Siebentes Kapitel.
Der wandernde See.

Nie bin ich mit einem alten treuen Diener mit größerer Wärme und Freude wieder zusammengetroffen als in dieser Mittagsstunde! Tschernoff, mein vortrefflicher Kosak, war auch so froh, daß er zitterte, und seine Wangen glühten vor Eifer. Er brannte vor Begierde, mir alles erzählen zu dürfen; er wußte, daß ich durch ihn den abgeschnittenen Faden wiedererhalten und von neuem mit der Welt, von der ich über ein halbes Jahr abgeschlossen gewesen war, in Berührung treten würde.

Was jedoch im ersten Augenblick mein besonderes Interesse erregte, war, daß er nach meinem Lager hatte zurückkehren können. Im vorigen Sommer war uns mitgeteilt worden, daß alle semirjetschenskischen Kosaken auf ihren Posten sein müßten, weil die politische Lage in Asien für unruhig gelte. Doch der Kaiser hatte die unendliche Güte gehabt, mit meinen beiden Kosaken Sirkin und Tschernoff eine Ausnahme zu machen. Am letzten Juni 1900 hatten sie sich von mir getrennt und waren nach Kaschgar geritten, wo sie jedoch erst einige Monate geweilt hatten, als Generalkonsul Petrowskij aus Petersburg ein Telegramm mit dem Befehl im Namen des Kaisers erhielt, daß die beiden Kosaken Sirkin und Tschernoff sich augenblicklich nach meinem Lager zu begeben hätten, wo ich mich auch befinden möge. Als dieser Befehl an einem Sonnabend Nachmittag eingetroffen war, hatte der Konsul die Kosaken rufen lassen und ihnen befohlen, Pferde zu kaufen und am nächsten Morgen abzureisen. Sie hatten gefragt, ob sie nicht den Sonntag über noch dort bleiben dürften, aber ein kaiserlicher Befehl duldet keinen Aufschub.

So saßen sie denn am Sonntag Morgen im Sattel und nahmen meine ganze große Post, 27 Jamben Silbergeld, einige Instrumente und photographische Utensilien mit, und nun ging es über Aksu und Korla nach Tscharchlik, das sie nach 48tägigem Ritt Ende Dezember erreichten. Da sie mich dort nicht gefunden hatten, beschlossen sie meine Rückkehr zu erwarten und benutzten die Zeit gut. Sirkin übernahm die meteorologischen Ablesungen, Tschernoff begab sich nach dem Delta des unteren Tarim, über dessen neueste Veränderungen er eine Reihe wohlgelungener Kartenskizzen ausführte. Da er des Schreibens unkundig war, nahm er einen Mirsa (Schreiber) mit, der alles notierte. Die ganze Rekognoszierung brachte mir viel wichtige Aufklärung und wurde später in Tibet in freien Stunden gründlich durchgegangen.

Was Tokta Ahun anbetrifft, so hatte auch er seinen Auftrag wie ein ganzer Mann ausgeführt. Er war vom Anambaruin-gol nach Tscharchlik geritten, hatte nur eines der sechs schlechten Pferde unterwegs verloren, Islam meine Post übergeben, sich von ihm mit Proviant und ausgeruhten Pferden ausrüsten lassen und sich mit Tschernoff über Abdall nach Kum-tschappgan begeben und war dann nach Nordosten am Nordufer des Kara-koschun entlanggezogen. Nur in einem Punkte hatte er meinen Befehlen nicht gehorchen können. Er hatte sich nur zwei, statt drei Tagemärsche von Kum-tschappgan entfernt, aber er war völlig entschuldigt, denn der neugebildete See, der uns so viel Abbruch getan hatte, hatte auch ihm Halt geboten.

Tschernoff und Tokta Ahun hatten ganz in der Nähe des Punktes, wo wir im vorigen Jahre das Ufer erreicht hatten, ein Hauptlager aufgeschlagen, eine Hütte erbaut, Massen von Enten in Schlingen und Fische in ausgelegten Netzen gefangen und reichliche Vorräte an Schafen, Hühnern, Eiern, Mehl, Brot und Mais mitgebracht. Aus einem Fischerdorfe hatten sie zwei große und einen kleinen Kahn mitgenommen.

