Einsam und schweigend ritten wir nach Nordwesten weiter; wir sahen keine anderen Geschöpfe als einige Schafherden und Yake auf den nächsten Hügeln. Unsere Tiere waren kraftlos, aber gemächlich ritten wir drauf los. Bevor es dämmerig wurde, mußten wir Halt machen, damit sie noch eine Weile weiden konnten. Dies geschah an einer kleinen Süßwasserquelle auf einer Wiese, wo Argol in genügender Menge umherlag.
Auf einmal veränderte der Himmel, der uns bisher hold gewesen war, sein Aussehen. Es wurde im Südosten dunkel. Eigentümliche, unheimliche Wolken stiegen über den Bergen auf; sie waren brandgelb und dick, wie beim Ausbruche eines Sandsturmes in der Wüste. Das wird ein nettes Wetter werden, dachten wir. Der Wind kam immer näher, sauste und pfiff, und dann prasselte der erste Hagelschauer auf uns herab, und es wurde pechfinster wie in einem Sacke.
Mittlerweile waren die Tiere vor dem Zelte fest angebunden worden. Hier mußte strenge Wache gehalten werden. Durch dieses Wetter wurde die Nacht ein paar Stunden länger als gewöhnlich, und vielleicht betrachteten uns die Tibeter nun, da sie uns über die Grenze gebracht hatten, nicht länger als Gäste, sondern als vogelfreie Eindringlinge, die man ungestraft plündern durfte. Ein unangenehmeres Wetter ließ sich nicht denken; um 8 Uhr ging der Hagel in Regen über, der wie aus Mulden herabgoß. Man hört nichts weiter als den Regen, der, vom Winde getrieben, gegen das Zelt und auf die Erde schlägt und das Stampfen der Tiere und die einschläfernden Schritte der Nachtwache übertönt. Man sieht die Hand vor den Augen nicht, kein dunkler Umriß gibt den Platz an, wo unsere Tiere zwei Meter vor der Zeltöffnung stehen. Es ist unmöglich, eine Kerze zum Brennen zu bringen; es regnet ins Zelt, es weht, heult und pfeift, und die Zündhölzer sind feucht. Man sitzt zusammengekauert in seinem Pelze, der Oberkörper schwankt hin und her, und vergeblich sehnt man sich nach dem Tageslichte, das jedoch auf sich warten läßt. Alle Waffen sind geladen und liegen zum Gebrauch bereit, und die Hunde sind bei den Pferden angebunden. Von hier war es ein fünfstündiger Ritt nach unserem früheren Lager Nr. 48, von dort sieben Stunden nach dem Lager Nr. 47. Erst im Lager Nr. 44 waren wir zu Hause! Der Weg dorthin erschien uns sowieso unendlich lang, und nun mußte der Regen den Boden noch mehr verderben. Wir entbehrten die Tibeter sehr; es war so ruhig und friedlich, solange wir sie bei uns hatten.
Gegen 11 Uhr ließ der Regen ein wenig nach, und ich ging hinaus, um mich nach Schagdur umzusehen, der mitten zwischen den Pferden und den Mauleseln unter seiner Filzdecke kauerte und bis auf die Haut durchnäßt war. Er war jetzt gerade sehr aufgeregt und bat mich, zu horchen, denn unten am Quellbache klinge es wie menschliche Schritte. Ich hörte auch wirklich schleichende Fußtritte; Schagdur nahm an, daß es ein Kulan sein könne, ich aber glaubte nicht, daß solche sich so nahe bei den Herden der Tibeter aufhielten. Als die leisen, schleichenden Schritte näherkamen und Schagdur das Gewehr bereithielt, stellte sich heraus, daß es unser Hund Malenki war, der unten an der Quelle getrunken hatte. Ich hielt die Lage für ungefährlich, ging wieder ins Zelt, legte mich hin und schlief wie ein Stock bis 5 Uhr, dann wurde ich geweckt und half bei herrlichem Wetter beim Beladen.
