Am 24. September machten wir eine lange, interessante Fahrt auf einem neugebildeten Arme des Jarkent-darja. Wir brachen früh auf, nachdem wir Abschied von Kasim-on-baschi genommen hatten, der jetzt nach Lailik zurückkehrte und einen Teil des Lohnes der übrigen Leute mitnehmen mußte. Diese Vorschüsse sollten an die Familien oder Eltern der Männer abgeliefert werden.
Schon am Anfang ist der Fluß sehr tief und schmal, kaum 20 Meter breit, und die Breite verringert sich später noch mehr. Nun führte uns das Wasser in einen schwierigen, ungemütlich schmalen Durchgang, der mit Treibholz überfüllt war. Oft war der fahrbare Kanal so eng, daß die Fähre beide Seiten streifte und mit größter Behutsamkeit manövriert werden mußte, um ihr Anprallen zu verhüten, was bei der hier herrschenden starken Strömung, die sehr oft schäumende Strudel bildete, hätte kritisch werden können. Auf jeder Ecke stand ein Mann mit einer langen Stange und hielt das Schiff von den Gestrüpphaufen ab, und Kasim diente mit der kleinen Fähre als Lotse. Die Jolle hatten wir an Bord, da sonst ein verräterisch lauerndes Treibholzstück ihr dünnes, sprödes Segeltuchgewebe hätte zerfetzen können. Am schlimmsten war es, wenn wir im schnellen Fahren zwischen zwei Treibholzhaufen sitzenblieben, ohne daß wir die Katastrophe verhindern konnten. Da mußten wieder alle Mann ins Wasser und schieben, brechen und beim gemeinschaftlichen Anfassen singen und das vor uns liegende Fahrwasser untersuchen.
Der Strom war zu einem unbedeutenden Flüßchen zusammengeschrumpft, und es war Gefahr vorhanden, daß es uns nicht gelingen würde, alle Hindernisse zu besiegen, die unserer sicher noch warteten, ehe wir den Aksu-darja und den eigentlichen Tarim erreichten. An einigen Stellen teilt sich der Fluß um wirkliche, bewachsene Inseln, und man zerbricht sich den Kopf, ob einer der Arme trägt oder ob wir steckenbleiben und die Fähre werden zurückschleppen müssen.
Schließlich erweiterte sich der Fluß, und man hat eine ausgedehnte Aussicht nach Nordosten, wo sich eine einsame hohe Düne, Karaul-dung (Wachthügel), erhebt. Vor sich hat man ein großes Haff oder seeartige Erweiterung des Flusses, der jedoch bald wieder schmal wird. Wir wählen einen Arm rechts herum, waren aber noch nicht weit gekommen, als wir uns auch schon oberhalb einer Stromschnelle mit nur 6 Zentimeter Wasser gehörig festfuhren.
Wir versuchten die Fähre zu schieben und zu schleppen, aber vergebens; sie stand wie auf dem Grunde festgesogen. Alles schwere Gepäck wurde an Land gebracht und Kisten und Proviant am Ufer aufgetürmt; dann schoben wir mit vereinten Kräften, doch nur, um die Fähre noch tiefer in den Lehm hineinzuschieben. Nun wurde der Bek beauftragt, aus dem in der Nähe liegenden Aksak-maral Leute herbeizuschaffen. Einige seiner Diener hatten uns den ganzen Tag am Ufer reitend begleitet, und der Bek konnte sich also zu Pferd schleunigst nach dem Dorfe begeben. Er kam nach ein paar Stunden mit 30 Leuten zurück, die aus allen Kräften zugriffen. Ich ging mit gutem Beispiel voran, und unsere Bemühungen waren von Erfolg gekrönt: die Fähre glitt ruckweise über die Stromschnellen, aber nur, um eine Strecke weiter unten wieder unverbesserlich festzusitzen.
Da standen wir nun wieder, und ich überlegte schon, ob dies der gefürchtete Punkt wäre, an dem wir von unserem Heim Abschied nehmen müßten. Was sollten wir dann anfangen? Die kleine Fähre reichte nicht entfernt für das Gepäck aus, und von der Karawane waren wir abgeschnitten. Es wäre uns wohl nichts weiter übriggeblieben, als eine neue Schiffswerft anzulegen, Schreiner und Schmiede aus Aksak-maral kommen zu lassen und eine neue, kleinere und leichtere Fähre zu bauen. Doch ich zitterte vor dem Zeitverluste, da ich wußte, daß das Wasser tagtäglich fiel, und der Gedanke, daß die stolze Tarimfahrt schon hier vielleicht unterbrochen werden müßte, schmerzte mich.