Ein ganzes Landgut war in der Einöde entstanden. Jeden Abend, sobald es dunkel war, hatten sie auf dem Hügel, von dem ich im Jahre 1900 die gesegneten Wasserflächen des Kara-koschun zuerst erblickt hatte, ein gewaltiges Feuer angezündet. Mehrere Fischer aus Kum-tschappgan waren mitgekommen und trugen das Brennholz auf den Hügel, so daß Tschernoff es abends nur anzuzünden brauchte. Wir hatten des Nebels wegen ihr Feuer nicht gesehen, und sie hatten unsere Feuer nicht erblickt. Und doch betrug die Entfernung zwischen ihrem Lager und dem Punkte, wo uns zuerst der kleine Wasserarm den Weg abgeschnitten hatte, nur 3 Kilometer!

Inzwischen hatten sie in Erwartung unserer Ankunft 12 Tage lang ein idyllisches Leben geführt, Fuß- und Rudertouren unternommen, gejagt und gefischt, bis eines schönen Tages der gute Chodai Kullu aus der Wüste aufgetaucht war und ihrem friedlichen Leben mit einem Male ein Ende gemacht hatte. Sie hatten noch in derselben Stunde eingepackt und sich mit Chodai Kullu als Führer eiligst aufgemacht, um uns zu suchen — und nun hatten sie uns endlich gefunden. Beim Aufbruch hatten sie sich auf eine lange Reise vorbereitet, denn Chodai Kullu hatte richtig gemeldet, daß ich mich schon mit dem Gedanken trüge, den See längs des Südufers zu umgehen.

Nachdem wir eine Weile geplaudert hatten und beiderseitig von allem Geschehenen unterrichtet waren, brachen wir auf, um südwärts nach einem Tümpel zu ziehen, der von unserem Lager am 20. März nicht weit entfernt lag. Unterwegs fischten wir auch Chodai Kullu auf, der auf einem Grasbüschel saß und bitterlich weinte, als er mich erblickte, — so überwältigte ihn jetzt die Erinnerung an die Schicksale, die er während seines fünftägigen Suchens nach der Hilfsexpedition durchgemacht hatte. Er war immerfort gegangen und schließlich voll Verzweiflung über mehrere Seen geschwommen. Am dritten Tage saß er müde und niedergeschlagen am Ufer eines derselben, als eine Schar Enten über ihm hinwegsauste. Wie durch ein Wunder fiel eine von ihnen mit gebrochenem oder gelähmtem Flügel gerade vor ihm nieder. Wie ein Raubtier stürzte er sich auf sie und aß sie, roh wie sie war, ganz und gar auf. Durch dieses Mahl gestärkt, hatte er noch zwei Tage gehen können und schließlich diejenigen gefunden, die er suchte.

An mehreren Stellen hatte er Spuren von Faisullahs Karawane gesehen und daraus geschlossen, daß alle am Leben waren, auch die drei Pferde und die drei Hunde, nach denen ich mich ganz besonders sehnte. Dann aber hatte die Spur das Ufer verlassen und war wieder in die Wüste hineingegangen, als ob der alte Führer Faisullah gar nicht mehr gewußt, wohin er sollte.

Sobald Tokta Ahun dies erfahren hatte, bot er Leute in zwei Partien, eine aus Kum-tschappgan und eine aus Abdall, auf und schickte sie nordwärts in die Wüste hinein, um die Verirrten zu suchen. Von Faisullah wußten wir nichts und schwebten seinetwegen in größter Unruhe. Seine Karawane hatte alles, was wir während der Reise erworben hatten, außer den Karten bei sich: alle Sammlungen, photographischen Platten, Schnitzereien und einen Teil der Manuskripte. Sollte dies alles verloren sein? Tokta Ahun beruhigte mich jedoch und sagte, daß die Entsatzexpeditionen Faisullah, der überdies ein kluger, vorsichtiger Mensch sei, schon finden würden.

Chodai Kullu erhielt für seinen bewiesenen Mut und seine Entschlossenheit eine Extrabelohnung in Silbergeld. Er versicherte ruhig, daß er die ganze Zeit über fest entschlossen gewesen sei, nicht umzukehren, sondern zu versuchen, seinen Auftrag auszuführen, wenn es auch das Leben kosten sollte. Schon seit er das wilde Kamel getötet hatte, war sein Ansehen gestiegen; jetzt aber wurde er nie anders als Batir, der Held, genannt. Solche Leute muß man haben; unter den Muselmännern sind sie jedenfalls selten.