Anfangs zogen wir östlich von unserer alten Route, und die Kartenarbeit wurde wieder aufgenommen. Das Terrain war hier viel bequemer, und wir konnten einen deutlichen Weg links vom Gartschu-sängi einschlagen. Lange folgten wir hier der Spur eines Reiters, der mit zwei Hunden erst kürzlich diese Straße gezogen sein mußte, weil die Spur noch nicht verregnet war. Wer mochte er sein, und wohin hatte er seine Schritte gelenkt? War er Mitglied einer Räuberbande, die ihren Sammelplatz droben im Gebirge hatte? Wurden wir vielleicht schon verfolgt, und warteten sie am Ende nur eine günstige Gelegenheit ab?
Wir verloren jedoch die Spur und schlugen einen westlicheren Kurs ein, weil in der bisher eingehaltenen Richtung drohende Berge den Weg zu versperren schienen. Die Richtung wird nordwestlich, das Terrain hebt sich, Kulane und Orongoantilopen, die wenig scheu sind, treten wieder auf, wir ziehen sie dem Anblick bis an die Zähne bewaffneter tibetischer Reiter vor.
Als das Gras immer spärlicher wurde, machten wir nach einem Marsche von 34,5 Kilometer an einem Flusse Halt. Es war weniger, als wir hätten zurücklegen müssen, wenn wir das Hauptquartier in vier Tagen erreichen wollten, aber unsere Tiere waren erschöpft und auch zu müde, um umzukehren und die üppigen Weiden, die wir hinter uns zurückgelassen hatten, wieder aufzusuchen. Nur die beiden neuen tibetischen Pferde sind munter und müssen besonders festgebunden werden, damit sie nicht wieder zu ihren Kameraden zurücklaufen.
Der Tag war schön gewesen, nur mittags und während der nächstfolgenden Stunden zogen dicke Wolkenmassen von Süden herauf. Die Gegenden, denen wir uns nahten, werden immer kälter und karger; hier sind keine anderen Menschen als höchstens Yakjäger und Straßenräuber zu erwarten.
Die dem Aufschlagen des Lagers folgenden Stunden sind die angenehmsten des ganzen Tages; man ist ruhig, kann sich bequem ausstrecken, Mittag essen, plaudern und rauchen. Aber die Dämmerung kommt nur zu schnell, und je dunkler es wird, desto schärfer heißt es aufpassen.
Die Nacht war ganz klar und windstill. Fern im Westen zuckte über dem Horizonte unausgesetzt ein Wetterleuchten, Donner war aber nicht zu hören. Die Nacht ist so still, daß man sich vor dieser Grabesstille fast fürchten möchte. Selbst aus ziemlich weiter Ferne würde man auch das geringste Geräusch hören können. In einiger Entfernung ertönt das dumpfe Gemurmel eines Bächleins, sonst vernehme ich nur die Atemzüge der Tiere und meiner beiden Reisegefährten. Der Lama spricht oft im Schlafe und ruft bisweilen mit klagender Stimme Sirkins Namen, als brauche und erwarte er Hilfe.
17. August. Alle Hügel und Berge der Gegend sind ziegelrot, denn die vorherrschende Gesteinsart ist roter Sandstein.
Sobald der Tag graut, dürfen die Tiere frei umherlaufen, können sich aber auf unseren Lagerplätzen in der kurzen Zeit durchaus nicht sattfressen. Sie grasen nur abends ein paar Stunden, nachdem wir gelagert haben, und in aller Morgenfrühe. Wir lassen sie daher noch draußen, bis es stockfinster ist, bleiben dann aber bei ihnen. Sie sind den ganzen Tag hungrig und versuchen unterwegs Grashalme abzurupfen; leicht ist es nicht, sie beisammenzuhalten, und ihre kleinen Seitenabstecher verursachen uns Zeitverlust.
Heute ritten wir 9 Stunden und legten 40 Kilometer zurück, — es geht nicht schnell. Etwas westlich von dem alten Wege kamen wir durch ein Tal langsam nach einem Passe hinauf. Vom Passe geht es langsam durch ein anderes Tal hinunter, das sich nach Westen zieht und von senkrechten Wänden eingefaßt wird. Es zwingt uns, viel zu weit westwärts zu gehen, aber wir können nicht aus ihm herauskommen. Hier und dort zeigen sich Yake; es sind entschieden wilde, obwohl es merkwürdig ist, daß sie sich in eine solche Mausefalle hineinwagen. Wir stellten diesen Abend das Zelt auf einen von Schluchten umgebenen Bergvorsprung, wo ein Überfall für den Angreifer sehr gefährlich hätte werden können. Jetzt konnten wir nicht viel mehr als 70 Kilometer von den Unsrigen entfernt sein, und jeder Tag, der verging, vergrößerte unsere Sicherheit; nur der Lama war der Meinung, es würde vielleicht noch schlimmer werden, denn das Hauptlager sei möglicherweise von den Tibetern umzingelt.
