DIE WAGOGO ZUM KRIEG AUSZIEHEND.

Wir hielten und warteten auf die Heimkehr einiger uns freundlich gesinnter Wagogo-Reisender, die sich uns angeschlossen und die wir gebeten hatten, unserm Bombay bei den Unterhandlungen über den Tribut beizustehen; plötzlich kamen diese Wagogo in athemloser Eile zu uns zurück und riefen: „Warum haltet Ihr hier? Wollt Ihr sterben? Diese Heiden wollen den Tribut gar nicht nehmen, sondern rühmen sich, dass sie Euer ganzes Tuch verzehren wollen.“

Die Wanyamwezi-Ueberläufer, welche in Wagogo-Familien hinein geheirathet haben, haben uns in diesem Lande stets zur Plage gereicht. Als der Häuptling von Khonze heraufkam, liess ich meine Leute ihre Flinten laden und that dies auch mit meiner eigenen in sehr demonstrativer Weise in seiner Gegenwart. Darauf ging ich auf ihn zu und fragte ihn, ob er gekommen sei, um uns unser Tuch mit Gewalt abzunehmen, oder ob er ruhig das annehmen wolle, was ich ihm anböte. Als der Mnyamwezi, der diese Feindseligkeiten angeregt hatte, im Begriff war zu reden, ergriff ich ihn an der Gurgel und drohte, ihm seine Nase noch platter zu schlagen, wenn er es versuchen sollte, in meiner Gegenwart zu sprechen, und ihn zuerst zu erschiessen, wenn wir zum Kampfe gezwungen würden. Hierauf wurde der Schurke in den Hintergrund gestossen. Der Häuptling, der sich über dieses Verfahren sehr amüsirte, lachte laut über die diesem Schmarotzer angethane Kränkung und in kurzer Zeit hatten er und ich die Tributfrage zu gegenseitiger Befriedigung erledigt und wir trennten uns als gute Freunde. Am Abend erreichte die Expedition Sanza.

Am 31. kamen wir zu Kamyenyi, dem grossen Mtemi — Magomba’s — dessen Sohn und Erbe Mtundu M’gondeh ist. Als wir gerade an dem Tembé des grossen Sultans vorüberzogen, war sein Msagira oder erster Rath, ein angenehmer Mann mit grauem Haar, damit beschäftigt, eine Dornhecke um ein Fleckchen jungen Korns zu ziehen. Er begrüsste die Karavane mit einem sonoren „Yambo“, stellte sich an die Spitze derselben und führte sie an unsern Lagerplatz. Als er mir vorgestellt wurde, war er sehr herzlich in seiner Manier. Ich liess ihm ein Kiti (Sessel) anbieten und er unterhielt sich mit mir in leutseliger Weise. Er erinnerte sich meiner Vorgänger Burton, Speke und Grant sehr wohl und sagte, ich sei viel jünger als sie. Auch bot er mir Eselsmilch an, da er sich erinnerte, dass einer der Weissen (Burton?) solche zu trinken pflegte. Die Art, wie ich sie trank, schien ihm sehr amüsant zu sein.

Der Sohn des Msagira mit Schild und Speer
UNAMAPOKERA.
Tanz zur Kriegsvorbereitung
EIN DROHENDER KAMPF.

Sein Sohn Unamapokera war ein hoch aufgeschossener Mann von etwa 30 Jahren, der mit mir grosse Freundschaft schloss und mir den Tribut leicht zu machen sowie einen Menschen mitzugeben versprach, welcher mir den Weg zeigen solle nach Myumi, einem Dorfe an der Grenze von Kanyenyi, wodurch ich den raubgierigen Kisewah vermeiden könne, der gewohnt sei, Karavanen grossen Tribut abzunehmen.

Mit Hülfe Unamapokera’s und seines Vaters gelang es uns, nur wenig, d. h. 10 Doti zu zahlen, während Burton 60 Doti Tuch hatte bezahlen müssen.

Am 1. April standen wir früh auf und erreichten Myumi nach einem Marsche von vier Stunden; dann zogen wir weiter und gelangten etwa um 2 Uhr nachmittags an einen grossen Ziwa oder Teich inmitten der Dschungels und am nächsten Tage um 10 Uhr morgens auf die Felder von Mapanga. Als wir an dem Dorfe Mapanga vorbei an einen jenseits gelegenen Ruheplatz zogen, wo wir frühstücken und den Tribut bezahlen konnten, stürzte uns ein Bursche entgegen und fragte, wohin wir wollten. Nachdem wir ihm geantwortet, dass wir an einen Lagerplatz gingen, eilte er vorwärts und wir hörten ihn gleich darauf in einem Felde zu unserer Rechten mit einigen Leuten sprechen.

Mittlerweile hatten wir einen anmuthigen, schattigen Platz gefunden und halt gemacht; unsere Leute lagen auf dem Boden oder standen in der Nähe ihrer Lasten. Bombay war eben im Begriff, einen Ballen zu öffnen, als wir eine grosse Menge Menschen zusammenlaufen und laut schreien hörten. Gleich darauf kamen 40–50 Bewaffnete, ein Häuptling an der Spitze, aus dem Dickicht hervorgestürzt, schwangen ihre Speere über den Köpfen oder waren im Begriffe, ihre Bogen zu spannen und stiessen ein Geheul aus, wie es nur Wilde können, das ungefähr wie ein langgezogenes „Hhaat-uh — Hhaat — uhh-uhh“ klang und das zugleich trotzig, bestimmt und drohend, unverkennbar sagen wollte: „Ihr wollt doch wohl? Nein, Ihr wollt nicht!“

Ich hatte es schon geahnt, dass die von mir gehörten Stimmen nichts Gutes für uns bedeuteten, und infolge dessen meine Waffen und Patronen in Ordnung gebracht. Das war wahrhaftig eine schöne Gelegenheit zu einem Abenteuer! Wenn sie nur einen Speer auf uns geworfen oder wir einen Schuss in diesen drohenden Haufen von Wilden hineingefeuert hätten, so wäre es zwischen den sich gegenüberstehenden Banden zu einem bösen Kampfe gekommen! Es wäre keine geregelte Schlacht, kein äusseres Kriegsgepränge, sondern ein mörderischer Strauss geworden, ein rasches Feuern von Hinterladern und Musketensalven, in das sich fliegende Speere und das Rauschen der Bogen gemischt hätte, wobei die Memmen sofort, von brüllenden Wilden verfolgt, fortgelaufen wären; und wer weiss, wie das geendet haben könnte? Zwar waren nur 40 Speere gegen 40 Flinten, aber wie viel von den mit Flinten Bewaffneten wären wol davongelaufen? Vielleicht alle und ich wäre mit meinen kleinen Flintenträgern allein geblieben, um mir den Hals abschneiden oder mich enthaupten zu lassen, damit mein Kopf eine lange Stange in der Mitte eines Kigogo-Dorfes zieren könne, wie der des armen Monsieur Maizan in Dege la Mhora in Uzaramo. Welch glückliches Ende wäre das für meine Expedition gewesen! Und dazu der Verlust des Livingstone’schen Tagebuchs, der Frucht einer sechsjährigen Arbeit!

