Während des Rasttages im Lager Nr. 33 trat ein Umschlag im Wetter ein. Der Morgen war herrlich und klar, aber um die Mittagszeit schmetterte eine heftige Hagelbö auf uns herab, und bald folgte ihr eine zweite. Nachher sprühregnete es den ganzen Tag, und abends stürzte ein anhaltender Gußregen auf unsere Zelte nieder. Das eintönige Rauschen des Regens ist kein Vergnügen, wenn man weiß, daß alle Lasten dadurch an Gewicht zunehmen, Zelte und Jurten schwer und naß werden und das Erdreich aufweicht und sumpfig wird. Heute brauchte man nur ein paar Schritte ins Freie zu tun, um sich an den Stiefeln zolldicke Sohlen von Erde und Schlamm zu holen.
Am 10. Juli nahmen wir von den Leuten der Nachhut Abschied. Tschernoff hatte erkannt, daß es ihm als großes Verdienst angerechnet werden würde, wenn er möglichst viele von den elf Kamelen mit ins Hauptquartier brächte.
Nachdem es die Nacht tüchtig geschneit hatte, lag das Land wieder kreideweiß und winterlich da; der Boden war glatt und schlüpfrig, und dunkle Wolken segelten in rastloser Jagd nach Osten. In den trostlosen Umgebungen nahm sich die zurückbleibende Karawane noch erbärmlicher als gewöhnlich aus. Von den Tieren fanden es nur einige wenige der Mühe wert, in dem Schneeschlamme zu waten. Die anderen lagen und ruhten sich aus. Das Lager selbst sah trostlos elend aus, aber die Muselmänner wünschten uns glückliche Reise, und ich drückte Tschernoff zum Abschied die Hand; ich würde meinen tüchtigen, zuverlässigen Kosaken ja erst nach meiner Rückkehr von der Pilgerfahrt wiedersehen — wenn ich mit dem Leben davonkam.
Den ganzen Tag über war das Wetter unfreundlich. Ein anhaltender Hagelschauer war so heftig, daß wir halten und, in unsere Mäntel gehüllt, warten mußten, bis er vorüber war. Die Sonne, die sich darauf eine Weile zeigte, trocknete unsere Kleider, bis die nächste Bö uns wieder durchnäßte. Ich ritt mit dem Lama voraus und suchte nach einem Marsche von 23½ Kilometer den Lagerplatz aus. Obwohl die Karawane jetzt, da wir alle erschöpften Tiere zurückgelassen hatten, besser und schneller als gewöhnlich marschierte, mußten wir doch eine gute Weile auf sie warten, welche Gelegenheit der Himmel benutzte, um uns noch eine gründliche Dusche zu geben. Der Lama saß geduldig still, betete mit philosophischer Ruhe sein „Om mani padme hum“ und ließ dabei die 108 Perlen seines Rosenkranzes durch die Finger gleiten, während ich mich in eine Filzdecke hüllte, die stets auf meinen ungarischen Feldsattel geschnallt war.
Die Tagereise bot im großen und ganzen ziemlich vorteilhaftes Terrain, besonders nachdem wir zwei kleinere Pässe überschritten hatten. So weit zogen wir alle miteinander. Auf dem Südabhange des Passes grasten sechs Yake, und da die Jagd seit einigen Tagen keinen rechten Ertrag geliefert hatte, sollten jetzt Sirkin und Schagdur unseren Fleischvorrat verstärken. Nur ungern bequemen wir uns dazu, die Schafe zu schlachten, denn wir betrachten sie immer mehr als Kameraden, und überdies ist ihr Fleisch wenig wohlschmeckend, da die Tiere beständig in Bewegung sind und sich nicht satt fressen können. Die Kosaken erlegten je einen Yak, und Turdu Bai und Ördek begaben sich mit Messern und Beilen nach der Walstatt, um die besten Stücke für uns mitzunehmen.