Der 18. August war für uns ein schwerer, anstrengender Tag. Es kostete uns verzweifelte Mühe, über eine Bergkette hinüberzukommen, die wir auf der Hinreise ohne Schwierigkeit überschritten hatten.
Wir gehen über einen neuen Paß und haben linker Hand einen See, der in einer Bodensenke liegt. Unsere Tiere sinken tief in den aus rotem Material bestehenden Boden ein; man zieht sozusagen über lauernde Fallgruben und Fallen hin, seit Jahrtausenden scheint Schmutz und Schlamm von den angrenzenden Höhen in dieses heimtückische Loch hinuntergeschwemmt worden zu sein. Anstehendes Gestein ist nirgends zu sehen, alles ist weiches Verwitterungsmaterial. Glücklicherweise war das Wetter jetzt gut; bei Regen wäre hier nicht durchzukommen gewesen.
Unser Räubersee lag jetzt eine ziemliche Strecke rechts von unserem Wege. Einige Maulesel waren vollständig erschöpft, und zwischen 2 und 4 Uhr mußten wir auf einer dünn mit Gras bewachsenen Halde rasten, um sie ausruhen zu lassen. Unterdessen schlummerten und rauchten wir im Sonnenbrande. Die Luft war ruhig, und das Thermometer zeigte +19,6 Grad im Schatten; bei dieser Temperatur ist es hier oben so heiß, daß man fürchtet, einen Sonnenstich zu bekommen. Bald darauf kam eine Hagelbö, und wir waren wieder mitten im Winter. Es ging langsamer und schwerer als je, nach dieser Rast wieder in Gang zu kommen. Man ist ganz erschöpft von den verwünschten Nachtwachen und den beständigen Märschen.
Einmal, als wir langsam nach dem Gipfel eines Hügels hinaufritten, stürmte Malenki seitwärts nach einer anderen Anhöhe und erhob ein wütendes Gebell. Wir glaubten, er habe Menschen gesehen, und ich ritt ihm schleunigst nach und geriet dabei einem Bären, der eifrig an einer Murmeltierhöhle kratzte, beinahe auf den Leib. Als der Petz mich erblickte, sprang er auf und lief, von den Hunden verfolgt, im Galopp davon. Die Hunde holten ihn bald ein, doch jetzt machte der Bär Front und schickte sich an, Malenki eins auf die Schnauze zu geben. Der Hund kehrte nun ebenfalls um und kam zu uns zurück, aber Jollbars hatte noch einen langen Tanz mit dem Petz, der auf so unverschämte Weise in seiner erwarteten Abendmahlzeit gestört worden war.
Jetzt ging es verwünscht langsam vorwärts; es war nutzlos, den Weg fortzusetzen, wir rasteten auf der ersten besten Weide. Der Himmel sah noch immer unheildrohend aus, und die Wolken hatten dieselbe rote oder brandgelbe Farbe wie das Erdreich.
Wieder folgte eine finstere, endlose Nacht, denn vor Tibetern und Bären mußten wir auf der Hut sein. Die Sprache der Nacht ist erhaben, nur nicht in Tibet, wenn man Pferde hüten muß. Von nun an werde ich ein gewisses Mitleid mit unseren Pferdewärtern haben. Wir sehnten uns nach dem Hauptlager wie zu einem großen Feste, schon allein deshalb, weil wir dort nachts würden ausschlafen können. Jeder von uns hat beim Wachehalten seine besonderen Gewohnheiten. Ich schreibe, sitze in der Zelttür und mache von Zeit zu Zeit eine Runde um das Lager. Schagdur sitzt in seinen Pelz gehüllt mitten unter den Tieren und raucht seine Pfeife. Der Lama wieder streift umher und murmelt mit singender Stimme Gebete. Jetzt fehlten uns zwar nur noch 35 Kilometer, aber unsere Tiere hatten, vom Hauptlager an gerechnet, bereits 500 Kilometer zurückgelegt, und es war wenig Aussicht vorhanden, daß wir dieses in einem Tage erreichen würden. Nun wohl, jedenfalls mußten wir so nahe an den Umkreis, innerhalb dessen die Unsrigen die Gegend bewachten, herankommen, daß wir uns für ziemlich sicher halten konnten.