Nein! Wir mußten über diese seichten Stellen hinweg, wo es keine tieferen Stromfurchen gibt, wo das Wasser vielmehr über die ganze Breite auf seichtem Grunde brodelt. Wir drehten die Fähre ein paarmal im Kreise herum; hierdurch wurde der Tonboden so aufgelockert, daß wir weiterschieben konnten und endlich über die Schnellen hinauskamen.
Unterhalb dieser war es wenigstens so tief, daß die Fähre eine gute Strecke weit trieb, bis wir die letzten und größten Schnellen erreichten, deren Schwelle 20 Zentimeter hoch war und wo das Wasser einen geradlinigen Katarakt von Ufer zu Ufer bildete. Hier betrug die Tiefe überall wenigstens ½ Meter, und die Strömung war so reißend, daß die Männer ein Kentern der Fähre befürchteten. Der Sicherheit wegen wurde wieder das ganze Gepäck an Land getragen; ich blieb allein an Bord, um mit in den schäumenden Wasserfall hinunterzugehen, was die Leute für sehr bedenklich hielten, da sie glaubten, daß das Schiff in den kochenden Wirbeln unterhalb des Falles umschlagen würde. Sie zogen die Fähre bis an den Punkt, wo die Wassermasse sich über die Schwelle wälzte, und ließen sie los, nachdem sie ihr die rechte Richtung gegeben; sie glitt so artig wie nur möglich über die Schwelle. Als sie mitten darüber schwebte, fiel die vordere Hälfte klatschend auf das Wasser, während die hintere von dem nachdrückenden Wasser emporgehoben wurde. Gleich unterhalb des Falles wurde Halt gemacht.
Die Mücken waren am Abend eine schreckliche Plage. Sie traten in ungeheuren Mengen auf, und vergebens versuchte man, sie sich vom Leibe zu halten. Sie sind widerwärtige Quälgeister, besonders wenn man die Hände voll Arbeit hat und halbnackt sein muß, um jeden Augenblick in den Fluß springen zu können. Es scheint, als warteten sie nur darauf, daß man komme, und man wundert sich, wovon sie leben, wenn man nicht da ist.
Am anderen Tage fing der Ostwind wieder an. Der Wind und die Mücken sind unsere schlimmsten Feinde. Allen beiden konnten wir nicht entgehen, denn wenn es abends still ist, so wird man von den Mücken gepeinigt, und bleiben diese aus, so geschieht es, weil es windig ist. Weht es aber, so wird die Drift der Fähre gehemmt, und wird es gar zu toll, so müssen wir lange Zeit stilliegen und auf Windstille warten. Wir sehnen uns jetzt nur nach dem Punkte hin, wo unser Flußarm sich wieder mit dem Kona-darja vereinigt, wo wir mehr Wasser unter die Fähren zu bekommen hoffen und Hirten an den Ufern wohnen. Längs des neuen Armes fehlen die Menschen, denn er hat sich sein Bett durch frühere Einöden gegraben.
Schließlich wurde der Wind zu unangenehm, und wir wollten nicht länger auf diese Weise mit uns scherzen lassen. In einer einladenden Gegend auf dem rechten Ufer, wo einige alte Pappeln im Sande wuchsen, lagerten wir, und ich beschloß, nicht eher weiterzugehen, als bis der gräßliche Wind aufgehört hätte. Der Ort hieß Kum-atschal und lag in der Wildnis. Doch wir hatten genügende Vorräte, darunter vier Schafe, Hühner, Gemüse usw., und Brot wurde jeden Morgen am Lande auf dem Lagerfeuer gebacken.
