Drittes Kapitel.
Durch unbekanntes Land auf der Suche nach Wasser.

Die ersten Anzeichen des Frühlings machten sich jetzt bemerklich, und die Winde waren nicht mehr ganz so schneidend kalt wie bisher. Die Minimaltemperatur stieg freilich selten über −20 Grad; aber unser langer Winter näherte sich doch seinem Ende. Im Juli des vorigen Jahres hatte er begonnen und ununterbrochen fortgedauert.

Am 11. Februar überschritten wir eine Bergkette von unbedeutender relativer Höhe. Wilde Kamele haben hier außerordentlich zahlreiche Spuren hinterlassen. Sie schienen oft nach der obenerwähnten Schneewehe, der keine weiteren folgten, zu gehen. Wahrscheinlich hat die Erfahrung die Tiere gelehrt, daß die geringe Schneemenge, die hier gelegentlich fällt, an jener Stelle die größte Aussicht hat, liegenzubleiben.

Am 12. gingen wir in einer fabelhaft öden Gegend, die nur selten durch eine Kamelspur belebt wurde, nach Nordnordosten. In der Ferne sieht man auf allen Seiten einzelne, niedrige Hügel, aber ziemlich lange Zeit ist es unmöglich festzustellen, in welcher Richtung der Boden fällt. Es gibt hier allerdings flache, gewundene Bachbetten, aber sie sind trocken wie Zunder, und oft hat es den Anschein, als müßten Jahrzehnte vergangen sein, seit sie zuletzt Wasser geführt haben. Der Blick reicht unendlich weit nach allen Seiten hin. Da keine Veränderung eintrat und keine Hoffnung vorhanden schien, daß wir hier Quellen oder Schnee finden könnten, schwenkten wir nach Nordwesten und Westen ab.

Die beiden folgenden Tagemärsche gingen nach Südwesten. Ich hielt mit dem Kurse immerfort auf Altimisch-bulak zu, da wir ja einen Bogen nach Nordosten gemacht hatten. Unsere Lage war kritisch; der noch vorhandene Eisvorrat reichte freilich für uns und die Pferde noch mehrere Tage, aber die Kamele konnten keinen Tropfen mehr bekommen, und unser ganzes Streben war darauf gerichtet, diese unermüdlichen Veteranen um jeden Preis zu retten. Die Spuren der wilden Kamele wurden nunmehr stets auf der Karte verzeichnet. Ich glaubte, daß man aus ihren Richtungen Schlüsse auf die Lage von Quellen und Weideplätzen würde ziehen können. Die Spuren gingen meistens nach Nordwesten oder Südosten. Im Südosten dehnen sich die Kamischsteppen am Astin-joll aus, die wir schon durchquert hatten, und im Nordwesten gab es wahrscheinlich Quellen, die nur den Kamelen bekannt waren. Ich ging meistens zu Fuß und ruhte mich nur zeitweise im Sattel aus. Wenn es wirklich darauf ankam, eine Situation zu retten, hatte ich keine Ruhe zum Reiten. Die Kamele sind unerschütterlich ruhig und geduldig; nachts liegen sie geknebelt, keinen Grashalm bietet ihnen diese wüste Gegend, aber noch haben wir Vorrat von der Gerste der Mongolen.

Am 16. Februar sah ich ein, daß wir, wenn wir eine Katastrophe vermeiden wollten, direkt nach Süden gehen und versuchen müßten, den Wüstenweg mit seinen salzigen Brunnen wieder zu erreichen. Vergeblich spähten wir nach einer liegengebliebenen Schneewehe umher. Wir mußten nach dem flachen Lande hinunter, wo wir wenigstens versuchen konnten, einen Brunnen zu graben. Ich erstieg einen Paß in einer unbedeutenden Kette. Die Aussicht war nichts weniger als ermutigend, denn auf allen Seiten zeigten sich kleine Landrücken; es war dieselbe Mondlandschaft wie immer, dieselben trockenen Hügel ohne eine Spur von Gras, aus dem man auf eine gewisse Feuchtigkeit des Bodens hätte schließen können.

