Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Vom Panggong-tso nach Leh.

Dem Lager Nr. 144, das gerade hundert Tagereisen vom großen Hauptquartier lag, fehlte es ebenfalls nicht an Bedeutung. Hier sollten wir, wie man uns gesagt hatte, neue Yake aus Ladak bekommen; da diese aber noch nicht da waren und die Tibeter nach Hause zurückkehren wollten, mußten wir aufpassen, daß sie uns nicht durchbrannten. Drei Rasttage zwischen den beiden Seen sollten den Kamelen wohltun und auch meinen Arbeiten förderlich sein.

Am 7. Dezember tobte ein grauenhafter Sturm, und Wolken von Sand regneten auf uns herab. Tschernoff, der den westlichen Teil des Sees auf vier Linien lotete (Maximaltiefe 31,76 Meter), konnte sich kaum ans Land retten. Am 9. sollten wir aufbrechen, aber es stellte sich heraus, daß alle Yake durchgebrannt waren und ein neuer Sturm alle ihre Spuren im Sande verwischt hatte. Nach vielem Suchen fanden wir sie schließlich wieder, doch erst, als der Tag zur Neige ging. Ihr Führer, Loppsen, erklärte sich bereit, mit uns längs des Nordufers des Panggong-tso weiterzuziehen und bei uns zu bleiben, bis wir aus Ladak Entsatz erhielten. Es war hohe Zeit, daß wir Verstärkung bekamen; unsere Vorräte an Reis, Mehl und Talkan waren seit mehreren Tagen zu Ende, und wir lebten ausschließlich von Fleisch. In einem benachbarten Zeltdorfe erstanden wir sieben Schafe. Dort waren einige Hunde, mit denen sich Jolldasch sehr anfreundete. Daß er Prügel bekam, wenn er auskniff, machte ihm jetzt keinen Eindruck mehr; wenn er nicht fortlaufen sollte, mußte er angebunden werden. Bei dem Lager wurde die höchste noch sichtbare Terrasse gemessen; sie lag 54 Meter über dem Flusse! Die beiden Seen haben einstmals entschieden zusammengehangen und befinden sich, gleich allen anderen Seen Tibets, im Zustande der Austrocknung.

311. Gulang Hiraman, der Gesandte des Statthalters von Ladak, mit seinem Gefolge. (S. 344.)
312. Gulang Hiraman auf seinem Pony. (S. 344.)
Rechts Chodai Kullu mit Malenki und Maltschik.

Am 10. Dezember zog die Karawane am nördlichen Ufer des Panggong-tso weiter, während ich mit Ördek den Flußarm hinabruderte. Die Temperatur war auf −25,7 Grad heruntergegangen; es mußte an warmen Quellen liegen, daß das Wasser nicht gefroren war. Der Fluß erweitert sich nach unten; in einer Biegung lag eine Nacht altes Eis, dünn wie Papier, aber trotzdem hinderlich für das Boot. Weiter abwärts war der Eisgürtel so stark, daß er, als wir ihn zur Abkürzung des Weges benutzten, sowohl uns wie das Boot trug. Doch schließlich legte uns das Eis ein unüberwindliches Hindernis in den Weg; wir schleppten das Boot nach der weiten trompetenförmigen Mündung, die an den Ausfluß des Satschu-sangpo in den Selling-tso erinnert. Hier erwartete man uns mit einem Kamele, auf welches das Boot geladen wurde.

Wir begaben uns nach dem Gebirge im Norden, das aus grünem Schiefer besteht und an dessen Basis mehrere Quellen entspringen. Der See liegt offen vor uns, nur in ruhigen Buchten schaukelt auf der Dünung eine dünne Eisschicht. Die Gestalt des Ufers ist genau dieselbe wie beim Tso-ngombo; es ist noch immer dasselbe Längental, in dem wir ziehen, und wir marschieren immer noch auf derselben absoluten Höhe, oder, wie das langsame Strömen des Flusses zeigt, nur eine Kleinigkeit tiefer. Dieselben Bergarme laufen in Vorgebirge aus, und zwischen diesen liegen dieselben kleinen, dreieckigen oder halbmondförmigen Talflächen, auf denen die Buschvegetation immer mehr abnimmt. Überall, wo Schuttkegel steil in den See fallen, sind die aus dem Wasser schauenden Steine mit einer Kruste von weißem, blasigem Eise überzogen. Der See ist aufgeregt, die Wogen schlagen gegen das Ufer, und das Spritzwasser gefriert sofort auf den vom Nachtfrost durchkälteten Steinblöcken. Auf einer flachen Halbinsel namens Siriap, wo das Gebüsch noch in Menge wuchs, fanden wir die Unsrigen im besten Wohlsein vor (Abb. 310).