Wir schliefen am Morgen gründlich aus, um die Tiere möglichst lange weiden zu lassen. Sodann ging es zu einem Passe hinauf, von dem wir das weite, offene Tal, in welchem wir die erste Nacht geruht hatten, zu sehen hofften. Doch jenseits des Passes war nur ein Gewirr von Hügeln zu erblicken. Es war wunderbar, daß unsere Tiere mit dem Nordabhange fertig wurden, der da, wo die Sonne nicht eingewirkt hatte, aus lauter Schlamm bestand. Wir müssen zu Fuß gehen und auf flachen Sandsteinplatten und Moosrasen balancieren, sonst sinken wir knietief ein. Die Karawane sieht höchst sonderbar aus, denn die Tiere waten so tief im Morast, daß sie mit dem Bauche den Boden berühren; es ist, als durchwateten sie einen Fluß. Wir steuern nach allen Flecken, die trocken scheinen, mühsam und sehnsüchtig hin, um uns dort eine Weile zu verschnaufen und die Lasten wieder zurechtzurücken. Die Hoffnung täuschte uns; noch zwei ebenso greuliche Pässe waren uns beschieden. Hätte ich hiervon eine Ahnung gehabt, so würde ich natürlich unseren alten Weg gegangen sein, der wie eine Brücke durch ein Moor, in dessen böse Sümpfe wir hilflos hineingeraten waren, zu führen schien.
Endlich erreichten wir mit erschöpften Kräften ein kleines Tal, das nach unserem offenen Tale führte, dessen wohlbekanntes Panorama ein erfreulicher, belebender Anblick war. Jetzt merkten wir, daß wir beim Waten im Moraste den Spaten verloren hatten. Der Lama ging zurück, ohne ihn zu finden, stieß dafür aber auf eine alte tibetische Zeltstange, die uns abends beim Feueranzünden gut zustatten kam. Rebhühner, Hasen und Kulane zeigen sich überall, und, wie gewöhnlich, sind die Raben in diesem unwirtlichen Gebirge heimisch.
Es war herrlich, wieder auf tragfähigem Boden zu reiten. Neun Kulane leisteten uns eine Zeitlang Gesellschaft. Auf einer Anhöhe rasteten wir einige Minuten, um die Gegend zu überschauen. Keine Spur, keine schwarzen Punkte, die unsere weidenden Tiere sein konnten, kein Rauch war zu sehen! Die Gegend lag ebenso still und öde da, wie wir sie zuletzt gesehen hatten, und absolut nichts deutete darauf hin, daß sich Menschen in der Nachbarschaft befanden.
Obwohl die Sonne schon tief stand, schienen meine Kameraden doch zu glauben, daß wir noch zu den Unsrigen gelangen würden, denn sie ritten immer schneller. Die Tiere, die sonst gewöhnlich in einem Haufen getrieben wurden, mußten hier in einer Reihe hintereinander und mit Stricken verbunden marschieren, da das Gras sie zu sehr in Versuchung führte. Schagdur leitete drei, ebenso der Lama, und ich ritt als Treiber hinterdrein. Schagdur hatte einen bedeutenden Vorsprung. Mein Reitschimmel, der mir den gestohlenen ersetzt hatte und der, nachdem er kraftlos geworden, durch eines der tibetischen Pferde ersetzt worden war, brach plötzlich zusammen und blieb auf der Erde liegen. Man mußte glauben, daß seine letzte Stunde gekommen sei; wie es schien, fing er schon an zu erkalten. Der Lama schmierte ihm die Nüstern innen mit Butter ein und zwang ihn, Lauch zu kauen. Große Tränen rollten aus den Augen des Pferdes, und Schagdur sagte, es weine darüber, daß es jetzt, nachdem es so ehrenvoll alle unsere Anstrengungen geteilt, nicht zu seinen alten Kameraden zurückkehren könne. Inzwischen schlugen wir Lager, und die Tiere wurden auf die nächste Weide geführt.
