So hatten wir denn endlich die erste Schwierigkeit unserer Reise überwunden. Wir hatten, wenn auch spät und auf einem südlicheren Breitengrad als wir beabsichtigten, den Treibeisgürtel an der Ostküste von Grönland durchdrungen und dies Ufer erreicht, was so Viele vor uns vergebens versucht hatten.
Es ist nicht mehr als unsere Schuldigkeit, daß wir, bevor wir weiter gehen, einen Rückblick auf diese Vielen werfen, die mit mehr oder weniger Glück oder Unglück uns den Weg bahnten, wenn auch unser Angreifen der Aufgabe sehr weit verschieden von der ihren war.
Die grönländische Ostküste wird bekanntlich nur von Wenigen besucht. Der Grund hierzu ist wohl hauptsächlich der, daß alle Diejenigen, welche eine Landung versucht haben, im Vordringen von dem Treibeis gehemmt wurden, das der Polarstrom südwärts führt, und das den größten Theil des Jahres in einem breiteren oder schmäleren Gürtel zusammengedrängt an der Küste entlang liegt.
Diese schwierigen Eisverhältnisse waren den alten Norwegern sehr wohl bekannt, was deutlich aus den vielen Berichten von Grönlandsreisen und Schiffsunglücken im Treibeis an dieser Küste, von welchen die Sagen berichten, hervorgeht.[35]
Einzelne Norweger müssen indessen die Küste erreicht haben.
So enthält die Floamanna-Sage (die in einer Handschrift aus dem Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts erhalten ist) einen Bericht, daß der norwegische Isländer Thorgils Orrabeinsfostre schon vor 900 Jahren (998) auf einer Reise nach der Westküste Grönlands (zu Erik Raude in Østerbygden) von widrigen Winden zurückgehalten wurde und nach vielen Drangsalen Schiffbruch an der Ostküste von Grönland unterhalb der Eisgletscher in einer Bucht an einem sandigen Ufer erlitt, zu deren beiden Seiten große Eisgletscher ins Meer hinausragten.[36] Sehr bezeichnend ist es, daß sich dies im Herbst, Mitte Oktober zugetragen haben soll, in einer Jahreszeit, in der die Küste nach unseren jetzigen Erfahrungen am leichtesten zugänglich ist.
Die hier ans Land Geworfenen sollen aus Thorgils samt Frau und ganzem Hausstand, sowie einem anderen Mann, Jostein, ebenfalls mit Frau und Hausstand, bestanden haben. Die Sage beschreibt sehr eingehend, wie Thorgils vier Winter und vier Sommer hindurch sein Leben an dieser ungastlichen Küste fristet, vermittelst der spärlichen Hülfsmittel, die er sich dort verschaffen konnte und dem Wenigen, was aus dem Schiff geborgen war — ein Boot, ein paar Stück Kleinvieh und etwas Mehl.
Zwei Winter und den dazwischen liegenden Sommer hielt sich Thorgils an dem Orte auf, wo er gestrandet war, indem er des Eises wegen nicht fortkommen konnte.[37]
Zu Anfang des ersten Winters gebar Thorgils Gattin, Thorey, einen Sohn. Im Laufe desselben Winters starb Jostein, seine Gattin und seine sämtlichen Hausgenossen infolge der Seuche. (Wahrscheinlich Skorbut.) Es geht aus der Sage hervor, daß Jostein es nicht verstanden hat, seine Mannen in der nöthigen Zucht zu halten. Im Frühling, der auf den zweiten Winter folgte, als Thorgils eines Tages mit einigen Begleitern oben auf die Gletscher hinaufgestiegen war, um zu sehen, wie es mit dem Treibeise stehe, wurde Thorey von seinem Verwalter und den Leibeigenen ermordet, worauf diese mit dem geretteten Boot und den eingesammelten Lebensmitteln gen Süden flüchteten. Als Thorgils heimkehrte, fand er sein Haus geplündert und seine Gattin todt auf dem Bette liegen, das Kind aber an der Brust der Leiche saugend. Dies war der härteste Schlag, der Thorgils widerfahren war, und die Sage berichtet, daß er das Leben des Kindes rettete, indem er einen Einschnitt in eine seiner Brustwarzen machte und es sein Blut saugen ließ; durch ein Wunder wurde das Blut später in Milch verwandelt. Um sich Nahrungsmittel zu verschaffen, mußten Thorgils und seine wenigen Begleiter wieder auf die Jagd gehen, und an Stelle des gestohlenen Bootes verfertigten sie sich ein Fahrzeug aus Fellen, das inwendig mit Holz oder Weidenzweigen steif gemacht wurde.
Dann löste sich der Eisgürtel und zwei ganze Sommer hindurch arbeiteten sie sich nun in südlicher Richtung am Lande entlang, bis sie — wahrscheinlich in der Nähe von Kap Farvel, einen Ort erreichen, wo ein landflüchtiger Mann, Rolf aus Østerbygden, sich angesiedelt und ein Haus gebaut hatte.[38] Bei ihm blieb Thorgils den Winter über und zog dann im nächsten Sommer südwärts weiter, an der Landspitze vorüber, bis er nach Østerbygden gelangte.
In dieser Sage ist viel Märchenhaftes enthalten, so z. B. daß Thorgils Besuch von Thor erhielt, und die oben erwähnte Geschichte, wie er das Kind säugte etc. Dies muß die Zuverlässigkeit des ganzen Berichts in Zweifel stellen.
Die Beschreibung des Landes, an welchem Thorgils entlang zog, sowie die der Naturverhältnisse, stimmt indessen so genau mit den wirklichen Verhältnissen an der Ostküste Grönlands überein, daß sie unmöglich ganz erdichtet sein kann, sondern von Leuten herstammen muß, welche diese Küste gesehen haben, ja die sogar sehr vertraut mit den dortigen Verhältnissen gewesen sein müssen. Wenn man z. B. liest, wie Thorgils im Frühling oder im Frühsommer auf die Gletscher hinaufstieg, um über das Meer zu schauen, ob sich das Eis schon gelöst habe, da muß Jeder, der die ostgrönländische Küste kennt, sich in Gedanken dorthin versetzt fühlen. Wenn ferner beschrieben wird, wie sie weiterziehen, vorüber an Eisgletschern und steilen Bergen, wie sie auf dem südlicheren Theil ihrer Fahrt an vielen Fjorden vorüberrudern, und wie das Eis während des größten Theils des Jahres bis hart an die Küste dicht zusammengestaut liegt, — da kann dies alles kaum auf andere Gegenden als auf die Ostküste Grönlands passen.
So scheint es denn, daß, wenn auch die Erzählung von den sonderbaren Erlebnissen Thorgils mehr oder weniger erdichtet ist, der Verfasser oder die Verfasser dennoch dies Land sehr wohl gekannt haben müssen, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß die alten Norweger häufiger entweder im Treibeis oder an der Küste Schiffbruch gelitten und sich auf das Land gerettet haben.[39]
Daß unsere Vorfahren die ostgrönländischen Eisverhältnisse sehr wohl kannten, geht übrigens ganz deutlich aus dem „Kongespeilet“ (ca. 1250) hervor, dort heißt es: „Noch heute giebt es in demselben Meer gar viele Wunder, obwohl sie nicht zu den Ungeheuern zu rechnen sind, denn sobald man das Meiste des wilden Meeres hinter sich hat, befindet sich in der See eine solche Unmenge von Eis, wie man etwas Aehnliches nirgends in der ganzen Welt je gesehen hat. Einige von den Eisstücken sind so flach, als wären sie auf dem Meere selber gefroren, dabei sind sie 4 und 5 Ellen dick und liegen so weit vom Lande entfernt, daß man 4 Tage und länger über das Eis gehen kann, bis man das Land erreicht. Das Eis aber liegt mehr nach Nordosten oder nach Norden vor dem Lande als nach Süden oder Südwesten oder Westen, und deswegen muß Jeder, der das Land erreichen will, so weit segeln, bis er an allen diesen Stellen, wo Eis zu erwarten ist, vorübergekommen ist, und dann von dort bis an das Land segeln. Es ist aber den Seefahrern häufiger zugestoßen, daß sie das Land zu hastig gesucht haben, und dadurch in das Eis gerathen sind. Einige aber haben sich daraus gerettet, und von diesen haben wir Etliche gesehen und ihre Rede und ihren Bericht angehört. Aber Alle, die zu diesem Treibeis gelangt sind, haben sich des Mittels bedient, daß sie ihre Böte genommen und sie hinter sich her über das Eis gezogen und sich an Land begeben haben, das Seeschiff aber und all ihr Hab und Gut ist zurückgeblieben und verrottet. Einige haben sogar 4 oder 5 Tage, Andere noch länger auf dem Eise kampirt, ehe sie das Ufer erreichten.