Eine Gans, die ursprünglich zum Proviant gehörte und bei Kasim auf der Avisofähre hauste, machte allmählich Karriere und wurde ihres tadellosen Betragens halber zur Schiffsgans ernannt. Sie war eine klassische Erscheinung und watschelte frei auf der großen Fähre umher; sie besuchte mich häufig im Zelte und war so zahm, daß sie kam, wenn man sie rief. Nie machte sie einen Versuch, uns durchzubrennen, obwohl sie eine gefangene Wildgans war, der man allerdings die Flügel beschnitten hatte; bei den Lagerplätzen schwamm sie auf dem Flusse umher, kehrte aber stets von selbst wieder nach ihrer Schlafstelle an Bord zurück. Sie war lange bei uns; ich kann mich im Augenblick nicht darauf besinnen, wo wir sie verloren, aber wir werden ihr im Laufe der Erzählung wohl wieder begegnen. Vielleicht träumte sie dann und wann von den Palmen und den Mangobäumen an den Ufern des Ganges, wenn sie ihre freien Kameraden auf der Reise nach Indien über den Wald hinsausen hörte.
Als die Dämmerung kam, wurde die schwarze Kajüte eingeweiht und der Abend dem Entwickeln der Platten gewidmet. Alle die kleinen Löcher, durch die schwaches Licht eindrang, wurden verstopft und die Fenster mit schwarzen Filzmatten verhängt. Zuber und Bottiche wurden mit klarem Wasser aus einem See in der Nähe gefüllt und ein Licht im Zelte dicht vor dem roten Fenster angezündet. Das Atelier war auf diese Weise ausgezeichnet, und es gefiel mir darin so wohl, um so mehr als die Platten gut ausfielen, daß ich beschloß, noch den folgenden Tag zu bleiben und mit der Arbeit fortzufahren; wir konnten den Tag mit gutem Gewissen opfern, denn der Wind wehte noch ebenso eigensinnig.
Ich arbeitete bis 3 Uhr früh und war daher ein wenig verdrießlich, als Islam mich am 27. September um 7 Uhr weckte. Als er mir aber mitteilte, daß das Wetter ruhig und schön sei, sprang ich pfeilschnell auf und gab Befehl, den Anker zu lichten.
Hier wurde der Bek entlassen und zog mit seinen Leuten, die nun nicht länger gebraucht wurden, sondern nur am Proviantvorrate zehren halfen, wieder heim. Nur einer von ihnen, Muhammed Ahun, der ein Jäger (Pavan) war und die Gegend gut kannte, fuhr mit uns weiter.
In einer Kurve mit gewaltiger Strömung wurde die Fähre dicht an das rechte Ufer getrieben, wo ein paar Meter davon im Flusse eine absterbende Pappel stand und dem Brodeln des Wassers um ihren Stamm herum lauschte. Wir wurden sie zu spät gewahr, und die Leute konnten das Schiff nicht rechtzeitig abbringen; es rieb sich knirschend an dem Stamme entlang, und die mächtigen Zweige hätten beinahe das Zelt heruntergefegt, begnügten sich aber damit, nur ein Stück davon abzureißen. Das meteorologische Häuschen schwebte einen Augenblick in der größten Gefahr, doch gelang es mir noch, es zu retten.
Endlich mündet von links das breite, jetzt trockene Bett des Kona-darja ein, der von Maral-baschi kommt, aber nur im Hochsommer Wasser führt.
Ist es windstill, so kann man an dem Muster und der Zeichnung der Wasserringel sehen, wo die Strömung geht; doch wenn es wie heute weht, so verschwindet diese wegweisende Zeichnung unter der leichten Kräuselung der kleinen Wellen. Man fühlt sich ordentlich erleichtert, wenn die Wassermasse des Flusses in einer einzigen Biegung strömt, man ungehindert und ohne Anstrengung auf tiefem Wasser an der Jar(Ufer)wand entlang gleitet und von Ufer und Wald geschützt wird.
Im großen betrachtet geht der Jarkent-darja hier nach Nordosten, bisweilen richtet sich sein Lauf aber nach Norden, Ostnordost oder sogar nach Ostsüdost. Diese Strecken bilden die phantastische krumme Linie von Biegungen und Windungen; in diesen Krümmungen schlängelt sich noch dazu die Strömung von einem Ufer zum anderen, und alle diese Verhältnisse tragen dazu bei, unseren Weg zu verlängern.