11. Dezember. Das Wetter war heute so schön und windstill, daß ich meinen beiden besten Seeleuten, Tschernoff und Ördek, den Auftrag geben konnte, über den Panggong-tso nach einem Vorgebirge im Südwesten zu rudern, um die Tiefen zu messen. Sie nahmen für den Fall, daß sie das nächste Lager vor Eintritt der Dunkelheit nicht mehr erreichten, Proviant für einen Tag mit. Wir zogen längs dieser eigentümlichen, girlandenförmigen Uferlinie, welche die Länge des Weges beinahe verdoppelt, nach Westen weiter. Bei jedem Ausläufer von dem Hauptkamme der nördlichen Kette entsteht eine in den See vorspringende Halbinsel oder ein Vorgebirge. Auf der Ostseite gehen wir nach Süden, auf der Westseite nach Norden, ja, manchmal müssen wir sogar nach Nordost und Südost marschieren. Einige Stellen sind für die Kamele sehr beschwerlich und müssen erst mit Spaten und Brechstangen bearbeitet werden. An einer Stelle ist der Weg auf der Uferterrasse so schmal, daß nur Schafe dort durchkommen können; glücklicherweise war der See hier nicht zu tief, so daß die Kamele im Wasser gehen konnten.

Bei dem heutigen Lagerplatze gab es nur einen Brunnen, dessen Wasser nicht viel besser als dasjenige des Sees war, weshalb wir es vorzogen, Eisschollen von den Ufersteinen loszubrechen. In der Dämmerung stellte sich heraus, daß die Kamele zurückgelaufen waren. Auf der schmalen Uferterrasse waren sie aber stehengeblieben; sie mußten ganz vergessen haben, daß sie hier eine Strecke im Wasser gegangen waren. Sie sehnten sich nach den schönen Weideplätzen am Tso-ngombo zurück. Nachher wurden sie festgebunden und mit Gerste traktiert, die wir in reichlicher Menge mit hatten und die von den Yaken getragen wurde. Im Süden war auf dem andern Ufer Tschernoffs Feuer zu sehen. Ein Felsen gewährte uns Schutz, aber man hörte an dem Rauschen des Sees, daß ein heftiger Wind ging; die Wellen schlugen mit solchem Getöse an das Ufer, daß die Kosaken mich nicht hörten, als ich sie rief.

Am 12. Dezember lag die ganze Gegend in undurchdringlichen Schneesturm gehüllt da, und vom Südufer war keine Spur zu sehen. Die Temperatur war nicht unter −7,5 Grad heruntergegangen. Starker Seegang herrschte, denn in diesem Längentale wird der Wind wie in eine Rinne eingepreßt und fegt ungehindert über den See hin. Im Laufe des Tages sahen wir jedoch zu unserer Freude, daß die Jolle noch auf derselben Stelle lag und die Ruderer sich nicht auf waghalsige Abenteuer begeben hatten.

Unser Tagemarsch war nicht lang, aber beschwerlicher als alle andern, die wir bisher am Nordufer dieses endlosen Seenzwillingspaares zurückgelegt hatten. Ein mächtiger, nach Süden zeigender Felsausläufer fällt mit senkrechten Wänden in den See; über seinen Kamm führt ein Pfad, der von den Karawanen benutzt wird. Aber für Kamele ist er nicht bestimmt. Eine Weile rasteten wir am Fuße des Berges, während Sirkin das Ufer, das zu überschreiten sogar für Menschen, auch wenn sie kletterten, unmöglich war, untersuchte und Schagdur nach dem Kamme hinaufritt. Er erklärte ihn für grauenhaft, aber vielleicht passierbar. Die Yakkarawane kletterte mit großer Sicherheit hinauf. Als sie den Kamm erreicht hatte, wurden fünfzehn Yake abgeladen, die meine Kisten, alle Zelte und allerlei sonstige Sachen holen mußten, womit sie den Weg nach dem Lager auf der andern Seite fortsetzten, während sie den Rest nachts abholten.