In einem breiten Tale sahen wir 57 frische Kamelspuren. Sie sammelten sich fächerförmig von allen Seiten und vereinigten sich zu einer Heerstraße, die ohne Zweifel nach einer Quelle führte. Nachher sahen wir noch 30 Spuren, die alle nach der großen Heerstraße gingen. Wir machten einen Augenblick Halt und hielten Kriegsrat. Gewiß war es, daß es hier nach einer Quelle ging, aber wie weit war es dorthin? Vielleicht mehrere lange Tagemärsche. Würde es nicht besser sein, nach Altimisch-bulak, das wir wenigstens kannten, zu ziehen? Wir folgten diesen Spuren nicht, so verlockend sie auch waren. Ganz kürzlich waren sie wie helle Stempel in den Boden gedrückt worden, aber merkwürdigerweise ließen sich die Kamele selbst nicht sehen. Bis in die unendliche Ferne lag das Land leer und schweigend da. Es war, als ob unsichtbare Geister diese Spuren hervorgerufen hätten. Ganze Karawanen von wilden Kamelen waren hier kürzlich gezogen, aber kein Tier war zu erblicken. Die Spuren führten nach Norden, vielleicht nach der Pawan-bulak, einer Quelle, von der Abdu Rehim, wie er mir im vorigen Jahre mitgeteilt hatte, gehört, die er aber nicht besucht hatte.

17. Februar. Unsere Lage fängt an, recht bedenklich zu werden. Die Kamele haben seit zehn Tagen außer einigen Mundvoll Schnee, die wir vor einer Woche fanden, nichts zum Löschen ihres Durstes bekommen. Ihre Kräfte können nicht bis in alle Ewigkeit ausdauern.

Während unseres heutigen Marsches ließen wir die kleinen Ketten, die wir auf dem Zuge nach Norden überschritten hatten, der Reihe nach hinter uns zurück. Sie laufen eine nach der anderen im Westen aus und verschwinden dort spurlos; sie stehen also nicht einmal in fortlaufender Verbindung mit dem Kurruk-tag, obgleich sie zu demselben orographischen System gehören. Fern im Westen sahen wir die Ketten des Kurruk-tag; sie waren höher und größer als die bisher von uns überschrittenen. Da wir in ihrer Nähe größere Aussicht hatten Wasser zu finden als in der Wüste, richteten wir den Kurs dorthin und zogen nach Westen.

Nachdem ich die äußersten Vorsprünge des Gebirges hinter mir gelassen hatte, gelangte ich auf ganz ebenen salzhaltigen Boden hinunter, der jedoch auch Höcker in Gestalt von höchstens 2 Meter hohen Rücken und Anschwellungen hatte. Die Wüste erstreckt sich im Südwesten bis ins Unendliche, und auch im Nordosten wird ihr Horizont durch keine Berge verdunkelt.

Nachdem ich fünf Stunden zu Fuß gegangen war, wartete ich auf die Karawane. Das Terrain wurde nachher schlechter als die Sandwüste. Es waren dieselben Jardang oder Lehmrücken, die wir von der Lopwüste her kannten; hier aber waren sie bis zu 6 Meter hoch und 10 Meter breit. Sie haben eine nordsüdliche Richtung und liegen in unzähligen Reihen. Gäbe es nicht hie und da kleine Unterbrechungen durch Lücken, so wäre das Terrain vollkommen unpassierbar, denn ihre Seiten sind senkrecht. Wir müssen halbe, ja ganze Kilometer zwischen ihnen zurücklegen, ehe die nächste Lücke uns erlaubt, einige zehn Meter in unserer Richtung zu gehen. Hier nützt alle Geduld nichts; solch ein Terrain kann den Menschen zur Verzweiflung bringen.

Schließlich gelang es mir aber doch, uns aus diesem zeitraubenden Labyrinth hinauszulotsen. Bei dem zwischen einigen Hügeln aufgeschlagenen Lager war das organische Leben nicht einmal durch eine vom Winde verschlagene Tamariskennadel vertreten.

Todmüde krieche ich in meine Filzdecken und Pelze, habe aber noch lange nicht ausgeschlafen, wenn der Kosak mich weckt. Schon bei Tagesgrauen herrschte halber Nordsturm, der am Nachmittag in einen ohne Rast und Ruh heulenden und pfeifenden Buran erster Ordnung ausartete, und zwar in einen, der dicht am Erdboden hinfegt, Staub, Sand und kleine Steine mitweht und uns eiskalt gerade in die Seite schlägt. Wie man auch geht, immer wird man steif vor Kälte; die Hände schwellen auf und verlieren das Gefühl. Dies ist eine neue Unannehmlichkeit, die sich zu der Besorgnis um die Kamele und der Sehnsucht nach Wasser gesellt. Die Drangsale sammeln sich bösen Geistern gleich um unsere Karawane. Das Terrain ist abscheulich, unzählige Hügel müssen rechtwinklig gekreuzt werden.