Heute war keine Spur von Menschen oder Vieh an den Ufern zu sehen. Ein Adler und einige Raben waren die einzigen Geschöpfe, die Leben in die feierliche Stille des Waldes brachten. Dagegen sah man im Ufersande frische Spuren von Wildschweinen und Rehen, die zum Trinken an den Fluß gekommen waren. Die Hunde kamen heute auf die revolutionäre Idee, ohne weiteres ins Wasser zu springen und an Land zu schwimmen. Sie folgten dann aber der Fähre, indem sie treu am Ufer nebenherliefen und gelegentlich Wildschweine oder andere Bewohner des Dschungels wütend anbellten. Als sie dessen müde wurden, schwammen sie wieder nach der Fähre zurück und wurden auf das Achterdeck hinaufgezogen. Dieses Manöver, das der Besatzung viel Spaß machte, wiederholte sich von nun an täglich. Anfänglich konnten die Hunde abgestorbene Pappelstämme mitten im Flusse oder im Grunde steckengebliebene Treibholzstücke durchaus nicht leiden. Sie legten den wütendsten Unwillen gegen diese an den Tag und bellten sie unerbittlich an. Nach und nach gewöhnten sie sich aber daran und ließen das Treibholz in Frieden.
Die Mücken waren derart lästig, daß wir an einem bewaldeten Ufer nicht lagern konnten, sondern Ufer mit Ak-kum (weißer Sand) aufsuchen mußten, wo die Leute das Holz zum Lagerfeuer von weither zu holen hatten. Um mich ein wenig vor den blutdürstigen Insekten zu schützen, rauchte ich wie eine Lokomotive und schmierte mir das Gesicht mit Baumöl ein.
Abends saß die ganze Besatzung auf dem flachen Ufer um ein Feuer von Treibholz und debattierte lebhaft darüber, ob wir noch das Lop-Gebiet erreichen würden, ehe der Fluß zufröre. Auch ich hätte dies gar zu gern wissen mögen, doch ich hatte keine Zeit, mich darüber zu beunruhigen. Wir mußten möglichst gleichen Schritt mit der jetzigen Wassermenge des Flusses halten, so daß deren Abnahme während der Nächte und Rasttage nicht zu großen Vorsprung gewann und uns das Wasser schließlich ganz im Stiche ließ. Ich rechnete hauptsächlich auf den Wasserzuschuß des Aksu-darja; kämen wir nur so weit, so würden wir uns schon weiter helfen.
28. September. So glitten wir denn Tag für Tag auf dem großen, ruhigen Flusse dahin, und die Karte entwickelte sich nach und nach unter meinen Augen. Die Wassertiefe wird an jedem Lagerplatze gemessen, und zwar der Sicherheit halber nach zwei verschiedenen Methoden. Einerseits wurde an einer geschützten ruhigen Stelle ohne Strömung eine Meßstange in den Grund gestoßen, andererseits wurde eine solche in die lotrechte Uferwand eingerammt, an deren äußerstem Ende ein Lot an einer mit Teilung versehenen Leine, von der ich das Steigen oder Fallen des Wassers direkt ablesen konnte, in den Fluß hinabhing.
Noch waren die Ufer unbewohnt und still; doch sahen wir ein paar Hirtenhütten (Söre), die gewöhnlich nur aus einem Dache auf vier Stangen bestehen und mit Reisig und Zweigen bedeckt sind. Sie ließen darauf schließen, daß die Gegend doch zu gewissen Zeiten von Menschen aufgesucht wird, die wieder fortziehen, sobald die Weide knapp wird.
Der Fluß verändert heute sein Aussehen nicht. Stattlich fließt er in dem majestätischen Schweigen des Waldes in unbedeutendem Gefälle dahin und hält sich meistens in einem einzigen Bette mit Tiefen, die bis zu 7 Meter betragen. Wir wurden daher nicht durch Festsitzen aufgehalten, und lautlos und mit guter Geschwindigkeit glitt die Fähre auf ihrer langen Reise durch Ostturkestan weiter.
