Unwiderstehlich trug die langsam und schwer dahingleitende Wassermasse unser Schiff auf ihrem breiten Rücken vorwärts; daß wir ebenso schnell wie die Strömung trieben, sah man leicht an den Treibholzstücken auf dem Flusse, die uns stundenlang begleiteten. Es war warm und still. Nur dann und wann ertönte das Gurgeln eines Wasserwirbels oder das Rauschen des Wassers gegen einen an einer Sandbank hängengebliebenen Baumzweig; ab und zu wurde die Stille von den Stangen unterbrochen, wenn die Fährleute, vom Avisomann Kasim gewarnt, sie ins Wasser stießen, um einer Untiefe auszuweichen.
Wir waren noch nicht lange unterwegs, als auch schon Gruppen von Landleuten und Frauen mit ihren Melonen, Schafen und anderen Dingen die Ufer garnierten. Aber dies lockte uns nicht mehr; wir wollten nicht bleiben und brauchten keine Verstärkung unserer mehr als reichlichen Verproviantierung. Der Tarim macht die tollsten Krümmungen; nacheinander treiben wir nach Nordwesten, Südosten, Norden, Nordwesten und Nordosten. Schon lange Strecken vorher sieht man an den Grenzlinien des Waldes, wo sich der Flußlauf seinen Weg im Terrain gesucht hat. Bei Kalmak-jilgasi hatten sich eine Menge Leute versammelt. Da wir auch hier nicht hielten, liefen sie uns mit ihren Gaben nach, wateten schließlich an einer seichten Stelle in den Fluß (Abb. 22), kletterten auf die Fähre und legten ihre Waren auf dem Vorderdeck neben meinem Arbeitstische nieder. Es stellte sich heraus, daß es Frauen, Kinder und Verwandte unserer Bootsleute waren, die uns so überlistet hatten. Es gab keinen anderen Ausweg als anzunehmen, sich zu bedanken und zu bezahlen, was ich um so freigebiger tat, als ich es war, der die vier Männer ihren Familien entrissen hatte.
Nach halbstündiger Fahrt saßen wir zum ersten Male fest, aber der Stoß war so schwach, daß man das Stillstehen der Fähre kaum bemerkt haben würde, wenn man nicht gesehen hätte, wie das Wasser auf beiden Seiten an uns vorbeiströmte. Die Leute sprangen ins Wasser und machten die Fähre ohne Schwierigkeit durch Schieben wieder flott. Bei jedem Festsitzen benutzte ich die Gelegenheit zum Messen der Stromgeschwindigkeit. In den konkaven Kurven ist die Uferterrasse bis zu 3 Meter hoch, und oft fallen große Lehm- und Sandklumpen plumpsend herunter. Noch bedurfte es keines Führers; die Fährleute kannten mehrere Tagereisen stromab den Namen jeder Uferstrecke und jeder Waldpartie. Die Namen sind stets in einer oder der anderen Beziehung bezeichnend und lehrreich. So heißt eine von einer scharfen Biegung gebildete Halbinsel Araltschi, weil sie beinahe einer Insel gleicht; eine Waldgegend Tonkuslik, weil dort Wildschweine vorkommen; ein schmaler Teil des Flusses Kalmak-jilgasi (Mongolenpassage), weil in alten Zeiten Mongolen an den Ufern gewohnt haben sollen. Bei einer nach ihrem Erbauer Muhammed Ili-lenger genannten Poststation an dem großen Karawanenwege, der uns hier bei einer Biegung nach links nahe ist, hat der Fluß vor zwei Jahren auf eine kurze Strecke seinen Lauf verändert; das alte Bette heißt Eski-darja (der alte Fluß). Solche Launenhaftigkeiten des Flußbettes wurden oft beobachtet und stets auf der Karte eingetragen. In den verlassenen Betten bleiben gewöhnlich kleine, klare Wasseransammlungen (Köll = See) stehen.
Abends wurde man von dem starken Sonnenlicht in den westlichen Biegungen und der glänzenden Straße, die auf der Wasserfläche zitterte, etwas belästigt, ging es aber nach Norden oder Osten, so war die Beleuchtung herrlich.
