Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Via dolorosa.

Am 20. Oktober begann der Passatwind um 9½ Uhr. Ich nenne diesen Wind mit Vorliebe so, denn er weht mit staunenerregender Regelmäßigkeit. Nach Mittag schwoll er zum Sturme, einem vollständigen Wüstensturme, an und jagte so dichte Wolken von Sand, Staub und Salz vor sich her, daß die Landschaft oft völlig verschwand. Dennoch war es ein prächtiger Anblick, wie diese kreideweißen Wolken von dem Westufer des Lakkor-tso über den See und von dem östlichen Ufer landeinwärts wirbelten, während die ebenso weißen Wogen gegen den Strand tosten. Als wir an diesem entlangzogen und der Wind mit besonderem Nachdruck uns von der Seite packte, schwankten die Kamele wie Trunkene, und die Reiter hatten Mühe, sich im Sattel zu halten. Zwei wichtige klimatische Charakterzüge haben wir gefunden: die Regenzeit tritt im Spätsommer ein und dauert den Vorherbst hindurch, und ihr folgt, nach einem kurzen Zwischenraum von schönen Tagen, eine Periode mit vorherrschendem Westwind, die den Spätherbst und Winter charakterisiert.

Dann und wann fliegt eine Filzdecke, ein Sack oder sonst ein Gegenstand von einem Kamele und muß wieder festgebunden werden. Ich muß den Deckel meines Marschroutenbuchs gegen den Wind halten, damit mir die Blätter nicht zerrissen werden, und wie gewöhnlich ist man von der Kälte durchfroren. Heute blieb eines der Pferde aus Lhasa liegen und mußte getötet werden. Der Schimmel aber, den wir auf dem Rückzuge nach dem Hauptquartier für verloren hielten, kommt noch immer mit. Die übrigen Tiere hielten sich aufrecht, obwohl es mehrere Todeskandidaten unter ihnen gab.

Wir gehen flußabwärts nach Westen und haben auf beiden Seiten sehr hohe Bergketten. Am Endpunkt der rechten Kette schwenkt der Fluß nach Norden ab und ergießt sich in den See, an dem hier ein Salzfeld mit gewaltigen Hügeln weiß wie Mehl glänzt. Bald darauf befinden wir uns unten auf dem ziemlich steilen Ufer und halten uns auf einer hohen Terrasse, bis wir an einen neuen Fluß gelangen, der von Südsüdosten kommt und sich ebenfalls in den See ergießt. An seinem linken Ufer wurde Halt gemacht (Abb. 289). Alle Berge in der Nähe waren scharf gezeichnet mit horizontalen Linien, die bei gewissen Beleuchtungen wie schwarze Bänder aussahen. Ich beschloß, am nächsten Morgen zu messen, wie hoch die oberste Wasserlinie über dem jetzigen Seespiegel lag.

Während des Marsches ereignete sich ein eigentümliches Abenteuer. Der alte Muhammed Tokta blieb zurück, aber niemand achtete darauf. Hamra Kul, der mit einigen müden Pferden langsam hinter der Karawane herzog, fand ihn in einer Grube, wo sich der Alte, wie er ganz vergnügt erklärte, des Reitens müde, hatte vom Pferde fallen lassen, welches sicherlich nichts dagegen gehabt und sich nachher zu der Karawane gesellt hatte. Hamra Kul nahm den Alten auf einem seiner Pferde mit, und im Lager wurde er wie gewöhnlich weich in Decken und Pelze gebettet. Abends machte ich ihm meinen gewöhnlichen Krankenbesuch, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen und mich zu überzeugen, daß es ihm an nichts fehle. Manchmal pflegte er eine kleine Dosis Sulfonal zu erhalten, um schlafen zu können. Diesmal sollte er jedoch einen langen, tiefen Schlaf tun, ohne vorher ein Schlafmittel einzunehmen. Er antwortete auf alle Fragen und wollte am liebsten Milch haben, weshalb ich den anderen sagte, sie sollten ihm alle noch vorhandene Milch bringen, von der er auch eine große Schale voll austrank. Als ich ihn nach seinem Befinden fragte, lächelte er freundlich. Die Sonne war jedoch noch nicht wieder aufgegangen, als er schon steif und kalt war. Keiner hatte gemerkt, wann sein letzter Lebensfunke in der Morgenkälte erlosch. Mollah Schah, der die letzte Nachtwache hatte, war fortgegangen, um Brennmaterial zu sammeln. Der Tod hatte den alten Kameltreiber im Schlafe überrascht; seine Augen waren fest geschlossen, und er lag noch ganz in derselben Lage wie am Abend vorher.