Schon vom vorigen Lagerplatze an sind die Ufer mit einem dichten, prachtvollen Walde von alten, ehrwürdigen, knorrigen Pappeln besetzt, deren grüne, verschlungene Kronen jetzt ins Rote und Gelbe zu spielen beginnen; es ist, als kleideten sie sich zu einem lustigen Herbstkarneval in bunte Gewänder. Die Leute von Lailik hatten nie einen solchen Wald gesehen und machten ihrem Erstaunen und Entzücken in lebhaften Ausrufen Luft. Sie nannten den Wald „Östäng-bag“, den „Baumgarten am Kanale“, wie die bewässerten Parke und Haine der Oasen gewöhnlich genannt werden. Sie hatten recht; es war ein Genuß für das Auge, diesem farbenprächtigen Uferschmucke zu begegnen, und in dem lautlosen Schweigen, das den ganzen Tag herrschte, konnte man glauben, in einem Triumphwagen von unsichtbaren Nixen und Elfen auf einer Straße von Saphiren und Kristall durch einen verzauberten Wald gezogen zu werden. Es war so still, daß man kaum zu sprechen wagte, um nicht den Zauberbann zu brechen. Feierlich standen die Pappeln in zahlreichen Reihen, wie sie in vielen hundert Jahren die Ufer bekränzt; aufrecht standen sie da wie Könige und spiegelten ihre Kronen aus falbem Herbstgold in dem lebenspendenden Flusse, der Nährmutter der Wälder, der Herden und Hirsche und des Königstigers, dem größten Gegensatze des Wüstenmeeres. Da stehen sie in einer dunkeln Mauer, würdevoll und still, als lauschten sie einer Hymne, die zwischen den Ufern zum Lobe des Allmächtigen leise erklingt, einer Hymne, die auch Wanderer und Reisende vernehmen können, wenn nur ihr Gemüt für die Größe der Natur empfänglich ist. Die Pappeln stehen da, als hätten sie sich nur deshalb hier aufgepflanzt, um dem merkwürdigen Flusse zu huldigen, ohne den ganz Ostturkestan eine einzige ununterbrochene Wüste sein würde. Sie huldigen dem Tarim in andächtiger Ehrfurcht, wie dem Ganges die Brahminen und die altersschwachen Pilger huldigen, die nach Benares eilen, nur um an den Ufern des heiligen Stromes zu sterben.
Der Wald dehnt sich bis dicht an den Uferrand aus, aber den Erdwall bedeckt dichtes gelbes Kamisch (Schilf) und über demselben bildet das Buschholz ein ganz undurchdringliches Dickicht, wo nur Wildschweine durch dunkle Gänge, in die nie ein Sonnenstrahl fällt, hindurchkommen können. Zu oberst bildet der Wald eine grünende Mauer, die oft so dicht ist, daß die Stämme nur selten durch das Laubwerk schimmern. Die Kronen sind wie mit Sepia gepudert in Farbentönen, die schreiend wären, wenn die unklare Luft sie nicht dämpfte. Doch so wie es jetzt ist, bilden sie einen dem Auge angenehmen Farbenübergang zu dem blaugrauen Gewölbe des Himmels. All diese Pracht der Natur und der Farben wiederholt sich auf beiden Seiten und spiegelt sich im Wasser wider, und dennoch kann man sich nicht satt daran sehen.
Nur an den konvexen Ufern, wo das Hochwasser flache Sand- und Schlammanschwemmungen abgelagert hat, tritt der Wald zurück; an dem konkaven Ufer streichen wir unter den Pappeln hin, die sich nicht selten über den Fluß lehnen, und wie in einem Parke gleitet die Fähre unter laubreichen Gewölben in kühlem Schatten vorwärts. Es ist, als streckten die Waldgötter Friedenszweige über unser Schiff aus und segneten seine wunderbare Reise — denn eine Reise auf dem Wasser quer durch Ostturkestans Sandwüsten ist ohne Zweifel wunderbar; niemand hätte wohl geglaubt, daß man das innerste Asien zu Schiff durchkreuzen könnte.
So gleiten wir Stunde um Stunde auf dem Spiegel des dunkeln Flusses weiter durch den schlafenden Wald, auf einer venezianischen Straße, wo die Paläste in Bäume verwandelt sind und die Kais aus goldig glänzendem Schilfe bestehen. Der Ruder bedarf es hier nicht; die Strömung selbst sorgt für unser Weiterkommen, und die Gondoliere schlafen der Reihe nach auf ihrem Posten, doch stets die Stange fest in der Hand. Alles ist so still, und unbewußt wird man von der Märchenstimmung beeinflußt. Man erwartet beinahe, Waldnymphen den ungestörten Frieden benutzen zu sehen, um, auf Pappelzweigen schaukelnd, ihren Spiegelbildern im Wasser zuzunicken, und man würde sich nicht wundern, wenn tief im Walde plötzlich ein Hirtengott auf der Flöte zu blasen anheben würde.
