Daneben könnten die Fensterverschlußplatten ein besonderes Kapitel beanspruchen; die durchbrochenen Platten, mit denen die Fensterlöcher nach außen gefüllt wurden, die die Glasfenster zu ersetzen hatten, deren es damals für solche Zwecke gar zu wenige gab. Daher man die Fensteröffnungen an sich so klein als möglich machte, um wenigstens Sturm, Regen und Schnee nach Möglichkeit auszuschließen. Haut, Stoff und anderes als Glasersatz verbot sich wohl bei Kirchen. Für den Süden ist das Hilfsmittel, die Lichtöffnungen der Kirchen mit durchbrochenen Marmorplatten zu schließen, bei der dortigen Lichtfülle und dem milden Klima leicht verständlich und genügend. Dieses Material, dünn genug geschnitten, ist überhaupt schon lichtdurchlässig, und so mochten einige kleine Öffnungen, planlos oder ohne besonderen Anspruch auf Zeichnung eingeschnitten, wohl schon genügen, um das Bedürfnis nach Licht, das in den Kirchen ja viel geringer ist als sonst, zu befriedigen.
Mit dem Vordringen der Germanen nach dem Süden werden diese Platten der Gegenstand reicherer Ausgestaltung und Zierung. Die Barbaren übernehmen zunächst den Gedanken ohne weiteres, verpflanzen ihn auch nach Norden; in Frankreich, selbst in England sind solche Fensterplatten mit reichem dichtem Gitterwerk nicht allzu selten. Aber der ganz weiße durchscheinende Marmor fehlte im Norden, und so entstand das Bedürfnis nach stärkeren Öffnungen von selbst, die dann, wo das möglich war, mit Glas ausgefüllt wurden. Die Araber haben solche Fenstereinsätze aus Gipsplatten, mit buntem Glas geschlossen, in Nordafrika noch heute viel im Gebrauche[20].
Die Verbreitung solcher ganz reich verzierter Fensterplatten, die in echt germanischen Schlingmustern, in Bogenfriesen und Arkadengalerien mit Säulchen in reinem Holzstil — kurz im ganzen uns bekannten Zierwerk des Nordens durchgebildet sind, geht aber so weit, als die Germanen zogen (Abb. 61). Sie sind bei den Vandalen in Afrika, den Westgoten in Spanien, den Franken in Gallien, den Angelsachsen in England, den Langobarden in Italien zu Hause[21]. In Deutschland und weiter im Norden fehlen größere durchbrochene Fensterplatten dagegen scheinbar ganz, wohl weil das Licht sonst nicht mehr ausreichte; freilich könnte es seinen Grund auch darin haben, daß sie nach dem 8. und 9. Jahrhundert überhaupt nicht mehr vorzukommen scheinen, die kirchliche Bautätigkeit in Deutschland aber erst damals begann.
Übrigens sind steinerne durchbrochene Verschlüsse für sehr kleine Öffnungen (nicht Kirchenfenster) in Deutschland, später im 11. und 12. Jahrhundert, nicht ganz selten, insbesondere in Türmen, was die Möglichkeit offen läßt, daß gleicher Gebrauch, dessen Dokumente verschwunden sind, für Kirchenfenster vielleicht doch geübt gewesen sein könnte.
In Dänemark finden wir bei Kirchenfenstern in romanischer Zeit übrigens auch hölzerne durchbrochene Fensterplatten, für Glaseinsätze mit Falz versehen, die auf ähnliche Fensterbildung schließen lassen. Auch im angelsächsischen England werden durchbrochene Holzbretter als Fensterverschlüsse erwähnt. Dies dürfte den Gedanken nahelegen, daß in nordgermanischen Ländern früher vielleicht auch durchbrochene Holzläden die Stelle von Fenstern versehen haben könnten.
Was aus allen diesen Beobachtungen aber sicher übrigbleibt, zeigt uns, daß die Germanen, die nach südlicheren Gegenden gewandert waren, in der Herstellung solcher reich gestalteter, ja manchmal geradezu üppiger Fensterplatten ein schönes Feld ihnen zusagender Zierkunst gefunden und bestellt haben. Eine vielgestaltige Musterkarte davon wäre leicht zusammenzustellen. Wenn dazu bemerkt wird, daß solche durchbrochenen Platten ja auch im ganzen byzantinischen Reiche, in Kleinasien, in Ägypten selbst um jene Zeit gebräuchlich gewesen sind, so muß nachdrücklich wiederholt werden, daß dies an sich richtig, daß aber die ganze reichere Durchbildung dieses interessanten Zierstückes zu künstlerischer Wirkung, wie es scheint, den Germanen vorbehalten geblieben ist. Langobardische, fränkische und angelsächsische, vor allem aber westgotische Muster sind weitaus die schönsten und bedeutsamsten ihrer Art. Die Übung dieser Völker in den phantasievollen Arbeiten des Flechtornaments und ähnlichem bildete ja auch hierfür trefflichste Schulung; nicht minder ihre Neigung von alters her, jede Fläche mit flachem Schmuckwerk zu brechen.
Von besonderem Reize sind die (erneuerten) in den schlanken hufeisenförmigen Fensteröffnungen zu Venta de Baños (Spanien).
Die wunderschönen Fensterplatten aber an S. Miguel de Lino in Spanien zeigen uns sogar bereits völlig ausgebildete Maßwerke; diese im Mittelalter so prächtig und glänzend durchgebildeten Zierstücke der gotischen Fenster derart vorgefühlt, daß hier gar nicht viel mehr hinzuzufügen bleibt. Auch die Fensterrose ist in vollständiger Ausbildung da bereits vorhanden (Abb. 61).