Unterdessen stellten wir mit Spaten und Brechstangen einen Zickzackweg für die Kamele her, die außerordentlich langsam einzeln hinaufgeführt und geschoben wurden; es dauerte stundenlang, obgleich die relative Höhe keine 200 Meter betrug. Von dem Passe, auf dem eine kleine, mit Fähnchen geschmückte Steinpyramide steht, haben wir eine entzückende Aussicht über den ganzen Panggong-tso und im Süden auf die schneebedeckte Welt von Bergen, die eine Grenzmauer bilden, hinter welcher das Flußgebiet des Indus liegt. Doch wir blieben keine Minute länger droben, als unumgänglich nötig war. Ein durch Mark und Bein dringender Westwind sauste über den Paß hin. Man mußte breitbeinig stehen, wenn man nicht umgeweht werden wollte, und wenn man seine Aufzeichnungen macht, muß man dem Winde den Rücken kehren und sich sputen, damit man fertig wird, ehe einem die Hände vor Kälte steif sind. Dann eilt man abwärts in der Hoffnung, hinter einem Vorsprunge Schutz zu finden, sieht sich aber enttäuscht, denn der ganze Westabhang ist dem Sturme ausgesetzt. Und was für ein Abstieg! Manchmal muß ich kriechen und mich mit den Händen halten, um nicht in den Abgrund zu stürzen. Turdu Bai war mit zwei Kamelen vorausgegangen. Ich begegnete ihm jetzt; ganz ratlos war er umgekehrt. Nach langem Suchen fanden wir jedoch eine Stelle, wo man einen Weg herstellen konnte. Dies erforderte aber lange Zeit und ließ sich heute nicht mehr fertigbringen. Es dämmerte schon, und Turdu Bai und einige der andern mußten die Nacht über mit allen Kamelen auf halber Höhe des Berges bleiben. Im Lager war jedoch alles in Ordnung, und früh am nächsten Morgen trafen auch die Kamele dort ein.

Am folgenden Tag ging es an diesem endlosen Ufer weiter. Die Yake waren weit voraus, sie sehnten sich nach Gras. Die Ruderer konnten nicht wieder nach unserem Ufer zurückkehren, aber wir sahen sie durch das Fernglas und brauchten ihretwegen nicht besorgt zu sein. In dem Lager Serdse, das auf der Grenze zwischen Tibet und Kaschmir liegt, erwartete uns eine große, freudige Überraschung. Hier trafen wir die Entsatzkarawane, die uns auf Befehl des Wesir Wesarat, des Statthalters des Maharadscha von Kaschmir in Ladak, entgegengeschickt worden war. Sie war zuerst nach Mann gegangen, einem Dorfe auf dem Südufer des Sees, Serdse gegenüber. Als wir dort nicht erschienen waren, war sie umgekehrt, um uns auf dem Nordufer zu suchen. Unsere Lage veränderte sich mit einem Schlage; 12 Pferde und 30 Yake standen uns zur Verfügung; Schafe, Mehl, Reis, Dörrobst, Milch, Zucker, Gerste für unsere Tiere; konnte man mehr verlangen? Meine Karawane, mit der es Matthäi am letzten war, wurde auf einmal restauriert. Wir brauchten uns nicht länger Entbehrungen aufzuerlegen, die lange Leidenszeit war jetzt vorbei, und ich selbst empfand die Unterstützung wie einen warmen Hauch von Indien, wie einen Gruß aus gastfreundlichen Gegenden, ja, wie eine Umarmung von meinem eigenen Heim.

Führer dieser neuen Karawane waren zwei Männer aus Ladak: Anmar Dschu, der fließend Persisch sprach und mit dem ich mich daher unterhalten konnte, und Gulang Hiraman, ein klassischer, gemütlicher Herr, der vor eitel Wohlwollen glänzte; die übrigen Leute waren ebenfalls Ladakis, nur einer war ein Hindu (Abb. 311, 312). Die letzten Tibeter erhielten jetzt ihren Abschied und gute Bezahlung, sowie alles, was wir an „altem Gerümpel“, Kasserollen, Tassen, Kannen und Kleidern entbehren konnten, ja sogar einen Revolver. Nicht ohne Wehmut sah ich sie fortziehen, denn sie hatten uns auf vortreffliche Weise gedient, waren ehrlich und freundlich gewesen und hatten unsertwegen viel Arbeit und Mühe gehabt. Jetzt sollte die Schlinge, die mich so lange an Tibet gefesselt hatte, zerrissen werden. Alle unsere Erinnerungen an seine unwirtlichen Täler, alle unsere Verluste und Leiden würden künftig in versöhnendem Lichte vor unserem geistigen Auge stehen. Die harten Schicksale und Schwierigkeiten, die wir zu bekämpfen und zu besiegen gehabt hatten, würden wir mit der Zeit vergessen. Die Erinnerung haftet mit Vorliebe an den fröhlichen Ereignissen, und das Böse, das uns trifft, erscheint nicht mehr so schlimm, wenn die zeitliche und räumliche Entfernung zunimmt. Als die Sonne an diesem Abend unterging und die dunkle Nacht im Osten heraufzog, schien sie mir das Land des Dalai-Lama mit all seinen Geheimnissen und seinen noch ungelösten Rätseln verschlungen zu haben. Doch in meinen Brieftaschen und Tagebüchern barg ich einen Schatz, der die Bitterkeit des Abschieds milderte und der über bisher noch völlig unbekannte Gegenden Tibets Licht verbreiten sollte.