Auf dem Passe (5186 Meter) wurde uns ein erfreulicher Anblick zuteil: wir sahen gleichmäßig offenes Land für ein paar Tagereisen. Aber in die Freude mischte sich auch Wehmut, denn im Südosten, Süden und Südwesten glänzte eine Kette mit gewaltigen Schneefeldern, die wir nicht würden umgehen können. In dem breiten Längentale, das sich wie gewöhnlich von Osten nach Westen bis ins Unendliche erstreckt, war die Weide knapp und bestand meistens aus Moos und wildem Lauch. Den letztern haben alle gern. Er wird in meine Suppen geschnitten; die Muselmänner kauen ihn roh und sagen, daß er gegen Bergkrankheit wirke, die Kamele fressen ihn mit wahrer Gier und ziehen ihn allem anderen vor. Wenn auf den Lagerplätzen weiter nichts zu tun ist, läßt Turdu Bai alle Mann Lauch pflücken, und auch während des Marsches macht er an Stellen, wo der Lauch dichter steht, einige Minuten Halt, um den Kamelen Zeit zum Abreißen der saftigen, wohlschmeckenden Stengel zu geben.
Wir befanden uns hier im Lager auf einer Höhe von 4982 Meter. Der 11. Juli war der Jahrestag zweier Ereignisse, die auch mit hohen absoluten Zahlen zu tun hatten und zu denen ich jetzt mit meinen Gedanken lebhaft zurückkehrte. Heute sind es vier Jahre, seit Andrée seinen kühnen, in jeder Beziehung glänzenden Ballonaufstieg von Spitzbergen machte und die Reise antrat, von der er nicht zurückkehren sollte. Ich sage absichtlich „glänzenden“, denn der Plan selbst war so kühn und großartig, daß keine andere Nation ein Gegenstück dazu aufweisen kann! Und die drei Märtyrer der Wissenschaft, die wir da verloren, hatten gezeigt, daß es noch tüchtige Männer im Schwedenlande gibt.
Am 11. Juli sind auch elf Jahre vergangen, seit ich den Gipfel des Demawend bestiegen hatte. Auch damals hatte ich einen saueren Tag, um meine 5715 Meter zu erreichen, aber damals handelte es sich um eine einzige, von freundlichen, lachenden Tälern umgebene Bergspitze, jetzt dagegen um endlose Räume, in denen wir uns mit schweren Schritten fortschleppten. —
Unsere Tagereise ging ungehindert nach Ostsüdost, aber ohne daß wir uns darum der hinter schwarzen Vorbergen versteckten Schneekette merklich näherten. Die Niederschläge waren reichlich, die Erde trocknete nicht mehr zwischen den Schauern, die alles in Schlamm verwandeln und die Kamele zum Ausgleiten bringen. Der Lama sagte, daß jetzt die Regenzeit ihren Einzug halte und zwei Monate dauern werde; „so ist es wenigstens in Lhasa“, fügte er hinzu.
Man erkennt die rücksichtslosen Regenböen schon von weitem; sie rollen einher wie blauschwarze Rauchmassen mit scharf abgegrenzter Front, vor welcher der blaue Himmel mit seinen weißer Watte ähnlichen Wölkchen zusammenschrumpft und verschwindet; hinter ihnen aber sieht es aus, als sei die Nacht selbst im Anzuge. Und man ist ihnen preisgegeben, kann nicht entrinnen; das Unwetter zieht herauf, Blitz und Donner kommen immer näher, die Schläge durchschneiden mit ohrenbetäubendem Krachen die Luft, die ersten schweren Tropfen und Hagelkörner fallen auf die Erde, und im Nu hat man die Bö über sich. Die Pferde werden unruhig und scheu, die Kamele versuchen sich jedes auf die geschützte Seite des anderen zu drängen, was die Lasten in Unordnung bringt. Man wird durch und durch naß, es rieselt und tropft von Mütze und Ärmeln, die Zügel liegen kalt und schmutzig in der Hand, die Filzstiefel saugen sich voll, und die ganze Annehmlichkeit des Rittes durch ein unbekanntes Land ist verschwunden. Wenn der Sturm über uns weggezogen ist, muß die Karawane wieder in Ordnung gebracht werden. Die Bergrücken scheinen mit der blendendsten weißen Farbe angestrichen zu sein.
