S. Miguel de Lino

Diese Kunst hat einen wirklich glänzenden Höhepunkt gefunden in dem Reste einer Kirche ganz nahe bei dem Weiler Naranco, etwa eine halbe Meile nordwestlich von Oviedo, hoch am Berge, genannt S. Miguel de Lino (Linio, Lillo). Das heute außer Dienst gestellte und leider fast zur Hälfte abgebrochene Gebäude ist das eigentliche Schlußergebnis der nordspanisch-westgotischen Kirchenbaukunst aus dieser letzten Zeit, wie eines der künstlerisch wertvollsten und interessantesten Werke der germanischen Frühzeit überhaupt.

Der Bau rührt nach der Chronik des Mönches von Silo (Mitte des 9. Jahrhunderts) von König Ramiro I. her. Jener schreibt: Quae Michaeli Victorioso archangelo bene construxit qui divino nutu Ramiro principi ubique de inimicis triumphum dedit. — Hiernach hat Ramiro dem Erzengel Michael, als seinem Schutzpatron, dies Gebäude geweiht. — 857 wird es wieder erwähnt; um 883 sagt der Mönch von Albelda von Ramiro: in locum ligno dicto eclesiam et palatium arte fornicea mire construxit[45]. Hier wird also die Lokalität in ligno, von der die Kirche noch heute ihren Namen trägt, deutlich bezeichnet; zugleich die Wölbung betont. Kurz, über die Identität des Bauwerkes kann kein Zweifel bestehen, auch über seinen Erbauer Ramiro I. (842-850) nicht, so daß die Zeit des Erstehens der Kirche sicher auf spätestens 845 anzunehmen ist. Denn 850 starb schon Ramiro in seinem dabeigelegenen Palast.

Ich habe versucht, auf Grund des Restes eine Wiederherstellung des Kirchenplanes im Äußeren und Inneren zu geben. Die Osthälfte ist, wie gesagt, 1846 abgebrochen, aber der ganz nahe dahinter tief einschneidende heutige Hohlweg läßt nirgends Mauerwerk im Boden erkennen, so daß die Kirche sehr kurz gewesen sein muß. Auch stürzt das Terrain gleich dahinter tief ab.

Ist dies maßgebend und nicht etwa jeder Rest von Mauerwerk dort absichtlich entfernt, so muß die sehr kurze Kirche in der Anlage mit der von S. Salvador in Priesca genau gestimmt haben, die ja ziemlich gleichzeitig ist (Abb. 124): kurzes Schiff von drei Jochen, dahinter drei rechteckige Nischen (mit Obergeschoß?), im Westen Vorhalle mit zwei seitlichen Räumen, die hier nur zu Treppenhäusern ausgenützt sind; denn über der offenen tonnengewölbten Vorhalle befindet sich eine ebenfalls gewölbte Empore; diese hat zu beiden Seiten je zwei Türen, deren die westlichsten den Austritt der zwei Treppen, die anderen den Eingang zu zwei Kammern bilden, offenbar für ähnliche Zwecke bestimmt, wie die oben erwähnten Prothesis und Diakonikon.

Abb. 124. S. Miguel de Lino bei Oviedo

Das Tonnengewölbe über den Treppen und Kammern steht parallel zu dem der Empore. — Über dem Mittelschiff erhebt sich zu bedeutender Höhe gleichfalls eine solche Wölbung; die Seitenschiffe haben aber im 1. und 3. Joche Quertonnen; ob eine solche niedrigere oder eine längsgerichtete auch über dem mittelsten bestanden hat, ist heute kaum mehr zu entscheiden; ich neige mich mehr zu dem Gedanken an letzteres.

Statt der Pfeiler hat der Schiffbau seiner reicheren Ausstattung gemäß diesmal vier starke Säulen; Halbsäulen an der Wand entsprechen ihnen.

Außen treten an den in Anspruch genommenen Punkten auch hier Strebepfeiler auf, konstruktiv genau an der richtigen Stelle angeordnet; ihre Flächen sind kanelliert in flachem holzmäßigen Profil mit je fünf Kehlen zwischen Stäbchen auf der Vorder-, je drei auf den Nebenseiten.

Der Bischof Don Sebastian von Oviedo sah unsere Kirche vor 886 und bewunderte sie höchlich. Er bezeichnet sie als vierzig Fuß lang und halb so breit — das ist natürlich eine einfache Schätzung wohl des Inneren —, spricht auch von dem bekrönenden Kreuz, der Laterne, der großen Kapelle und dem Turm für die Glocken, woraus wir aber kaum auf eine Kuppel und einen wirklichen Turm — wohl höchstens auf einen offenen Aufbau zum Aufhängen der Glocken — schließen dürfen. Leider ist bis heute kein Bild des Gebäudes vor dem Abbruch und Umbau 1846 gefunden; es dürfte aber der fehlende Teil dem noch stehenden genau entsprochen haben, wie ich es darzustellen versucht habe (Titelbild).

Wir haben also hier ein konstruktiv ganz trefflich durchdachtes neuartiges System von Tonnengewölben, längs und quer gestellt, vor uns; die stark beanspruchten Punkte der Außenmauern sind mit Strebepfeilern verstärkt (Abb. 125). Das Werk steht so als eine für jene Zeit geradezu geniale Leistung da; trotz kleiner Maße und der Beschränkung auf die eine Gewölbeform ist es als Gewölbebau die größte Leistung jener Baukunst. Nicht minder aber auch formal.