Die Führer der Entsatzkarawane überraschten mich dadurch, daß sie mir jeder eine Silberrupie schenkten. Trotz der etwas lächerlichen Situation begriff ich, daß das Geschenk freundlich gemeint war, und steckte das Geld in die Tasche — in der Absicht, es mit Zinsen zurückzugeben.

Wir lagerten zusammen an der Quelle, die unmittelbar am Ufer Blasen werfend aus der Erde sprudelte und +16,2 Grad Temperatur bei −6 Grad Lufttemperatur hatte; das Wasser dampfte und fühlte sich lauwarm an. Tausend Fragen über die Verhältnisse in Ladak, Kaschmir und Indien kreuzten einander, und es wurde spät, ehe wir uns schlafen legten. Auf einer vorspringenden Landspitze wurde als Signal für Tschernoff ein gewaltiges Feuer unterhalten. Am folgenden Tage kam er gesund und munter an, nachdem er zwei Linien gelotet und eine Maximaltiefe von 47,5 Meter gefunden hatte. Nach Leh, wohin wir noch acht Tagereisen haben sollten, schickte ich Briefe durch einen besonderen Kurier.

313. Musikanten und Tänzer in Drugub. (S. 346.)
314. Lager vom 16. Dezember. (S. 346.)
315. Kloster Dschowa. (S. 346.)

Bevor ich jetzt zum 15. Dezember übergehe, muß ich erzählen, was aus Jolldasch wurde, meinem Hunde aus Osch, der die ganze Zeit über mein Zeltkamerad gewesen war. Er brachte die Nacht wie gewöhnlich auf den Filzdecken zu meinen Füßen zu; bei Sonnenaufgang sprang er auf, schüttelte sich und lief hinaus. Er pflegte bis zum Aufbrechen der Karawane vor dem Zelte in der Sonne zu liegen. Diesmal aber lief er über die Berge nach Osten und kam nicht wieder. Chodai Kullu sah ihn in rasender Eile längs der gestrigen Spur zurücklaufen, als sei er von der Sonne hypnotisiert oder habe alle Mächte der Finsternis hinter sich. Daß er in dem Zeltdorfe zwischen den Seen intime Bekanntschaften gemacht hatte, wußten wir, und es mußte ihm dort wohl besser gefallen haben als in unserer Gesellschaft. Ich hatte ihn während zweier Tagereisen angebunden, dann aber durfte er wieder frei im Lager umherlaufen und während des Ruhetages in Serdse spielte er seine Rolle vorzüglich. Er dachte gewiß: „Ich werde nicht eher durchbrennen, als bis die Entfernung so groß ist, daß sie es nicht der Mühe wert halten, mich zurückzuholen.“ Er hatte 50 Kilometer am Ufer des Panggong-tso zurückzulegen, um zu seiner Liebsten zu gelangen. Es wäre interessant zu wissen, wie es ihm auf der Flucht ergangen und ob er den Wölfen, die sicherlich unsere toten Kamele besucht hatten, glücklich entronnen ist. Ja, es wäre mir eine Freude zu wissen, wie es meinem alten Reisegefährten jetzt geht. Er ist natürlich ein Vollbluttibeter geworden; er konnte sich von diesem Lande nicht losreißen, sondern kehrte gerade an der Grenze wieder um. Ich möchte wohl wissen, ob er mich und all die Liebe, mit der ich ihn zwei und ein halbes Jahr behandelt habe, ganz vergessen hat? Mir fehlte er überall, aber in der Karawane war er Gegenstand allgemeiner Verachtung; alle fanden, daß er ein feiger, undankbarer Überläufer sei.

Die Karawane ging jetzt einen nördlicheren Weg, während ich mit Anmar Dschu, Tschernoff und dem Lama auf einem halsbrecherischen Pfade mit mehreren schwierigen Pässen am See entlang nach der nächsten Quelle zog. Als die anderen schließlich auch dort ankamen, brachten sie nur neun Kamele mit; welch ein Jammer, daß jetzt noch ein letztes sterben mußte, da wir nun Stroh und Gerste in Menge hatten und die lange Ruhe an gefüllten Krippen so bald zu erwarten war!