Es gibt nichts Gemeineres als solch ein Wetter. Die Wanderung wird schwer und mühsam, das auf dem Erdboden ausgebreitete Bett ist feucht, und die Jurte verbreitet einen unangenehmen Geruch. Nur selten bietet sich eine Gelegenheit, die astronomischen und photographischen Instrumente zu benutzen, und das in Arbeit befindliche Kartenblatt ist nach einer Weile naß und knitterig.
Während einer halben Tagereise folgten wir dem Flusse, an dessen Ufer wir gelagert hatten, nach Osten, nachher aber zogen wir auf leicht kupiertem Boden nach Südosten. Schließlich gelangten wir noch an einen Tümpel, wo wir für den Tag Halt machten. Die Zelte waren schon aufgeschlagen, als sich herausstellte, daß das Wasser salzig war. Ebenso ging es uns mit dem Brunnen, der gegraben wurde. Schagdur verschwand zu Pferd mit zwei kupfernen Kannen, und nach einer Stunde sahen wir ihn in vollem Galopp auf das Lager zureiten. Wir wunderten uns, daß er es so schrecklich eilig hatte, aber er erzählte sehr aufgeregt, daß er beinahe von einem Wolfe, den er jetzt für seine Frechheit bezahlen werde, überfallen worden sei. Der Wolf war ihm zweimal direkt zu Leibe gegangen, und er hatte zur Verteidigung nichts weiter gehabt als die kupfernen Kannen. Damit hatte er nach dem Wolfe geworfen und sich dann zu Pferd davongemacht. Wir konnten die große, beinahe weiße Bestie, welche die Verfolgung bis an das Lager fortgesetzt hatte, mit dem Fernglas beobachten. Doch als Schagdur und Sirkin mit ihren Flinten hinausritten, hielt es der Isegrimm für geraten, sein Heil in der Flucht zu suchen. Die Schafe wurden sicherer als gewöhnlich eingepfercht und die Pferde und Maulesel bewacht. Die Kamele hielten es nicht für der Mühe wert, sich nach den spärlichen Halmen zu bücken, die um diesen schlechten Lagerplatz herum in dem Schutte wuchsen, sondern kamen freiwillig nach Hause und legten sich neben ihre Plagegeister — die Lasten.
Nun mußte Ördek nach dem Flusse zurückreiten; es war schon stockdunkle Nacht, als er mit den gefüllten Kannen zurückkehrte.
Die ganze Nacht schneite es, und am folgenden Morgen verließ man mit Widerwillen die Jurte, um sich wieder in die Nässe hinauszubegeben. Es ist gerade wie beim Baden; wie man es auch anstellt, ohne Naßwerden geht es nicht ab.
In derselben Richtung (Südosten) durchzogen wir eine an Salztümpeln reiche Landschaft von lauter Hügeln und Landrücken und gingen über sechs kleine Pässe, bis wir einen bedeutenden Fluß erreichten, der in einen langgestreckten Salzsee mit weißen Salzkristallisationen an den Ufern mündete. Endlich sollten die Pferde getränkt werden. Der Fluß strömte außerordentlich langsam, kaum merkbar für das Auge. Sei es, daß er aus mit Salz gesättigten Gegenden kommt oder daß das Wasser des Sees bei Wind in den Fluß hinaufgeht, genug, um den ersehnten Labetrunk wurden wir schmählich betrogen, denn das Wasser war grimmig salzig. Bald darauf fanden wir indessen einen kleinen Tümpel mit süßem Wasser, und hier tranken alle Tiere nach Herzenslust (Abb. 238).
Auf dem zu unserer Rechten befindlichen Abhange weidete einsam ein großer schwarzer Yakstier. Da wir es für unnötig hielten, ihm das Leben zu nehmen, hetzten die Kosaken Scherzes halber die Hunde auf ihn. Diese umringten ihn mit wildem Geheul, hüteten sich aber wohl zu beißen. Jolldasch, der Spitzbube, zupfte ihn nur an den Seitenfransen. Der Yak drehte sich nach jedem Angreifer um, keuchte und schnaubte, richtete den Schwanz hoch auf und hielt die Hörner bereit. Dann und wann fuhr er schnell auf einen der Aufdringlichen los. Er war hiermit so beschäftigt, daß wir mit dem großen photographischen Apparate ganz nahe herankommen konnten; die Bilder wurden aber doch recht klein. Ich hielt das Tier fast für einen zahmen, Tibetern entlaufenen Yak, so ungeniert war es.