Die Nacht verlief ruhig unter frischem, nördlichem Winde. Die Hunde knurrten nicht einmal, und keine Feuer waren sichtbar.
Als wir am 20. August aufbrachen, strömte der Regen nieder, was uns jedoch wenig störte, weil der Boden jetzt beinahe überall fest und tragfähig war. Sogar der Schimmel hinkte mit. Als wir die roten Hügel in der Nähe unseres ersten Lagerplatzes, auf dem Hinwege, passiert hatten, ertönten zwei Flintenschüsse und eine Weile darauf ein dritter. Ein Yak stürmte nach den Hügeln hinauf. Wir richteten unseren Kurs sofort dorthin und bemerkten bald zwei Punkte, die sich im Fernglase nach und nach zu zwei Reitern entwickelten. Waren es tibetische Yakjäger? Nein, denn es zeigte sich bald, daß sie gerade auf uns zu ritten. Als sie nähergekommen waren, erkannten wir in ihnen Sirkin und Turdu Bai. Wir saßen ab und warteten, bis sie vor Freude weinend heransprengten, ganz entzückt von der heutigen Jagd, — eine solche Beute hatten sie sich nicht träumen lassen, als sie am Morgen ausgeritten waren, um sich Fleisch zu verschaffen! Sie hatten nämlich nur noch drei Schafe. Für uns war es ein besonderes Glück, so unerwartet in der Einöde mit ihnen zusammenzutreffen; es wäre uns jetzt, da der Regen alle Spuren ausgelöscht hatte, wohl recht schwer geworden, das Lager zu finden.
Das Lager war vor einiger Zeit nach einem Seitentale südlich von der Flußmündung verlegt worden und war dort so im Terrain versteckt, daß wir es ohne Hilfe kaum hätten entdecken können. Wir ritten sämtlich dorthin. Kutschuk, Ördek und Chodai Kullu kamen uns entgegengelaufen; auch sie weinten und riefen:
„Chodai sakkladi, Chodai schukkur (Gott hat euch beschützt, Gott sei gelobt), wir sind wie vaterlos gewesen, während ihr fort waret!“
Es war wirklich rührend, ihre Freude zu sehen. —
Bald darauf saß ich wieder in meiner bequemen Jurte und hatte meine Kisten um mich, und mein schönes, warmes Bett war in Ordnung. Wenn man es einen ganzen Monat recht schlecht gehabt hat, weiß man es erst zu schätzen, wenn man sich wieder in „zivilisierten Verhältnissen“ befindet. Sirkin berichtete, daß ein Pferd verendet sei und die anderen sich noch nicht erholt hätten, daß die Kamele aber bedeutend kräftiger geworden seien. Die Chronometer waren stehengeblieben, weil Sirkin es aus Furcht, daß die Federn springen könnten, nicht gewagt hatte, sie ganz aufzuziehen. Die Folge dieser übertriebenen Vorsicht war, daß wir nun nach dem naheliegenden Lager Nr. 44, unserem Hauptquartiere, von dem die Reise nach Lhasa ausgegangen war und in welchem ich damals eine astronomische Ortsbestimmung gemacht hatte, zurückkehren mußten. Ein Zeitverlust von mehreren Tagen würde dadurch allerdings entstehen, aber die Tiere, die wir mitgehabt hatten, bedurften nur zu sehr aller Ruhe, die sie haben konnten. Es hatte in der Gegend unaufhörlich geregnet; bisweilen waren jedoch kleine Ausflüge gemacht und dabei einige Kulane erlegt worden.
Tschernoff hatte die Nachhut so gut geführt, daß er bei seiner Ankunft am 2. August noch neun Kamele mitgebracht hatte; nur zwei Kamele und zwei Pferde waren verendet; unter den ersteren war mein Veteran von der Kerijareise im Jahre 1896.
Alle Leute waren gesund, und helle Freude herrschte an diesem Abend. Sie gestanden, daß sie nach Ördeks Rückkehr für uns das Schlimmste befürchtet hätten und kaum von uns hätten sprechen mögen, sondern gewartet und gewartet hätten. Jolldasch heulte vor Freude und nahm sofort seinen bequemen Platz neben meinem Bette wieder ein.