Solche steinerne, durchbrochene Fensterplatten als Fensterausfüllungen beschränkten sich dabei keineswegs auf kirchliche Gebäude. Auch an reichen Profangebäuden sind solche nachgewiesen. So fand sich eine sehr hübsche nahe bei S. M. de Naranco (bei Oviedo), sicher ein Rest des von König Ramiro I. dort erbauten Wohnpalastes, den dieser nach 842 in Verbindung mit einem Bade dort neben der Königshalle errichtete. Diese Platte ist im Muster recht dicht, doch lassen sich als charakteristische Form kleine Hufeisenfenster und Kreuze darin nicht verkennen. Andere Platten zeigen geradezu offene Fensterarkaden, sicherlich zum Ausblick geeignet oder bestimmt. So solche in Merida in Spanien — auch in Brescia eine ganz ähnliche. Die Breitenform dieser Platten schließt scheinbar ihre Anbringung in Kirchenfenstern aus; wir haben also auch in ihnen wohl profane Fensterplatten zu sehen, wie eine solche sich — noch jünger und interessant durch ihren Kerbschnittschmuck — am grauen Hause zu Winkel (Rheingau) vorfindet, sicher dem ältesten steinernen Privathause der Germanen, das uns erhalten ist.
Außerdem aber, auch wohl für diejenigen Fenster, die nicht in der dargestellten Art ausgefüllt, sowie gewiß für solche, die mit Glas geschlossen waren, sind frühzeitig äußere Fensterläden aus Holz oder Stein gebräuchlich gewesen; jedenfalls zum Schutze gegen Regen, starke Sonne und äußere Beschädigung. Wenigstens sind vorspringende Steine mit vertikalen Löchern für die Zapfen der Läden nachzuweisen, so an S. Giorgio in Valpolicella (Italien), bei S. Tirso in Oviedo (Spanien), in beiden Fällen an der Ostapsis, aber auch sonst öfters; in Torcello sind steinerne Läden noch vorhanden.
Es darf hier übrigens nicht vergessen werden, daß bereits sehr früh nicht nur Glasfenster vorkamen, sondern selbst farbige erwähnt werden; so von Venantius Fortunatus (560) bei der Anführung einer Kirche zu Lyon, wo der Ausdruck „versicoloribus figuris“ von ihren Glasfenstern gebraucht wird. Ähnliches wird damals von der Kathedrale in Paris gerühmt. Es ist natürlich hier wohl nur an ornamentale Figuren zu denken.
Wenn wir nun nochmals zu den Portalen zurückkehren, so geschieht dies, um die Anwendung gleicher Grundsätze und Übung, wie wir sie soeben bei den Fenstern in Kraft treten sahen, auch bei ihnen zu finden. Ich bemerkte schon, daß, besonders in rein germanisch gebliebenen Gegenden, so bei den Angelsachsen, die Verbreiterung der Öffnungen nach unten nichts ungewöhnliches ist.
Des Tympanons und seiner Entstehung aus der Erhöhung des Entlastungsbogens ist früher bereits gedacht, nicht aber des Schmuckes dieses Bogens selber, der im 8./9. Jahrhundert von Bedeutung wird. Die Archivolte beginnt überhaupt als Zierteil interessant und wichtig zu werden; besonders in der Außenarchitektur. Da sind geometrische Verzierungen, Kerbschnittmuster, Bogenfriese, Ringelungen, Blattfriese, Flechtfriese u. dgl. in Plastik nichts seltenes. — Auch eine neue Eroberung, die freilich in der spätrömischen Baukunst hier und da bereits schwach angedeutet erscheint.
In Cividale in S. M. della Valle treffen wir im Inneren der Kirche ein Portal bereits aus der Mitte des 8. Jahrhunderts, das uns ein Muster üppigster Verzierung der Archivolte in Stuck bietet, den oberen Fenstereinfassungen völlig entsprechend. Die ganze Art der Auffassung gibt uns freilich einen Anklang an syrische oder byzantinische[22] Bogenverzierungen (Jerusalem, goldne Pforte), doch ist das eigentliche Wesen des ganzen Portals in Cividale völlig verschieden von dem jener östlichen Bogenwerke, nicht minder die Verzierung durch das wunderschöne Gewinde der Weinranke und das rein langobardische Flechtwerk. Es kann diese Gestaltung vielleicht als das älteste bekannte Beispiel einer richtigen Portalausbildung durch Einfassung mit Säulen und Archivolte um ein vertieft liegendes, halbkreisförmiges (hier ausgemaltes) Tympanon über einer Türöffnung mit wagerechtem Sturze bezeichnet werden (Abb. 104). Was das romanische und gotische Mittelalter aus diesen Grundzügen gemacht hat, ist bekannt.
An fränkisch-merowingischen Bauwerken finden sich außerdem in Backsteinmosaik hergestellte bunte Bögen häufig; so am Portale der Kirche zu Distré, dessen Bogendekoration sich oberhalb des großen Westfensters der Kirche Basseoeuvre in Beauvais fast genau wiederholt. Einzelne wollen alle solche farbig verzierten Bögen in spätere Zeit, bis ins 10. Jahrhundert herabschieben. Dürfte dies schon im allgemeinen nicht zutreffen, vielmehr das 8. hier richtig sein, so sind, selbst wenn wir einige der uns erhaltenen Archivolten dieser Art wirklich als etwas jünger zu betrachten haben sollten, dies ganz ohne Zweifel dann Spätlinge und letzte Repräsentanten einer im 7.-9. Jahrhundert bei fränkischen Bauten allgemein verbreiteten Zierweise; ganz ebenso wie die mit Backstein durchschossenen Fenster- und Türbögen, die in Frankreich überall schon viel früher, bei uns bis in die karolingische Zeit vorkommen (vgl. Abb. 60).
