Neunundzwanzigstes Kapitel.
Über das Kloster Hemis heimwärts.

Am 6. März ging es wieder nach Leh hinauf. Ich mietete zwei Tragstühle mit je acht Trägern und benutzte den meinen, solange es möglich war; aber Schagdur hatte, obwohl Rekonvaleszent, einen ausgesprochenen Widerwillen gegen dieses Beförderungsmittel und zog es vor zu reiten.

In Sonamarg erhielt ich Warnungstelegramme von Le Mesurier, dem Wesir Wesarat, aus Kargil und aus Leh, ja nicht über den Sodschi-la zu gehen, da jetzt sehr viel Schnee gefallen sei. Le Mesurier war so liebenswürdig, mich zu bitten, nach Srinagar zurückzukehren. Doch ich mußte um jeden Preis über den Paß. Er ist von der indischen Seite viel schwieriger, da man die unheimlichen Abhänge zu Fuß erklimmen muß. Jetzt konnten wir auch nicht, wie auf der Hinreise, den Sommerweg benutzen, sondern mußten in der tiefen Kluft gehen, in welche die Lawinen jeden Winter von den Felswänden stürzen und wo alljährlich so viele Unglückliche begraben werden. Große Vorsicht ist stets nötig; man muß sich frühmorgens auf den Weg machen, wenn die Schneemassen noch gefroren sind; nachmittags stürzen sie, von der Sonne aufgeweicht, herunter. Bei Schneewetter darf man unter keiner Bedingung nach dem Passe hinaufgehen, denn dann hat man große Aussicht, unter den Lawinen begraben zu werden. An den gefährlichsten Stellen dieses Hohlweges muß man möglichst schnell vorbeieilen.

Am 10. standen wir in aller Frühe auf, als es noch stockdunkel, rauh und kalt war. Die Sterne glänzen hell an dem stahlblauen, kalten Himmel, die Berge mit ihren Schneemassen zeichnen sich in schwachen Umrissen ab. Völlige Ruhe herrscht, einige Fackeln auf dem Balkon flackern nicht einmal, der Rauch meiner Zigarre steigt lotrecht in die Luft. Im Handumdrehen sind wir reisefertig; 63 Träger und Wegemacher gehen in langem Gänsemarsch voran, dann werden einige Pferde, die den Proviant der Leute tragen, geführt, und hinterdrein reiten wir, von dem Naib-i-täfildar von Ganderbal und seinem nächsten Untergebenen begleitet. Allmählich wird es heller; die weißen Schneefelder treten immer schärfer hervor, und die Tannen stechen dunkel gegen sie ab. Dann und wann purzelt einer in den Schnee; Schritt für Schritt geht es vorwärts und aufwärts durch immer tiefer werdende Schneewehen. Noch war die Kruste der Schneefelder stark genug, um die Fußgänger zu tragen, doch schon am Vormittag brachen diese ein. Da, wo die Pferde keinen Grund fanden, sondern wie Delphine im Schnee hüpften, gingen wir zu Fuß. In Baltal kam uns Abdullah mit 23 sicheren Leuten entgegen.

Am folgenden Tag gingen wir durch den Hohlweg hinauf, der jetzt gar nicht wiederzuerkennen war. Die Massen von Blöcken, die in der Schlucht umherliegen, waren vollständig verschwunden unter herabgestürzten Lawinen, die, wie man mir sagte, den engen Gang mit einer 150 Meter hohen Schneeschicht angefüllt hatten. Solange es Winter ist, kann man oben auf den abgestürzten Schneemassen gehen, im Sommer aber ist dieser Weg unpassierbar. Ich und Schagdur wurden nach dem Passe hinaufgezogen und geschoben. Ein unangenehmer Wind strich wie ein Wasserfall durch den Hohlweg herunter und wirbelte Wolken von feinem Schnee auf (Abb. 322). Nachdem wir die gefährlichen Stellen glücklich passiert hatten, konnten wir uns gänzlich unbesorgt fühlen; aber hier war der tiefe Schnee nicht so festgepackt wie im Hohlwege. Nach jedem Schneefall wird ein Pfad ausgetreten, der aus einer unzähligen Anzahl tiefer Gruben besteht. Kann man balancieren, ohne auszugleiten, so ist es am vorteilhaftesten, auf den zwischen ihnen liegenden Erhöhungen zu gehen, gewöhnlich aber nimmt man gern mit den Gruben vorlieb.