Ich ging voraus und schleppte die Meinen 40 Kilometer weit mit. Unser Feuerungsvorrat war längst zu Ende, und kein Span war zu entdecken. Nichts weiter als Steine, Kies und Sand in dieser tückischen Mausefalle, die uns festhalten will und vor deren teuflischen Absichten wir unser Leben retten müssen. Die Kette, auf die mein Kurs gerichtet ist und an deren Fuße wir eine Quelle zu finden hofften, scheint zurückzurücken und vor uns zu fliehen. Sie verschwand jetzt vollständig im Nebel der Staubwolken; gegen Abend erschien sie daher unerreichbarer denn je. Die Kamele bewahrten trotz dieses forcierten Marsches ihre aufrechte, königliche Haltung und, obwohl sie keinen Stengel zu fressen, keinen Tropfen Wasser zu trinken bekamen, gingen sie doch mit hocherhobenem Kopfe und großen, nie unsicheren Schritten vorwärts.

Wir lagerten in der Dämmerung in einem offenen Tale, das keinen Schutz vor dem Sturm gewährte. Die Jurte bekam drei Überzüge von Filzdecken, aber der Ofen ließ sich aus Mangel an Brennholz nicht benutzen. Das bißchen Wärme, welches ich selbst, mein treuer Reisekamerad Jolldasch und das flackernde Licht verbreiten, wehen die Windstöße fort. Ein Sandwall wird rings um den unteren Jurtenrand aufgeworfen, aber trotzdem ist es drinnen so kalt wie in einem Keller. Von dem Eise sind nur noch einige Stücke übrig. Meine armen Begleiter begnügten sich mit einem Souper von einigen Stückchen Eis und Brot und krochen dann so schnell wie möglich unter ihre Filzteppiche; eine Holzlatte, die geopfert wurde, reichte nur zum Wärmen meines Tees.

Während draußen der Sturm die ganze Nacht tobte, schlief ich gut und ruhig in meinen Pelzen, fand es aber am Morgen des 19. Februars recht kalt, als ich ohne das gewöhnliche Morgenfeuer aufstehen mußte. Sobald ich nach einem Becher Tee und einem Stück Brot fertig war, eilte ich zu Fuß voraus. Wasser, Wasser! Das war der einzige Gedanke, der alle beherrschte; wir mußten um jeden Preis eine Quelle finden, denn die Kamele hatten seit zwölf Tagen nichts getrunken. Unsere Lage war wirklich kritisch; fanden wir kein Wasser, so würden die Kamele eines nach dem anderen sterben, gerade wie in der Wüste Takla-makan. Hier hatten wir jedoch den Vorteil, daß die Luft kalt und der Boden hart und eben war und uns erlaubte, die Gegenden in langen Tagemärschen zu durchmessen.

178. im Tale des Anambaruin-gol. Blick nach Nordwesten. (S. 14.)
179. Blick nach Südosten vom Lager am Anambaruin-gol. (S. 14.)

Ich hielt noch immer auf die Quelle Altimisch-bulak zu, deren Lage ich seit dem vorigen Jahre kannte. Doch nach Abdu Rehim sollte es östlich von ihr noch drei Quellen geben, und diese waren es, auf die ich jetzt hoffte und die ich suchte. Wie leicht aber konnten sie hinter Bodenerhebungen verborgen, hinter kleinen Kämmen versteckt oder tief in einer vom Wege aus unsichtbaren Bodensenke liegen. Wir konnten ahnungslos an ihnen vorbeigehen und uns wieder in dieses Meer von Einöden hineinverlieren. Sehr beeinträchtigt wurden wir auch durch den Sturm, der uns nur die allernächsten Gegenstände unterscheiden ließ. Entferntere Berge und Anhöhen verhüllte der Nebel; ich konnte mich daher nicht der Karten vom Vorjahre zur Orientierung bedienen. In der Takla-makan wußten wir wenigstens, daß wir stets an den Chotan-darja gelangen würden, gleichviel auf welchem Wege wir nach Osten gingen, und nach dem Zuge im Bett des Kerijaflusses mußten wir schließlich den Tarim erreichen, wenn wir nur nördlichen Kurs einhielten. Dort handelte es sich um Linien, hier aber um Punkte, an denen man in der staubgesättigten Luft leicht vorübergehen konnte, und hätten wir dies getan, so würden wir die Gegenden des Tarim nie wiedergesehen haben.

