Ich würde nun meinen Bericht schließen können, da wir alte, wohlbekannte Gegenden erreicht haben, die schon vor mir und besser von vielen Reisenden mit klassischen Namen beschrieben worden sind. Wenn ich dennoch einige Schlußworte hinzufüge, geschieht es, damit der Leser meine Spur nicht vollständig verliere und gänzlich im Stiche gelassen werde, während wir noch im Inneren des großen Kontinents sind, welches durch den „Wohnsitz des Winters“, den Himalaja, von dem warmen Meere getrennt wird. Es soll jedoch schnell gehen; vermutlich sehnt sich der Leser ebenso aufrichtig wie ich danach, dieses Reisewerk hinter sich zu haben.
Am Morgen des 1. Januar 1902 stampften vier kleine, muntere Ladakpferde vor meiner Tür. Ich und Schagdur bestiegen zwei von ihnen, die anderen trugen unser Gepäck und wurden von Fußgängern getrieben; Mirsa Muhammed war von Jettumal beauftragt worden, mich zu begleiten.
Wie wunderlich und ungewiß ist doch das Leben, wie viel rätselhafter der Tod! Ich sollte keine Gelegenheit haben, dem Täsildar Jettumal für die vielen Dienste, die er uns leistete, zu danken, denn bei meiner Rückkehr nach Leh war er schon tot und verbrannt und seine Asche in die heiligen Wellen des Ganges gestreut!
Wir hatten bis Srinagar, der Hauptstadt und Sommerresidenz des Maharadscha, 400 Kilometer in 16 Stationen zurückzulegen. Auf jeder Station (Bungalow, Pangla) werden die Pferde gewechselt, manchmal noch öfter; man kann daher so schnell reisen, wie man will. Was mich betrifft, so war ich zu müde, um draufloszustürmen, und legte selten mehr als eine Station pro Tag zurück, so daß wir nach elf Tagen in Srinagar ankamen. Zuerst reiten wir nach Niemo hinunter, dann geht es durch die an Apfel- und Aprikosenbäumen reichen Felder und Gärten von Saspul. Der Indus ist zwischen gewaltigen, wohl 500 Meter hohen Terrassen eingeschlossen, der Weg läuft auf dem rechten Ufer, und die Bilder, die sich nacheinander entrollen, sind großartig; es ist ein wahrer Kunstgenuß, die Meisterwerke zu betrachten, die die Erosionskraft des Wassers hervorgebracht hat. Bald fließt der Indus langsam und ruhig und ist dann breit und tief, bald verengt sich das Bett, und der Fluß bildet schäumende Stromschnellen und wälzt sich mit betäubendem Getöse über abgestürzte Steinblöcke. Gelegentlich ist der Fluß auch zugefroren, und die natürlichen Brücken werden dann von den Eingeborenen benutzt. Schwindelnd hoch und schmal schlängelt sich der Pfad an dem launenhaften Relief der Bergseite hin; ja bisweilen ist er so schmal, daß man einem Entgegenkommenden nicht ohne Gefahr ausweichen könnte; unsere Kulis eilen dann bis zur nächsten Biegung und stoßen durchdringende Rufe aus, um den Weg freizuhalten.
Bei Kalatschi lassen wir das Industal rechts von uns liegen. Wir dringen gleichsam in die dunkeln Säle des Gebirges ein. Der Pfad ist oft gefährlich, zieht sich bald auf der einen, bald auf der anderen Talseite hin und geht auf kleinen, schwankenden Holzbrücken über einen Fluß.
Hinter der Brücke von Sampa-nesrak entspringt eine Quellader aus der Felswand, und das von ihr gebildete Eis bedeckte den Weg wie eine flache Glocke. Hier glitt das eine Packpferd aus und wäre den Berg hinuntergerollt, wenn ich es nicht in demselben Moment, als es über den Wegrand rutschte, am Schwanze gepackt und festgehalten hätte, bis die anderen zu Hilfe kamen.