Vier Tage lang trabten wir auf diese Weise über den Paß und seine beiderseitigen Umgebungen. Schließlich konnten wir Yake benutzen und zuletzt uns wieder der Pferde bedienen. In Kargil schneiten wir ein und mußten dort drei Tage bleiben. Man versuchte, uns durch Tänzerinnen und rauschende Musik zu erfreuen. Am 25. März trafen wir wieder in Leh ein, wo wir alles gut und gesund vorfanden. Von Sirkin und Ördek wußte man nichts, aber alle anderen, die an Weihnachten ihren Abschied erhalten hatten, waren wiedergekommen, weil, wie sie sagten, die Pässe verschneit waren. Die beiden erstgenannten gelangten jedoch schließlich gesund und glücklich nach Kaschgar.

Es war meine Absicht, nur ein paar Tage auszuruhen und dann über den Kara-korum-Paß nach Norden zu eilen. Doch böse Mächte hielten uns in Leh zurück. Schagdur bekam einen sehr schweren Rückfall; Dr. Shawe hielt es für Typhus. Der Kranke würde noch ein paar Monate unter keinen Umständen reisen dürfen. Er war entsetzlich abgemagert und matt und phantasierte mehrere Nächte lang. Wir wurden infolgedessen von einem Tage zum andern aufgehalten; daß wir ihn nicht mitnehmen konnten, war klar, aber ich wollte nicht eher reisen, als bis Dr. Shawe ihn außer Gefahr hielt. Einige Tage hindurch hatten wir beinahe die Hoffnung aufgegeben, daß er überhaupt genesen würde. Doch Anfang April fing er an, sich zu erholen; die Krisis war vorüber, und um vollständig wiederhergestellt zu werden, bedurfte er nur noch einige Monate der Ruhe und Pflege in dem Missionskrankenhause, wo Dr. Shawe ihn unter seiner persönlichen Aufsicht hatte. Alles wurde für den Kranken so gut wie möglich eingerichtet. Li Loje erhielt Befehl, bei ihm zu bleiben und sein Leibdiener zu sein; führe er seinen Auftrag gut aus, so solle er in Kaschgar eine Extrabelohnung erhalten. Im Sommer sollten die beiden sich einer nach Jarkent ziehenden Handelskarawane anschließen und sich von dort nach Kaschgar begeben. Schagdur erhielt 200 Rupien zur Bestreitung der Kosten.

Es tat mir bitter weh, Schagdur zu verlassen, als wir am 5. April 1902 aufbrachen. Die Sonne schien so freundlich und warm in sein Zimmer hinein, als ich ihn zum letztenmal sah. Er war allerdings betrübt, daß er uns nicht bis ans Ende der Reise begleiten konnte, aber er sah ein, daß er sich jetzt ruhig verhalten müsse, bis er ganz wiederhergestellt sei. Ich beruhigte ihn und versuchte, ihm alles in hellem Lichte zu zeigen, auch gab ich ihm das Versprechen, ihn, soweit es von mir abhinge, auf meiner nächsten Reise ebenfalls mitzunehmen. Diese Hoffnung hatte ihn stets erfreut; er träumte davon wie von der größten Ehre und Freude, die ihm im Leben zuteil werden könne. Schließlich drückte ich ihm die Hand zum Abschied und befahl ihn in Gottes Schutz; da brach seine Fassung zusammen, er wandte sich ab und weinte. Ich eilte hinaus, um ihn nicht sehen zu lassen, daß auch meine Augen feucht glänzten und wie tief und schmerzlich mir diese lange Trennung zu Herzen ging. Auch von den Familien Ribbach, Hettasch und von Dr. Shawe schied ich mit aufrichtigem Bedauern. Sie hatten mir in so vieler Weise genützt und geholfen, und ich hatte in ihrer Missionsstation das Ideal einer solchen Anstalt kennengelernt.