Dies Eis ist sehr wunderbar in seiner Beschaffenheit, es liegt zuweilen so still, daß man annehmen könnte, verschiedene Waaken und große Fjorde vor sich zu haben; zuweilen aber bewegt es sich so schnell, daß ein Schiff, das guten Wind hat, nicht so schnell segeln kann, und dabei treibt das Eis ebenso häufig gegen den Wind an wie mit demselben. Es giebt in diesem Meere auch noch Eis von anderer Beschaffenheit, das die Grönländer Fald-Jokler (Fall Jökla)[40] nennen. Die Gestalt dieses Eises gleicht einem hohen Felsen, der aus dem Meere emporragt. Diese Eisberge vermischen sich nicht mit anderem Eis, sondern stehen ganz isolirt da.“
Diese Beschreibung ist so vorzüglich, daß sie noch heute vollkommen genügen würde. Es geht deutlich daraus hervor, daß die Eisverhältnisse im grönländischen Meer und in der Dänemarkstraße zu jener Zeit dieselben waren wie jetzt, und die Behauptung, daß man aus den Sagen schließen kann, sie seien damals anders gewesen, ist völlig unbegründet.[41]
Eine Zeit nachdem der „Kongespeilet“ geschrieben war, fing die Verbindung mit Grönland allmählich an aufzuhören, die norwegischen Kolonien verfielen und die erworbenen Kenntnisse von den grönländischen Verhältnissen geriethen in Vergessenheit.
Die Erinnerung an Grönland ist jedoch niemals geschwunden, und unter den dänisch-norwegischen Königen nach Schluß des Mittelalters ist oft die Rede davon, Leute auszusenden, um das verlorene „norwegische (Steuer-) Land“ wieder zu finden. So war unter Christian II. viel die Rede davon, indem der norwegische Erzbischof Valkendorf beschlossen hatte, Grönland wieder unter das Drontheimsche Bisthum zu bringen, aber sein Plan gelangte nicht zur Ausführung. Erst über die Mitte des Jahrhunderts hinaus dachte man ernstlicher daran, das Land zu suchen, und sandte wirklich eine Expedition zu diesem Zwecke aus.
Die ersten Expeditionen scheinen hauptsächlich nur den Zweck gehabt zu haben, das Land wiederzufinden, gleichgültig an welchem Punkt; da war es denn ganz natürlich, daß man in der Regel zuerst an die Ostküste kam, die am nächsten gelegen war, und hier zu landen suchte. Ich will in aller Kürze die wichtigsten dieser Versuche, die Ostküste zu erreichen, besprechen.
Im Jahre 1579 wurde der Engländer James Alday (oder Jakob Aldax oder Aldag, wie er in der norwegischen Urkunde, Bestallungsbrief, genannt wird) an die Spitze einer Expedition gestellt,[42] welche zwei Schiffe umfaßte, und erhielt den Befehl, „Grönland besuchen zu sollen, — auf daß selbiges Land wieder unter seine rechte Obrigkeit (d. i. die Krone Norwegens) komme — desgleichen, daß die sämtlichen Gemeinden dort zu Lande Gott dem Allmächtigen zu Lob und Ehren zum christlichen Glauben gebracht werden und die wahre Religion und Gottesdienst empfahen.[43]“
Ein an Bord dieses Schiffes, auf welchem sich Alday selber befand, geführtes Tagebuch, ist der einzige bekannte Bericht von dieser Reise.[44] Man ersieht daraus, daß die Expedition am 26. August, Morgens 6 Uhr, nachdem man 7 Tage vorher die Anker in Island gelichtet hatte, der Ostküste Grönlands ansichtig wurde. An welcher Stelle der Ostküste dies war, ist nicht leicht zu sagen. Es heißt nur, daß, als sie „westnordwest am Lande entlang gingen, auch war der Wind nördlich und waren wir damals oft 10 Seemeilen vom Lande entfernt“. Daraus, daß sie in westnordwestlicher (mißweisender) Richtung gingen, sowie aus dem bald darauf folgenden Passus: „Und sagte unser Kapitän, daß anderthalb hundert Seemeilen zwischen Island und Grönland lägen“, scheint mir hervorzugehen, daß sie sich eine gute Strecke nördlich vom Kap Dan befunden haben, was auch mit dem folgenden Bericht stimmt, in dem es von dem nächsten Tag (dem 27. August) u. a. heißt: „Als wir aber auf 4 Seemeilen nahe an das Land kamen, war da viel Eis dicht am Ufer, deswegen gingen wir den ganzen Tag in südwestlicher Richtung weiter und konnten doch nirgends eisfreies Land sehen. Außer dem Eis, das an der Küste lag, kamen uns große Stücke Eis, so groß wie Kirchen entgegen.“
Ueber das Land heißt es:
„Es waren eitel hohe und große Steinklippen, wie die Felsen in Norwegen und Island, und die vordersten Klippen waren so spitz wie nach oben zu die Thürme, und zwischen den Klippen und oben auf ihnen lag sehr viel Schnee.“
Dies ist eine gute Beschreibung von den Felsen um Ingolfsfjeld. Dann gelangte man weiter gen Süden, und am 29. August erblickte man einen großen und übermäßig hohen steinernen Felsen, der sich vom Lande aus in das Meer hinaus schob mit einer Landzunge (wahrscheinlich in der Nähe von Kap Dan) wo man zu landen gedachte, „denn wir sahen eine Bucht bei demselben Felsen“.
Eine halbe Meile vom Lande entfernt wurde man indessen am Vordringen gehindert „durch sehr viel Eis, das am Ufer lag, weshalb wir wieder in die See hinaus mußten, und wollte unser Kapitän an dem Tage westlich davon landen, denn das Eis verringerte sich mehr und mehr und das Land wurde hier auch flacher.“
Dies ist wahrscheinlich westlich vom Kap Dan gewesen, die Küste biegt hier nach Westen zu um, der Eisgürtel pflegt schmäler zu werden, oder doch jedenfalls im Westen vom Sermilikfjorde, und das Land um diesen Fjord herum und weiter nach Süden zu ist auffallend flacher als das nördlicher gelegene Land.
Nachdem sie ihren Kurs von der Küste entfernt gehalten hatten, wurden sie von einem Sturm überfallen und gezwungen, nach großen Gefahren heimzukehren, ohne das Land zum zweitenmal in Sicht bekommen zu haben.
Es ist nicht unwahrscheinlich, daß dieser Bericht ganz zuverlässig ist, und daß also diese erste Expedition, die eine halbe Meile vom Lande entfernt blieb, diejenige ist, die, soweit wir wissen, der Ostküste Grönlands bis zum Jahre 1883 von der Seeseite aus am nächsten gekommen ist. Ende August beginnt nämlich das Land bei Kap Dan in der Regel schon zugänglicher zu werden, schon vor Mitte dieses Monats fanden wir es eisfrei.[45]
Alday war indessen der Ansicht, daß der ungünstige Ausfall seiner Reise eine Folge der vorgerückten Jahreszeit sei. Für das nächste Jahr wurde deswegen eine neue Expedition unter seiner Leitung vorbereitet. Ob diese zur Ausführung gelangte, ist unsicher und erscheint nicht glaubhaft, da man nichts davon gehört hat.
Dagegen unternahm im Jahre 1581 „ein Bagge und Norsker Mand“, Mogens Heinessön[46] eine Reise auf eigene Kosten, um Grönland zu entdecken.
Er war übrigens im Besitz eines königlichen Schutzbriefes, auch war ihm für den Fall eines günstigen Ausganges eine königliche Belohnung zugesichert. Dieser „dapffer Hane oc Styris Mand goed“ nahm den alten norwegischen Kurs nach Grönland und bekam Grönlands Ostküste in Sicht, ja soll sogar den alten Felsen „Hvidsärk“ gesehen haben.
Diese ganze Beschreibung von Heinessöns Reise ist in der „Grönländischen Chronika“[47] enthalten, aus welcher dies Citat entnommen wurde, das leider den einzigen Bericht bildet, den wir darüber haben. Wir erhalten jedoch den deutlichen Eindruck, daß der „dapffre Hane“ die Eisverhältnisse an der Ostküste von Grönland eben so ungünstig gefunden hat, wie sie heutzutage sind.