Das Detail zeigt uns hier überall echt germanische Holzformen auf Stein übertragen; meist in ganz auffälliger Weise. Schon die sämtlichen Gesimse und Archivolten sind aus Taustäben, einfachen und verdoppelten gebildet, wie überhaupt der gewundene Stab eine große Rolle spielt. Die Säulenkapitelle gehen aus dem Rund des Schaftes unmerklich in die vierkantige Deckplatte über und sind mit gewundenen Stäben eingeteilt, teilweise mit Rosetten gefüllt. Von einfachster doch in ihrer Art ganz vollkommener Form, die mit dem östlichen Trapezkapitell nichts zu tun hat, doch in ähnlicher Grundgestalt angestrebt wird (s. Abb. 48).

Besonders interessant ist im Inneren die Architektur auf der Westempore (Abb. 126); so die doppelten Türbögen aus je einem Stück Stein mit einem dem langobardischen des 8. Jahrhunderts nahestehenden Ornament, besonders aber die gerieften Dreiviertelsäulen ohne Kapitell, doch mit Fuß, die den großen Gurtbogen tragen, und zwar vermittels eines quer überliegenden Steinbalkens, der die reinste zimmermännische Zierweise zeigt, in Zierformen, die geradezu identisch sind mit denen der Türbekrönung eines Fachwerkhauses aus Sachsenberg von 1585 (Abb. 44).

Nicht minder charakteristisch die Überlagsteine über den kapitelllosen Halbsäulen am Treppenaufgange (Abb. 52) und die Umrahmung der Fenster: überall eingetiefte Hohlkehlen mit kleinen Stäbchen oder Kanten dazwischen, genau solche Profile, wie sie unser 15. und 16. Jahrhundert in der Holzkunst der späten Gotik benützt.

Abb. 125. S. Miguel de Lino. Perspektivischer Durchschnitt.

Ganz besonders neu sind aber die prächtigen breit gelagerten Säulenfüße des Schiffes (s. Abb. 55); ins Viereck übergehende kraftvolle Wulste, an den vier Seiten mit je drei Arkaden geschmückt, die in ganz flachem Relief die Symbole der Evangelisten und Ähnliches enthalten, davon die Umfassung und Überwölbung wie aus Tauen ganz holzmäßig, oder auch wie aus lauter Strohseilen geflochten. Aber von mächtiger Wucht in der Wirkung. Nur noch im hohen Norden (Dänemark) treten ähnlich gefühlte kolossale Säulenfüße auf.

Bemerkenswert sind daneben angefügte Füße von kleineren Säulen, die ergeben, daß eine weit niedrigere Säulenstellung zwischen den großen Säulen das erste Joch des Mittelschiffes ringsum abtrennte. Vielleicht eine Art Baptisterium im Westen der Kirche; denn ein riesiger ganz glatter zylindrischer Taufstein liegt noch vor der Kirche.

Abb. 126. S. Miguel de Lino. Stütze und Bogen auf der Empore.

Die mittlere Apsis habe ich als gleichartig mit der von Santullano und anderen Kirchen jener Art angenommen; die Wände mit Halbsäulen und Bögen darüber gegliedert, da vorhandene Reste von Wandkapitellen und quergerippten Halbsäulen dafür sprechen. Aber auch eine Schranke muß durch die Kirche, wenigstens vor dem Chor her, gegangen sein; in der nächsten Umgebung der Kirche haben sich Reste von Marmorpfosten mit Nuten für einzulassende Brüstungsplatten vorgefunden; meist zeigen sie auf ihrer oben abgerundeten Vorderseite, flach erhaben, einen Krieger auf das Schwert gestützt über einer herablaufenden Ornamentranke.

Auch Bruchstücke von Brüstungsplatten sind übrig, die von bedeutendem Interesse sind. Denn ihrer Behandlung wie ihrem Inhalt nach stimmt die größte mit einer in Ingelheim im karolingischen Kaiserpalast gefundene (Abb. 166) merkwürdig überein. In ganz flachem auf Grund gesetztem Relief sehen wir in ornamentaler Umrahmung ein Flügelpferd dargestellt (Abb. 127), höchst verwandt dem auf der Karolingerplatte, so daß man an den gleichen Ursprung denken möchte. Die Entstehungszeit beider Platten dürfte sicher ziemlich die gleiche sein. Der Rest einer anderen ebenfalls eine Art Ungeheuer darstellenden Platte zeigt den öfters berührten Bindfaden-Reliefstil.

Gen Westen befindet sich die Vorhalle, nach außen ganz offen; die Türflügel waren zwischen Vorhalle und Kirche angebracht. Der Eingangsbogen der Kirche hat nun den eigenartigsten Schmuck: zwei Pfeiler mit Kämpfern, reich mit Bildhauerarbeit geziert; der Bogen ist Backstein, wie oft in jener Zeit (S. Tirso, Val de Dios).

Diese Pfeiler, von denen jeder durch sich kreuzende Friese in drei rechteckige Felder übereinander geteilt ist, gehören mit zu den ältesten figürlichen Bildwerken germanischer Kunst; sind freilich nichts weiter, als eine Übertragung eines elfenbeinernen römischen Konsulardiptychons, das wie so viele dieser Plättchen oben den Konsul zwischen zwei Beamten auf dem Throne sitzend, unten ein Zirkusspiel von Männern und Löwen enthält. Die obere Gruppe wiederholt sich unten nochmals; das Ganze ganz gleich an der zweiten Seite des Einganges (Abb. 30).