Das Lamakloster Lamajuru hat eine höchst eigentümliche, malerische Lage; es ist auf dem Gipfel einer von tiefen Furchen durchschnittenen Geröllterrasse erbaut; es kann nur eine Frage der Zeit sein, wann es in die Tiefe stürzen wird, wo, wie stets in Tempelnähe, eine unzählige Menge Votivdenkmäler (Tschorten) errichtet sind.
Am 4. Januar hatten wir über die beiden Pässe Fotu-la (4100 Meter) und Namika-la (3965 Meter) zu reiten, ehe wir in dunkler Nacht Dorf und Bungalow Mullbeh erreichten. Unser Einzug in diesen kleinen Ort war ziemlich phantastisch. Eine ganze Reihe von Fackelträgern zog vor uns her, und von ihren brennenden Fackeln sprühten die Funken kometenschweifartig, und die Aprikosenbäume streckten ihre feuerroten Zweige zum pechschwarzen Himmel auf.
In Kargil, wo wir es mit einem neuen liebenswürdigen, freundlichen Täsildar zu tun hatten, war ich erstaunt, von etwa vierzig festlich gekleideten jungen Mädchen bewillkommnet zu werden. Jede trug eine Schüssel mit etwas Eßbarem; es ist dortzulande Brauch, daß der Fremdling jede Schüssel anrührt — und dabei, wenn er will, einige Silberannas in das Essen legt. Durch ein Telegramm erfuhren wir, daß der Paß Sodschi-la jetzt nicht für gefährlich galt. In Leh hatte man mir gesagt, daß er den Winter hindurch beinahe stets unpassierbar sei und ich wahrscheinlich davor würde umkehren müssen. Diesen Winter aber war der Schneeniedergang außergewöhnlich gering, und durch den Telegraphendraht, der über den Paß läuft, konnten wir an mehreren Punkten Auskunft erhalten. Von Kargil nahmen wir einen Ladaki namens Abdullah mit, der die Turki- oder, wie man hier sagt, Jarkendisprache beherrschte und ein außerordentlich zuverlässiger Führer war. In dem Dorfe Dras bekamen wir etwa fünfzig Kulis, die den schmalen, eisbedeckten Weg mit Brechstangen und Spaten verbessern sollten. Das Stationshaus Mattschui liegt ganz in der Nähe des Passes, — ein Segen für diejenigen, die eingeschneit werden. Dies passierte vor einigen Jahren, als das Haus noch nicht erbaut war, dem früheren Wesir Wesarat von Ladak. Er mußte mit einer großen Anzahl Kulis zwei Monate dort bleiben und wäre vor Hunger beinahe umgekommen. Er hatte sich durch Erpressungen verhaßt gemacht, und die Bevölkerung auf beiden Seiten des Passes freute sich darüber, daß er für eine Weile festsaß.
Am 9. Januar gingen wir über den Sodschi-la, den schlimmsten Paß, den ich je kennen gelernt habe, obgleich seine Höhe nur 3500 Meter beträgt, er also 2000 Meter niedriger ist als die tibetischen Pässe, mit denen wir zu tun gehabt haben. In Mattschui ließen wir unsere Pferde zurück und gingen zu Fuß in dem Schnee, der nach der −22 Grad kalten Nacht munter knarrte. Die Ladakis banden uns eine Art weicher Schneeschuhe an die Stiefel, damit wir nicht ausgleiten sollten. So stapften wir in ihren Spuren nach der außerordentlich flachen, beinahe unmerklichen Paßschwelle. Nicht weit hinter dieser geht es jedoch kopfüber einen jähen Abhang in Hunderten von Zickzackbiegungen nach dem Stationshause Baltal hinunter. Da heißt es aufpassen und nicht das Gleichgewicht verlieren, — ein einziger Fehltritt, und man würde in die Tiefe stürzen und dort zerschmettert werden. Der Schnee ist in der Sonne aufgetaut und dann wieder gefroren, so daß er eine gefährliche Eisstraße bildete, in die unsere Kulis Kerben schlugen. Der Paß Sodschi-la ist eine wichtige orographische und klimatische Grenzschranke zwischen Tibet und Kaschmir. Steht man auf seiner Schwelle, so hat man das Tal von Baltal unter sich und freut sich, den dunkeln Nadelholzwald zu sehen und sein geheimnisvolles, nordisches Rauschen zu hören.
