der große Fischsee) und erhält sein Wasser von Armen, die vom rechten Ufer des Jarkent-darja ausgehen. Der See ist, wie der Name angibt, reich an Fischen, und im Frühling begeben sich daher Männer aus Tscharwak und Masar-alldi dorthin, um an dem Fange zu verdienen. Sie benutzen aus Pappelstämmen ausgehöhlte Kanus, die, wenn sie nicht gebraucht werden, im Schilfe versteckt liegen. Andere Dorfleute treiben Handel mit Steinsalz vom Tusluk-tag (Salzberg). Die Salzstücke werden auf Arben befördert, doch nur im Winter, wenn das Eis eine bequeme Brücke über den Fluß schlägt.

Bei Jugan-balik kommt der Königstiger häufig vor und hat in den letzten Jahren an Zahl zugenommen. Dieses Jahr hatte er fünf Pferde und viele Schafe geraubt, doch scheut er die Menschen und wagt deshalb nicht, in die Hürden einzubrechen.

Der Abend war windstill und schön, und wir segelten weiter, bis die einbrechende Dunkelheit es unmöglich machte, die Konturen der Ufer noch länger zu unterscheiden. Die Luft war außerordentlich mild infolge des feinen Staubes, den der Wind mitgeführt und der nun wie ein Schleier über der Erde ruhte, die Ausstrahlung abschwächend und sogar im Zenith alle Sterne verdeckend.

Am 5. Oktober näherten wir uns dem Tschokka-tag, aber sehr langsam, denn der Fluß machte wieder die eigentümlichsten Krümmungen. Zartes Jungholz begleitet in schmalen Gürteln beide Ufer, sonst dehnen sich, soweit das Auge reicht, überall gelbwerdende Kamischfelder aus. Der Wind, der die Weglänge gewöhnlich um ein Drittel verkürzt, fuhr unermüdlich fort, durch das Schilf zu sausen, aber auf meiner Kommandobrücke, wo er beinahe einer frischen Seebrise glich, war es herrlich.

An unserem Rastorte in Sorun trösteten uns einige Hirten (Abb. 30) damit, daß der nächste Neumond Windstille bringen werde, denn dies pflege alljährlich der Fall zu sein. Da jedoch der Wind bis spät abends anhielt, beschloß ich, zu bleiben, wo wir waren und einen Ausflug nach dem Tschokka-tag und dem Sorunsee, der sein Wasser vom Jarkent-darja erhält, zu machen. Wenn der Spiegel des Flusses höher als die Seen liegt, so strömt diesen Wasser zu; ist der Fluß aber auf ein bestimmtes Niveau gefallen, dann kehrt das Wasser aus den Seen wieder in den Fluß zurück; in beiden Fällen geht es durch dieselben Kanäle. Noch war der Jarkent-darja so hoch, daß er bedenklich gebrandschatzt wurde, und er hatte von den 53,7 Kubikmetern, die uns bei Kurruk-asste so willkommen gewesen waren, jetzt nur noch 28 Kubikmeter behalten.

Es war klug, daß wir blieben, denn am 6. Oktober herrschte ein wirklicher Sarik-buran, und die Luft war so mit Staub gesättigt, daß der ganz nahegelegene Tschokka-tag sich nur noch eben wie eine graue Scheibe mit überall gleichem Farbentone abzeichnete. Ich machte eine Fußwanderung nach dem Tusluk-tag und erklomm ein paar seiner Gipfel, um mich zu orientieren. Es ist derselbe Gebirgsstock, an dessen nördlichem Fuße wir 1895 entlang zogen, ohne den Sorun-köll zu sehen, der sich jetzt wie eine Karte unter mir ausbreitete.

Die Aussicht über Berge und Seen war so einladend und verlockend, daß ich diese für mich so erinnerungsreiche Gegend, die ich wohl nie wiedersehen würde, gründlicher zu erforschen beschloß. Ich entschied mich deshalb dafür, auch noch den 7. Oktober zu bleiben. Und dabei sollten wir uns doch beeilen, um nicht festzufrieren.

