Einer der Kamelveteranen von Kaschgar, der mehrere unserer Wüstenreisen mitgemacht hatte, war nicht mehr imstande, sich zu erheben, als wir am 7. September vom Lager 75 und den Steppen der „schwarzen Mütze“ fortzogen. Er wurde daher getötet; sein Skelett sollte als Andenken an unseren Besuch liegenbleiben.
Als die Karawane beladen wurde, kam der Bombo und machte einen letzten verzweifelten Versuch, uns zum Bleiben zu bewegen. Ich erklärte ihm rund heraus, daß unser Weg nach Süden führe. Da schwieg er und ging seiner Wege.
Wir folgten nun auf hartem, ebenem, vortrefflichem Boden dem Seeufer nach Westsüdwest. Rechts von unserem Wege erhebt sich ein jäh abfallender Landrücken, an dessen Fuß die Tibeter entlangreiten, — sie sind jetzt 63 Mann stark. An einem Punkte, wo der See nach dieser Richtung hin ein Ende zu haben schien, zeigte die Weide ganz vortreffliches, dichtes, üppiges Gras; daher rasteten wir dort der Tiere wegen eine Weile. Nun kamen die Tibeter ebenfalls herangesprengt, schlugen in unserer Nähe ihre Zelte auf, sattelten ihre Pferde ab und ließen sie grasen. Sie nahmen wohl fest an, daß auch wir hier lagern würden. Bald darauf zeigten ihre Feuer, daß sie zu frühstücken beabsichtigten.
Unsere verdutzten Späher zurücklassend, steuern wir nach Südwesten, während das Seeufer nach Süden und Osten umbiegt. Wir gingen über vier alte Uferlinien, die außerordentlich deutlich von mächtigen Kieswällen markiert wurden, deren letzter und höchster sich wohl 50 Meter über den jetzigen Spiegel des Sees erhob. Von dem Walle hatten wir eine prächtige Aussicht über die blaue, klare Wasserfläche des Selling-tso. Dieser scharfsalzige See ist also in energischem Abnehmen begriffen; er schrumpft periodenweise zusammen und hinterläßt die Wälle als unverkennbare Wahrzeichen seiner früheren Ausdehnung.
Das vor uns liegende Terrain ist jetzt ziemlich eben, bis wir einen neuen Wall erreichen, der nach Nordwesten abfällt, wo sich wieder ein See zeigt. Darauf stehen wir am Rande einer außerordentlich eigentümlichen Bodensenkung, einer eiförmigen Arena, in deren Mitte einige Süßwassertümpel liegen. Unmittelbar südlich erhebt sich ein Bergrücken, der sich in westöstlicher Richtung hinzieht und dessen senkrechte Seitenwände einige hundert Meter hoch sind. Wir zogen nach seinem westlichen Ende. Jetzt tauchten auf einem Hügel acht Tibeter auf und beobachteten uns von dort. Als sie bald darauf wieder verschwanden, ahnte ich, daß wir uns auf einer Halbinsel befanden und daß sie glaubten, uns vorläufig wie in einem Sacke gefangen zu haben.
Sirkin und Schagdur wurden daher vorausgeschickt, um zu rekognoszieren, indes wir langsam weiterzogen. An dem Punkte, wo die Felswand jäh in das Wasser fällt, kamen sie uns entgegen und erklärten, es sei noch derselbe See. Wir waren also auf einer Halbinsel gewandert, die ihre felsgekrönte Front nach Süden kehrt. Es war immerhin den Umweg wert, daß ich die Karte auch an diesem Punkte vervollständigen konnte. In schönster Ruhe wandten wir uns um nach Nordnordosten und entfernten uns ein wenig vom Ufer des Selling-tso.
In einer Felsschlucht „fand“ Tscherdon zehn mit Fett gefüllte Schafmagen und nahm vier davon mit. Ganz dicht bei einem am Ufer liegenden kleinen Zeltdorfe lagerten wir. Die Gegend hieß Tang-le; die Bewohner waren nette Leute, weigerten sich aber ganz entschieden, etwas zu verkaufen. Ich zeigte ihnen die Fettmagen und fragte, was sie kosteten. Drei Tsos (die landesübliche Silbermünze in Lhasa, zirka 60 Pfennig) das Stück, antworteten sie; da mir aber der Preis viel zu hoch war, gab ich ihnen ihr Fett wieder und ließ sie gehen, nachdem sie die Bemerkung des Lama, daß, wenn wir nicht so gute Menschen gewesen wären, wie wir nun einmal seien, wir alle zehn Magen einfach hätten behalten können, gleichgültig angehört hatten, ohne ein Wort zu sagen.
Die Tibeter lagerten ein paar Kilometer von uns, außer fünfzehn Mann, die ihr Zeltdorf bei unserem Lager aufschlugen. Im Laufe des Abends führten sie verschiedene Manöver und Kampfspiele aus und schossen nach der Scheibe. Beinahe den ganzen Tag fiel dichter Regen, und ein paarmal fuhren heftige Windstöße mit solcher Gewalt über das Land hin, daß wir Halt machen und warten mußten. Mit Kalpet wurde es immer schlechter, er mußte auf seinem Reitpferde festgebunden werden, um nicht herabzufallen. Tschernoff war sein Krankenpfleger und ritt neben ihm. Am nächsten Morgen bat der Kranke, zurückgelassen zu werden, welche Bitte natürlich nicht gewährt wurde. Statt dessen wurde er so bequem wie möglich zwischen zwei Zeltballen auf ein Kamel gebettet.
Wenn nicht so frischer Wind gegangen wäre, würde ich den Weg über den See eingeschlagen haben, nun aber mußte ich mit der Karawane am Nordufer, das sich ziemlich gerade nach Westen hinzieht, entlangmarschieren. Sobald wir anfingen zu beladen, machten sich auch die Tibeter bereit, und nach einem Marsche von einigen Kilometern ritt unser alter Bombo mit zwölf Mann an uns heran und machte einen letzten verzweifelten Versuch, uns zu bewegen, geraden Weges nach Ladak zu ziehen. Als ich ihm jedoch sagte, ich ginge, wohin es mir passe, und er würde uns keine Furcht einjagen können, wenn er auch zehntausend Mann aufböte, sah er sehr niedergeschlagen aus und teilte mir mit, er werde uns jetzt unserem Schicksal überlassen und nach seinen Zelten im Nordwesten zurückreiten, worauf ich ihm glückliche Reise wünschte. Die Schar verschwand denn auch in jener Richtung, und es war wirklich schön, im Laufe des Tages unbelästigt zu bleiben. Erst gegen Abend tauchten in der Ferne zwei Reiter auf, offenbar Kundschafter, verschwanden aber wieder zwischen den nördlich von unserem Wege liegenden Hügeln.
Auch hier sind alte Uferwälle deutlich ausgeprägt, manchmal kann man auf einem solchen stundenlang wie auf einer Straße reiten. Nach Süden hin erstreckt der See seinen gewaltigen, blau und grün schillernden Spiegel bis in die weite Ferne.