Nun kam Turdu Bai mit dem Todesurteil. Wir brauchten mehr Fleisch, sagte er. Die Hunde wurden fortgelockt, zwei Schüsse krachten gleichzeitig. Dem Yak schien weder der Knall noch die Kugeln das Geringste auszumachen. Seitdem die Hunde sich entfernt hatten, stand er regungslos da. Als sie aber wieder angriffen, geriet er in Wut und jagte sie den Abhang hinunter, stürzte dabei zu Boden und war schon tot, als wir herankamen.
Es war ein großer, schöner Stier, dessen Hörner infolge von früheren Kämpfen mit Nebenbuhlern an der Spitze ganz zersplittert waren. Fleisch und Fett wurden mitgenommen, der Rest blieb liegen, wahrscheinlich zum Frommen für Schagdurs Freund, den Wolf.
Es ist eigentümlich, zwei ganze Tagereisen zurückzulegen, ohne Wasser zu finden, und dabei sieht man überall Lachen, denn die Regenzeit ist da. Dennoch marschierten wir 20 Kilometer, ohne Trinkwasser zu finden. Als sich schließlich ein Kamel weigerte, uns über noch eine übrigens ganz unbedeutende Paßschwelle zu folgen, lagerten wir. Schagdur machte weiter oben eine Quelle ausfindig.
„Wo ist das gute Gras? Wo werden wir das Hauptquartier aufschlagen?“ fragen wir uns jetzt täglich. Wir müssen noch 383 Kilometer von dem nordwestlichen Ende des großen Sees Tengri-nor entfernt sein. Wir können aber kaum erwarten, Spuren von Menschen zu finden, bevor wir jenseits der mächtigen Kette angelangt sind, deren Schneegipfel heute ein paarmal zwischen den Hügeln auftauchten. Der wilde Yak hatte entschieden nie Menschen gesehen, sonst hätte er sich auf das Photographiertwerden, das ihm das Leben kostete, gewiß nicht eingelassen. Merkwürdigerweise ist gerade diese Gegend sehr reich an Schädeln und Gerippen von Kulanen und Orongoantilopen. Doch stammen diese Skelette nur von verendeten Tieren her, denn wenigstens die Kulane werden von den Tibetern nie getötet.
Am 13. Juli zogen wir in dem offenen Längentale (Abb. 239) weiter und brauchten die Kamele nicht mit Pässen zu quälen. Das Gras ist schlecht; eine neue Art davon tritt auf, die der Lama „Buka-schirik“ oder Yakgras nennt und die auf der Pilgerstraße der Mongolen nach Lhasa und in der Umgegend dieser Stadt allgemein vorkommen soll. Wild ist in diesen Gegenden häufig; wir sehen Yake, Kulane, Orongoantilopen, Hasen und Rebhühner. An einem großen Flusse hielten wir es für das Klügste, das Lager aufzuschlagen, da wir so lange kein gutes Wasser mehr gehabt hatten.
Am 15. Juli stieg die Temperatur auf +11,1 Grad, nachdem sie nachts auf −3,4 Grad heruntergegangen war. Wir marschierten noch immer nach Südosten, um nach einer Einsenkung in dem gewaltigen Kamme, der uns im Süden von den Geheimnissen des heiligen Landes trennte, umherzuspähen. Hatten wir erst diesen Wall, der möglicherweise auch klimatische Bedeutung besaß, überwunden, so würden wir sicher in wärmere Gegenden gelangen, die eine bessere Weide boten und vielleicht von Tibetern bewohnt waren. Noch hatten wir aber keine Spur von Menschen gesehen.
