Vierundzwanzigstes Kapitel.
Die lange Reise nach Ladak.

Am 26. September ritten wir nach der Stelle, wo sich der Boggtsang-sangpo in den See ergießt. Der Fluß teilt sich in mehrere Arme, und an den Ufern ist die Weide so reichlich, daß wir hier einen Tag rasten müssen. Wir hatten jetzt nur noch 22 Kamele, die alle sehr erschöpft waren. Die Pferde sind in schlechtem Zustand. Jetzt sahen wir nur 16 Zelte auf 28½ Kilometer, aber ziemlich große Schafherden. Die Gegend ist ziemlich reich an Kulanen, Antilopen, Rebhühnern, Hasen und Gänsen, und die Jäger versahen uns mit Fleisch in Menge. Der See ist viel kleiner als die vorhergehenden, aber stark salzig. Ringförmige Wälle an den Ufern verkünden, daß auch der Daggtse-tso im Austrocknen begriffen ist. An einer Stelle standen sieben solcher alten Uferwälle deutlich ausgeprägt übereinander.

286. Fischen im Boggtsang-sangpo. (S. 305.)
287. Die Yake werden beladen. (S. 310.)
288. Das Lager Nr. 103 am Quellbache. (S. 312.)
289. Lager Nr. 109 im Westen des Lakkor-tso. (S. 316.)
Auf den Bergen im Hintergrund einige Uferlinien.

Während der folgenden Tagemärsche hielten wir uns in der unmittelbaren Nähe des Boggtsang-sangpo (Abb. 281). An einem Punkte, wo wir den Fluß kreuzten, hatte ihn auch Littledale überschritten. Captain Bowers Route, die wir am Nakktsong-tso und Tschargut-tso gestreift hatten, liegt nun eine ziemliche Strecke nördlich von unserem Wege, und wir berühren sie nicht mehr. Nain Singhs Weg läuft einstweilen noch südlich von unserer Straße. Dadurch, daß ich jetzt dem Laufe dieses Flusses folgte, konnte ich die Routen der drei Reisenden, die vor mir diese Teile von Tibet besucht hatten, vermeiden. Es würde unsere Landeskenntnis vermehren, wenn ich andere Gegenden aufsuchte. Oft war es jedoch unmöglich zu entscheiden, ob ich mit Littledales Weg in Kollision war oder nicht. Die Karte dieses ausgezeichneten, unermüdlichen Reisenden ist leider in zu kleinem Maßstabe ausgeführt, als daß man sich mit ihrer Hilfe in dem Terrain zurechtfinden könnte. Bei den Anforderungen, die ich an meine Karte stellte, betrachtete ich die Landesteile, die meine Vorgänger durchreist hatten und in denen ich es nicht vermeiden konnte, ihre Routen zu kreuzen oder sogar auf kurzen Strecken ebenfalls zu benutzen, als unerforschtes Land. Auf Littledales Karte findet man z. B. weder den Nakktsong-tso noch den Tschargut-tso, auf der von Bower allerdings diese beiden Seen, aber nicht den Selling-tso. Bower reiste zwischen dem Nakktsong-tso und dem Tschargut-tso durch, aber er erforschte nicht das Verhältnis, in welchem die verschiedenen Seen zueinander stehen; der Addan-tso ist auf seiner Karte gar nicht angegeben, ebensowenig ein Abfluß des Tschargut-tso. Er hat geglaubt, daß der Jaggju-rappga ein Fluß sei, der sich in den Tschargut-tso ergießt, obwohl das Wasser aus dem See strömt. Es ist weder meine Aufgabe noch meine Absicht, das vorhandene Kartenmaterial über Innerasien in dieser Arbeit zu kritisieren, ich will nur erklären, weshalb ich Grund hatte, manchen Landesteil, den auf der Karte eine rote Linie durchzieht, als eine terra incognita zu betrachten. Der Zweck einer Reise durch unbekanntes Land ist doch, daß man vor allem eine Karte desselben vorzeigen kann, und eine solche ist zwecklos, wenn sie nicht vollkommen zuverlässig ist. Was haben die großen Strapazen und Kosten, die mit einer solchen Reise verbunden sind, sonst für einen Nutzen? Littledales und Bowers Reisen sind übrigens bewundernswerte Beweise von Kraft und Ausdauer. Von den drei Karten aber ist Nain Singhs die beste, obwohl sie einer Revision sehr bedarf. —

Die erste Tagereise längs des Boggtsang-sangpo ging durch ziemlich gutes Weideland; hier und dort zeigten sich Nomadenlager. Das Wetter war herrlich, obgleich die Nachtkälte bis auf −8 Grad fiel. Es war ganz windstill, keine Wolke sichtbar; solches Wetter würde uns auf dem Tschargut-tso gefallen haben. Wenn man, wie wir, nach Westen reitet, wird die linke Seite des Gesichtes so von der Sonne angegriffen, daß die Haut stückweise abblättert, während die andere eisig kalt ist. Der linke Fuß hat es schön warm, indes der rechte im Schatten beinahe erfriert.