Dieser Todesfall brachte für die Übrigen ein Gefühl der Erleichterung mit sich, denn auf Besserung hatte keiner mehr gehofft, seitdem der Körper des Kranken angeschwollen war und eine häßliche, dunkle Farbe angenommen hatte. Ihm selbst war das Leben während seiner viermonatigen Krankheit nur eine drückende Last gewesen, und der Tod war hier als Erlöser erschienen. Er war ein redlicher, ehrlicher Mensch, und ich hörte nie, daß jemand unfreundlich gegen ihn war, obgleich er wider seinen Willen seinen Kameraden zur Last war; alle hatten ihn gern, weil er selbst freundlich und stets guter Laune war und von seiner Krankheit nie viel Aufhebens machte. Noch die letzten Abende hatte er trotz aller Verbote versucht, sich aufzurichten und zu grüßen, wenn ich ihn besuchte.

Die übrigen Muselmänner trafen sofort Anstalten zur Beerdigung, und noch ehe ich mit der Todesnachricht geweckt wurde, gähnte schon finster und unheimlich das Grab, das ihn in seine kalten Arme schließen sollte. Aus den Boothälften wurde ein provisorisches Zelt errichtet, in dem die Leiche gewaschen wurde. Sodann wurden ihr die Kleider und der Pelz des Alten wieder angelegt und sie auf einer Kamelleiter zu Grabe getragen, wo dieselbe Zeremonie wie bei Kalpets Leichenbegängnis stattfand. Muhammed Tokta war der vierte, der auf dieser anstrengenden Reise im innersten Asien und Tibet zugrunde ging; es war ein großer Verlust!

Die beiden Kranken, die jetzt auf der Liste standen, Almas und Ahmed, fühlten sich nach diesem neuen Begräbnisse durchaus nicht besser; dem ersteren war das ganze Gesicht geschwollen, und ich war seinetwegen lange in Unruhe, ehe er sich wieder erholte.

Diese unheimliche Krankheit, die bei den drei in Tibet gestorbenen Männern mit ungefähr gleichen Symptomen auftrat, hat ihre Ursache nicht in falscher Ernährung. Wir hatten Nahrung vollauf, und kräftige obendrein. An frischem Fleisch litten wir in Tibet nie Mangel, besonders seitdem wir bewohnte Gegenden erreicht hatten, wo wir von den Einwohnern stets Schafe und Fett erhielten. Daß die Jagd auf Yake, Kulane und Antilopen immer guten Ertrag gab, habe ich bereits erwähnt. Dazu hatten wir jetzt auch angenehme Abwechslung durch süße und saure Milch, Butter und Fische, und von dem aus Tscharchlik mitgenommenen Proviant von Reis, Mehl und Talkan war noch im Überfluß da; er war auf zehn Monate berechnet, und wir waren erst 5½ unterwegs. Der Vorrat mußte bis Ladak reichen; daß er nicht 10 Monate reichen konnte, beruhte darauf, daß wir die Kamele, wenn sie anfingen hinzuschwinden, mit Brot und Reis zu retten suchten, was auch den Vorteil hatte, daß die Lasten kleiner wurden und die Karawane sich leichter bewegen konnte. Bevor wir durch die Yake Entsatz erhielten, war es sogar notwendig gewesen, möglichst viel vom Proviant zu verzehren; denn wir hätten ihn sonst, wenn uns ein Tier nach dem andern starb, schließlich wegwerfen müssen.

Diese Krankheit rührt von der Luftverdünnung her. Die Atmosphäre hat hier nur die halbe Dichte wie am Meer, und das Blut saugt nicht die genügende Menge Sauerstoff ein, um das Leben aufrechtzuerhalten. Wir leben unter abnormen Verhältnissen. Unser Körper und seine Atmungs- und Kreislauforgane sind nicht für sie gebaut. In den Funktionen dieser Organe treten Störungen ein, und der, welcher schon an und für sich nicht gesund und kräftig ist, hat natürlich noch größere Aussicht zugrunde zu gehen. Das Herz arbeitet hier unter Hochdruck, und wenn seine Muskeln und Gewebe nicht hinreichend stark sind, vermag es nicht, das Blut in die peripherischen Teile zu treiben. Ein hervorragender schwedischer Arzt hat mir erklärt, daß dies die Ursache ist, weshalb die Füße und Beine bei meinen Leuten buchstäblich hinschwanden, und er war der Ansicht, daß die Kranken sich vielleicht hätten retten lassen, wenn es möglich gewesen wäre, sie beständig in horizontaler Lage, die Füße sogar etwas höher als den Kopf, zu halten. Auf einer Karawanenreise ist es natürlich sehr schwer, die Kranken genügend zu pflegen; man müßte vor allem an einem Orte bleiben, bis sie völlig wiederhergestellt wären. Doch in einem Lande wie Tibet ist dies sehr oft unmöglich, wenn nicht die ganze Karawane in Gefahr geraten soll. Es bleibt einem keine andere Wahl, als die Kranken mitzuschleppen, und es ist klar, daß eine solche Anstrengung und Unruhe für ihre absterbenden Kräfte zu groß ist.