Diese auf farbige Wirkungen berechnete Einfügung von Ziegellagen und in Muster geschnittenen Plättchen um Fenster und Türen korrespondiert genau mit der besonders in Frankreich so weit verbreiteten, überall als merowingisch bekannten bunten Musterung der äußeren Flächen der Bauwerke in verschiedenem Material und mannigfacher Lagerung. Ein Nachleben der rein technischen, nie dekorativ gedachten Gepflogenheit der Römer, ihre Mauern mit Flachschichten von Ziegeln zu durchziehen, ihr Bruchstein- oder Stampfmauerwerk mit verschiedenartigem Verbande des Mauerwerkes zu bekleiden, die von den germanischen Erben zu Zwecken architektonischer und farbiger Gliederung ausgebaut wurde. Auch die Langobarden haben davon ähnlichen Gebrauch gemacht.
Es kann als feststehend angesehen werden, daß niemals eine mannigfaltigere Struktur der Mauermassen üblich gewesen ist, als zu Zeiten der Römer, aber auch keine gediegenere, gegenüber dieser Mannigfaltigkeit.
Wenn auch bereits die Ägypter und später dann in noch höherem Maße die Griechen die Gediegenheit des Quaderbaus auf eine nie übertroffene Höhe gebracht haben, was die Sorgfalt der Behandlung, die Genauigkeit der Durchführung und des Steinschnittes anbelangt, so beschränkten sich die Römer nicht hierauf, indem sie in besonderen Fällen einen fast ebenso haarscharfen Fugenschnitt, eine annähernd gleiche Präzision der Steinmetzarbeiten zu erreichen wußten und ihre Steinbauwerke trotz der ungeheuren Größe des Reiches überall auf einer erstaunlichen Höhe technisch vorzüglicher Durchführung zu halten verstanden, sondern sie verbanden damit auch bei andersartiger Herstellung von Mauern eine Vielartigkeit der Technik, die in Erstaunen setzt.
Insbesondere kommen hierbei Backstein-, Bruchsteinbau, Stampf- und Gußmauerwerk in Verbindung mit Verblendung der Mauern in Betracht.
Fern von dem modernen Streben, die Mauermasse so dünn als möglich zu machen, bildeten sie diese meist von gewaltiger Stärke, besonders seitdem das Konkretmauerwerk allgemein üblich geworden.
Seit dieser Zeit wurden die Ecken, Einfassungen und tragenden Teile meist verzahnt aus Ziegeln aufgeführt, manchmal aus Quadern, sodann der innere Mauerkörper dazwischen in mörtelreichem Bruchsteinmauerwerk oder ganz in Guß oder Stampfmörtel ausgefüllt, seine übrigbleibenden Außenflächen aber mit meist kleinen, oft quadratischen, sehr regelmäßig behauenen Hausteinen verkleidet, die in Format und Erscheinung etwa an unsere Pflastersteine erinnernd nach hinten spitzer zulaufen. Diese Verkleidung wurde entweder im Verband horizontal oder auch schräg schachbrettförmig geschichtet. In letzterem Falle mußte die Vorderfläche der einzelnen Steine natürlich genau quadratisch sein. — Das „opus reticulatum“, wie man dies Mauerwerk nannte, war sehr üblich, besonders als Untergrund für verputzte Wände. An die Stelle dieser Behandlungsweise tritt auch wohl das „opus spicatum“, fischgrätenartig gemauerte Steine.
Bei diesen verschiedenen Mauerverbänden liebte man es, in gleichen Abständen zur horizontalen Abgleichung dünne Schichten großer hartgebrannter Ziegel durchzuführen, die gewissermaßen zugleich als Längsanker dienten. Solche verschiedenartige Behandlungsweise der Mauern wirkt natürlich auf ihrer Fläche höchst farbig und malerisch und verleiht noch heute den römischen Ruinen ihre ganz eigenartige Physiognomie.
Natürlich kam dies mit dem Verfallen der römischen Bauwerke viel stärker zur Wirkung, während es zu den Zeiten ihres Glanzes kaum in die Erscheinung getreten sein mag. Denn jene Bauwerke waren der Regel nach, je kostbarer sie waren, um so gewisser mit anderem Material verkleidet, insbesondere mit Marmorplatten und dergleichen, oder auch mit dem ausgezeichneten Putz der Römer, der in mehreren Lagen aufgetragen und bemalt wurde.
Mit dem Verschwinden der kostbaren Verkleidung und dem Abfallen des Putzes aber trat die merkwürdige Struktur dieser Mauern höchst malerisch wieder zutage, und so benutzten insbesondere die merowingischen Franken wie die Langobarden diese Vorbilder, um in ähnlicher Weise ihre Steinbauwerke in der Fläche gleich bunt zu gestalten.
Die roten Ziegelschichten in der Horizontale wie in den Bögen aller Art, die verschiedensten Behandlungsweisen der Quadermauern sind insbesondere in Frankreich im 7. bis 10. Jahrhundert ungemein verbreitet. Die Bekleidung der Mauern mit ganz kleinen Quadern mit starken Fugen, „petit appareil“ genannt, charakterisiert die Bauwerke jener Zeit geradezu, besonders wenn ihre Fläche nun mit Ziegelschichten in verschiedener Entfernung, mit Bahnen von Fischgrätenmauerwerk, mit allerlei Figuren, von Netzmauerwerk und dergleichen mehr durchzogen sind. Die Hinzufügung von bunten Ziegelplättchen, die in verschiedenen Mustern eingelegt wurden, von mehrfarbigen Steinen, selbst von Marmor, steigerte diese Wirkung oft zu einer gewissen Pracht.