Am 29. September legten wir 29 Kilometer zurück und lagerten am Ufer des Flusses im Lager Nr. 92 unmittelbar neben seinen brausenden Wirbeln (Abb. 282, 283). In der Dämmerung langten die Tibeter an und schlugen ihre Zelte uns gerade gegenüber am rechten Ufer auf.

Am folgenden Tag marschierten wir auf dem südlichen Ufer. Der Fluß macht viele Krümmungen und hat ein scharf ausgeprägtes Bett. Das südlich von seinem Tale liegende Gebirge heißt Nangra. Schagdur hatte sich ein paar Stunden lang nicht sehen lassen; als er uns aber einholte, schwenkte er triumphierend ein Bündel prächtiger Fische in der Luft. Sobald wir das Lager aufgeschlagen hatten, wurde das Boot zusammengesetzt, und die Lopmänner fischten mit dem Schleppnetz in den Flußbiegungen (Abb. 286). Die Angler hatten jedoch mehr Glück.

Drei Tage Marsch und den vierten Rast ist jetzt unter gewöhnlichen Verhältnissen die Regel. Infolgedessen war der 1. Oktober ein Rasttag; er wurde von den meisten zum Fischfang benutzt. Schagdur hat das größte Fischglück; er angelte 18 Stück und schoß außerdem zur Abwechslung eine Antilope. Turdu Bai steht den ganzen Tag wie ein alter, in der Sommerfrische befindlicher Onkel mit seiner Angelrute in der Hand am Ufer und hat dabei die unerschütterliche Geduld des echten Anglers. Er schmunzelte ordentlich, als er mir seinen Fang zeigte. Der Lama las heilige Schriften. Jamdu Tsering und Tsering Daschi (Abb. 284), die Anführer unserer Leibwache, baten mich, ihnen eines unserer Schafe zu überlassen, da sie nichts mehr zu essen hätten, beim nächsten Zeltlager sollten wir Ersatz dafür erhalten. Ihre Bitte wurde ihnen mit um so größerer Bereitwilligkeit gewährt, als sie uns schon viele Freundlichkeiten erwiesen hatten.

2. Oktober. In der Nacht hatten wir −11 Grad; der Winter naht sich, wir müssen uns beeilen, nach Ladak zu kommen. Der Tagemarsch führte nach Westsüdwest, auf dem Südufer des Boggtsang-sangpo, und zum vierten Male lagerten wir an diesem Flusse (Abb. 285). Die Breite betrug hier nur 6 Meter, aber die Tiefe war groß. Die Zelte sind kaum aufgeschlagen, als die Angelruten schon wieder in voller Tätigkeit sind. Während dieser Tage lebten wir hauptsächlich von Fischen, ich fast ausschließlich.

Am 3. Oktober folgten wir dem Flusse zum letzten Male und ließen ihn nachher links liegen. Ich hätte gar zu gern einen südlicheren Weg eingeschlagen, aber das Land war zu gebirgig für die Kamele. Heute tröstete ich mich überdies mit der Aussicht, den Berg kennenzulernen, den Littledale den „Vulkan Tongo“ nennt, von dem mir aber gesagt wurde, daß er Erenak-tschimmo heiße. Von unserem Lager Nr. 95 aus gesehen, glich er an Gestalt einem regelrechten Vulkankegel; aber von dem heutigen Passe sah man, daß er, wie alle anderen Kämme hier in der Gegend, eine nicht unbedeutende Ausdehnung nach Westen hatte. Die Karawane mußte ihre eigene Straße mit den Tibetern ziehen, während wir, nämlich ich, der Lama und Tschernoff, nach dem Berge hinaufritten. Über einige Konglomeratplatten gelangen wir an einen Bach am Fuße des Berges, wo ein einsames Nomadenzelt aufgeschlagen war. Wir ritten so hoch hinauf, als unsere Pferde es aushalten konnten, und gingen dann zu Fuß weiter. Bald hatten wir jedoch genug vom Klettern und rasteten eine gute Weile. An einigen Stellen trat anstehendes Gestein zutage, das aus Granit, kristallinischem Schiefer und Porphyr bestand, während verschiedene andere Gesteinarten durch lose Stücke vertreten waren. Ein Vulkan ist dieser Berg nicht und ist es auch nie gewesen; er ist nur ein Glied in den parallelen Ketten, die, von dem hohen Aussichtspunkte betrachtet, die ganze Landschaft als ein unentwirrbares Durcheinander von Kämmen und Rücken erscheinen lassen, in welchem wir nur die dominierenden Schneegipfel und die Täler, durch welche wir vom Daggtse-tso an gezogen sind, wiedererkennen. Herrlich und friedvoll war es dort oben mitten in den Wolken und Winden, fern von der Karawane und ihren kleinen Intrigen; ich wäre gern ein paar Tage dort geblieben.