Schließlich biegt das Seeufer nach Südwesten und Südsüdwesten ab. Zwischen einem Gewirr von Schlamminseln war das Wasser süß, hier mußte also ein Fluß münden. In kurzem gelangten wir an sein Ufer, und Schagdur machte bald eine vortreffliche Furt mit hartem Kiesboden ausfindig. Das Wasser war kristallklar, der Fluß mußte also von einem weiter aufwärts im Tale gelegenen See kommen. Beim Rekognoszieren hatte Schagdur einige Wildenten gesehen und vier geschossen, die flußabwärts trieben und von uns aufgefischt wurden. Zwei anderen, die nur verwundet waren, gelang es, an uns vorbei nach der Mündung zu kommen. Tscherdon ritt jedoch kühn mitten in den Fluß hinein und köpfte die eine mit seinem Säbel. Die andere verschwand zwischen den unzähligen Möwen, die sich in dem Mündungsgebiet aufhielten und das Wasser weißgetüpfelt erscheinen ließen. Ihre Anwesenheit schien auf das Vorkommen von Fischen in diesem Flusse hinzudeuten. Der Platz war viel zu einladend, als daß wir daran hätten vorbeigehen können; wir lagerten auf dem Gipfel der rechten Uferterrasse.
Kaum war das Lager errichtet (Abb. 266), so sahen wir schwarze Linien im Nordwesten und Nordosten. Es waren unsere zudringlichen Wachen; von Nordwesten kamen 53, von Nordosten 13, sie hatten jetzt eine nicht geringe Anzahl Packpferde bei sich. Sie waren augenscheinlich nur fortgewesen, um sich zu verproviantieren und sich für einen längeren Feldzug zu rüsten. Sie gingen an derselben Stelle wie wir über den Fluß und jagten dann in wildem Laufe vor, hinter und durch die Zelte, als wollten sie uns niederreiten! (S. bunte Tafel.) Doch, während sie heulten und ihre Lanzen über dem Kopfe schwangen, schienen sie uns nicht zu bemerken; sie streiften uns mit keinem Blicke, sondern ritten nur vorbei wie ein Wirbelwind, wie eine rollende Lawine. Die Schar sah malerisch aus in ihren bunten Gewändern und oft recht schönen Säbeln, ihren an den Gabelenden der Flinten befestigten weißen und roten Fähnchen und den Schwertern in silbernen Scheiden.
Im Südwesten von uns machten sie zu einer längeren Beratung Halt. Drei Männer traten vor, und die anderen sammelten sich in drei verschiedene Gruppen um sie, wie es schien, um zu lernen, wie mit Flinten umgegangen wird, denn diese waren die ganze Zeit über Anschauungsmaterial. Von Zeit zu Zeit stießen alle auf einmal ein seltsames Geheul aus. Dann wurden die Zelte aufgeschlagen, und die Männer ließen sich an ihren Feuern nieder.
Das Lager der Tibeter war auf einer unbedeutenden Anhöhe, die unsere Zelte beherrschte, aufgeschlagen, und die Kosaken hatten beobachtet, daß alle Flinten in eine Reihe mit der Mündung nach unserem Lager gelegt worden waren. Sie meinten, es sehe aus wie eine Schützenlinie und es sei nicht unmöglich, daß wir über Nacht einem mörderischen Feuer ausgesetzt werden sollten. Daher begab ich mich, als es dunkel geworden war, mit dem Lama und Schagdur nach dem Lager der Tibeter und ging in das Zelt des Bombo, wo ich höflich bewillkommnet und mir Tee und Tsamba vorgesetzt wurden. Innerhalb einer Minute war das Zelt vollgepfropft von Tibetern. Ich weigerte mich, an der Mahlzeit teilzunehmen, weil, wie ich sagte, der Bombo nicht angerührt habe, was ihm bei uns angeboten worden sei. „Re, re, re“, rief er („Wahr, wahr, wahr“). Er fragte nach meinem Namen, und ich erwiderte ihm, daß er ihn erfahren solle, wenn er mir sage, wie der Fluß heiße; er hatte aber keine Lust, auf den Tausch einzugehen. Später erfuhren wir jedoch, daß der Fluß Jaggju-rappga hieß. Auf meine Frage, ob es im Flusse Fische gebe, wurde mir geantwortet. „Ja, in großer Menge.“ Ich versprach, den nächsten Tag hierzubleiben, aber nur unter der Bedingung, daß sie mir, um die Wahrheit ihrer Worte zu beweisen, bei Sonnenaufgang einen mittelgroßen Fisch in mein Zelt brächten. Sie versprachen, ihr Bestes zu tun, und erhielten leihweise ein Netz, von dem sie aber gar nicht wußten, wie sie es benutzen sollten.
Am frühen Morgen erschienen vor meinem Zelt einige Tibeter mit dem Netze, in dessen Maschen ein kleiner Fisch gefangen war. Sie waren mit ihrer Beute sehr zufrieden und versicherten, daß sie bei dem Fange beinahe umgekommen seien. Unsere Wachtposten hatten indessen beobachtet, daß einige Tibeter sich mit Tagesgrauen nach der Flußmündung begeben und dort eine Möwe belauert hatten, als sie gerade einen Fisch gefangen hatte. Diese hatten sie durch Steinwürfe gezwungen, ihre Beute an einer leicht erreichbaren Stelle fallen zu lassen. Unserem Versprechen gemäß blieben wir auf alle Fälle hier, um zu fischen.
Tscherdon und alle Muselmänner, außer unseren erfahrenen Lopfischern Kutschuk und Ördek, sollten das Lager bewachen; die drei übrigen Kosaken durften mitkommen. Von einer Masse von Tibetern gefolgt und von einem Kamele, welches das Boot trug, begleitet, ritten wir am rechten Ufer aufwärts, bis wir an eine Biegung gelangten, wo der Fluß zwei kleine Wasserfälle bildet, von denen der obere meterhoch ist, der untere aber nur 30 Zentimeter Fallhöhe hat. Hier donnert und kocht die Wassermasse in fest verkitteten Geröll- und Tonschlammschwellen. Das Bett ist eng und so tief, daß das Wasser blauschwarz aussieht. Unterhalb des unteren Wasserfalles bildet sich ein langsamer Wirbel, in den das Netz vom Ufer aus spiralförmig hinabgesenkt wurde. Dadurch, daß wir in einer Kurve ruderten, mit den Rudern schlugen, schrien und lärmten, jagten wir die Fische in das Netz hinein und fingen jedesmal zwei bis drei von ihnen. Nachdem ich 28 Stück gefangen hatte, ließ ich die anderen weiterfischen. Die Kosaken angelten vom Ufer aus und hatten auch guten Fang. Tschernoff schoß einige Wildenten, die wir mit dem Boote auffingen. Kurz, wir hatten einen entzückenden, erfrischenden Tag und eine angenehme Abwechslung nach den langen, anstrengenden Karawanenmärschen. Daß der Hagel alle Augenblicke auf uns niederprasselte, störte uns wenig; die Tibeter saßen auf der Uferterrasse und glichen, schwarz wie sie waren, einer Reihe Krähen auf einem Dachfirst.