Unsere lange Wanderung nahte sich ihrem Ende. Ihr letzter Abschnitt war ein Durcheinander von verwickelten Verhältnissen gewesen. Doch was tat das, da sich schließlich alles auf glückliche, wunderbare Weise löste! Mein guter Stern hatte mich nicht verlassen, und all meine Unruhe um die zersplitterten Teile der Karawane war unnötig gewesen.

Wie süß und notwendig war die Ruhe an diesem tiefen, klaren Süßwasserarme, wo stellenweise üppiges Schilf wucherte. Wir waren hier zwei Tage in der Wildnis zu Gaste. Wir lebten flott, denn die drei Proviantpferde der Entsatzexpedition hatten reichliche Vorräte an Fleisch, Fischen, Reis, Brot, Mehl und Eiern, ja sogar Tee und Tabak mitgebracht. Die Post von zu Hause war jedoch das Allerbeste; sie fesselte mich an meine Jurte, und es bedurfte einer gewissen Energie, um das Lesen zu unterbrechen und eine Breitenbestimmung auszuführen. Alles war mir neu; merkwürdig aber war es, daß ich von dem Boxeraufstande in China durch einen Brief aus — Stockholm erfahren sollte. Se. Exzellenz der Minister des Auswärtigen warnte mich davor, und vielleicht war es ein Glück für uns, daß wir uns nicht nach Sa-tscheo begeben hatten, obwohl wir ganz in der Nähe dieser Stadt gewesen waren.

Am 25. März begaben sich Chodai Kullu und Tokta Ahun vorweg nach dem Standlager zurück. Merkwürdigerweise waren wir nur 3 Kilometer voneinander entfernt gewesen, und doch hatte mein Kundschafter fünf Tage gebraucht, um dorthin zu gelangen. Der Grund war der, daß neugebildete, mächtige Wasserarme, die der Kara-koschun nach Norden aussendet, unsere Lager trennten. Um nach ihrem Standlager zu gelangen, mußte man entweder diese Seen umgehen oder die Flußarme überschreiten. Jenes hatte die Hilfsexpedition getan, dieses wollten Tokta Ahun und Chodai Kullu versuchen. Sie nahmen keinen Proviant mit, gingen zu Fuß und schwammen schließlich, die Kleider in einem Bündel auf dem Kopfe, über die breiten Ströme. Der Grund, warum sie nicht mit uns zu Lande dorthin gingen, war, daß sie rechtzeitig wieder im Standlager sein mußten, um die Fischer aus Kum-tschappgan dort zurückzuhalten.

Am nächsten Tage hatte unsere süße Rast ein Ende. Dieser Lagerplatz, Nr. 170 auf meiner Karte, war einer der besten auf der Reise, einer von denjenigen, die ich nie vergesse. —

Am 26. März führte uns der ganze Tagemarsch nach Norden, und wir folgten meistens den Spuren der rettenden Reiter, die jedoch hier und da schon unter Wasser standen, so hastig drängt der neue See nach Norden.

199. Meine Jurte in Chodai Kullus Oase. (S. 34.)
200. Chodai Kullu und sein wildes Kamel. (S. 34.)
201. Das geschossene Kamel. (S. 34)
202. Der erste Turm der untergegangenen Stadt. (S. 38.)

Dieser eigentümliche nördliche Auswuchs des Kara-koschun kann zum Teil auch auf den hydrographischen Verhältnissen im ganzen Tarimbecken beruhen. Alle Flüsse Ostturkestans waren während des vorhergehenden Sommers und Herbstes außergewöhnlich wasserreich, welcher Umstand wahrscheinlich von dem größeren Schneeniederschlag in den Randgebirgen herrührt. Dieser wieder würde sich nur aus größeren Gesichtspunkten, wie der Verteilung des Luftdruckes, dem Vordringen der Winde und besonders der Monsune, erklären lassen. Wenn der Zufluß reichlicher ist, müssen auch die äußersten Seen des Tarimsystems zu größeren Dimensionen als gewöhnlich anschwellen.

Einige vereinzelte Tamarisken und ein paar dürre Pappeln mahnten uns, an einem Punkte zu lagern, wo die Spuren von Faisullahs Karawane sehr deutlich waren. Faisullah hatte sich, wie wir, in diese scheußliche Mausefalle hineinlocken lassen und war umgekehrt, um den wandernden See im Nordosten zu umgehen.