Ich werde nicht versuchen, die hinreißende Landschaft zu beschreiben, die wir in den beiden letzten Tagen durchritten: dunkelgrüne Wälder, malerische Dörfer, schäumende Flüsse, pittoreske Brücken, ein Hintergrund von blendenden Schneebergen und über dem Ganzen ein türkisblauer Himmel. Die Beschreibungen, die ich von Kaschmirs schönen Tälern gelesen habe, erschienen mir matt, als ich sie mit der Wirklichkeit vergleichen konnte.
In Srinagar wurde ich mit echt englischer Gastfreundschaft von Captain E. Le Mesurier und seiner liebenswürdigen Gattin aufgenommen und verbrachte bei ihnen zwei unvergeßliche Tage. Am 14. Januar stand die erste Tonga, ein zweiräderiger Wagen, auf dem Hofe bereit. In Srinagar waren wir in 1600 Meter Höhe; jetzt sollten wir über zwei kleinere Pässe immer tiefere Gegenden und schließlich Indiens sommerheiße Ebenen erreichen. Der Weg führt zuerst durch das Jelumtal, dann über den Murreepaß und darauf nach Rawal-pindi. Er ist ein Meisterstück der Wegebaukunst.
Es ist ein raffiniertes, beinahe wildes Vergnügen, diese tausend Krümmungen in schwindelnder Fahrt zurückzulegen. Die Tonga wird von zwei mittelgroßen Rädern getragen und ist mit Dach und Seitenvorhängen versehen. In der Mitte sind zwei Sitze mit gemeinsamer Rücklehne. Auf dem vorderen saßen der Kutscher und ich, auf dem hinteren Schagdur mit dem Gepäck. Die starke, ein wenig aufwärtsgebogene Deichsel trägt an ihrem äußersten Ende ein Querholz, das mit Riemen an den Sattelkissen der Pferde befestigt wird. Dank dieser praktischen Einrichtung geht der Pferdewechsel in zwei, drei Minuten vor sich. Die Entfernung zwischen zwei Stationen beträgt selten mehr als eine halbe Stunde. Ein paar Minuten vor der Station bläst der Kutscher auf seinem Horn ein kurzes, angenehm klingendes Signal, und wenn wir dann vor das Haus sprengen, steht das neue Pferdepaar schon bereit. Das Querholz wird den schnaubenden, dampfenden Pferden abgenommen, die neuen werden unter die Enden der Querdeichsel gestellt, die Riemen werden geschnürt, und dann eilen die lebhaften, halbwilden Tiere davon. Sie stürmen mit so wahnsinniger Geschwindigkeit vorwärts, daß man unwillkürlich das Gefühl hat, es könne jeden Augenblick eine Katastrophe eintreten. Gewöhnlich muß der Kutscher sich viel mehr bemühen, die Pferde zurückzuhalten, als daß er nötig hätte, sie anzutreiben, und ich bin mir nicht immer darüber klar, ob sie durchgehen oder ob alles Absicht ist. Solange wir von Srinagar nach Baramullah durch offene Felder fuhren, war es nicht gefährlich, doch als sich der Weg nachher auf den Gehängen des Jelumtales hinschlängelte, hatte man Gelegenheit, schwindelig zu werden, wenn man dazu neigt. Die Pferde rasen vorwärts; rechts von uns geht es senkrecht nach dem in der Tiefe rauschenden Flusse hinunter, nur eine zwei Fuß hohe Brustwehr trennt uns von dem jähen Abgrund; vor uns scheint der Weg auf einmal ein Ende zu nehmen, doch dies kommt davon, daß er in scharfem Winkel nach links abbiegt. Man meint, der Kutscher müsse verrückt sein, daß er die Pferde nicht zügelt und langsamer fährt; die wilde Jagd geht gerade nach dem Abgrunde hin, und wenn auch die Pferde allenfalls noch um die Ecke zu schwenken vermögen, so muß doch der Wagen umkippen und über die niedrige Brustwehr geschleudert werden. Im letzten Augenblick vermindert sich indessen die Geschwindigkeit, es geht ganz glatt um die Ecke, und man ist erstaunt, daß man lebendig an ihr hat vorbeikommen können. Vor solchen Ecken ertönen stets die hellen Klänge des Jagdhorns als Warnungssignal, falls von der anderen Seite eine Tonga mit ebenso wütender Fahrt auf die Ecke losstürmen sollte.