Die Yake waren schon früh aufgebrochen, von ihren zu Fuß gehenden, pfeifenden Treibern und einem Kosaken eskortiert. Darauf folgten, von einigen Muselmännern geführt, die kranken Kamele und Pferde, alle ohne irgendeine Last. Nachdem die Beerdigung vorüber war, verließen die übrigen das düstere Lager und nahmen, wie gewöhnlich, meine Instrumentkisten auf einigen noch tüchtigen Kamelen mit. Besonders weit war es nicht mehr bis Ladak, gegen 800 Kilometer, aber bei den Tagemärschen, die wir machten, erschien die Entfernung endlos. Insofern war allerdings das langsame Tempo vorteilhaft, als ich Zeit hatte, das durchreiste Land gründlicher zu erforschen, mehrere astronomische Punkte festzustellen und mit dem Kochthermometer öfter die Höhe zu bestimmen.

Ich brach mit Schagdur und Sirkin nach dem Abhange des im Westen des Lagers liegenden Berge auf. Die Höhe der alten Uferlinien über dem jetzigen See sollte mit dem Nivellierspiegel gemessen werden. Die Höhe des Spiegels über dem Boden betrug 1,5 Meter, und die Entfernungen zwischen den gemessenen Punkten verkürzten sich beinahe beständig, so daß die Linie, auf deren Einzelheiten ich jetzt nicht eingehen kann, eine Parabel bildete.

Während des heutigen Tagemarsches sowohl wie später bei mehreren andern Gelegenheiten konnte ich feststellen, daß die nach Westen abfallenden Bergseiten stets energischer entwickelte Uferlinien haben als die nach Osten abfallenden, auf denen die Linien sehr oft sogar ganz fehlen. Auf den Nord- und Südabhängen sind sie einigermaßen deutlich. Da dies die Regel ist, fragt man sich: was war die Ursache? Natürlich dasselbe, was noch heute die Ursache ist, der Westpassat. Dieser treibt die Wogen nach den Ostufern, wo der Wellenschlag eine sehr kräftige Brandung erzeugt, während die Westufer vor dem Winde geschützt liegen.

Das Resultat der Nivellierung ergab, daß die höchste Uferlinie nicht weniger als 133 Meter über dem jetzigen Seespiegel lag, dieser also um diesen ungeheuren Betrag gesunken war. Sein Areal hat sich dementsprechend verkleinert, und wir ritten mehrere Tagereisen weit auf einstigem Seeboden.

Über einen kleinen, weichen Paß gelangten wir an noch einen Salzsee, der genau dieselben Eigenschaften wie der Lakkor-tso, ebenso grünes Wasser und ebenso weiße Ufer hat, aber bedeutend kleiner ist. Sein ganzer westlicher Teil ist trocken gelegt, und dort glänzen außerordentlich umfangreiche Salzablagerungen weiß wie Schnee. Wir gingen am Ufer entlang, mußten aber bald wieder über einen Paß.