Wir sehen, daß er sich von Island aus „nordwärts und dann gen West“ begeben hat, daß er den „Hvidsärk“ erblickte, aber erst später bekam er „allmählich das Land in Sicht“. Inwieweit dies dem Verfasser zur Last gelegt werden muß, und ob er dies hinzugedichtet hat, nach der damals allgemein herrschenden Ansicht, daß Hvidsärk in der Mitte zwischen Grönland und Island liegen sollte, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen, scheint aber sehr wahrscheinlich. Weniger annehmbar scheint mir die Auslegung, daß Mogens Heinessön einen großen Eisberg getroffen haben soll, was in diesem Fahrwasser freilich vorkommen kann; er hätte seinen Irrthum bald einsehen müssen, da ein solcher Eisberg ja ganz isolirt im Meere liegt.
Wenn es heißt, daß das Schiff durch einen in der Tiefe liegenden Magnet in seiner Fahrt gehemmt würde, so scheint mir die natürlichste Erklärung hierfür, daß dies entweder ein gänzlich aus der Luft gegriffener dichterischer Zusatz des Verfassers ist, der in Zusammenhang steht mit dem damals herrschenden Aberglauben an das magnetische Eismeer, und dies scheint mir das Natürlichste, — oder auch es ist hierunter die in südwestlicher Richtung gehende Meeresströmung zu verstehen, welche die in nordöstlicher Richtung segelnden Schiffe am Weiterkommen hindert. Kurz vor dieser Stelle steht, daß sie diesen Weg zogen.
Jeder, der es versucht hat, gegen diese Strömung anzukreuzen, weiß, was das sagen will, und daß man bei etwas Aberglauben gar leicht in Versuchung gerathen kann an „Magnete in der Tiefe“ zu glauben.
Die Expeditionen, welche von Dänemark im Jahre 1605[49] unter Leitung des Schotten John Cunningham (als Chef der Expedition), des Engländers James Hall (als Prinzipal-Pilot), des Dänen Godske Lindenow und des Engländers John Knight, sowie 1606 mit Godske Lindenow als Höchstkommandirendem unternommen wurden, machten, soweit man nach den spärlichen Berichten, die wir darüber haben, urtheilen kann, keinen Versuch an der Ostküste Grönlands zu landen. Die Behauptung, daß Godske Lindenow während der ersten Reise am südlichen Theil der Ostküste gelandet sein soll, scheint mir auf keiner haltbaren Basis zu beruhen.
Diese Expeditionen landeten an der Westküste von Grönland, da sie aber von dort keine Ausbeute heimbrachten, die nur einigermaßen mit den Erwartungen im Einklang stand, so glaubte man, daß dies die Folge davon sei, daß man das vermeintliche früher so reiche „Österbygd“ noch nicht gefunden habe.
Bereits im Jahre 1607 wurde eine neue Expedition unter Leitung des Holsteiners Karsten Richardsen mit dem Engländer James Hall als „Pilot“ von Christian IV. ausgesandt, um „Österbygden“ zu suchen. Man war des Erfolges so sicher, daß man Norweger und Isländer mitsandte, die als Dolmetscher dienen sollten, falls man Nachkommen der alten grönländischen Norweger treffen würde.
„Sie sollen,“ so heißt es in der Instruktion des Königs[50] an die Expedition, „mit Fleiß erforschen, ob sich die früher erwähnten Kirchen, Klöster, Felsen, Landzungen, Fjorde, Höfe u. a. noch dort befinden. Item ob dort ein Bischof, Pfarrer, Voigt ist, an den sie Abgaben entrichten, und dem sie Gehorsam beweisen.“
Daß man damals keine ganz verkehrte Vorstellung von der Lage von „Österbygden“ hatte, geht ganz deutlich aus derselben Instruktion hervor, indem Christian IV. darin sagt, daß der Eriksfjord — „der vornehmste Fjord in Österbygden — südwestlich auf dem Lande zwischen dem 60. und 61. Grade ungefährlich liegt, jedoch gegen die Ostseite des Landes.“
Sie sollten auf diese südöstliche Landspitze zusteuern und nachdem Österbygden untersucht war, sollten sie sich gen Norden an der Ostküste entlang begeben, um dieselbe zu untersuchen.
Nach den Berichten in Lyschanders Grönländischer Chronica, bekamen sie Grönlands Ostküste am 28. Juni auf dem 59° N. Br. in Sicht. Sie nahmen ihren Kurs auf das Land zu, wurden aber von dem Treibeis am Landen verhindert.
Dann segelten sie nordwärts an der Ostküste entlang und müssen nach Lyschanders Beschreibung viele Versuche gemacht haben, durch das Eis zu dringen, bis sie am 1. Juli zwischen dem 63. und 64. Grad N. Br. den letzten verzweifelten Versuch wagten, der jedoch nicht glücklicher ausfiel als die vorhergehenden.
So mußten sie denn ihre Hoffnung aufgeben und wurden theils durch Sturm, theils durch Wassermangel gezwungen, heimzuwenden. Noch im Juli erreichten sie Kopenhagen.
In den Jahren 1652, 1653 und 1654 wurden von einem dänischen Privatmann, dem General-Zollverwalter Henrik Möller, welcher einen königlichen Freiheitsbrief zu dem Zweck erhalten hatte, drei verschiedene Entdeckungs-, Fang- und Handelsexpeditionen ausgesandt. Dieselben wurden von einem Ausländer, wahrscheinlich einem Holländer Namens David Danell (oder De Nelle) geleitet.
Die erste dieser Reisen ist hauptsächlich für die Geschichte der grönländischen Ostküste von Interesse, indem verschiedene kräftige Versuche, sie zu erreichen, gemacht wurden.[51] Da die früheren Expeditionen an die Ostküste mißglückt waren, nahm Danell seinen Kurs weiter nördlich nach dem alten Seeweg, dem sog. „Eriksstevne“ zu. Er reiste nördlich um Island herum, steuerte dann in südwestlicher Richtung weiter und befand sich am 29. Mai auf dem 64° 19′ seiner Vermuthung nach 50 Meilen von Reykjanäs entfernt. Am 2. Juni bekamen sie Grönlands Ostküste in Sicht, vermuthlich bei Kap Dan,[52] konnten aber weder an diesem noch an einem der folgenden Tage landen, weil das Eis 4-7 Meilen vom Lande entfernt lag.[53]
Am 9. Juni wollten sie einen Hafen suchen, wahrscheinlich südlich vom Kap Dan, „aber das Eis lag 2 Meilen breit im Hafen und vor dem Lande. Sie setzten nun ein Boot aus, um einen Versuch zu machen, über das Eis zu gehen, aber dies fing an zu brechen (?) und hätte sie fast alle ins Unglück gestürzt.“
Dann segelten sie südwärts an der Ostküste entlang und da sie dieselbe überall mit Eis versperrt fanden, gingen sie um die Mitte des Juni an Kap Farvel vorbei nach der Westküste.
Auf dem Rückwege machte Danell Ende Juli einen neuen Versuch, die Ostküste zu erreichen und ist scheinbar damals dem Lande sehr nahe gewesen; am 23. Juli will man sogar vor einem Fjord oder einer Bucht gewesen sein, die ganz eisfrei war, „und wenn die Nacht nicht so schnell hereingebrochen wäre, würde man in den Fjord hineingesegelt sein“.(?) Weiter nach Norden zu, auf dem 63° N. Br. will man bis auf 1 Meile an das Land hinangekommen sein, wo sie jedoch das feste (?) Eis in einer Ausdehnung von ½ Meile (?) liegen sahen u. s. w.
Es geht aus Danells Reise deutlich hervor, daß die Eisverhältnisse an der Küste zu jener Zeit im Juni und im Juli genau dieselben gewesen sind wie heutzutage.
Im folgenden Jahre (1653) im Juni segelte Danell abermals an der Ostküste entlang bis zu Kap Farvel, wurde aber überall von dem Eise verhindert, sich dem Lande zu nähern. Am 19. Juni glaubte man auf dem 64° N. Br. das Herjolfsnäs der alten Norweger zu erblicken, wo das Eis sich fünf oder sechs Meilen vom Lande aus erstreckte. Dann besuchte man Grönlands Westküste.