In der Nähe des Murreepasses war der Nadelholzwald dicht, wodurch das Großartige dieser Fahrt, die unter seinem prachtvollen, schattigen Gewölbe hinstürmte, noch erhöht wurde. Vom Passe ahnen wir im Süden die Ebenen des Pendschab; mit gleicher schwindelnder Fahrt eilten wir nach immer tieferen Gegenden hinab, immer dichter werden die Luftschichten, immer linder die milden Windhauche, die bei Sonnenuntergang die Hügel umspielen. Es war schon dunkel, als das letzte Pferdepaar unsere Tonga durch die langen, geraden Straßen von Rawal-pindi führte. Wir fuhren direkt nach der Eisenbahnstation, denn es fehlte nur noch eine Stunde bis zum Abgang des Zuges. Es klingt seltsam, wenn man wieder die schrillen Pfiffe der Lokomotive hört, nachdem man jahrelang an den Frieden und die Stille der Einöden gewöhnt gewesen ist!
In Lahore blieb ich drei Tage — inkognito, denn ich hatte in meinem ganzen Gepäck nicht einmal einen Strumpf, mit dem ich mich vor den Leuten hätte sehen lassen können. Hier kleidete ich mich vom Scheitel bis zur Sohle neu ein und war im Handumdrehen wieder ein vollkommener, wenn auch ein wenig wettergebräunter, sonnverbrannter Gentleman! Jetzt war kein Inkognito mehr nötig; den letzten Abend war ich zu einem glänzenden Diner bei Sir W. Mackworth Young, dem Vizegouverneur des Pendschab, und mir war zumute, als sei ich mein ganzes Leben lang nie etwas anderes gewesen als ein Salonlöwe!
Was soll ich von Lahore, Dehli, Agra, Lucknow und Benares sagen? Nichts! Ich überlasse es denjenigen, die zum Studium dieser märchenhaft wunderbaren Städte Zeit gehabt haben, über jede von ihnen Bände voll zu schreiben. Ich passierte sie wie ein Zugvogel und blieb in jeder nur einen oder ein paar Tage. Ich flog wie eine Wildente über den Tadsch Mahal, fand aber auf der Durchreise noch Zeit, diese Grabmoschee Schah Dschahans als das schönste Kunstwerk, das ich je erblickt habe, anzustaunen und zu bewundern. Alles, was ich in Konstantinopel, Ispahan, Mesched und Samarkand gesehen habe, verschwindet und verbleicht dagegen. Es ist ein Sommertraum in weißem Marmor, eine Luftspiegelung von versteinerten Wolken. Und Benares! Nie vergesse ich die Bootfahrten, die ich längs seiner Kais und Treppen machte, jener Treppen, wo Tausende von Pilgern jeden Morgen bei Sonnenaufgang baden, um Gesundheit und Kräfte wiederzugewinnen, und die Brahminen, die dem Flusse huldigen und hier ihre Gebete verrichten, und die Greise, die hierherreisen, um an dem heiligen Ganges zu sterben. Nichts läßt sich mit einer Ruderfahrt im Mondschein auf dem Ganges vergleichen; tausend Phantasien und Träume aus der Märchenwelt von Benares bestürmen den Fremdling in der Stille der Nacht.