Die Proviantfähre gewährte mit all ihrem Gemüse und ihren Melonen einen ländlichen Anblick; dort gackerten Hühner und krähte ein Hahn — ihre Aufgabe war, mich mit frischen Eiern zum Frühstück zu versehen. Einige Schafe hatten ihre Freistatt auf der großen Fähre in einem kleinen Gehege auf dem Achterdeck, wo sie in schönster Ruhe ihr Futter verzehrten. Doch ihre Tage waren gezählt; das erste wurde in Gasanglik geschlachtet, wo wir die Nacht blieben.
Wenn die Tagereise zu Ende ist, muß zuerst die Fähre festgemacht werden, damit sie während der Nacht nicht ins Treiben gerät (Abb. 24). Die Leute bringen am Ufer ihr Lager in Ordnung, um ein Feuer herum, auf dem bald die Teekannen summen und das Abendessen bereitet wird. Ihre Betten bestehen aus einer Unterlage von Filzmatten (Kigis) und das Deckbett bildet der Schafpelz (Pustun). Ich saß lange an meinem Schreibtisch und arbeitete in der stillen Nacht. Die Ruhe wurde nur unterbrochen durch Sandrutsche an den Biegungen, wo die Erosion ihre Minierarbeit ausführt. Manchmal klatscht es auf, als wäre ein Krokodil ins Wasser gegangen, doch solche Tiere gibt es im Tarim glücklicherweise nicht. Die Mücken waren lästig, bald aber würde ihnen die Nachtluft zu kalt für ihr Spiel. Der Mond goß sein Silberlicht über die breite Wasserstraße aus, die sich im Norden wie eine Gasse öffnete.
18. September. Der erste Morgen an Bord war frisch und kühl. Ich schlief stets in meinem Zelte, und es war schön, nicht vor Skorpionen, die an den Ufern ziemlich häufig sind, auf der Hut sein zu müssen. Eine Folge der Strömungsverhältnisse am Lagerplatze war, daß sich im Laufe der Nacht eine Menge Sand und Schlamm um die Fähre herum anhäufte und die Männer eine gute Weile arbeiten mußten, um sie loszumachen. Währenddessen trank ich meinen Morgentee; erst um 9 Uhr waren wir flott und glitten wieder den großen Fluß hinab, der hier jedoch noch recht einförmig war. Nur wenn man an den steilen Ufern (Jar oder Kasch = Strandterrasse, vgl. Jarkent, Kaschgar) vorbeistreicht, die mit jungen Pappeln, Gesträuch und jungen Hagedornhecken bekleidet sind, deren Wurzeln aus dem Uferwalle herauswachsen und ins Wasser hinabhängen, kann man manchmal recht hübsche Partien passieren.
Unsere Kemitschi sind ausgezeichnete Leute, die sich vorzüglich anlassen. Sie heißen Kasim Ahun, Naser Ahun, Alim Ahun und Palta; ein fünfter Mann, Kasim-on-baschi, begleitete uns nur die ersten Tage, um im Anfang mitzuhelfen. Alle sind ebenso mit dem Manövrieren der Fähre wie mit den Eigentümlichkeiten des Flusses vertraut und können es in den meisten Fällen schon der Form der Ufer und dem Kochen und Ringeln des Wassers auf der Oberfläche ansehen, wo es tief oder seicht ist. Oft werden die Sandbänke mitten im Flusse durch Treibholz, Pappelstämme, Reisigbündel und Schilfgarben, die in Drift geraten und hängengeblieben sind, angegeben. Liegt eine tückische Sandbank dicht unter der Oberfläche, so verrät sie sich doch gewöhnlich dadurch, daß das Wasser über ihr ruhig ist und dann gleich unterhalb der Bank eine Stromgasse bildet.