Ob Danell auf der Rückreise zu Anfang August abermals einen Versuch machte, die Ostküste zu erreichen, ist nicht bekannt, im Bericht heißt es nur, daß er, als er die Ostküste durch Eis versperrt fand, den Entschluß faßte, nach Island zu gehen.
1654 treffen wir Danell abermals an Grönlands Ostküste, diesmal scheinbar weiter nach Süden zu, und er ist dort wahrscheinlich nur auf dem Wege nach der Westküste vorübergereist. Ueber die Reise selber weiß man nur sehr wenig, außer, daß sie vor Baals Revier (d. h. im Godthaabs-Fjord) „eine Seejungfrau mit aufgelöstem Haar und von großer Schönheit“ erblickten.
Im Jahre 1670 wurde ein Seekapitän, Namens Otto Axelsen, von dem dänischen König ausgesendet, um das alte Grönland aufzusuchen. Er kehrte noch im nämlichen Jahr zurück, aber es ist nichts über diese seine erste Reise bekannt.
Im darauffolgenden Jahre (1671) wurde er abermals ausgesandt, aber er kehrte niemals wieder heim. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sein Fahrzeug bei einem Versuch, an der Ostküste von Grönland zu landen, zerschellt ist.
Danell hatte ohne jeglichen Grund das „Herjolfsnäs“ der Alten — das in der Nähe von Österbygden liegen sollte — an die Ostküste verlegt (siehe oben). Dies hat, verbunden mit dem Umstande, daß man die Nachkommen der alten Norweger an der Westküste noch nicht gefunden hatte, Theodor Thorlacius dazu verleitet, auf seiner Karte über Grönland (aus d. J. 1668 oder 1669) Österbygden an die Ostküste von Grönland zu verlegen, und dadurch war man für lange Zeiten in Bezug auf die Lage irregeführt worden. Es handelte sich daher für die Expeditionen, die an der Ostküste zu landen versuchten, nicht allein darum, Grönland zu erreichen, sondern auch Österbygden zu finden.
Im Anfang des 18. Jahrhunderts (1721) kam bekanntlich der Norweger Hans Egede nach Grönland; er gründete dort eine Kolonie, und später wurden dort mehrere gegründet. Egedes Hauptzweck war es gewesen, den Nachkommen der alten Norweger das Licht des Christenthums zu bringen, aber auch er konnte keine solchen finden. Er war indessen fest davon überzeugt, daß es deren an der Ostküste geben müsse.
Aus einem vom 29. August 1724[54] datirten Bericht ersieht man, daß die Compagnie in Bergen, die Egede aussandte, einem seiner Schiffe (dem Hucker „Egte Sophia,“ Kap. Hans Faester) den Befehl gegeben hatte, „die östliche Seite des Landes Grönland aufzusuchen und zu rekognosciren, da es aber überall vom 66½° bis zum 60° mit Eis bedeckt gewesen ist, so ist auch dieser Plan nicht so glücklich ausgefallen, wie man es gerne gesehen und gewünscht hätte“. Am 12. Mai erreichte das Schiff die Küste Grönlands und scheint drei Monate lang dem Eise entlang zwischen dem 66° 30′ N. Br. und dem 60° 28′ N. Br. gekreuzt zu haben in einer Entfernung von der Küste, welche „bisweilen 5, 10, 15, 20 und 25 Meilen betrug“ und „ohne einen Annäherungspunkt oder einen Zugang gefunden zu haben“.
Es scheint, als habe man nun für längere Zeit den Muth verloren, ein Landen an der Ostküste von der Seeseite aus zu versuchen. Erst im Jahre 1786 wurde auf Veranlassung des Bischofs Paul Egede, Hans Egedes Sohn, eine neue Expedition von zwei Schiffen ausgesandt, um Österbygden wiederzufinden. Die Expedition wurde unter die Leitung des Kapitänlieutenants Paul de Löwenörn gestellt.
Am 3. Juli bekamen sie zwischen dem 65° und dem 66° N. Br. ein hohes, bergiges Land in Sicht (nördlich von Kap Dan), das sie den ganzen Tag und den folgenden Morgen sahen; da scheint Löwenörn indessen durch das Treibeis abgeschreckt zu sein, wenigstens entfernte er sich wieder von „Grönlands eisumgürteter Ostküste“, um einige Tage später nach Island zurückzukehren, wo er längere Zeit im Dyrafjord vor Anker lag. Dies war das einzige Mal, daß er das Land in Sicht bekam. Am 23. Juli ging er freilich abermals aus, um einen Versuch zu machen; da er aber schon am folgenden Tage auf Treibeis stieß, scheint er die Hoffnung sehr schnell aufgegeben zu haben; kurz darauf kehrte er mit seinem größten Schiff nach Dänemark zurück. Obwohl dies ein früherer Walfischfänger war, und also ausschließlich für die Fahrt im Eismeere erbaut, sah er weniger von der Ostküste als die meisten seiner Vorgänger. Eine besondere Vorliebe für das Treibeis scheint er hiernach nicht gehabt zu haben. Es mag zu seiner Entschuldigung dienen, daß er als Marineoffizier keine Erfahrung in der Eismeerschiffahrt hatte.
Als er nach Hause reiste, hinterließ er sein kleineres Fahrzeug, die Yacht „Den nye Pröve“ unter dem Kommando von Sekondelieutenant Christian Thestrup Egede (einem Sohn des Bischof Paul Egede), damit dieser weitere Versuche zur Auffindung von „Österbygden“ machen könne. Als Nächstkommandirender wurde auf seinen speciellen Wunsch der Sekondelieutenant C. A. Rothe angestellt.
Was Löwenörn an Muth und Unternehmungsgeist fehlte, scheint Egede in um so höherem Maße besessen zu haben, und mit der ganzen Begeisterung seiner Jugend setzte er alles daran, um den Traum seines Vaters: die Wiederentdeckung von Österbygden, zu verwirklichen. Schon am 8. August — am selben Tage, an dem Löwenörn heimsegelte — stach er mit seiner kleinen Yacht in See, um noch in diesem Jahr einen ernsten Versuch zur Erreichung der Küste zu machen.
Am 16. August bekamen sie das Land (wahrscheinlich nördlich von Kap Dan) in Sicht, konnten aber infolge des Eises, das sich 7 Meilen von der Küste erstreckte, nicht landen.
Am 20. August kamen sie weiter südlich vor der Mündung eines 1 Meile breiten Fjordes — zweifelsohne des Sermilik-Fjordes — dem Lande bis auf 2½ Meilen nahe; aber auch hier hemmte das Eis ihr Vordringen.
Eine Reihe von Stürmen, die sie schließlich zwangen, sich nach Island zurückzuziehen, verhinderte sie späterhin, in diesem Jahr dem Lande näher zu kommen.
Im Jahre 1787 machten Egede und Rothe nicht weniger als sechs Versuche[55], von Island aus die Ostküste Grönlands zu erreichen, aber obwohl ihnen in diesem Jahr noch ein Fahrzeug — ein zweiter „Hucker“ — von Kopenhagen nachgesandt wurde, gelang es ihnen nur einmal, Land in Sicht zu bekommen. Dies geschah am 17. und 18. Mai, als sie in einer tiefen Bucht im Eise nördlich von Kap Dan dem Lande bis auf 6 oder 7 Meilen nahe kamen.
Der letzte Versuch wurde vom 11. bis zum 29. September gemacht. Bei der Kenntniß, die wir jetzt von den Eisverhältnissen an der Küste südlich von Kap Dan haben, muß es merkwürdig erscheinen, daß sie zu einer so späten Jahreszeit nicht landen konnten; der Grund hiervon war aber, daß sie sich zu weit nach Osten und Norden hin befanden und außerdem mit Stürmen und schlechtem Wetter zu kämpfen hatten.
Im Jahre 1833[56] (am 28. und 29. Juli) erblickte der französische Marineoffizier, Lieutenant de Blosseville, einen Theil der Ostküste zwischen dem 68° und 69° N. Br., konnte aber des Eises wegen nicht landen. Infolge von Havarie sah er sich bald nachher gezwungen, nach Island zurückzukehren. Am 5. August zog er abermals aus, seither hat man aber nie wieder von ihm gehört.