Das Terrain war schwierig und wurde am folgenden Marschtage nicht besser. Die Lehmrücken und die zwischen ihnen liegenden Rinnen sind konsequent nach Nordosten gerichtet, und wir mußten sie in der Quere überschreiten. Die Ausläufer des neuen Sees zeigen wie Finger nach derselben Richtung. Wir gehen nach allen Himmelsrichtungen, um ihnen auszuweichen, und erst, nachdem wir die äußersten hinter uns zurückgelassen haben, können wir nach Westen und Südwesten ziehen. Da aber hatten wir beinahe schon den halben Weg nach Lôu-lan zurücklegen müssen. Hätte ich von der diesjährigen Wasserverteilung eine Ahnung gehabt, so hätte das Nivellement auf die halbe Entfernung beschränkt werden können.

Ich wunderte mich, an einigen Stellen dieser Gegend alten Kamelmist, der manchmal in ziemlich großer Menge vorkam, zu finden. Daß es sich dabei nur um wilde Herden handeln konnte, ist sonnenklar. Sie kreuzen also die Wüste und kennen die Existenz der im Süden liegenden Seen. Und sie können ruhig hierherkommen, denn jetzt begeben sich Menschen nur äußerst selten hierher. Die Entfernung ist für diese schnellfüßigen Tiere nur eine Kleinigkeit.

Die Reise nach Südwesten ging leichter, denn jetzt konnten wir uns in den Windfurchen halten und ganze Strecken weit Faisullahs Spuren folgen. Wenn wir bezweifelt hätten, daß es wirklich seine Karawane gewesen, so hätte uns ein „lebender“ Beweis bald Gewißheit gegeben. Dort lag ein totes Pferd, der Braune, den Schagdur geritten hatte. Die Eingeweide waren weggeworfen und die weicheren und besseren Fleischteile mitgenommen worden. Gewiß hatten sie keinen Proviant mehr gehabt.

Wir machten an dem unfruchtbaren Ufer eines Seearmes Halt. Recht eigentümlich war es, zu sehen, wie das Wasser nach Nordosten strömte, d. h. wie der Ausläufer sich immer mehr nach dieser Richtung hin vergrößerte und immer neuen Zufluß von Südwesten erhielt. Hier befanden wir uns sicherlich gerade vor der nördlichen Depression der nivellierten Linie, und die schwache Erhebung zwischen dem nördlichen und südlichen Becken der Wüste, die wir nivelliert hatten, fehlt hier oder hat hier eine Lücke.

Am 28. fuhren wir fort, den launenhaft gewundenen Ufern getreulich zu folgen. Auch jetzt wurde eine interessante Beobachtung an einem Tümpel gemacht, der sich gebildet hatte, seitdem Tschernoff vor sieben Tagen eine Kartenskizze über die Gegend aufgenommen hatte (Abb. 218). Er ist abgeschnürt und wird durch aus dem Boden hervorquellendes Wasser gespeist. Seine Fläche (zirka 50000 Quadratmeter) gleicht der Oberfläche eines kochenden Kessels, das Wasser sprudelt und wallt mit einem singenden Tone. Das aufsteigende Quellwasser bringt Luftblasen mit, die um jeden Herd Schaumblasen bilden. Manchmal wölbt sich das Wasser dezimeterhoch, an einen Miniaturgeiser erinnernd, und es plätschert im Tümpel, als ob große Fische mit dem Schwanze auf die Wasserfläche schlügen.

Das spezifische Gewicht war 1,0036, und das Wasser erschien uns, die wir an größeren Salzgehalt gewöhnt waren, beinahe süß; ein paar Kannen davon wurden zum Abend mitgenommen. Um es so frisch wie möglich zu halten, sollte Kutschuk aus der Mitte des Tümpels schöpfen, aber im selben Augenblick war er verschwunden. Er war auf eine tückisch versteckte Jarkante gelangt und plötzlich von ihr in tiefes Wasser geraten. Da er nun einmal naß war, mußte er über den Tümpel schwimmen und mit einer Zeltstange loten. Die größte Tiefe betrug 2,22 Meter — und dieser kleine See hatte sich in einer Woche gebildet!