Vom Fischereiplatze trieb ich mit schwindelnder Fahrt nach dem Lager zurück. Eine Schar Wildenten flog eilig vor uns her; wir fuhren weiter bis an die Stelle, wo sich der Fluß in den Selling-tso ergießt, und von dort ging ich nach Hause, während Ördek die Jolle nach dem Lager zurückrudern und stoßen mußte. Der Fluß sollte nämlich gemessen werden, und dabei ergab sich, daß er 34,6 Kubikmeter Wasser in der Sekunde führte.
Dreißig Tibeter mit dem Bombo an der Spitze besuchten mich am Abend. Sie waren so freundlich, mir zwei Schafe und drei Kübel voll prächtiger Milch zu schenken, wahrscheinlich als Belohnung dafür, daß wir, wie sie uns gebeten hatten, einen Tag hiergeblieben waren. Sie durften jetzt den Tönen der Spieldose lauschen und mehrere unserer Sehenswürdigkeiten betrachten, und der Bombo nahm die Geschenke an, die ihm angeboten wurden.
Die Kosaken sahen dem Scheibenschießen der Tibeter zu. Der Abstand betrug nur 40 Meter, und ein kleines Holzbrett an einer Stange diente als Scheibe. Von dreißig Schützen vermochten nur drei das Brett zu treffen — ein mehr als klägliches Resultat. Die Kosaken baten, auch einen Versuch machen zu dürfen, aber darauf wollten sich die Schützen durchaus nicht einlassen; sie fürchteten wohl, übertroffen zu werden.
Als ich am nächsten Morgen geweckt wurde, waren die Lopleute schon eine gute Weile beim Fischen gewesen, und ich wies daher den Entenbraten, der sonst hätte mein Frühstück bilden sollen, zurück.
Der Morgen versprach mehr, als der Tag halten konnte. Er war schön und sonnig, aber kaum waren wir in Gang gekommen, so zogen die schwarzblauen Wolkenwände, die am Horizonte lauerten, herauf und entluden ihren Inhalt. Die Folge davon waren Hagel, Sturm, nasser Schnee und Platzregen, so daß der Boden wieder naß und schlüpfrig wurde. Der Tagemarsch war demnach in mehrerer Beziehung düster. Die Tibeter ermüdeten uns mit ihrem ewigen Quälen, daß wir umkehren sollten, und mit unseren beiden Kranken sah es auch schlecht aus; besonders Kalpets Zustand hatte sich sehr verschlimmert.
Durch das natürliche, imposante Felsentor, das durch eine Unterbrechung der im Süden des Jaggju-rappga-Tales liegenden Kette gebildet wird, ziehen wir nach Südosten. Über den Klüften und Vorsprüngen zur Rechten kreist ein Königsadler, wahrscheinlich derselbe, den wir gestern den Wildenten hatten auflauern sehen. Die Felstauben, die zierlich und elegant auf dem Boden trippelten, schienen vor dem Adler nicht den geringsten Respekt zu haben. Kulane und Orongoantilopen zeigen sich überall; sie, wie die Fische, scheinen gewohnt zu sein, daß sie von den Menschen in Frieden gelassen werden. Auf Delikatessen verstehen sich die Tibeter nicht. „Ebenso gut, wie man Fische ißt“, sagen sie, „könnte man ja Schlangen und Eidechsen verzehren; das ist genau dasselbe.“
Die Bergkette zieht sich wie eine Halbinsel in den See hinein. Auf ihrer Südseite reiten wir durch einen bedeutenden Fluß namens Alla-sangpo, und zu unserer Linken dehnt sich wieder der marineblaue Spiegel des Selling-tso aus. Hier und dort steht am Ufer ein Zelt. Im Südwesten zeigt sich bisweilen eine verwirrende Welt von Bergen, meistens aber verhüllen Regengüsse und Hagelschauer die Landschaft, so daß Dämmerung herrscht und ich ausschließlich nach dem Kompaß marschieren muß. Der Erdboden war ein einziger Sumpf. Die Tibeter ritten einen anderen Weg, und wir zogen es schließlich vor, ihnen zu folgen; doch jetzt machten sie Halt und meinten, daß wir uns selbst helfen könnten! Am Ufer zeigten sich Massen von Wildgänsen, die noch rechtzeitig vor unseren Gewehren flüchteten. Einen Augenblick klärte es sich über dem ausgedehnten See auf, und wir konnten leicht mehrere Stellen wiedererkennen, die wir am anderen Ufer passiert hatten, besonders die kleine Bergkette auf der Halbinsel, auf der wir hatten umkehren müssen.
Links lassen wir auch an unserem Ufer eine derartige kleinere Kette hinter uns zurück. Wir beabsichtigten gerade, zu einer Schwelle in Südsüdosten hinaufzuziehen, als Kutschuk und Chodai Kullu heransprengten und atemlos verkündeten, daß es Kalpet sehr schlecht gehe. Ich eilte dorthin und fand ihn mehr tot als lebendig inmitten der anderen auf einer Decke am Boden liegen. Er bat um Wasser; da es dieses in der Nähe nicht gab, durfte er so viel Milch trinken, als er konnte. Seine Augen hatten einen strahlenden, intensiven, aber glasigen Ausdruck; seine Gesichtsfarbe war gelb, die Lippen weiß.
An einem großen Tümpel mit Regenwasser lagerten wir bei strömendem Regen. Eines der Zelte wurde als Lazarett eingerichtet, und hier fand Kalpet Schutz vor der Witterung. Er lag ganz still und schien keine Schmerzen zu fühlen. Eine leichte Dosis Morphium verhalf ihm zum Schlaf. Der alte Muhammed Tokta, der auch ins Lazarett gebracht wurde, hatte eine schauerliche Krankheit. Sein ganzer Leib war geschwollen und sein Gesicht eine einzige Geschwulst; es war nicht gut für ihn, seinen Unglücksgefährten mit dem Tode ringen zu sehen.
Auch heute Abend kam unser Bombo auf Besuch, und als wir ihn baten, uns Milch aus dem nächsten Zeltdorfe zu besorgen, sagte er, daß die Pocken dort grassierten; falls wir dorthin gehen wollten, könnten wir es tun; er seinerseits danke dafür. Er brachte drei neue Gesichter mit, darunter einen alten, sehr netten Lama. Sie erklärten, direkt von den Gesandten zu kommen, die der Dalai-Lama ausgeschickt habe, um uns zu verhindern, nach Lhasa zu gehen. Dann folgten die gewöhnlichen Unterhandlungen und Bitten, daß wir doch um Himmels willen bleiben möchten, wo wir seien, damit wir nicht nur uns, sondern auch sie nicht ins Unglück stürzten. Die Gesandten von Lhasa seien nicht mehr weit und würden in zwei Tagen hier eintreffen. Ich blieb unbeweglich und sagte ihnen, es sei eine Schande, friedliche Gäste auf diese Weise zu behandeln und uns mit Hunderten von bis an die Zähne bewaffneten Spionen zu umgeben. Wir beabsichtigten nicht, Krieg zu führen, und hätten alles, was wir gekauft, ehrlich bezahlt. Über unsere Pläne würde ich nicht eher Auskunft geben, als bis die Gesandten angelangt seien. Sie waren verblüfft und sahen sehr sorgenvoll aus.