Hier zu Lande taugt es nichts zu kämpfen, wenn man nicht durch die alleräusserste Noth dazu gezwungen wird. In Ugogo kann man nicht wie Mungo Park kriegerisch gesinnt sein und Glück haben, es sei denn, dass man eine ausreichende Zahl Truppen bei sich hat. Mit 500 Europäern könnte ich Afrika von Norden nach Süden durchstreifen und brauchte bei richtigem Takt und bei der moralischen Wirkung, die eine solche Truppe einflösst, nur wenig zu kämpfen.

Ohne also von dem Ballen aufzustehen, auf dem ich sass, bat ich den Kirangozi, eine Erklärung des furchtbaren Lärms und der drohenden Mienen zu verlangen und zu fragen, ob sie gekommen seien, um uns zu berauben.

„Nein“, sagte der Häuptling, „wir wünschen Euch nicht den Weg zu versperren oder Euch zu berauben, sondern wollen nur Tribut haben.“

„Aber seht Ihr denn nicht, dass wir hier halten und der Ballen schon geöffnet ist, um Euch den Tribut zu schicken. Wir sind so weit von Eurem Dorfe, um, nachdem der Tribut bezahlt ist, unseres Weges weiter zu ziehen, da der Tag noch jung ist.“

Der Häuptling brach in ein lautes Lachen aus, in das auch wir einstimmten. Er war offenbar über sein Betragen beschämt, denn freiwillig gab er die Erklärung ab, als er und seine Leute eben Holz schlugen, um einen neuen Zaun für ihr Dorf zu machen, sei ein Jüngling zu ihm gekommen und habe erzählt, dass eine Karavane von Wangwana im Begriff sei durch das Land zu ziehen, ohne halt zu machen und zu erklären wer sie seien. Alsbald waren wir sehr gute Freunde. Er bat mich ihm Regen zu machen, da sein Korn leide und es seit Monaten keinen Regen gegeben habe. Ich sagte ihm darauf, dass die Weissen zwar sehr gross und gescheit seien und weit über den Arabern ständen, aber doch keinen Regen machen könnten. Obwol sehr enttäuscht, bezweifelte er diese Behauptung doch nicht und gestattete uns, nachdem wir ihm ein geringfügiges Honga bezahlt, unseres Weges zu ziehen, ja er begleitete uns sogar etwas weiter, um uns den Weg zu zeigen.

Um 3 Uhr nachmittags kamen wir in ein Dornendickicht und um 5 Uhr nach Muhalata, einem Gebiete, über das Nyamzaga als Häuptling herrscht. Ein Mgogo, den ich mir zum Freunde gemacht, erwies sich als sehr treu. Er gehörte nach Mulowa, einem süd-südöstlich, südlich von Kulabi, belegenen Lande, und war unter Beihülfe von Bombay bei der Festsetzung des Tributs in meinem Interesse sehr thätig. Als wir am nächsten Tage auf unserm Wege nach Mvumi durch Kulabi zogen und die Wagogo im Begriff waren, uns wegen des Honga Aufenthalt zu bereiten, übernahm er es, uns von weitern Zahlungen zu befreien, indem er behauptete, wir seien aus Ugogo oder Kanyenyi. Da nickte der Häuptling einfach mit dem Kopfe und wir zogen weiter. Es scheint also, dass die Wagogo von Karavanen, welche nur in ihrem eigenen Lande Handel treiben und nicht über ihre Grenzen hinaus wollen, kein Lösegeld erpressen.

Nach Kulabi zogen wir über eine nackte, rothe, lehmige Ebene, über die der Wind von den Höhen von Usagara, die jetzt als bläulich schwarze Berge vor uns erschienen, schrecklich heulte. Mit heftiger, einschneidender Gewalt schienen die furchtbaren Stürme uns durch den Körper zu dringen, als ob wir nur aus leichtem Gazegewebe beständen. Männlich kämpften wir gegen diesen mächtigen „Peppo“ (Sturm), zogen durch Mukamwa’s Land und kamen über ein breites, sandiges Flussbett hinweg ins Gebiet von Mvumi, dem letzten Tribut erhebenden Häuptling von Ugogo.

Am 4. April schlugen wir uns durch das Dickicht, nachdem ich Bombay und meinen freundschaftlichen Mgogo mit 8 Doti Tuch als Abschiedstribut an den Sultan abgeschickt, und in fünf Stunden waren wir auf der Grenze der Wildniss Marenga Mkali, dem „harten“, bittern oder salzigen Wasser.

Aus unserm Lager schickte ich drei Leute nach Zanzibar mit Briefen an den amerikanischen Consul, einer telegraphischen Depesche an den „Herald“ und der Bitte an den Consul, er möge die Leute bald wieder an mich zurückschicken mit einem Vorrath von Genussmitteln, wie sie hungrige, ermüdete und durchnässte Leute wohl zu schätzen wissen. Die drei Boten erhielten den Auftrag, sich durch nichts, ob Regen oder Flüsse oder Ueberschwemmungen, aufhalten zu lassen, da wir sie, wenn sie nicht vorwärts eilten, einholen würden ehe sie die Küste erreichten. Mit einem inbrünstigen „Inschallah, Bana!“ zogen sie ab.

Am 5. begaben wir uns mit einem kräftigen aufmunternden Hurrah mitten in die Wildniss, die ihrer ewigen Ruhe und Einsamkeit wegen den geräuschvollen Streitigkeiten der Wagogo-Dorfschaften sehr vorzuziehen war. Neun Stunden lang zogen wir dahin und stöberten durch lärmende Ausrufe wilde Rhinozeros, furchtsame Quaggas und Heerden von Antilopen auf, welche die Dschungels dieser breiten Salzbecken massenhaft bewohnen. Am 7. kamen wir unter strömendem Regen in Mpwapwa an, wo mein schottischer Begleiter Farquhar gestorben war.

Wir hatten den enormen Marsch von 338 englischen Meilen vom 14. März bis zum 7. April, d. i. in 24 Tagen, mit Einschluss aller Aufenthalte, zurückgelegt, was also etwas mehr als 14 Meilen täglich ausmachte.