Leicht war es auch nicht, unseren alten, treuen Veteranen Lebewohl zu sagen, den letzten neun Kamelen, die allein noch imstande gewesen waren, Leh zu erreichen, und die sich während der drei Wintermonate so von ihren Anstrengungen erholt hatten, daß sie jetzt dick, fett und vergnügt vor ihren Krippen standen. Aber es mußte sein; sie konnten im Winter nicht über den Kara-korum gehen. Ich verkaufte sie für einen Spottpreis an einen Kaufmann aus Jarkent, wohin sie im nächsten Sommer gebracht werden sollten.

329. Aus der Klosterküche in Hemis. (S. 367.)
330. Trompetende Lamas. (S. 367.)
331. Posaunenblasende Lamas. (S. 367.)

War es ein großer Kontrast gewesen, von einem tibetischen Winter in 5000 Meter Höhe in den Sommer Indiens am Meer zu gehen, so war der Übergang nicht weniger schroff, als er jetzt in umgekehrter Weise stattfand. Eigentlich war es wunderbar, daß ich von jeder Spur von Fieber verschont blieb, aber ich war dafür sehr müde und sehnte mich nach meiner friedlichen Studierstube in Stockholm. Ich beschloß daher, mich jetzt, solange es anging, d. h. bis an den Fuß des Tschang-la-Passes, wieder des Tragstuhls zu bedienen. Von vier starken Männern getragen, schaukelte ich von Leh ab. Der Palast der früheren Könige auf seinem Felsen und die kleine malerische Stadt verschwanden bald hinter den Hügeln, als sich die Männer, einen charakteristischen Wechselgesang singend, mit raschen Schritten dem Indus näherten. Der Führer singt eine kurze Strophe, und die anderen fallen mit einem eintönigen, einschläfernden Kehrreime ein, aber der Gesang treibt sie und hilft ihnen, im Takt zu gehen.

Am 6. gingen wir am linken Indusufer aufwärts. Als Begleiter hatte ich nur den Lama und Kutschuk; die Karawane mit ihren gemieteten Pferden marschierte auf der großen Heerstraße nach dem Tschang-la und folgte dem rechten Flußufer.

Schließlich verlassen wir den Indus, ziehen nach Süden und Südwesten den Geröllkegel der südlichen Bergkette hinauf und treten in die Mündung des Hemistales ein. Wir passieren eine Menge malerisch ornamentierter Tschorten und ganze Reihen von runden und länglichen Steinkisten. Das Tal wird immer enger und die Richtung beinahe westlich; zwischen den grauen Felswänden wirken einzelne Pappelgruppen sehr hübsch, und im Hintergrund zeigt sich das schneebedeckte Hochgebirge.

Jetzt wird der berühmte Tempel Hemis unseren Blicken sichtbar; er ist am besten mit einer Masse zusammengedrängter amphitheatralisch gebauter Häuser, die wie Schwalbennester an dem Abhange kleben, zu vergleichen. Durch Höfe, Gänge und über gewundene Steige mit Geländern gelangen wir an eine kleine Pforte in der Mauer; hier heißt uns der Prior von Hemis freundlich willkommen. Es war ein alter Mann mit dünnem, grauem Bart und großer, dicker Nase (Abb. 327); sein Lächeln war ebenso heiter wie gütig. Sein Name und Titel war Ngawand Tschö Tsang, Hemi Tschaggtsot.