Mit steigendem Interesse beobachteten wir die oft ziemlich frischen Spuren der wilden Kamele, die nur im losen Sande vom Winde ausgelöscht, sonst aber deutlich waren. Man weiß, daß die Tiere vom Wasser kommen oder nach Wasser gehen und daß die Spur, ob man sie nach dieser oder jener Richtung hin verfolgt, früher oder später an eine Quelle führen muß. Aber es kann Tage und Wochen dauern.

Ich fühlte mich stets versucht, den Kamelpfaden zu folgen, und tat es mehrere Male. Sie sind sehr sonderbar. Ohne die geringste Veranlassung machen sie scharfe Biegungen im rechten Winkel; wenn sie mich aber gar zu sehr in die Irre führen, verlasse ich sie voller Ärger, aber nur, um bald auf einen neuen Pfad zu geraten. Im großen und ganzen liefen die Spuren von Norden nach Süden. Sah ich nach Norden, so erblickte das Auge eine rotbraune, sterile Bergwand, während im Süden nur die unabsehbare Wüste lag. Also war es am besten, westwärtszugehen und nach Abdu Rehims drei Quellen zu suchen.

Ich ging, als brennte es hinter mir, und ließ die Karawane weit hinter mir zurück. Meine in Schweden gemachten Stiefel hingen nach den 300 zu Fuß zurückgelegten Kilometern kaum noch in den Nähten zusammen, und meine Füße waren voller Blasen und schmerzten mich sehr. Schagdur, der mir sonst mein Reitpferd nachzubringen pflegte, ließ sich nicht blicken. Ich hatte beschlossen, nicht eher Halt zu machen, als bis ich Wasser gefunden hatte; ich wurde heute 36 Jahre alt und erwartete zum Abend eine angenehme Überraschung. Die Kamelspuren wurden nach Westen zu immer zahlreicher und bestärkten meine Hoffnung. Ich konnte jetzt keine zwei Minuten gehen, ohne eine Spur zu kreuzen.

Schließlich gelangte ich an einen niedrigen Bergrücken, der mich zwang, eine südwestliche und südsüdwestliche Richtung einzuschlagen; ich ging daher in ein ausgetrocknetes Bett hinunter, in dem kürzlich 30 Kamele gewandert waren. Da ich hier eine Tamariske fand und Fährten von Hasen und Antilopen erblickte, blieb ich eine Weile an einer geschützten Stelle stehen. Diese Tiere können sich nicht sehr weit vom Wasser entfernen.

Jetzt kam Schagdur, und wir beratschlagten. Im Süden zeigten sich mehrere Tamarisken; dorthin lenkten wir unsere Schritte. Der Boden war hier stark feucht, aber auch mit einer dicken Salzkruste überzogen, und der Brunnen, der gegraben wurde, als die Karawane dort angelangt war, lieferte eine konzentrierte Salzlösung. Wir gingen daher nach Südwesten weiter. Der Sturm schob von hinten nach.

Ich eilte mit Schagdur vorwärts. Mein Schimmel folgte mir von selbst wie ein Hund, und Jolldasch schnüffelte und suchte überall umher. Nun folgten wir der Spur einer Herde von 20 Kamelen. So kamen wir mitten vor einen Talschlund, der auf unserer rechten Seite zwischen 3 und 4 Meter hohen Terrassen gähnte. In dieser ziemlich breiten, trompetenförmigen Mündung vereinigten sich alle Kamelspuren der Gegend zu einem Bündel oder einer Heerstraße, die in das Tal hineinging. Ich folgte ihr und war noch nicht zehn Minuten gegangen, als ich Jolldasch an einer weißglänzenden Eisscholle saugen sah!

Wir waren gerettet und hatten einen neuen Haltpunkt gewonnen, an dem die Karawane sich für die nächste Wüstenstrecke kräftigen konnte!

Die Quelle war wie gewöhnlich salzig, aber die Eisscholle, die nur 12 Meter Durchmesser hatte und 10 Zentimeter dick war, war ganz süß. Merkwürdigerweise hatte die Quelle nicht mehr als zwei kleinen, auf niedrigen Kegeln wachsenden Tamarisken Leben gegeben.

Schagdur blieb erstaunt vor dem Eise stehen und glaubte fast, daß ich auf irgendeine geheimnisvolle Weise von dieser im Tale versteckten Quelle Kenntnis gehabt haben müsse, da ich direkt dorthingegangen war.