Nachts schneite es endlich tüchtig, und am 16. ritten wir durch eine blendend weiße Winterlandschaft. Von dem Passe oberhalb des Lagers lag der See unter uns wie in einer tiefen Grube, wie ein Graben zwischen schneebedeckten Bergen. Ich machte einige photographische Aufnahmen, aber es war hübsch kalt für die Finger, bei −10 Grad und Wind mit der Kamera zu hantieren; es mußte ein kleines Feuer angezündet werden, damit ich mich ab und zu wärmen konnte. Und nun verlassen wir den Panggong-tso, diesen großartigen, reizenden See, reiten über seine westliche, dünenreiche Sandsteppe, ziehen langsam ein im Südwesten mündendes Tal hinauf und gelangen auf eine kleine Schwelle, die mit zwei Steinkisten von prächtigen „Mani“-Platten mit flatternden Wimpeln geschmückt ist. Diese kleine Schwelle lag in einer Höhe von wenig mehr als 20 Meter, also nur 2 Millimeter Luftdruckunterschied, über dem See. Von dort ging es ein energisch ausgemeißeltes, mit Schutt und Blöcken angefülltes Tal hinab, wo wir am Ufer eines kleinen zugefrorenen Sees, zirka 60 Meter unter dem Spiegel des Sees, lagerten (Abb. 314). Wir hatten das Flußgebiet des Indus erreicht, und die Wassertropfen, die diesem Tale entsprangen, werden sich dereinst nach tausend Kämpfen in dem Indischen Ozean verlieren. Zweieinhalb Jahre hatten wir uns in abflußlosen Zentralbecken im innersten Asien bewegt, jetzt waren wir wieder in Gegenden, die Abfluß nach dem Meere besaßen. Es war ein befreiendes, erquickendes Gefühl, dies zu wissen; wir entfernen uns jetzt allmählich von dem höchsten Gebirgslande der Erde.

Die erwähnte Schwelle ist von großem Interesse, wenn man sie mit den alten Uferlinien vergleicht, die 54 Meter über dem Panggong-tso liegen. Der See hat einst einen Abfluß nach dem Indus gehabt, ist aber später, aus klimatischen Veranlassungen, von diesem Flußgebiete abgeschnürt worden. Infolgedessen ist er salzig geworden, und die Süßwassermollusken sind ausgestorben.

Am 17. nahm ich Abschied von der Karawane, um nach Leh vorauszueilen. Es war noch stockfinster, als wir aufstanden, aber die munteren Ladakpferde waren bereits gesattelt. Anmar Dschu, Tschernoff und Tscherdon begleiteten mich; das Gepäck trugen drei Pferde, die von einigen Fußgängern getrieben wurden. So sprengten wir in raschem Tempo fort. Wir mußten ungefähr 40 Kilometer täglich zurücklegen, um in 4 Tagen Leh zu erreichen, damit ich noch ein Telegramm zum heiligen Abend nach Hause senden konnte. Es ging jetzt schnell talabwärts. Gehöfte und bebaute Felder begannen aufzutreten. Bei Tanksi, wo wir andere Pferde erhielten, erhebt sich malerisch auf einem isolierten Felsen das Kloster Dschowa (Abb. 315). Nachdem es von der Ebene aus photographiert worden war, ritten wir weiter nach Drugub (3919 Meter), dem ersten Nachtlager, wo eine ganze Musikantentruppe mit Trommeln und Flöten und vorgebundenen Masken zu unserer Ehre auf dem Hofe tanzte (Abb. 313). Es kam mir ganz eigentümlich vor, wieder in einem Hause zu schlafen!

Die nächste Tagereise führte bergauf nach immer höherwerdenden Regionen, denn wir mußten über den schwierigen Paß Tschang-la, der sonst um diese Jahreszeit durch Schnee versperrt ist, in diesem Jahre aber passierbar war. Der Anstieg ist schwer, alles grau in grau, Block neben Block. Es dauerte mehrere Stunden, bis wir den Kamm erreichten, auf dem wir uns wieder in einer Höhe von 5386 Meter befanden. Der Abstieg ist noch viel steiler. Zwischen Millionen von Granitblöcken zieht sich der abschüssige Zickzackpfad ins Tal hinunter, und es war schon pechschwarze Nacht, als wir die Steinhütten von Taggar erreichten.