Nun beginnt die Runde in diesem Klosterlabyrinth von dunkeln Löchern und Kammern, Höfen und Gängen, Korridoren und steilen, engen Steintreppen, die von einer Tempelterrasse zur anderen führen (Abb. 323). Es wäre schwer, eine auch nur annähernd orientierende Beschreibung von dem eigentümlichen Gebäudekomplex zu geben. Eine bestimmte Ordnung herrscht in der Architektur nicht; die verschiedenen würfelförmigen Häuser scheinen nach und nach überall, wo nur der kleinste Platz dazu war, hingebaut worden zu sein. Man wird aufgefordert, durch eine Pforte zu treten, und es geht einen schmalen Weg bergauf, der, zwischen Mauern eingeschlossen und mit Steinplatten gepflastert, um eine Ecke biegt und sich in einen wagerechten dunkeln Gang verliert, der seinerseits auf eine Reihe kleiner Höfe ausmündet. Man steigt eine sehr steile Treppe hinauf, wirft einen Blick in einen Tempelsaal hinein, wo die vergoldeten Götterbilder matt im Halbdunkel glänzen; man wird auf eine Terrasse hinausgeführt, ist von der herrlichen Aussicht hingerissen und meint, es sei ein Wunder, daß noch kein Bergrutsch von der hinter dem Tempel liegenden Felswand die ganze Tempelstadt in Trümmer gelegt hat, dann wird man wieder eine Treppe hinaufgeführt, durch neue Gänge und Winkel bis in die Unendlichkeit, bis einem der Kopf schwindelt. Man muß sich wie in einem Irrgarten oder einer verzauberten Höhle verlieren. Es war leichter, sich im Government House zu Kalkutta zurechtzufinden, obgleich es einige Zeit dauerte, bis ich dort Bescheid wußte. Hier in Hemis aber können sich nur Mönche auskennen.

In dem ersten Saale, der mir gezeigt wurde und dessen Decke malerische Säulen trugen, thronte der Gott Dollma, mit großen, stechenden Augen. Vor dem Gotte, der 300 Jahre alt sein soll, standen auf Tischen ganze Batterien von Messingschalen mit Wasser, Reis, Gerste, Mehl, Fett und Butter. Von dem zweiten Saale machte ich in aller Hast eine Zeichnung, die hier wiedergegeben ist. Er soll der vornehmste in Hemis sein; zwei Lamas knieten vor Doggtsang Raspas vergoldetem, mit einem Mantel bekleideten Bilde (Abb. 324, 325). Rechts von ihm sitzt der Lama Jalsras, links Sandschas Schaggdscha Toba. Die Tempelsäle, sieben an der Zahl, heißen „Dengkang“ (mongolisch Doggung) und die Kammern, wo die Mönche ihre „Nom“ (heiligen Schriften) studieren, werden „Tsokkang“ (mongolisch Sume) genannt.

In einem gewaltigen, becherförmigen Messinggefäß, „Lotschott“, brennt in einer Vertiefung in gelbem Fett eine kleine Flamme, die ein Jahr lang nicht erlischt. Fahnenähnliche, religiöse Gemälde schmücken oft in mehreren Schichten die Wände, und von den Decken hängen „Tschutschepp“ genannte Draperien; an den Säulen flattern lange, in drei Zungen auslaufende, als „Pann“ bezeichnete Bänder, und über den Götterbildern schweben sonnenschirmartige Thronhimmel. Trommeln, Glocken, Götter, Messingbecken und lange Blashörner gehören zur Ausstattung; man wandelt gleichsam in einem Museum umher, das man aus dieser im Gebirge versteckten Krypte entführen und mit nach Hause nehmen möchte. Die Büchergestelle biegen sich unter Bänden der „Nom“. In gleicher Weise sind die übrigen Säle mit Götterbildern und „Tschurden“ von Silber mit Rubinen, Türkisen und Gold bevölkert. Durch eine Falltür im Fußboden des einen Saales konnte man in das „Bakkang“, das Zeughaus oder die Rüstkammer, hinabsteigen, wo alle Gewänder, Masken, Hüte, Speere, Trommeln, Posaunen und Blashörner, die man zu den Anfang Juli stattfindenden Festtänzen brauchte, aufbewahrt wurden. Einige Lamas kleideten sich in ihre Festgewänder und standen mir freundlich Modell, während ich sie abzeichnete (Abb. 326, 328). Während des Sommerfestes wird das „Tabbtsang“ oder Küchenhaus benutzt, wo fünf kolossale und mehrere kleine Kessel in einen Herd eingemauert sind (Abb. 329).

Es wimmelte während der Runde um uns her von rotgekleideten Lamas, aber der Prior zeigte uns alles selbst und benahm sich dabei mit imponierender Würde. Sodann führte er uns nach unseren Gastzimmern in einem kleinen, eleganten und behaglichen Pavillon unterhalb des Klosters. Abends besuchte ich ihn in seiner Zelle und wurde zu diesem Zweck von einigen dienenden Brüdern abgeholt. Bei dem Scheine der gelbroten Flammen der Fackeln glichen die engen Korridore und Grotten jetzt noch mehr Krypten und Höhlen in einem Berge.