Im östlichen Giebel des dritten der kleinen krenelierten Kämme gibt es eine runde Grotte mit einem äußeren und einem inneren Raume, die eine Mauer aus Steinplatten trennt. Der Eingang der Grotte ist ungefähr 3 Meter hoch. Nach der dicken Rußschicht an der Decke zu urteilen, ist die Grotte lange Zeit bewohnt gewesen; der Felsboden in ihrem Inneren ist mit Schafmist bedeckt. Wir saßen eine Weile in der Grotte und genossen die malerische Aussicht durch ihre Öffnung — das ganze Tal glänzte im Sonnenschein, während wir uns bei Windstille im kühlen Schatten befanden. Auf verschiedenen Steinplatten sind die Worte „Om mani padme hum“ eingehauen. Vielleicht hat ein Eremit, der sein Leben den Göttern des Berges geweiht, hier seinen Wohnsitz gehabt.

Dann ritten wir weiter nach einem ziemlich bequemen Passe hinauf. Unterwegs fanden wir Hamra Kul in einer Rinne. Er hätte tot sein können, so regungslos lag er auf der Seite. Ich trat an ihn heran und betrachtete ihn; er jammerte und versicherte, keinen Schritt mehr gehen zu können. Er wurde einstweilen liegengelassen, denn ich wußte ganz genau, wo ihn der Schuh drückte. Gestern war er nämlich von seinem Posten als Führer der Pferdekarawane abgesetzt worden, weil er sich wiederholt hatte Nachlässigkeiten zuschulden kommen lassen, und Mollah Schah war zu seinem Nachfolger ernannt worden.

Jenseits des Passes (5014 Meter) hatten sich die Tibeter niedergelassen, die nun kamen, um mir ihr Bedauern darüber auszudrücken, daß wir nicht auf sie hätten hören wollen, als sie gesagt, weiter fort gebe es keine Weide. Ich konnte es nicht ändern und ritt in der Dunkelheit nach dem Lager, das in einer Gegend namens Tschuring aufgeschlagen war. Hier wußte Mollah Schah, der in Littledales Diensten gewesen war, Bescheid, und zu noch größerer Gewißheit fanden wir ein Eselhufeisen, das von keiner anderen als des Engländers Karawane stammen konnte.