Es wehte auch vormittags gerade genug, um die Flußreise schwer, eine Segelfahrt in der kleinen Jolle über die Seen aber herrlich zu machen. Da es jedoch zum Zurückrudern zu weit werden würde, schickte ich morgens einen Mann mit Ochsen und Arba nach dem Ostufer des Sees, um aufzupassen, wo wir landen würden, und das Boot nach Hause zu befördern. Auf dieselbe Weise wurde das Boot nach dem Seeufer transportiert, doch da das Fahrzeug länglich rund war und der Seeboden aus Morast bestand, mußte es, um ungehindert schwimmen zu können, ein gutes Ende ins Wasser hinausgetragen werden. Als dies geschehen, kam die Reihe an mich, der von Naser Ahun getragen wurde; hinterdrein patschte Islam barfuß, indem er beinahe im Schlamme steckenblieb; er sollte auch mit. Nun wurde das Boot getakelt und alles Mitgenommene geordnet. Ich hatte auf dieser Fahrt mit gar vielem zu tun: zunächst mit Segel und Steuerruder, dann mit dem Kompasse, dem Kartenblatte und der Uhr, vom Fernrohr, dem Thermometer, der Pfeife und dem Tabaksbeutel gar nicht zu reden, alles Dinge, die einigermaßen freie Hände erfordern. Es ging gut; der Wind war so günstig und gleichmäßig, daß wir das Segel festmachen konnten und das Steuerruder nur hin und wieder einen Puff zu erhalten brauchte. Die für die Kartenarbeit nötigen Instrumente lagen auf einem improvisierten Tische vor meinem Sitze, und als wir einmal in Fahrt gekommen waren, hatte ich reichlich Zeit, die Pfeife zu stopfen, wenn es nötig war. Islam, der vorn seinen Platz hatte, besorgte das Loten und den Geschwindigkeitsmesser, den ich jedoch jedesmal selbst ablesen mußte. Die Tiefen waren so unbedeutend, daß das zweite, 2,1 Meter lange, mit Einteilung versehene Ruder überall ausreichte. Um von den Ansprüchen des Magens unabhängig zu sein, hatten wir eine gebratene Gans, Brot und Eier mitgenommen.

Als alles bereit war, wurde das Boot losgelassen und glitt, von der frischen Brise geführt, gemächlich durch das sich allmählich lichtende Schilf, bis wir bald offene Wasserflächen erreichten. Es ging genügend rasch über diesen von Norden nach Süden gezogenen, seichten, schilfreichen See. Wir kamen überall bequem vorwärts; die Wasserflächen hingen in einer Kette zusammen, und es war eine Freude, so am Schilf vorbeizustreichen, daß das Boot nur die äußersten Stengel streifte. Das Seewasser ist ganz süß und so klar, daß der Grund mit seinen Algen und verrottenden Kamischstengeln überall sichtbar ist. Die größte Tiefe war genau 2 Meter; tiefere Stellen gab es wahrscheinlich nicht, denn wir hielten uns meistens in der Mitte des Sees. Die seichtesten Stellen waren leicht an dem gelben Farbenspiele der Wasserfläche erkennbar, und oft dienten uns absterbende, überschwemmte Tamarisken als Baken.

23. Der Verfasser an seinem Arbeitstisch an Bord der Fähre. (S. 33.)
24. Lager am Strand. (S. 37.)

Einen schönen Anblick gewährte eine Schar von vierzehn schneeweißen Schwänen. Sie schwammen stolz und graziös beiseite; doch als wir ihnen allzu nahe kamen, erhoben sie sich mit schweren Flügelschlägen und ließen sich in größerer Entfernung wieder nieder.

Dann und wann schimmerte das lehmige Ufer durch das Schilf, und kleine Holme mit Tamarisken oder ganz niedrigen, bewachsenen Sanddünen waren nicht selten. Wir kreuzten den See in beinahe gerader Linie. Sein südlicher Teil bildete eine große, offene Erweiterung, wo nur die Ufer mit dichtem Schilf umkränzt waren. Ein Fremder mußte glauben, hier sei der See zu Ende, aber einige Leute aus Sorun waren uns zu Pferde am Ostufer gefolgt und zeigten uns einen Arm oder natürlichen Kanal im Schilfe, der den Sorun-köll mit dem südlich gelegenen Tschöll-köll (Wüstensee) verband.