Auch der einzige bekannte Merowingerbau auf deutscher Erde, die Halle zu Lorsch, zeigt an der Vorderfront seine Flächen mit einem übereck gestellten Drei- und Sechseckmuster in roten und weißen Sandsteinen überzogen, und in den Ruinen des dazu gehörigen einstigen Klosters fanden sich noch viele Reste von farbigen vielgestaltigen Mosaikmustern in Stein.
Der „Römerturm“ in Köln, ein runder Eckbau der alten Stadtmauer, ist in seiner ganzen gebogenen Fläche überzogen mit den mannigfachsten Friesen, Mustern und Figuren in verschiedenfarbigen Steinen, offenbar das Werk von Franken erst des 6./7. Jahrhunderts, nicht etwa wirklich der Römer. Es ist der gleiche Flächenschmuck, wie an den noch späteren Kirchen in Frankreich, von Cravant, St. Genéroux und vielen anderen, und zeigt die Freude an farbiger Erscheinung der Oberfläche der Mauern, die ja hier im Lande wie in Italien bis ins 11. Jahrhundert wirksam blieb. Man denke nur an die prächtige, noch ganz merowingisch anklingende farbige Behandlung der Ostseite von Notre Dame in Clermont-Ferrand oder an die freilich noch ältere, doch auch schon ins Romanische übergehende Portalpartie von S. Michel de l’Aiguille zu Le Puy.
An die früher beschriebene Rippung oder Riefung der Quaderflächen bei den Franken sei hier nochmals erinnert.
Was nun die Gebäude selber anlangt, die von jener Zeit noch berichten, so sind sie, wie schon bemerkt und selbstverständlich ist, sehr selten geworden; natürlich fast ausschließlich Kirchen und Kapellen. Von Palästen und Königshallen ist hie und da, ganz vereinzelt, noch ein Rest vorhanden, auch wohl ein Grabmal, von Wohnhäusern aber fast nichts mehr. Den Kirchen ist hie und da die Pietät zustatten gekommen, die ja alle solche Gebäude verhältnismäßig am wenigsten anzutasten gestattete. Doch auch wieder hat jene Pietät oft am allermeisten vernichtet, da sie mit Vorliebe an die Stelle gerade der ältesten und wertvollsten Heiligtümer nachher, sei es in früherer oder späterer Zeit, größere und reichere Bauwerke zu setzen strebte. So hat man noch im Beginn des 18. Jahrhunderts zur Feier des 1000jährigen Jubiläums die Kirche Winfrits zu Fulda abgebrochen und durch einen neuen prachtvollen Dombau im Barockstil ersetzt, wie auch der Kölner Dom, die Notre-Dame-Kirche zu Paris, ja wohl alle großen Kathedralen der alten Germanenstädte an die Stätte ältester Heiligtümer getreten sind. Man muß es tief beklagen, daß die Frömmigkeit, anstatt den neuen Dom neben dem alten zu errichten, überall darnach strebte, ihn gerade genau auf die alte geheiligte Stelle zu setzen, die seither das durch seine Vergangenheit so unendlich wertvolle und ehrwürdige Bauwerk einnahm.
Daher ist uns kein einziges wirklich bedeutendes kirchliches Bauwerk der Germanen aus der Zeit vor Karl dem Großen geblieben[23]; ja beinahe keines, welches älter ist als das 11. Jahrhundert. Nur der Zufall hat hie und da geholfen, wie in Beauvais, wo die neue Kathedrale so ungeheuer und riesenhaft begonnen wurde, daß man am Chorbau anfangend bis zum 16. Jahrhundert nur bis zum Querschiff gelangt ist, und das Langschiff des alten Doms wenigstens, das nach Westen zu so lange noch bleiben sollte, bis sein Platz beansprucht wurde, heute noch steht. Es ist freilich ein kleines Gebäude, arm und unansehnlich, besonders neben jenem riesigsten Bauwerk, das die Gotik je sich zu bauen unterfing, und deshalb basse oeuvre genannt, doch für uns immer noch von hervorragendem Werte.
Die Arabersturmflut hat leider in Spanien das meiste zerstört, was sie vorfand, wo gerade in jenem seither still gewordenen Lande die Bedingungen für eine Erhaltung solcher Werke eher gegeben gewesen wären. Immerhin ist dort einiges in ganz vergessenen Ecken des Landes noch in verhältnismäßig recht gutem Zustande übrig.
Was die wenigen erhaltenen Bauwerke nun selber anlangt, so ist es beinahe selbstverständlich, daß wir in ihnen nicht große Leistungen, Typen und Marksteine der Baukunst zu finden hoffen dürfen. Vielmehr ist es gerade durch ihre Stellung als die erster Lebens- und Kunstäußerungen bisher hier untätig gebliebener junger Stämme auf dem Gebiete des Steinbaus gegeben, daß wir in solchen Werken nur tastende Versuche auf unbekanntem Boden für seither nicht gekannte Bedürfnisse, für ein neues Dasein in neugegründetem Reiche zu sehen haben. Dazu sind die bedeutsamsten wichtigsten und reich ausgestatteten Werke alle längst verschwunden; es blieben uns eben keine Kathedralen, sondern fast nur Dorfkirchen. Daher müssen wir uns dahin bescheiden, daß wir an dieser Stelle nicht ganze Systeme von Grundrissen und Aufbauten wie wichtigeren Anordnungen näher entwickeln, wo es sich ja doch kaum um mehr handeln kann, als um Keime einer künftigen Kunst, die aus diesen Versuchen und aus der Übertragung der mitgebrachten Kenntnisse in Holzbau und Kleinkünsten auf die neuen Materialien, Aufgaben und Gestaltungen erst im Laufe weiterer Jahrhunderte zu großen Leistungen gelangte.