Der 5. Oktober, an dem wir 24 Kilometer nach Westen ritten, war einer der schlimmsten Tage, deren ich mich erinnern kann. Nachts hatten wir −13,7 Grad gehabt, und der Bach am Lager war zugefroren, so daß ich wiederholt durch das helle Krachen der Eisscheiben geweckt wurde. Bei dem Kohlenbecken in der Jurte spürt man die Kälte nicht, aber bei direktem Gegenwind und halbem Sturm war es grimmig kalt auf dem Ritte. Man erlahmt, wird durchkältet und ist schließlich arbeitsunfähig. Die Sonne stand fast den ganzen Tag am Himmel, aber der Wind neutralisiert ihre Wirkung. Sowohl die Unseren wie die Tibeter gingen meistens zu Fuß, um nicht zu erfrieren. Mir war es eine außerordentliche Anstrengung, in einer solchen Höhe gegen solchen Wind zu Fuß zu gehen. Wenn ich das Gefühl in den Händen verliere, raste ich daher eine Weile in der Schlucht mit dem Rücken gegen den Wind und rauche eine Pfeife. Einigermaßen aufgetaut, hole ich die Karawane zu Pferde ein, bin dann aber schon wieder für eine neue Rast reif. Das wird ein netter Winter werden, dachten wir, wenn schon der Herbst so eisig kalt ist! Am traurigsten ist es jedoch, daß es mit allen unseren Kamelen und Pferden beinahe gleichzeitig zu Ende geht. Eines der jungen Kamele aus Tscharchlik blieb heute schon zu Anfang des Marsches zurück. Ich wollte es töten lassen; aber nachdem es uns gelungen war, es wieder auf die Beine zu bringen, führte ich es selbst, bis es sich wieder hinlegte. Der Packsattel wurde ihm abgenommen und aufgetrennt, und es fraß das Strohpolster mit gutem Appetit. Sein ganzer Körper gewährte einen traurigen Anblick, nur Haut und Knochen, und doch will man die Tiere nicht eher opfern, als bis man sie nicht mehr dazu bewegen kann, auch nur einen Fuß vorzusetzen. Man hofft stets, an einen Weideplatz zu gelangen, wo die Müden ihre erschöpften Kräfte wiedergewinnen können. Nachdem ich einen Mann bei ihm zurückgelassen hatte, ritt ich weiter, doch nur, um bald zwei Kamele zu überholen, die ebenfalls mit ihren Führern zurückgeblieben waren. Eines von ihnen hatte die dumme Gewohnheit, bei jedem Schritt mit dem linken Vorderfuße gegen den rechten zu schlagen, wodurch eine Wunde entstanden war, die nie ruhig heilen konnte, sondern beständig blutete. Die Wunde mußte täglich nachgesehen, ausgewaschen und verbunden werden.

Später überholten wir zwei zurückgebliebene Pferde, die Kutschuk führte. Das eine von ihnen war dasjenige, welches ich geritten hatte, als ich vor mehr als zwei Jahren Kaschgar verließ, also der älteste Veteran unter den Pferden. Das andere war einer von Kamba Bombos Schimmeln. Mein Reitpferd, auf dem ich von Tscharchlik aufgebrochen war und das wir schon ein paarmal für verloren gehalten hatten, kam noch immer mit, wenn auch mit Mühe und Not.

Die Krankenliste ist gegenwärtig größer als je. Hamra Kul, der gestern zurückblieb, wurde von einigen freundlichen Tibetern geholt. Mit Muhammed Tokta geht es in alter Weise, d. h. er muß auf seinem Pferde angebunden werden und lehnt dort vornüber gebeugt, still und geduldig, gegen ein Kissen. Almas hat Augenschmerzen und behauptet, fast blind zu sein; nachdem er aber ein wenig Kokain und eine dunkle Brille bekommen, ist er bedeutend munterer. Bei solchem Wind muß man indessen ganz besonders eingerichtete Augen haben, wenn sie einem nicht wehtun sollen. Nach dem heutigen Tagemarsche braucht man eine gute Stunde, ehe man wieder arbeitsfähig ist. Ich glaube nicht, daß das Erfrieren so schlimm ist; man erstarrt zur Gefühllosigkeit ohne nennenswerte Schmerzen. Am Abend wurde auch Chodai Kullu krank gemeldet; er hatte Fieberschauer und Kopfschmerzen, weshalb er Chinin bekam. Bald steht die halbe Karawane auf der Krankenliste.

Ich ließ mir Jamdu Tsering rufen und sagte ihm, es werde jetzt wirklich Zeit, daß er uns die vom Dalai-Lama zugesagten Yake besorge; er versprach, die Sache bald ins Reine zu bringen.

Im Laufe des Tages ritten wir an dem Flusse hinauf, der sich weiter östlich in den Boggtsang-sangpo ergießt. Hier und dort sehen wir Schafhürden, die einfach aus einer halbkreisförmigen Steinmauer bestehen, deren höchster Teil dem hier vorherrschenden Westwinde zugekehrt ist. Die grauen Mauern stechen scharf ab gegen den Boden im Innern, der mit Mist bedeckt ist.

In der Gegend von Setscha (5048 Meter) mußten wir an einem nicht unbedeutenden Flusse Halt machen; Ahmed, Islam, Hamra Kul, der Mollah, Tschernoff, drei Kamele und zwei Pferde waren zurückgeblieben. Sie langten erst lange nach Dunkelwerden an. Das erste Kamel hatte getötet werden müssen, das zweite sollte morgen geholt werden, nur das dritte war noch mitgekommen. Ein Pferd war gestorben, das Kaschgarpferd lag am folgenden Morgen, 6. Oktober, tot beim Lager, ein drittes brach auf dem Wege nach dem nächsten Rastorte zusammen. Die Karawane verkleinert sich nur allzu schnell!