Ich unterscheide in der Folge zwischen konkavem und konvexem Ufer; das konkave ist dasjenige, welches direkt der von der Zentrifugalkraft bestimmten Erosionskraft der Wassermasse ausgesetzt ist und wo die 2 oder 3 Meter hohe Uferwand da lotrecht abgeschnitten ist, wo die Hauptmasse des Wassers strömt, wo wir also die größte Tiefe und die stärkste Geschwindigkeit finden. Das konvexe Ufer hingegen tritt in einer Biegung auf, sei es nach rechts oder nach links, und wird von den Eingeborenen fälschlich „Aral“ oder „Araltschi“ (Insel) genannt. Es ist eine flache, halbmondförmige, scharf markierte oder stumpfe Anhäufung von Schlamm, den seichtes, langsamfließendes Wasser hier während der Hochwasserperiode abgesetzt hat. Hätten wir die Reise anderthalb Monate früher angetreten, so wären diese Schlamminseln überschwemmt gewesen, der Weg wäre etwas kürzer und die Geschwindigkeit größer geworden. Schon jetzt war der Fluß so bedeutend gefallen, daß die noch vorhandene Wassermenge nur die eigentliche Erosionsfurche des Flusses füllte, die überall dicht an den konkaven Ufern hinläuft, d. h. zu alleräußerst in allen Krümmungen nach rechts und links, wodurch die Länge des Weges größer wird und das Abschneiden der äußersten Biegungen unmöglich gemacht ist. Für eine genaue Kartenaufnahme des Tarim war jedoch dieser Umstand ein Vorteil, denn die seichten Stellen lagen nun offen da, und man bekam einen deutlichen Begriff von der Plastik des Bettes.
In den Gegenden, wo wir uns jetzt befanden, war der Lauf des Flusses noch einigermaßen gerade, und ich machte in 25 Minuten nur eine Peilung. Aber bald änderten sich die Verhältnisse, und die Pausen zwischen den Peilungen überstiegen selten 3 oder 4 Minuten. Ich konnte kaum die Aufzeichnungen abschließen, bis wieder eine Peilung gemacht werden mußte, und die Kompaßnadel schwankte von einer Zahl zur anderen.
Der Fluß fällt nicht regelmäßig, sondern ruckweise, so daß um die Schlamminseln und die Halbinseln herum scharf markierte Erosionsränder entstehen. Doch sowie der Schlamm getrocknet ist, fällt er ab und man hört ihn überall ins Wasser plumpsen.
Eine vorspringende Landspitze heißt „Tumschuk“. Unterhalb einer solchen entsteht gewöhnlich eine Unterwasserbank, die bei noch niedrigerem Wasserstande freigelegt ist. Für uns waren solche Stellen die schlimmsten. Fuhren wir trotz aller Anstrengungen der Leute fest, so sprangen sie sofort ins Wasser und schoben uns flott. Das Aufgrundstoßen war bei dem weichen Boden so unmerkbar, daß ich gewöhnlich erst dann etwas davon gewahr wurde, wenn die Männer riefen „Laiga tegdi“ (ist auf den Lehm geraten), „Toktadi“ (ist stehengeblieben) oder „Turdi“ (hat sich festgefahren), „Tüschdi“ (ist abgeglitten, eigentlich fiel). „Mangdi“ oder „Mangadi“ (es geht) sind Ausrufe, welche verkünden, daß wir die Fahrt wieder aufgenommen haben. Stieß das Vorderteil auf, so drehte sich die Fähre im Kreise herum und der Kopf wurde einem so schwindlig wie in einem Karussell. Die Landschaft veränderte ihr Aussehen in einem Augenblick, und die Sonne schien verrückt geworden zu sein; eben hatten wir sie im Rücken, und nun stand sie vor dem Vorderschiffe.
Die Erscheinungen im Flusse, welche ständig wiederkehren, bezeichnen die Eingeborenen mit besonderen Namen. Kleine Strömungsanzeichen über einer Untiefe heißen „Kainagan-su“ (kochendes Wasser) oder „Kainagan-lai“ (kochender Schlamm). Wenn der Fluß sich teilt, spricht man einfach von dem linken und rechten Flußarme; ist der eine kleiner, heißt er „Kitschik-darja“ (kleiner Flußarm) oder „Partscha-darja“ (Flußteil); eine Sackgasse heißt „Bikar-darja“ und ein verlassener Arm „Eski“- oder „Kona-darja“, und wenn er eine isolierte Wasseransammlung enthält, „Köll“. Wenn der Fluß sich teilte, schwebten wir gewöhnlich in der größten Ungewißheit darüber, welchen Arm wir wählen sollten, und wir machten dann nicht selten Halt, um die Stelle mit der Jolle genauer zu untersuchen und zu peilen.