Schagdurs immer größer werdendes Staunen war für mich eine Quelle großen Vergnügens. Einem burjatischen Kosaken aus Sibirien muß alles, was er in den alten Residenzen des Großmoguls, unter Palmen, in Pagoden, sowie in den von einer bunten, lärmenden Menschenmenge erfüllten Basaren erblickt, im höchsten Grade imponieren. Er befragte mich über alles, was er sah, teilte mir seine Gedanken und Beobachtungen mit und konnte keine Worte finden, um sein Erstaunen und seine Bewunderung auszudrücken. Als wir in Lucknow einem Zuge Elefanten begegneten, wollte er kaum seinen Augen trauen und fragte mich, ob diese Kolosse wirklich lebendige Tiere oder nicht vielmehr eine besonders konstruierte Art von Lokomotiven seien. Um ihn zu überzeugen, ließ ich eines der Tiere stehenbleiben, kaufte in einer Basarbude in der Nachbarschaft ein Bündel Zuckerrohr und fütterte das Vieh. Als dieses erst jedes Rohr mit dem Rüssel reinigte und die weniger gutschmeckenden Teile abbrach, um dann den Rest mit virtuosenhafter Eleganz zu verzehren, sah Schagdur ein, daß der Elefant ein wirkliches, lebendiges Tier war.
Am 25. Januar kam ich frühmorgens in Kalkutta an und wurde in einer vizeköniglichen Equipage mit vier Lakaien in rotgoldener Uniform und hohen weißen Turbanen vom Bahnhof abgeholt. Ein zweites Gefährt beförderte Schagdur und das Gepäck. Wir fuhren direkt nach dem Government House, wo mir meine Wohnung angewiesen wurde. Niemals habe ich so vornehm residiert wie in der Residenz des Vizekönigs von Indien. Die Salons sind mit wertvollen Kunstgegenständen geschmückt, man geht auf weichen indischen Teppichen, die Wände verschwinden unter großen Ölbildern von Großbritanniens Monarchen, indischen Maharadschas und persischen Schahen, alles prunkt in einem Meere von elektrischem Licht. Mein riesiges Schlafzimmer hatte seinen eigenen Balkon, der unter einer mächtigen Markise in kühlem Schatten schwebte. Berauscht vom Palmendufte des Parkes konnte ich mich an der großartigen Aussicht über Kalkutta erfreuen und den Blick weithin bis an das Dschungel des Hugli schweifen lassen.
Der Tag meiner Ankunft war ein Sonntag, und mir wurde sofort von einem Adjutanten mitgeteilt, daß „His Excellency, the Viceroy“ mich auf Schloß Barrakpore, zwei Stunden flußaufwärts, erwarte. Bei schönem Sommerwetter und einer leichten, erfrischenden Brise fuhr ich nach dem Frühstück mit einer Dampfbarkasse hin und hatte dort die liebenswürdigste Gesellschaft, die man sich nur wünschen kann.
Eingebettet in einen tropisch schönen Park und geschmückt mit englisch vornehmer und geschmackvoller Pracht öffnete Barrakpore den anlangenden Gästen die Tore der Gastfreundschaft. Die Wirte erwarteten uns mit ihren beiden kleinen reizenden Töchtern und ihrem Gefolge in dem kühlen Schatten einer gewaltigen Laube, und Lord Curzon begrüßte mich so liebenswürdig und warm wie ein alter Freund; er stellte mich seiner charmanten Gemahlin vor, der schönsten und sympathischsten Dame, die ich je kennengelernt habe. Beim Lunch brachte er in schäumendem Champagner ein Hoch auf mich aus und gratulierte mir zu den gewonnenen Resultaten und den glücklich überstandenen Mühen. Nachdem wir einige Stunden über geographische Fragen gesprochen hatten, wurde ich von Lady Curzon zu einer Spazierfahrt in die Umgegend aufgefordert, und meine Wirtin führte dabei die Zügel mit ebensoviel Grazie wie Sicherheit.