Leukole, der Häuptling von Mpwapwa, bei dem ich Farquhar gelassen hatte, gab mir folgenden Bericht von seinem Tode: „Bis zum fünften Tage, nachdem Ihr ihn verlassen, schien der weisse Mann sich zu bessern; dann aber fiel er bei einem Versuch, aufzustehen und aus dem Zelte herauszuspazieren, auf den Boden. Von dem Augenblicke an wurde er immer schlimmer und schlimmer und starb am Nachmittag wie ein Mensch, der einschlafen will. Beine und Unterleib waren ihm bedeutend angeschwollen und ich glaube, etwas muss in ihm zerrissen sein als er fiel, denn er schrie wie ein Mensch, der grossen Schaden erlitten hat, und sein Diener sagte: «der Herr meint, er sei im Begriff zu sterben.»“

„Wir liessen ihn unter einen grossen Baum tragen und daselbst liegen, nachdem wir ihn mit Blättern zugedeckt hatten. Sein Diener nahm Besitz von seinen Sachen, nämlich der Flinte, den Kleidern und der wollenen Decke, und zog in das Tembé eines Mnyamwezi in der Nähe von Kisokweh, wo er drei Monate gelebt hat und dann auch gestorben ist. Vor seinem Tode verkaufte er das Gewehr seines Herrn für 10 Doti an einen Araber, der nach Unyanyembé ging. Das ist alles, was ich davon weiss.“

Er zeigte mir hierauf die Vertiefung, in welche die Leiche Farquhar’s geworfen worden war; ich konnte dort aber keine Spur von seinen Gebeinen finden, obgleich wir uns genau danach umsahen, um ein anständiges Grab für sie herzustellen. Ehe wir Unyanyembé verliessen, waren 50 Leute zwei Tage lang damit beschäftigt, Felsblöcke zusammenzutragen, aus denen ich um das Grab Shaw’s einen soliden, dauerhaften Bau errichtete, der 8 Fuss lang und 5 Fuss breit war und von dem Dr. Livingstone meinte, er würde als das Grab des ersten in Unyamwezi verstorbenen Weissen hunderte von Jahren dauern. Obwol wir nun keine Ueberreste des unglücklichen Farquhar entdecken konnten, so sammelten wir doch eine grosse Menge Steine und bauten daraus einen Wall in der Nähe des Stromes auf, um den Ort zu bezeichnen, wo seine Leiche hingelegt worden war.

Erst als wir in das Thal des Mukondokwa-Flusses kamen, hatten wir viel von der Masika zu leiden. Hier nämlich brausten und donnerten die Giesbäche; der Fluss war eine mächtige, braune Flut, die mit fast unwiderstehlicher Macht abwärts strömte. Die Ufer desselben waren überflutet, breite Nullahs ganz von Wasser gefüllt, die Felder überschwemmt und dennoch fiel noch immer der Regen in Strömen hernieder, die uns verkündeten, was wir während unseres Durchzugs durch die Küstengegend zu leiden haben würden. Trotzdem eilten wir weiter wie Leute, denen jeder Augenblick kostbar ist, weil sie von einer Sündflut überrascht werden können. Dreimal passirten wir diese furchtbare Flut an den Furten vermittelst Seilen, die von einem Ufer ans andere an Bäumen befestigt wurden, und kamen am 11. nach Kadetamare als elende, vom Unglück heimgesuchte Menschen. Dort lagerten wir auf einem Berge, gegenüber dem zur Rechten des Flusses liegenden Berge Kibwe, der einen der höchsten Gipfel der Bergkette bildet.

Am 12. April erreichten wir nach dem ermüdendsten Marsche, den ich je gemacht, die Mündung des Mukondokwa-Passes, aus welchem sich der Fluss in die Makata-Ebene ergiesst. Wir erkannten, dass die Regenzeit in diesem Jahr ungewöhnlich heftig sei, denn der üble Zustand des Landes, wie wir ihn im vorigen Jahr angetroffen hatten, war nichts im Vergleich zu dem diesjährigen. Dicht am Rande der schäumenden, aufgeregten Flut lag unsere Route, die sich häufig in tiefe Graben senkte, worin wir uns bisweilen bis an den Gurt, manchmal bis an den Hals im Wasser befanden. Doch wurden wir durch die dringendste Nothwendigkeit weiter getrieben, um nicht in einer der Dorfschaften bis ans Ende der Monsunregen campiren zu müssen. So zogen wir denn über Marschgründe, bis an die Knie im Kothe watend, unter triefenden Dschungel-Gewölben, durch Pfützen, die bis an die Achseln reichten, weiter. Jeder Wasserlauf schien bis zum Ueberfliessen voll zu sein, und noch immer strömte der Regen weiter, schlug die Oberfläche des Wassers zu einem gelben Schaum und peitschte uns, dass wir fast den Athem verloren. Ein halbtägiger Kampf gegen diese Schwierigkeiten brachte uns, nachdem wir über den Fluss gesetzt, wieder zu dem traurigen Dorfe Mvumi.

Die Nacht brachten wir damit zu, uns der schwarzen, gefrässigen Moskitos zu erwehren und in heldenmüthigen Versuchen Ruhe und Schlaf zu finden, was uns zum Theil infolge der äussersten Ermattung des Körpers gelang.

Livingstones Aufzeichnungen in Gefahr
„NIMM DICH IN ACHT!“

Am 13. zogen wir vom Dorfe Mvumi fort. Es hatte die ganze Nacht geregnet und hörte auch am Morgen nicht auf. Meilenweit zogen wir über überschwemmte Felder, bis wir wieder einmal ans Ufer eines Flussarms kamen, wo derselbe eng und in der Mitte zu tief zum Uebersetzen war. Wir fingen also an, einen Baum zu fällen, und richteten es so ein, dass er gerade über den Strom fiel. Ueber diesen gefallenen Baum bewegten sich unsere Leute langsam mit ihren Ballen und Kisten; Rodschab aber, ein junger Bursche, nahm, entweder aus Uebereifer oder aus Tollheit, Livingstone’s Kasten, der seine Briefe und das Tagebuch enthielt, auf den Kopf und ging damit in den Fluss. Ich kam als erster am andern Ufer an, um den Uebergang zu überwachen, und erblickte plötzlich diesen Menschen mit dem kostbarsten Kasten auf dem Kopf im Flusse gehend. Auf einmal fiel er in ein tiefes Loch und Mann und Kasten verschwanden mir aus den Augen, sodass ich über das den Depeschen drohende Schicksal in Verzweiflung gerieth. Zum Glück erholte er sich wieder und kam herauf, während ich ihm, einen auf seinen Kopf gezielten geladenen Revolver in der Hand, zuschrie: „Nimm Dich in Acht! Wenn Du diesen Kasten fallen lässt, so wirst Du sofort erschossen!“

Meine sämmtlichen Leute hielten bei ihrer Arbeit inne und blickten auf ihren durch die Flut und die Kugel zugleich gefährdeten Kameraden. Der Mensch selbst schien die Pistole mit dem grössten Schrecken anzusehen und es gelang ihm nach einigen verzweifelten Anstrengungen, den Kasten glücklich ans Ufer zu bringen. Da die darin befindlichen Gegenstände keinen Schaden erlitten hatten, kam Rodschab ohne Strafe davon, wurde aber gewarnt, unter keinen Umständen den Kasten wieder anzurühren, welcher dem sicherfüssigen, vorzüglichen Pagazi Maganga zur Aufbewahrung übergeben wurde.