Um 7 Uhr erhob sich ein so heftiger Sturm, daß das ganze Lager fortzufliegen drohte und die Zelte von der Wucht des Hagels und Regens beinahe zu Boden gedrückt wurden. Nach einem letzten Besuche im Lazarettzelte (Abb. 267), wo Kalpet ruhig schlief und Muhammed Tokta über sein Herz klagte, gingen wir zur Ruhe, um die Sorgen des Tages in den Armen des Schlafes zu vergessen.
Sobald ich am 11. September aufgestanden war, besuchte ich die Kranken. Muhammed Tokta war unverändert; er war bei klarem Bewußtsein und scherzte sogar, hatte aber gemerkt, daß er allmählich das Gefühl in den Fingern verlor. Schlimmer war es mit Kalpet. Er rang mühsam nach Atem, seine Wangen waren eingefallen, aber die Augen hatten ihren Glanz beibehalten. Es schien mit ihm zu Ende zu gehen, aber er sprach vernünftig und sagte, er habe eine „kattik kessel“ (schwere Krankheit) und sei noch kränker davon geworden, daß einer seiner Kameraden ihn vor einigen Tagen geschlagen habe. In Wirklichkeit war es damit, wie sich herausstellte, nicht so schlimm gewesen, aber die Erinnerung daran erfüllte den Sterbenden ganz und gar, und er wußte von nichts anderem zu reden. Der arme Kerl, der dies auf seinem Gewissen hatte, würde jetzt viel darum gegeben haben, wenn er die Sache hätte ungeschehen machen können.
Allmählich schwand das Bewußtsein; er sprach nicht mehr, war total geistesabwesend und starrte in unbekannte Fernen, vielleicht nach dem Paradiese, das der Prophet ihm versprochen hatte. Ich wollte den Tag über hierbleiben, aber die Gegend war so erbärmlich, daß alle für das Übersiedeln nach einem besseren Platze stimmten. Kalpet wurde daher bequem und weich auf sein Kamel gebettet (Abb. 268), und der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Wir alle fühlten, daß heute der Tod mit der Karawane zog, und die Stimmung war daher gedrückt und düster.
Es ging nach Südosten. Von der ersten kleinen Paßschwelle sahen wir wieder einen außerordentlich schönen, von niedrigen Bergketten eingefaßten See mit bizarren Ufern vor uns liegen. Das Wasser war kristallhell; daß es diesmal nicht wieder der Selling-tso sein konnte, merkte man bald, denn hier sah man sowohl Wasserpflanzen als auch Fische, und das Wasser war so süß, wie das eines Flusses.
Das linke Seeufer sah bedenklich aus, denn steile Felsen fielen hier jäh ins Wasser hinunter, und ich hielt es daher für das Klügste, Sirkin und Schagdur auf Rekognoszierung auszuschicken. Inzwischen überfiel uns ein gewaltiger Hagelsturm, und Kalpet wurde mit einem Filzteppiche zugedeckt. Die drei neu angekommenen Tibeter ritten an mich heran, um mir zu erklären, daß es auf dem Westufer keinen Durchgang gebe, doch führe auf dem Nordufer ein Weg nach Osten, den wir benutzen könnten, wenn wir durchaus weiter wollten. Ich ahnte sofort, daß etwas dahinter liegen müsse; es blieb mir aber keine Wahl, um so mehr, als nachher die Kosaken die Aussage der Tibeter bestätigten.
Wir zogen also längs des nördlichen Ufers weiter; es wurde eine Wanderung in den schönsten Schlangenlinien. Ein gerade nach Osten gehender Weg führte über die Hügel, aber die Tibeter hielten sich hinter uns und hüteten sich wohl, ihn uns zu zeigen. Wir gingen also am Strande entlang und nahmen so alle Buchten, Landzungen und Halbinseln mit, ohne zu wissen, nach welcher Seite der See ausbog. Wenn wir infolgedessen auch viele unnötige Schritte machten, so erhielt ich doch wenigstens eine getreue Karte des launenhaften Sees, und eine herrlichere Landschaft als diese hatten wir in Tibet noch nicht gesehen. Nach allen Seiten hin öffneten sich großartige Perspektiven in Buchten und Fjorde hinein, die zwischen malerischen, dekorativen kleinen Bergketten mit steil nach dem See abfallenden Abhängen tief in das Land einschnitten. Hier und dort tauchten kleine Inseln auf, gewölbt wie Delphinrücken. Alte Uferlinien waren hier nicht zu sehen, und das süße Wasser sprach dafür, daß der See, der Nakktsong-tso heißt, Abfluß nach einem weiter südlich liegenden Salzsee hat.
Nachdem wir einige Stunden in allen möglichen Richtungen gewandert waren, überraschten wir die Tibeter, die ihre Zelte am Ufer aufgeschlagen hatten und ihre gewöhnliche Teerast hielten. Sie hatten dadurch Zeit gewonnen, daß sie einen Richtweg hinter den Uferfelsen benutzt hatten. Wir zogen an ihnen vorbei, bis der See definitiv nach Südosten abzubiegen schien. Hier traten die Berge vom Ufer zurück, das eben und mit festem Kiese bedeckt war und den Kamelen ein vortreffliches Terrain bot. Am östlichen Ende des Sees lagerten wir bei einem Zeltdorfe. Die Späher waren uns auch diesmal zuvorgekommen und hatten schon ihre Zelte aufgeschlagen.
Kalpet hatte oft gesprochen und besonders Rosi Mollah, seinen Kerijaer Landsmann, gerufen; er hatte um Wasser gebeten und darum, daß seine Lage auf dem Kamele verändert werden möchte, wenn er sich auf einer Seite müde gelegen hatte; manchmal rief er laut und deutlich, das Kamel gehe zu schnell. Als er jedoch in der Nähe des Lagers längere Zeit still gewesen war, hielt die Ambulanz, welche die Nachhut der Karawane bildete, und Mollah horchte. Er holte mich sofort, und es war nicht schwer zu konstatieren, daß mein armer Diener verschieden war. Sein Ausdruck war ruhig und verklärt, aber die Augen hatten ihren Glanz verloren. Er war schon kalt, obwohl es kaum eine Stunde her war, seit er zuletzt um Wasser gebeten hatte. Mollah drückte ihm für immer die Augen zu, und dann setzte die jetzt in einen Leichenzug verwandelte Karawane ihren Weg fort. Die Muselmänner hatten, wie gewöhnlich, gesungen, um sich den Marsch weniger langweilig zu machen; jetzt aber wurde es still wie in einem Grabe, und nur die Tritte der Tiere auf dem Sande und Kiese des Ufers und das keuchende Atmen der Kamele unterbrachen das Schweigen. Wir standen wieder vor dem furchtbaren, erbarmungslosen Ernste des Todes, und wieder führten wir einen Toten auf einem lebendigen Katafalke mit uns (Abb. 270).