Im Jahre 1859 kam der amerikanische Oberst Schaffner in dem Barkschiff „Wyman“ nach Grönland, um zu untersuchen, ob nicht ein Telegraphenkabel von Europa nach Amerika über Grönland gelegt werden könne. Am 10. Oktober ging er von Julianehaab südwärts an Kap Farvel vorüber und an der Ostküste entlang, ungefähr bis zu der Höhe des Lindenow-Fjords (auf dem 60° 25′ N. Br.). Er entdeckte „auch nicht eine Handbreit Treibeis“ an der Küste, was sehr wahrscheinlich ist, da sie zu einer so späten Jahreszeit eisfrei zu sein pflegt. Ein Nordsturm, der das Schiff seewärts trieb, hinderte ihn jedoch, an der Küste zu landen.
Am 18. Juli 1860 kam Mc. Clintock an Bord des „Bulldog“ bei Kap Wallö (60° 34′ N. Br.) unter die Küste, wurde aber durch Eis am Landen verhindert.
Darauf ging er nach der Westküste und später nach Amerika. Auf der Heimreise, nachdem er Julianehaab besucht hatte, näherte er sich der Ostküste Grönlands abermals und kam am 8. Oktober bei Prinz Christians-Sund (60° 2′ N. Br.) dem Lande bis auf eine geographische Meile nahe. Er stieß hier auf sehr wenig Treibeis, in der Nacht aber erhob sich ein heftiger Sturm, der drei Tage anhielt und den „Bulldog“ in die See zurücktrieb.
Im selben Jahr (1860) am 11. September kam abermals der Oberst Schaffner, diesmal an Bord des hölzernen Dampfers „Fox“, unter Leitung des englischen Polarfahrers Kapitän Allen Young bei Kap Bille der Ostküste Grönlands nahe (ungefähr auf dem 62° N. Br.). Der Zweck dieser Expedition wie derjenige der eben erwähnten „Bulldog“-Expedition war die Anstellung von Untersuchungen in Veranlassung der von Oberst Schaffner projektirten Telegraphenkabellegung über Grönland.
Bei Kap Bille fanden sie, wie mir Allen Young mitgetheilt hat, so wenig Eis, daß man mit Leichtigkeit hätte landen können. Man war freilich — wie es scheint — noch zwei Meilen vom Lande entfernt.
Am 12. September fanden sie auf dem 61° 54′ N. Br. das Eis bis an das Ufer dicht zusammengestaut.
Am 13. September dampften sie „gemächlich der Küste zu, bis ¾ Meilen vom Lande entfernt“, in der Gegend von Omenarsuk; das Eis lag hier aber zu dicht, als daß sie hätten landen können. Ein dunkler Wasserhimmel in der Nähe von Lindenows-Fjord ließ indessen Kapitän Young vermuthen, daß er möglicherweise einen Ankerplatz unterhalb der Küste finden könne. Als sich gegen Abend ein Sturm erhob, richtete er indessen seinen Kurs seewärts, um sich später der Ostküste Grönlands nicht wieder zu nähern.
Im Jahre 1863 wurde mit zwei eisernen Dampfschiffen „Baron Hambro“ und „Karoline“ der Versuch gemacht, für ein englisches Handelshaus, das von der dänischen Regierung die Erlaubniß dazu erhalten hatte, eine Handelskolonie an der Ostküste von Grönland zu gründen. Der Engländer Taylor war der Führer der Expedition. Man verließ Hamburg am 21. August, in der Hoffnung, die Küste zu so später Jahreszeit eisfrei zu finden, aber man hatte sich verrechnet! Sie war vollständig von Eis gesperrt, in das man sich mit diesen eisernen Schiffen nicht hinauswagte.
Im Jahre 1865 kehrte Taylor abermals zurück, diesmal mit dem starken, hölzernen Dampfer „Erik“, der eigens für die Eismeerfahrt gebaut war. Er fand abermals die Küste (ungefähr auf dem 63° N. Br.) mit Eis versperrt, das sich trotz zweier kräftiger Versuche nicht durchbrechen ließ.
Im Jahre 1879 fuhr der dänische Marineschoner „Ingolf“[57] unter dem Kommando von Kapitän A. Mourier mit Lieutenant Wandel als Nächstkommandirendem vom 6. bis zum 10. Juli an der Ostküste von Grönland entlang, vom 69° N. Br. nach Süden zu bis in die Nähe von Kap Dan. Man kam in eine tiefe Eisbucht hinein und kam dem Lande beim Ingolfs-Berge bis auf 4-5 Meilen nahe, konnte aber des Eises wegen nirgends landen.
Kapitän Mourier hielt es nach dieser Expedition für ganz unmöglich, die Ostküste Grönlands von der Seeseite aus zu erreichen. Bereits vier Jahre später sollte die Unhaltbarkeit dieser Behauptung bewiesen werden.
Im Jahre 1882 war, wie bereits früher erwähnt, der Verfasser mit dem Seehundsfänger „Viking“ auf Fang an der Ostküste von Grönland aus. Wir blieben am 25. Juli zwischen dem 66° und 67° N. Br. im Eise stecken und trieben mehrere Tage gerade auf die Küste zu, bis wir uns am 7. Juli auf dem 66° 50′ N. Br. und dem 32° 35′ W. L. in einer Entfernung von etwa sechs Meilen vom Lande zu befinden glaubten. Später trieben wir langsam in südwestlicher Richtung weiter, bis wir endlich am 17. Juli wieder frei kamen.[58]
Im Jahre 1883 machte Nordenskjöld mit dem eisernen Dampfer „Sophia“ zwei Versuche, die Ostküste Grönlands zu erreichen. Am 12. Juni erblickte man zum erstenmal Land bei Kap Dan, konnte aber des Eises wegen nicht landen, weshalb man abermals einen südlichen Kurs an der Küste entlang nahm. Dieses war indessen bis zum Kap Farvel, das man am 15. Juni passirte, versperrt. Dann besuchte Nordenskjöld die Westküste Grönlands, wo er seine Eiswanderung antrat, von der späterhin in diesem Buche die Rede sein wird.
Am 30. August kam er abermals auf der Rückreise am Kap Farvel vorüber. Am 1. September stieß er südlich vom 62° N. Br. auf ein dichtes Treibeisfeld, das sich weit ins Meer hinaus (25-30 Minuten) „vom Eisgletscher bei Puisortok erstreckte. Aber südlich von dieser Eiszunge schien das Meer nach dem Lande zu ganz eisfrei zu sein“. Als man unter Land kam, stieß man dennoch auf einen Eisgürtel, „dessen Breite nicht mehr als sechs Minuten betrug“. Nordenskjöld meinte freilich, daß er sich ohne allzu große Schwierigkeiten hätte durchbrechen lassen, aber er versuchte es nicht, da die Küste dort unbewohnt sein sollte.
Es scheint, als ob die Eisverhältnisse, die Nordenskjöld hier antraf — die Eiszunge, die sich ins Meer hinaus erstreckte und der schmale Eisgürtel nach Süden zu an der Küste — auffallend viel Aehnlichkeit mit denjenigen hatten, die wir auf derselben Höhe oder vielmehr ein wenig tiefer zu überwinden hatten. Es scheint, als wenn hier an dieser Stelle, jedenfalls zeitweise, merkwürdige Unregelmäßigkeiten in den Stromverhältnissen herrschen müssen; doch hiervon später mehr.
Ein Stück nördlich vom 62. Breitengrad schnitt eine tiefe Bucht nach dem Lande zu in das Eis ein, am Ende derselben hemmte jedoch abermals ein schmaler Eisgürtel ihr Vordringen.
Da Nordenskjöld das Land ein wenig nördlicher zu erreichen wünschte, versuchte er nicht weiter, hier durch das Eis zu dringen, „was wohl kaum mit großen Schwierigkeiten verknüpft gewesen wäre“.
Endlich am 4. September sollte es Nordenskjöld gelingen das auszuführen, was so Viele vergebens erstrebt hatten: er kam mit dem eisernen Schiff „Sophia“ durch verhältnißmäßig zerstreut liegendes Eis im Westen von Kap Dan glücklich unter Land und ankerte in einer Bucht, die er „König Oskars Hamn (Hafen)“ nannte. Hier ging man an diesem Tage und am folgenden Morgen an Land und machte verschiedenartige wissenschaftliche Einsammlungen und Beobachtungen. Man fand auch zahlreiche, theils ganz frische Spuren von Eingeborenen, sah aber Niemand, und dies ist, nach den Erfahrungen, die wir an der Küste gemacht haben, äußerst merkwürdig, denn man war mitten in einem bewohnten Küstenstrich gelandet. Die Expedition war auch nicht von den Eskimos bemerkt worden, dagegen hatte sie als einziges sichtbares Zeichen ihrer Gegenwart eine leere Bierflasche aus der Karlsberger Brauerei hinterlassen, welche von den Eskimos gefunden und dem Kapitän Holm[59] im darauf folgenden Jahr als ein übernatürlicher Gegenstand vorgezeigt wurde; besonders schrieben sie der gelblichen Flüssigkeit, von der sich noch ein Tropfen darin befand, göttliche Kräfte zu.