Aber nirgends ist der Zimmermannsstil jener Zeit deutlicher erkennbar; nie ist er klarer gehandhabt. Das Relief zeigt jene früher beschriebene Art der Zeichnung wie mit aufliegenden Bindfäden, wie er auch auf den germanischen Münzenbildern auftritt. Aber in Behandlung und Verteilung trotz gänzlichen Mangels an verstandener Zeichnung ein getreues Gegenstück zu den langobardischen Reliefs, die wir z. B. in Cividale kennen lernten; in Capua fanden wir eine nahestehende Darstellung eines Erzengels oder Heiligen. Beide Steine wirken hier wie zwei aufgerichtete Holzplanken im Schiffszimmermannsstil.

Abb. 127. S. Miguel de Lino. Brüstungsplatte.

Das Äußere der Kirche ist imponierend durch die wohl abgestufte Gruppe seiner verschiedenen Bauteile, besonders aber wertvoll durch seine prachtvollen Fenster (Abb. 61). Denn alle großen Fenster sind einfach mit durchbrochenen Steinplatten geschlossen; alle wie aus einem dicken Brett herausgearbeitet, mit Arkaden und kleinen Säulchen, die ganz den im Norden üblichen Drechslerarbeiten entsprechen. Unverkennbare Übertragung damals gewiß viel vorkommender hölzerner Fenster. So klar und deutlich wie nirgends sonst, aber auch von hoher Schönheit. Und darüber halbe oder ganze richtige Fensterrosen, wie sie bisher als ausschließliche Eigentümlichkeit des romanischen Stiles des 12. Jahrhunderts im mittleren Europa betrachtet werden. Selbst im Giebel oben eine solche runde Rose. Kurz, das romanische und gotische Maßwerk völlig klar vorgebildet und begründet, eine künstlerische Neuschöpfung, die später eine sechshundertjährige Fortentwicklung glanzvollster Art gefunden hat.

In dem ersten Quergewölbe des Seitenschiffes glänzt das Prachtstück dieser Fenster: eine dreiteilige Arkade auf vier gewundenen Säulen mit Blattkapitellen, darüber ein durchbrochenes Gitter- oder Maßwerk aus sich durchdringenden Kreisen von allerhöchster Pracht (s. Abb. 61)! Wieder aus einer Steinplatte gearbeitet, doch die ganze Fenstermaßwerkschönheit des Mittelalters bereits erblicken lassend, nicht minder aber den Mauren ein Vorbild liefernd, aus dem diese z. B. im 12. und 13. Jahrhundert auf der Alhambra die phantasievollsten, ja zauberhaften Wirkungen zu entwickeln verstanden[46].

Überall aber hier um die Mitte des 9. Jahrhunderts sichtbare Aufrechterhaltung einer alten Tradition in der Übertragung einer Kunstübung auf den Stein, die in Holz damals noch immer nicht nur lebendig, sondern auf einer hohen Schönheitstufe angelangt gewesen sein muß, von der wir uns allein aus solchen Übertragungen — davon ist sonst leider auch fast alles verloren — einen Begriff zu machen vermögen. Was wir in Norwegen im 12.-14. Jahrhundert noch von Holzkunst an Kirchenbauten lebendig sehen, das gibt uns einen Schimmer von Ahnung dessen, was die Germanen damals im Süden besessen haben mögen.

Dafür, daß solche Folgerung nicht ein Phantasiegebilde ist, gibt uns unsere Kirche — fast allein — greifbaren Beweis. Und nirgends lassen sich für diese Kunstweise andere Vorbilder oder Parallelen, etwa im Orient, in Afrika, nachweisen. Sie ist eben von allem, was sonst als Quelle gilt, völlig unabhängig.

Sta. Maria de Naranco

Wenige hundert Schritte davon liegt eine zweite Kirche, Sta. Maria de Naranco, die heutige Pfarrkirche des kleinen Weilers Naranco.

Es ist unnötig, bei dem klaren Sachbefund noch zu beweisen, daß diese „Kirche“ nichts anderes ist, als der zu S. Miguel de Lino gehörige Palast, von dem die alten Nachrichten sprechen.

XXXIII
Abb. 130. Sta. Maria de Naranco. Inneres.
(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)

Sie sagen: König Ramiro errichtete an dem Lino (lignum) genannten Ort eine Kirche und einen Palast von wunderbarer Wölbekunst (Chronik von Abbelda 883); ferner: er errichtete seinem Schutzpatron Michael eine Kirche zwei Meilen weit von Oviedo, und viele Gebäude aus Mauerwerk und Marmor, gewölbt. (Chronik von Silo 860.) Ferner: Ramiro starb (850) im Palast zu Naranco. Im Jahre 905 verfügt König Alfonso III. über Linio cum palatiis balneis et ecclesia Sti Michaelis.

Ein Blick auf Grundriß (Abb. 128) und Anlage zeigt uns nun, daß wir hier eine altgermanische Königshalle vor uns sehen, und zwar die letzte und einzige, die uns erhalten ist. Ein Fund ohnegleichen!

Die spanische Historikerwelt, die hier die Wurzeln ihrer Monarchie findet, bemüht sich seit langem dies zu bestreiten und zu behaupten, der Bau sei von Anfang an eine Kirche und von Ramiro I. erbaut. Der Himmel nur weiß warum. — Welcher Widersinn darin liegt, daß ein König, der nur acht Jahre regiert hat, solche Mittel aufgewandt hätte, noch dazu in armen kriegerischen Zeiten, um halb in der Wildnis, entfernt von seiner festen Hauptstadt, zwei Kirchen hundert Schritt voneinander zu bauen, das scheint man nicht zu bemerken.

Abb. 128. Sta. Maria de Naranco.

Eine längere Beweisführung ist unnütz, schon den oben angeführten historischen Beweisstücken gegenüber.