Als wir an den Zelten der Tibeter vorbeizogen, kamen diese uns entgegen, um uns zu sagen, daß es bis zur nächsten Stelle mit Weide noch weit sei. Ich teilte ihnen mit, daß wir einen Toten bei uns hätten, der begraben werden müsse, was sie sehr ruhig anhörten, uns dann aber einen Platz anwiesen, wo dies am besten geschehen könne.
Sobald das Lager fertig war, sprach ich mit Mollah und Turdu Bai über die Beerdigung; sie schlugen vor, sie bis zum nächsten Morgen aufzuschieben und dann mit den üblichen Zeremonien vorzunehmen. Die Leiche wurde für die Nacht in das eine weiße Zelt gelegt und sollte von einem Wächter vor den Hunden geschützt werden.
Kalpets Beerdigungstag, der 12. September, brach strahlend hell und klar an; nur dann und wann segelte in der frischen Seebrise, welche die Wellen ans Ufer rauschen ließ, ein kreideweißes Wölkchen über den Himmel. Das Grab war schon fertig, und im Todeszelte waren Hamra Kul, Mollah Schah und Turdu Bai damit beschäftigt, die Leiche in ein Laken zu hüllen, nachdem sie vorschriftsmäßig gewaschen worden war. Dabei hatten sie sich das Gesicht außer den Augen mit weißen Binden umwunden, um nicht die Leichenluft einatmen zu müssen. Vor dem Zelte saß Rosi Mollah und las laut aus einem Gebetbuche. Das Grab war nicht viel mehr als einen Meter tief, und seine eine Längsseite bildete eine Höhlung, in welche die Leiche hineingeschoben werden sollte. Hierher lenkte der Leichenzug seine Schritte. In eine weiße Filzdecke gewickelt, lag der Tote lang, mager und kalt auf einer Kamelleiter und wurde von Mollah Schah, Islam, Li Loje, Chodai Kullu, Ördek, Hamra Kul und Kutschuk getragen (Abb. 269). Die improvisierte Bahre wurde auf den Rand des Grabes gestellt und Kalpet dann vorsichtig in seine letzte Ruhestätte hinabgelassen (Abb. 271), wobei Mollah Schah und der Mollah mit hinabstiegen, um ihn unter den Vorsprung, der sich über der Aushöhlung in der Seite des Grabes wölbte, zu legen. Der Mollah setzte sich dann und hielt folgende Rede an den Verstorbenen:
„Du bist ein rechtschaffener, rechtgläubiger Muselmann gewesen, du hast niemals einem von uns etwas zuleide getan, du läßt eine Lücke zurück, und wir beweinen dein Hinscheiden, du hast dem Tura gut und redlich gedient.“
Nachdem die beiden Männer aus dem Grabe gestiegen waren, wurde die Kamelleiter quer über die Öffnung gelegt und das Ganze mit einem Filzteppiche bedeckt, dessen Kanten mit Erdschollen beschwert wurden; darauf wurde der Grabhügel über dem Teppiche aufgeworfen, welch letzterer dieses Gewicht natürlich nicht sehr lange würde aushalten können, — es bedurfte nur eines Regens oder des Darüberlaufens umherstreifender Yake, um das Ganze zum Einstürzen zu bringen. Als der Hügel fertig und am Kopfende mit einem ebenso vergänglichen Denkmale aus Erdschollen und einigen dar aufgestellten Steinen verziert war, warfen sich die Muselmänner um das Grab herum auf die Knie, hielten sich die Handflächen vor das Gesicht und murmelten leise Gebete, die nur dann und wann von den Gebetformeln des Mollah unterbrochen wurden.
Und dann war der feierliche Akt vorbei und Kalpet der Erde wiedergegeben. Wir kehren, wie aus einer Kirche, aus einer Sonntagsstimmung in der Wildnis, zu den Sorgen des Alltagslebens zurück. Wir packen unsere Habseligkeiten ein, brechen unsere Zelte ab, beladen unsere geduldigen Kamele, steigen zu Pferd und ziehen von diesem dritten Todeslager fort. Alles erscheint so eitel und zwecklos, wenn man eben am Rande eines Grabes gestanden hat, wo man sich von dem erhabenen Ernste des Lebens und des Todes durchdrungen gefühlt und das Stundenglas ablaufen gesehen hat. Und dann kommt man zu den unbedeutenden kleinen Sorgen eines neuen Tages zurück und setzt seine endlose Wanderung über die Gebirge ohne Rast und Ruhe fort! Auf der Karte steht neben diesem Lagerplatz ein schwarzes Kreuz. Heute ist das Grab sicherlich schon verschwunden. Die Nomaden treiben ihre Herden darüber hin, und ringsumher in den Bergen heulen in den Winternächten die Wölfe. Und sollte das Grab wirklich noch nicht verschwunden sein, so weiß doch keiner, wer der Tote war. Der Rechtgläubige ruht in heidnischer Erde, aber seine Ruhestätte ist doch mit Gebeten aus dem Koran geweiht worden.
Nach der Beerdigung kam Rosi Mollah mit folgendem Anliegen zu mir: „Ehe wir uns nach Beendigung dieser Reise trennen, gebt mir, bitte, ein schriftliches Zeugnis, daß Kalpet eines natürlichen, ehrlichen Todes gestorben ist, damit seine Brüder in Kerija nicht glauben, er sei von mir oder irgendeinem anderen von uns totgeschlagen worden.“ Dies versprach ich, und es geschah auch, worauf das Zeugnis nebst Kalpets Lohn an seine Brüder geschickt wurde.
Die Tibeter, die dem Begräbnisse zusahen, erlaubten sich die Bemerkung, daß wir uns viel zu viel Mühe damit machten. „Werft den Toten den Raben und den Wölfen hin!“ sagten sie. Dies tun sie selbst, wie wir bei einer spätern Gelegenheit mit eigenen Augen sahen.
Die Muselmänner verbrannten das Zelt, in welchem Kalpet aufgebahrt gestanden, seine Kleider und seine Stiefel. Bei der heutigen Gelegenheit waren alle üblichen Zeremonien beobachtet worden; als Aldat starb, war er wie er ging und starb begraben worden.