Oben auf der linken Uferterrasse erhob sich eine kleine halbmondförmige, einer Brustwehr oder einem Schirme gleichende Mauer, hinter welcher entschieden Jäger auf die wilden Kamele, die an der Quelle tranken, zu lauern pflegten.

Nun ließen wir uns nieder und zündeten ein Feuer an. Die Karawanenleute waren ebenfalls erstaunt und außerordentlich erfreut. Alle segneten diese rettende Eisscholle, von der wir mit neuen Eisvorräten nach Altimisch-bulak ziehen konnten. Erst aber bedurften wir einiger Rasttage nach dem Eilmarsche, dessen Wirkungen alle in den Beinen spürten. Faisullah und Li Loje gingen talaufwärts, um dort nach Weide auszuschauen, und kamen mit einigen dürren Stauden wieder, welche die Kamele sich gut schmecken ließen. Von dem Eise sollten sie erst fressen, nachdem sie sich von dem Marsche ausgeruht hatten, aber die Pferde durften sofort an seiner porösen Fläche knabbern.

Es war recht lustig, die Kamele abends mit kleingehackten Eisstücken zu füttern. Sie standen geduldig wartend im Kreise, und ein Stück nach dem anderen wurde zwischen ihren Zähnen zermalmt. Sie knabberten das Eis wie kleine Kinder Kandiszucker, und ihre Augen glänzten vor Freude und Zufriedenheit. Für uns wurden einige Säcke mit großen Eisscheiben gefüllt. Die Scholle war ergiebiger, als wir anfänglich geglaubt hatten und genügte überreichlich für unsere Bedürfnisse; aber die wilden Kamele, die sich während unseres Aufenthaltes der Quelle nahten, mußten unverrichteter Sache wieder umkehren.

Am 22. Februar legten wir nur 20 Kilometer zurück. Infolge des Nebels täuscht man sich unaufhörlich in der Entfernung. Wir lagerten in einer kleinen Oase von Tamarisken und Kamisch. Die Sträucher waren ziemlich dicht, aber trocken und lieferten uns Material zu größeren Feuern, als wir seit lange gehabt hatten.

Die Landschaft verändert sich von einem Tage zum anderen nur wenig und ist höchst einförmig. Alle Berge bleiben rechts liegen. Die Ausläufer des Kurruk-tag zeigen sich als abgebrochene Ketten, und wir passieren eine nach der anderen. Wir haben also gefunden, daß dieser Gebirgszug nach Osten hin immer niedriger und unbedeutender wird, ebenso wie das Land in jener Richtung steriler und die Quellen seltener und salziger werden.

Alles ist still und öde, nur der unermüdliche Wind fegt am Boden hin. Ich wanderte gedankenvoll durch dieses unbekannte Land und folgte mechanisch einer Ansammlung von Kamelspuren, die mich an eine neue Quelle mit einer weithin glänzenden Eisscholle führte. Hier treffen die Pfade der wilden Kamele gleich Radien aus allen Himmelsrichtungen zusammen. Auch hier durften unsere Tiere eine Weile grasen; ich ging unterdessen nach Südwesten weiter.

Als ich zwischen niedrigen Hügeln talaufwärts ging, einem ziemlich tief in den Boden eingetretenen Pfade folgend, erblickte ich ein großes, schönes Kamel, das mich in dem Gegenwinde nicht witterte. Ich blieb stehen und wartete auf die Karawane, um Schagdur Gelegenheit zu geben, es zu schießen. Teils brauchten wir Fleisch, teils wollte ich ein vollständiges Skelett und eine Haut haben. Doch die Hunde verjagten das Tier, und so entging es der Gefahr. Schagdur war in der Hoffnung, dort eine Beute erwischen zu können, an der Quelle geblieben.

Wieder kreuzten wir eine inselähnliche kleine Oase, wo die Tiere eine Stunde weiden durften, während ich meinen einsamen Spaziergang fortsetzte. Im Süden schimmerte es gelb aus dem Nebel, offenbar eine neue lockende Oase. In ihrem südlichen Teile erblickte ich 18 weidende Kamele und blieb wieder stehen, um auf die Karawane zu warten. Die wilden Kamele betrachteten die schwarze Reihe ihrer zahmen Verwandten mit unablässiger Aufmerksamkeit. Li Loje wurde zurückgeschickt, um Schagdur zu holen. Dieser kam atemlos an, war aber zu hitzig und schoß zu früh. Die Tiere verschwanden mit Windeseile in westlicher Richtung, und ich fürchtete, daß sie ihre Kameraden in Altimisch-bulak warnen würden und ich auf das Skelett verzichten müßte.