Der Sachverhalt ist kurz folgender:

Die heutige Kirche Sta. Maria de Naranco ist die alte Halle der westgotischen Könige in Asturien. Wie alt, ist für jetzt nicht zu entscheiden. Ramiro baute einen Wohnpalast und Bäder dazu, sowie eine Kirche für seinen schützenden Erzengel Michael hundert Schritte weiter.

Der Wohnpalast und die Bäder sind verschwunden, Mauerüberreste und Fundstücke noch vorhanden, auch im Museum zu Oviedo. Darunter ein prächtiges Fenstergitter von viereckiger Gestalt, ein ebenso echtes Stück germanischer Art, wie die Einzelheiten der Kirche S. Miguel. Möglicherweise stammen daher auch die Stücke jener flachen Reliefs aus Marmor, die das Museum bewahrt, wenigstens das jenes Flügelrosses, dem aus der Ingelheimer Pfalz so merkwürdig ähnlich.

Das in Frage stehende Gebäude ist eine lange von Osten nach Westen gerichtete Halle, durch Anbau von Sakristei und Pfarrhaus nach beiden Enden jetzt wohl etwas verdeckt, doch sonst wunderbar gut erhalten, mit Ausnahme der verschwundenen Freitreppe vor der Mitte ihrer Südseite.

Diese Halle bildet ein langes fensterloses Tonnengewölbe, in der Mitte jeder Langseite eine Tür enthaltend. Die südliche ist vermauert, die nördliche mit ihrer Vorhalle und doppelten Freitreppe dient heute noch als Eingang. — An beiden Enden der Halle öffnen sich drei Bögen auf Bündelsäulen in offene Bogenhallen, die nach Westen oder Osten je drei, nach Norden und Süden je zwei offene Bögen hatten. Tiefe Rinnen in den Stützen der Bögen bis zu 90 cm Höhe zeigen, daß diese Bögen unten durch Brüstungen geschlossen waren.

Wir sehen demnach hier einen mit der Langseite nach Süden gerichteten fensterlosen Saal, dessen Eingänge vorn und auf der Rückseite in der Mitte sich befanden (Abb. 129, Tafel XXXII). Auf diese Mitte entwickelt sich das Gebäude nach zwei Seiten völlig symmetrisch.

Innen stehen wir also unter einem langen Tonnengewölbe, durch dessen mittlere Nordtür wir eingetreten sind; es ist durch 13 Gurten geteilt, die 14 Teile ergeben; die Wände zeigen sieben Bogenblenden auf halben Bündelsäulen, von beiden Seiten nach der Mitte etwas ansteigend und sich vergrößernd. An beiden Enden würden wir (wenn nicht die Anbauten hinderten) durch die beiderseitig vorgebauten völlig offenen Loggien ins Freie blicken (Abb. 130, Tafel XXXIII).

Wunderbar und eigenartig ist die Formenbildung: alle Säulen haben gewundene Schäfte; die Wandstreifen sind als Vierblatt im Grundrisse gebildet; die Kapitelle sind zum Teil von einer Art Trapezform, die Kanten mit gewundenen Taustäben besetzt. Die Gurtbögen aber, auf einem durchlaufenden Plattengesimse mit Riefen ruhend, jedesmal dieses durch einen Kropf durchbrechend, senden als Ausläufer in die Zwickel auf jeder Seite sechs höchst merkwürdige Anhängsel: runde Scheiben mit einem geraden Stück darüber, auf das reichste skulpiert. Die Scheiben, mit doppelten Taubändern eingefaßt und mit Ranken umfriest, enthalten in der Mitte je ein phantastisches Ungetüm; die gerade Verbindung darüber zum Gesims enthält zweimal übereinander Doppelarkaden; in diesen sind unten zwei Reiter, oben zwei Männer, die sich zu bekränzen scheinen, gebildet. Alles mit Taubändern eingefaßt, und alles Relief ganz flach auf Grund gesetzt (Abb. 131, Tafel XXXIV).

XXXIV
Abb. 131. Sta. Maria de Naranco. Konsole.
(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)

Diese höchst merkwürdigen konsolenartig wirkenden Anhänger der Gurten sind geradezu einzig in der Welt (ausgenommen einem zweiten nahegelegenen Bau des gleichen Meisters) und von schlagendster Wirkung[47]. Vielleicht Nachbildung der im germanischen Norden als Schmuck so weit verbreiteten Hängebrakteaten (Abb. 29); merkwürdigerweise in ganz verwandter Art 800 Jahre später im deutschen Holzbau (Abb. 44) gelegentlich wieder auftauchend; vielleicht also ursprünglich doch eine Holzbauform.

Die Kapitelle, so weit sie mit Blättern bekleidet und Nachbildung korinthischer sind, stehen auf völlig gleicher Stufe und sind ganz gleicher Behandlung in den eingegrabenen Blattrippen, wie die langobardischen und merowingischen des 7. und 8. Jahrhunderts (Abb. 47).

Das Dach ruht direkt auf dem Gewölbe; die Strebepfeiler, die auch die gewölbte nördliche Vorhalle stützen, sind ganz wie die an S. Miguel de Lino mit Hohlkehlen und Stäben gegliedert, nur weniger dicht; sicher das Vorbild der dortigen.

Abb. 132. S. Maria de Naranco. Giebel.