Auch an Größe sind sie meist sehr bescheiden. Es liegt nahe genug, daß die neuen Herren in ihren Bedürfnissen noch sehr anspruchslos waren und auch technisch nicht Größenverhältnisse erstreben durften, wie sie den Römern alltäglich waren.
So sind die ältesten germanischen Kirchen fast stets eher Kapellen, ja oft winzig; es scheint, als ob die Hauptmasse der Andächtigen sich vor den Türen versammelt hätte; es gibt selbst Kirchlein, die ringsum offen waren (S. Peterskapelle in Helmstedt).
Immerhin werden wir bei der Besprechung der noch vorhandenen Bauwerke und ihrer Ausstattung wie der einzelnen Kleinwerke, die wir in noch verhältnismäßig größerer Zahl und in vielen Resten vor uns sehen, doch Gelegenheit genug haben zu bemerken, daß überall ein origineller Geist und eine eigene Art des Geschmackes tätig war, daß wieder andere und anders begründete Ansprüche und Bedingungen auf ihre Gestaltung einwirkten und diese beeinflußten, und zwar in einem neuen Sinne und im Geiste einer weiteren Entwicklung oder einer Auffrischung des bereits vergangenen und versunkenen Lebens des südlichen Europas. Ist ja doch die Völkerwanderung zu dem Ausgangspunkte einer völligen Erneuerung der südeuropäischen Völker geworden, und hat sich erst aus dieser neuen Völkermischung jener wunderbare Aufschwung, jene geistige Höhe ergeben, die von Italien, Frankreich, Spanien aus ein weiteres Jahrtausend lang Europa mit den herrlichsten neuen Taten und Geschenken beglückte, an denen ja auch Deutschland in seiner Weise teilnahm. Nur die Balkanhalbinsel und Byzanz haben an dieser Erneuerung nicht teilgehabt und sind seitdem aus dem Kreise der geistig tätigen Länder Europas ganz ausgeschieden, nachdem Byzanz nur mühsam noch eine Reihe von Jahrhunderten ein greisenhaftes Dasein aufrechterhalten hatte.
In bezug auf die architektonische Durchbildung des Baukörpers der kirchlichen und profanen Bauwerke jener Zeit bleibt uns noch einiges nachzuholen. Zunächst der Hinweis darauf, daß den hauptsächlichsten Schutz des nordisch-germanischen wie des antiken Gebäudes gegen die Unbill der Witterung das Dach verleihen mußte; daß aber das nordische Dach naturgemäß hier viel mehr zu leisten hatte als das im Süden, daher von jeher steiler getürmt wurde. Seit der Zeit des Eintritts der Germanen in die Baukunst ist dann das steilere Dach bewußte und beabsichtigte neue Eigentümlichkeit, insbesondere dann auch des späteren nordischen Kirchenbaus geworden.
Ein Blick auf die ältesten Hausurnen bereits belehrt uns, daß das hohe Dach von Urzeiten her bei den Germanen heimisch war; die berühmte Urne von Aschersleben mit ihrer steil emporsteigenden Schilfdeckung, gegenübergestellt einer keltischen (Abb. 62), zeigt uns sozusagen schon in der Dachneigung die Rasse. Das blieb so; ein wichtiges Betätigungsfeld für den Zimmermann. Offener Dachstuhl über dem ältesten Hause wie über der Halle und den kirchlichen Räumen forderte sein ganzes Können heraus; davon ist ja nichts erhalten, aber die spärlichen Reste der früheren Holzdeckung in der Moschee in Cordoba, die offenen Dachstühle altchristlicher Kirchen bis zu dem farbigen, gewiß auf frühere zurückweisenden von S. Miniato zu Florenz läßt uns allerlei mit Sicherheit voraussetzen, was da einst üblich und vorhanden gewesen sein muß.
Von S. Eutrope zu Tours wird der reichgeschnitzte Dachstuhl gerühmt; andere Kirchen, wie die Kathedrale von S. Martin zu Tours, besaßen noch Holzdecken, gemalte oder gar vergoldete, darunter.
Nicht weniger im Profanbau; die großen Königshallen wie die Wohnhäuser hatten von jeher offene Dächer, durch deren Mittelöffnung der Rauch des Herdfeuers abzog. — Manches alte nordische Haus gibt uns noch heute solchen Eindruck; nicht minder wohl der innere hölzerne Ausbau der nordischen Hügelgräber, wie etwa der von König Gorms Grab bei Jellinge, von dem sich noch geschnitzte und gemalte Holzplanken erhielten.
Die äußere Deckung des Daches geschah mit Stroh, Schilf, Rasen, Schindeln oder Ziegeln, letzteres in den südlicheren und vorher römisch kultivierten Gegenden, natürlich in Anlehnung an das dort Übliche. St. Vincent zu Paris[24] besaß sogar vergoldetes Kupferdach.
War oben die Rede von Fenstern und Türen, so fand sich dort nicht Gelegenheit, auch von dem Verschlusse der letzteren zu reden. Vorgeschichtliche Hausurnen (Abb. 62) schon zeigen uns das Holztor, mit mächtigem Riegel oder Holzschloß versehen; solcher Schutz der Türe war im Norden von jeher unentbehrlich. Miniaturen und alte Manuskripte lehren uns denn, daß die an unseren romanischen Kirchen üblichen Holzplankentore mit schweren Eisenbändern schon früher in Merowingerzeiten, wenigstens im 9. und 10. Jahrhundert vorkamen, was dafür spricht, daß, wenn wir an jenen öfters uraltertümliche Formen finden, wir späte Nachwirkung viel älterer Tradition vor uns haben.