Wie seltsam und merkwürdig war es für uns, wieder überall Menschen zu treffen, Dorf auf Dorf hinter uns verschwinden und die mit Steinmauern umfriedigten Ackerfelder immer größer und zahlreicher werden zu sehen. Tempel thronen auf den Felsen, und der Wind flüstert in Pappeln und Weiden. Die Kosaken betrachteten mich jetzt mit einer gewissen Bewunderung; es imponierte ihnen sichtlich, daß ich den Weg hierher gefunden hatte und von diesen Eingeborenen, von deren Dasein sie bisher noch nie Kunde erhalten hatten, so freundlich aufgenommen wurden. Und immerfort ging es hinunter in tieferliegende Gegenden, in dichtere Luftschichten, mildere Temperatur. Die Steinkisten, jene seltsamen Opferaltäre, gegen welche die Obo der Mongolen Kleinigkeiten sind, nahmen an Zahl und Größe zu. Eine solche, die 1½ Meter hoch und 3 Meter breit war, maß in der Länge nicht weniger als 260 Meter, und ihre ganze, auf beiden Seiten von einem Erdrücken abfallende Fläche war voller Steinplatten, in welche „Om mani padme hum“ mit unglaublicher Mühe eingehauen war. Es muß eine lange Zeit dauern, ehe ein solches Werk zur Ehre der Götter fertig wird. Die Lamas, die den ewigen Denkspruch mit unerschütterlicher Geduld in den Stein graben, trösten sich wohl mit dem Gedanken: wenn wir verstummt sind, werden die Steine reden. Das Tempelkloster Dschimre liegt wundervoll auf einem Felsen, und das Dorf am Fuße desselben ist groß und reich. Nach einer weiteren Reihe von Dörfern gelangen wir an den Indus, der in einem tief eingeschnittenen, gewundenen Bette fließt. Sein klares, grünes, Stromschnellen bildendes Wasser rauscht wie in einem 50 Meter tiefen Graben dahin. An der Flußbiegung läuft eine 3 Meter hohe, 9 Meter breite und 416 Meter, also fast einen halben Kilometer lange „Mani“-Kiste entlang; verrückte Menschen, welch nutzlose Arbeit! Man erstaunt immer mehr, je größer die Kisten werden; in einer Reihe aufgestellt, würden sie eine kleine chinesische Mauer geben.

Hier an der Flußbiegung kam mir Mirsa Muhammed entgegen, der Naib oder Sekretär des Täsildars (eingeborener Distriktschef) von Leh. Er war ein sehr liebenswürdiger, angenehmer Mensch, der fließend Persisch sprach und mir später viele unschätzbare Dienste leisten sollte. Wir ritten auf dem rechten Indusufer durch das breite, gewaltige Tal westwärts nach der Posthalterei von Tikkse, wo es in einem Zimmer einen eisernen Ofen gab. Über dem Dorfe thront erhaben über allen Erdenlärm das Kloster Tikkse-gompa (Abb. 316, 317). Die Mönche, 40–50 an der Zahl, hatten die Freundlichkeit, fragen zu lassen, ob ich nicht lieber bei ihnen wohnen wolle; aber wir hatten es dort unten gut, und erst am nächsten Morgen machte ich ihnen einen Besuch. Von den Terrassen und Altanen ihrer für den Pinsel eines Malers so verlockenden Freistatt hatte man eine entzückende, überwältigende Aussicht über das gigantische Industal (Abb. 318).

Während des Rittes nach Tikkse waren uns drei Boten entgegengekommen; einer von ihnen war eine Frau. Sie trugen ihre Botschaft um das Ende eines Stöckchens gewickelt. Der eine brachte mir ein Telegramm von dem jetzt in Sialkut wohnenden englischen Residenten von Kaschmir: „Warmest congratulations on safe arrival, message sent to His Excellency Viceroy, trust arrangements made satisfactory“. (Wärmste Glückwünsche zur glücklichen Ankunft; habe Se. Exzellenz den Vizekönig benachrichtigt; hoffe, daß die getroffenen Anordnungen zufriedenstellend sind.)

Von dem Augenblick an, da ich den Fuß auf britisches Gebiet setzte, wurde ich täglich mit Gastfreundschaft und Artigkeit überhäuft. Als wir am 20. Dezember müde und bestaubt in Leh, der 4000 Einwohner zählenden Hauptstadt von Ladak (Abb. 319), eintrafen, kam mir ihr Täsildar entgegen, ein fließend Englisch sprechender, bis auf den hohen, faltigen, weißen Turban europäisch gekleideter, ungewöhnlich distinguiert aussehender Hindu namens Jettumal. Er hieß mich auf dem Gebiete des Maharadscha willkommen und überreichte mir ein artiges Telegramm vom Wesir Wesarat. Wir ritten zuerst nach dem „Dak-bungalow“ (Gasthaus, Hotel), das die in Leh weilenden Engländer zu besuchen pflegen. Dieses Haus war in jeder Beziehung elegant und gemütlich; dennoch zog ich es vor, in Mirsa Muhammeds Hause zu wohnen, das früher Missionar Webers Kirche gewesen war, in welchem auch die Kosaken zwei Zimmer bekommen konnten und wo die Karawane auf einem großen Hofe reichlich Platz für Menschen und Tiere fand. Hier wurde für mich ein vortreffliches Zimmer mit Ofen, Teppich, Bett, Tisch und Stühlen eingerichtet, und hierher brachte Jettumal meine gewaltige Post. Seit elf Monaten hatte ich kein Wort von Europa gehört und wußte nicht, wie es zu Hause stand; man kann sich also denken, mit welcher Unruhe ich die Post mit allen ihren Neuigkeiten öffnete. Ich erbrach zuerst die letzten Briefe, und nachdem ich mich überzeugt hatte, daß alle meine Angehörigen noch lebten und gesund waren, konnte ich die Briefe mit Ruhe in chronologischer Reihenfolge durchgehen. Ich legte mich auf das schöne Bett und las die ganze Nacht hindurch, und die Sonne stand am 21. schon hoch am Himmel, als ich zur Ruhe ging. Tief schmerzte mich die Nachricht von Nordenskiölds Tod.