Alle Bögen innen und außen sind als Archivolten ausgebildet durch eingetiefte Hohlkehlen mit Kanten oder Stäben, wie sie im deutschen Holzbau bis ins 17. Jahrhundert üblich sind, aber hier an den Enden mit einer Rundung in sich zurückkehrend. Auch die Plattengesimse sind so gegliedert. Die Bögen selber aber haben überall einen hakenförmigen Schlußstein, erinnernd an die Hakenkeilsteine der Bögen des Theoderichgrabmals, die Gesimse sind nach Zimmermannsweise übereinander geblattet, nicht stumpf aneinander gestoßen (Abb. 132).

Auch die beiden abschließenden offenen Loggien sind mit Tonnengewölben überdeckt, haben dazu noch jede an der Stirnseite im Giebel ein dreiteiliges Fenster mit gewundenen Doppelsäulchen geteilt; links und rechts davon pilasterartige Streifen, die in Kreuzen endigen, von ähnlicher Kanellierung der Vorderfläche, wie die Gesimse.

Die nördliche Treppe, die eine Vorhalle trägt, hatte ursprünglich nur zwei Läufe nach den Seiten. An Stelle des heutigen mittleren führte eine Türe in das gleichfalls tonnengewölbte Untergeschoß, das durch Querwände mit Türen in mehrere zimmerartige Räume geteilt ist. Es wird von den Spaniern als Krypta der Kirche bezeichnet; eine völlig unmögliche Deutung, da dies Untergeschoß außerdem in gar keiner Verbindung mit der Kirche steht.

Das Podest der nördlichen Freitreppe unter der Vorhalle ist aber höher als der Fußboden der Kirche, so daß man von ihm in diese hinabtritt. Die südliche (vermauerte) Tür war gleicher Höhe mit dem Kirchenfußboden. Es ist daher klar, daß der Nordeingang für den Eintritt des Herrschers bestimmt war; der südliche für den der Vasallen. (Leider ist die alte Nordtüre im 13. Jahrhundert durch eine spitzbogige ersetzt.)

Seit langem bildet die östliche Loggia den Altarraum der Kirche, dahinter ist eine Sakristei angebaut; die westliche Halle ist um einige Stufen erhöht worden und dient als Sängerraum.

Der Altar aber trägt eine uralte Inschrift aus den Zeiten Ramiros I:

Christus, Gottes Sohn, hereingekommen ohne menschliche Empfängnis aus Maria und hinausgegangen ohne Sünde, der Du durch Deinen Knecht Ranimir den ruhmvollen Fürsten mit seiner Gattin, der Königin Paterna, dieses durch übergroßes Alter verzehrte Haus erneuertest und ihnen in diesen Hochsitz diesen Weihe-Altar der ruhmvollen heiligen Maria erbaut hast, erhöre sie aus Deiner himmlischen Wohnung und vergib ihnen ihre Sünden, der Du lebest und regierest von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. Am 9. vor den Kalenden des Juli der Ära 886 (also dem 23. Juni des Jahres 848)[48].

Wir entnehmen hieraus mit Sicherheit folgendes:

Ramiro I (hier noch gotisch Ranimir genannt) hat das damals infolge hohen Alters baufällige Gebäude erneuert, das die Inschrift sogar habitaculum (Wohnhaus) nennt, und in seinem obersten Raume (im Königsaal also) im Jahre 848 den Marienaltar errichtet.

Der Mönch von Silo sagt ferner in seiner Chronik, daß durch Ramiro „palatium in ecclesiam conversum“ sei. Das wird also der Tatbestand sein, der heute nachwirkt: Ramiro errichtete der Mutter Gottes im alten hergestellten Königssaale 848 einen Altar. Der Saal wurde in der Folge — oder seitdem — als Marienkirche gebraucht und blieb dies, denn 857 werden an jenem Orte die zwei Kirchen von S. Miguel und Sta. Maria erwähnt.

Schon vorher aber hatte, wie oben gesagt, Ramiro dort ein Schloß mit Bädern erbaut, eine Palastkirche (S. Miguel) errichtet und residierte da gerne, starb hier sogar. Offenbar hatte die Belegenheit des alten Königssaales (mit dem herrlichsten Ausblick über das Land) den König zur Herstellung des ehrwürdigen Bauwerkes und zur Errichtung weiterer Neubauten ringsum veranlaßt.

Wie alt der Saal damals bereits gewesen, läßt sich schwer sagen. Aber wenn das heute noch in bestem baulichen Zustande befindliche kernige Werk um 848 „nimia vestutate consumptum“ war, so mußte es doch auf ein bereits nicht unbedeutendes Alter zurückblicken. Alles ist aber von Grund auf so ganz aus einem Gusse, daß sich die Schadhaftigkeit doch wohl nur auf Gewölbe und Dach bezogen haben kann.

Wir werden demnach als mindestes ein Alter von gegen hundert Jahren annehmen müssen, was die Entstehung des Bauwerks in die erste Zeit der asturischen Monarchie, also in die Tage Pelayos oder Alfonsos I. rücken würde, spätestens denke ich Fruelas I. Also eben vor oder nach 750.

Wenn wir nach der sachlichen Notwendigkeit seiner Errichtung suchen, so dürfte diese vielleicht in der unter Alfonso I. erreichten Vereinigung Galiziens, Cantabriens und Asturiens gefunden werden können, die das erste größere politische umfassende Ereignis bedeutet, auch ein Zusammentreffen der Repräsentanten der drei Länder in dem Vorlande Asturien erheischen konnte. Langsam drängt das politische Gewicht weiter nach Süden, bis 792 Oviedo Residenz wurde, statt des nördlicheren Gijon. Dazwischen hinein fügt sich ohne Zwang die Entstehung unseres Reichspalastes.