Geschnitzte Türen aus isländischen und norwegischen Kirchen, die ins 11. Jahrhundert zurückreichen, deuten ebenfalls auf uralte Vorbilder im Norden.
Drei sehr ehrwürdige geschnitzte Holztüren von großem Reichtume sind uns sogar noch erhalten; zuerst die feine gewiß langobardische des San Bertoldo in Parma. Davon sind erhebliche Reste im dortigen Museum vorhanden, die uns die so charakteristisch germanische Flachschnitzerei und Kerbung auf Rahmen und Füllungen, alles überziehend, in einem wahren Prachtwerke vorführen (Abb. 63).
Ein später Nachkomme, aber viel reicher noch als die erstgenannte, stark im Relief seiner figürlichen Füllungen, teilweise schon von mittelalterlicher Art ist die prachtvolle Doppeltür von S. Maria auf dem Kapitol zu Köln; wenigstens in den Rahmen, die mit feinem Flechtwerk überzogen sind, ebenso wie den Knöpfen auf ihren Kreuzungen, gewiß eine Nachbildung längst verschwundener älterer Vorgänger (Abb. 64, Tafel XV). Bewiesen wird dies schon durch die dritte Holztür, die Haupttür der Kathedrale in Le Puy in Frankreich, die, mindestens noch 100 Jahre älter, sich mit gleichem ganz flachem Flechtwerk auf den Rahmen, aber auch in den Füllungen schmückt. Letztere sind hie und da mit arabischem Ornament und kufischen Schriftzügen durchzogen. Die Araber sandten bekanntlich ihre Sendboten bereits zu Karl dem Großen bis nach Aachen und Paderborn, nachdem sie ein Jahrhundert vorher durch Karl Martell in den nahen Gefilden von Poitiers und Tours in ihrem Siegeslaufe gen Norden gehemmt worden waren. Jedenfalls gingen ihre Beziehungen damals bis weit ins Frankenreich hinein; und sicher ragt diese Türe noch in die Karolingerzeit zurück.
Die drei Türen sind in ihrer Ausbildung gute Repräsentanten der an germanischen Kirchen üblichen Türformen.
Als höchste und edelste Art der Türflügel haben wir die in Bronze gegossenen zu betrachten; eine rein italisch-römische Erbschaft, auch in den Formen, aber von den größten germanischen Fürsten gern übernommen und gepflegt. Theoderichs Grabmal war sicher mit solchen Toren geschlossen; Beweis dafür die noch vorhandenen Türpfannen; auch an seinem Palast gab es deren gewiß, wie er nach einer Nachricht des Chronisten Bronzegießereien für solche Zwecke einrichtete. Daß die jetzt in Aachen befindlichen Bronzetüren des Münsters etwa aus Ravenna stammen wie die Gitter des Hochmünsters, kann vermutet werden. Jedenfalls haben die Aachener Türen durchaus noch römisch-antike Art und Felderteilung. Aber in den beiden eigentümlich gesträhnten Löwenköpfen mit Ringen scheint ein neues Schmuckelement hinzuzutreten, das bis ins 16. Jahrhundert den nordischen Kirchentüren treu bleibt.
In den Kirchenraum eingetreten, bemerken wir in manchen germanischen Kirchen jener Zeit noch eine Besonderheit, die ihnen zu eigenartigem Schmucke gereicht: reiche Dekoration der Wände mit bemaltem Stuck[25]. Die Römer hatten ja die Stukkaturtechnik zur höchsten Vollkommenheit gefördert; auch die Byzantiner hatten sich ihrer noch lange bedient. So ist in der späteren Zeit S. Vitale zu Ravenna in seinen Nebenräumen reich an solchem Ornament in Feldereinteilung, besonders an den Gewölben; doch, wenn auch ziemlich roh, ist alles hier in völlig antik-römischem Sinne behandelt und gebildet; dazu farblos. Einige Jahrhunderte später bedienten sich die Germanen gleicher Technik zum Wandschmuck (Abb. 65), aber in neuer und besonderer Behandlung. Der Umrahmung von Fenstern und Türen mit Halbsäulchen und Archivolten ist bereits gedacht. Aber die Ausgrabungen von Disentis (Schweiz) z. B. haben ergeben, daß die Wände der dortigen Kirche unten in reichem Stabwerk von Stuck verschiedenste Muster zeigten, darüber dann die Hauptfläche mit einer Menge von Figuren in Lebensgröße und darunter bedeckt war; alles in kräftigem Relief ausgeführt und bemalt.
Auch der Deutsche Rhabanus Maurus[26] gedenkt dieser Schmuckweise.
Das klassische Beispiel dafür ist die, wenn auch sonst verstümmelte, doch auf der Westseite ziemlich vollständig erhaltene Prachtdekoration des Tempietto Longobardo zu Cividale, des sogenannten Oratoriums der Herzogin Peltrudis — noch heute vorhanden, wohl aus der Mitte des 8. Jahrhunderts stammend —, wo auf einem starken Gesimse großartige Gestalten heiliger Frauen (oder Prinzessinnen) zu beiden Seiten des reichgeschmückten Fensters, oberhalb des wundervollen Stuckportals, zu wandeln scheinen, Kronen und Kränze in den Händen tragend. Die Bemalung ist freilich verschwunden, doch der stärkste künstlerische Eindruck des einzigartigen Kunstwerkes immer noch vorhanden (s. Abb. 104, Tafel XXIX).