Die zehn Tage, die ich in Lord und Lady Curzons Hause Gast zu sein die Ehre hatte, gehören zu meinen liebsten und schönsten Erinnerungen. Nicht allein, daß ich täglich mit Freundschaft und Gastfreundschaft überhäuft wurde, nein, ich fand auch in meinem Wirte, der einer der ersten jetzt lebenden Kenner der Geographie Asiens ist, einen Mann, der meine Reise mit dem sachverständigsten und lebhaftesten Interesse erfaßte.
In Europa macht man sich kaum einen Begriff davon, was es heißen will, Vizekönig von Indien zu sein und beinahe souveräne Macht über dreihundert Millionen Untertanen zu besitzen, also fast ebenso viele, wie allen Monarchen Europas zusammengenommen gehorchen. Es ist eine glänzende, eigenartige Stellung, und man bewundert ein Reich, das seinen Söhnen Gelegenheit geben kann, nach solchen Posten zu streben.
Lord Curzon fühlt die auf ihm lastende Verantwortung und faßt seinen Beruf mit tiefem Ernste auf, er opfert ihm alle seine Zeit und Kräfte. Er gönnte sich keine Ruhe, er war wie festgenagelt an seinen Schreibtisch und machte nur bei den Mahlzeiten eine kleine Arbeitspause. Mit Sport und eiteln Vergnügungen verlor er keine Stunde, — als wir einmal zusammen das Theater besuchten, wo der Vizekönig mit der Nationalhymne begrüßt wurde, verschwand er noch vor Schluß des ersten Aktes, um in sein Arbeitskabinett zurückzukehren. Wir nahmen einmal alle Kartenblätter, wohl hundert, die ich von Ladak mitgebracht hatte, durch; jedes Blatt wurde besonders geprüft, und Lord Curzons Urteil konnte mir nur in höchstem Grade schmeichelhaft und erfreulich sein.
Während meines Aufenthalts wurden ein paar Festdiners und große Bälle im Government House gegeben, das in blendender Pracht strahlte; es ging bei dieser Gelegenheit ebenso glänzend her wie an einem europäischen Fürstenhofe. Eines Tags kamen ein deutsches und ein österreichisches Kriegsschiff den Hugli herauf, was Veranlassung zu einem Frühstück für die Offiziere im Government House gab, dem mehrere Feste auf den Schiffen und im deutschen Klub folgten.
Wohl hatte ich während meiner neunjährigen Wanderungen in Asien mancherlei erlebt, aber noch keinen solchen Kontrast, wie ich ihn jetzt durchmachte. Zweieinhalb Jahre lang hatte ich, von der Welt abgeschnitten, in den Wüsten und Gebirgen des innersten Asiens gelebt und Strapazen und Entbehrungen jeglicher Art ertragen müssen, und jetzt befand ich mich inmitten der verfeinertsten Zivilisation, die man sich denken kann. Nach Jahren der Einsamkeit wurden jetzt bei jedem Schritt neue Bekanntschaften gemacht. Eben noch wanderte ich bei 30 Grad Kälte über 5000 Meter hohe Gebirge, wo nur das Archari und der wilde Yak ihre Nahrung finden, und jetzt wandelte ich in lauter Wärme und Licht unter den Palmen an der Küste des Indischen Ozeans. Eben noch hatten wir die schmutzigen, rauchigen Zelte der Tibeter besucht, jetzt entzückten mich in englischen Salons der Duft schwellender Rosen, liebenswürdige Damen und Musik. Die Tibeter hatten mich wie ein verdächtiges, gefährliches Individuum behandelt, in Indien ertrank ich beinahe in Gastfreundschaft; jedesmal, wenn ich einen Ort verließ, mußte ich mich aus freundlichen Armen losreißen, um am nächsten wieder mit offenen Armen aufgenommen zu werden. Überall fühlte ich mich „at home“, und es wurde mir stets schwer, meine neuen Freunde zu verlassen; dieses ewige Abreisen und Abschiednehmen breitete einen Wehmutsschleier über eine sonst so angenehme, erinnerungsreiche Reise.