Die Nachtkälte sank auf −14,9 Grad, und das Eis des Flusses trug. Ein ganz kurzer Tagemarsch wurde gemacht, um einen Platz mit besserer, wenn auch erbärmlicher Weide zu erreichen. Wenn wir so langsam vorwärtsschreiten, können wir kaum hoffen, vor Weihnachten nach Ladak zu gelangen. In dem Lager Nr. 98, wo wir Yake erhalten sollten, wurden im Laufe des Tages alle unsere Sachen umgepackt. Alle Lasten wurden auseinandergenommen und zu kleineren Ballen verschnürt, denn der Yak ist einer Kamellast nicht gewachsen.

Schon um 9 Uhr abends hatten wir −10,6 Grad und nachts −17,9 Grad. Der Winter hatte schon seinen Einzug gehalten, und sein Regiment würde nun volle sieben Monate dauern!

Unter dem Vorwand, nach Weide zu suchen, eigentlich aber um nicht denselben Weg wie Littledale gehen zu müssen, brach ich am Morgen des 7. Oktober nach einer südlicheren Richtung auf und nahm Tschernoff, Li Loje, den Lama und Kutschuk, 4 Maulesel, 5 Pferde und Proviant mit. Über Nacht waren 18 vortreffliche Yake angelangt; sie mußten die Lasten übernehmen (Abb. 287), und die meisten unserer Tiere, vor allem die erschöpften, wurden mit Arbeit verschont. Schagdur wurde zum Befehlshaber ernannt und hatte das Recht, überall, wo gute Weide war, einige Tage zu bleiben. Die Kranken waren in Besserung; nur für die Genesung des alten Muhammed Tokta war nicht viel Hoffnung vorhanden, er blieb aber in bewundernswerter Weise guten Mutes.

Als wir uns in Gang setzen wollten, stürmten eine Menge Tibeter herbei und ergriffen unsere Pferde und Lasttiere bei den Zügeln und Halftern; sie könnten uns unter keiner Bedingung nach Süden reiten lassen, denn dann würden sie alle geköpft werden. Ich ließ ihnen durch den Lama sagen, wenn sie die Tiere nicht sofort losließen, würden wir zu den Revolvern greifen, was für sie entschieden sehr unangenehme Folgen haben könnte. Sie zogen sich zurück, folgten uns aber noch eine Strecke weit zu Fuß und versicherten, daß es hierzulande nach Süden hin weder Weide noch gangbare Wege gebe. Als wir schließlich nicht mehr antworteten, kehrten sie um.

Über einen nicht sehr hohen Paß in der nächsten Kette gelangten wir an den Oberlauf des Tschuring. Der Fluß war hier teilweise zugefroren. Tschernoff stach fünf mittelgroße Fische mit seinem Säbel, fiel jedoch in seinem Eifer dabei ins Wasser. Auf dem Passe erschien jetzt eine Schar von 12 Tibetern, die den steilen Abhang hinunterjagten, uns bald einholten und uns mit ihrem ewigen Schellengeklingel und Waffengerassel folgten. Tsering Daschi führte die Schar; die übrige Mannschaft blieb unter Jamdu Tsering bei der Karawane. Wir ritten an einigen Zelten vorbei, deren Bewohner bestürzt herauseilten, um diese außergewöhnliche Gesellschaft zu betrachten. Tsering Daschi zeigte nach einem Passe im Nordwesten, dem „einzig möglichen“, aber wir ließen uns nichts weismachen, sondern gingen flußaufwärts weiter. Ein Schimmel, der schon müde war, zwang uns Lager zu schlagen, und wir beschäftigten uns dann mit ergiebigem Fischfang. Abends traf noch eine Reiterschar ein, und wir hörten, wie sich die Männer eifrig miteinander berieten.

Bei Tagesanbruch erhielt unser Gefolge wieder Verstärkung, und jetzt erschien auch der alte Jamdu Tsering. Die Tibeter hatten keine Zelte mitgenommen und hockten frierend unter freiem Himmel. Der alte Herr sah bedauernswert aus; er war die Nacht durch geritten und war durchgefroren, niedergeschlagen und betrübt über die Sorgen, die wir ihm machten. Er bat mich, doch um Gottes willen wieder zu der Karawane zurückzukehren, und sagte, als nichts half, er habe seine Soldaten die Lasten von den Yaken nehmen lassen — sie dürften uns nicht helfen, wenn wir uns ihrem Willen nicht fügten. Dies war entschieden gelogen, andernfalls hätte mir Schagdur einen Kurier geschickt.