Heiterlächelnd verjagte der Tag die traurige Erinnerung des Morgens, und wieder entrollte die Erde, auf deren Oberfläche wir ein so flüchtiges, unsicheres Dasein führen, vor uns eine ihrer schönsten Landschaften. Auch jetzt gingen wir durch ein Felsentor im Südosten. Links zeigte sich noch einmal ein Teil des Selling-tso. Von einer niedrigen Paßschwelle erblickten wir nach Süden hin eine offene, weite Ebene, die ganz hinten vom Gebirge begrenzt wurde. Die Tibeter waren uns auf den Fersen. Links von uns lagen einige schwarze und zwei blauweiße Zelte, wohin sie sich begaben. Als wir dicht bei diesem Zeltdorfe waren, sprengte eine Reiterschar an mich heran und überbrachte mir die Nachricht, daß zwei hohe Herren aus Lhasa angelangt seien, weshalb sie uns bitten müßten, der Verhandlungen wegen in ihrer Nähe zu lagern. Anfangs weigerte ich mich und sagte, wir hätten mit diesen Leuten nichts zu schaffen, sondern würden weiterziehen. Doch als es nachher um ihr Lager herum von Soldaten zu wimmeln begann und mir gesagt wurde, daß sie mir Botschaft direkt aus Lhasa brächten, hielt ich es für das Klügste, wenigstens zu hören, was sie eigentlich wollten, und bat die Tibeter, ihren hohen Herren zu sagen, daß ich mit ihnen sprechen würde, wenn sie zu mir kämen.
Jetzt zeigten sich zwei ältere Männer in roten Gewändern. Sie saßen zu Pferd. Vier Fußgänger hielten jedes Pferd am Zügel und führten die hohen Herren zu mir, der ich im Sattel sitzen blieb. Sie grüßten höflich und sahen freundlich und gutherzig aus: die Berichte, die sie während der letzten Tage über uns erhalten hatten, waren sicher zu unserem Vorteil ausgefallen. Sie hatten mir, wie sie sagten, so wichtige Mitteilungen zu machen, daß ich unbedingt bei ihnen lagern müsse; nach vielem Wenn und Aber ging ich schließlich darauf ein.
Doch als wir unser Lager aufgeschlagen hatten, verging eine lange Zeit, ohne daß die Gesandten etwas von sich hören ließen. Ich schickte nun den Lama mit dem Bescheid dorthin, daß sie uns gebeten hätten zu bleiben und sich nun gefälligst sputen möchten, wenn sie mir etwas so Wichtiges zu sagen hätten, da wir sonst wieder aufbrechen würden. Dies half. In ihrem Lager wurde es lebendig. Die beiden Gesandten kamen schleunigst aus dem Zelte und ritten zu uns; die Entfernung betrug kaum 150 Schritt. Der Sicherheit halber umgaben sie sich mit einer starken Eskorte, die jedoch nicht mit Feuerwaffen, sondern nur mit Schwertern bewaffnet war. Sie saßen ab und traten mit artigem Gruße in das Küchenzelt ein, das für Audienzen gewöhnlich ausgeräumt und mit einem bunten Chotaner Teppich geschmückt wurde. Auf diesem Teppich nahmen wir Platz, während draußen ein dichter Kreis von Kosaken, Tibetern und Muhammedanern um das Zelt herum stand. Der Lama, mein Dolmetscher, mußte zwischen uns sitzen.
Sie stellten sich als Mitglieder des „Dewaschung“, des Heiligen Rates in Lhasa, vor, denen der Auftrag geworden sei, mich zu verhindern, nach dieser Stadt zu reisen. Sie wußten, daß ich schon auf einem anderen Wege mit nur zwei Begleitern nach Lhasa zu reiten versucht hatte, aber aufgehalten und von Kamba Bombos Leuten über die Grenze gebracht worden sei. Nun hieß es wieder wie damals: „Nach Süden dürft ihr keinen Schritt weiter“, und dieses Thema wurde drei Stunden lang in allen möglichen Variationen wiederholt.
„Wir haben Millionen Soldaten, und wir werden euch daran verhindern!“
Als ich fragte, was sie wohl machen wollten, wenn wir doch nach Süden gingen, antworteten sie, das würde entweder ihnen oder uns den Kopf kosten.
„In unserer Order steht, daß wir enthauptet werden, wenn wir euch hier durchlassen, und dann können wir lieber erst mit euch kämpfen; das ganze Land ist voller Soldaten.“
Ich bat sie, sich unserer Köpfe wegen ja nicht aufzuregen, da sie an diese doch nicht herankönnten, denn teils hätten wir Beistand von höheren Mächten, teils besäßen wir fürchterliche Waffen.
Beide Gesandten wurden außerordentlich aufgeregt, schrien, schwitzten und gestikulierten, und als ich trotzdem ruhig blieb und ihre Drohungen mit trocknem Lachen erwiderte, platzten sie beinahe vor Ärger.
„Kari-sari? (was sagt er)“, fragten sie unaufhörlich.
„Er sagt, daß er nach Süden weiterziehen will.“
„Mig jori (wenn er Augen hat), wird er morgen sehen, wie wir eure Karawane zurücktreiben“, riefen sie; unaufhörlich schrien sie „mig jori, mig jori!“
Ich lachte nur und erwiderte schließlich:
„Mig jori, wenn ihr Augen habt, so paßt morgen auf, wenn wir südwärts ziehen; haltet aber eure Flinten bereit, denn es wird euch heiß um die Ohren werden!“
Da schlugen sie einen anderen Ton an und baten flehentlich, wir möchten doch endlich die Reise nach Süden aufgeben. Wenn wir auf demselben Wege, den wir gekommen, wieder umkehren wollten, sollten wir Führer und Proviant und alles, was wir nur brauchten, haben, ja, dann würde alles in jeder Hinsicht gut werden.
Ich hatte gar nicht die Absicht, noch weiter „wider den Stachel zu löcken“; tatsächlich hatte ich für diesmal genug von Tibet und sehnte mich nach Ladak und noch mehr nach Hause, nach meiner schwedischen Heimat. Spaßeshalber aber sagte ich noch einmal, daß alle ihre Versuche vergeblich seien.
„So“, antworteten sie, „nun gut, wir werden nicht auf euch und eure Leute schießen, aber wir werden eure Reise unmöglich machen!“
„Wie soll das geschehen?“
„Zehn, zwanzig von unseren Soldaten werden je einen eurer Reiter festhalten, und ebenso viele jedes Kamel, wir werden eure Tiere festhalten, bis sie nicht mehr stehen können und stürzen.“
„Wenn wir dann aber auf euch schießen?“
„Das macht nichts; wir werden auf jeden Fall getötet, wenn wir euch durchlassen. Wir haben bestimmte Befehle aus Lhasa erhalten.“
„Zeigt mir sie, dann werde ich nicht weiter nach Süden gehen“, antwortete ich.
„Sehr gern“, sagten sie und ließen das Papier aus dem Zelte der Gouverneure holen. Es wurde von dem jüngeren Gesandten vorgelesen und war ein recht merkwürdiges Aktenstück. Schereb Lama las mit und konnte kontrollieren. Nach einer ersten Vorlesung und Übersetzung nahmen wir es langsam Punkt für Punkt noch einmal durch, so daß ich es in mongolischer Sprache mit lateinischen Buchstaben abschreiben konnte. Später übersetzte ich es ins Schwedische.