Unter dem Passe rastete Hamra Kul mit zwei verendeten Pferden; mit dem einen kam er abends noch ins Lager, aber das zweite, einen Apfelschimmel aus Korla, ließ ich sofort töten, denn es konnte nicht mehr auf den Beinen stehen. Es hatte einen seltsamen Blick, als es seinen langwierigen, harten Dienst beendete. Es schloß nach dem tiefen Stiche in den Hals die Augen und lag ganz still. Als aber der Blutstrahl versiegte und die Mattigkeit und Ruhe des Todes folgte, öffnete es wieder die Augen, wie um zum letzten Male von diesem elenden Leben und seinen mageren Weiden Abschied zu nehmen. Dabei blickte das linke Auge gerade in die Sonne, die sich darin widerspiegelte, so daß es wie der klarste Edelstein glänzte. Es hatte den Anschein, als existierten wir, seine Henker, nicht mehr für das sterbende Tier, sondern nur noch die Sonne. Man fühlt in solchen Augenblicken eine drückende Beklemmung, und ich hatte unsägliches Mitleid mit diesen geduldigen, wehrlosen Tieren, die ich nur mitgeschleppt hatte, um meine unbezwingliche Sehnsucht, das Unbekannte zu erforschen, zu befriedigen. Man stellt maßlose Anforderungen an diese armen Tiere. Und was gibt man ihnen dafür? Nichts; nicht einmal das, was sie als treue Diener des Menschen entschieden mit Recht beanspruchen können: genügende Kost, d. h. Futter, Weide und Wasser, gut und reichlich bemessen. Man lockt sie gleichsam mit falschen Vorspiegelungen: „Eilt fort von diesen unerträglichen, blutdürstigen Bremsen und Mücken, von der Hitze und den Sandstürmen in der Wüste, kommt mit nach den hohen, frischen Bergen, nach ihren Gletscherflüssen, frischen Quellen und saftigen Weiden!“ Und sie kommen, aber was finden sie? Eine Einöde ohne Gras, eine Luft, die für ihre Lungen nicht ausreicht, und ein Land, für dessen Natur nur Yake, Kulane und Antilopen geschaffen sind. Eine Reise durch Tibet ist eine Kette von Leiden für Menschen und Tiere. Jeden Tag umgeben uns Leiden und Jammer, und wir können uns nicht froh fühlen. Man möchte weinen, wenn man all dieses Elend sieht, aber man stumpft auch dagegen ab. Wie gern würde man, wenn man es nur könnte, diesen unglücklichen, unschuldigen, unterdrückten Sklaven die Freiheit wiedergeben, sie nach ewig grünenden Weideplätzen und sprudelnden Quellen führen und sie das Leben genießen lassen, das für sie jetzt nur — eine mörderische Plage ist und klaffende Wunden hinterläßt, Wunden, die nicht geheilt werden können. Nach all der Sterblichkeit in der Karawane, deren Zeuge ich gewesen war, hoffte ich jetzt, daß wenigstens einige unserer Tiere Ladak erreichen würden, damit ich sie dort mit Fürsorge überhäufen, die Pferde wiehern hören und die Augen der Kamele vor Freude glänzen sehen könnte. Von den 45 Pferden und Mauleseln waren jetzt nur noch 11 übrig!

Die Abende werden kalt. Kutschuk, der im Küchenzelt residiert, nimmt an Popularität zu, wenn er ein gewaltiges Argolfeuer unterhält, denn jeder holt sich bei ihm Kohlen für sein Zelt. Hoch stand der glänzende Mond am Himmel, schwarz und düster lagen die Berge im Schatten, kreideweiß breitete sich der verschwimmende See in der Nacht aus; ein Fremdling, der um diese Stunde an das Seeufer kommen würde, würde darauf schwören können, daß die Salzfelder Eis und Schnee seien.

22. Oktober. Es ist vorteilhaft, kurze Tagereisen zu machen, aber so kurz wie heute brauchten sie doch nicht zu sein! Wir hatten kaum 5 Kilometer zurückgelegt, als die Führer an einer Stelle mit gutem Grase Halt machten und uns rieten, ja hierzubleiben, da wir während der nächsten drei Tagemärsche überhaupt keine Weide finden würden. Ferner würden im Laufe des Tages oder der Nacht die von ihnen ausgeschickten Reiter mit einer neuen Eskorte von Yaken und Schafen ankommen. Alle diese Gründe waren so stichhaltig, daß wir blieben; ich ließ ihnen aber sagen, sie sollten sich nicht einbilden, daß bei der Abrechnung über die Yakmiete der heutige Marsch für eine ganze Tagereise gerechnet werde. Sie waren so liebenswürdig zu antworten, daß sie dies meinem Gutdünken überließen.

Der Weg führte über die weißen Felder mit ihren 3 Meter hohen Pyramiden und Tischen. Selbst sehr gute Augen konnten hier die Reflexe ohne dunkle Brille nicht ertragen. Das Gebirge im Südwesten heißt Marmi-gotsong, hinter ihm liegt ein Kloster, Marmi-gombo. Von Zeit zu Zeit hörten wir langgezogene Trompetenstöße von dort.

Ein voller Sturm herrschte an diesem und am nächsten Tage. Mein Pferd arbeitet und müht sich ab, um diese dünne Luft zu durchdringen, die dennoch so ungeheuren Widerstand leistet. In der Jurte stellte ich stets meine Kisten an die Windseite, um die Zugluft abzuschwächen, aber ganze Haufen von Staub und Abfällen wehten durch die Zeltöffnung herein. Unsere Straße führte nach Nordwesten, aber noch befanden wir uns südlich von Littledales Route. Auch im Lager Nr. 112, am Flusse Schaggué-tschu, hörten wir von Süden her Posaunenstöße, den Tönen eines Nebelhorns vergleichbar. Ich hätte zu gern die Tempel besucht, aber die Tibeter wollten nichts davon hören, und die Pässe im Süden waren für unsere Tiere auch zu schwierig.

292. Das Gebirge auf der südlichen Talseite bei Lager Nr. 114. (S. 321.)
293. Das Nordufer des Tsolla-ring-tso. (S. 324.)
294. Lager an einem zugefrorenen Sumpfe. (S. 324.)