Als wir talaufwärts nach Süden weiterritten, erklärte Jamdu Tsering, daß er jetzt wirklich zurückreiten und uns die Yake nehmen werde. „Tut das“, sagte ich, „nehmt euch aber vor den Kosaken in acht!“ Es wimmelte um uns her wieder von Soldaten und Reitern; eine neue Mobilmachung war in Szene gesetzt worden. Der gute Jamdu Tsering hatte so viel zu bedenken, daß er gar nicht wußte, wo ihm der Kopf stand.

Während des Rittes sahen wir noch mehrere Nomadenzelte im Tale. Sind die Bewohner gar zu zudringlich, so braucht nur ein Soldat eine Handbewegung zu machen, und sie verschwinden. Merkwürdig, wie dies halbwilde Volk zusammenhält! Eine Art Freimaurerei scheint unter ihnen zu herrschen; sie sind den Göttern und der Obrigkeit in blindem Gehorsam untertan und würden sich durch kein Gold erkaufen lassen. Es würde uns nicht gelingen, jemand zu überreden, uns einen Weg nach Süden zu zeigen. Man denke, ein Land, in dem es keinen einzigen Verräter gibt!

Am Ufer des Dschandin-tso, des Quellsees des Tschuring, wurde das Lager Nr. 100 aufgeschlagen. Der See war leicht überfroren, aber der Wind zertrümmerte nachher den Eisspiegel.

Am 9. Oktober lag der See nach einer kalten Nacht wieder eisbedeckt da. Nur sechs Tibeter waren noch bei uns geblieben. Sie erkundigten sich höflich nach unseren Absichten, und ich deutete nach Westsüdwest, wo sich ein Tal öffnete. Die Tagereise führte uns durch dieses, und sobald wir jene Richtung eingeschlagen hatten, verschwanden drei Reiter, um Jamdu Tsering Bescheid zu bringen. Der Paß, der jetzt überschritten wurde, hatte eine bedeutende Höhe, und von seinem Kamme hat man die großartigste Aussicht über diese gigantischen, majestätischen Gebirgsgegenden. Gerade im Westen erhebt sich, ganz mit ewigem Schnee bedeckt, der gewaltige Gebirgsstock Schah-gandschum. Er bildet drei Dome, von denen der mittelste der höchste ist, und hatte in der völlig klaren, reinen Luft eine herrliche Wirkung; man sehnt sich förmlich nach seiner friedlichen Freistatt.

In der Gegend Amrik-wa ließen wir uns zwischen den Höhlen der Murmeltiere nieder. Der Wind heulte um das Zelt, es war so kalt, wie in dem ärgsten Eiskeller, man ist wie zerschlagen von der Kälte.

Der folgende Tag war von demselben trostlosen Pfeifen und Stöhnen des Windes begleitet. Der Himmel ist leuchtend blau wie der edelste Türkis; aber dennoch hält der unermüdliche Passatwind an, der von allem Ungemach hier im Lande das ärgste ist. Unser Weg geht zwischen dunkeln wilden Felsen über mehrere unbedeutende Pässe nach Westnordwesten. Hier gibt es viele Kulane, Antilopen und Wölfe. Das Tal wird schließlich offener, und der Boden senkt sich langsam nach Nordwesten. Auf der linken Seite zeigen sich fünf Zelte. Wir rasten unter einem einzelnen Berge, um geschützt zu sein, aber über seinem Gipfel toben und brausen die Windstöße wie wirbelnde Wasserfälle. Einige Ketten sind mit Schnee bedeckt, und der Wind bläst den Schnee von ihren Kämmen, daß er weißen Puderwolken oder in der Sonne blendend weiß erscheinenden Kometenschweifen gleicht.

11. Oktober. Der Zustand der Pferde erlaubte keine weiteren Abstecher nach Süden. Wir waren in viel zu hohe Regionen geraten und mußten uns wieder mit den Unsrigen vereinen. Wir ritten daher über ein sehr offenes, weites Tal nach Nordwesten, wobei der herrliche Schah-gandschum links von unserem Wege in unserer unmittelbaren Nähe sich frei erhob. Der Koloß gewährte mit seinem ewigen Schnee und seinen vier rudimentären Gletschern einen wundervollen Anblick. Littledale nennt ihn Shakkanjorm; er ging hier durch ein nördlicheres Tal.