Im Vorderschiff hat mein Freund Palta (Abb. 25) seinen Platz; mit nackten Beinen und bereitgehaltener Stange saß er da, beobachtete aufmerksam den Fluß und folgte genau der von Kasim im Avisoboot angegebenen Richtung. Gewöhnlich sang er in schwermütigen Rhythmen ein Lied von den Abenteuern eines Königs, interessierte sich aber, ebenso wie seine Kameraden, stets sehr für das Navigieren und das Leben an Bord.
In einer Linksbiegung berührten wir die Landstraße nach Maral-baschi und sahen von fern die Pappeln an dem Stationshause Meinet. Ein Mann saß auf einer Landspitze und erwartete uns, um Grüße von der Karawane auszurichten. Die Kosaken hatten ihn gebeten, uns einen Napf Milch zu bringen, den wir im Vorbeifahren auffingen; er muß aber lange auf uns gewartet haben, denn die Milch war schon sauer.
Bei Besch-köll (die fünf Seen) wurde eine Flußmessung vorgenommen. Das Bett war 86,4 Meter breit und hatte 2,22 Meter größte Tiefe, die Geschwindigkeit betrug 42,4 Meter in der Minute, und die Wassermenge belief sich auf 84,7 Kubikmeter in der Sekunde.
Am 19. September wurden neue Erfahrungen in der Flußschiffahrt gemacht. Von frühmorgens an wehte eine lebhafte, frische Nordwestbrise, und wir fanden bald, daß sie die Fahrt der Fähre nicht nur in hohem Grade hemmte, sondern sie an breiten Passagen mit langsamer Strömung und Gegenwind auch gänzlich zum Stillstehen brachte. Das Zelt und die schwarze Kajüte gaben einen Windfang ab, und die kleine Proviantfähre, der jeglicher Oberbau fehlte, hatte jetzt stärkere Fahrt.
Der Lauf des Flusses ging eine gute Weile nach Norden, und der Nordwestwind, der 3,71 Meter Geschwindigkeit in der Sekunde hatte, war uns hinderlich. Die Männer mußten unaufhörlich auf der Steuerbordseite stoßen und schieben, um einen Anprall an das rechte Ufer zu verhindern. Ein heftiger Windstoß entführte mein schönes Kartenblatt, das aber weit davon mit der Jolle wieder aufgefischt wurde; es war zu kostbar, um den Göttern des Flusses geopfert werden zu können.
Als wir später nach Osten und Südosten umbogen, hatten wir den Wind mit uns, und die Fähre ging 21 Meter schneller als die Strömung, die heute 38,4 Meter in der Minute betrug. Bei der nächsten Biegung nach Nordwesten war der Wind so heftig, daß wir halten mußten. Es ist klar, daß die Karte ein falsches Bild von dem Flusse geben würde, wenn man nicht stets den Einfluß des Windes auf den Gang der Fähre berücksichtigte. Doch dies ließ sich sehr leicht dadurch erreichen, daß während der Fahrt der Unterschied zwischen der Geschwindigkeit der Strömung und der des Schiffes gemessen wurde.
Bei Schäschkak, wo wir lagerten, hatte das Ufer eine Höhe von 2,3 Meter. Wir mußten eine kleine Treppe in seine Wand graben, um eine bequeme Verbindung zwischen der Fähre und dem Lande zu haben. Hier wohnen vier Hirtenfamilien, die 200 Schafe, sowie Ziegen und Kühe besitzen. Sie sind auch Ackerbauer und bauen Mais und Weizen bei den Hütten; die Felder bewässert ein gegrabener Kanal. Daß selbst diese schmalen Bewässerungskanäle den Fluß brandschatzen, versteht sich von selbst. Die Hirten mußten uns alles, was sie über den Fluß wußten, mitteilen und erzählten uns auch, daß ihre Waldgegend Hirschen, Antilopen, Wildschweinen, Wölfen, Füchsen, Luchsen, Hasen und Fasanen als Aufenthaltsort diene; Tiger gebe es dagegen hier nicht.