Während der kurzen Zeit unseres Aufenthalts am Ufer konnten wir sehen, wie das Wasser sich nach den Seiten hin ausbreitete; neue kleine Arme drangen in die Rinnen ein, neue Bodensenkungen füllten sich allmählich. Wie weit würden diese wandernden Seen in diesem Jahre gelangen? Würden sie bis an das alte Becken des Lop-nor vordringen? Nur neue Besuche in der Gegend konnten diese Fragen beantworten.

Nun ging es weiter nach Westen, Südosten und Osten um die Seen herum, wo der arme Chodai Kullu ohne Nahrung gewandert war. Wir fanden auch den Punkt, wo Faisullah das Ufer verlassen und sich in die Sandwüste hineinbegeben hatte.

Dieses Unternehmen sah so bedenklich aus, daß ich Schagdur der Spur folgen ließ, um zu sehen, wo sie blieb. Nach dem Kompaß nahm er sie eine Strecke von 10 Kilometer weit auf und konnte mich damit beruhigen, daß die Karawane nur einen Umweg gemacht und dann wieder nach Südwesten gegangen war. Hätte sie das Ufer nicht verlassen, so würde sie nach einer weiteren Tagereise das Standlager der Hilfskarawane erreicht haben.

Ein paar leere Konservenbüchsen verrieten den Punkt, an dem wir im vorigen Jahr bei dem ersten Salztümpel das Lager aufschlugen, der, wie wir damals meinten, vom Schirge-tschappgan herrührte. Der schmale Arm, den wir damals mit Leichtigkeit durchwateten, war jetzt so angeschwollen, daß man sowohl sich selbst wie die Kamele bequem darin ertränken konnte.

Unser letzter Tagemarsch um den zeitraubenden See führte uns südwärts nach Tokta Ahuns Standlager, wo wir ihn und Chodai Kullu in schönster Ruhe in der Hütte fanden.

So hatten wir denn endlich nach dem anstrengenden, drückenden Wüstenzuge diese heiß ersehnte Freistatt erreicht. Doch sie empfing uns wenig gastfreundlich. Alle Leute aus Kum-tschappgan waren in dem Glauben, daß wir südlich um den Kara-koschun herum kämen, nach Hause gezogen. Indessen hatten sie zum Glück zwei Kähne hinterlassen, und Proviant war reichlich vorhanden. Doch Tokta Ahun mußte sofort zu Pferd nach Kum-tschappgan eilen, um frische Fische zu besorgen.

Am 30. machte Sturm alle Arbeiten im Freien unmöglich. Ich unterhielt mich daher mit den Kosaken und lag die übrige Zeit lesend auf meinem Bette.

Der Tag darauf war günstiger; es wehte wohl, aber jetzt konnten wir die Wassermenge messen, die nordwärts nach dem alten Bette des Lop-nor drängte. Die Wellenbewegung war für einen Kahn zu stark; wir banden daher beide zusammen; Tschernoff und Chodai Kullu waren meine Ruderer. Der Kosak wußte in diesen labyrinthähnlichen Schilfdickichten, die er während der langen Wartezeit nach allen Richtungen hin durchkreuzt hatte, außerordentlich gut Bescheid.

Es wurde jedoch eine ziemlich schwierige Arbeit. Chodai Kullu und Tokta Ahun waren vor sechs Tagen auf ihrem Wege nach der Hütte über acht bedeutende Strömungen geschwommen, mir gelang es aber nur, sechs zu messen, die vollkommen deutlich und abgegrenzt waren und zusammen 32 Kubikmeter Wasser in der Sekunde führten. Dieser Wert ist jedoch sicherlich zu niedrig, denn viel fließendes Wasser ist in dem dichten Schilfe verborgen. Jedenfalls fanden wir, daß jetzt kolossale Mengen auf dem Wege nach Norden waren. Drei Millionen Kubikmeter Wasser im Laufe eines Tages sind in Anbetracht der ungeheuren Flachheit des Landes imstande, einen recht ansehnlichen See zu bilden. In dem lebhaftesten Arme strömte es mit einer Geschwindigkeit von 0,55 Meter in der Sekunde.

Es mag merkwürdig erscheinen, daß das Wasser noch nicht weiter als ein paar Tagereisen nach Nordosten vorgedrungen war; aber wir müssen bedenken, daß der strohtrockene Boden ungeheure Mengen aufsaugt; er muß erst durchfeuchtet werden, ehe das unruhige Element seinen Weg auf sicherer Unterlage fortsetzen kann.