Wir lagerten an diesem herrlichen Platze, wo es Weide, Brennholz und Wasser im Überfluß gab. Es war die dritte von Abdu Rehims Quellen. Seine Angaben hatten sich als durchaus zuverlässig erwiesen.

24. Februar. Nach meinem Besteck und meinen topographischen Berechnungen müßte Altimisch-bulak in Westsüdwest 28 Kilometer von dieser Oase liegen. Ich führte also den Zug in dieser Richtung an, wurde aber von der nächsten, rechter Hand liegenden Bergkette gezwungen, einen westlicheren Kurs einzuhalten. Dies mußte die Kette sein, unterhalb welcher die Quelle von Altimisch-bulak liegt; hier konnte von einem Irrtum keine Rede sein. Wäre das Wetter nur klar gewesen, so hätten wir die Oase schon aus weiter Ferne erblicken müssen, nun aber verschwand alles im Staubnebel. Man hätte an der Oase vorbeigehen können, ohne sie zu sehen.

Doch mein Glücksstern lenkte meine Schritte, und die gelbe Weide schimmerte aus dem Nebel hervor (Abb. 194). Die Umrisse von fünf Kamelen zeichneten sich über dem Schilfdickicht ab. Schagdur entledigte sich seines Mantels und seiner Mütze und schlich sich dorthin. Mit dem Fernglase beobachtete ich den Verlauf der Jagd. Als der Schuß krachte, begann es sich im Schilfe zu regen, erst langsam, dann schneller, und schwarze Schattenrisse huschten über das Kamisch und verschwanden jenseits der Grenze der Oase. Es waren 14 Stück. Nach einem zweiten Schuß kam Schagdur triumphierend zu mir, um zu melden, daß er zwei Kamele erlegt habe. Das eine war ein junges Weibchen, das stehend photographiert und dann getötet wurde (Abb. 195). Das zweite war ein gewaltiges „Bughra“, das an dem Schusse sofort verendet war (Abb. 196). Sein Skelett und seine Haut sollten nach Stockholm gebracht werden.

180. im Tale des Anambaruin-gol aufwärtsführender Weg. (S. 14.)
181. Einer unserer mongolischen Führer. (S. 16.)
182. Die nach Deschong-duntsa hinunterführende Schlucht. (S. 16.)
183. Mein mongolischer Führer. (S. 16.)

Den Muselmännern imponierte es außerordentlich, daß es mir trotz des Nebels gelungen war, Altimisch-bulak zu finden. Die zurückgelegte Entfernung betrug den letzten Tag 31 Kilometer; ich hatte mich also nur um 3 Kilometer verrechnet, was nicht viel ist, da die Länge der berechneten Strecke 2000 Kilometer betrug. Hier knüpften sich die astronomischen und topographischen Beobachtungsreihen an die des vorigen Jahres an, und es konnte mit den vorhandenen Daten nicht schwer sein, die Ruinen wiederzufinden.

Meine Jurte wurde in demselben Dickicht von Tamarisken und Kamisch, wo sie das Jahr vorher gestanden hatte, aufgeschlagen. Die Kamele und Pferde durften grasen. Es war ein gesegneter, glücklicher Tag.

Die noch übrigen Tage des Februars verbrachten wir in Ruhe an den Quellen von Altimisch-bulak (Abb. 197). Daß beständig ein Wind ging und das Land ewig in Nebel gehüllt war, störte uns wenig, denn wir hatten alles, was wir brauchten, und unsere Zelte lagen vor dem Winde geschützt. Der Brennholzreichtum war unerschöpflich, und das Feuer in meinem Ofen erlosch erst spät in der Nacht, wurde aber schon frühmorgens, ehe ich aufstand, wieder angezündet. Die Muselmänner fanden das Fleisch des jungen Kamelweibchens vortrefflich, und unsere Karawanentiere sah man in zerstreuten Gruppen behaglich weiden.

Ein ganzer Tag wurde auf Generalrepetition mit den Nivellierinstrumenten und den Männern, die bei dem Präzisionsnivellement durch die Wüste meine Gehilfen sein sollten, verwendet (Abb. 198). Der Umfang der Oase wurde mit Schritten ausgemessen; der vertikale Fehler auf dieser Strecke von 2756 Meter betrug nur 1 Millimeter. Das Resultat prophezeite also Gutes für das große Nivellement durch die Wüste auf einer Linie von mehr als 80 Kilometer Länge.