Bei diesem Lager betrug die Breite des Flusses nur 42,6 Meter und die Wassermenge 67,16 Kubikmeter, was ein bedenkliches Fallen in einem Tage verriet. An den jetzt herannahenden Herbst denkend, begann ich zu fürchten, daß wir noch nicht bis ans Ende des Flusses gelangt sein würden, wenn uns der Winter in seine Eisbande schlüge, und es kam sehr darauf an, in Zukunft möglichst viel aus jedem Tage zu machen. Die Hirten sagten, es sei beinahe zwei Monate her, daß das Wasser seinen höchsten Stand gehabt habe, und der Fluß friere in dieser Gegend nun wohl in 75 bis 80 Tagen zu. Das Eis bleibe 2½ bis 3 Monate liegen und im Frühling könne man an mehreren Stellen zu Fuß durch das Bett waten.
Als ich am folgenden Morgen erwachte, sah der Himmel unheilverkündend aus. Die Nacht war die kälteste gewesen, die wir bisher gehabt (+2,9 Grad), und die Luft war mit den Vorboten des Herbstes beladen, die das Gelbwerden des Laubes verursachen. Es lag wie eine Dämmerung über der Erde. Doch dies waren weder Wolken noch Nebel, sondern feiner Flugsand, der von einem Sarik-buran (gelber Sturm) über den Boden hingeführt wurde, von welchem Sturme man aber an Bord nichts merkte, weil die Fähre im Windschutz unter der Uferwand lag. Die Landschaft sah düster aus, und die Tamarisken und Schilfdickichte der Ufer verschwanden schon auf eine Entfernung von nur 200 Meter im Nebel. Die Fährleute glaubten mit Recht, daß es schwer sein würde, bei diesem Winde zu treiben, und wir beschlossen abzuwarten, wie das Wetter sich gestalten würde.
Jetzt und später oft benutzte ich die unfreiwillige Ruhe zum Segeln mit der englischen Jolle, die jedoch für diesen Sport eigentlich nicht bestimmt war, da sie weder Kiel noch Steuer hatte. Sie konnte also nur bei günstigem Wind benutzt werden; ein im Achter festgebundenes Ruder diente als Steuer. Bei dem starken Winde flog sie fast wie eine Ente über das Wasser, und das Wasser zischte förmlich um den Vordersteven. Ich segelte flußaufwärts und hielt mich außerhalb der Strömung; die Ufer eilten an mir vorüber, ich wurde wie über große, offene Seen zwischen den niedrigen Schlamminseln hingetragen, das Wasser kochte um das Boot herum, und der Wald verschwand im Windstaube. Nach mehrstündiger, herrlicher Fahrt meinte ich, es sei nun Zeit, umzukehren. Ich nahm Mast und Segel ab und suchte die Strömung auf, um mich von ihr heimtreiben zu lassen. Dies ging jedoch nicht so leicht, wie ich gehofft; der Wind war so heftig, daß die Oberströmung gehemmt wurde und daher äußerst langsam war. Doch auch hiergegen gab es guten Rat; nur einen Fuß unter der Oberfläche war die Strömung ebenso stark wie gewöhnlich, und als ich die Ruder so festband, daß die Blätter vertikal ins Wasser herabhingen, trieb das Boot mit der Schnelligkeit der Unterströmung flußabwärts.
An einer Stelle, wo ich zu landen beabsichtigte, war der Boden außerordentlich tückisch; er gab nach, und ich versank bis zu den Hüften und wäre noch tiefer eingesunken, wenn ich mich nicht rechtzeitig am Bootrande festgehalten hätte. Endlich tauchte das weiße Zelt der Fähre aus dem Staubnebel auf, und ich legte an ihrer Seite an. Um schnell zur Hand zu sein, wenn sie gebraucht würde, lag die Jolle stets am Achter angebunden im Schlepptau der Fähre. Man konnte mit ihr jeden Augenblick an Land gehen, ohne mit der großen Fähre anlegen zu müssen. Islam Bai pflegte sich in ihr ans Ufer rudern zu lassen, wo er dann stundenlang den Wald durchwanderte und oft mit Fasanen und Wildenten zurückkehrte. Für ihn war die Flußreise recht einförmig, und er ergötzte sich daher oft an kleinen Jagdausflügen.