In der Mitte des heutigen Marsches überschritten wir einen sehr großen Fluß, den größten, den wir seit dem Tarim gesehen hatten (Abb. 240, 241). Er strömte nach Südwesten, einem großen See zu, den wir nur aus der Ferne zwischen Hügeln und Bergen hatten hervorglänzen sehen. Die Wassermenge, die sich auf etwa zwanzig große und ebensoviele kleine Arme verteilte, betrug wohl 23 Kubikmeter in der Sekunde, die Stromgeschwindigkeit 1 Meter in der Sekunde und die größte Tiefe 60 Zentimeter. Hätte der Fluß nur eine einzige Rinne gehabt, so wären wir ohne die Hilfe des Bootes nicht hinübergekommen. Es erforderte mehr als eine halbe Stunde, um das andere Ufer dieses großen Wasserlaufes, der von den Schneebergen im Süden kommt, zu erreichen.
Die Hügel des linken Ufers waren von einer aus 75 Tieren bestehenden Yakherde geradezu schwarzgetüpfelt. Sie halten sich im Winter unten in den großen Längentälern auf, aber ihre Sommerfrischen liegen auf den mit Yakmoos bewachsenen Halden in der Nähe des ewigen Schnees.
Gerade vor uns, höher oben in dem breiten, offenen Talgrunde, zeigte sich etwas, das wir für einen Menschen hielten, der uns hochaufgerichtet mit steifer Haltung entgegenkam, aber infolge der Entfernung und der zitternden Luft nur undeutlich zu unterscheiden war. Sirkin, der Lama und Turdu Bai untersuchten den Gegenstand mit dem Fernglas und erklärten bestimmt, es sei ein Mann; der Lama fügte hinzu, der Mann sammle Yakmist und hinter ihm seien zwei schwarze Zelte zu sehen. Also schon jetzt Tibeter mit großen Yakherden? Es wäre fatal, mitten auf dem Marsche von Tibetern überrascht zu werden; nun würde die burjatische Verkleidung umsonst sein und durch alle unsere Pläne ein Strich gemacht werden!
Auch ich sah mir diesen rätselhaften Wanderer lange an. Wir warteten eine ganze Weile, um ihn näherkommen zu lassen. Doch mit der Zeit verwandelte sich unser Mann in einen Kulan, den wir in Verkürzung gesehen hatten; die schwarzen Zelte waren einfach die Schatten einer Erosionsterrasse, und die Herde bestand aus wilden Yaken, die, sobald sie unsere Karawane witterten, angefangen hatten, sich talaufwärts zu entfernen.
Bald darauf scheuchte Jollbars einen jungen Hasen auf, dem es sicher schlecht gegangen wäre, wenn er den Hund nicht durch seine schnellen Seitensprünge ermüdet und sich dann in eine kleine Erdhöhle geflüchtet hätte. Hier war er jedoch auch nicht sicher, denn Schagdur holte ihn mit der Hand heraus, band ihn und streichelte das erschreckte Tierchen. Als die Karawane und alle Hunde vorbeigezogen waren, löste ich seine Bande, um ihm die Freiheit wiederzuschenken. Er hüpfte mit leichten Sprüngen vergnügt fort und schien ganz erstaunt, daß er aus einem solchen Abenteuer mit heiler Haut davongekommen war; aber noch war er nicht weit gelangt, als ein Falke, den wir nicht bemerkt hatten, auf ihn herabstieß. Schagdur eilte hinzu, kam aber zu spät. Der Falke ließ seine Beute mit ausgehackten Augen in Todeszuckungen liegen.
Derartige Ereignisse sind die einzigen Unterbrechungen der langen, einförmigen Ritte. Ich reite stets neben dem Lama, um mich im Mongolischen zu üben, und allmählich nehmen unsere Pläne nach Lhasa eine immer deutlichere Gestalt an.