Von diesem Seitenfluss gelangten wir in etwa einer Stunde an den Hauptfluss; hier aber genügte uns ein Blick auf seine wilden Wasser. Wir arbeiteten angestrengt, um eine Fähre zu bauen; nachdem wir aber vier Bäume abgeschlagen, die grünen Stämme zusammengebunden und dann in den wirbelnden Strom hinabgestossen hatten, sahen wir sie wie Blei sinken. Darauf banden wir sämmtliche starke Seile, die wir besassen, zusammen, machten daraus ein Tau von 180 Fuss Länge, wanden ein Ende desselben um Tschaupereh’s Körper und schickten ihn hinüber, um das Tau an einem Baume zu befestigen. Er wurde weit stromabwärts getrieben, da er aber ein vorzüglicher Schwimmer war, so gelang ihm der Versuch. Darauf wurden die Ballen, von den Seilen umschnürt, in den Strom gelassen und durch den Fluss ans andere Ufer gezogen, und ebenso geschah es mit dem Zelt und denjenigen Dingen, die durch das Wasser keinen Schaden leiden konnten. Auch wurden mehrere meiner Leute und ich selbst durch das Wasser gezogen, wobei die besten Schwimmer auf die Jungen aufpassten. Als die Reihe aber an die Briefkasten und Werthsachen kam, wussten wir kein Mittel sie herüber zu bekommen. Es wurde daher auf jeder Seite des Stromes ein Lager aufgeschlagen; das eine auf einem Ameisenhaufen von erheblicher Höhe auf dem Ufer, das ich eben verlassen hatte; während meine Leute sich an einem flachen, schmutzigen Sumpfe niederlassen mussten. Ein fast fusshoher Damm wurde in einem Kreise von 30 Fuss Durchmesser aufgeworfen, mein Zelt in die Mitte desselben gestellt und ringsherum Lauben erbaut.

Dies war eine neue, aussergewöhnliche Lage, in der wir uns befanden. Noch nicht 20 Schritt von unserm Lager schwoll ein Fluss an, der flache, niedrige Ufer hatte; über uns lagerte ein düsterer Regenhimmel; um uns zu drei Seiten ein ungeheuerer Wald, auf dessen Zweige wir beständig den Regen herabprasseln hörten; uns zu Füssen ein grosser, tiefer, schwarzer, ekelhafter Koth; hierzu kam noch der Gedanke, dass der Fluss austreten und uns dadurch völlig vernichten könne.

Am Morgen schwoll der Strom noch immer an und ein unvermeidliches Geschick schien unser zu harren. Noch war es Zeit zu handeln, die Leute mit den werthvollsten Gegenständen der Expedition herüberkommen zu lassen; Dr. Livingstone’s Tagebuch und Briefe und meine eigenen Papiere hielt ich für viel werthvoller als alles andere. Als ich den schrecklichen Strom ansah, kam mir der Gedanke, dass ich vielleicht die Kasten dadurch einzeln herüberschaffen könne, dass ich zwei dünne Stangen schneiden, quer darüber Stöcke binden und dadurch eine Art Tragbahre herstellen liess, auf der ein Kasten angebunden werden könne. Zwei hinüberschwimmende Leute, die sich gleichzeitig am Tau hielten und die Enden der Stangen auf ihren Schultern hätten, mussten meines Erachtens im Stande sein, einen Kasten von 70 Pfund bequem hinüberzuschaffen. In kurzer Zeit wurde eine solche Bahre angefertigt und sechs Paar unserer stärksten Schwimmer wurden angefeuert durch ein Glas steifen Grog und ein Versprechen von Tuch, das ihnen in Aussicht stand, falls sie alles unbeschädigt ans Ufer brächten. Als ich sah, wie leicht sie sich mit der Bahre auf den Schultern hinüberzogen, war ich erstaunt, dass ich nicht früher auf diesen Plan verfallen war. Eine Stunde nachdem das erste Paar das Uebersetzen begonnen hatte, befand sich die ganze Expedition sicher am östlichen Ufer. Sofort brachen wir unser Lager ab und marschirten nach Norden durch den sumpfigen Wald, der an einigen Stellen vier Fuss unter Wasser stand. Nachdem wir sieben Stunden lang beständig im Wasser gewatet und manche eigenthümliche Unfälle erlebt hatten, kamen wir nach Rehenneko. Jetzt befanden wir uns am Rande der überschwemmten Ebene des Makata, welche schon im Regen des vorigen Jahres zu schrecklich gewesen war, als dass man kalten Blutes daran hätte denken können, sie zu überschreiten.

Zehn Tage lang, bis zum 25., lagerten wir daher auf einem in der Nähe von Rehenneko belegenen Berge und entschlossen uns erst, als der Regen vollständig aufgehört hatte, über den Makata zu setzen. Die Tuchballen waren sämmtlich, mit Ausnahme einer kleinen Anzahl, die ich zu meinem eigenen Unterhalt zurückbehalten hatte, an die Leute als Geschenke für ihre Arbeit vertheilt worden.

Wir hätten jedoch eigentlich noch einen Monat länger warten müssen, denn die Ueberschwemmung hatte sich noch nicht um vier Zoll verringert. Da wir nun aber einmal bis an den Hals im Wasser wateten, so war es unnütz zurückzukehren. Auf zwei Märschen von je acht Stunden arbeiteten wir uns durch Schlamm, Koth, tiefe Pfützen, bis an den Hals reichendes Wasser und wahre Kothfluten, schwammen über Nullahs, wateten durch Wasserrinnen und kamen am zweiten Tage gegen Sonnenuntergang an die Ufer des Makata-Flusses. Diese Nacht werden meine Leute wol nie vergessen; kein einziger von ihnen war im Stande einzuschlafen, ehe Mitternacht lange vorüber war, wegen der dichten Schwärme von Moskitos, welche uns zu verzehren drohten; und als am nächsten Tage das Marschhorn ertönte, war nicht einer unter ihnen, der nicht willig gewesen wäre von hier rasch fortzumarschiren.