Am 21. September war das Wetter andauernd herbstlich und so unfreundlich und kalt, daß man die Winterkleider hervorholen mußte. Der Himmel war so finster und staubtrübe, als wäre er mit Regenwolken bedeckt. Es war, wie gewöhnlich, der östliche Wind, der den Staub mitführte; der Westwind ist stets klar und rein. Den ganzen Tag hielt der Ostwind an. Der Karawane war er sicher willkommen, uns aber war er es nicht, denn er wirkte sehr nachteilig auf den Gang der Fähre ein: hatten wir ihn mit uns, so ging es zu schnell, und hatten wir ihn entgegen, zu langsam, und sobald sich der Fluß schlängelt, hat man den Wind von allen möglichen Seiten. Die stauberfüllte Luft beschränkt den Umfang der Aussicht. Wo der Fluß für eine Weile gerade ist, verschwindet seine breite Wasserfläche wie in weiter Ferne, und man kann nicht, wie bei klarem Wetter, von den dunkeln, waldigen Landspitzen darauf schließen, nach welcher Seite die nächste Kurve abbiegt.
In gewaltigen Krümmungen ging es weiter den Tarim hinunter. In einer scharfen Biegung unterhalb von Scheitlik, wo der Fluß nach Süden umschwenkt, wurden 6 Meter Tiefe gemessen, und die Strömung war trostlos langsam. Hätte ich nicht die Karte vor mir gehabt, so hätte ich aus dem Flusse gar nicht mehr klug werden können, denn er fließt nach allen Himmelsrichtungen. Im großen ganzen geht er nach Nordosten, doch nicht selten treiben wir eine Weile nach Südwesten.
Dowlet leistet mir treu Gesellschaft, Jolldasch aber bleibt unter Deck. Er hat Schläge bekommen, weil er einen unverschämten Besuch bei der Proviantniederlage gemacht hat, und schämt sich jetzt. Wenn sich aber Männer und Herden und besonders Hunde an den Ufern zeigen, kommt er wie ein Pfeil hervorgeschossen, um Dowlet vom Vorderdecke aus bellen zu helfen. Mir machten die Gesellschaft der Hunde und auch ihre Streiche an Bord großes Vergnügen; sie hatten sich vollständig an unsere Art zu reisen gewöhnt und streiften wie kleine Hausgeister umher. Wenn ihnen die Ufer verdächtig erschienen, standen sie ganz vorn auf dem Vorderdeck und verübten entsetzlichen Lärm, und sobald wir uns für die Nacht lagerten, warteten sie nicht, bis die Landebrücke, eine Planke, ausgelegt worden, sondern sprangen an Land, um einander spielend im Walde zu jagen. Beim Abendessen leisteten sie mir Gesellschaft und schliefen stets im Zelte.
Das Wasser war jetzt so kalt, daß die Männer nicht unnötigerweise hineinsprangen. In ruhigen Krümmungen (Bulung) und im Walde waren die Mücken schrecklich lästig und zudringlich. Es ist eine Art kleiner grauer Mücken, die man nicht eher sieht, als bis sie einem zu Leibe gehen und stechen; sobald es aber ein bißchen weht, sind sie fort. So hat selbst die Windstille ihre Schattenseiten.
Am Ufer sahen wir eine große Schar Männer mit ihren Pferden; sie waren abgestiegen und schienen uns zu erwarten. Es stellte sich heraus, daß es der Bek von Aksak-maral war, der sich auf dem Wege nach Merket befand und die Gelegenheit benutzte, einen Dastarchan aufzutischen, den wir uns aus Höflichkeit gefallen lassen mußten.
Auch an diesem Abend wurde der Fluß gemessen. Wir machen gewöhnlich etwas vor Sonnenuntergang Halt, damit wir fertig werden, ehe die Dämmerung in Dunkelheit übergeht, und der Lagerplatz wird stets so gewählt, daß alles Wasser in einem schmalen Bette von großem Gefälle, an dessen Ufer es Brennholz gibt, vereinigt ist.
Zur Messung ist das kleine Boot mit seinen Rudern nötig, ferner der Anker mit seinem Tau, eine lange Stange, Strommesser, Bandmaß, Uhr und Notizbuch; Islam oder einer der Fährleute helfen dabei. Die Breite wird direkt mit dem 50 Meter langen Bandmaße gemessen; ist der Fluß breiter, so wird in den Grund eine Stange als Merkzeichen gestoßen. Nachher wird auf einer Reihe von in gerader Linie liegenden Punkten die Tiefe gemessen, und an denselben Punkten in zwei oder mehreren verschiedenen Tiefen die Geschwindigkeit des Wassers festgestellt. Beim Lager von Att-pangtsa betrug die Wassermenge 59,1 Kubikmeter in der Sekunde. Der Fluß nimmt also immerzu ab, was jedoch für das Auge nicht sichtbar ist; jeder Teil des Bettes enthält ungefähr ebensoviel Wasser wie bisher, aber die Geschwindigkeit nimmt ab.