Nachdem ich das Lager inspiziert und alles in bester Ordnung vorgefunden hatte, mußte Tscherdon mir ein Bad zurechtmachen. Der größte Kübel, den wir hatten, wurde mit heißem Wasser gefüllt und in meine Jurte gebracht. Nie ist ein gründliches Abseifen notwendiger gewesen als jetzt, und das Wasser mußte mehreremal erneuert werden, hatte ich mich doch 25 Tage lang nicht gewaschen! Und wie schön war es, nachher vom Scheitel bis zur Sohle wieder in reinen europäischen Kleidungsstücken zu stecken und den mongolischen Lumpen auf ewig Lebewohl sagen zu können!
Nach einem wohlschmeckenden Mittagsessen und Aufzeichnung der heutigen Erlebnisse ging ich mit gutem Gewissen zu Bett und genoß in vollen Zügen die Ruhe und den Komfort, die mich umgaben. Das Bewußtsein, daß ich den forcierten Ritt nach Lhasa ohne Zögern gewagt hatte, war mir eine große Befriedigung. Daß wir diese Stadt nicht hatten sehen können, betrachtete ich weder jetzt noch später als eine Enttäuschung; gibt es doch unüberwindliche Hindernisse, die alle menschlichen Pläne kreuzen. Aber es freute mich, daß ich nicht einen Augenblick gezaudert hatte, einen Plan auszuführen, der kritischer und gefährlicher war als eine Wüstenwanderung, und es ist ein Vergnügen, gelegentlich den eigenen Mut auf die Feuerprobe zu stellen und die Ausdauer bei Strapazen zu erproben. Mein Leben während der nächstfolgenden Zeit erschien mir im Vergleich mit dem eben Erlebten wie eine Ruhezeit. Was uns auch beschieden sein mochte, — solche Strapazen wie auf der Lhasareise würden wir schwerlich wieder erleben. Mir war zumute, als sei ich schon halb wieder zu Hause, und ich ahnte nichts von den ungeheuren Mühsalen, die uns noch von Ladak trennten.
Alles erschien mir jetzt leicht und lustig, sogar der Regen schmetterte freundlich auf die Kuppel der Jurte, und der eintönige Sang der Nachtwache lullte mich bald in den Schlaf. Ich war froh, daß ich nicht mehr hinauszugehen und die Pferde zu bewachen brauchte, und ich freute mich, Schagdur und den Lama, halbtot vor Müdigkeit, in ihren Zelten schnarchen zu hören.
Am folgenden Morgen konnte es keiner übers Herz bringen, mich zu wecken; wir kamen daher erst mittags fort. Wir ritten auf den Hügeln am rechten Ufer des Flusses. Die Wassermenge war jetzt ziemlich ansehnlich. Auf dominierenden Höhen hatten meine Leute Steinpyramiden errichtet, die von fern Tibetern glichen. Der Zweck der Steinmale war, uns bei der Rückkehr den Weg vom Lager Nr. 44 nach dem neuen zu zeigen. Wenn die Tibeter die Pyramiden erblickten, würden sie gewiß glauben, daß wir eine Heerstraße für einen Einfall bezeichnet hätten und daß bald eine ganze Armee unserer Spur folgen würde. In einem Nebentale verriet ein großer Obo, daß die Gegend nicht selten besucht wurde; wie gewöhnlich, war er aus einer Menge Sandsteinplatten errichtet, in die die Formel „Om mani padme hum“ eingemeißelt war.
Wir ließen uns jetzt an derselben Stelle wie damals häuslich nieder. Das Gerippe des hier gefallenen Pferdes war von Wölfen vollständig reingefressen. Hasen und Raben kommen in der Gegend besonders häufig vor. Eines der letzten Schafe wurde geschlachtet. —
Die Reise nach Lhasa erscheint mir jetzt wie ein Traum; hier sitze ich unter denselben Verhältnissen wie vor einem Monat, die Jurte steht auf demselben Erdringe, die Beine des Theodolitenstativs in denselben Löchern, der Fluß rauscht wie damals; es ist, als könnten nur ein, zwei Tage vergangen sein. Alle jene langen, unter Wachen und Sorge zugebrachten Nächte sind vergessen; es war nur eine flüchtige Episode, eine Parenthese im Verlaufe der Reise! —
Jetzt folgten einige Tage der Ruhe, in denen meine Geduld jedoch sehr auf die Probe gestellt wurde. Es regnete und schneite unaufhörlich, und ich hatte keine Gelegenheit, alle die astronomischen Beobachtungen, die ich gern machen wollte, vorzunehmen. Und dann sehnte ich mich auch danach, wieder nach Süden aufzubrechen und bewohnte Gegenden aufzusuchen, wo wir die uns nötige Hilfe erhalten konnten, denn es war schon jetzt ersichtlich, daß unsere Tiere nicht mehr weit kommen würden.