Doch wie schweigend wir auch dahingetragen werden, wir überraschen doch keine Gestalten aus der Märchenwelt. Nur dann und wann werden von einem leichten Windhauch vertrocknete Blätter von einer überhängenden Pappel losgerissen, um vom Wasser nach Osten weitergetragen und vernichtet zu werden. Es sind die Waldgötter, die unseren Weg bestreuen, wie die Hindus dem Ganges Opfergaben von gelben Blumen darbieten; es sind die Pappeln, die bald sterbend im Winterschlafe erstarren und vorher dem Tarim, der ihnen die Nahrung für ihr Sommerleben geschenkt, einen Teil des Geschenkes zurückgeben wollen; man muß dabei an die verachtete Kaste der Leichenverbrenner denken, welche die Asche der Toten in den heiligen Ganges streut.
Unsere Wasserstraße war unglaublich krumm. In einer Biegung mußten wir, um 180 Meter in unserer Hauptrichtung nach Nordosten zurückzulegen, einen Weg von 1450 Meter machen, wobei wir einen Kreis beschrieben, an dessen Vollständigkeit nur ein Neuntel der Peripherie fehlte. Bald gehen wir nach Nordosten, bald nach Südwesten und verlieren wieder, was wir eben gewonnen haben. Nur äußerst selten streckt sich der Fluß eine kleine Strecke weit gerade aus, meistens windet er sich wie eine Schlange im Grase. Diese zahlreichen Krümmungen machen, daß ich unausgesetzt die Angaben des Kompasses aufzeichnen und die Tausende von kleinen Stückchen des Laufes auf der Karte eintragen muß, damit diese absolut zuverlässig werde.
Gegen Abend hatten die Mücken, wie gewöhnlich, Ball und Souper; ich wehrte mich, so gut ich konnte, mit dem Baumöle, die Besatzung aber, die stets nacktbeinig ging, wurde arg gepeinigt. Unaufhörlich ertönten Klatsche, die anzeigten, daß eine Mücke auf irgendeinem nackten Teile des Körpers plattgeschlagen wurde, und man konnte die Ausrufe „Annangnißke“, „Kissingnißke“ oder „Kaper“ hören, alles Worte, die durch Nichtübersetzung bedeutend gewinnen.
Als wir bei Jallgus-jiggde lagerten, wurde am Ufer um das Feuer herum Kriegsrat gehalten. Muhammed Ahun, der Jäger, der allein von uns die Gegend kannte, meinte, der Fluß werde in zwei Monaten zufrieren. Wir beschlossen, um noch mehr Zeit zu ersparen, morgens, sobald es hell würde, aufzubrechen, alle Mahlzeiten, das Abendessen ausgenommen, an Bord einzunehmen und auch das Brot morgens auf dem Achterdeckherde zu backen. Die Männer von Lailik waren mit warmen Tschapanen, Pelzen und Stiefeln schlecht versehen; daher wollten wir ihnen in Masar-alldi oder Awwat besorgen, was sie noch brauchten.
Der Jäger teilte uns mit, daß 3 oder 4 Kilometer rechts vom Jarkent-darja das trockene Flußbett Chorem liege, dasselbe, in welchem ich 1895 Süßwassertümpel gefunden hatte. Im Südosten dieses Bettes dehnt sich das unabsehbare Wüstenmeer aus.
Die Flußmessung ergab 28,6 Kubikmeter Wasser; wir können mit der Wassermasse nicht gleichen Schritt halten, sie überholt uns nachts, und wir bleiben hinter ihr zurück. Führen wir ununterbrochen Tag und Nacht, so würden wir theoretisch stets dieselbe Wassermenge haben, wenn nicht die Verdunstung und das Einsickern in den Boden für das Verlorengehen eines guten Teiles derselben sorgten.
29. September. Jetzt gab es nachts viel Tau; schon gleich nach Sonnenuntergang begann er zu fallen, und morgens war das Vorderdeck so naß wie nach einem Regen.