Am Morgen des 22. September flog eine Anzahl Gänse in wohlgeordneter Phalanx nach Südwesten; wahrscheinlich ist Indien ihr Ziel. Am rechten Ufer geht vom Flusse ein schmaler Kanalarm ab, der eine in der Nähe liegende Mühle treibt. Er zeigt das eigentümliche Verhältnis, daß das Land hier niedriger ist als die Oberfläche des Flusses, selbst bei dessen gegenwärtig niedrigem Wasserstande.
Zwischen den Bäumen des linken Ufers erblickten wir einige Wanderer; sie schienen auf uns zu warten. Bald erkannten wir Sirkin, Nias Hadschi und den On-baschi von Ala-aigir. Sie wurden aufgefordert, uns nach diesem Orte, wo die Karawane seit ein paar Tagen der Ruhe pflegte, zu begleiten. Da sie an Wasserreisen nicht gewöhnt waren, machte ihnen die Abwechslung viel Vergnügen.
Der Tograkwald war bedeutend größer als bisher, und manchmal glitten wir unter schattigen Gewölben so still und feierlich wie eine Prozession hin. Der Wald stand am üppigsten auf dem konkaven Ufer der scharfen Krümmungen, wo das Wasser sich das ganze Jahr hindurch den Wurzeln nähert.
Als wir vor Ala-aigir vorbeifuhren, mußten unsere Männer wieder an Land gesetzt werden; nun erst waren wir endgültig von der Karawane abgeschnitten. Sie erhielten Auftrag, Parpi Bai, meinen alten treuen Diener von meiner ersten Reise durch Asien, der jetzt in Kutschar wohnte, nach Karaul zu schicken, um dort unsere Ankunft zu erwarten.
In der Togluk (Verdämmung) genannten Gegend blieben wir die Nacht. Sobald ich den Lagerplatz ausgewählt und „Halt“ gerufen habe, stößt Palta seine lange Stange in den Grund, stemmt den Fuß gegen einen Querbalken und zwingt mit seiner ganzen Schwere das Achter der Fähre, sich in einem Bogen nach dem Ufer hinzudrehen, wo einer der Leute mit dem Tau in der Hand an Land springt.
In einer scharfen Biegung gerieten wir in den Wirbel der Gegenströmung und hatten alle Mühe wieder herauszukommen; die 5 Meter langen Stangen erreichen nicht den Grund, und der Wirbel versucht uns festzuhalten. Es bleibt uns kein anderer Ausweg, als mit einem Tau an Land zu rudern und dann die Fähre so weit zurückschleppen, bis sie wieder in der Strömung ist.
Darauf erreichen wir den Punkt, wo sich der Fluß in zwei Arme teilt. Der linke, kleinere heißt Kona-darja; durch ihn strömt Wasser nach Maral-baschi; der rechte, Jangi-darja, ist das Hauptbett des Flusses und soll sich erst vor vier Jahren gebildet haben. Aksak-maral gerade gegenüber vereinigen sich beide Betten wieder. Der Jarkent-darja hat also auch hier einen Schritt nach rechts getan, und wir sollten bald finden, daß das Flußbett immer veränderlicher wurde, je weiter wir flußabwärts kamen. Diese Veränderlichkeit erreicht ihr Maximum im Lopgebiete, wo das Flußbett periodenweise wie ein Pendel hin und her schwankt, was mit Veranlassung zu der wechselnden Lage des Lop-nor gibt.
Gleich unterhalb des Hauptarmes, der auch Kötteklik heißt, weil an seinen Sandbänken Treibholz und Stücke von verdorrten Pappeln in großer Menge hängengeblieben sind, rasteten wir eine Weile. Die Fährleute erklärten, wir seien einer gefährlichen Stelle, von der wir in der letzten Zeit viel reden gehört, ganz nahe. Schon in Lailik hatte man uns gesagt, daß im Kötteklik ein etwa 10 Meter hoher Wasserfall sei; jetzt schrumpfte er freilich auf einen Meter zusammen, wir würden aber doch, um glücklich hinüberzukommen, 30–40 Mann zur Hilfe brauchen. Die einzig mögliche Art weiterzukommen sei, das ganze Gepäck an Land zu bringen und die Fähre über den Fall zu ziehen. Der On-baschi von Ala-aigir wurde daher beauftragt, etwa 20 Mann aufzutreiben und sich am nächsten Morgen in aller Frühe mit ihnen einzustellen.