Es lautete, wie folgt. Zuerst die Adresse auf der Außenseite des zusammengefalteten Papieres:
„Im Jahre der eisernen Kuh, den sechsten Monat, am 21. Tage. Dieses Schreiben soll den beiden Gouverneuren von Nakktsong zu Händen kommen. Es ist vom Dewaschung und wird mit der Post befördert. Im siebenten Monate, am 22. Tage muß es angelangt sein.“
Und dann das Schreiben selbst:
„Im Jahre der eisernen Kuh, im sechsten Monate, am 19. Tage ist hier von dem Gouverneur von Nakktschu ein Schreiben angekommen, daß der Sekretär der Mongolen Tsange Chutuktu, der Lama Sandsche, nebst mehreren Pilgern die Wallfahrt nach Dscho-mitsing in Hamdung gemacht hat und er sowohl wie Tugden Dardsche dem Gouverneur von Nakktschu (also Kamba Bombo) gewisse Mitteilungen gemacht haben.
„Der Gouverneur von Nakktschu hat (seinerseits) dem Dewaschung (folgende) Mitteilungen gemacht. Tsanges Sekretär hatte gesagt, daß er um die Zeit, als er sich auf den Weg gemacht, europäische Männer gesehen habe und eine Strecke weit in ihrer Gesellschaft gereist sei. Nachdem sie eine Menge Kleidungsstücke gekauft, seien sie weitergezogen. Im Basare habe er zwei Russen gesehen. «Wohin reist ihr», habe er gefragt, «seid ihr Lamas?» «Wir sind Lamas», hätten sie geantwortet. Der Arzt Schereb Lama, ein Chalchamongole, sei mit ihnen zusammengereist und ihr Führer gewesen. Unterwegs habe er sechs russische Leute marschieren sehen. Eine Menge Kamele und Leute seien im Anzuge.
„Nach Namru und Nakktsong sollen schleunigst Schreiben abgesandt werden, so daß es überall bekannt wird, daß von Nakktschu an und landeinwärts, soweit mein (d. h. des Dalai-Lama) Reich reicht, russische (europäische) Männer keine Erlaubnis erhalten, nach Süden zu ziehen. An alle Häuptlinge sollen Schreiben erlassen werden. Bewacht die Grenzen von Nakktsong; es ist notwendig, das Land Stück für Stück streng zu bewachen. (Diese Stelle lautet auf Mongolisch. “Nakktsäng-tsonguin tsachar hara, gadser gadser sän harreha kerekté„. Die Provinz wird hier also «Nakktsäng-tsong» genannt, aber sonst hörten wir sie stets kurzweg «Nakktsong» nennen, wie auch der See Nakktsong-tso hieß.) Es ist absolut unnötig, daß europäische Männer in das Land der heiligen Bücher kommen, um sich dort umzusehen. In der Provinz, die euch beiden untertan ist, haben sie durchaus nichts zu suchen. Wenn sie sagen, daß es notwendig sei (so wisset), daß diese beiden Anführer nicht nach Süden reisen dürfen. Sollten sie dennoch ihre Reise fortsetzen, so verliert ihr euren Kopf. Zwingt sie, umzukehren und den Weg, auf dem sie gekommen sind, wieder zurückzugehen.“
Durch dieses Schreiben kam für uns Licht in verschiedene Punkte, die uns bisher dunkel geblieben waren. Lama Sandsche und Tugden Dardsche gehörten zu der Karawane von mongolischen Pilgern, die im Mai 1900 Tscharchlik passiert hatte. Schon in Korla und Kara-schahr waren sie mit meinen burjatischen Kosaken und mit dem Lama zusammengetroffen, und die Mitteilungen, die sie hierüber gemacht hatten und die hier in dem Dokumente angeführt waren, entsprachen in der Hauptsache der Wahrheit. „Eine Menge Kamele und Leute“, bezieht sich auf die große Karawane unter Tschernoff und Turdu Bai.
Sobald sie in Nakktschu angelangt waren, hatten sie Kamba Bombo über alles Geschehene Bericht erstattet, und dieser hatte sofort einen Kurier nach Lhasa an den Dewaschung gesandt. Der Kurier langte am 19. des 6. Monats in Lhasa an, und schon am 21. wurde das ganze Land im Norden und Westen der Hauptstadt, besonders die Provinzen Namru und Nakktsong, benachrichtigt, daß scharf aufgepaßt und das Eindringen von Europäern in das Land verhindert werden müsse. Der Ausdruck „die Provinz, welche euch beiden untertan ist“ beweist, daß das Schreiben, welches mir jetzt vorgelesen wurde, besonders an die beiden Gesandten, die uns hier am Nakktsong-tso den Weg versperrten, gerichtet war. Der ältere hieß Hladsche Tsering, der jüngere Junduk Tsering. Sie sind also die Gouverneure von Namru und Nakktsong. Doch nach anderen Aufklärungen, die wir erhielten, scheint es, als hätten sie sich zur Zeit von Kamba Bombos Schreiben zufällig in Lhasa aufgehalten und dort die eben angeführte Order persönlich in Empfang genommen. Ihnen waren auch eine Menge Einzelheiten von meinem ersten Vordringen nach Lhasa und von Kamba Bombos Art und Weise, uns festzunehmen, bekannt. Mit „diese beiden Anführer“ sind sicherlich Tschernoff und Sirkin gemeint, denn wir hatten, als Kamba Bombos Leute uns festnahmen, erklärt, daß im Hauptquartiere zwei Europäer seien, die Rache nehmen würden, wenn uns ein Leid widerführe. Wie wir gefürchtet, hatten die mongolischen (tangutischen) Pilger uns einen bösen Streich gespielt! Doch auch ohne ihre Angeberei hätten wir bald festgesessen, denn sowohl Kamba Bombo wie jetzt Hladsche Tsering erzählten, daß Yakjäger, die uns gesehen, sofort Bericht darüber erstattet hätten.
Ich konnte darauf nichts weiter erwidern, als daß alles in Ordnung und sie völlig in ihrem Rechte seien, uns den Weg zu versperren, und ich sagte ihnen ehrlich, daß die von ihnen beobachtete Absperrungspolitik die einzige sei, die ihr Land vor dem Untergange bewahren könne.
„Rund um Tibet herum, im Norden, im Süden und im Westen haben die Europäer entweder die Länder eurer Nachbarn erobert oder sie von sich abhängig gemacht; jetzt geht auch China allmählich unter, euer Land ist in Asien das einzige, das noch unberührt ist.“
„Re, re“, antworteten sie, „so wollen wir es haben! Es tut uns euretwegen sehr leid, daß ihr nicht nach Lhasa reisen könnt, aber wir müssen unseren Befehlen gehorchen. Für uns wäre es viel angenehmer gewesen, wenn wir Befehl erhalten hätten, euch nach Lhasa zu führen und euch alles zu zeigen.“
Um eine Aufklärung zu erzwingen, fragte ich, ob sie etwas dagegen hätten, meinen chinesischen Paß nach Lhasa zu schicken, während welcher Zeit wir ja die Antwort zusammen erwarten könnten.