Auf halbem Wege trafen wir Jamdu Tsering, der uns durch seine Kuriere die ganze Zeit über im Auge behalten hatte. So seltsam es auch klingen mag, wir freuten uns beide aufrichtig, einander wiederzusehen, und begrüßten uns auf das freundlichste. Er könne nun selbst sehen, sagte ich, daß ich mit meiner Reise nach Süden keine bösen Absichten gehabt habe, wogegen er beteuerte, es habe ihm nur leid getan, daß ich unnötigerweise über eine ganze Reihe von Pässen klettern sollte, und er sei ganz entsetzlich besorgt gewesen, daß dies mich angreifen würde!

In einem Quertale ritten wir nach Nordwesten weiter. Der Lagerplatz der großen Karawane lag an einem Quellbache, der klein, aber tief, klar und fischreich war, so daß ich zum Mittagsessen wieder Fische erhielt (Abb. 288). Alle befanden sich gut, außer unserem Alten, dessen ganzer Körper aufgedunsen war. Ich versuchte, ihn auf die zweckmäßigste Weise zu behandeln; er erklärte jedoch, er wolle gar nicht geheilt werden, er habe nur den Wunsch gehabt, mich noch einmal wiederzusehen und dann zu sterben! Armer Mann!

In diesem Lager, Nr. 103 (4860 Meter), trennten wir uns am 13. von Jamdu Tsering und Tsering Daschi, die nur beauftragt waren, uns bis hierher an die Grenze zu bringen, und nun baten, ihnen zu bescheinigen, daß sie ihren Dienst gut verrichtet hätten und ich mit ihnen zufrieden gewesen sei. Man sieht daraus, daß sie Befehl erhalten hatten, höflich zu sein. Der Lama mußte das Zeugnis aufsetzen. Hier in der Gegend soll die Grenze zwischen Nakktsong und der nächsten Provinz sein, deren Name, Bomba, auch auf Littledales Karte angegeben ist. Ein neuer Häuptling, Jarwo Tsering, sollte von nun an für unsere Weiterbeförderung sorgen.

290. Das Gebirge auf der nördlichen Talseite bei Lager Nr. 114. (S. 321.)
291. Das Gebirge auf der südlichen Talseite bei Lager Nr. 114. (S. 321.)

Jamdu und sein Kamerad ließen sich nicht mehr sehen, weshalb ich die Revolver und Messer, die ich ihnen zu schenken gedacht hatte, behalten konnte. Die alten Yakbesitzer waren abgelohnt worden und mit ihren Tieren abgezogen, aber es waren uns neue versprochen worden. Anfangs mußten wir jedoch allein für unser Gepäck sorgen. In dem reizenden Tale Ramlung stellten sich die neuen Yake ein, begleitet von ihren Besitzern und unseren beiden alten Reisegefährten, die augenscheinlich nicht um ihre Geschenke kommen wollten. Nach Osten hat man von hier eine weite Aussicht; bei Sonnenuntergang waren die in der Ferne verschwimmenden Kämme wie von einem Steppenbrande beleuchtet. Scharf gezeichnet stehen die schwarzen und weißblauen Zelte der Tibeter im Vordergrund zwischen dem hohen, harten, gelben Grase, in dem die Männer ihre Pferde von Zeit zu Zeit nach einer anderen Stelle führen. Im Zenith ist der Himmel rosig, am östlichen Horizont dunkelblau; letzteres ist der Widerschein von den Gegenden, in denen schon Nacht herrscht. Wir hatten nicht mehr als 16 Kilometer zurückgelegt; es kam sehr selten vor, daß wir unter solchen Verhältnissen mehr als 20 Kilometer marschieren konnten.