In der Nähe des Lagers wurde mir ein Platz gezeigt, wo Turdu Bai und Tscherdon am Tage unserer Abreise eine Gesellschaft tibetischer Jäger überrascht hatten. Diese Helden waren so fassungslos gewesen, daß sie Hals über Kopf Reißaus genommen und siebzehn Packsättel, ein Zelt und den ganzen Fleischvorrat, aus dem ihre Jagdbeute bestand, im Stiche gelassen hatten. Alles lag noch da, bis auf das Fleisch, das sich Wölfe und Raben zu Gemüte geführt hatten. Man kann sich die tollen Gerüchte denken, die in Umlauf gesetzt werden, wenn solche Flüchtlinge wieder bewohnte Gegenden im Süden erreichen. Sie übertreiben natürlich ihre Beschreibungen und behaupten, daß eine ganze Armee von Europäern ins Land gedrungen sei. Das hatten wir in Dschallokk ja selbst gehört.
Während meiner Abwesenheit war gute Disziplin gehalten worden, aber nach meiner Rückkehr wurde sie noch mehr verschärft. Alle unsere Tiere hatten ihre Weideplätze in einem Tale, das einige Kilometer vom Lager entfernt war. Tschernoff ritt einmal nachts dorthin und fand die Wächter schlafend. Er gab einen Flintenschuß ab, durch den alle aufs fürchterlichste erschreckt wurden. Die Schläfer wurden gebührend heruntergemacht und beklagten sich am folgenden Morgen bei mir, doch statt daß ich mich auf ihre Seite stellte, bekamen sie ein neues Gesetz zu hören, das ich im Handumdrehen erließ: „Wer künftig auf seinem Posten schlafend angetroffen wird, wird mit einem Eimer kalten Wassers aufgeweckt!“ Jede Nacht sollten sechs Muselmänner, je zwei gleichzeitig, abwechselnd Wache halten, und die Ablösung sollte unter Kontrolle des diensthabenden Kosaken vor sich gehen. Die vier Kosaken waren also der Reihe nach für den Nachtdienst verantwortlich. Die Muselmänner hatten über die Tiere zu wachen und die Kosaken dafür zu sorgen, daß die Muselmänner ihre Pflicht taten. Infolge der letzten Abkanzelung wollten Mollah Schah und Hamra Kul wieder einmal nach Tscharchlik zurückkehren, beruhigten sich aber, nachdem sie den Wahnsinn eines solchen Unternehmens eingesehen hatten. Derartige Reibereien sind in einer großen Karawane, in der Geschmack und Meinung nach den christlichen, muselmännischen oder mongolischen Anschauungen und Lebensgewohnheiten der Betreffenden wechseln, nicht zu vermeiden.
Tscherdon wurde zu meinem Leibkoch ernannt, Schagdur sollte sich eine Zeitlang ausruhen; der Lama war niedergeschlagen und nachdenklich und wurde von jeder Dienstleistung dispensiert, bis wir wieder auf Menschen stießen. Dem alten Muhammed Tokta, der schon lange kränklich gewesen war, ging es seit einer Woche schlechter; er klagte über Herzschmerzen. Es wurde ihm geraten, sich ganz ruhig zu halten. Im übrigen herrscht im Lager die beste Stimmung, und die Kosaken sind besonders zufrieden. Sie haben eine Balalaika, eine dreisaitige Zither, gemacht, und mit dieser, einer tibetischen Flöte, einer Tempelglocke, improvisierten Trommeln, der Spieldose und Gesang wurde am letzten Abend unter strömendem Regen ein wenig harmonisches Konzert aufgeführt, das jedoch großen Beifall fand.