Um 5 Uhr morgens fingen wir an über den Makata zu setzen; am andern Ufer aber erstreckte sich sechs Meilen weit ein grosser See, dessen Wasser langsam zum Wami flössen. Dies war der Zusammenfluss der Ströme; hier vereinigten sich vier Flüsse zu einem. Die Eingeborenen von Kigongo warnten uns zwar den Versuch zu machen, da das Wasser uns über den Kopf reichen werde; ich brauchte aber meinen Leuten nur zu winken und sie setzten ihren Weg fort. Selbst das Wasser — wir wurden geradezu zu Amphibien — war besser als der furchtbare Schmutz und die Haufen verwesender Pflanzen, die gegen das Boma des Dorfes getrieben wurden. Bald waren wir bis an die Schultern im Wasser; dann sank letzteres wieder bis an die Knie; darauf reichte es uns wiederum bis an den Hals und wir mussten auf den Zehenspitzen waten und die Kinder über dem Wasser halten. Es wiederholten sich die Leiden des gestrigen Tages, bis wir am Rande des Kleinen Makata halten mussten, der in einem Tempo von acht Knoten in der Stunde daherstürzte. Dieser war aber nur 50 Schritt breit und auf der andern Seite erhob sich ein hohes Ufer und trockenes Parkland, das sich bis nach Simbo ausdehnte. Es blieb uns nichts übrig als zu schwimmen; dies ging aber sehr langsam vor sich, da die Strömung so reissend und stark war. Doch thaten guter, thatkräftiger Wille, hohe Belohnungen, Geldgeschenke und das lebhafte Gefühl, dass wir uns der Heimat näherten, Wunder und in einigen Stunden befanden wir uns am andern Ufer des Makata.

Freudig hoffend zogen wir den trockenen, ebenen Pfad, der jetzt vor uns lag, von Heldenmuth und Veteranenausdauer beseelt, dahin. In einem Tage machten wir drei gewöhnliche Märsche ab und kamen lange vor der Nacht in Simba an.

Am 29. überschritten wir den Ungerengeri. Als wir nach Simbamwenni, der „Löwenstadt“ von Useguhha, kamen, welche Veränderung erblickten wir da! Der überflutende Strom hatte die vordere Mauer der stark ummauerten Stadt vollständig fortgeschwemmt und etwa fünfzig Häuser zerstört. Die Dorfschaften der Waruguru an den Abhängen der Uruguru-Berge, der Mkambaku-Bergkette, hatten auch schwer gelitten. Wenn ein Viertel der Berichte, die uns mitgetheilt wurden, auf Wahrheit beruhte, so mussten wenigstens auch 100 Menschen umgekommen sein.

Die Sultanin war geflohen und die Veste Kisabengo’s existirte nicht mehr! Ein tiefer Kanal, den er bei Lebzeiten hatte ausgraben lassen, um einen Arm des Ungerengeri in die Nähe der Stadt zu leiten, die sein Stolz war, hatte Simbamwenni zu Grunde gerichtet. Nach der Zerstörung des Ortes hatte sich der Fluss ein neues Bett ungefähr 300 Meter von der Stadt gebildet. Was uns am meisten in Erstaunen setzte, waren die Massen von Trümmern, die überall in Haufen dalagen, und die grosse Anzahl Bäume, die niedergestreckt waren. Sie schienen sämmtlich in derselben Richtung zu liegen, als ob ein starker Wind von Südwesten gekommen wäre. Der Anblick des Ungerengeri-Thals war vollständig verändert; aus einem Paradiese war es zu einer furchtbaren Wüste geworden.

Wir setzten unsern Marsch bis nach Ulagalla fort und es wurde uns bei unserer Weiterreise klar, dass ein ungewöhnlicher Sturm über das Land hergefahren sei, denn die Bäume lagen an einigen Stellen wie in Schwaden.

Ein sehr anstrengender langer Marsch brachte uns nach Mussoudi, ans östliche Ufer des Ungerengeri; doch lange, ehe wir es erreicht hatten, wussten wir, dass ungeheuer viel Menschenleben und Eigenthum zerstört worden sei. Man kann sich die Ausdehnung und den Charakter des Unglücks vorstellen, wenn ich sage, dass nach dem Berichte Mussoudi’s fast hundert Dorfschaften fortgefegt worden sind.

Der Diwan Mussoudi erzählte, die Einwohner hätten sich wie gewöhnlich zur Ruhe begeben, wie sie es seit 25 Jahren, wo er sich im Thale niedergelassen, immer gethan, als sie mitten in der Nacht ein Getöse wie von vielfachem Donner hörten, das sie aufweckte und ihnen die Thatsache klar machte, dass der Tod ihnen in Gestalt einer furchtbaren Wassermasse drohe, welche wie eine Mauer herabstürzte, die höchsten Bäume mit sich fortriss und mit einem grausen Schlage Dörfer zu Dutzenden der völligen Zerstörung anheimgab. Das sechs Tage nach dem Ereigniss sich darbietende Schauspiel, wo der Fluss sich schon in seine während des Monsun normale Breite und Tiefe zurückgezogen hatte, ist geradezu furchtbar. Wohin man auch blicken mag findet man etwas, das auf die Verwüstung, die das Land heimgesucht hat, hinweist. Kornfelder sind viele Fuss hoch von Sand und Trümmern bedeckt; das Sandbett, das der Fluss verlassen hat, ist ungefähr eine Meile breit und es stehen nur noch gegen drei Dörfer von allen, die ich auf der Hinreise nach Unyanyembé gesehen. Als ich Mussoudi fragte, wohin die Leute gegangen seien, antwortete er: „Gott hat die meisten derselben zu sich genommen; einige sind aber nach Udoe gegangen.“ Der schwerste Schlag, der je den Stamm der Wakami getroffen, rührt allerdings von der Hand Gottes her, und um die Worte des Diwans zu brauchen: „Gottes Macht ist wunderbar und wer kann ihm widerstehen?“

Ich kehre wieder zu meinem Tagebuche zurück und mache daraus folgende Auszüge.