Die indische Presse hatte mir so viel liebenswürdige Aufmerksamkeit geschenkt, daß ich mit Einladungen buchstäblich überhäuft wurde — nach Dardschiling, Ceylon, Mysore, Peschawar, zu meinem alten Freunde von Kaschgar (1890) Major Younghusband, nach schwedischen Missionsstationen usw. Doch ich durfte meine Karawane und die Kosaken, die mich in Leh erwarteten, nicht vergessen. Einigen Einladungen konnte ich allerdings nicht widerstehen, und mein Aufenthalt in Indien wurde dadurch etwas verlängert. Leider war mein prächtiger treuer Kosak Schagdur am Fieber erkrankt und während des ganzen Aufenthalts in Kalkutta sehr schwach. Er lag im Parke in einem geräumigen, eleganten Zelte — mit Bretterfußboden, Badezimmer und elektrischem Licht — und wurde vom Leibarzt des Vizekönigs, Oberst Fenn, selbst und dem Assistenzarzte Emir Baksch behandelt. In ihrer Pflege mußte ich Schagdur zurücklassen, als ich südwärts reiste. Wir wollten uns in Rawal-pindi wiedertreffen.
Nach herzlichem Abschied von Lord und Lady Curzon verließ ich am 5. Februar Kalkutta und reiste nach Secundrabad bei Hyderabad. Ich hatte eine Einladung meines vortrefflichen ritterlichen Freundes von der Pamirgrenzkommission im Jahre 1895, Oberst McSwiney, angenommen. Er war jetzt nach dem Militärlager Belarum im Gebiet des Nizam, wo ungefähr 8000 Mann englische Truppen stehen, versetzt worden. Es waren drei angenehme Tage, die ich in McSwineys Hause verlebte.
In Bombay war ich eingeladen worden, bei dem Gouverneur Lord Northcote und seiner Gattin zu wohnen. Auch die vier in ihrem Heim verbrachten Tage gehören zu meinen angenehmsten Erinnerungen. Meine Wohnung lag auf der äußersten Spitze von Malabar Point; ringsumher hatte ich den unendlichen Ozean. Es war mir, als sei ich an Bord eines Schiffes — ein seltsames Bild für den, der jahrelang im Inneren des großen Asien gelebt hat. Ich wurde nicht müde, dem rauschenden Sange der Wellen am Fuße des felsigen Vorgebirges zuzuhören. Wie gern hätte ich mich von ihnen über die Meere nach meiner alten Heimat tragen lassen, statt, wie jetzt, noch einmal durch den Kontinent zu ziehen und nach den schweigenden, unwirtlichen Gebirgen in Westtibet zurückzukehren! Die Postdampfer fuhren von Zeit zu Zeit unmittelbar unter dem Vorgebirge vorbei; sie gingen direkt nach Europa, und auf ihrem Deck konnte ich geraden Weges dorthin gelangen. Ich hatte von Asien genug und es graute mir davor, wieder quer durch die alte Welt ziehen zu müssen — auf dem Landwege von Bombay nach Petersburg und Stockholm! Es erforderte eine gute Portion Energie, um der Versuchung nicht nachzugeben. Aber ich konnte die Kosaken und die Karawane nicht verlassen und das Resultat meiner Reise nicht allen Winden preisgeben, sondern mußte alles in Sicherheit bringen, ehe ich mich ruhig fühlen durfte. Ich nahm also Abschied von Lord und Lady Northcote und kehrte nach Dehli zurück.