Der Greis erzählte, daß Hemi-gompa, wie er sein Kloster nannte, vor 300 Jahren von Doggtsang Raspa erbaut worden sei, einem Lama, der wie der Dalai-Lama durch alle Zeiten weiterlebe. Der jetzige Doggtsang Raspa sei 19 Jahre alt und lebe seit drei Jahren als Eremit ganz allein in einem kleinen „Gompa“ im Gebirge, nicht sehr hoch oben in der Talschlucht, wo die Gegend Gotsang heiße. Er müsse dort noch drei Jahre leben. Sechs Jahre lang dürfe er keinen Menschen sehen und sein Gefängnis überhaupt nicht verlassen. Er müsse die Zeit mit dem Studium der heiligen Schriften und mit Meditation zubringen. In der Nachbarschaft wohne ein dienender Lama, der ihm Nahrung bringe. Diese werde ihm täglich in eine runde Maueröffnung hineingeschoben, aber die Blicke der beiden Männer dürfen sich dabei nie begegnen, und sie dürfen nie miteinander reden; falls es sich um eine besonders wichtige Angelegenheit handle, dürfe ein beschriebener Zettel in die Maueröffnung gelegt werden. Wasser liefere eine kleine Quellader neben dem Tempel. Ich fragte, was er denn anfange, wenn er erkranke, und erhielt die Antwort, er sei so heilig, daß er überhaupt nicht krank werde, und überdies kenne er die Heilmittel für alle Krankheiten der Welt. Alle Doggtsang Raspa hätten sich dieser Läuterung unterzogen. Wenn die sechs Jahre zu Ende seien, komme der Doggtsang Raspa nach Hemis herunter, und wenn er sterbe, gehe sein Geist in einen neuen Doggtsang Raspa über. Es muß schauerlich sein, sechs lange Winter ganz allein in dem stillen Tale zu verleben.

Dreihundert Lamas gehören zum Kloster; den Winter bringen die meisten in anderen Gompa und in Leh zu (Abb. 330, 331, 332, 333, 334). Das Kloster, welches reich ist und viel anbaufähiges Land besitzt, sorgt für ihren Unterhalt. Ein russischer Reisender, der vor einigen Jahren die Welt durch die behauptete „Entdeckung“ eines Manuskriptes über Jesu Leben, das er in Hemis gefunden haben wollte, in Erstaunen setzte, wurde schon damals so gründlich entlarvt, daß ich mich bei ihm nicht weiter aufzuhalten brauche.

Als ich am folgenden Nachmittag den Tempel verließ, erhielt ich allerlei Proviant und ein Schaf, wofür ich unter keiner Bedingung bezahlen durfte. Der Prior begleitete uns zu Pferd bis an die Indusbrücke; in Taggar vereinigten wir uns wieder mit den Unsrigen. —

Die Rückreise durch Asien und Europa könnte Stoff zu noch einer Reisebeschreibung geben, aber ich muß jetzt den Bericht über meine Schicksale schließen; nur ein paar Episoden darf ich nicht übergehen.

Nachdem wir durch das Schejoktal (Abb. 335) auf Yaken den Kara-korum-Paß (5658 Meter) (Abb. 336, 337) erreicht hatten und auf Pferden weitergeritten waren, den Sugett-dawan und den Sandschupaß überschritten hatten und, um uns auszuruhen, ein paar Tage in Kargalik und Jarkent geblieben waren, langten wir am 14. Mai 1902 endlich in Kaschgar an.

Der Frühling prangte in seiner ganzen Schönheit, als ich mit meinem alten Freunde Generalkonsul Petrowskij wieder in wohlbekannten Laubgängen wandelte, ihm von meinen Erfahrungen und Erinnerungen aus dem Herzen von Asien erzählte und ihm für die unschätzbaren Dienste dankte, die er mir während der vergangenen Jahre bei so vielen Gelegenheiten geleistet hatte. Auch Macartney und Pater Hendriks zeigten lebhaftes Interesse für meine Erfahrungen, und ich freute mich ebenso sehr, sie wieder zu sehen, wie die Bekanntschaft der neuangekommenen Missionare Andersson und Bäcklund zu machen, die sich der schwedischen Missionsstation ernstlich annahmen und Grund hatten, mit den Früchten ihrer mühevollen, menschenfreundlichen Arbeit zufrieden zu sein.