Andernfalls aber könnten wir ihn nur als ein Überbleibsel aus der Zeit des Reiches der Westgoten auffassen. Dies scheint jedoch kaum möglich. Weder entsprechen die meist so freien neuen Formen der Art der Frühzeit, die noch einen dauernden Kampf mit den Überlieferungen der Antike zu führen hatte, noch ist es wahrscheinlich, daß das alte Westgotenreich mit dem Schwerpunkte Toledo in dem vergessensten Gebirgswinkel Spaniens einen so ansehnlichen Repräsentationsbau zu errichten Veranlassung gefunden hätte. Vielmehr werden wir hier eine erste künstlerische Tat des sich von neuem aufbauenden germanischen Staates aus der Zeit zu sehen haben, da es noch nicht zur eigentlichen Städteneubildung gekommen war, wie zwei Generationen später.

Wunderbar genug aber ist es, daß die Grundanlage des Saales sichtlich feststehenden Grundsätzen entsprach, wie ich solche schon bei den ältesten Saalbauten Skandinaviens erwähnte; ich denke an die Lage der Hauptschauseite nach Süden, den Platz des Königs mitten an der Nordseite; das Zerfallen des langgestreckten Baus in sieben Joche genau wie vielleicht beim gleichzeitigen Saal zu Aachen[49] und dem so viel jüngeren zu Goslar; überall auch die Anlage eines mehrgeteilten Untergeschosses und des Saales im Oberstockwerk. Auch die Freitreppen sind allen gemeinsam; gleiche Grundzüge finden wir selbst noch am Saal zu Gelnhausen, wenn dieser auch viel kleiner und eingebaut ist. Die Kaiserpfalz zu Nymwegen scheint einen ähnlichen mächtigen Saal gehabt zu haben. Allen ist aber auch die nahe gelegene Pfalzkirche gemein, nicht übergroß, doch stets ein bevorzugtes Werk der Kunst.

Sta. Cristina de Lena

Vierzig Kilometer von unserem Palast liegt nun noch eine kleine Kirche, ganz einsam auf steiler Hügelspitze, Ermida oder Oratorium von alters her genannt, ganz offenbar nicht nur aus gleicher Zeit, sondern wohl von gleicher Hand, wie unser Königssaal, also die schönste Ergänzung dazu: Sta. Cristina de Lena.

Dieser Bau ist in seiner Art nicht minder charakteristisch, als kirchliche Anlage wohl einzig.

Er besteht aus einem rechteckigen mit Tonne überwölbten Schiffe, an das östlich eine quadratische Altarapsis, rechts und links mitten je ein gewölbter Nebenraum, westlich eine Vorhalle anstößt, so daß die Form eines Kreuzes im Grundrisse herauskommt (Abb. 133). Der Westteil des Schiffes ist durch eine auf einem tiefen Bogen ruhende Sängerempore eingenommen; der östliche bildet eine durch zwei schmale Treppen an den Enden zugängliche Estrade, deren Vorderwand eine Säulenstellung mit drei Bögen und einer teilweise durchbrochenen oben in Bogenlinien aufhörenden freistehenden Wand trägt; zwischen den mittleren Säulen ist eine Marmorbrüstung. Hinter diesem Sanctuarium liegt niedrig der kleine Altarraum.

Der Eindruck dieses Inneren ist höchst überraschend und wirkungsvoll (Abb. 134). Das Tonnengewölbe hat ganz in derselben Art in hängenden Scheiben auslaufende Quergurte, wie in Sta. Maria de Naranco. Hier aber sind Reiter oben und Tiere in den Scheiben, darüber das Band glatt, kurz, alles einfacher; auch die Wandarkaden auf einfachen Halbsäulen mit Trapezkapitell. Zu beiden Seiten des Choreingangs doppelte Halbsäulen gewunden mit Kapitellen (Abb. 48), genau wie in Naranco; im Choreingang gewundene Doppelsäulen ganz ohne Kapitelle, niedrige Wandbögen zu beiden Seiten.

Besonders eigenartig wirkt die merkwürdige Trennungswand vor dem Heiligen. Die vier Marmorsäulen haben Cipollinschäfte und weiße Kapitelle antiken ungefähr nachgebildet, doch das Blattwerk wieder mit jenen eigentümlichen Rippungen, die wir wie in Naranco, so früher in Italien fanden (Abb. 47). Die in die Oberwand wie Fenster eingesetzten durchbrochenen Platten haben alte einfache Muster, teilweise mit Hufeisenbögen. Besonders schön und reich ist aber die Marmorbrüstung oder Schranke, die wir zwischen den mittleren Säulen wohlerhalten[50] sehen, die sich aber nach den vorhandenen Spuren bis in die Mitte der seitlichen Bögen fortsetzte und dort mit einem freistehenden Pfosten schloß.

Abb. 133. Sta. Cristina de Lena.
Abb. 134. Sta. Cristina de Lena. Inneres.
XXXV
Abb. 135. Sta. Cristina de Lena. Brüstung vor dem Altar.
(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)

Das Ornament der Schranke ist ein rein westgotisches, genau übereinstimmend mit den aus Toledos Mauern stammenden im Madrider Museum, und denen zu Merida; sowohl in der rein kerbschnittmäßigen Behandlung, wie in den Motiven; den Kreuzen mit ausgerundeten Enden, den (auch langobardischen) Trauben in Herzform gefaßt. (Abb. 135, Tafel XXXV.) Diese Ornamenttafel trägt nun außer einer nicht recht zu enträtselnden religiösen auch eine Widmungsinschrift: Offeret Flainus abbas. Also die Stiftung eines Abts Flainus (Flaino?) ist unsere Kirche, oder wenigstens die schöne Schranke darin.