In diesen glitten wir vom Winde getrieben hinein, und das Boot teilte die in dichten Büscheln stehenden Schilfstengel wie Gardinen. Es war ein höchst eigentümlicher Kanal mit einer nur 2 oder 3 Meter breiten, offenen Rinne in der Mitte, sonst aber voll hohen, üppigen Schilfes, das sich auf beiden Seiten wie eine Mauer oder ein Staket erhob. Fester Boden war jedoch nahe, so daß wir die ganze Zeit über mit den Reitern am Ufer reden konnten, wenn wir sie auch nicht sahen. Der Luftzug wehte ziemlich frisch in dem engen, malerischen Wasserkorridore, und das Boot glitt wie ein Schwan; die Stengel bogen sich unter dem ausgespannten Segel, wichen pfeifend beiseite oder zerknickten unter dem Vordersteven. Der Kanal war ziemlich gerade, aber die kleinen Bogen, die vorkamen, genügten doch, uns die Aussicht nach vorn zu nehmen, und auf den Seiten sah man nicht einmal die Bergkämme über den nickenden Schilfbüscheln. Oft glaubten wir, in eine Sackgasse geraten zu sein, doch stets öffnete sich eine Fortsetzung der Wasserstraße.

Die Tiefen waren hier bedeutender als im See; die größte betrug 3,65 Meter. Die Breite nahm allmählich zu, betrug nirgends weniger als 10 Meter, stieg aber manchmal auf 50 Meter. Der Kanal sah wie von Menschenhand gegraben oder wie der Rest eines alten Flußbettes aus, doch war es augenscheinlich nur die von dem verschiedenen Wasserstande des Jarkent-darja abhängige Wasserverbindung von oder nach dem Tschöll-köll, welche die Passage offengehalten hat.

Massen von Enten hielten sich hier auf; sie schwammen und tauchten vor uns, flogen bei unserem Herannahen auf, so daß das Wasser hinter ihnen schäumte und spritzte, schlugen wieder nieder wie ein Hagelschauer und tauchten und schnatterten.

Islam konnte seinen Jagdeifer nicht bezähmen, als Tausende von Enten, die unser weißes Segel aufgescheucht, Wolken gleich über dem See kreisten. Daher erhielt er die Erlaubnis, nach dem Lager zurückzukehren, die vergessene Flinte zu holen und dann mit dem Boote in den Kanal hineinzurudern, der sich dicht bei dem Punkte, wo wir am Ostufer anlegten, trompetenförmig nach dem See öffnete.

Ich dagegen verfiel auf die etwas abenteuerliche Idee, eine Fußwanderung über den Tschokka-tag nach Osten zu machen und dann nordwärts nach dem Lager zurückzukehren. Palta und ein Hirt sollten mich begleiten; der letztere versicherte, daß, obwohl die Bergkette ganz nahe erscheine, die Entfernung doch sehr groß sei und daß wir, wenn wir über dem Berge wären, noch einen ebenso langen Weg, wie wir eben in 4½ Stunden gesegelt, bis nach dem Lager zurückzulegen hätten. Seine Einwendungen waren vergeblich; ich hatte einmal den Entschluß gefaßt, und er sollte unter allen Umständen ausgeführt werden. Ich wollte mir die gute Gelegenheit, meine Karte von dieser Gegend zu vervollständigen, nicht entschlüpfen lassen. Es war 3½ Uhr, und die Sonne näherte sich dem Gipfel des Tusluk-tag; ein Kind hätte einsehen können, daß wir vor Mitternacht das Lager nicht erreichen würden; zurück aber mußten wir, sonst wären die Chronometer stehengeblieben.

So brachen wir denn nach Ostsüdost in der Richtung auf eine Einsenkung in dem Kamme der langen Kette auf. Mit raschen Schritten gingen wir auf den Paß zu. Die erste Stunde verrann, und die Kette erschien uns kaum näher gerückt; wieder eine Stunde, und wir erreichten die ersten Vorberge, die, vom See gesehen, mit der Kette scheinbar zusammengehangen hatten; jetzt aber sahen wir, daß eine tüchtige Strecke ansteigenden Terrains sie von der Hauptkette trennte.

Zwischen dem See und den Bergen veränderte der Boden nach und nach sein Aussehen. Er bildete konzentrische Ringe von ungleichen Eigenschaften und verschiedenem Charakter. Dem Seeufer zunächst breitet sich ein niedriger, unfruchtbarer Gürtel aus, der während der Hochwasserperiode des Jarkent-darja überschwemmt ist, jetzt aber mit einem schwachen Anfluge von Salz bekleidet war, was verrät, daß dieser abflußlose See nicht ganz süß ist. Darauf folgt ein Gürtel dünnbestandener Kamischsteppe und dann wieder ein Ring von älteren, vertrockneten Salzkristallisationen (Schor), die spröde, unter den Füßen mit leisem Klang zerspringende Blasen bilden. Schließlich steigen wir den Schuttkegel am Westfuße des Gebirges hinan; er fällt nur 3 Grad nach dem See ab, ist voll Kies und auch von zahllosen, kleinen, unbedeutenden, ausgetrockneten Erosionsfurchen durchschnitten, welche sich nach dem Ufer hin wie Deltaarme teilen und zersplittern. Je mehr wir uns dem Gebirge nähern, desto größer wurden diese Rinnen und schließlich hatten sie meterhohe Ränder, die wir oft umgehen mußten.