Viele möchten auch dieses Werk, dessen handwerkliche Verfertiger vielleicht byzantinische Stukkateure gewesen sein können, zu einem Werke rein byzantinischer Kunst stempeln. Aber vergeblich, denken wir; wenigstens dem Geiste nach. Denn nirgends in der byzantinischen Kunstwelt findet sich ähnliches, auch nicht in Nachrichten, während die Verwandtschaft dieser Stuckdekoration in Cividale einerseits in der Architektur mit Germigny-des-Prés und Quedlinburg, anderseits in der durchaus ähnlichen Anordnung des Figürlichen mit Disentis — dazu jene literarische Erwähnung aus gleicher Zeit — uns beweist, daß wir hier ein gerade bei den Langobarden, den Franken, in der Schweiz und in Deutschland, sonst aber nirgends bekannte Dekorations- und Kunstweise vor uns haben.
Hier darf man füglich auf das Weiterleben dieser Kunstart in unseren sächsischen Kirchen im 11. und 12. Jahrhundert verweisen. Die überlebensgroßen Stuckgestalten in Goslar, Hildesheim, Halberstadt sind jenen zu Cividale durchaus wesensverwandt; vielleicht fehlen uns nur hier die Bindeglieder zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert.
Ehe wir der noch übrigen einzelnen Bauwerke gedenken, bleibt uns noch das Gebiet der kleineren dekorativen Arbeiten für die Ausstattung der kirchlichen und profanen Gebäude zu besprechen. Und zwar ist dieses Gebiet verhältnismäßig etwas reicher und vielgestaltiger, weil so mancher derartige Gegenstand den Abbruch oder gänzlichen Umbau des Gebäudes, zu dessen Zier er zu dienen bestimmt war, überleben durfte; weil die Pietät, die sich im Neubau der Gebäude selber nicht genug zu tun wußte, doch seinen alten Inhalt manchmal schonte und weiter verwandte oder als Erinnerung an die alte Zeit zu erhalten suchte; weil sich an diese Dinge gar oft der Begriff einer gewissen Heiligkeit knüpfte, da vielleicht der Name irgendeines großen Menschen der Vergangenheit sich damit verband. Zuletzt, weil Ausgrabungen und Abbrüche an alten Bauwerken oft genug die Reste ältester Ausstattungen in der Erde oder in den Mauern verborgen fanden und zutage förderten.
Von diesen erst noch ein Wort.
Das meiste richtet sich auf diesem Gebiete nach dem im gleichzeitigen Italien und Byzanz Üblichen. Im einzelnen aber sehen wir doch nordische Art eindringen. So an den überall üblichen steinernen Schranken, die das Heilige, den Raum vor dem Altar, von dem für die Gemeinde zu trennen pflegten. In manchen Kirchen — Torcello, S. Miguel d’Escalada, Sta. Cristina de Lena, Canterbury — ist der Kirchenraum durch eine Säulenstellung quer abgeschlossen, so daß vor dem Altar ein freier Raum bleibt. Diese Säulenstellung scheint durch Vorhänge abschließbar gewesen zu sein; wenigstens finden sich in manchen kleinen Kirchen (S. Wiperti Quedlinburg) Spuren hölzerner Querbalken, die den Raum vor dem Altar in entsprechender Höhe abgrenzten und Vorhänge getragen haben müssen.
Auf zahllosen Werken altchristlicher Bildnerei und Malerei erscheinen Vorhänge zwischen Säulen und unter Arkaden.
Wenn ein Balken an die Stelle steinerner Abtrennung tritt (trabes doxalis), so trägt er oft das Triumphkreuz, (das bis ins späte Mittelalter im Norden üblich bleibt), von Leuchtern flankiert; von ihm hängen häufig Lampen herab.
In S. M. in Valle zu Cividale wie in Torcello (jünger) finden sich an dieser Stelle noch Steinbrüstungen oder Schranken, die im Dom zu Aquileja sind ins südliche Querschiff versetzt. In S. Clemente zu Rom ist im Mittelschiff in ähnlicher Weise, sehr weit sich erstreckend, ein länglicher Raum durch prächtige Marmorschranken abgeschnitten, dessen seitliche Mauern die beiden Ambonen tragen. Solche Einbauten scheinen im Süden durch die Langobarden eingeführt zu sein.
Dieser Raum war für den chorus psallentium bestimmt und hat sich bis heute als Einbau in vielen späteren spanischen Kirchen erhalten.
Die Franken nahmen von den Langobarden das meiste an, und so sind auch bei ihnen solche Schranken weit verbreitet. Die schönsten Reste der Art fanden sich in St. Peter zu Metz.
Auch in Spanien waren solche nicht selten; die große Masse aber ist bei den Langobarden zu Hause. Und bei ihnen sind dann die Flächen der Schranken oder Brüstungen das wahre Tummelfeld für die eigenartige Ornamentik dieses urspünglich deutschen Stammes, insbesondere das Flechtwerk in allen Auffassungen. So in Aquileja (s. Abb. 37, Tafel XIII), Grado, Ferrara, Mailand, Venedig, Torcello, — bis nach Assisi und Rom.
Solche Brüstungen wurden entweder zwischen große Säulen eingeschoben oder trugen selbst eine Stellung von kleineren Säulchen oder Pilastern, wie sie in Italien vielleicht nur noch in Cividale, S. M. in Valle, wohl erhalten stehen, aber in Torcello im Dom in einer etwas jüngeren Nachbildung noch in prächtigster Art auftreten.