Aber ich hatte keine Zeit, mich dort länger aufzuhalten, ich mußte ihnen bald die Hand zum Abschied drücken und westwärts über die Berge eilen. Kutschuk und Chodai Kullu kehrten wieder nach ihren Hütten am Lop zurück und erhielten reichen Lohn für ihre treugeleisteten Dienste.

In Osch verließ ich den alten redlichen Turdu Bai und empfahl ihn aufs wärmste an Oberst Saizeff, in dessen Hause ich wieder einmal eine freundliche Freistatt fand.

Sehr schwer wurde es mir, von Malenki und Maltschik zu scheiden. Ich küßte sie auf die Schnauze und streichelte sie, die angebunden auf dem Hofe standen, als wir in Andischan nach dem Bahnhofe fuhren. Sie sahen mir mit nachdenklichen, fragenden Blicken nach, als hätten sie verstanden, daß ich sie in diesem Augenblick für immer verließ.

332. Lesender Lama. (S. 367.)
333. Ein Lama mit Gebettrommel. (S. 367.)
334. Lama, Trommel und Becken schlagend. (S. 367.)
335. im Schejoktal. (S. 368.)
336. Mein Reityak auf dem Wege nach dem Kara-korum. (S. 368.)
337. Der Kitschik-kumdan-Paß in der Nähe des Kara-korum. (S. 368.)

In Tschernajewa nahm ich herzlichen Abschied von dem prächtigen Tschernoff, der sich über Taschkent nach Wernoje begab. Tscherdon und der Lama begleiteten mich über das Kaspische Meer. Der gute Lama staunte, als er sah, wie die Räder des großen Dampfers uns auf den See hinausbrachten. Beide sollten von Petrowsk nach Astrachan weiterfahren, wo der Lama sich für die Zukunft in einem Kalmückenkloster niederzulassen beabsichtigte. Petrowskij und ich hatten ihn dem Gouverneur aufs beste empfohlen. In Kara-schahr wagte er nicht mehr sich sehen zu lassen, und das Betreten des Gebietes von Lhasa war ihm vom Kamba Bombo für immer untersagt worden; deshalb wurde er russischer Untertan. Tscherdon fuhr mit der sibirischen Eisenbahn wieder nach seiner transbaikalischen Heimat.

Ja, es war schmerzlich, von ihnen allen zu scheiden; hatte ich doch lange Jahre mit diesen Männern durchlebt! Ihre Tränen bewiesen, daß auch sie mit Bedauern und Zuneigung Abschied von mir nahmen. Von einigen von ihnen habe ich später Nachricht erhalten, und ich weiß zu meiner großen Freude, daß Schagdur wenigstens schon innerhalb der Grenzen Rußlands ist und sich bereits in Osch befindet. General Sacharoff in Petersburg hat bei mehreren Gelegenheiten die große Freundlichkeit gehabt, mich von den weiteren Schicksalen meiner lieben Kosaken in Kenntnis zu setzen. Kürzlich erhielt ich einen Brief von Oberst Saizeff, den ich nicht ohne Rührung las. Er enthielt eine Beschreibung davon, wie Schagdur über seine Eindrücke von der ganzen Reise, besonders aber unsern Ritt nach Lhasa und die Reise nach Indien berichtet hatte; es freute mich zu hören, daß er mir ein gutes, liebevolles Andenken bewahrte.