Am 24. hatten wir auf beiden Seiten wilde, felsige Bergketten mit großartigen, phantastischen Perspektiven. Gleich hinter einem flachen Passe (4820 Meter) lagerten wir an einem kleinen Tümpel namens Oman-tso. Wir sind hier in der Provinz Sagget-sang, die von dem Senkorstamme bewohnt wird, ein Name, den wir auch bei Littledale finden. Von den drei heute zurückgebliebenen Kamelen erreichte eines noch spät das Lager, das zweite blieb auf dem Passe liegen, und das dritte starb.

Die Kälte ging bis auf −18,8 Grad herunter. Schon beim Aufbruch (am 25.) mußte ein Pferd totgestochen werden. Sechs Kamele sind kränklich und ziehen mit der Yakkarawane. Almas, dem es noch immer schlecht ging, ritt auf dem ersten von ihnen. Wir holten sie bald ein und sahen, wie eines streikte und mit zwei Männern zurückgelassen wurde; sie versuchten, es zum Weitergehen zu bewegen. Als es sich aber in der Lage ausstreckte, die die Kamele beim Sterben einnehmen, wurde es mit dem Messer getötet. Noch eines blieb mit einem Wärter zurück, und dann wieder eines. Später wurde das Dromedar auf einem Platze, wo Gras wuchs, zurückgelassen, damit die Nachzügler es mitnehmen könnten. Almas führte schließlich nur noch ein Kamel, die Mutter des kleinen Füllens, das in Tscharchlik geboren war. Die Liebe zu ihrem Jungen scheint ihre Kräfte aufrechtzuhalten. Das Junge gehört zu den Allergesundesten, weil es mit Brot gefüttert wird; es saugt jetzt nur noch selten an dem versiegenden Euter der Mutter. Wir haben jetzt nur noch 18 Kamele, 21 liegen tot auf unserer Straße. Alle vier Kosaken reiten auf Mauleseln, auf Pferden nur ich, Turdu Bai, Mollah Schah, Li Loje und Turdu Ahun, Hamra Kuls sechzehnjähriger Sohn, welcher der Diener der Muhammedaner ist. Die übrigen Leute reiten gelegentlich auf Kamelen, sonst gehen sie zu Fuß.

Diese so geschwächte Karawane zog zwischen den gigantischen Felsen weiter, die versteinerten, verzauberten Ritterburgen glichen. Alle Ketten biegen nach Nordwesten ab, ganz wie der Himalaja und der Kwen-lun auf denselben Meridianen. Auch heute lagerten wir im Lager Nr. 104 unter einem Passe an einem zugefrorenen kleinen See, dem Bondschin-tso (Abb. 290, 291, 292). Der Anführer unserer jetzigen Trabanten, Dawo Tsering, ist ein sehr netter, lustiger alter Herr, der nicht begreifen konnte, was er für Nutzen davon haben würde, wenn er uns hinters Licht führte.

Der Tod setzt seine Verheerungen in der Karawane fort. Ein Kamel wurde am Morgen geopfert, drei andere blieben während des Marsches zurück. Turdu Bai blieb bis 10 Uhr abends bei ihnen und sollte sich am nächsten Morgen nach ihnen umsehen; konnten sie dann nicht mitkommen, so hatte er Befehl, sie zu töten; den einen Trost haben wir wenigstens, daß wir ihnen ihr Grab in einer großartigen Natur bereiten.

Am 26. ritten also Turdu Bai und Sirkin zu den Kamelen zurück. Als wir die beiden Reiter im nächsten Lager ankommen sahen, wußten wir sofort, wie es stand. Das Dromedar hatte noch an der Stelle gelegen, wo es abends zurückgelassen worden war; es hatte auch nicht den geringsten Versuch gemacht, sich zu erheben. Es hatte geweint, und lange Eiszapfen hingen ihm unter den Augen. Sowohl dieses wie die beiden anderen Kamele mußten getötet werden.

27. Oktober. Das Wetter ist immerfort klar, und der Westwind dauert an, wenn auch bisweilen mit etwas abgeschwächter Kraft. Das Terrain war gut und eben; alle Kamele konnten den Marsch machen, ein paar Pferde aber nur mit Mühe und Not. Einige von den Kamelen haben wunde Füße und tragen Strümpfe von Kulanleder. Das Land öffnet sich wieder, dann und wann stoßen wir auf Nomaden. Dawo Tsering reitet neben mir und erteilt mir mit größter Offenheit Auskunft. Manchmal sagt er mit geradezu schulmeisterlicher Würde: „Schreibt jetzt auf, daß der Berg da so heißt.“ Er hat den Lama heimlich gefragt, was ich von ihm halte.