Am 14. Oktober zogen wir mit 30 neuen Begleitern und 22 Yaken ab, die für ein Tsos täglich pro Yak gemietet waren. 8 Tsos wurden uns hier für 1 Liang chinesischen Silbers gegeben, wobei wir natürlich übervorteilt wurden. Die Tibeter versuchten sichtlich, die Länge der Tagereisen möglichst abzukürzen, aber es gelang ihnen nicht, ich bestimmte stets die Lagerplätze. Das Wasser fängt jedoch an, immer seltener zu werden, und manchmal war es unmöglich, ohne die Hilfe der Tibeter Quellen zu finden. Schagdur, der stets fürsorglich war, verschaffte uns sowohl süße wie sauere Milch aus einem Zelte, das er in einer Schlucht entdeckte. Das Terrain senkt sich langsam nach Norden, und manchmal kann man in dieser Richtung bis zu sechs parallele Bergketten hintereinander zählen. Wir zogen hier auf einem südlicheren Wege als Littledale. An der Scholungquelle erwartete uns am Abend des 15. eine neue Reihe von Yaken, und auch am folgenden Tage wuchsen neue Trabanten wie mit einem Zauberschlage aus der Erde. Die bisherigen Yakleute machten Schwierigkeiten und wollten durchaus mit Tsos von Lhasa bezahlt werden, denn chinesisches Silbergeld war ihnen fremd. Als ich ihnen jedoch erklärte, daß sie in solchem Falle gar nichts bekämen, wurden sie fügsamer.

Tscherdons Pferd starb, und von den anderen können nur noch wenige ihre Reiter tragen. Vier Mann reiten Maulesel, die viel zäher und ausdauernder sind als Pferde. Muhammed Toktas Füße waren so geschwollen, daß die Stiefel heruntergeschnitten und die Füße mit Filz umwickelt werden mußten. Auf der ganzen Tagereise sahen wir keinen Tropfen Wasser; das Gras ist erbärmlich, und das Land immer spärlicher bewohnt. Doch werden stets so viele Schafe, als wir brauchen, für uns bereitgehalten.

Am 18. Oktober machten wir eine interessante, 20 Kilometer lange Reise nach Südwesten. Vom Lager ritten wir nach dem Abhang der Kette, die unser Längental im Süden begrenzte, hinauf. Die Tibeter nahmen mit allen Yaken und unserem Gepäck den Weg durch eine Schlucht und erklärten, daß wir über einen leichten Paß müßten. Ja, für die Yake mochte er nicht schwer sein, aber für die Kamele war er sicherlich mörderisch. Wir zogen daher längs des Fußes des Gebirges über zahllose Rinnen weiter. Von dem Vorsprunge, wo wir nach Süden abbiegen, wird jetzt in unserer Nähe der Salzsee Lakkor-tso sichtbar. Littledale zog in ziemlicher Entfernung nach Norden hin an diesem See vorüber; er machte die sehr richtige Beobachtung, daß die meisten der tibetischen Salzseen im Austrocknen begriffen sind. Dies fällt bei dem Lakkor-tso besonders auf. Längs seiner Ufer erstrecken sich alte Uferlinien, die sich zu bedeutender Höhe über den Seespiegel erheben. An flachen, langsam abfallenden Uferstrecken bilden sie Wälle, hinter denen oft Lagunen stehen. Die Ufer sind kreideweiß von Salz, das, trocken und pulverisiert, vom Winde in weiße Wolken aufgewirbelt wird, die Wasserdampf oder stäubendem Mehle gleichen. Während des weiteren Marsches nach Süden nach dem heutigen Lager am Flusse Somme-sangpo, der westwärts dem See zuströmt, gingen wir oft über Buchten, die jetzt ausgetrocknet, aber von mächtigen Wällen eingefaßt und mit Pyramiden und Kegeln angefüllt waren, die aus entschieden vom Winde ausgemeißelten Salzablagerungen bestanden.

Bei dem Lager war die Weide gut. Im Süden zieht sich noch immer eine wilde, gewaltige Bergkette hin, die uns, soweit wir sehen können, noch mehrere Tage den Übergang mit Kamelen schwerlich erlauben wird.

Der Hund Hamra mußte erschossen werden, weil er uns nachts nie ruhig schlafen ließ. Hatte er keine Tibeter anzubellen, so bellte er unsere eigenen Nachtwachen und die Karawanentiere an. Zwei Pferde starben; seltsamerweise gebaren in derselben Nacht zwei Kamelweibchen zu früh Füllen. Turdu Bai glaubte, dies sei der Kälte, −15,4 Grad, und dem Umstande zuzuschreiben, daß sie außer der Zeit kaltes Wasser getrunken hatten. Die Mütter befanden sich jedoch vorzüglich und durften am 19. ausruhen. Auch an diesem Lagerplatze erhielten wir neue Wächter und 40 Yake. Schon um 9 Uhr waren es fast −10 Grad; man konnte den Fluß zufrieren hören, denn es klang und knallte in den neugebildeten Eisscheiben.