Am linken Ufer eines neuen Flusses, der sich weiter abwärts mit dem großen vereinigt, war die Weide besser als seit langem und überall so viel Yakdung vorhanden, daß wir dort das Lager aufschlagen konnten. Das Wetter war strahlend hell, in der Luft summten sogar Fliegen. Ein wenig weiter oben zeichneten sich die schwarzen Umrisse von 20 Yaken ab, und Kulane wie Antilopen waren zahlreich vertreten. Ein Kulan spazierte ganz in unserer Nähe auf dem gegenüberliegenden Ufer umher. Zwei Hunde schwammen über den Fluß und jagten ihn eine Strecke weit, er blieb aber sehr ruhig, graste weiter und ließ die Hunde bellen, soviel sie wollten. Nicht einmal Rebhühner und Wildgänse mit ganz kleinen Jungen fehlten in dieser Gegend, die uns außergewöhnlich gastfreundlich aufnahm.
Am 16. Juli blieben wir im Lager Nr. 38. Turdu Bai und Hamra Kul wurden in das gewaltige Tal hinaufgeschickt, in dem ich es nicht gleich mit der ganzen Karawane versuchen wollte; konnte es doch so schwer zu erklimmen sein, daß wir hätten wieder umkehren müssen.
Gerade als ich das Universalinstrument zum Observieren aufgestellt hatte, brach ein heftiger Hagelschauer los. Der Himmel wurde im Westen schwarz, der Donnergott rollte mit seinem schweren Wagen durch die Wolken, und die Schläge folgten so dicht aufeinander, daß die Erde unter ihnen bebte. Ich mußte hübsch wieder unter Dach kriechen. Die Hagelkörner schmetterten auf die Filzdecken meiner Jurte und tanzten wie Zuckerkügelchen auf dem Erdboden, der bald weiß wurde.
Nun ertönte Geschrei und Rufen. Tscherdon, der die Wache hatte, meldete, daß die anderen beiden Kosaken einen großen Bären aufgetrieben hätten, der in scharfem Galopp nach dem Lager eilte, aber rechtzeitig nach Osten abschwenkte, mit raschen Schlägen über den Fluß schwamm, die gegenüberliegende Uferterrasse hinaufkletterte und, die beiden Reiter hinter sich, die Flucht fortsetzte.
Kaum war die wilde Jagd an uns vorübergesaust, als von Tscherdons Zelt ein Schuß krachte. Ein großer, alter, weißgrauer Wolf war vor dem Lager umhergeschlichen und mußte ins Gras beißen.
Nach einer guten Stunde kehrten die Kosaken in scharfem Trab zurück und sprengten gerade auf mich los; es war ihnen anzusehen, daß sie mir etwas Wichtiges mitzuteilen hatten. Der Bär war ihnen nach einem letzten Schusse freilich entkommen, dafür aber waren die Jäger, geradewegs in ein tibetisches Lager hineingeritten! Ein mit einer Flinte bewaffneter Mann war bei ihrem Herannahen hinter einem Hügel verschwunden, einige Pferde weideten in der Nähe, und die 20 Yake, die wir gestern gesehen hatten, waren also doch zahme Tiere.
Nun waren die Kosaken, die sich mit dem Manne nicht hatten verständigen können, schleunigst umgekehrt, um mir von dem Geschehenen Mitteilung zu machen.
Der Lama war sehr verdutzt, als ihm die gefährliche Wirklichkeit auf den Leib rückte. Solange wir keine Spur von Menschen gesehen hatten, war ihm mein Plan als etwas Unbestimmtes, noch in weiter Ferne Schwebendes erschienen, aber jetzt standen wir an dem Punkte, wo die ersten Eingeborenen auftauchten und von welchem wir daher aufbrechen mußten. Wir fingen an zu glauben, daß der Kulan, den wir gestern gesehen hatten, doch am Ende wirklich ein Mann, jedenfalls aber ein Omen gewesen sein müsse, ein Vorzeichen, daß menschliche Wohnungen nicht mehr weit entfernt seien.
Wir berieten uns eine Weile über die Sachlage. Es war keine Zeit zu verlieren, denn auf die Kosaken hatte es den Eindruck gemacht, als hätten die Tibeter ihre Yake und Pferde nach dem Lager geholt, um bald aufzubrechen. Wir mußten sie festhalten, denn teils konnten sie uns wichtige Aufklärungen über Wege und andere Verhältnisse geben, teils würde es besser sein, wenn wir versuchten, ihr Vertrauen zu gewinnen und mit ihnen zusammenzureisen, um sie so zu verhindern, unsere Ankunft zu verkünden, welche Nachricht andernfalls wahrscheinlich wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund bis nach Lhasa dringen würde.