30. April. An Msuwa vorbei reisten wir rasch durch Dschungels, die uns auf unserm Wege nach Unyanyembé so viel Beschwerden bereitet hatten. Welch schreckliche, unbeschreibliche, Ekel erregende Düfte erzeugt doch dieses Dickicht! Es ist so dicht, dass ein Tiger nicht hindurchkriechen, und so undurchdringlich, dass selbst ein Elefant es mit ganzer Kraft nicht durchbrechen könnte! Wenn man das hier von uns eingeathmete Miasma condensiren und in eine Flasche füllen könnte, welch tödliches, augenblicklich wirkendes, in seinen Eigenschaften unenträthselbares Gift würde dies sein! Ich glaube, es würde rascher als Chloroform und tödlicher als Blausäure wirken.

Alle Schrecken finden sich daselbst beisammen: Boas über unsern Häuptern, Schlangen und Skorpione zu unsern Füssen; Landkrabben, Schildkröten und Iguanas bewegen sich in unserer Nähe; Malaria steckt in der Luft, die wir athmen; der Weg ist von „Heisswasser“-Ameisen heimgesucht, die uns die Beine so zerstechen, dass wir uns wie Tolle krümmen und tanzen. Trotzdem sind wir so glücklich, unserm Untergange zu entgehen, und das kann auch noch manchem späteren Reisenden gelingen. Doch finden sich hier wirklich die zehn Plagen Aegyptens, durch welche der Reisende Spiessruthen laufen muss:

Die Boas.
Die rothen oder „Heisswasser“-Ameisen.
Skorpione.
Die dorn- und speerartigen Cactusarten.
Zahlreiche Hindernisse.
Schwarzer, knietiefer Schlamm.
Ersticken in der Dichtigkeit der Dschungels.
Gestank.
Dornen auf dem Wege.
Miasmen.

1. Mai. Kingaru Hera. Hier hörten wir von einem grossen Sturm, der in Zanzibar gewüthet und daselbst angeblich alle Häuser und Schiffe zerstört haben soll; ebenso sollte er in Bagamoyo und Whinde gewüthet haben. Ich bin jetzt hinreichend mit der Tendenz des Afrikaners zum Uebertreiben bekannt, aber es mögen auch dort wirklich ernste Verluste stattgefunden haben, wie sich aus den Wirkungen des Sturmes im Innern schliessen lässt. Man sagt mir auch, dass sich Weisse in Bagamoyo befinden, die im Begriff sind ins Innere zu reisen, um mich aufzusuchen. Ich kann gar nicht begreifen, wer sich nach mir umsehen sollte. Man muss wol irgendeine dunkle Vorstellung von meiner Expedition haben, obgleich ich es nicht erklären kann, wie sie davon etwas erfahren, dass ich jemanden aufgesucht habe, denn ich habe, ehe ich Unyanyembé erreichte, keiner Seele etwas davon gesagt.

2. Mai. Rosako. Kaum war ich im Dorf angekommen, als die drei Leute, die ich von Mvumi in Ugogo abgesandt, daselbst eintrafen und mir vom freigebigen amerikanischen Consul einige Flaschen Champagner, mehrere Töpfe mit Fruchtsaft und zwei Büchsen bostoner Zwieback mitbrachten. Nach meinen schrecklichen Erlebnissen im Makata-Thale war mir dies sehr willkommen. In eine dieser Büchsen hatte der Consul vier Nummern des „Herald“ sorgfältig eingepackt. Von diesen enthielt eine meine Correspondenz aus Unyanyembé, in der sich einige merkwürdige Druckfehler namentlich in Bezug auf die Zahlen und die afrikanischen Namen befinden. Vermuthlich habe ich infolge meiner Schwäche sehr schlecht geschrieben. In einer andern Nummer befanden sich mehrere Auszüge aus verschiedenen Zeitungen, aus denen ich ersah, dass viele Redacteure die Expedition nach Afrika als eine Fabel ansehen. Leider ist sie für mich eine schreckliche, ernste Thatsache gewesen, eine anstrengende, gewissenhaft durchgeführte That, die mit Entbehrungen, Krankheit, ja fast mit dem Tode verknüpft gewesen. 18 Leute haben dieses Unternehmen mit dem Leben bezahlt. Auch ist der Tod meiner beiden weissen Begleiter keine Fabel; diese armen Leute hat ihr Schicksal in den unwirthlichen Regionen des Innern erreicht.

Einer dieser kritischen Artikel, der aus der Feder eines Redacteurs in Tennessee stammt, endigt, nachdem er sich humoristisch über die Expedition ausgelassen, folgendermassen:

„Das Schicksal dieser Expedition steht fest, und wenn Livingstone nicht selbst in der civilisirten Gesellschaft wieder erscheint, so brauchen wir nicht darauf zu rechnen, je wieder etwas von diesem Commissionär des “Herald„ zu hören. Er wird wol in einen zweiten grossen Makata-Sumpf hineingerathen und den Weg seines unglücklichen Hundes Omar gehen. Sic semper.“

Während ich in Afrika in einem Auftrage reiste, von dem ich in meiner Unschuld annahm, dass er sich den meisten Christenleuten empfehlen müsse, gab es also Menschen, die innig wünschten, dass ich keinen Erfolg haben möchte. Es ist sonderbar, wie wenig Unterschied zwischen der Cultur und der Barbarei besteht, welch geringer Unterschied zwischen manchen Weissen und wilden Negern existirt. Diese letzteren habe ich, wenn man sie gut behandelt, als freundliche, angenehme Leute kennen gelernt; die im obigen Auszuge sich darstellende Gesinnung zeigt mir aber, was ich zu Hause zu erwarten habe. Jedenfalls habe ich das Lachen auf meiner Seite. Wenn ich nur so lange lebe, um nach Hause zu kommen, so finde ich vielleicht Gelegenheit, noch mehr zu lachen.

Einer der Briefe, die mir mein Bote aus Zanzibar mitgebracht, berichtet, dass in Bagamoyo eine Expedition existirt, die sich „Expedition zur Auffindung und Unterstützung Livingstone’s“ nennt. Was werden die Führer derselben jetzt thun? Livingstone ist aufgefunden und hat schon die nöthige Hülfe. Er selbst sagt, er brauche nichts mehr. Es ist doch ein Unglück, dass sie sich nicht früher aufgemacht haben, dann könnten sie mit Anstand weiter ziehen und von ihm willkommen geheissen werden.

4. Mai. Wir sind bei Kingwere’s Fähre angekommen, aber nicht im Stande, die Aufmerksamkeit des Fährmanns auf uns zu ziehen. Zwischen unserm Lager und Bagamoyo haben wir eine wenigstens vier engl. Meilen breit überschwemmte Ebene. Das Uebersetzen unserer Expedition über dieselbe wird viel Zeit in Anspruch nehmen.