Nachdem wir auf einer kürzeren Strecke mit Littledales Route in Berührung gewesen waren, verließen wir sie jetzt wieder. Der englische Reisende ging von hier auf einem südlicheren Wege nach Rudok und dann längs des Südufers des Panggong-tso nach Leh. Im Nordwesten zeigt sich der See Daddap-tso. Das Lager Nr. 106 wurde am Westufer des zugefrorenen Süßwassersees Oman-tso aufgeschlagen.

Am 28. Oktober ging es den ganzen Tag in einem Längentale bergauf und bergab, bis wir schließlich einen Paß erreichten, von dem die Aussicht nach Westen hin prachtvoll war; eine ganz neue Welt breitete sich in dieser Richtung aus, alles Alte lag wie ein zugeschlagenes Buch hinter uns.

Die Landschaft wird besonders von dem runden See Perutse-tso oder Jim-tso beherrscht. Die Karawane ist so weit vor mir, daß sie nicht mehr zu sehen ist; ich bin, durch meine Arbeit aufgehalten, wie gewöhnlich der letzte. Wir reiten durch einen Gürtel von Balgunsträuchern auf meterhohen Kegeln — hier würden wir in der Kälte wenigstens ordentliche Feuer haben können.

Unser Lager am Perutse-tso war das beste, das wir seit dem Lager am Tscharchlik-su, beim Antritt unserer Reise durch Tibet, gehabt hatten. Das Gras war hoch, weich und üppig, obwohl gefroren, und vorzügliches Brennholz und Wasser gab es in Menge. Große lodernde Lagerfeuer machten den Platz hell, gemütlich und warm; es war auch nötig, denn in dieser Nacht sank die Temperatur auf −20,1 Grad. Alle Kamele, außer der jungen Mutter, erreichten das Lager. Diese wurde am Ufer zurückgelassen, nachdem ich eine ganze Weile versucht hatte, sie wieder auf die Beine zu bringen, und sie das Strohpolster ihres Packsattels hatte fressen lassen. Schon am selben Abend, als sie abgeholt werden sollte, war sie tot und steifgefroren. Jetzt hatten wir nur noch 14 Kamele! Im Lager starb ein Pferd; es hatte beinahe den Anschein, als habe sein leerer Magen das gute Gras nicht vertragen können. Dawo Tsering nahm hier Abschied und erklärte, es sei ihm nicht erlaubt, Geschenke anzunehmen.

Wir waren jetzt neun Tage marschiert, ohne einen Tag zu rasten — die Weide war zu schlecht dazu gewesen; hier aber blieben wir dafür in Wind und Kälte vier Tage liegen, während derer sich die Tiere schließlich erholten. Meine Zeit wurde von verschiedenen Nacharbeiten in Anspruch genommen. Unsere neuen Begleiter verkauften uns für 4 Liang drei kleine Beutel Gerste aus Ladak, natürlich viel zu teuer; aber unsere Tiere bedurften des Korns, und in einer Stunde war es verzehrt. Der neue Anführer erzählte uns, daß er Tadschinurmongole und einige Tagereisen südlich vom Kukku-nor geboren, aber von seinen Eltern auf der Wallfahrt nach Lhasa an ein kinderloses tangutisches Ehepaar verkauft worden sei. Wieviel sie für ihn bekommen hatten, wußte er nicht, aber der Lama sagte uns, daß 20 Liang der stehende Preis und ein derartiger Handel nichts Ungewöhnliches sei. Es kommt auch vor, daß die Tanguten Kinder an die Mongolen verkaufen. Unser Begleiter war, als er verkauft wurde, fünf Jahr alt gewesen und natürlich ein echter Tibeter geworden; er erinnerte sich auch nicht eines einzigen mongolischen Wortes mehr. Die Tanguten gehören zu demselben Stamme wie die Tibeter und haben dieselbe Sprache wie diese.

Nach der Rast waren wir imstande, auf gutem, ebenem Boden 25,8 Kilometer zurückzulegen. Dennoch waren wir noch nicht weit gekommen, als ein Pferd stürzte und getötet werden mußte.

Es herrscht eine schneidende Kälte, und im Sattel, wo man dem längs des Bodens hinstreichenden Winde ausgesetzt ist, erstarrt man beinahe. Alle Muselmänner reiten jetzt auf Kamelen, alle Lasten, außer den Instrumentkisten, werden von Yaken getragen. Ich bin der einzige, der ein Pferd reitet, aber dieses wird auch besonders mit Brot und Reis gefüttert. Die übrigen Pferde werden ohne Sattel hinter der Karawane hergeführt.

Der Fluß Ombo-sangpo war ganz zugefroren, aber das Eis hielt nicht; nachdem einige von den Pferden und Yaken der Tibeter auf der Eisdecke ausgeglitten und gestolpert waren, brachen die übrigen ein, und es mußte ein Kanal für die Kamele ausgehauen werden.