Alle vier Kosaken wurden von König Oskar mit eigens geprägten Goldmedaillen ausgezeichnet, welche zu tragen der Zar ihnen erlaubte. Von ihrem eignen Kaiser wurden sie mit dem Ehrenzeichen des Sankt-Annenordens und je 250 Rubel bedacht. Auch Turdu Bai und Chalmet Aksakal erhielten vom König goldene und Faisullah eine silberne Medaille für treuen, redlichen Dienst. Bei einer Audienz in Peterhof freute sich Kaiser Nikolaus herzlich, als er hörte, wie zufrieden ich mit den Kosaken gewesen, deren Betragen vom ersten bis zum letzten Tage über jedes Lob erhaben gewesen war. An den Kriegsminister General Kuropatkin sandte ich darüber einen offiziellen Bericht.

Ich werde nicht versuchen, die Gefühle zu schildern, die auf mich einstürmten, als ich am 27. Juni 1902 mit dem Dampfer v. Döbeln in die schwedischen Schären einfuhr. Wie manchesmal hatte ich Veranlassung gehabt, mich zu fragen, ob ich diese lieben, alten Felsenklippen, die wie Außenwerke um die Heiligtümer meiner Kindheitserinnerungen stehen, wohl je wiedersehen würde! Drei Jahre und drei Tage, mehr als 1001 Nacht waren vergangen, seit ich von meinen Eltern und Geschwistern Abschied genommen hatte. Wie bitter war jener Junitag gewesen gegen diesen, an dem ich sie alle gesund und über meine Heimkehr beglückt wiedersah. Sie erwarteten mich auf demselben Kai, auf dem wir einander Lebewohl gesagt hatten. Jetzt prangte ein neuer Sommer in seiner größten Schönheit, und die Fliederbüsche blühten gerade wie damals. Die langen Jahre, die inzwischen vergangen waren, erschienen mir wie ein Traum; es war mir, als sei ich nur ein paar Tage fortgewesen, alles war unverändert.

Schon am folgenden Tage durfte ich dem König, der stets mit so warmem, erlauchtem Interesse, so großartiger Freigebigkeit und väterlicher Huld meine Pläne beschützt, ihre Ausführung gefördert und mich persönlich ausgezeichnet hatte, über das Ergebnis der jetzt beendeten Reise Bericht erstatten. Ein neuer Stein war dem Bau hinzugefügt worden, der, wie ich hoffe, noch lange nicht fertig ist.

Doch das Beste von allem war, wieder zu Hause zu sein und das innerste Asien und Tibet, die meine Gedanken so lange beschäftigt hatten, für einige Zeit vergessen zu dürfen. Je größere Kreise man um die Erde zieht, desto heißer wird die Liebe zum Vaterland, besonders wenn dieses, wie das meine, so reich an Ehre und glorreichen Erinnerungen ist. Wenn alle gutgesinnten Bewohner des Reiches es verständen, auf den schon in der Wiege ihnen gewordenen Ehrentitel stolz zu sein, nämlich darauf, daß sie einer Nation angehören, deren Geschichte zu einem großen Teil eine Heldengeschichte ist, so würden keine äußeren Gefahren je unsere Freiheit bedrohen können. Unsere Kraft wächst, und unsere Lage ist jetzt unendlich viel besser, als sie es während mancher kritischen Augenblicke in vergangenen Zeiten war. Doch die Vaterlandsliebe ist unser hauptsächlichster Schutz. Sie muß im Elternhause und in der Schule eingeprägt, in den Kirchen gepredigt und in den Kasernen entflammt werden; sie muß das ganze Volk durchdringen, ihm Kraft und Eintracht schenken und jeden einsehen lehren, daß das Vaterland allen anderen irdischen Interessen vorgeht. Wenn alle an demselben großen Ziele arbeiten, wenn eigennützige Bestrebungen in den Hintergrund treten, dann können wir mit frohen Hoffnungen einer neuen Größezeit innerhalb unserer eigenen Grenzen entgegensehen.

Wenn man, wie ich, in vielen Ländern gesehen und erfahren hat, wie andere Menschen leben müssen, muß man sich beglückwünschen, einem Volke anzugehören, dem ein so glückliches Los zugefallen ist wie dem unsrigen.

Ohne eigne Vergleiche ist es jedoch vielleicht schwer, diese Überzeugung zu gewinnen. Glaubt daher meinen Worten, wenn ich mit diesen wenigen Zeilen meine Erfahrungen andeute!

Und hiermit sage ich dem geduldigen Leser für diesmal Lebewohl!