5. Mai. Kingwere, der Besitzer des Canoes, kam ungefähr um 11 Uhr vormittags aus seinem Dorfe Gongoni vom andern Ufer der Wasserfläche an. Nach seinen Bewegungen zu schliessen, möchte ich annehmen, dass er der Nachkomme eines schwarzen Königs Log sei, denn ich habe in keinem Lande, an keinem Individuum die Eigenthümlichkeiten jener fürstlichen Persönlichkeit so deutlich erkannt wie an Kingwere. Er brachte zwei kurze gebrechliche Nachen mit, in denen nur 12 Mann von uns Platz hatten. Es war 3 Uhr nachmittags, ehe wir im Dorfe Gongoni ankamen.

6. Mai. Nachdem ich Kingwere die Nothwendigkeit, rasch zu handeln, durch das Versprechen eines goldenen Fünfdollarstücks eingeschärft, hatte ich die Genugthuung, den letzten Mann um 3½ Uhr nachmittags in meinem Lager ankommen zu sehen.

Eine Stunde später sind wir auf dem Wege und zwar in einem Schritt, den ich meine Karavane nie zuvor hatte annehmen sehen. Die Empfindungen jedes Einzelnen sind ausserordentlich gespannt, was sich durch eine gewisse Lebhaftigkeit, ja ich möchte sagen ein jähes Ungestüm der Bewegungen kundthut. Meine Gefühle entsprechen übrigens genau den ihrigen, und ich bin durchaus nicht zu stolz, die grosse Freude, die sich meiner bemächtigt hat, einzugestehen. Denn es erfüllt mich mit Stolz, dass ich die Sache glücklich zu Ende geführt habe; doch bin ich, ehrlich gesprochen, nicht einmal dadurch so freudig erregt, als durch die Hoffnung, morgen an einer reichlich mit den guten Dingen dieser Welt besetzten Tafel zu sitzen. Welche Freude werde ich an Schinken, Kartoffeln und gutem Brot haben! Ist das nicht ein beklagenswerther Gemüthszustand? Mein lieber Freund, warten Sie es ab, bis Sie durch abzehrenden Hunger und grobe, Ekel erregende Nahrung zu einem Skelet abgemagert sind; bis Sie durch einen Makata-Sumpf gewatet und in solchem Wasser, wie wir, 525 engl. Meilen marschirt sind; dann werden auch Sie ordentliche Speisen für etwas Göttliches halten.

Glücklich sind wir, dass wir uns nach Vollendung unserer Expedition, nach der Plage und Eile des Marsches, nach aller Angst und Qual vor feindseligen Stämmen, nach dem angreifenden, funfzehn Tage dauernden Marsche durch wahrhaft stygischen Morast und Koth der friedlichen Ruhe Beulahs nähern! Können wir es da wol unterlassen, unsere Glückseligkeit kundzuthun durch Abfeuern von Gewehren, bis unsere Pulverhörner geleert sind, oder durch Hurrahs auszudrücken, bis wir heiser sind, sowie jedes direct von der See kommende Menschenkind mit herzlichen, die Seele erfreuenden „Yambos“ zu begrüssen? Das halten die Wangwana-Soldaten für unmöglich, und ich sympathisire so sehr mit ihnen, dass ich, ohne sie zu tadeln, ihre tollsten Streiche gestatte.

Mit Sonnenuntergang kommen wir in die Stadt Bagamoyo. In Beulah hörten wir die Worte: „Es sind noch mehr Pilger zur Stadt gekommen“; in Bagamoyo sagte man: „Der Weisse ist zur Stadt gekommen“. Morgen werden wir nach Zanzibar übersetzen und in die goldene Pforte eingehen; dort werden wir nichts mehr sehen, riechen oder schmecken, was den Magen beleidigt!

Der Kirangozi stösst so mächtig ins Horn wie Astolf, während sich Eingeborene und Araber um uns drängen; und die glänzende Fahne, deren Sterne über dem Wasser des grossen Sees in Mittel-Afrika geflattert, die dem durch Unglück in Udschidschi fast aufgeriebenen Livingstone Hülfe versprochen, kehrt zwar zerfetzt und zerrissen, aber nicht entehrt ans Meer zurück.

Als wir in die Mitte der Stadt kamen, sah ich auf den Stufen eines grossen, weissen Hauses einen Weissen in Flanellkleidern und mit einer der meinigen ähnlichen Kopfbedeckung stehen; er war jung, hatte einen röthlichen Backenbart, ein leuchtendes, lebendiges, munteres Gesicht und hielt den Kopf leicht auf eine Seite gebeugt, wodurch er ein etwas nachdenkliches Aussehen bekam. Da ich mich mit allen Weissen gewissermassen verwandt fühlte, spazierte ich auf ihn zu. Auch er kam auf mich zu, schüttelte mir die Hand und hätte mich fast umarmt.

„Wollen Sie nicht eintreten?“ fragte er.

„Besten Dank.“

„Was wollen Sie trinken, Bier, Porter oder Branntwein? Bei Gott, ich gratulire Ihnen zu Ihren glänzenden Erfolgen“, sagte er mit grosser Erregung.

Ich erkannte ihn sofort. Es war ein Engländer. Sie haben es an sich, in dieser Weise aufzutreten; aber in Central-Afrika war es etwas anderes. (Ein glänzender Erfolg! Ist das wirklich die Ansicht, die man von der Sache hat? Um so besser. Wie so weiss er aber überhaupt etwas davon? Ach, ich habe ja ganz vergessen; meine Leute haben, wie ich sehe, geschwatzt.)

„Schönen Dank! ich nehme alles sehr gern, was Sie mir geben wollen.“

„Junge, bringe rasch Bier her, oder ich werde dir sieben Teufel ausprügeln“, sagte er in lebhaftem Tone.

Es würde unnütz sein, Einzelheiten der Unterhaltung, die zwischen uns stattfand, mitzutheilen. Alsbald erzählte er mir mit der ihm eigenen leichten, lebendigen Weise, wer er sei, wozu er hergekommen, was seine Hoffnungen, Gedanken und Empfindungen über die verschiedensten Dinge seien. Es war Lieutenant William Henn von der königlichen Marine, Anführer der Expedition zur Aufsuchung und Unterstützung Livingstone’s, welche die Königl. Geographische Gesellschaft im Begriffe war abzusenden. Der erste Führer derselben bei ihrer Organisation war Lieutenant Llewellyn S. Dawson, der, sobald er von meinen Leuten erfuhr, dass ich Livingstone aufgefunden, nach Zanzibar übergesetzt war und nach einer Besprechung mit Dr. John Kirk seine Stelle niedergelegt hatte. Er hatte jetzt nichts mehr damit zu thun, sondern der Oberbefehl war dem Lieutenant Henn zugefallen. Auch ein gewisser Herr Charles New, ein Missionär aus Mombasah, hatte sich der Expedition angeschlossen; doch auch dieser war zurückgetreten. Jetzt blieb also niemand übrig, als Lieutenant Henn und Oswald Livingstone, der zweite Sohn des Doctors.