Ihr Lager war, nach Sirkin, nicht mehr als drei Kilometer von uns entfernt. Sie mußten uns auf jeden Fall gesehen haben, als wir gestern ankamen; man konnte sich jedoch nicht wundern, wenn sie sich absichtlich abseits hielten. Waren es tibetische Nomaden oder tangutische Räuber? Oder am Ende nur friedliche Yakjäger, die Fleisch und Felle auf zahmen Yaken nach Süden transportierten? So früh hatte ich nicht erwartet, Menschen zu treffen. Merkwürdig ist es auch, daß wir bisher noch keine Spur von alten Feuerstellen gesehen hatten.
Einstweilen beauftragte ich den Lama und Schagdur, sofort dorthin zu reiten und mit ihnen zu reden. Auch der Kosak kleidete sich in ein mongolisches Gewand und sah, dank seiner Rasse, wie ein echter Mongole aus, der er in Wirklichkeit ja auch war. Ich gab ihm Silbergeld mit für den Fall, daß die Tibeter geneigt wären, uns einige von ihren Pferden, sowie Tee und Tabak zu verkaufen, und damit sie sehen sollten, daß sie es mit ganz freundschaftlich gesinnten, ehrlichen Leuten zu tun hatten.
Die beiden Männer sprengten wieder durch den tiefen Fluß und verschwanden in der Dämmerung.
Gerade jener Augenblick, den ich gern solange wie möglich hinausgeschoben gesehen hätte, war jetzt ganz unerwartet eingetreten. Es ist klar, daß es für uns wallfahrende Pilger vorteilhaft gewesen wäre, wenn das starke Hauptquartier möglichst weit nach Süden hätte vorgeschoben werden können, so daß wir nicht zu weit von ihm abgeschnitten waren. Wir hatten verabredet, vorsichtig vorzudringen und Halt zu machen, sobald wir Menschenspuren entdeckten. Ja, wenn wir während des Marsches in der Ferne Herden oder Zelte erblickten, wollten wir sofort anhalten, so daß wir Pilger wenigstens Zeit hätten, uns „umzukleiden“, damit wir später, wenn wir zurückritten und uns dem heiligen Lande auf einem anderen Wege näherten, nicht dem Verdachte ausgesetzt wären, zu der großen europäischen Karawane zu gehören.
Nach ein paar Stunden kamen die Reiter in dunkler Nacht unverrichteter Sache wieder. Die Tibeter waren aufgebrochen; ihre Spur ging nach Osten. Ihr Feuer aus Argol (Yakdung) glühte und rauchte noch. Schagdur glaubte, daß sie erst nach dem Schusse der Bärenjäger auf uns aufmerksam geworden seien und sofort eingepackt hätten. Nach Ansicht des Lamas waren es drei Yakjäger gewesen; zwei Yakschädel und einige Hufe lagen auf der Erde verstreut. Wir überlegten, ob wir es versuchen sollten, die Tibeter einzuholen; aber da sie sicher beabsichtigten, die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag zu marschieren, mußten wir aus Rücksicht auf den Zustand unserer Pferde auf die Verfolgung verzichten.
Mit dem Frieden war es von diesem Tage an in unserem Lager vorbei. Nachts wurden Wachen aufgestellt, und die Karawanentiere durften nicht aus den Augen gelassen werden. Wir fingen an, halb auf Kriegsfuß zu leben, und mir stieg der Gedanke auf, daß es am Ende gefährlich sei, die Karawane zu verlassen; sie konnte leicht überfallen werden, da es jetzt ohne Zweifel als bekannt gelten durfte, daß eine Karawane im Anzuge war. Deshalb beschloß ich nach Beratung mit Schagdur zunächst, daß Tscherdon im Hauptquartier zurückbleiben müsse, um die Zahl der Verteidiger für den Fall eines Angriffes zu vergrößern. Später würde sich dann auch noch Tschernoff mit der Nachhut zu ihnen gesellen.