Die Steigung fing an fühlbar zu werden, und ab und zu mußten wir stehenbleiben, um Atem zu schöpfen. Von dem oberen Teile des Schuttkegels hatten wir eine herrliche Aussicht über den See, der breiter war, als ich 1895 geglaubt hatte. Feierliche, wehmütige Gedanken bemächtigten sich meiner, als ich diese Gegend wiedersah, wo wir am 22. April 1895 gelagert hatten. Die Steppe, wo das Zelt an jenem denkwürdigen traurigen Tage stand, war von unserem Aussichtspunkte aus klar und deutlich zu sehen, und im Süden dehnte sich das mörderische Wüstenmeer aus, in dem unsere Karawane untergegangen war. Vor mir zog sich in philosophischer Ruhe dieser volle See hin, der sowohl den Leuten wie den Kamelen das Leben hätte retten können, wenn wir nur vorsichtig genug gewesen wären, genügenden Vorrat von seinem Wasser, das nutzlos in der trockenen Wüste verdunstete, mitzunehmen!

In Purpur und Rot getaucht, glichen die hohen Dünenkämme jetzt in dem grellen Lichte der untergehenden Sonne glühenden Vulkanen. Sie erhoben sich wie Grabhügel über den Toten. Mit unwiderstehlicher Beklemmung folgten die Gedanken dem Blicke über den Wüstensand hin, wo ich meine Diener und Kamele in ihrem langen, ungestörten Todesschlafe ruhen wußte. Sie schliefen ruhig, und ihre Gräber waren längst von dem rastlos wandernden Zuge neuer Dünen eingeebnet. Können sie mir verzeihen, der ich, einer der drei Überlebenden von jener unglücklichen Reise, jetzt in aller Bequemlichkeit auf ihren Begräbnisplatz hinausblickte? Klagt er mich vielleicht noch an, der alte, redliche Muhammed Schah, während er seine vertrocknete Kehle unter den Palmen im Bihescht, im Paradiese, netzt? Denn ich trug die Verantwortung dafür, daß ich zum Aufbruche durch diesen verfluchtesten, mörderischsten Teil der ganzen Erdrinde Befehl erteilt hatte. Ich glaubte, aus der Tiefe der Wüste ein Grablied tönen zu hören, und erwartete nur noch, die gespenstischen Schatten der unter unsäglichen Qualen zusammengebrochenen Kamele zwischen den Dünenkämmen einherschleichen zu sehen, jenen suchend, der sie hinterlistig in diesen wahnsinnigen, verzweifelten, hoffnungslosen Kampf mit dem Tode gelockt hatte! Als wäre es gestern gewesen, erinnerte ich mich ihres fruchtlosen Spähens nach Wasser, um ihren brennenden Durst zu lindern. Wenn sie jetzt auf den saftigen Matten des Paradieses wandern, werden sie mir verziehen haben, daß ich sie einem so qualvollen Untergange entgegengeführt?

Mit denselben Gefühlen, die einen Menschen beschleichen, der das Grab eines Freundes besucht, gegen den er im Leben, absichtlich oder unabsichtlich, unrecht gehandelt hat, und der dann seine Reue durch seine Wallfahrt zum Grabe und durch Streuen von Rosen zum Schweigen zu bringen und dem Toten gegenüber Buße zu tun sucht, riß ich den Blick von dem Schauplatze jener düsteren Erinnerungen los und wanderte, von meinen beiden Gefährten begleitet, schweren Schrittes bergauf. Der Schuttkegel war jetzt kupiert und spärlich mit Steppentamarisken bewachsen, deren lange, steife Nadeln an die der Kiefern des Nordens erinnern. Leicht wie ein Traum flüchteten zwei Rehe mit großen, elastischen Sprüngen, scheinbar kaum den Boden berührend, nach dem Tschokka-tag hinauf.