Am 5. September, am Tage nach der Ankunft lichtete die „Sophia“ den Anker wieder und dampfte seewärts, um, wenn möglich, die Küste nördlich von Kap Dan zu erreichen. Dies gelang jedoch nicht, und man sah sich infolge von Kohlenmangel gezwungen, heimzukehren.
Im Jahre 1884 waren die Eisverhältnisse in der Dänemarksstraße sehr günstig für eine Landung an der Ostküste von Grönland, und mehrere von den norwegischen Seehundsfängern sind, wie ich aus zuverlässigen Quellen erfahren habe, in der ersten Hälfte des Juli ungefähr auf dem 67° N. Br. der Küste sehr nahe gewesen, einer von ihnen, Kapitän A. Krefting vom „Stärkodder“, fing hart am Lande Klappmützen, er hätte, „falls es im Interesse des Schiffes gewesen wäre“, das Ufer mit Leichtigkeit erreichen können.
Den letzten der zahlreichen Versuche, das Treibeis an der Ostküste von Grönland zu durchdringen, kennt der Leser hoffentlich so genau aus der früheren Beschreibung in diesem Buch, daß es überflüssig ist, hier näher darauf einzugehen.[60]
Außer diesen Versuchen, die Ostküste Grönlands von der Seeseite zu erreichen, muß hier einiger Vorfälle im Treibeise unterhalb dieser Küste Erwähnung geschehen, um so mehr, als sie in gewisser Weise Vorgänger unserer Beschwerden im Eise sind, obwohl die Letzteren im Verhältniß zu dem, was sich auf der früheren Expedition ereignete, ein Kinderspiel zu nennen sind.
Das Jahr 1777 hat in der Erinnerung aller Derer, die sich mit der arktischen Entdeckungsgeschichte beschäftigen, einen unheimlichen Klang, denn wohl niemals sind die arktischen Regionen Zeugen so grenzenlosen Elends gewesen.
Es war dies ein sehr böses Eisjahr an den grönländischen Küsten und in den Tagen zwischen dem 24. und dem 28. Juni blieben 27 oder 28 Walfischfänger verschiedener Nationalitäten[61] zwischen dem 74° und 75° N. Br. unterhalb der Ostküste[62] im Eise stecken.
Ein Theil dieser Schiffe kam im Laufe der folgenden Monate wieder frei, 12 aber blieben im Eise stecken[63] und trieben südwärts an der Küste entlang, wo sie allmählich zwischen den Eisschollen zertrümmert wurden. Die ersten Schiffbrüche fanden am 19. und 20. August statt, in diesen Tagen wurden 6 Schiffe ungefähr zwischen dem 67° und 68° N. Br. in einer Entfernung von 12-14 Meilen von der Küste zertrümmert. Die übrigen Fahrzeuge trieben in südlicher Richtung weiter an der Küste entlang, die man fast die ganze Zeit hindurch im Auge behielt, gewöhnlich nur 10 Meilen von derselben entfernt. Ende September befand man sich zwischen dem 64° und 65° N. Br. Das letzte Schiff wurde am 11. Oktober 5-6 Meilen vom Lande entfernt, ungefähr auf dem 61½° N. B. zertrümmert, also gerade vor Anoritok, wo unsere Eisfahrt endete. Die Strecke, die es, seit es zuerst im Juni im Eise stecken blieb, treibend in einem Zeitraum von 107 Tagen zurückgelegt hatte, betrug ungefähr 270 geogr. Meilen, — es kommen folglich im Durchschnitt ungefähr 2½ Meilen auf jeden Tag. Während der letzten Zeit dieser Eisfahrt war die Geschwindigkeit freilich bedeutend größer gewesen als zu Anfang. Bis zum 20. August muß sie hiernach durchschnittlich ungefähr zwei Meilen, von dieser Zeit bis Ende September ungefähr 2½ Meilen, dann aber etwa 4 Meilen betragen haben.
Die Besatzung der verunglückten Schiffe pflegte sich auf die noch nicht gesunkenen zu retten, viele nahmen auch ihre Zuflucht zu dem Eise und hielten sich darauf auf.[64] Unter immer zunehmendem Elend ging es südwärts und viele der Leute starben allmählich, Einige ertranken, Andere erfroren, die Meisten aber verhungerten, da in der Regel nur wenig Proviant von den sinkenden Schiffen geborgen wurde, — es war schon von vorn herein knapp genug damit bestellt.
Auf dem letzten Schiffe hatten sich allmählich 286 Menschen angesammelt, und zuletzt wurde die Noth sehr groß. Die tägliche Ration bestand schließlich nur noch aus 10 Eßlöffeln voll Erbsen oder Grütze pro Mann.
Anfang Oktober machten 12 Mann von diesem Schiff aus den Versuch, über das Eis an Land zu gehen (ungefähr auf dem 63° N. Br.). Sie erreichten auch eine Insel, als sie aber von hier aus nicht auf das Festland gelangen konnten, kehrten sie wieder auf das Schiff zurück. Dies sind also die ersten Male in neuerer Zeit, daß es unseres Wissens gelungen ist, die Ostküste Grönlands von der See aus zu erreichen.[65] Nach dem Schiffbruch hielt die Mehrzahl sich einige Tage bei einander auf dem Eise auf. Als sie indessen einsahen, daß es, falls sie in einer solchen Anzahl an bewohnte Stätten gelangten, unmöglich sein würde, für so viele Nahrung zu schaffen, theilten sie sich in mehrere Gruppen, von denen die eine das Land in nördlicher Richtung zu erreichen suchte, während eine andere, größere Gruppe, die Küste verließ, um quer durch das Land bis zur Westküste zu gelangen. Von diesen Allen hat man jedoch später nie wieder gehört. Eine dritte Gruppe von ungefähr 50 Mann ging südwärts an der Küste entlang und traf nördlich von Kap Farvel, wahrscheinlich bei Alluk, auf Eskimos, die sie freundlich aufnahmen, sie mit Proviant versahen und ihnen ihr Frauenboot überließen, in welchem sie später die dänischen Kolonien an der Westküste erreichten. Eine vierte Gruppe, ebenfalls aus ungefähr 50 Mann bestehend, suchte nicht an der Ostküste zu landen, sondern trieb mit dem Eise um Kap Farvel herum, um nach vielen Leiden und zahlreichen Verlusten an Menschenleben an der Westküste zu landen, theils bei Fredrikshaab, theils in der Nähe von Godthaab.
Von den übrigen Besatzungen, die sich nicht an Bord des zuletzt gescheiterten Schiffes befunden hatten, trieben verschiedene kleinere Abtheilungen mit dem Eise bis Kap Farvel und gelangten in ihren Böten bis zu den Kolonien an der Westküste, die Mehrzahl im Oktober oder November. Die merkwürdigste von diesen Gruppen bestand aus 6 Mann mit zwei Böten, die nördlich von Godthaab landeten. Diese 6 Mann hatten die beiden Böte und fast den ganzen Proviant ihres Schiffes gerettet, und statt sich wie ihre Kameraden auf ein anderes Schiff zu flüchten, blieben sie auf dem Eise. Später gingen sie in See, ruderten und segelten am Eise entlang, um Kap Farvel herum und weiter, bis sie endlich nach vielen Leiden eine kleine Klippe nördlich von Godthaab, ungefähr eine halbe Meile vom Festland entfernt, erreichten. Sie wußten nicht, wo sie sich befanden, beschlossen aber, hier zu überwintern. Sie lebten von dem geborgenen Proviant und erbauten sich aus Ruderstangen und Segeln eine Hütte, in der sie infolge von Kälte und Wassermangel große Qualen erlitten. Das Schlimmste war aber doch der Umstand, daß die Wellen bei Sturm über die Klippe hinwegschlugen und sie stets darauf gefaßt sein mußten zu ertrinken. Endlich, Ende März, fanden einige Grönländer die Unglücklichen und zeigten ihnen den Weg nach Godthaab. Diese 6 Mann müssen eine Entfernung von ungefähr 175 geogr. Meilen theils auf dem Eise, theils im offenen Boot zurückgelegt haben.