Der ruhige, klare Tag war noch nicht weit vorgeschritten, und ich beschloß daher, mit der Fähre bis an den Wasserfall zu gehen, um die Stelle genauer in Augenschein zu nehmen. Wir glitten flußabwärts, zwischen Holmen von Treibholz hindurch, wo die Strömung stark und der Durchgang oft so eng war, daß die Fähre nur eben hindurchkam. Einen großen Teil des Weges mußten die Männer, im Wasser gehend, die Fähre schleppen, damit sie sich nicht festklemmte, und dennoch fuhr sie nicht selten an einem gesunkenen Pappelstamme fest. Blieb sie mit irgendeinem Punkte des Vorderteiles hängen, so drehte sie sich ganz herum. Es veranlaßte allgemeine Heiterkeit und eifriges Rufen, wenn die vordersten Männer ganz unvermutet in tiefes Wasser gerieten und ein gründliches Bad nahmen, ehe sie den Rand der Fähre ergreifen und über die Reling klettern konnten.
So erreichten wir eine Stelle, wo das Wasser mit beunruhigendem Getöse brauste und rauschte. Die Männer erklärten, dies sei der erste Katarakt (Scha-kurun). Er sah sehr unschuldig aus, und seine Schwelle war nicht höher als 10 Zentimeter. Die Fähre glitt leicht hinüber, ohne sich im mindesten auf die Seite zu legen. Zwei folgende Fälle waren ebenso unbedeutend. Einer hatte freilich tiefes Wasser, aber ein paar Meter weiter unten war er wieder sehr seicht, weil das Wasser den Boden unter dem Wasserfalle aushöhlt und dann gleich wieder ablagert.
Nachdem wir über diese „gefährliche“ Stelle hinweg waren, nahm der Fluß sein altes Aussehen wieder an, war jetzt aber schmal und tief. Die Fähre hatte die ganze Zeit über vortreffliche Fahrt. In einer scharfen Krümmung ging es so schnell und das Schiff steuerte so energisch dem konkaven Ufer zu, daß wir es nicht aufhalten konnten, sondern gegen das Ufer prallten und sofort stehenblieben. Meine obere Tischkiste wäre über Bord geschleudert worden, wenn Palta sie nicht noch rechtzeitig festgehalten hätte.
Als wir bei einer einsamen Pappel in der Gegend von Kötteklik-ajagi lagerten, langte unser On-baschi mit 20 Reitern an. Sie waren ganz verdutzt, daß wir ohne ihre Hilfe über die Fälle gekommen, und mußten nun wieder nach Hause zurückkehren.
Der Bek von Aksak-maral kam auf Besuch und wurde, da er in der Gegend gut Bescheid wußte, eingeladen, uns ein paar Tage zu begleiten. Unsere Art zu reisen interessierte ihn außerordentlich, er glaubte jedoch, daß es während der Hochwasserperiode mit großen Schwierigkeiten verbunden gewesen wäre, die Flußreise zu machen. Man hätte dann keine Stangen finden können, die bis auf den Grund reichten, und die Fähre wäre steuerlos mit der heftigen Strömung getrieben und in den Biegungen mit solcher Wucht angeprallt, daß die Kisten vom Deck herabgeglitten wären. Ein anderer Nachteil während einer früheren Jahreszeit wäre die Hitze gewesen, und vor allem die Mücken, die noch im Herbst sehr lästig waren. Wir hatten also die günstigste Jahreszeit gewählt.
Der Jangi-darja oder Kötteklik-Arm hatte bloß noch 36,9 Kubikmeter Wasser in der Sekunde; 22,7 Kubikmeter, die durch den Kona-darja nach Maral-baschi gehen, hatten wir verloren. Sollte es uns gelingen, mit der Fähre weiterzukommen, wenn sich der Fluß noch einmal teilte?