Schön und frisch war es, in der sich jetzt klärenden Luft und dem kühlenden Winde, der durch gelbe, dürre Schilfbestände sauste, wieder einen ganzen Tag auf dem Wasser zuzubringen. Aber ich fühlte doch, daß ich jetzt von diesen Sümpfen für einige Zeit genug hatte und das Leben im Gebirge Abwechslungen ganz anderer Art und Erfahrungen von wechselnderer, mannigfaltigerer Natur bietet.

Ich konnte das Land der wandernden Seen auch mit großer Befriedigung und Dankbarkeit verlassen, denn ich nahm reiches Material von dort mit. Ich hatte Manuskripte und Ruinen von Dörfern am Ufer eines Sees gefunden; ich hatte naturgeschichtliche Beweise für das frühere Vorhandensein des Sees gefunden; die Nivellierung hatte ferner bewiesen, daß eine Depression im nördlichen Teile der Wüste existierte, und schließlich, als unbestreitbares Siegel der Richtigkeit des Ganzen, war ich mit eigenen Augen Zeuge gewesen, wie sich der See nach seinem alten Bette hinbewegte, und zwar so schnell, daß wir genau überlegen mußten, wie weit vom Ufer wir unser Nachtlager aufschlagen konnten.

Während der letzten Jahrzehnte oder seit Prschewalskijs Zeit hat der Kara-koschun sichtliche Neigung zum Austrocknen gezeigt. Ich bin fest davon überzeugt, daß wir nach Jahren den See wieder an der Stelle finden werden, wo er nach chinesischen Angaben einst seinen Platz gehabt haben soll und wo er, wie Richthofen in scharfsinniger Weise theoretisch bewiesen hat, auch wirklich gelegen haben muß.

Daß in der Wüste, die nach meinem Nivellement so gut wie ganz horizontal ist, derartige Verhältnisse herrschen, ist durchaus kein Wunder. Der See Kara-koschun, der jetzt lange genug in ihrem südlichen Teile gelegen hat, verflacht durch Schlamm, Flugsand und verfaulende Pflanzenstoffe, während die nördliche, vertrocknete Fläche der Wüste von den Winden erodiert und angefressen und dadurch immer tiefer ausgemeißelt wird. Für diese Niveauveränderungen, die von rein mechanischen, lokal atmosphärischen Kraftgesetzen diktiert werden, muß der See, der das Endreservoir des Tarimsystems bildet, außerordentlich empfindlich sein. Aus physischen Notwendigkeitsgründen muß es schließlich dazu kommen, daß das Wasser sozusagen überfließt und relativ niedrigere Depressionen aufsucht. Die Vegetation und das Tierleben, sowie die Fischerbevölkerung und ihre luftigen Hütten ziehen mit an die neuen Ufer, und der alte See trocknet aus. In der Zukunft wiederholt sich dasselbe Phänomen in umgekehrter Ordnung, aber von denselben Gesetzen vorgeschrieben. Erst dann wird man, mit reichhaltigerem Materiale, die Länge der Periode bestimmen können. Was wir jetzt schon mit voller Sicherheit wissen, ist, daß im Jahre 265 n. Chr., im letzten Regierungsjahre des Kaisers Yüan Ti, der Lop-nor im nördlichen Teile der Wüste lag.

Die Strecke, die wir am 1. April zurücklegten, kannte ich vom vorigen Jahre, und es ist stets unangenehm, denselben Weg zweimal zu machen. Etwas Abwechslung hatte ich jedoch dadurch, daß ich die neue Karte mit der vorjährigen vergleichen und die großen Veränderungen, die eingetreten waren, studieren mußte.

Jetzt nahte sich die Jahreszeit, in welcher die Abendkühle ein willkommener Freund ist, unter dessen Schutz man sich von den Mühen des Tages erholt. Bis jetzt hatten wir freilich noch nicht über Hitze zu klagen brauchen, aber unser acht Monate währender Winter hatte uns gegen Wärme empfindlich gemacht. An diesem Abend schwebten weiße Wölkchen über der Erde; die Luft war rein, und der Mond verbreitete sein klares Licht über dem Lande des wandernden Sees. Dann und wann durchschneiden sausende Flügelschläge die Luft, man hört Enten schnattern und Wildgänse schreien und gelegentlich auch das in dieser Jahreszeit schwere, ungeschickte Flügelklappen der Schwäne.