Eine kleine Episode mit Chodai Kullu, der bisher innerhalb der Karawanengemeinschaft gerade keine hervorragende Rolle gespielt hatte, muß der Vergessenheit entrissen werden. Der Mann galt für einen geschickten Jäger und besaß eine eigene Flinte, aber in den 14 Monaten, die er bei uns war, hatte keiner ihn auch nur einem Hasen etwas zuleide tun sehen. Man glaubte nicht, daß er mit dem Gewehre umzugehen wußte, und es erregte daher keine Verwunderung, als er es eines Tages um einen Spottpreis an Li Loje verkaufte, in dessen Händen es ebenso unschädlich blieb. Bei der Rückkehr nach Jangi-köll im vorigen Jahre hatte er versichert, daß er in Altimisch-bulak ein Kamel erlegt habe, und nun drangen seine Kameraden in ihn, er solle ihnen die Reste dieses Tieres zeigen. Er machte Ausflüchte und beteuerte, die Tat bei einer anderen Quelle in der Nachbarschaft verübt zu haben. Daran wollten die anderen aber durchaus nicht glauben, da Chodai Kullu über die Lage dieser Quelle keine Auskunft geben konnte. Sie machten sich immer über ihn lustig. Er war ein verträglicher, phlegmatischer Mensch, linkisch und jovial, und seine Gesichtszüge trugen einen vorwiegend komischen Ausdruck.

Eines Morgens verschwand er vor Sonnenaufgang aus dem Lager, und die anderen, die den Tag über damit beschäftigt waren, das Skelett des von Schagdur erlegten Kameles zu reinigen, hatten keine Ahnung, wo er steckte. Sie vermuteten indessen, daß er auf die Jagd gegangen sei, denn eine Flinte fehlte.

In der Dämmerung fand er sich wieder ein und machte schon von weitem den Eindruck eines Triumphators. Wer wolle, könne ihn nach der Quelle begleiten und sich das Gerippe des im vorigen Jahre geschossenen Kamels ansehen, erklärte er ruhig. Die Quelle sei freilich in diesem Jahre ausgetrocknet, aber das Gerippe liege noch da, und was mehr sei, er habe auf seinem Streifzuge noch eine Quelle mit reichlichem Eisvorrat und Vegetation entdeckt. Dort habe er vier Kamele überrascht und ein Bughra geschossen. Während Chodai Kullu schmunzelnd umherging, war er in den Augen der anderen bedeutend gewachsen, und sie schämten sich sichtlich ihres offen ausgesprochenen Mißtrauens.

Nun wurde beschlossen, nach dieser Quelle zu ziehen, die ein geeigneterer, näherer Stützpunkt für die bevorstehenden Operationen gegen die Ruinen in der Wüste sein mußte. Sieben mit Eis gefüllte Tagare wurden wieder geleert, um die Kamele mit unnötigen Lasten zu verschonen.

Am 1. März sollte also Chodai Kullu seinen Ehrentag haben und uns den Weg nach der von ihm entdeckten Quelle zeigen. Er marschierte ganz selbstbewußt an der Spitze der Karawane unter fröhlichem Singen und mit einer so befriedigten Miene, als sei er Alleinherrscher über alle diese Wüsten und Oasen und ihre Bewohner, die wilden Kamele. Wir folgten seinen Schritten.

Der Weg führte nach Südwesten und Süden. Rasch haben wir die Oase vor uns (Abb. 199). Sie liegt so gut im Terrain versteckt, daß es unmöglich sein würde, sie zu finden, wenn man sie nicht kennte oder wie Chodai Kullu durch reinen Zufall dorthin geriet.

Während wir auf die anderen warteten, nahmen wir das erlegte Kamel genauer in Augenschein (Abb. 200, 201). Es lag in ganz natürlicher Stellung an dem Punkte, bis zu dem es noch hatte fliehen können, nachdem die heimtückische Kugel sein friedliches Weiden unterbrochen hatte, etwa hundert Schritte jenseits der Kamischgrenze der Oase. Wie verwundete und erschreckte Kamele zu tun pflegen, hatte es sein Heil gerade nach Süden, der Wüste zu, gesucht. Es war ein fettes, schönes Männchen. Eine Menge Zecken, die sich in seinem Pelze eingenistet hatten, zogen sich, nachdem das Blut erstarrt war, ratlos von dem Kadaver zurück.