Der Morgen sah vielversprechend aus; der Fluß machte nicht so tolle Krümmungen wie gewöhnlich, und die Luft war ganz still. Aber diese vorteilhaften Umstände veränderten sich um die Mittagszeit völlig, da eine frische Brise einsetzte und der Flußlauf sich wieder außerordentlich schlängelte. In Biegungen, wo die Erosion des Wassers am größten ist, betrug die Tiefe mehrmals bis zu 9 Meter, und da hier an der Oberfläche Gegenströmung herrscht, kam es ein paarmal vor, daß wir ganz einfach in diesen Föll oder Bulung liegen blieben. Unter gewöhnlichen Verhältnissen geht die Fähre infolge ihrer Geschwindigkeit darüber hinweg, bei Gegenwind aber kann sie es nicht, und dann bleibt weiter nichts übrig, als einige Leute an Land zu schicken, um uns mit einem Tau loszuschleppen oder uns mit der Jolle zu bugsieren.
Bei Tusluk-kasch passierten wir ein Hirtenlager und erstanden für 48 Tenge (9 Mark) ein Schaf. Diese Hirten wohnen wie auf einer Insel, die von einer gewaltigen Krümmung gebildet wird, der zu einem vollständigen Kreise nur ein Zwölftel Peripherie fehlt. Die Flußwindungen sind schuld daran, daß der von uns zurückgelegte Weg über doppelt so lang wird als die Luftlinie. Heute rückten wir nur 8,36 Kilometer vor, trieben aber 19,38 Kilometer bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 38 Meter in der Minute.
Infolge der verminderten Schnelligkeit und der größeren Tiefen nimmt das Wasser an Klarheit zu. Um die Durchsichtigkeit zu bestimmen, konstruierte ich ein sehr einfaches Instrument, das aus einer runden, glänzenden Metallscheibe und einem senkrecht daran befestigten, mit Teilung versehenen Arme bestand. Die Tiefe, in welcher die Scheibe unter dem Wasser noch deutlich unterschieden wurde, ließ sich an dem Arme direkt ablesen.
Wie langsam es auch ging, stets war es ein großer Genuß, wie auf der Veranda einer Sommerfrische vom größten Komfort umgeben zu sitzen und sich die Landschaft entgegenkommen zu lassen. Doch nicht einen Augenblick durfte ich meinen Posten verlassen, um mir die Beine zu vertreten. Selten dauerte eine Richtung länger als 10 Minuten; die gewöhnliche Pause zwischen den Kursänderungen betrug 2 oder 3 Minuten, und man mußte immer mit dem Kompasse folgen. Ich war in diesem Teile des Jarkent-darja so an den Beobachtungstisch gefesselt, daß wir um 1 Uhr, wenn die meteorologische Ablesungsreihe aufgezeichnet werden sollte, eine Weile am Ufer anlegen mußten. Neben mir lag eine Kladde, worin die Aufzeichnungen des Tages mit Bleistift notiert wurden, um abends, nachdem wir Lager geschlagen, mit Tinte in das Tagebuch eingetragen zu werden. In den ärgsten Krümmungen folgten die Peilungen so dicht aufeinander, daß ich mir kaum dazwischen eine Zigarette anzünden oder sie, wenn sie ausgegangen, wieder anstecken konnte, und das Teegeschirr, das Islam eben gebracht, mußte auf seiner Kiste so lange auf mich warten, bis das erquickende Getränk kalt geworden war.
Die Karte aber wurde hübsch, und es machte mir großes Vergnügen, daran zu arbeiten. Sie ist in so großem Maßstabe angelegt, daß alle Einzelheiten hervortreten: die Linie, welche die Drift der Fähre bezeichnet, ist in den Wasserweg eingetragen, so daß man sieht, wo wir am rechten oder linken Ufer entlang gefahren sind, wo wir mitten auf dem Flusse getrieben und wo wir ihn gekreuzt haben. Die markierten Jarufer, die der größten Erosion (die Grunderosion ist gleich Null oder wird von der Sedimentablagerung ausgeglichen) ausgesetzt sind, sind mit scharfgezeichneten schwarzen Linien angegeben, die Alluvialhalbinseln treten als weiße Halbmonde hervor, Holme, Bänke und kleine Wasserarme, alles ist angegeben. Pappelwald wird mit kleinen Kreisen bezeichnet, Kamisch mit kleinen Pfeilspitzen, Gebüsche und Dickichte mit Punkten, Tamarisken mit Widerhaken, Sanddünen mit schrägen Schraffen. Wo die Ufer, wie heute, lichten Wald tragen, ist jede Pappel auf der Karte eingetragen; ich würde bei einem neuen Besuche jeden einzelnen Baum wie einen alten Bekannten, einen Freund aus einer glücklichen, angenehmen Zeit, wiedererkennen können!