Schon bei meiner Ankunft hatte Jettumal von „King Edward“ gesprochen. Ich war erstaunt, hatte ich doch den Namen nie gehört; ich wußte nicht, daß Königin Viktoria vor beinahe einem Jahre gestorben war!

316. Tempelhof in Tikkse. (S. 347.)
317. Lamas in Tikkse mit ihrem Prior (rechts). (S. 347.)
318. Aussicht vom Kloster in Tikkse. (S. 348.)
319. Leh, die Hauptstadt von Ladak. (S. 348.)

Das erste aber, was ich tat, als ich nun nach allen Stürmen in Leh einen Hafen gefunden hatte, war, an König Oskar, an Lord Curzon, den Vizekönig von Indien, und an meine Eltern zu telegraphieren. Die freundlichen, aufmunternden Antworten trafen gerade rechtzeitig als Weihnachtsgaben für mich ein. Das Telegramm des Königs von Schweden lautete: „Vielen Dank für Ihr Telegramm und die bereits erhaltenen interessanten Briefe! Ich freue mich herzlich über Ihre glückliche Ankunft auf britischem Gebiete und hoffe, daß Sie bald heimkehren. Ich und die Meinen sind gesund. Sie herzlich grüßend, König Oskar.“

Von Tscharchlik hatte ich, via Kaschgar, an Lord Curzon geschrieben und ihn gebeten, bei der Ankunft in Leh eine Anleihe von 3000 Rupien aufnehmen zu dürfen; diese Summe lag jetzt bereit und wartete auf mich. Ich hatte auch von der Möglichkeit eines kurzen Besuchs in Indien gesprochen, und jetzt erhielt ich einen langen, liebenswürdigen Brief des Vizekönigs, der mit den Worten schloß:

„Ich habe Ihnen nur einen Vorschlag zu machen, und der ist, daß Sie nach Kalkutta kommen, wo ich mich vom Januar bis Ende März aufhalte, und mir das Vergnügen machen, Sie als meinen Gast im Government House zu begrüßen und aus Ihrem eignen Munde zu hören, was Sie alles gesehen und ausgeführt haben.“

Nachdem ich geantwortet und diese liebenswürdige Einladung dankbar angenommen hatte, telegraphierte Lord Curzon:

Congratulate you upon your safe arrival after most arduous journey and great discoveries. Am delighted that we shall see you here. Viceroy.“ (Gratuliere Ihnen zu ihrer glücklichen Ankunft nach der sehr anstrengenden Reise und den großen Entdeckungen. Bin entzückt, daß wir Sie hier sehen werden. Vizekönig.)

Ich sollte also einen kurzen Besuch in Indien machen und Lord Curzon (Abb. 320) wiedersehen, den ich seit mehreren Jahren kannte und der auch zugegen gewesen war, als ich in London im Dezember 1897 in der Royal Geographical Society einen Vortrag über meine vorige Reise hielt. Da es sich aber um einen Ritt von 400 Kilometern nach Srinagar, der Hauptstadt von Kaschmir, handelte, glaubte ich mir eine zehntägige Ruhe gönnen zu dürfen, ehe ich nach der Sommerhitze im Märchenlande aufbrach. Die Tage verrannen nur zu schnell. Ich wurde von den in Leh ansässigen Missionaren Ribbach und Hettasch und ihren Frauen mit Freundschaftsbeweisen und Gastfreundschaft überhäuft, ebenso von Miß Baß und dem Missionsarzt E. Shawe, der sich der Kranken in meiner Karawane mit unendlicher Freundlichkeit annahm. Täglich besuchte ich die Missionare und ich habe selten eine Station gesehen, die so musterhaft geleitet wird und so vielversprechende Früchte gezeitigt hat. In dem netten kleinen Kirchensaale feierten wir zusammen Weihnachten. Der Saal strahlte hell im Kerzenscheine, und der Weihnachtsbaum mit seinen zahllosen kleinen Wachslichtern gemahnte mich an viele unvergeßliche liebe Kindheitserinnerungen aus meiner nordischen Heimat. Ribbach predigte in der Ladakisprache, und beim Gesang stimmte die andächtig lauschende, festlich gekleidete Schar ein, die das kleine Gotteshaus dicht gedrängt füllte. Ich bin selten bei einem so ergreifenden, feierlichen Gottesdienst zugegen gewesen, obwohl ich von dem, was Ribbach sagte, nicht ein Wort verstand. Der freundliche Glanz der Christbaumlichter nahm meine Sinne gefangen, die weichen Orgelklänge berauschten mich, — ich hatte ja so unendlichen Grund zur Dankbarkeit, jetzt da alle unsere Mühseligkeiten zu Ende waren und ich mich wieder unter Europäern befand!