Als die Temperatur in der Mittagsstunde auf +15 Grad stieg, fingen diese greulichen Milben wieder an, sich zwischen Büschen und Grashalmen zu bewegen. Sie kriechen in großer Anzahl innerhalb der Grenzen der kleinen Oasen umher, und man kann sich kaum vor ihnen schützen. Sie werden von den wilden Kamelen von einer Oase nach der anderen getragen und machen, in den Pelzen jener hängend, alle Reisen kostenlos mit.

Das Wasser der neuentdeckten Quelle, das in mehreren „Augen“ aus einem ziemlich tiefen Bett sprudelte, hatte eine Temperatur von +1,7 Grad und spezifisches Gewicht von 1,0232. Es ist so salzig, daß unsere zahmen Kamele sich durchaus nicht bewegen ließen, es zu kosten, was auch überflüssig war, da sich durch die Sonnenwärme kleine Süßwasserlachen auf der Oberfläche der Eisscholle gebildet hatten. Doch die wilden Kamele müssen im Sommer hiermit vorliebnehmen, ja vielleicht ziehen diese Wüstentiere das salzige Wasser dem süßen geradezu vor.

Das Eis war dick und rein, und neun Tagare wurden damit gefüllt. Die Oase kam uns wirklich außerordentlich gut zustatten. Sie lag den Ruinen 12 Kilometer näher und lieferte gute Weide, so daß ich alle drei Pferde und drei kränkliche Kamele unter Chodai Värdis Aufsicht hier zurücklassen konnte, während wir nach Süden aufbrachen.

Was die Verproviantierung des Mannes betraf, so erhielt er von unseren außerordentlich knappen Vorräten nur — eine Schachtel Zündhölzer, einen kleinen Eisentopf und ein bißchen Tee. Wasser hatte er in Überfluß, Fleisch konnte er von dem erlegten Kamel nehmen, mit den Zündhölzern konnte er sich Feuer anmachen, um seinen Tee zu kochen und seine Schnitzel zu braten. Nur ein kleines Mißgeschick traf ihn, wie er später erzählte, in der Einsamkeit. Als er am ersten Morgen erwachte, fehlten alle drei Pferde. Aus ihren Spuren sah er, daß sie sich auf eigene Hand nach Altimisch-bulak zurückbegeben hatten, weil dort das Gras noch besser war. Er mußte daher dorthin wandern und sie wieder holen und sie nachher strenger bewachen.

Am 2. März brach ich mit den sieben Kamelen auf und nahm das ganze Gepäck und die neun Eissäcke mit. In gewisser Beziehung wäre es besser gewesen, der Marschroute des vorigen Jahres von Altimisch-bulak nach den Ruinen, die dann leichter zu finden gewesen wären, zu folgen; aber auch auf diesem neuen Wege mußten wir sie finden können, obwohl man sie nicht eher sieht, als bis man dicht vor ihnen ist. Drei alte Steinmale zeigten, daß die Menschen, die einst die Ruinengegend bevölkerten, die kleine Oase gekannt haben. Wahrscheinlich haben sich von hier aus Jäger in den Kurruk-tag begeben.

Es dauerte nicht lange, bis wir merkten, daß wir uns dem Nordufer des ausgetrockneten Sees näherten. Erst verrieten zahlreiche Scherben von Tongefäßen das ehemalige Vorhandensein von Menschen in diesem Lande, darauf traten tote Tamarisken auf Kegeln und Hügeln auf, sodann die borstenähnlichen Stoppeln alter Kamischfelder und schließlich Schneckenschalen, letztere hier und dort in außerordentlicher Menge.

So sind wir denn wieder in der von Stürmen durchfurchten Tonwüste. Ich eilte zu Fuß weit voraus. Es war glühend heiß, und ich rastete eine Stunde in dem Schatten der überhängenden Tonscheibe einer Jardang. Als die Karawane mich eingeholt hatte, eilte ich weiter, bis ich einen geeigneten Lagerplatz erreichte. Doch auch hier mußte ich so lange warten, daß ich fürchtete, die Leute hätten meine Spur verloren. Toter Wald war in Menge vorhanden, und ich unterhielt mich damit, einen kolossalen Scheiterhaufen aufzustapeln, den ich dann anzündete. Von der Rauchsäule geleitet, kam endlich die Karawane in guter Ordnung herangezogen.