Die Reise nach Rawal-pindi machte ich mit nur zwei kurzen Unterbrechungen. In Dschaipur holte mich die Equipage des Maharadscha ab, und ich machte auf einem seiner prachtvoll geschmückten Elefanten einen herrlichen Ausflug nach den Ruinen von Amber. In Dschaipur sind alle Häuser rosenrot, alle Einwohner rot oder rosa gekleidet, — man muß an das Morgenrot in einem Rosengarten denken.
Der Maharadscha von Kapurtala hatte mich telegraphisch nach seinem Schlosse in Kartarpur eingeladen, wo ich zwei schöne Tage verlebte und in Gesellschaft Seiner Hoheit Ausflüge zu Wagen, Boot und Elefant machte. Ganz im selben Stile feierte er meinen Geburtstag auf seinem Schlosse mit Tafelmusik und schäumendem Champagner. Der Aufenthalt in Kartarpur erinnerte lebhaft an Tausendundeine Nacht.
In Rawal-pindi fand ich meinen armen Schagdur wieder, der infolge seiner Krankheit nicht soviel Vergnügen von der Indienreise gehabt, wie ich gehofft hatte. Oberst Fenn war so freundlich gewesen, ihn mit einem eingeborenen Assistenzarzte von Kalkutta nach Rawal-pindi zu schicken, wo Hauptmann Waller und Major Medley, der bekannte Asienreisende, ihn mit großer Freundlichkeit aufnahmen und ihm alle die Pflege, deren er bedurfte, zuteil werden ließen. Schagdur war entzückt von Medley, der sich mit ihm täglich lange russisch unterhalten hatte. Der Arzt, Major Marshall, der ihn behandelte, riet mir, ihn so schnell wie möglich ins Gebirge zu bringen. Bei meiner Ankunft war dies jedoch unmöglich, denn er war so schwach, daß er sich nicht auf der Tonga festhalten konnte. Ich mußte daher geduldig warten. Ich selbst hatte es sehr gut; die Offiziere wetteiferten förmlich, mir Gastfreundschaft zu erzeigen. Leider wurde mir nicht die Freude zuteil, Herrn Dr. Stein, der sein Hauptquartier in Rawal-pindi hat, zu treffen. Er war kürzlich von seiner erfolgreichen, bedeutungsvollen Forschungsreise in Ostturkestan zurückgekehrt. Ich konnte aber seine Bekanntschaft wenigstens brieflich machen und traf ihn später, ehe noch das Jahr 1902 zu Ende gegangen war, persönlich in London.
Endlich war Schagdur soweit hergestellt, daß wir aufbrechen konnten. Wir fuhren auf dieselbe Weise wie vor zwei Monaten nach Srinagar.
Dank der großartigen Gastfreundschaft des Herrn Le Mesurier und seiner Gattin konnte Schagdur hier in der frischen, kühlen Luft von Kaschmir, die ihm bald seine Gesundheit wiederschenkte, noch fünf Tage ausruhen. Hauptmann und Frau Le Mesurier waren neben Dr. Shawe die ersten und die letzten Engländer, die ich während dieses hastigen, aber langen Abstechers nach Indien traf. Der erste Eindruck, den ich von der herrschenden Rasse in Indien erhielt, war daher warm und sympathisch, und als ich sie wieder verlassen sollte, nahm ich mit aufrichtigem Bedauern Abschied. Sie waren grenzenlos freundlich und liebenswürdig gegen mich und meinen Kosaken gewesen. Der Hauptmann, der „Joint Commissioner“ für Ladak ist, telegraphierte nach allen Stationen auf dem Wege nach Leh, damit alles zu unserer Reise in Ordnung wäre, und ordnete an, daß auf dem Sodschi-la besondere Vorsichtsmaßregeln getroffen würden.