Am ersten Weihnachtstage langte meine Karawane an. Die letzten neun Kamele hatten den Paß Tschang-la glücklich überwunden. Jetzt sollten sie sich ausruhen und herrlichen frischen Klee zu fressen erhalten; ihre Krippen sollten beständig davon duften, sie sollten wie unsere eigenen Kinder gepflegt und für alles, was sie durchgemacht hatten, belohnt werden. Sie sahen ängstlich und erstaunt aus, als sie durch den Straßenlärm zogen (Abb. 321); aber auf unserem stillen Hofe fühlten sie sich bald heimisch, und ich sah ihre Augen vor Freude glänzen, als sie den Duft des reichlichen, saftigen Futters verspürten. Die Bewohner der kleinen Stadt, die wohl noch nie Kamele gesehen hatten, kletterten auf die Mauern des Hofes und betrachteten diese seltsamen, langhalsigen, buckligen Tiere mit größtem Erstaunen.

Jetzt wurde folgender Entschluß gefaßt. Während meiner Reise nach Indien sollte sich die Karawane ausruhen. Dazu brauchte ich nur drei von den Muselmännern zu behalten, und es paßte daher gut, daß die übrigen baten, sofort über das Kara-korum-Gebirge und Jarkent nach Hause zurückkehren zu dürfen. Sie erhielten ihren Lohn mit großer Zulage und außerdem Kleider, Proviant und je ein Reitpferd als Geschenk. Ich mietete für sie einen Mann aus Jarkent als Karakesch, der es übernahm, sie für eine bestimmte Summe nach Jarkent zu bringen. Als Sirkin, der sich nach Frau und Kindern sehnte, fragte, ob er sie begleiten dürfe, erlaubte ich ihm dies um so lieber, als er dann Briefe an Generalkonsul Petrowskij, bei dem sich meine früher gemachten Sammlungen befanden, überbringen konnte. Hier verließen uns also Mollah Schah, Hamra Kul, Turdu Ahun, Rosi Mollah, Li Loje, Almas, Islam, Ahmed und Ördek, der den besonderen Auftrag hatte, Sirkins Diener zu sein. Mit ihren Packpferden, dem Führer und seinen beiden Dienern bildeten sie eine recht ansehnliche Karawane, als sie am 29. Dezember von Leh fortritten. Trotzdem Sirkin sich aufrichtig nach Hause sehnte, vergoß er doch bittere Tränen, als ich ihm zu einem langen Lebewohl die Hand reichte und ihm für alle die Dienste dankte, die er mir während dieser Jahre geleistet hatte.

Schließlich wurde alles zum Aufbruch bereit gemacht. Tschernoff wurde Chef des Winterquartiers in Leh, Tscherdon Meteorologe, Turdu Bai, Kutschuk und Chodai Kullu, die besten der Muselmänner, sollten die Kamele, die Maulesel und mein altes Reitpferd pflegen. Sie erhielten eine reichliche Geldsumme zur Bestreitung der Haushaltkosten, und Jettumal versprach, dafür zu sorgen, daß es ihnen an nichts fehle. Auch Dr. Shawe und die übrigen Missionare wollten sich während meiner Abwesenheit meiner Leute annehmen. Der Lama, der ebenfalls dort blieb, stand bald auf vertrautem Fuße mit Herrn Ribbach, der sich für den jungen Priester sehr interessierte. Schagdur nahm ich, nachdem ich vom Vizekönig die Erlaubnis dazu erhalten hatte, mit nach Indien. Ich versprach mir ein ganz besonderes Vergnügen davon, Zeuge der Verwunderung des braven Kosaken zu sein über alles, was er in jenem wunderbaren Lande erblicken würde.