Die spanische Archäologie hat sich alle Mühe gegeben, diesen Flainus aufzufinden. Schließlich ist sie auf einen Bischof Flainus unter Fruela II, um 915, gelangt. Und hat danach die Kirche datiert. Das ist natürlich ganz und gar unzutreffend, denn sie erweist sich ja nicht nur als gleichzeitig, sondern sogar als von derselben Hand wie Sta. Maria de Naranco; bei der Übereinstimmung des Einzelnen und der gleichartigen konstruktiven Behandlung ist gar kein Zweifel daran möglich. Sind es doch auch die beiden einzigen noch bestehenden Gebäude auf der Welt mit jenen Hängescheiben unter den Gewölbegurten; die Scheibe zu Murcia ist sogar älter als 711.

Sta. Maria de Naranco, unsere Königshalle, bestand inschriftlich bereits 848, war damals sogar von allzu großem Alter verzehrt gewesen. Und die Einzelheiten wie der ganze Stil der Schranke stehen denen des alten Westgotenreiches noch so nahe, daß wir hier noch ein Werk der Zeit vor der Araber-Invasion vor uns zu haben glauben, also vor 711. Indessen, wenn wir trotzdem aus anderen Gründen unsere Königshalle etwa in die Mitte des achten Jahrhunderts gesetzt haben, so ist ein Zeitraum von 40 Jahren doch kurz genug, um ein Fortleben der älteren Tradition nicht notwendig auszuschließen.

Jedenfalls aber bestärkt uns diese Beobachtung darin, daß wir die beiden Bauwerke unbedingt nicht weiter herabrücken dürfen, als spätestens 750. Wir haben sie dann ganz einfach als die ersten baulichen Leistungen der nach Asturien geflüchteten Westgoten anzusehen.

Noch eine Beobachtung bestätigt dies bedeutsam: die fehlerhafte Fassung des Wortes offeret statt offert. Auf den Weihegeschenken Reccesvinths und Svinthilas, der Sonnica und sonstiger altwestgotischer Fürsten ist das gleiche Wort gebraucht, so: „Reccesvinthus rex offeret“ um 672. Die wackere Theudelinde hatte schon um 590 eine ähnliche Unform angewandt, da sie auf ihren goldenen Buchdeckel schrieb: Theodolinda offerit. Kurz, wir haben einen offenbar im barbarischen Latein der echten Germanen und der alten Westgoten an dieser Stelle üblichen Ausdruck vor uns. So kann Flainus, als Abt um 750 ein alter Mann, noch der hierher geflüchteten Generation angehört haben, und daher ist auch seine Stiftung noch im Stil und in der Sprache des 711 zusammengebrochenen alten Reiches.

Das Äußere unserer Kirche ist höchst einfach (Abb. 136, Tafel XXXVI), zeigt aber überall schon Strebepfeiler als Stützen der Tonnengewölbe, freilich noch ziemlich regellos gesetzt, gegenüber der streng logischen Anordnung an S. Miguel de Lino, ist also eher als ein Versuch und Vorbote anzusehen. Immerhin haben wir an diesen und in Frankreich an frühen fränkischen Bauwerken das erste Auftreten dieses wichtigen Bauteils gefunden, wieder einen vielversprechenden Keim für die Zukunft.

XXXVI
Abb. 136. Sta. Cristina de Lena.
(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)

Die Fenster sind teilweise mit durchbrochenen Platten gefüllt, teilweise auch durch Marmorsäulchen dreigeteilt, dann entweder flach oder mit Bogen geschlossen; ähnliche Fensterbildung ist ja auch bei Sta. Maria in Naranco vorhanden.

Alles in allem dürfte nach der größeren Einfachheit und weniger bewußten gleichmäßigen Durchbildung das Kirchlein Sta. Cristina als noch etwas älter denn der Königspalast anzusehen sein, und dafür der Name Oratorium zutreffend bleiben. Sachlich ist ja, wie in der Größe, eine Übereinstimmung mit dem Oratorium der Peltrudis zu Cividale wohl anzuerkennen, besonders wenn wir dort an den Langseiten das einstige Vorhandensein zweier Nebenräume hinter den seitlich angedeuteten Türen annehmen.

Haben wir uns hier mit zwei Bauwerken beschäftigt, die der frühesten Zeit der gotisch-asturischen Monarchie angehören, so existiert noch ein kleines kirchliches Bauwerk vom Ende des 9. Jahrhunderts, das wir seiner Eigenart halber und als letzten Ausklang dieser Kunstrichtung zu betrachten haben: die reizende kleine Klosterkirche von Val de Dios (Abb. 137) bei Villaviciosa; also auch in diesem Winkel gelegen. Es ist eine Miniaturbasilika mit drei engen Schiffen, die mit Tonnen überwölbt sind, die Schiffbögen ruhen auf Pfeilern; im Osten die übliche Gruppe der drei rechteckigen Apsiden, westlich die notwendige Vorhalle unter einer durch eine Treppe aus dem Seitenschiff zugänglichen Empore. Also die Anordnung wie an den früher genannten kleinen Kirchen Asturiens; nur hat das klare Basilikasystem aus der Zeit vor der Invasion nochmals gesiegt.

Abb. 137. Val de Dios.