„Ist Herr Oswald Livingstone hier?“ fragte ich mit höchstem Erstaunen.

„Ja wohl, er wird sogleich erscheinen.“

„Was wird er jetzt thun?“ fragte ich.

„Ich halte es jetzt für mich nicht der Mühe werth, mich auf die Expedition zu begeben. Sie haben uns den Wind weggefangen. Da Sie ihm Hülfe gebracht haben, so hat es, nach meiner Ansicht, eigentlich keinen Zweck, dass ich hingehe. Was meinen Sie?“

„Das hängt davon ab. Sie kennen die Ihnen ertheilten Befehle am besten. Wenn Sie nur hergekommen sind, um ihn aufzusuchen und ihm Hülfe zu bringen, so kann ich Ihnen in Wahrheit sagen, dass das bereits geschehen ist, und dass er nichts als einige Büchsen eingemachtes Fleisch und noch ein paar Kleinigkeiten braucht, die Sie wol nicht haben. Ich habe die Liste davon von ihm selbst geschrieben bei mir. Jedenfalls muss aber sein Sohn hingehen, und für den kann ich mit Leichtigkeit Leute zusammenbringen.“

„Gut, wenn er schon Hülfe hat, so ist mein Hingehen zwecklos .... Ich hatte auf gute Jagd gehofft, von der ich ein grosser Freund bin. Wie gerne möchte ich einen afrikanischen Elefanten erlegen.“

„Nun, Livingstone bedarf Ihrer nicht. Wie er sagt, hat er hinreichend viel Vorräthe, um bequem seine Reise zu beendigen; und er muss es doch am besten wissen. Wenn ihm etwas mangelte, so würde er es in seiner Liste aufgeführt haben. Eine grössere Fülle würde ihm nur eine Last sein, denn er könnte nicht Lastträger dafür bekommen. Was haben Sie da?“

„Ach“, sagte er leicht lächelnd, „wir haben ein Magazin voll Tuch und Perlen, wir haben mehr als 190 Lasten an Vorräthen.“

„190 Lasten!“

„Ja wohl.“

„Wohin wollen Sie denn mit allen diesen Lasten? Es gibt ja an der ganzen Küste nicht genug Leute, um eine solche Masse zu transportiren. Denn für 190 Lasten brauchen Sie 250 Träger, da Sie wenigstens 50 Ueberzählige mitnehmen müssten!“

Jetzt trat ein hochaufgeschossener, hagerer junger Mann mit hellem Teint, blondem Haar, dunklen, glänzenden Augen herein, der mir als Herr Oswald Livingstone vorgestellt wurde. Es bedurfte kaum der Einführung, denn in seinen Zügen lag viel, was an seinen Vater erinnerte. Er sah ruhig und entschlossen aus und in der Art, wie er mich begrüsste, zeigte sich ein schweigsamer Charakter, woraus ich auf eine empfängliche Natur schloss, die für die Zukunft Gutes versprach. Es konnte kaum einen grösseren Contrast geben als zwischen diesen beiden jungen Leuten. Der Eine flüchtig, geschwätzig, inconsequent, aufbrausend, von unbezwinglicher Lebenslust überschäumend, von der Beweglichkeit des Quecksilbers, heiter und jovial; der Andere gesetzt bis zum Ernst, von gleichmässig ruhigem Betragen, mit entschlossenem, festem Gesicht, aber aufblitzenden Augen, die einen sonst unbeweglichen Gesichtsausdruck belebten. Von Beiden würde nach meiner Meinung wol der letztere der geeignete Führer einer Expedition gewesen sein; doch wäre Henn, wenn er Ausdauer und zwar nicht blos die zur physischen Constitution gehörige, sondern den sittlichen Muth besass, mit Ausdauer und Tapferkeit stets wiederkehrendes Unglück, Fieber, Entbehrungen und Beschwerden zu ertragen, wegen seines Humors und seiner übersprudelnden Munterkeit ein wünschenswerther Gefährte gewesen. Livingstone schien seiner Natur nach im Stande zu sein, die ganze Last der Verantwortlichkeit zu tragen, wogegen Henn bei seiner natürlichen Lebendigkeit und impulsivem Wesen noch zu jung für eine solche Aufgabe zu sein schien, obwol er sich im reifen Mannesalter befand.

„Ich habe soeben dem Lieutenant Henn gesagt, dass, gleichviel ob er geht oder nicht, Sie Ihren Vater aufsuchen müssen, Herr Livingstone.“

„Gewiss, das will ich.“

„Das ist schön. Ich werde Ihnen Leute und die Vorräthe, deren Ihr Vater bedarf, besorgen. Meine Leute werden Sie ohne Schwierigkeiten nach Unyanyembé bringen. Diese kennen den Weg gut und das ist ein grosser Vortheil; sie verstehen es, mit Negerhäuptlingen zu unterhandeln und Sie werden sich um ihretwillen nicht den Kopf zu zerbrechen sondern nur zu marschiren brauchen. Vor allen Dingen ist Eile nöthig. Denn Ihr Vater wartet auf die Sachen.“

„Ich werde sie schon rasch genug marschiren lassen, wenn es nur darauf ankommt.“

„Sie werden mit wenig Gepäck landeinwärts ziehen und daher leicht lange Märsche machen können.“

So war es denn abgemacht. Henn kam zu der definitiven Ansicht, dass, da der Doctor bereits Hülfe erhalten, er selbst nicht nöthig sei. Ehe er jedoch förmlich seine Stelle niederlegte, wollte er noch mit Dr. Kirk Rücksprache nehmen und zu dem Zweck am nächsten Tage mit der Expedition des „Herald“ nach Zanzibar übersetzen.

Um 2 Uhr morgens legte ich mich in bequemem Bett zum Schlafen nieder. Gewisse Dinge im Schlafzimmer, wie z. B. Ränzel, Tornister, Mantelsäcke, Sättel, Gewehrfutterale hatten einen Geruch von Neuheit an sich. Offenbar fehlte es der neuen Expedition noch an Erfahrung; doch hätte eine Reise ins Innere bald den Vorrath von überflüssigen Dingen, mit denen sich jeder Neuling zuerst belastet, verringert.

Ach! wie seufzte ich erleichtert auf, als ich mich auf mein Bett warf und den Gedanken fasste: „Gott sei Dank, mit dem Marschiren hat es ein Ende.“