Dagegen hielten wir es für unnötig, das Hauptquartier schon hier anzulegen, denn es war keine Aussicht vorhanden, daß wir mit unseren schlechten Pferden die heilige Stadt eher erreichen würden als die vergrößerten, übertriebenen Gerüchte, die bald in Umlauf sein würden. Von hier aus hätten wir 1100 Kilometer hin und zurück gehabt, mehr, als unsere Tiere aushalten konnten, besonders da es sich um einen forcierten Ritt handeln würde.
Da Turdu Bai und Hamra Kul nichts von sich hören ließen, mußten wir noch einen Tag im Lager Nr. 38 bleiben. Während desselben wurde unsere ganze mongolische Ausstattung in Ordnung gebracht, so daß für den Fall einer plötzlichen Trennung von der Karawane alles in Bereitschaft war. Auf der inneren Seite meines einen mongolischen Stiefels wurde eine lederne Hülse für ein Thermometer angebracht; für Uhr, Aneroid und Notizbuch wurden Taschen in meinen Pelz genäht.
In der Dämmerung zeichneten sich die Schattenrisse unserer beiden Kundschafter ab. Beide meldeten, daß so weit, wie sie talaufwärts vorgedrungen seien, keine Hindernisse vorlägen. Sie hatten an ein paar Stellen alte Feuerspuren gesehen, die zeigten, daß die Gegend ihres Yakreichtums wegen bekannt war.
Am 18. Juli gingen wir südostwärts bis an den Punkt, wo das letzte Gras wuchs. Dreimal mußten wir über den Fluß hinüber. Eines der Kamele konnte kaum den Lagerplatz noch erreichen; es war jedoch bedeutend fetter als die anderen und schien ganz gesund zu sein. Es war entschieden nur faul; aber als es sich auch am folgenden Morgen nicht bewegen ließ, die Wanderschaft bergauf fortzusetzen, wurde es zurückgelassen. Die Nachhut würde auf jeden Fall hier vorbeikommen und es mitnehmen. Langweilen würde sich das arme Tier hier in der Einsamkeit schon, aber von Wölfen würde es nichts zu fürchten haben; diese greifen nie ein Kamel an, das einen Packsattel trägt, behaupten die Muselmänner.
Auf einem kleinen Hügel neben dem Lager wurde eine Jurtenstange aufgepflanzt und an ihrer Spitze eine Konservendose festgebunden, in der ein Zettel lag, auf den ich in türkischer Sprache geschrieben hatte: „Wir haben hier ein Kamel zurückgelassen; wenn es nicht hier ist, so folgt seinen Spuren, bis ihr es findet!“ Es war möglich, daß das Tier, wenn es sich erholt hatte, auf die Idee verfiel, seine Kameraden zu suchen.
Wir hatten also eines der achtzehn verloren. Fragend folgte es uns mit den Blicken, als wir unbarmherzig weiterzogen. Darauf beugte es den Hals, um zu grasen, und wir sahen es nie wieder. Denn gerade hier machte die Nachhut, die nicht immer an derselben Stelle lagerte wie wir, einen Umweg. Sie sahen das verlassene Kamel nicht mehr; es war das einzige Tier, das ohne Hoffnung auf Rettung lebendig zurückblieb und von dessen weiteren Schicksalen wir nie etwas erfahren sollten.
Unser Zug geht auf unfruchtbarem Boden nach Südosten weiter; Schnee und Hagel lassen uns wenig von den Umgebungen sehen — heute haben wir vollständigen Winter nach der gestrigen Sommerwärme. Auf dem linken Ufer des Flusses geht es immer höher hinauf. Yakdung lag überall, aber Herden sahen wir merkwürdigerweise nicht; wir hatten den Eindruck, daß sie kürzlich verscheucht sein müßten. Als Zeichen von Jägerbesuchen fanden wir an drei Stellen Feuerherde, von denen einer zehn Tage alt sein konnte und aus einigen kreisförmig aufgestellten Steinen bestand, in deren Mitte Asche lag. Ein schlanker Tonkrug war hier in Scherben gegangen; der Hals lag noch da.