Von allen Denen, die im Jahre 1777 an der Ostküste Grönlands entlang trieben, sahen ungefähr 320 ihre Heimath nicht wieder während ungefähr 155 Grönlands Westküste erreichten und im folgenden Jahr nach Europa zurückbefördert wurden. Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, daß sie sowohl von den Eskimos wie von den in Grönland ansässigen Dänen auf das gastfreundlichste empfangen wurden.[66]
Im Winter 1869-1870 machte die Mannschaft der „Hansa“ gleichfalls eine fast eben so merkwürdige, wenn auch nicht so ungemüthliche Reise auf dem Eise an der Ostküste Grönlands entlang.
Die „Hansa“ war das eine der beiden Schiffe, welche die sogen. zweite deutsche Nordpolexpedition an der nördlichen Ostküste Grönlands an Land setzen sollten.
Bei dem Versuch, bis an die Küste vorzudringen, gelangte das eine Schiff „Germania“, das außer Segeln eine Dampfmaschine hatte, glücklich durch das Eis, während das Segelschiff „Hansa“ unter der Leitung von Kapitän Hegemann am 6. September auf dem 74° 6′ N. Br. und dem 16° 30′ W. L.[67] (ungefähr 10 geogr. Meilen vom Lande entfernt) vollständig im Eise stecken blieb. Dann trieb das Schiff beständig südwärts weiter in verhältnißmäßig geringer Entfernung vom Lande, bis es am 19. Oktober zerschellt wurde und ungefähr auf dem 70° 50′ N. Br. und dem 20° 30′ W. L. (einige Meilen von der sogen. Liverpool-Küste) sank. Die ganze Besatzung des Schiffes rettete sich indessen mit dem nöthigen Proviant auf das Eis, und nachdem sie sich darüber einig geworden waren, ruhig hier zu verharren statt einen Landungsversuch zu machen, erbauten sie aus den vom Schiff geborgenen Steinkohlen ein Haus auf einer der Eisschollen. Hier verbrachten sie den ersten Theil des Winters, während sie beständig in südlicher Richtung am Lande entlang trieben. Während eines Sturmes am 15. Januar (auf dem 66° N. Br.) barst die Eisscholle mitten unter dem Hause, und sie mußten ihre Zuflucht in den Böten suchen. Später wurde auf einer anderen in der Nähe gelegenen Eisscholle ein kleineres Haus gebaut. Unter häufigem Wechseln trieben sie südwärts weiter, bis sie am 7. Mai ungefähr auf dem 61° 12′ N. Br., wenige Meilen vom Lande entfernt (also nicht weit von Anoritok) die Eisscholle verlassen und in die Böte[68] gehen konnten, in denen sie die Küste zu erreichen suchten, was ihnen jedoch erst am 4. Juni gelang. Sie landeten auf der Insel Iluilek, die ungefähr auf dem 60° 53′ N. Br. liegt. Von hier aus gingen sie in südlicher Richtung weiter, und endlich am 13. Juni erreichten die 3 Böte mit der vollzähligen Besatzung der „Hansa“ glücklich die Herrnhuter Missionsstation Friedrichsthal westlich von Kap Farvel.
Die Strecke, welche die Mannschaft der „Hansa“ trieb, seit ihr Schiff in den ersten Tagen des September 1869 im Eise stecken blieb, bis sie am 7. Mai 1870 die Eisscholle verließen, beträgt zusammen ungefähr 1080 Viertelmeilen oder 270 geogr. Meilen, (also ungefähr dieselbe Entfernung wie die Eisfahrt d. J. 1777; siehe oben). Diese Entfernung wurde in ungefähr 8 Monaten oder 246 Tagen zurückgelegt, was folglich eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 1,1 geogr. Meilen per Tag ergiebt, weniger als die Hälfte der Geschwindigkeit, mit welcher man im Jahre 1777 trieb. Der Grund mag zum Theil darin zu suchen sein, daß die Strömung im Winter nicht so stark ist, zum Theil darin, daß die Mannschaft der „Hansa“ sich in geringerer Entfernung vom Lande befand. Im November trieben sie übrigens durchschnittlich am schnellsten, nämlich zwei geographische Meilen (7,8 Viertelmeilen); zu der Zeit befanden sie sich noch nördlich von Island.
Vergleicht man diese Durchschnitts-Geschwindigkeiten (also 2,5 Meilen im Jahre 1777 und 1,1 Meilen im Jahre 1869-70) mit derjenigen, die wir während unseres elftägigen Treibens hatten und die sich auf ungefähr 6 Meilen (5,8 Meilen) per Tag belief, da ist der Unterschied sehr beträchtlich; während der meisten Tage legten wir sogar 7 Meilen zurück. Wahrscheinlich ist der Grund zu diesem Unterschied darin zu suchen, daß die Strömung im Sommer eine bedeutend größere Kraft hat als zu anderen Zeiten des Jahres; ein anderer Grund läßt sich natürlich auch darin suchen, daß die Mannschaft der „Hansa“ sich tiefer in dem Eisgürtel befunden hat, während wir mehr am Rande waren. Die im Jahre 1777 Verunglückten trieben, wie bereits erwähnt, während des südlichsten Theils ihrer Fahrt mit bedeutend größerer Geschwindigkeit, indem sie südlich vom 64° N. Br. eine Fahrt von 4,5 geographischen Meilen per Tag hatten.[69]
Ich habe mehrmals Gelegenheit gehabt, eine Eigenthümlichkeit der Strömung auf dem 61-62° N. Br. zu berühren (vergl. Seite 264, 291 und 298). Es scheint, als ob hier häufig eine Unregelmäßigkeit in der Richtung und in der Schnelligkeit der Strömung stattfinden muß, die möglicherweise dadurch entstehen kann, daß der Arm einer nördlicher gehenden Strömung eine Veränderung im Eise bewirkt und Eiszungen in das Meer hinaus schiebt (vergl. unsere Erfahrung Seite 248 und Nordenskjölds Seite 291).
Im ganzen scheint aus allem, was wir jetzt über Strömungen und Eisverhältnisse wissen, hervorzugehen, daß der Polarstrom an der Ostküste von Grönland südlich vom 69° N. Br. gewissen jährlichen Perioden unterworfen ist. Diese können möglicherweise wieder Veränderungen in nordwärts gehenden Strömungen ihren Ursprung zu verdanken haben.
Die bisher in diesem Kapitel besprochenen Reisen haben die Kenntniß der Ostküste Grönlands in keinem wesentlichen Grade gefördert.
Die Kenntniß, die wir von dem südlichen Theil der Küste haben, an der entlang zu reisen wir im Begriffe stehen, verdanken wir im wesentlichen zwei Expeditionen, und da es ohne diese, besonders die letzte derselben kaum für uns möglich gewesen sein würde, nach Norden vorzudringen, so liegt es sehr nahe, dieselbe mit einigen Worten zu erwähnen.
Da Danells oben besprochene Reisen scheinbar die Unmöglichkeit einer Landung an der Ostküste von Grönland nachgewiesen hatten, so liegt es sehr nahe, daß man bald auf den Gedanken kam, die Westküste zum Ausgangspunkt für Expeditionen am Lande entlang zu nehmen. Eine solche Anschauung finden wir bereits um das Jahr 1664 von P. H. Resen[70] und im Jahr 1703 von Arngrim Vidalin[70*] geäußert.
Wie bereits früher erwähnt, war Hans Egede, der Apostel Grönlands, der Ansicht, daß Österbygden an der Ostküste Grönlands liegen müsse. Schon im Jahr 1723 unternahm er eine Reise in südlicher Richtung von seinem Wohnort, nahe dem jetzigen Godthaab, um diese Kolonie in zwei Böten an der Küste entlang segelnd zu erreichen. Bei Nanortalik auf dem 60° 8′ N. Br. in der Nähe von Kap Farvel sah er sich indessen am 26. August infolge der späten Jahreszeit und unzureichenden Proviants zur Rückkehr gezwungen. Später äußerte er jedoch die Meinung, daß Österbygden an der Ostküste am leichtesten an der Küste entlang und zwar wenn möglich in Eskimo-Frauenböten zu erreichen sei.
Ein Versuch, von Godthaab aus an der Küste entlang Österbygden zu erreichen, der im Jahre 1733 von Mathias Jochimsen unternommen wurde, mißlang ebenfalls, indem man sich auf dem 61° N. Br. durch Eis am Vordringen gehemmt sah.