Prachtvoll eigenartig ist diese Trennwand, noch vollständig, in St. Cristina de Lena bei Oviedo. — Dort tragen die schlanken Säulchen weitgespannte Bögen und diese wieder eine noch höher gehende reich durchbrochene Steinwand, die mit Rundbögen nach oben frei abschließt (Abb. 134). Die Brüstung ist aus weißem Marmor und mit feinem Kerbornament geschmückt.
Im Raume hinter der Brüstung steht der Altar. In ältesten Zeiten wie es scheint ein niedriger Tisch, hinter dem der Priester mit dem Gesicht gegen die Gemeinde amtierte. Erst mit den steigenden Aufbauten des Altars veränderte sich dies. — Solche niedrige Altäre sind noch vorhanden, so einer aus der Ostgotenzeit in S. Giovanni Evangelista zu Ravenna, eine Platte auf einem geschlossenen Unterteil mit Pilastern an den Ecken und einem Schrank in der Mitte (für Reliquien oder heilige Gefäße), ein ähnlicher in S. Apollinare in Classe, nur auf freistehenden Ecksäulen, dann in S. Martino in Cividale der Altar, den König Ratchis zu Ehren des Herzogs Pemmo errichtete, mit höchst charakteristischen Skulpturen auf allen vier Seiten reich geschmückt. Auf der Vorderseite Christus in der Glorie, rechts die Anbetung der Könige, links die Heimsuchung, auf Rückseite von Ornament umgebene Kreuze; alles von höchst dekorativer Wirkung und in echtest langobardischem Stile (s. Abb. 100, 101, Tafel XXVII).
Tischförmige Altäre, auf Säulen ruhend, bestehen noch in Vaison in Frankreich und Mettlach bei Trier, beide mit vertiefter oberer Fläche, um Wegfließen des Abendmahlweins zu hindern. — Ein uralter, auf fünf Säulchen in Tarascon. Manche nordische zeigten, wie die genannten ostgotischen, nach vorn eine Öffnung, um das in ihnen ruhende Reliquien-Heiligtum den Gläubigen zu zeigen (S. Wiperti Quedlinburg), andere fensterartige Öffnungen, um einen Blick wie durch Fenster in die Krypta darunter zu gestatten: Hildesheimer Dom, St. Stephan in Regensburg (Abb. 66). Ähnlich ist der Altar in Orléansville in Algier angeordnet. Auf der Rückseite des Ratchisaltars zu Cividale ein Schränkchen.
Ein großes mit Goldblech überzogenes reichgetriebenes Kreuz aus S. M. in Valle zu Cividale (Abb. 67, Tafel XVI) dürfte einen solchen niedrigen Altar geziert haben, den man in der allerersten Zeit nur mit einem Tuche bedeckte, auf dem der Kelch stand. Dann kamen solche Kreuze und Leuchter dazu.
Der dekorative Aufbau hinter dem Altar, der die Stellung des Priesters mit dem Rücken nach dem Volke mit sich brachte, stellte sich sofort ein; er enthielt dann wohl gleich die Reliquien, wie eine solche Rückwand zu Aquileja es zeigt (Abb. 68).
Den reichsten Schmuck der Altäre aber bildeten die Ziborien, tempelartige Überbauten auf vier Säulen oder Pfeilern. Auch ihrer gibt es eine Reihe, dazu eine Menge Reste von solchen. Vortrefflich erhalten vor allen das echt langobardische des Leocadius in S. Apollinare in Classe, ein Prachtwerk mit reichen Skulpturen auf kanellierten Säulen. Das Flechtwerk der Bögen, das Ornament der Bogenzwickel mit ihren mannigfaltigen Tiergestalten gehören mit zum Besten der flachen Langobardenskulptur. Reiche Reste von solchen Ziborienbögen und andere Teile von ihnen sind in Oberitalien noch zahlreich vorhanden.
Inmitten des mit einem Gewölbe (Kuppel) oder einer Flachdecke bedeckten Ziboriums hing in einem Gefäße von oben die Eucharistie an Ketten herab; die Bögen ringsum waren mit Vorhängen versehen.
Ambonen oder Kanzeln sind ebenfalls noch in Resten oder ganz, manchmal mit gut germanischem Ornament geschmückt, vorhanden; so die in S. Elia zu Nepi, in Ravenna in S. Apollinare dentro und S. Spirito, beide wohl noch aus ostgotischer Zeit, im Dom und Museum Reste von solchen; auch in S. Giovanni und Paulo daselbst; in Grado Ähnliches. Diese Ambonen waren auf Säulen freistehende Balkone mit meist mitten nach vorn flachgebogener Vorderbrüstung. Der letzte Nachkomme dieser Art wird die Kanzel Kaiser Heinrichs II. in Aachen sein.
Andere Kanzelformen, die germanisch sein können, finden wir in S. M. in Castello, einen Rest in S. Ambrogio zu Mailand, einen anderen zu Besançon.
In Spanien dagegen hat sich keine Spur eines Ambo gefunden; in manchen Fällen mag da die starke Erhöhung des Santuario, das durch Treppen zugänglich war, für die Predigt und Verlesung genügt haben.
Weihwasserbecken scheinen meist frei gestanden zu haben; die französischen sind eine Art kurzer Säule mit ausgehöhltem Kapitell (Abb. 69); das spanische aus Cardona bei Barcelona zeigt ein Vierpaßbecken in einen Würfel gehöhlt, der auf vier kurzen Säulen ruht (vgl. Abb. 1).
Ein anderes steht noch in der Moschee in Cordoba; ein längliches viereckiges, unten abgeschrägtes Becken auf einem rechteckigen hohen Fuße, dessen vier Seiten mit gekerbtem Ornament bedeckt sind (Abb. 70).