Das heutige Lager hieß Kijik-tele-tschöll (Einöde des Antilopen-Weidenbaumes). Hier gab es keine Hirten, doch schwaches Hundegebell verkündete, daß sie nicht besonders weit sein können. Die Wassermenge betrug 27,8 Kubikmeter.
Während der Nacht auf den 30. September fiel das Wasser wieder um 2,1 Zentimeter; daher los vom Ufer in der kalten Morgenluft und weiter den Fluß hinunter, nach Osten hin! Heute trat endlich unser alter Masar-tag aus der ein wenig klarer werdenden Luft hervor und war leicht erkennbar; sein höchster Gipfel war in ungefähr Nordosten zu sehen. Der Berg trat nur in schwachen Umrissen hervor, die jedoch im Laufe des Tages deutlicher wurden, so daß man schließlich Schluchten und Vorsprünge und die braunrote Farbe unterschied. Nachdem der Masar-tag seinen Platz in der Landschaft eingenommen, brachte er auch einige Abwechslung hinein und bildete das Thema des Tagesgesprächs. Man zerbrach sich den Kopf darüber, wie weit es bis dahin sein könnte, ob wir ihn noch vor Abend oder, wie ich vermutete, erst in ein paar Tagen erreichen würden. Eine lange Strecke hatten wir den Berg gerade vor uns, darauf rechts und dann links von der Fähre; am tollsten aber war es, als wir ihn hinter dem Achter hatten und uns wieder von ihm entfernten. Erst wenn man eine derartige Landmarke hat, die alles andere überragt, wird einem ganz klar, wie sich der Fluß schlängelt.
Das Terrain wird öder; der Wald hat aufgehört, und auf beiden Seiten des Flusses dehnt sich Gras- und Kamischsteppe aus, wo nur selten eine junge Pappel ihre Krone über verschmähten Weideplätzen erhebt. Unsere Jäger nehmen Spuren von Hirschen und anderen wilden Tieren wahr. Islam Bai brandschatzte selten anderes Wild als wilde Gänse und Enten; es war zwar sein Ehrgeiz, einmal einen Hirsch zu schießen, doch gelang es ihm nie. Er war alt geworden; auf der vorigen Reise hatte er besseres Jagdglück gehabt. Was mich betrifft, so habe ich nicht einmal das Leben einer Krähe auf meinem Gewissen. Ich feuerte auf der ganzen Reise keinen Schuß ab, und der geladene Revolver, den ich für einen etwaigen Überfall immer bei der Hand hatte haben wollen, lag tief unten in einer meiner Kisten verpackt; in welcher, wußte ich gewöhnlich nicht.
Der Kasim der Avisofähre entdeckte auf einem öden Ufer ein verlassenes, verirrtes Lamm, das wir an Bord nahmen, um es dem ersten besten Hirten zu übergeben; es hätte sonst gewiß nicht lange auf den Wolf zu warten brauchen.
Der Ostwind tat uns gelegentlich großen Abbruch, aber die Krümmungen waren nicht ganz so unberechenbar wie gestern. Ein eigentümlicher Zug an dem Bau des Flußbettes war, daß die Jarwände des Ufers viel auffallender waren als bisher und sich 4 und 5 Meter über die Wasserfläche erhoben. Sechs Meter lange Stangen erreichten meistens den Grund nicht, und um die Tiefe zu messen, mußten wir zwei zusammenbinden. Bisweilen waren beide Ufer gleich hoch, ohne eine Spur von Anschwemmungen; dies war natürlich nur an geraden Stellen der Fall. Wir glitten dann wie in einem Korridor dahin, vor dem Winde geschützt, aber ohne viel von der umgebenden Landschaft zu sehen.
Die mittlere Geschwindigkeit dieses Tages war 35 Meter in der Minute und bei dem in namenloser Gegend gelegenen Lager Nr. 12 betrug die Wassermenge genau 25 Kubikmeter, 2,8 Kubikmeter weniger als zuletzt. In der Luftlinie hatten wir 11,2 Kilometer, in Wirklichkeit 18,2 Kilometer zurückgelegt, ein viel günstigeres Verhältnis als gestern.
Mit jedem Tage wuchs die Spannung, ob wir, ehe der Fluß sich mit Eis bedeckte und uns in seinen unerbittlichen Banden finge, ans Ziel gelangen würden oder nicht.