„Unter keiner Bedingung, und zwar aus zwei Gründen. Erstens hat der Kaiser von China hier bei uns überhaupt nichts zu sagen, und zweitens würden wir dann beim Dewaschung in den Verdacht geraten, in eurem Interesse tätig zu sein, und im günstigsten Falle abgesetzt werden.“
Schereb Lamas Name kam in dem Dokumente vor. Hier hatten sie ihn leibhaftig vor sich. Sie sagten ihm, daß, wenn es nicht meinetwegen wäre, sie ihn eigentlich mitnehmen und an die Behörden von Lhasa ausliefern müßten, von denen er seine wohlverdiente Strafe erhalten würde, weil er einen Europäer nach Lhasa habe führen wollen. Sein Name sei jetzt in dieser Stadt bekannt und stehe schon im Buche der Verdächtigen. Es sei für ihn selbst das Beste, sich in der heiligen Stadt nie wieder sehen zu lassen. Sie hielten unserem armen Lama eine donnernde Strafpredigt. Aber jetzt, da sein Spiel doch verloren war, nahm auch er kein Blatt mehr vor den Mund; er legte ordentlich los, machte die beiden Gesandten schonungslos herunter und fragte, mit welchem Rechte sie einen Lama züchtigen wollten, der kein tibetischer Untertan sei; er habe von dem chinesischen Gouverneur in Kara-schahr Erlaubnis erhalten, mit mir zu reisen; der Prior seines dortigen Klosters habe gleichfalls seine Einwilligung dazu gegeben, und er werde bei seiner Rückkehr berichten, wie die tibetischen Behörden sich betragen hätten. Da ich fürchtete, daß der Zank in Handgreiflichkeiten übergehen würde, holte ich die große Spieldose, deren Musik wie Öl auf die Wogen wirkte.
Hladsche Tsering war übrigens der Typus eines tibetischen Gentleman, ein wirklich netter, gemütlicher alter Onkel, von dem schließlich alle Mitglieder unserer Karawane, sogar der Lama, entzückt waren (Abb. 272). Niemand wird mir widersprechen, wenn ich sage, daß er viel mehr Ähnlichkeit mit einem runzeligen, alten Mütterchen als mit einem gebieterischen Statthalter hatte. Man betrachte nur das Bild, das ich von ihm zeichnete. Sein völlig bartloses Gesicht, die Art, wie er sein Haar trug, der Zopf, die Mütze mit dem Amtsknopfe, die Ohrringe, alles trug dazu bei, ihm einen so stark femininen Anstrich zu geben, daß ich ihn in vollem Ernst fragte, ob er am Ende nicht doch ein altes Weib sei. Diese Aufrichtigkeit, die manches andere männliche Individuum sehr übel genommen haben würde, machte auf Hladsche Tsering einen ganz guten Eindruck; er lächelte freundlich, nickte und verzog sein Pergamentgesicht zu den muntersten Grimassen, hielt sich die Hand vor die Augen, lachte schließlich derart, daß ihm die Tränen über die Wangen liefen, und versicherte, er sei wirklich ein Mann.
Um 7 Uhr abends ging ich mit Schagdur und dem Lama nach seinem Zelte und kam erst um Mitternacht wieder nach Hause. Jetzt wurde von unseren Plänen kein Wort mehr gesprochen, wir amüsierten uns nur und scherzten miteinander wie zwei junge Studenten. Jeder prahlte mit seinen Waffen. Daher schlug ich vor, Schagdurs Säbel gegen ein tibetisches Schwert zu probieren. Nach der Probe sah dieses wie eine Säge aus, aber später sahen wir auch mehrere von ziemlich gutem Stahl. Hladsche Tsering zeigte uns, daß er auch einige recht brauchbare Revolver hatte.
Sein weißes Zelt mit blauen Streifen und Bändern war sauber und hübsch eingerichtet. An der hinteren Querwand stand eine Art niedrigen Diwans aus Polstern und Kissen und davor ein ebenfalls niedriger Tisch, auf welchem uns Tee, sauere Milch und Tsamba angeboten wurden. Auf der rechten Seite des Diwans (d. h. wenn man darauf saß) stand ein kleiner tragbarer Tempel mit verschiedenen Burchanen (Götterbildern), die vergoldet und zum Teil in „Haddik“ gewickelt waren; unter anderen sah man dort auch den Burchan des Dalai-Lama. Vor ihnen brannten einige Öllampen, und in kleinen Messingschalen waren, wie es auch in den großen Tempeln Brauch ist, den Götterbildern allerlei leicht verdauliche Speisen hingestellt. Sobald man einen Schluck von seinem Tee trank, war sofort ein Diener da und goß die Tasse wieder bis oben voll, selbst wenn dazu nur fünfzehn Tropfen gehörten. Ein eigener Pfeifenreiniger bediente Hladsche Tsering, der aus seiner langen chinesischen Pfeife rauchte und sehr von meinem Tabak entzückt war, weshalb ich ihm eine ganze Blechschachtel davon schenkte.
Der ungefähr 45 Jahr alte Junduk Tsering war weniger intelligent und glaubte, uns durch große Worte schrecken zu können. Er war es, der bei jeder Gelegenheit unübersehbare Heerscharen ins Treffen führte und seine Soldaten nach Millionen rechnete. Ich klärte ihn darüber auf, daß ich seine Krieger selbst gezählt und nur 120 Mann gefunden hätte. Diese Zahl wuchs indessen unaufhörlich, bis sie schließlich beinahe fünfmal so groß war! Ich hatte nicht die geringste Lust, mit ihnen Krieg anzufangen, denn ich hatte ja nur vier Kosaken und überdies, wie jedermann begreifen wird, weder das Recht noch den Wunsch, Gewalt zu brauchen. Wenn wir trotzdem einen ebenso wahnsinnigen wie verwerflichen Schritt getan hätten, wäre es den Tibetern mit ihrer Übermacht eine Kleinigkeit gewesen, uns in irgendeinem Passe den Weg zu versperren. Aber der russische Kaiser hatte mir die Eskorte nicht gegeben, um in Tibet Streit anzufangen, sondern nur als Sicherheitswache für meine Person. Es war für mich also eine Ehrensache, die Kosaken unverletzt wieder zurückzubringen, und ich hatte daher Rücksicht auf sie zu nehmen.
Der gutmütige, ein wenig beleibte und aufgeschwemmte Junduk Tsering war also nur schwach begabt. Unaufhörlich fuhr er sich bei unserem Wortwechsel mit der flachen Hand um den Hals, um zu veranschaulichen, wie wir um einen Kopf kürzer gemacht werden würden, wenn wir weiter nach Süden zögen. Ich sagte ihm gerade heraus, daß er von allen Herren, die ich bisher kennen gelernt, einer der dümmsten sei, und fragte ihn, ob es viele zweibeinige Esel in Lhasa gebe.
Beide Gesandten waren elegant und sauber gekleidet und hatten verschiedene Anzüge, Alltags- und Paradekostüme, warme und leichte, mitgebracht. Sie waren nach chinesischer Mode gekleidet, denn sie trugen Kleiderröcke und Jacken oder Westen von seidenen und wollenen Stoffen. Auf den beigefügten Bildern sind sie im Paradeanzug (Abb. 273, 274).