Die Nacht im Lager Nr. 108 war sternenklar und windstill (−15,4 Grad). Sogar Sterne fünfter Größe waren am Horizont noch deutlich erkennbar, während diejenigen erster Größe wie Fackeln glänzten. Manchmal hört man die vermutlich hungernden und frierenden Wölfe heulen.

Am Morgen des 3. November stellte es sich heraus, daß alle Kamele bis auf zwei nach den üppigen Weiden des Perutse-tso zurückgekehrt waren; ihr Einfangen verursachte großen Zeitverlust. Sodann zogen wir nach Westen über sehr deutliche, schöne Uferterrassen, welche die frühere Ausdehnung des Sees Luma-ring-tso zeigen. Über umfangreiche Salzfelder erreichen wir endlich den See, einen unbedeutenden kleinen Salztümpel, dessen Nordufer wir folgen. Hinter einer schmalen Landenge taucht noch ein See auf, der Tsolla-ring-tso (Abb. 293), an dessen Ufer wir lagern. Im allgemeinen sind die Ufer sumpfig (Abb. 294) und selbst bei der jetzt herrschenden Kälte tückisch. Der Luma-ring-tso ist auf Nain Singhs Karte ganz verkehrt gezeichnet; letzterer gibt ihm eine Länge von 55 Kilometer statt der tatsächlichen 5½, aber er hat den See nicht gesehen, denn sein Weg liegt weit nördlich davon, und es ist nicht wahrscheinlich, daß der Luma-ring-tso seit 1873, in welchem Jahr der berühmte Pundit seine denkwürdige, verdienstvolle Reise machte, so bedeutend eingeschrumpft ist. Auf dem gefährlichen Sumpfufer wurden die Kamele nachts angebunden. Ein paar Pferde sanken nachts ein, und als wir sie am Morgen mit knapper Not wieder herausgezogen hatten, sahen sie wie Lehmstatuen aus. Trotz der ihnen neulich vergönnten Ruhetage stand es mit vielen von den letzten Pferden schlecht. Der Schimmel, der den Marsch gegen Lhasa mitgemacht hatte und der am 19. August schon aufgegeben gewesen war, aber trotzdem bis jetzt ausgehalten hatte, stürzte heute. Ich wollte ihn gerade töten lassen, als der tibetische Häuptling herbeieilte und ihn sich, so wie er war, ausbat, wozu ich gern meine Zustimmung gab.

295. Der Lama im Streite mit dem Anführer der Yakkarawane. (S. 327.)
296. Aussicht nach Südosten vom Lager Nr. 129. (S. 329.)
297. Die Umgebung des Lagers Nr. 133. (S. 330.)
298. Offene Landschaft beim Tsangar-schar. (S. 330.)
299. Geröllterrassen. (S. 330.)
300. Unser erster Lagerplatz am Tso-ngombo. (S. 333.)

Wir wußten, daß wir heute die Grenze von Rudok erreichen würden. Am Westende des Sees standen bereits 7 Zelte, und eine Menge Leute war dort zu sehen. Ein dreister alter Mann kündigte uns an, daß wir hierzubleiben hätten. In einem benachbarten Tale sei das Gras gut, und dort weideten auch ihre eigenen Pferde und Yake. Wir lagerten in der Nähe der Tibeter, und der Lama begab sich sofort zu ihnen, um Erkundigungen einzuziehen. Als er zurückkam, war er ganz aufgeregt; der Gouverneur von Rudok war ein rechter Grobian gewesen und hatte erklärt, daß er uns ohne Paß vom Dalai-Lama nimmermehr durch sein Gebiet ziehen lassen werde. Ich schickte zu diesem Bombo, der beim Dewaschung besonders gut angeschrieben sein soll und Oberaufseher des Tschokk-dschalung war, wo er im Sommer residierte; im Winter wohnte er in der Stadt Rudok. Tschokk-dschalung ist ein Goldfeld, das einige Tagereisen südwestlich der Gegend liegt, in der wir uns befanden. Im Winter sollen sich dort nur einige zwanzig Menschen aufhalten, im Sommer aber 300 und darüber, die von allen Seiten, sogar von Lhasa, dorthinkommen, um Gold zu suchen. Tschokk-dschalung gilt für den höchstgelegenen ständig bewohnten Ort der Erde.

Mit großem Gefolge und arroganter Sicherheit in seinem Auftreten kam er in seinem schönsten Paradeanzug, sobald er meine Aufforderung erhalten hatte; ich bat ihn, auf einer Filzmatte vor meinem Zelte Platz zu nehmen. Ich selbst blieb drinnen neben meinem Kohlenbecken sitzen. Der Bombo schien zuerst unschlüssig, wie er sich zu der zweideutigen Artigkeit verhalten sollte, setzte sich aber schließlich doch und forderte mir den Paß vom Dalai-Lama ab. Ich antwortete ihm, daß wir diesen Herrn nie gesehen hätten und folglich auch keinen Paß von ihm haben könnten.