Am 2. April ging es nach Südwesten weiter. Nias Baki Bek, Numet Bek und unser alter Mollah kamen uns entgegen und meldeten, daß Faisullah mit der ganzen ihm anvertrauten Karawane wohlbehalten in Abdall eingetroffen sei. Am Ufer des Ak-köll machten wir Halt und warteten beim Sonnenuntergang und frühzeitigen Mückentanz auf Boote.

Nachdem wir uns des herrlichen, kühlen Abends ein paar Stunden erfreut und im Freien zu Abend gegessen hatten, hörten wir endlich das Geplauder der Seeleute und Rudergeplätscher, und dann glitt ein Geschwader von fünf Kähnen an unser stilles Ufer heran.

Sie führten uns und das Gepäck über den Ak-köll und ein Gewirr von anderen Seen und zuletzt auf den Fluß hinaus, Kona Abdall, dem alten Wohnorte Kuntschekkan Beks, wo ich 1896 gewohnt hatte, gerade gegenüber. Starke Arme ruderten uns gegen die Strömung, den Tarim aufwärts. Dank dem herrlichen Mondscheine konnte ich auch jetzt die Route aufnehmen. Es war eine jener reizenden, unvergeßlichen Mondscheinfahrten auf blankem Wasser, wie ich sie schon ein paarmal auf diesen friedlichen Wasserwegen gemacht hatte.

In später Nacht erreichte mein schnelles Fahrzeug unser früheres astronomisches Lager, wo unsere Hunde uns mit heftigem Gebell empfingen, das sich aber im nächsten Augenblick, als sie uns wiedererkannten, in Freudengeheul verwandelte.

Am folgenden Morgen maß ich die Wassermenge des Flusses, die jetzt 156,2 Kubikmeter in der Sekunde betrug und die größte war, die ich je im Tarimbecken gefunden habe, aber zum Teil dem kalten, schneereichen Winter und dem ungewöhnlich dicken, spät aufgetauten Eise zuzuschreiben war.

Faisullah mußte ausführlich über seine Schicksale und Erfahrungen seit unserer Trennung bei den Ruinen von Lôu-lan berichten. Er war 17 Tage unterwegs gewesen und hatte mehrere unerwartete hydrographische Entdeckungen gemacht.

Um 10 Uhr abends kam wie ein Donnerschlag der „schwarze Sturm“ und fegte alles, was nicht sicher befestigt war, nach Westsüdwest. Die ganze Gegend war in diesen dunkeln, pfeifenden Sturm gehüllt, und der Mond, der eben noch so kalt und hell gestrahlt hatte, wurde bleich und matt. Das Licht in meiner Jurte brannte erst dann, als neue Filzdecken über ihre Wölbung gezogen und alle Löcher und Ritzen verstopft worden waren. Die Kosaken, die mit einer Messung bei Kum-tschappgan beauftragt gewesen, kehrten erst um Mitternacht zurück und waren von den spritzenden Wellen ganz durchnäßt.

Der nächste Tag ging verloren. Es war keine Möglichkeit, sich in diesem undurchdringlichen Sturme auf den Weg zu machen. Ich hatte alle meine Pläne im Tarim- und Lop-nor-Gebiete ausgeführt und von dem Leben in den Kähnen Abschied genommen und sehnte mich nun nach Tibet. Aber ich sollte Abdalls gastfreie Hütten nicht verlassen, ohne noch einen Sturm erster Klasse als Abschiedsgruß zu bekommen. Und dieser war eigensinnig; er dauerte 41 Stunden, und als er endlich aufhörte, war die Luft mit feinem, dichtem Staube erfüllt. Das einzige Nützliche, was wir tun konnten, war, drei vortreffliche Kamele zu kaufen; wir hatten jetzt im ganzen 17 Stück.

Drei langweilige Tagereisen, wieder bei Sturm, trennten uns von unserem Hauptquartier in Tscharchlik, wo wir am Abend des 8. April von einer ganzen Kavalkade von Reitern empfangen wurden, die uns zwischen den einzeln liegenden Gärten durch nach unserem Serai geleiteten.