Wir überschritten einen kleinen Kamm nach dem anderen, bis uns endlich ein Jilga (Erosionstal) nach dem Hauptkamme hinaufführte, auf dem wir wieder eine kurze Rast hielten, um uns zu orientieren und zu sehen, nach welcher Seite wir die Schritte lenken müßten. Von dem Passe, dessen Höhe über dem See zirka 200 Meter beträgt, fällt auf der Ostseite eine steile Kluft nach einem Tieflande ab, das sich nach Ostnordosten bis ins Unendliche erstreckt.

Die Sonne war hinter dem Tusluk-tag versunken, und die Dämmerung begann. Dunkle Schatten, die wie ein Nebel aus der Erde aufzusteigen schienen, hüllten die schweigende Gegend ein, und die schwarze Sargdecke der Nacht breitete sich wieder über die Wüste und über diese Berge und Seen, die je wiederzuerblicken ich zu Anfang Mai des Jahres 1895 so wenig Aussicht gehabt hatte.

Dann galt es, in der Dämmerung einigermaßen heil von dem Kamme herunterzukommen; denn die Halde ist hier sehr steil, und die Männer wußten nicht recht, ob es gehen würde. Doch es ging; hinunter mußten wir auf irgendeine Weise; wir glitten, schleppten uns und rutschten auf unebenen Felsenplatten hinab, wobei mir der Geologenhammer, der mich auf derartigen Ausflügen stets begleitete, gute Hilfe leistete. Bald wurde das Gefälle weniger steil; wir kamen in das östliche Tal hinunter und erreichten mit eilfertigen Schritten seinen linken Bergvorsprung. Von hier sahen wir in der Ferne nach Norden zu dunkel einen neuen Ausläufer, an dem wir vorüber mußten, ehe wir den Sai-tag, einen kleinen einzelnen Berg in der Nähe des Lagers, erblicken konnten; auf ihm sollte, wie wir es mit den Unseren verabredet, heute abend ein Feuer brennen.

Wir querten die Basis des Schuttkegels und erreichten ganz ebenen Sandboden, auf dem es sich in der Dunkelheit leichter ging. Da ich an so weite Fußtouren nicht gewöhnt war, fühlte ich mich sehr ermüdet, und nach je zweitausend Schritten streckten wir uns fünf Minuten auf dem nachtfrischen Sande zum Ausruhen aus. Ich zählte die Schritte, um die Entfernungen zuverlässiger zu bestimmen und den Kreis, dessen Ausgangs- und Endpunkt das Lager war, zu schließen.

Links hatten wir den schwarzen Schattenriß der Bergkette, rechts den Sand, der auch hier so ansehnlich war, daß man seine unfruchtbaren Dünen für einen kleinen Ausläufer des Gebirges hätte halten können. Endlich erblickten wir in der Ferne den Widerschein eines Feuers, dessen Kern ein Hügel verdeckte. Weiß jemand, was es heißt, in dunkler Nacht einem Feuerscheine entgegenzugehen? Er ermutigt den Müden wie ein Leuchtturm, aber stundenlang kann man gehen, ohne daß sich der Abstand verkürzt. Nach Tausenden von Schritten passierten wir den davorliegenden Landrücken und sahen nun das Feuer und seine flackernden Flammen. Wenn aber das Feuer nicht gleichmäßig unterhalten und schwächer wird, scheint die Entfernung wieder zu wachsen. Und wenn dann wieder trockenes Brennholz und Reisig auf die Kohlen geworfen werden, flammt es von neuem auf, und wir glauben, nicht mehr weit von den hellen, deutlich erkennbaren Flammen zu sein. Wir blieben manchmal stehen und riefen, aber es kam keine Antwort. Schließlich erreichten wir doch die Grenze, bis zu der die äußersten Ringe der Schallwellen dringen, und vernahmen nun in der Ferne schwache Rufe.

Als die Männer am Feuer uns erblickten, steckten sie eine ganze Reihe dürrer Pappeln an, und nach einer Stunde hielten wir unseren Einzug in den festlich erleuchteten Wald. Auch zwei Pferde erwarteten uns, und nie hat es mir so gut gefallen, im Sattel zu sitzen! Islam und die anderen, die unruhig geworden waren, kamen uns sogar mit Laternen entgegen und lotsten uns über Sümpfe und kleine Wasserarme.

Vierzig Kilometer zu Fuß ist ziemlich viel, wenn man nicht daran gewöhnt ist. Erst um Mitternacht saß ich wieder in meinem schönen Zelte, erhielt mein Abendessen, trug meine Aufzeichnungen ein und ging dann zu Bett. Es war der erste strapaziöse Tag auf der Reise im Herzen von Asien, — aber es werden ihrer wohl noch mehrere kommen!