„Ich habe nichts von euch gehört“, entgegnete er, „weiß nicht, wer ihr seid, habe kein Schreiben aus Lhasa erhalten, bin nie beauftragt worden, euch mit Yaken zu versorgen, aber ich weiß, daß es Europäern ein für allemal verboten ist, durch Rudok zu reisen.“

„Wenn ihr ein hoher Beamter seid, müßt ihr wissen, daß ihr verpflichtet seid, uns für die Reise nach Ladak zur Verfügung zu stehen.“

„Verdächtigen Personen gegenüber, die keinen Paß haben, bin ich zu gar nichts verpflichtet; doch wenn ihr wollt, werde ich nach Lhasa schreiben, und ihr müßt hier 2½ Monate warten, bis die Antwort da ist.“

„Das paßt uns außerordentlich gut“, erwiderte ich, „unsere Tiere sind erschöpft und bedürfen der Ruhe. Schreibt nur nach Lhasa, wir haben Zeit zu warten.“

„Gut, ihr begreift, daß ich den Kopf verliere, wenn ich euch durch meine Provinz ziehen lasse.“

Er war außerordentlich bestimmt, ruhig und würdevoll in seinem Auftreten, obgleich etwas unverschämt, wenn man ihn mit unseren Freunden in der Nähe von Lhasa vergleicht. Die Kosaken waren so außer sich, daß sie vor Wut schäumten, — fast alle sehnten sich jetzt nach Hause oder wenigstens von diesen kalten winterlichen Bergen fort. Ich beruhigte jedoch ihre aufgeregten Gemüter, denn ich sah nur zu wohl ein, daß ich nicht das geringste Recht hatte, Rudok den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Es waren schon wieder über hundert gut bewaffnete Krieger versammelt. Der Zustand unserer Karawane erlaubte auch keine Umgehung der Provinz auf einem nördlichen Wege, und mir war dies auch ganz lieb, da ich nicht Nain Singhs, Bowers und Deasys Routen oder die noch nördlicher liegenden Wege Malcolms und Wellbys berühren wollte. Ebensowenig hatte ich Lust, den größeren Teil des Gepäckes, der Zelte, des Proviants und das Boot zu verbrennen, wie Captain Deasy es einmal in einer schwierigen Lage tun mußte.

Dagegen sprach mich die Wartezeit von zweieinhalb Monaten sehr an. Ich war müde und matt von Arbeit und Weststürmen und bedurfte der Ruhe. Ich hielt mit den Kosaken Kriegsrat und entwarf einen ganzen Überwinterungsplan. Wir wollten nach ein paar Tagen nach den üppigeren Weiden des Perutse-tso zurückkehren und dort ein befestigtes Lager anlegen. Mir würde es in der interessanten Gegend nicht an Beschäftigung fehlen, und meine Leute sollten sich im Anfang die Zeit damit vertreiben, daß sie aus Erdschollen eine hohe Mauer rings um das Zeltlager und das Gepäck errichteten. Von demselben Material wollten wir einen Aussichtsturm bauen, und die Festung sollte mit einem Graben umgeben werden. Nachher wollten wir ruhen, jagen, Ausflüge machen, unsere Tiere pflegen, um im Frühling direkt nach Süden zu ziehen. Ich segnete den Bombo, der mich zu einer neuen Kraftanstrengung in Tibet beinahe zwang, obwohl ich im Grunde von diesem schwer zugänglichen Lande mehr als genug hatte.

Am folgenden Morgen kündigte ich dem Gouverneur an, daß wir wieder ostwärts ziehen würden; er hatte nichts dagegen einzuwenden. Doch der Tadschinurmann erklärte, er habe Befehl, uns bis an die Grenze von Rudok zu bringen, aber nicht, uns wieder zurückzuführen. Die Sache würde sich jedoch leicht arrangieren lassen; waren wir erst am Perutse-tso angelangt, so konnten wir sowohl die Yake wie die Pferde mit Beschlag belegen und die Männer gefangenhalten. Mit frischen Pferden würden wir leicht und bequem operieren können.

Der Bombo kam jedoch auf andere Gedanken und teilte uns mit, daß er uns Yake und Proviant besorgen werde, wenn wir versprächen, nicht nach der Stadt Rudok zu gehen, was zu tun gar nicht in meiner Absicht lag, da Littledale diesen südlicheren Weg gegangen war.

So wurde der ganze Festungsplan hinfällig, und wir durften uns dem Ende unserer Mühsale wieder nähern.