Das Äußere des im Inneren engen und düstern Baues ist das Interessanteste: alle Fenster des Obergadens sind Doppelfenster mit Hufeisenbögen auf Mittelsäulchen; das Ostfenster sogar dreiteilig; die mittlere Apsis hat ein Oberstockwerk (Abb. 138, Tafel XXXVII). Die Formen sind teilweise sehr zierlich, gewissermaßen verjüngt und fortschrittlich geworden; hohe Basen fast wie umgekehrte Trapezkapitelle; die Kapitelle zeigen ins Polygon, dann Viereck übergehende Flächen, vom Zylinder des Schaftes ausgehend, und sind mit gerippten Blättern geschmückt, sehr einfach dargestellt und doch fast naturalistisch an Farrenkräuter und Ähnliches erinnernd (Abb. 48). Eine Stilisierung, die manchmal an S. Miguel de Lino gemahnt und das Fehlen der Mittelglieder zwischen diesem und Val de Dios bedauern läßt. Längs der Südwand schließt sich eine teilweise offene Halle im schönsten Steinmaterial an, die mit zwei der reichsten Fensterplatten in den rundbogigen Fenstern glänzt. Das westliche ist mit einer Art Ornamentranke, völlig frei gearbeitet, gefüllt, nicht ganz geschickt, weil öfters an Bretzelform gemahnend, doch reizvoll in der Wirkung, das zweite rechts von ganz köstlicher Art, Flechtwerk nachahmend, mit runden, quadratischen und eckigen Löchern, geradezu genial in der Erfindung (Abb. 139).

XXXVII
Abb. 138. S. Salvador zu Val de Dios.
Abb. 139. Val de Dios. Steinfenster.

Übrigens macht sich hier das Ende unserer Kunst bemerklich; das Eindringen arabischer Ideen und Formen läßt sich vor allem an den jüngeren Kapitellen nicht verkennen, in anderer Hinsicht verschwindet die kernige Ursprünglichkeit der germanischen Art; wir stehen an der Schwelle des Mittelalters.

S. Pedro bei Zamora

Noch ein kirchliches Bauwerk darf nicht vergessen werden, dessen Stellung bis jetzt noch nicht ganz sicher festgelegt werden kann: die Parochialkirche von S. Pedro, nordwestlich von Zamora, nahe der Grenze von Portugal. Es ist ein Gebäude, das gewissen Merkzeichen nach, insbesondere nach der inneren Ausbildung des (vorgeschobenen) Chors mit Halbsäulen und Arkaden, wohl zeitlich zu der Gruppe der Kirchen Alfonsos II. gehören wird. Sonst ist es ein durchaus selbständiges Werk mit einem der merkwürdigsten Grundrisse (Abb. 140).

Abb. 140. S. Pedro bei Zamora.

Dieser stellt ein Rechteck dar, das, in drei Schiffe geteilt, mitten durch eine Art Querschiff völlig durchschnitten ist; vor diesem zwei Vorhallen, die die Eingänge enthalten. Der Chor schiebt sich als Rechteck in der Breite des Mittelschiffes frei vor. Im ganzen also, ausgenommen die einfache Chorapsis, mit Santullano zu Oviedo verwandt.

Abb. 141. S. Pedro. Kämpfer des Chorbogens.

Alle Räume sind mit Tonnengewölben überdeckt; die Fenster sind schmale Schlitze; von außen alles durch ein breites Dach bedeckt. Im Inneren finden wir nirgends freie Stützung, vielmehr Wände mit Öffnungen, so daß der Schiffraum sozusagen in sieben getrennte Räume zerfällt, zu denen noch Chor und die beiden Vorhallen kommen. Dabei aber ist die innere architektonische Dekoration eine sehr reiche; Halbsäulen mit sich verbreiternden Kapitellen (Abbildung 141) und Basen, Hufeisenbögen, die ja im Norden um jene Zeit schon verschwinden, reiche Friese in Kerbschnitt überall; insbesondere sind die beiden seitlichen Räume der Ostpartie vor dem Chor durch schöne Durchbrechungen in Arkaden mit Brüstung und Türen mit dem Mittelraum verbunden; Säulenkapitelle, Zierrat teilweise an S. Miguel, auch an Val de Dios anklingend, ebenfalls einen Übergang zu Neuem bildend, wohl auch einige arabische Einflüsse zeigend. — Kurz, die Kirche ist noch nicht gründlich untersucht und aufgenommen, aber dessen wert, konstruktiv, als Tonnengewölbebau von neuer Eigenart, wie als dekorative Leistung, in der sich die letzten Leistungen des Westgotentums mit den Vorwirkungen neuer Zeiten bezeichnend mischen, ein wichtiges und auch reiches Werk. — Was die merkwürdig starke Teilung des Raumes veranlaßt hat, ist nicht zu sagen; jedenfalls bemerken wir in jener Zeit überhaupt ein auffallendes Streben nach solcher Teilung. Die Gegend war seit dem 9. Jahrhundert von den Christen erobert und fiel erst im 10. den Arabern wieder in die Hände.

Mancherlei kleinere Reste aus der Zeit der Westgoten könnten noch erwähnt werden, doch sie vermögen das Bild des Ganzen nicht zu ändern. Der Stadtmauern von Caceres darf man noch gedenken; allerlei Kirchenbauten selbst des 10. Jahrhunderts pflanzen die ältere Tradition in ihren Formen noch fort, so Ripoll, S. Pablo del campo und S. Pedro de las Puellas zu Barcelona; in anderen erheblich späteren bricht das germanische Element noch manchmal gewaltig durch; so an der Kirchenfassade zu Poblet im Riesenkloster.

Aber mit dem Untergange des alten Westgotenreiches und dem langsamen Erwachen einer neuen spanischen Nation versank auch germanisches Wesen und seine Kunst auf der pyrenäischen Halbinsel.