Erfolgreicher war der tüchtige Peder Olsen Wallöe, ein Bornholmer, der sich mehrere Jahre als Handelsmann auf Grönland aufhielt. Im August 1751 trat Wallöe seine Reise von Godthaab aus in einem Frauenboot mit einer Besatzung von 4 Grönländerinnen und 2 Europäern an. Im ersten Jahr erreichte er den Distrikt des jetzigen Julianehaab, wo er Untersuchungen anstellte und überwinterte. Im folgenden Jahr wurde die Reise fortgesetzt, an Kap Farvel vorbei eine Strecke an der Ostküste entlang, bis man auf dem 60° 56′ N. Br. an eine Insel gelangte, die er „Nenese“ nennt; dort sah er sich jedoch am 8. August zur Umkehr gezwungen. Dies ist der erste Europäer, von dem man mit Sicherheit weiß, daß er die südliche Ostküste Grönlands betreten hat. Er erhielt jedoch einen schlechten Lohn für seine verdienstvolle Reise und lebte seither in den kümmerlichsten Verhältnissen in Dänemark. Er starb im Jahr 1793 in einem Alter von 77 Jahren im Armenhospital zu Kopenhagen.
Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts wies Eggers deutlich in einer im Jahre 1792 erschienenen Schrift nach, daß Österbygden auf der südlichen Westküste gelegen habe; wenn man es nach der Ostküste verlegt habe, so sei dies ein Irrthum von den Gelehrten der Vorzeit, welche die alten norwegischen Berichte völlig verkehrt gedeutet hätten.
In den Jahren 1829-30 unternahm der Kapitänlieutenant in der dänischen Flotte W. A. Graah seine bedeutungsvolle Reise an der Ostküste entlang in einem zum größten Theil mit Grönländerinnen bemannten Frauenboot.[71]
Am 1. April erreichte man die Ostküste. Am 20. Juni auf dem 61° 47′ N. Br. faßte Graah den kühnen Entschluß, sich von seinen europäischen Genossen, die zurückkehrten, zu trennen und allein mit dem einen der beiden Frauenboote und mit 6 Grönländern weiter zu gehen.
Am 27. Juni auf dem 63° 37′ N. Br. verließ ihn auch sein grönländisches Gefolge bis auf drei junge Mädchen, die er endlich dazu vermochte, ihm als Ruderer weiter das Geleite zu geben. Am 23. Juli erreichte er seinen nördlichsten Zeltplatz, eine Insel, die er Vendom (Kehr um) nannte — auf dem 65° 13′ N. Br., und am 18. August erbaute er auf seinem nördlichsten Punkt, auf der nördlich davon gelegenen Dannebrogs Insel (65° 19′ N. Br.) eine Warte. Hier wurde er durch Eis am weiteren Vordringen gehindert.
Am 21. August trat er die Rückreise an, und am 1. Oktober bezog er bei einem Ort, den er Nukarbik nennt (jetzt Imarsivik auf dem 63° 22′ N. Br.) sein Winterquartier. Den Winter verbrachte er unter Krankheit und großen Entbehrungen. Als der Frühling kam, hatte er indessen den Muth nicht verloren, sondern machte am 5. April einen neuen Versuch, in nördlicher Richtung vorzudringen. Am 25. Juli mußte er jedoch nach den unglaublichsten Widerwärtigkeiten abermals umwenden, ohne so weit gelangt zu sein wie im vorhergehenden Jahre.
Am 16. Oktober langte er endlich in Frederikshaab an, nachdem er viel erduldet hatte.
Die Frucht dieser merkwürdigen Reise waren gute Aufklärungen über die Ostküste Grönlands bis an den 65. Breitengrad. Ueberreste von Nordländern oder Ruinen von ihren Häusern fand Graah dagegen auf der ganzen von ihm bereisten Strecke nicht, und damit schien die Unmöglichkeit nachgewiesen, daß Österbygden an der Ostküste gelegen haben könne. Das Einzige, was Graah an europäischen Ueberresten fand, war eine Kanone, die bei Koremiut im Uarket Fjord auf dem 61° 17′ N. Br. gefunden worden war. Diese muß wahrscheinlich von irgend einem Schiff herstammen, das im Eise gescheitert und an der Küste entlang getrieben ist.
Eine Nordländer-Ruine wurde indessen von dem Herrnhuter Missionär Brodbeck im Jahr 1881 bei Narsak auf der nördlichen Seite des Lindenow-Fjords oder Kangerdlugsuatsiak (auf dem 60° 30′ N. Br.) gefunden, wohin er in einem Frauenboot eine Reise unternahm, also die dritte uns bekannte Reise an der südlichen Ostküste von Grönland. Es ist dies die einzige Nordländer-Ruine, von der man an der Ostküste weiß. Uebrigens hatte Giesecke, der die Grönländer davon hatte erzählen hören, bereits im Anfang des Jahres darüber berichtet.
Die letzte Reise an dieser Küste entlang ist die dänische Frauenboot-Expedition unter Leitung von G. Holm, Kapitän in der dänischen Marine. Sie währte 3 Jahre, von 1883-85, und war ebenso wie Graahs Expedition vom dänischen Staat ausgesandt worden. Sie bildete einen Theil der seit 1876 fortgesetzten „geologischen und geographischen Untersuchungen in Grönland“.
Die Expedition, die außer dem Führer, aus den Dänen Marinelieutenant Garde, dem Nächstkommandirenden, Peter Eberlin, einem Botaniker und Geologen, dem norwegischen Geologen H. Knutsen, sowie zwei dänischen Grönländern, den Gebrüdern Petersen, die als Dolmetscher fungirten, bestand, wurde in Frauenbooten mit grönländischer, meist aus Frauen bestehender Besatzung unternommen. Infolge der früheren Expeditionen hatte sich allmählich die Ueberzeugung, daß dies die einzige Art und Weise sei, wie man die Ostküste Grönlands bereisen könne, bei den dänischen Grönlandsfahrern eingebürgert.
Im ersten Sommer erreichte die gesammte Expedition mit 4 Frauenböten und 10 Kajaks zu Anfang August Iluilek an der Ostküste (60° 52′ N. Br.). Hier wurde ein Depot für das folgende Jahr zurückgelassen, und am 10. August trat man abermals die Heimreise nach Nanortalik, westlich von Kap Farvel, dem Standquartier der Expedition an, wo überwintert wurde.
Im nächsten Jahr (1884) trat man die Reise an der Küste entlang mit 4 Frauenböten und 7 Kajaks an (im ganzen 31 Menschen außer den 6 Europäern). Ein Theil der Besatzung wurde am 18. Juli von Karra akungnak aus wieder nach Hause gesandt.
Am 28. Juli erreichte man Tingmiarmiut. Von hier aus kehrte die Hälfte der Theilnehmer der Expedition unter Leitung von Lieutenant Garde nach Nanortalik zurück, auf dem Wege Untersuchungen vornehmend.
Kapitän Holm mit dem übrigen Theil der Expedition, bestehend aus H. Knutsen und dem Dolmetscher Johan Petersen, sowie 2 Grönländern und 6 Grönländerinnen und in 2 Frauenböten vertheilt, verließ am 30. Juli Tingmiarmiut und zog gen Norden weiter, an der Küste entlang. Am 25. August kamen sie zu Graahs nördlichstem Punkt auf der Dannebrogs-Insel, also einen ganzen Monat später als dieser.
Am 1. September erreichten sie Angmagsalik bei Kap Dan, wo sie eine große bebaute Strecke mit ungefähr 400 Menschen fanden. Hier überwinterten sie.
Im nächsten Sommer (1885) zogen sie am 9. Juni abermals südwärts und stießen am 16. Juli bei Umanak ungefähr auf dem 63° N. Br. mit den übrigen Theilnehmern der Expedition, die von Süden kamen, zusammen. Am 18. August erreichte die ganze Expedition Nanortalik und kehrte bald darauf nach Dänemark zurück.
Die wissenschaftliche Ausbeute dieser Expedition war überraschend groß; die Ostküste bis zum 66° N. Br. ist dadurch in Bezug auf die Bevölkerung und die natürlichen Verhältnisse gründlich untersucht worden, und die genauen Karten, welche sie von der Küste geliefert hat, haben es uns im wesentlichen ermöglicht, unsern Weg mit Sicherheit an derselben entlang zu finden.